Jazzer spielen KLASSIK

  • Sagitt meint:


    Gelegentlich kommen Jazzer in die Klassikscene und spielen hier.Benny Goodmanm oder Keith Jarrett.


    Ich will anfangen mit Chick Chorea. Zusammen mit Bobby McFerrin und StPauls chamber orchestra spielen sie KV 466 und 488.


    Be happy play Mozart., Yes they do. So entspannt hört man Mozart selten. Im besten Sinne verspielt. Das Dämonische von KV 466 geht dabei natürlich flöten. Zur Entspannung aber ideal. Chorea spielt keine klassischen Kadenzen, sondern improvisiert aber die Themen. Ich finde es gut anhörbar.


    Was sind eure Erfahrungen mit solchen Grenzüberschreitungen ?

  • Salut,


    was ich kenne ist das Klarinettenkonzert KV 622 vom Mozart mit Benny Goodman - das fand ich damals furchtbar... toll! Im Klassikradio hatte ich es mir einst gewünscht - man rief mich auch an, ich mußte nen dämlichen Spruch loslassen und dann kam es auch - nur war ich da schon nicht mehr im Auto. :rolleyes:


    Beeindruckend fand ich auch, wie Bobby McFerrin ein Haydn'sches Cello-Konzert sang. Die Aufnahme will ich unbedingt haben! Letzteres nehme ich zwar nicht unbedingt ernst - ohnwohl ich den Künstler sehr schätze - aber ich glaube, in diesem Fall fand er's auch einfach nur lustig... und genial.


    Allerdings hätte ich gegen jazzig iprovisierte Kadenzen einiges einzuwenden...


    Cordialement
    Ulli


    P.S. Es gab schon mal so einen ähnlichen Fred: Crossover - Ein rotes Tuch für Klassikfreaks ?

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Ein vielseitiger Musiker den wir hier sicherlich an erster Stelle nennen möchten ist der Franzose Michel Portal, der im Jazz ein führender Klarinettist ist, aber auch im Klassikbereich ein ausgezeichneter Musiker ist.


    Der Klarinettist mit der klassischen Ausbildung, der mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurde (erste Preise am Conservatoire Supérieur de Paris 1959, beim Concours International de Genève et du Jubilé Suisse 1963 und beim Grand Prix International de la Musique 1983), ist ohne Zweifel einer der herausragenden Virtuosen der Bassklarinette und als solcher auch weithin anerkannt. Unüberhörbar liegen seine musikalischen Wurzeln in der Musik seiner Heimat des Baskenlandes, die er meisterhaft mit der Disziplin der Klassik und dem Visionären des Jazz verbindet.


    Michel Portal (*27.11.1935 Bayonne) studierte am Pariser Konservatorium Klarinette und schloß sein Studium 1958 mit einem ersten Preis ab. Neben seiner Tätigkeit als Interpret klassischer Musik begann er sich 1967 als Mitglied des Ensemble Musique Vivante im Bereich der Neuen Musik zu engagieren. Er war zudem Begleiter von Edith Piaf, spielte in Cabaret-Bands und trat nebenbei - auch als Baßklarinettist und Altsaxophonist - in Jazzclubs auf, u.a. mit dem Bassisten Alan Silva und dem Pianisten Joachim Kühn.


    Er sitzt an der Quelle der französischen Free-Jazz Bewegung. Zusammen mit François Tusques, Bernard Vitet und Sunny Murray bildete er das Quartet NEW PHONIC ART. Mit Vinko Globokar, Carlos Alsina und Jean-Pierre Drouet befaßt er sich mit gemeinsamen Improvisationen und Klangexperimenten.


    1971 gründete Portal die offene Formation PORTAL UNIT, ein Tummelplatz des Austausches für französische und internationale Musiker, deren gemeinsame Leidenschaft die freie Improvisation ist (Bernard Lubat, Martial Solal, Francois Jeanneau, Henri Texier, Daniel Humair, Joachim Kühn, J.-F. Jenny-Clark, Howard Johnson, Jack DeJohnette, Mino Cinelu, John Surman, Dave Liebman,...).


