Gustav Mahler: Sinfonie Nr 2 "Auferstehung"

  • Nach dem ganzen Gezerre um diese Sinfonie in den vergangenen Wochen habe ich sie mir nun ebenfalls zugelegt (aber eigentlich nur, weil ich Warenwert aufstocken musste) und hab sie zwischenzeitlich zweimal durchgehört. Mein Eindruck: zwiespältig mit Tendenz zur Faszination. Nachdem ich nach den Argumentationen hier quasi vorgewarnt war, konnte ich ja auch nicht mehr ganz unbedarft an die Sache rangehen.
    In der Tat teilweise schon recht „schwere“ Kost, die Tennstedt da abliefert (für mich die Sätze 1, 3, 4) – gerade was Tempi und Ausdruck angeht. Die Sätze 2 und 5 finde ich ausgesprochen gelungen.


    Ich denke, dass das live ein unglaubliches Erlebnis war, man spürt ja förmlich die Spannung, die geherrscht haben muss. Auf Tonträger kann man dies so nie transportieren. Es ist halt „Menschenmusik“. Und Menschen haben nun mal unterschiedliche Gemütsverfassungen – auch und gerade in der Kunst. Frei nach dem Motto eines meiner Kunst-(hier: Mal-)Dozenten: „es muss Dir ja nicht gefallen, Hauptsache es ist gut“.


    Wie gesagt, ich kann nachvollziehen, dass diese Aufnahme nicht alle anspricht; aber ich denke, man muss sie sicher nicht so vernichten, wie es hier stellenweise getan wird – zumal es sich um persönliche Meinungen und Geschmäcker handelt und die Gemütsverfassung einzelner Hörer höchst unterschiedlich ist. Und zumal hinreisend musiziert wird (das ‚Urlicht‘ ist mir aber dann doch zu arg). Und wenn schon der Vergleich mit einem Wein sein muss: für mich ist diese Aufnahme vergleichbar mit feinstem Piemonteser Moscato d`Asti (idealerweise La Spinetta); jeder Schluck ein Hochgenuss, aber man ahnt, dass eine Flasche davon recht hantig sein wird – und Lust macht auf was Trockenes, Knackiges.

  • Nun ist sie endlich ausgeliefert, durchgehört, diverse Stellen nachgehört - ich bin also nicht, wie mancher Kollege, gezwungen, eine Aufnahme niederzumachen, die ich noch gar nicht gehört habe 8) -, und es zeigt sich: was bereits gesagt wurde, beschreibt den Kern dieser außergewöhnlichen Einspielung haargenau:

    ... nach den Eindrücken der 4. und 5. Sinfonie denke ich, dass man sich auf die Veröffentlichung freuen kann. Stenz hat bei den beiden Einspielungen viel Wert auf Detailhaltigkeit, Klangschönheit und -ästhetik gelegt.
    Ansätze, die auch bei der 2. passen...

    ... Dies ist ohne Übertreibung die klanglich bei weitem beste Aufnahme, die ich von der Zweiten in meiner Sammlung habe, und das sind ein gutes Dutzend, aber dass sie auch interpretatorisch oben mitmischt, ist um so erfreulicher. Hatte ich in einem meiner letzten Postings gesagt, dass hier ein neuer großer Mahler-Dirigent heranwachsen könnte, bin ich nun fest davon überzeugt. Und da man ja auch aus Bamberg nur Gutes hört, ist mir um die Zukunft der deutschen (aber auch internationalen) Mahler-Tradition nicht bange. Denn man weiß ja z. B. im Falle Markus Stenz, dass er nicht nur die großen deutschen Orchester, sondern auch die großen amerikanischen Orchester schon dirigiert hat und neben seinem Posten als Gürzenich-Kapellmeister und GMD der Stadt Köln auch erster Gast-Dirigent des Hallé Orchestras und ab der Saison 2012/13 Chefdirigent der Radio Philharmonie Hilversum wird.
    Das große Plus dieser Aufnahme ist neben der phantastischen Transparenz die kontinuierliche Tempogestaltung, die vorbildliche dynamische Ausgestaltung und das spannungsreiche Musizieren.--Ganz überragend. ... P.S. Großartig auch Christiane Oelze und Michaela Schuster als Solistinnen