    Seit Beginn seiner Karriere ist Portal Verfechter der zeitgenössischen Musik und ist bevorzugter Interpret von Komponisten wie Boulez, Stockhausen, Berio oder Kagel geworden. Michel Portal hat u.a. Filmmusiken für "Le retour de Martin Guerre", "Les cavaliers de l'orage", "Champs d'honneur" geschrieben und arbeitet regelmäßig mit der Choreographin Carolyn Carlson.



    Hier nur je zwei Einspielungen mit Michel Portal



    Brahms: Klarinettentrio op. 114



    Mozart: Klarinettenkonzert KV 622



    Dockings



    Henri Texier: Indian's Week


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Chick Corea hat laut eigener Aussage dank der Begegnung mit Friedrich Gulda Anfang der 80er zu Mozart gefunden. 1982 haben sie beim Münchner Klaviersommer improvisiert, kurz darauf zusammen mit Nikolaus Harnoncourt in Amsterdam das Doppelkonzert Es-Dur KV 365 aufgenommen.
    Ich halte das für eine spannende Produktion. Man hört, wie sich Corea an Mozart herantastet, ihn spielerisch entdeckt - und eine Riesenfreude dabei hat. Mit dem souveränen Gulda und dem differenziert die Partitur auslotenden Harnoncourt gemeinsam ist das eine musikalisch packende Angelegenheit.



    Heuer wird Chick Corea beim Münchner Klaviersommer das Klavierkonzert c-Moll KV 491 spielen und sein zweites eigenes Klavierkonzert uraufführen (21.7. Philharmonie im Gasteig, Infos dazu: siehe bei Münchenmusik).


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • In diesem Zusammenhang wäre auch noch Keith Jarrett zu nennen:






    Daneben hat Jarrett auch noch die Goldbergvariationen und das WT aufgenommen und Mozart (KV 466 und 491, wenn ich mich nicht irre). Bei Bach und Mozart schlägt sich der Musiker sehr achtbar wie ich finde: richtig überzeugt hat mich Jarrett mit den 24 Präludien und Fugen von Schostakowitsch. Hier kann er neben Größen wie Vladimir Ashkenazy oder Olli Mustonen durchaus mehr als nur bestehen.
    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Ich habe eine LP-Aufnahme mit Benny Goodman (Orchester hab ich jetzt grad nicht im Kopf), auf der er beide von Weberschen Klarinettenkonzerte spielt.
    Ich fand und finde die Aufnahme klasse - voller Schwung und Leidenschaft, habe keine annähernd so mitreißende Interpretation jemals auf CD finden können :(


    Weiß einer von Euch, ob es diese Aufnahme auch auf CD gibt?? Ich würde sie zu gerne mal wieder hören, aber mein Plattenspieler tut es schon seit zig Jahren nicht mehr ;(

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Hi,


    es hat sie einmal auf RCA gegeben (ca. 1990). Sie ist aber zur Zeit nicht im Katalog.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Von Michel Portal habe ich auch eine größere Zahl von Aufnahmen.


    Eine ganz interessante Klassik / Jazz - CD ist auch die Aufnahme von


    Beirach - Huebner - Mraz


    Round about Bartok


    mit freieren Interpretationen von Stücken Bartoks, Scrijabins, Kodalys und anderen.


    Label: ACT.


    Mit besten Grüßen


    Matthias


    Tobe Welt, und springe,
    Ich steh hier und singe.

  • Einer meiner diskographischen Lieblinge ist diese Scheibe:




    Erschienen bei dem Edellabel Winter & Winter bieten das Crossovergenie Uri Caine und Concerto Köln eine äußerst klangprächtige Gänsehaut verursachende, sehr jazzige, Lesart.


    Wirklich einschränkungslos zu empfehlen.


    Gruß


    tom

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Einer unserer liebsten Jazzmusiker seit Jahrzehnten ist der norwegische Saxophonist Jan Garbarek.