    Meine Begeisterung nach dem Konzert am 24.10. des letzten Jahrs (<- interner Tamino-Link) wird durch diese Aufnahme nicht nur voll und ganz bestätigt, die Aufnahme übertrifft den Konzerteindruck noch deutlich. Wie schreibt Willi so schön: "Dies ist ohne Übertreibung die klanglich bei weitem beste Aufnahme, die ich von der Zweiten in meiner Sammlung habe, und das sind ein gutes Dutzend, aber dass sie auch interpretatorisch oben mitmischt, ist um so erfreulicher." Genau. Die Klangphilosophie, die Oehms ihren Live-Aufnahmen aus der Kölner Philharmonie hier zugrunde legt, entspricht in hohem Maße meinem persönlichen Empfinden. Die Saalakustik ist wie auf den besten Plätzen eingefangen. So ist der Klang besser, als ich ihn auf meinem weniger optimalen Platz im Saal hören konnte. Die Verwendung einer Vielzahl von Stützmikrofonen bei der Aufnahme sorgt für eine optimale Abnahme der Einzelstimmen. Trotzdem ist die Abmischung im Sinne eines wahrzunehmende Saaleindrucks mit weitem Akustikraum optimiert. Von diesem Standpunkt her besser als Jansons Amsterdamer Zweite - was das angeht auch Chaillys Amsterdamer Zweite, obwohl für Chailly bereits brillante Aufnahmeergebnisse vorliegen.


    Was die Interpretation angeht, will ich hier nicht wiederholen, was ich über das Konzert am 24.10. des letzten Jahrs (<- interner Tamino-Link) geschrieben hatte. Das gilt. Schon die Gewalt der Bassgruppe trifft in den ersten Takten unvorbereitet ins Mark. Selbstverständlich ist, das die im Konzert noch bemängelten Schwachstellen brillant korrigiert sind.


    Stenz spielt hier einen höchstpersönlichen, sehr individuellen Mahler mit vielen Eigenheiten. Das unterscheidet ihn von Jansons Dirigat. Über die Aufnahme Jansons

    lässt sich viel Gutes und nichts Schlechtes sagen: Es ist eine Mahler 2, wie man sie vom Concertgebouw Orkest als dem weltbesten Orchester unter einem einem Mariss Jansons zu Recht erwarten darf und muss. Wer aber Mahler 2 unter Steinberg kennt, unter Tennstedt live, Gielen, Bernstein (DG), Klemperer (München), Neumann, Walter oder anderen, dem wird Jansons nicht nur keine neue Erkenntnis bringen, sondern möglicherweise in ihrer Austauschbarkeit nichtssagend erscheinen - zumindest mir geht es so. Wer noch keine Aufnahme von Mahler 2 hat, dem sei diejenige unter Jansons zum Kennenlernen wärmstens ans Herz gelegt: sie ist brillant.


    Stenz' Dirigat empfinde ich demgegenüber als wertvolle Bereicherung der Einspielungen, die ich von Mahler 2 bisher kennengelernt habe. Einziger Wermutstropfen und was ich überhaupt nicht verstehe, ist: wenn man eine Iveta Apkalna an der Orgel sitzen hat, die bei Oehms seit Neuerem Vertragskünstlerin ist, wie kann man sich dann unterstehen, sie an keiner Stelle im Booklet zu nennen?

  • Lieber Ulrich,


    danke für Deine ausführliche Einschätzung beider Einspielungen.


    Ich hatte mir am Donnerstag die Aufnahme mit Stenz angehört und bin nicht ganz so begeistert wie Wlli und Du.
    Es kann aber durchaus angehen, daß bei der Aufnahme mit Jonathan Nott ein klangtechnischer Maßstab geschaffen wurde, der nicht mehr zu überbieten ist und daß ich deswegen bei Stenz ein wenig "streng" bin.