    Jan Garbarek
    Mit dem norwegischen Saxofonisten und Komponisten Jan Garbarek fand der europäische Jazz in den siebziger Jahren eine eigene Stimme, die über die Geste des Widerstandes gegen afroamerikanische Normen, die die Experimentatoren der Free-Szene pflegten, hinausreichte. Seine weit ausladenden, selbst in hohen Lagen samtig weichen Linien und verhaltenen Atmosphären schufen eine volksmusikalisch und kammermusikalisch geprägte Ausdrucksform zeitgenössischen Improvisieren, die mit Projekten wie "Officium" in den späten neunziger Jahren bis in die Traditionsbildung der Rrenaissance- und Kirchenmusik hineinreichte.


    Jan Garbarek wurde am 4. März 1947 im norwegischen Mysen geboren. Unter dem Eindruck des damals aktuellen John Coltrane Quartetts, dessen Musik er im Radio gehörte hatte, griff der 14jährige Teenager zum Saxofon und begann, sich zunächst autodidaktisch anhand eines Lehrbuchs mit dem Instrument vertraut zu machen. Nach der Schule studierte er in Oslo Philosophie und trat bereits 1964 in kleinen Gruppen mit den Sängerin Karin Krog und dem Schlagzeuger Jon Christensen auf. Eine Begegnung mit dem Komponisten und Bandleader George Russell beim Molde Jazz Festival 1965 führte dazu, dass er nicht nur bei ihm Unterricht bekam, sondern in den folgenden Jahren auch bei verschiedenen seiner Projekte als Solist in Erscheinung trat ("Othello Ballet Suite", 1967; "Electronic Sonata", 1969).


    Die Erfahrungen bei Russell, aber auch die zunehmend aufblühende skandinavische Jazzszene machten es in den folgenden Jahren möglich, dass Garbarek in immer neuen Formationen zusammen mit Krog, Christensen, dem Bassisten Arild Anderseon oder dem Gitarristen Terje Rypdal zu hören war. Anno 1970 begann die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem damals noch jungen Label ECM, die über mehr als drei Jahrzehnte hinweg sich zu einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte entwickelte, die wiederum für ähnliche Projekte des europäischen und internationalen Jazz den Weg ebnete. Garbarek spielte mit eigenen Formationen ("Witchi-Tai-To", 1974), kooperierte mit dem Gitarristen Ralph Towner ("Solstice/Sound And Shadows", 1977), dem Trompeter Kenny Wheeler ("Deer Wan", 1978 ) und besonders erfolgreich mit dem Pianisten Keith Jarrett ("Belonging", 1975; "My Song", 1977). Außerdem konzipierte er zusammen mit dem Gitarristen Egberto Gismonti und Charlie Haden am Bass das programmatische Album "Folk Songs" (1979), das zu den reifsten Beispielen kulturübergreifender Klangsymbiose dieser Ära gehört.


    Seit den achtziger Jahren bildeten sich feste Gruppen heraus, zu denen unter anderem der Kontrabassist Eberhard Weber, der Keyboarder Rainer Brüninghaus und die Perkussionistin Marilyn Mazur gehörten. Es entstanden zahlreiche, häufig preisgekrönte Einspielungen wie "Paths, Prints" (1981), "Wayfarer" (1983), "Legend Of The Seven Dreams" (1988 ), "Twelve Moons" (1992), darüber hinaus Querverbindungen zur indischen und arabischen Klangkultur wie "Ragas and Sagas" (mit Ustad Fateh Ali Khan, 1990) oder "Madar" (mit Anouar Brahem und Shaukat Hussain, 1992). Zu einem sensationellen Erfolg entwickelte sich das Album "Officium" (1993) mit dem Hilliard Ensemble, das die Verbindung von Garbareks improvisierten Linien und der geistlichen Vokalmusik des Mittelalters und der frühen Neuzeit wagte und 1998 mit "Mnemosyne" noch eine Fortsetzung fand. Mit Alben wie "Visible World" (1995) und "Rites" ( 1998 ) wagte er wiederum einen behutsamen Schulterschluss mit elektronischen Soundscapes, "Monodia" (2001) brachte ihn mit der Musik des Komponisten Tigran Mansurian zusammen, "Universal Syncopations" (2003) mit einer Allstar-Band um den Bassisten Miroslav Vitous. Mit "In Praise Of Dreams" präsentierte er sich im Herbst 2004 mit neuer Band unter anderem an der Seite der Bratschistin Kim Kashkashian und des Perkussionisten Manu Katché. Jan Garbarek ist heute einer der Superstars der internationalen Musikszene und zugleich einer der prägenden Stilisten des kammerjazzigen Idioms. Seine Klangwelten gelten als wegweisend für die Entwicklung der skandinavischen Improvisationskultur der vergangenen drei Jahrzehnte.


    Hier zwei Beispiele von Klassikaufnahmen mit Garbarek, beide beim Label ECM erschienen;




    Tigran Mansurian: Lachrymae (1999) für Saxophon & Viola



    Officium: Vokalwerke des 13.-16.Jh. mit Saxophon-Improvisationen über den Vokalsätzen.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Ist nicht Dave Brubeck auch hauptberuflich Jazzer gewesen?
    Ich habe jedenfalls einige schöne jazzige Klavierstücke im klassischen Stil von ihm und höre sie ab und an sehr gerne:




    Gruß, Peter.

  • Michel Godard, geboren 1960, ist den umgekehrten Weg gegangen. Er studierte klassische Musik (Trompete), begann 1988 im philharmonischen Orchester von Radio France und wandte sich dann dem Jazz zu, wo er Tuba und Serpent (ein Vorläufer der Tuba) spielt.


    Und doch hat er die klassische Musik nicht vergessen, sondern widmet sich einerseits der zeitgenössischen Musik, andererseits der Alten Musik. Er ist nicht nur einer meiner Lieblingsinterpreten des Jazz, sondern auch die CD „Castel del Monte“ zählt zu meinen Favoriten.



    Dort versuchen er und eine kleine Gruppe von 7 weiteren Musikern die außergewöhnliche Stimmung des 1240 – 1250 vom Hohenstauferkaiser Friedrich II Schlosses „Castel del Monte“ einzufangen. Vielen wird dies Schloss in seiner regelmäßigen achteckigen Architektur bekannt sein.


    Ich gebe zu, dass ich diese CD kaum in einem Stück hören kann, aber bei Konzentration auf einzelne Stücke birgt sie ungeahnte Schätze. Da ist nicht nur die eigenwillige Version von „La Folia“, sondern auch das wille „AH! Vita Bella“, ein an Mahler erinnerndes Lied „Una Serenata“ und vieles mehr, dass die Bandbreite vom Free Jazz bis zu einem Stück aus dem 13. Jahrhundert („Voi che amata“) ausschöpft.


    Viele Grüße,
    Walter

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Hallo Walter


    Ja, Michel Godard mit seiner Tuba ist jedesmal von neuem beeindruckend. Bei seinen Konzerten geniessen wir sein Spiel jedesmal.


    Gerne möchten wir hier noch den Engländer John Surman vorstellen der auch gerne grenzüberschreitend arbeitet.


    JOHN SURMAN ist ein wichtiger Vertreter der Generation von Musikern in Europa, die den Jazz seit den 70er Jahren entscheidend internationalisiert haben. Surman ist nicht nur ein virtuoser Musiker (Sopran-, Baritonsaxophon und Bassklarinette) sondern auch Komponist. Sein Werk umfasst Musik für kleine Ensembles bis hin zu Big Bands, von Kammermusik bis zu Kompositionen für Sinfonieorchester und Chor. John Surman lebt in London.