    Ich finde, Oehms hat es bei der Dynamik ein wenig übertrieben; die tremolierenden Streicher ganz zu Beginn sind mir zu leise eingefangen ebenso wie das Fernorchester im letzten Satz. Es ist gegenüber dem "normalen" Orchester kaum zu hören.


    Interpretatorisch fällt mir bei Stenz eine recht flexible Tempogestaltung auf. Diese bemerkte ich bereits bei der 4. Sinfonie, bloß gefällt sie mir dort besser als bei der 2. Auch hatte die sonst so zuverlässige Christiane Oelze in meinen Ohren nicht ihren allerbesten Tag, es treten ein paar bei ihr ungewohnte Intonationsunsicherheiten und -genauigkeiten auf.


    Das sind ein paar Nuancen, die die Neuaufnahme für mich individuell hörenswert macht, aber hinter den "Spitzenaufnahmen" (einige von Dir genannte plus Kaplan und Jansons I, Solti II und natürlich Nott) zurückstehen läßt.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Ich finde, Oehms hat es bei der Dynamik ein wenig übertrieben; die tremolierenden Streicher ganz zu Beginn sind mir zu leise eingefangen ebenso wie das Fernorchester im letzten Satz. Es ist gegenüber dem "normalen" Orchester kaum zu hören.

    Es mag verblüffen, aber gerade die beiden von Dir genannten Punkte sind nicht von der Tontechnik beeinflusst, sondern entsprechen dem, was im Konzertsaal zu hören war - entsprechen also Stenz' Interpretationsansatz.


    Nott hatte ich bei meinen Beispielen unbeabsichtigt nicht aufgeführt, ist immer blöd, beim Schreiben nicht bei der CD-Sammlung zu sitzen. Auch Ivan Fischer gehört vielleicht noch dorthin - obwohl ich mir bei der Aufnahme nie so ganz sicher bin, ob das nicht in die geschilderte Kategorie von Jansons neuer CD gehört.


    Die Klangräume, die die Techniker bei Nott und bei Stenz schaffen, sind in der Tat sehr unterschiedlich. Anders als Du empfinde ich aber die Atmosphäre, die für Nott geschaffen wird, immer wieder als ... sagen wir mal: "artifiziell". Ich kenne den Saal nicht, in dem Nott aufnimmt, möglicherweise klingt es da so, aber subjektiv fühle ich mich unbehaglich dabei. Bei den Oehms-Aufnahmen nehme ich das Gegenteil war: eine völlig natürliche Abbildung des Raums der Kölner Philharmonie, eine Akustik "zum Wiedererkennen". Das Fernorchester spielte tatsächlich "fern" von verschiedenen Standorten außerhalb der Saales, teilweise aus den Foyers der Ränge usw. Das führte zu den eingefangenen Höreindrücken.


    Ja, eine sehr individuelle Gestaltung der Tempoverläufe - das fällt unmittelbar auf. :yes:

  • Hallo Ulirch,


    okay, dann geht der "schwarze Peter" von Oehms an Stenz. ;)


    Ich empfinde sowohl die Aufnahme von Nott als auch die von Stenz als räumlich-natürlich, obwohl ich weder die Kölner Philharmonie noch den Joseph Keilberth-Saal in Bamberg "livehaftig" kenne. Ich gestehe aber gerne, daß man dazu neigt, Konzerte, bei denen man selbst anwesend war, unter einem "anderen Licht" sieht und hört, wenn sie auf CD erscheinen, als die, die man "nur" via Konserve kennt.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