    Bereits in den Titeln seiner Stücke ist oft von Wanderungen und Reisen die Rede. Mit seiner Solomusik reflektiert er stille Seen, Küsten und Horizontlinien, Landschaften im Südwesten Englands. Gegenden, mit denen er Zeit seines Lebens vertraut ist. John Surman, geboren am 30. August 1944 in Tavistock, aufgewachsen in Plymouth, lebt heute auf einem Bauernhof in der Grafschaft Kent, dem Obstgarten Englands. Ende der 60er Jahre als Baritonsaxophonist bekannt geworden, hat er sich im Laufe der Jahre immer mehr Instrumente angeeignet: Sopran- und Sopraninosaxophon, Klarinette, Bassklarinette, Flöten, Keyboards, Synthesizer…
    Was bei anderen zur Verzettelung führen würde, erweist sich bei John Surman fokussiert auf eine individuelle Klangvorstellung. Rhapsodisch, leicht melancholisch, verhalten hymnisch, unkonventionell balladesk – Worte können sich diesen Sounds nur annähern. Nach dem erzählenden Aspekten befragt, antwortet John Surman erst nach kurzem Nachdenken: „Dazu kann ich nur sagen: Ja, ich höre das auch. Aber es entwickelt sich aus der Musik heraus. Ich denke nicht bewusst in Geschichten oder Bildern. Es sind die melodischen Ideen. Und die Klangfarben der Instrumente ermöglichen mir, eine Geschichte auf ganz unterschiedliche Weise zu erzählen.“ (...) Noch in Plymouth lernte Surman den Pianisten und Bandleader Mike Westbrook kennen, mit dem er dann auch während seines Musikstudiums in London zusammen spielte. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre erwies sich London als ein hochproduktiver Hexenkessel für (Jazz-)Musik unterschiedlichster Richtungen. John Surman spielte Blues und Blues-Verwandtes mit der Band von Alexis Korner, traditionellen Jazz mit Humphrey Lyttelton, Fusion Music mit John McLaughlins „Extrapolation“, Afro-Jazz mit Chris McGregors „Brotherhood of Breath“ und freie Improvisationsmusik mit Musikern wie dem Schlagzeuger Tony Oxley. 1968 beim Festival in Montreux, wo er mit der Westbrook Band auftrat, als bester Solist ausgezeichnet, wurde der Baritonsaxophonist John Surman bald auch international bekannt, in den folgenden Jahren vor allem im Verein mit dem Bassisten Barre Phillips und dem Schlagzeuger Stu Martin. Die Drei firmierten unter dem schlichten Namen „The Trio“ und spielten einen kraftvollen, hochexpressiven Free Jazz. Auf dem Höhepunkt der Arbeit mit dem bei Konzerten in ganz Europa gefeierten Trio, zog sich John Surman über ein Jahr völlig von der Jazzszene zurück – eine Zeit des Nachdenkens über das Woher und Wohin.
    Nach Monaten der Einsamkeit trat ein „neuer“ John Surman an die Öffentlichkeit, der mit dem Album „Westering Home“ eine Soloplatte vorlegte, der weitere, gleichfalls bedeutende, folgen sollten. Mit Alan Skidmore und Mike Osborne formierte er das Trio „SOS“, die erste ausschließlich aus Saxophonisten bestehende Gruppe des europäischen Jazz. Zugleich setzte er die Zusammenarbeit im Trio mit Barre Phillips und Stu Martin fort, erweitert zum Quartett mit dem Namen „Mumps“ durch den Posaunisten Albert Mangelsdorff. 1981 spielte Surman gemeinsam mit dem Schlagzeuger Jack DeJohnette die vielbeachtete Platte „The Amazing Adventures of Simon Simon“ ein. Nach rund zwei Jahrzehnten gingen die beiden erneut ins Studio, nun gemeinsam mit London Brass. Als Resultat entstand das Album „Free And Equal“. Ein Titel, der zunächst auf die Musik hinzudeuten scheint, besitzt für Surman noch eine andere Dimension. Tief beeindruckt von der fortwährenden Aktualität der Un-Deklaration der Menschenrechte, heftete er deren erste fünf Paragraphen an die Wand seines Arbeitszimmers. Und begann zu komponieren.
    Zu den besonders innigen musikalischen Partnerschaften von John Surman zählt die mit der norwegischen Sängerin Karin Krog. Die beiden waren in unterschiedlichen Gruppen zu erleben und sind am beeindruckendsten im Duo. „In gewisser Weise“, sagt John Surman, und er meint damit nicht die Stimmlage sondern die Emotionalität der Mitteilung, „ist ihre Stimme meiner sehr ähnlich.“ Die Art, wie die beiden einander überraschen, ist pure Poesie und ihr bevorzugtes Terrain das der Melancholie zweier verwandter Seelen: „Cloudline Blue“, „Such Winters Of Memory“. Wie unterschiedliche Traditionen im Medium der Improvisation zusammenfließen können, hat John Surman im Trio mit dem amerikanischen Bassisten Dave Holland und dem tunesischen Oud-Spieler Anouar Brahem unter Beweis gestellt. Kein Treffen auf kleinstem gemeinsamen Nenner, sondern von gegenseitigem Respekt getragene Kommunikation. Ähnliches ereignete sich bei einem Projekt mit Dino Saluzzi und Tomasz Stanko, das anfangs, wie Produzent Manfred Eicher berichtete, zu scheitern drohte und dann Musik, die im argentinischen Tango, in polnischer Melancholie und in englischen Klanglandschaften verwurzelt ist, im wundersamen Miteinander aufblühen ließ.
    Im 60. Lebensjahr legt John Surman, so wie seinerzeit, als er glaubte, mit dem Free Jazz in eine Sackgasse geraten zu sein und allein ins Studio ging, um seine faszinierende Solomusik zu entwickeln, erneut ein „sabbatical“, ein Jahr in Zurückgezogenheit, ein. Im Unterschied zu damals stehen ihm heute im Zenit eines über Jahrzehnte in unterschiedliche Richtungen verzweigten Schaffens zahlreiche Wege offen.