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  • In der Tat ist die Akustik in der Kölner Philharmonie sehr speziell und ähnlich wie die in der benachbarten Tonhalle Düsseldorf beeinflusst durch die kreisförmige Anlage des Saales, wobei das Podium, vom Parkett aus gesehen, in der oberen Kreishälfte liegt. Aber dadurch, dass nicht, wie in Hallen mit rechteckigem Grundriss (Essen, Dortmund, Wien), Ecken vorhanden sind, ist die Gefahr "stehender Wellen" ähnlich wie im Lautsprecherbau gering, und es entsteht ein kompakter, aber, bei entsprechendem Hörplatz, ungemein transparenter Klang, wo man nicht den Eindruck hat, hier sei des Guten zu viel getan worden. Es gibt halt auch in der Zweiten Stellen, wo es richtig zur Sache geht, und Stenz kostet natürlich die großen Steigerungen in der Zweiten voll aus, wie ich dies auch live bei seiner Ersten vor 12 Tagen erleben durfte.
    Den Bamberger Saal kenne ich leider auch nicht, aber die Berliner Philharmonie, die ein wenig von der Kreisfrom abweicht, aber in die Richtung geht. Und da ich für die Siebte Mahler mit Rattle in Berlin (Eröffnugnskonzert der neuen Saison) keine Karte bekommen habe, besuche ich dieses Konzert nun wenige Tage später in Köln. Mal schaun, wie er sich dort schlägt. ich werde im entsprechenden Thread davon berichten.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Bei Mahlers 2. Symphonie gibt es ja wirklich eine beeindruckende Anzahl an wirklich sehr guten bis hervorragenden Aufnahmen. Neben meinen alten Favoriten Bernstein 1988 kamen im Laufe der Zeit weitere gern gehörte Aufnahmen hinzu: Klemperer 1965 und 1971, Tilson Thomas, Tennstedt. Daneben sah ich kürzlich sehr beeindruckende Ausschnitte von den Proms mit Dudamel. Jansons habe ich auch gehört, sagte mir aber nicht so sehr zu (ein wenig arg nüchtern). Den legendären Status der Aufnahme von Bruno Walter vermochte ich auch nicht ganz nachzuvollziehen. Aber das sind vielleicht nur Ersteindrücke.


    Müßte ich einen Favoriten benennen, so fiele das sehr schwer. Vielleicht sogar Tilson Thomas?



    Besonders die Wucht im Finale ist wohl kaum zu toppen!

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Den legendären Status der Aufnahme von Bruno Walter vermochte ich auch nicht ganz nachzuvollziehen. Aber das sind vielleicht nur Ersteindrücke.

    Walter Deutung ist natürlich schon legendär, weil er in sehr enger freundschaftlicher Beziehung zum Komponisten stand. Aber ich finde die Aufnahme auch interpretatorisch herausragend, Walter schafft es, ohne besonders auffällige klangliche Effekte eine unglaublich spannungsvolle und tiefemotionale Sicht auf das Werk zu vermitteln, zudem ist sie solistisch hervorragend.


    Mindestens gleichauf mit Walter steht bei mir aber Bernstein, allerdings weder New York (CBS) noch New York (DG).
    Sondern die Live-Aufnahme aus Edinburgh mit dem London Symphony Orchestra:

    Besonders die Wucht im Finale ist wohl kaum zu toppen!


    Überzeugen kann man sich davon auf youtube, oder auf der DVD-Edition der Deutschen Grammophon, wo dieser Mitschnitt in Lizenz verwendet wurde.


    Zudem singt die überragende Janet BAker den Solopart, ein überirdisch schönes Urlicht!


    Auf CD ist die Aufnahme leider nur noch schwer erhältlich, zudem muss man Landschaftsmalerein von His Royal Highness über sich ergehen lassen.
    Die Interpretation ist aber, wie auch das Video eindrucksvoll zu vermiteln mag, an emotionaler Hingabe kaum zu übertreffen.

    'Architektur ist gefrorene Musik'
    (Arthur Schopenhauer)

  • Vielleicht gingen mir gerade diese klanglichen Effekte ab bei Walter. Man ist verwöhnt heutzutage, ich weiß.


    Dieses Video habe ich einst bei YouTube gesehen und war ebenfalls begeistert. Bernstein ist hier natürlich famos. Die Einspielung könnte man wohl m. E. durchaus neben die spätere stellen (auch wenn diese dir ja weniger zusagt). Von seiner früheren CBS-Aufnahme war ich übrigens nicht so extrem angetan.


    :hello:

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    – Luís de Camões

  • Eine Interpretation der Auferstehungs-Sinfonie ist bisher nicht erwähnt worden: Gilbert Kaplan mit den Wiener Philharmonikern, dem Wiener Singverein und den Sängerinnen Latonia Moore und Nadja Michael. (SACD der DG aus dem Jahr 2001)


    Wer ist Gilbert Kaplan wird der eine oder andere sich fragen? Aufmerksam wurde ich auf Kaplan, als Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Aufnahme der 2. Sinfonie Mahlers erschien. Sie wurde als Kuriosum gehandelt: Ein Amateur dirigiert dieses monumentale Werk. Damals waren es das London Symphony Orchestra, verschiedene englische Chöre und die Sängerinnen Benita Valente, Sopran und Maureen Forrester, Alt. Diese Aufnahme ist meines Wissens nicht mehr greifbar. Die BBC drehte einen Film über die Entstehung dieser Aufnahme und Kaplans Beschäftigung mit dieser Partitur. Kaplan hat die Handschrift 1984 von der Willem-Mengelberg Stiftung erworben. Er ist eine anerkannte Autorität hinsichtlich Geschichte und Aufführungspraxis und hat darüber publiziert. Der von Kaplan verfasste Booklet-Text gibt über jedes Detail zur Entstehung und Erstaufführung dieser Sinfonie Auskunft. Spürbar ist, dass er von dieser Musik im Tiefsten seines Wesens ergriffen ist. Er widmet sein Leben diesem einen Werk und führt es als Dirigent auf der ganzen Welt mit verschiedenen Orchestern immer wieder auf. Kaplan hat mir Mahler neben Bernstein und Inbal nahe gebracht.
    .


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  • Ich war auch sehr überrascht, dass in diesem Thread (der seit 2004 besteht) der Name Kaplan bezüglich Mahler 2 erst heute gefallen ist.


    Eine andere Einspielung von Referenzstatus wurde ebenfalls noch nicht erwähnt:



    Eine ganz ausgezeichent Aufnahme im Decca-Sound....



    :hello: LT

  • Ich sehe das etwas ambivalent. Die Dynamik ist mir (Etagenwohnung, relativ kleiner Hörraum) unpraktisch weit; ich muss 20% oder mehr lauter stellen als bei den meisten Orchester-CDs, die leisen Stellen sind immer noch sehr leise, die lauten stellenweise überlaut.



    Zitat

    Dann mit der Partitur aufm Schoß den 1. Satz nochmal: Er beachtet alle, aber auch alle (habe nur den 1. Satz verglichen, dann gab ich auf, zugegeben) Anweisungen.

    Ich sollte mir vielleicht mal die Partitur besorgen. Zwar besitze ich eine Handvoll Einspielungen, aber die einzige davon, die ich gut kenne, da sie jahrelang meine einzige war, ist Klemperers (EMI Studio).
    Järvis habe ich mir nun auf Andrews Hinweis auf das Sonderangebot gekauft.
    Nach dem ersten Eindruck gefallen mir einige Sachen gut, einige weniger. Der erste Satz ist m.E. in den ruhigeren Stellen sehr entrückt, extrem leise und langsam. Das mag man faszinierend finden, mir fehlt beim Ganzen ein wenig der Zug, der das Ganze zusammenhält (23 min. ist nicht sehr langsam, aber es wirkt auf mich stellenweise so und droht mir zu zerfallen). Toller Klang, aber wirklich wild?
    Der zweite Satz ist sehr gut (auch wenn mich die extreme pianissimo-Dynamik aus praktisch-technischen Gründen nervt, beim pizzicato-Abschnitt kann man schon wieder hochdrehen). Der dritte auch gut, wobei der Ausbruch m.E. lauter als dramatisch ist. Akzentuierung der Pauke am Anfang etwas ungewohnt, aber das müsste ich nachsehen, sollten die ersten beiden Töne nicht genauso betont werden wie die späteren Figuren? Urlicht m.E. nicht außergewöhnlich. Mit dem Finale habe ich seit je gewisse Probleme (u.a. mit der Konzentration). Auch diesmal ging mein Fazit ein wenig in die Richtung, dass der Satz (und vielleicht die ganze Sinfonie) doch kein so großartiges Werk ist, wie sie gerne wäre... Nicht zuletzt wegen des hervorragenden Klangs faszinierte mich der instrumentale Teil diesmal jedoch eher mehr als gewohnt, kam mir auch im Verhältnis zum Kopfsatz dramatischer vor.
    Im Chorteil wieder für mich am Anfang beinahe zu "entrückt", extrem leise und breit im Tempo über lange Strecken. Erstaunlich rhetorisch und dramatisch dann die kurze Szene mit dem Vokalsoli ("O glaube" usw. wobei ich die Sängerinnen nicht unbedingt überragend finde) und am Ende natürlich die fette Dynamik. Dem Eindruck kann man sich kaum entziehen.
    Wie gesagt dürfte das keine Frage der Interpretation sein, aber spätestens beim Chorteil des Finales ertappe ich mich doch mitunter bei dem Gedanken, ob das nicht teils ein ziemlicher Schmarrn ist... (nicht wegen des religiösen Textes, bei Bach denke ich so was nicht) bei allem Respekt, meine Hochachtung für Beethovens 9. steigt mit jedem Hören von Mahlers 2. ein wenig an...(was beim Hören der 9. Beethoven passiert...?)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich werde den hier weiter oben schon mehrfach erwähnten Jonathan Nott mit dem Deutschen Sinfonie-Orchster Berlin sowie den Solistinnen Anne Schwanewilms und lioba Braun in Essen live erleben und mir selbst ein Bild machen.