    Als Beispiel möchten wir folgende Aufnahme erwähnen;



    John Dowland: Lautenlieder "In Darkness let me dwell"


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo!


    Ich melde mich hier mal aus dem fernen Debrecen - Chick Corea war hier zu gast und gab ein Konzert mit Mozarts c-moll Klavierkonzert, Bagatellen von Bartók und auch einigen Improvisationen zu Bartóks Klavierstücken.


    Der Abend war herrlich - er selbst konnte nicht aufhören zu spielen - das Konzert hatte eine Zugabe, die fast länger dauerte als das 2 Stündige Programm. Er begann um 19 Uhr mit dem Programm, das dann offiziell um 21 aufhörte, beendete aber es bei tobenden Applaus mit folgenden Worten:


    "You have now the right to leave the hall - if you want to hear more, I will be back in 6 minutes...."


    Einige gingen (die, die kein Englisch konnten :-)) aber die Mehrheit blieb und wartete - und er kam wirklich nach ca. 5-10 Minuten, erzählte dann ein paar Geschichten wie er Mozart "kennengelernt" hat, was er an Bartók mag und zeigte wie verschieden man bspw. die Bagatelle Nr. 3 von Bartók improvisieren kann. Danach gabs dann noch eine Auswahl an Jazzstücken sowie ein modernes klassisches Klavierstück, zu dem ich mir nicht den Namen gemerkt habe (leider). So gegen halb elf beendete er das Konzert bzw. die Zugabe.


    Eigentlich mag ich nicht wenn man alte klassische Stücke neu "modern" versucht zu spielen - aber das was er mit Mozarts eigentlich schwermütigem c-moll Klavierkonzert machte war genial - es war wie eine Brise, die von der Bühne entgegenkam - verspielt, aber doch ernst, wenn sie anfing stärker zu blasen.


    Nach dem Ende der Zugabe wagte ich mich noch in die Garderobe und ergatterte ein Autogramm samt Foto :-)


    Sobald ich wieder in Wien bin, muss ich mal schauen was es so an CDs von ihm gibt - da werde ich mich sicher an dem Thread orientieren.


    Viele Grüße aus Debrecen
    Andi

  • Hallo,
    zu diesem Thema sollten unbedingt noch 2 Künstler genannt werden:


    Jacques Loussier (Trio)
    Dieser Pianist und Komponist nimmt sich, einzeln aber vor allem in seinem Trio mit Bass und Schlagzeug, klassicher Werke, insbesondere der Barockzeit vor und verjazzt diese. Das Ergebniss überrascht. Hier und da eine vorgezogene Note, dort noch aus einem Dur-Akkord mit einigen Vorhalten ein smoother Klang erzeugt, und schon wird aus Bach und Vivaldi allerfeinster Jazz. Insbesondere bei den Bach-Interpretationen hat man das intensive Gefühl, das Jazz offensichtlich schon einige Jahrhunderte früher erfunden worden sein könnte.
    Vor einigen Jahren durfte ich das Ensemble im Erfurter Dom live erleben. Schon von CD gelauscht, gemütlich auf dem Sofa plaziert mit einem leckeren Getränk in der Hand beeindruckt und entspannt diese Musik ungemin, aber das Live-Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen. Eine eigentümliche Mischung zwischen lockerer Jazz-Atmosphäre und eher braver Klassik-Konzert-Stimmung entsteht, und man kann sich beidem in nach Belieben hingeben.



    Die Swingle Singers
    Diese Ensemble, in den 70er/80er Jahren bekannt geworden, erfreut sich noch heute größerer Beliebtheit.
    Ihr Ansatz ist es, klassische Instrumental-Musik (hier wieder viel Bach und Vivaldi, aber auch bspw. Mozart) vocal, also acapella gesungen, darzubieten. Oft geschieht dies nur durch ein passendes Arangement, ohne fremde musikalische Einflüsse, aber einige CDs kommen durchaus auch jazzig daher. Letztlich bekommt die Musik einen sehr tänzerischen und verspielten Touch, sie kommt locker leicht daher und lässt anspruchsvolle Passagen ganz transparent und einfach erscheinen. Auch hier geht natürlich eine gewisse tiefe des Originalwerkes verloren, aber diesen zu erhalten war und ist auch nicht Ziel der Swingle-Singers. So wollen unterhalten und sicher auch klassische Musik einem Publikum präsentieren und näher bringen, die sonst eher einen Bogen um die Klassische Musik machen.



    Grüße, der Thomas

  • Zitat

    Die Swingle Singers
    Diese Ensemble, in den 70er/80er Jahren bekannt geworden, erfreut sich noch heute größerer Beliebtheit.


    Dazu muss man sagen, dass die Swingle Singers in den 60ern berühmt geworden sind und wahrscheinlich auch die Nummern aus dieser Zeit heute noch die bekanntesten sind (Bach a capella). Anfang der 70er löste sich die Gruppe auf und wurde 1973 völlig neu formiert. Seither existiert sie meines Wissens ziemlich kontinuierlich und hat ihr Repertoire ständig erweitert.


    In den 70ern gab es dann noch die hochklassige Gruppe The Singers Unlimited (die für MPS aufgenommen haben, veröffentlicht von BASF, und bis heute eine Referenz für rein vokalen Jazz darstellen!), und seit den 70ern bis heute die auf ihre Art formidablen King's Singers (auch mit einem Riesen-Repertoire, vom Madrigal bis Jazz und Pop).


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Der Thread hat sich ja mittlerweile von der ursprünglichen Fragestellung verabschiedet. Ein Crossover hat es wohl schon immer gegeben: der französische Pianist Samson Francois war wohl auch wegen seiner Vorliebe für Jazz prädestiniert für die beiden Ravel-Konzerte, von Heifez werden ähnliche Ambitionen gemunkelt. Seit einigen Jahren ist es Nigel Kennedy, der sich nicht so rechtg im Klaren darübner ist, ob er nun Jazz, Jazz-Rock oder Klassik spielen soll. By the way: die in Konzerten von ihm gespielte Mischung, wo er zuweilen flugs von der analogen zu E-Geige wechselt find ich persönlich gar nicht übel. Zurück zu den Jazzern:


    Jaques Loussier wurde bereits erwähnt. Man verbindet ihn meist mit Bach. Meine besondere Empfehlung ist sein bei Telarc erschienenes Satie-Album.


    Ein Unicum gewiss: Duke Ellington spielt mit seinem Orchester die Nussknacker-Suite von Tschaikowsky. Die Frechheit seinerzeit: 20 min Musik verteilt auf 2 LP-Seiten und sonst nix drauf!!!


    Und wer könnte über diese Platte hinweggehen: Sketches of Spain von Miles Davis in Zusammenarbeit mit dem Arrangeur und Orchesterleiter Gil Evans.


    Und dann noch John Lewis. Hervorgegangen aus der Rhythm-Section des Dizzy Gillespie Orchestra Ender der 1940er Jahre zusammen mit Milt Jackson gründete er das Modern Jazz Quartett. Sowohl das Quartett ist der besonderen Liebe John Lewis' zu Bach gefolgt, auch als Solist hat Lewis Bach gespielt. Ich erwähne hier das WTK, dessen Präludien nahezu unverändert gespielt , die Fugen weitestgehend neu ausgearbeit werden.


    Blicken wir nach Holland, dann ragen dort Chris Hinze (Flöte), Louis van Dijk (Klavier) oder Thijs van Leer (Flöte) heraus, die allesamt eine klassische Ausbildung haben und vielfach klassische Musik für den Jazz adaptiern.


    Wie gesagt, abweichend von der Eingangsfrage des Threads handelt es sich hier um Adaptionen von klassischer Musik. Als reine Nachspieler fallen mir nur die bereits genannten Benny Goodman (Mozart) und Keith Jarret (Bach und Schostakowitsch) ein.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zwar besitze ich die Mozart-Aufnahmen Goodmans nicht auf Tonträgern (ob ich den Weber je gehört habe, weiß ich nicht), aber von denen würde ich eher abraten. Goodman hat m.E. für Klassik einen zu hellen (und irgendwie unfokussierten, "breiigen") Ton und es gibt für diese Werke zig hochklassige Alternativen (sein Nielsen-Konzert soll auch technisch schwach sein). Selbst auf der insgesamt empfehlenswerten CD unten finde ich beim "klassischsten" der enthalten Werke, Coplands Konzert, Goodmans Ton nicht ideal. Am besten ist er bei den jazznächsten Werken von Bernstein und Morton Gould.
    (Ich weiß nicht genau, ob ich was mit ihm gehört habe, aber Michel Portal oder auch Eddie Daniels sind soweit ich sehe bei ihren Klassik-Aufnahmen hervorragende, klanglich und stilistisch angemessen "klassische" Klarinettisten, bei denen man keinerlei Bedenken haben muss.)



    Das Corea/Gulda Mozart-Konzert gefiel mir ziemlich gut.


    Von Jarrett hatte ich zwei Händel-CDs (die Blockflötensonaten und die Klaviersuiten); keine fand ich besonders bemerkenswert, die Suiten sind aber auch nicht schlecht (und es sind zwei relativ selten eingespielte drauf). Was ich an Rezensionen über seine anderen Klassikaufnahmen gelesen habe, was meistens eher durchwachsen. Aus unerfindlichen Gründen scheint Jarrett, sobald er "klassisch" spielt, eher trocken und genau statt frei und passioniert zu spielen (seine Jazz-Sachen interessieren mich allerdings auch nicht :untertauch: )

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Aus unerfindlichen Gründen scheint Jarrett, sobald er "klassisch" spielt, eher trocken und genau statt frei und passioniert zu spielen

    Das deckt sich mit meinen Hörerfahrungen. Zwar ist das schon sehr lange her, aber für mich klang Jarretts Bach damals nur trocken und uninspiriert, so als ob jemand zwar die Noten kennt, aber eigentlich nichts damit anzufangen weiß.