    Liebe Grüße


    Willi ^^

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  • Ich habe nun aus meinen neu erworbenen Bernstein/Mahler/DVD-Boxen die Zweite gehört und gesehen. Dieses Live-Konzert fand statt in der Kathedrale von Ely, in Cambridgeshire, nordnordöstlich von London. Ein gewaltiger Bau, der eine großartige Akustik hat und von seiner Geschichte her bestens geeignet ist für die "Auferstehungssinfonie" von Gustav Mahler. Ely wurde 673 gegründet, und der Bau der Kathedrale, die offiziell "The Cathedral Church of The Holy and Undivided Trinity" heißt, wurde angeblich im gleichen Jahr von der Heiligen Etheldedra, der Königin von Northumbria, die zugleich Äbtissin des dortigen Benediktinerklosters gewesen sein soll, begonnen.
    Bernstein hatte für diese Aufnahme das London Symphony Orchestra zur Verfügung, von dem ich in meiner Mahler-Sammlung noch die Neunte unter Sir Georg Solti habe, sowie den Edinburgh Festival Chorus. Als Solistinnen fungierten Sheila Armstrong, Sopran, sowie die legendäre Mahler-Sängerin Janet Baker.
    Bernstein, von dem ich die Zweite noch in der ersten Einspielung mit dem New York Philharmonic aus dem Jahre 1963 sowie in der zweiten Einspielung aus dem Jahre 1986 habe, war in dieser Aufnahme 1973 auf dem Höhepunkt seines dirigentischen Könnens, was allerdings schon 1963 abzulesen war. Diese Live-Aufnahme ist vom ersten Moment mit diesem unnachahmlichen, abrupten Einsatz in die tiefen Streichern bis zum Schluss atemberaubend, und ich habe von einigen Live-Zweiten, die ich bisher gesehen habe (Nagano, Lübeck, Sloane, Essen, Nott, Essen, Rattle, Berlin), noch keinen Dirigenten erlebt, der sein Orchester, den Chor und die Solistinnen so mitgerissen hat wie Bernstein, der letztlich auch am Schluss "Sterben must du um zu leben" selbst so in (kontrollierte?) Extase geraten ist wie er. Wenn es einen geringen Wermutstropfen gab, dann war es die Aussprache des englischsprachigen Chores, was dieser aber durch Einsatz wieder wettgemacht hat.
    Sheila Armstrong machte ihre Sache sehr gut, und Dame Janet Baker war zum Niederknien. Sie ist sicherlich von allen Mahler-Sängerinnen im Mezzo in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Christa Ludwig an erster Stelle zu nennen.
    Das Orchester war durch die Bank hervorragend, besonders hervorzuheben waren die Pauken und die Blechbläser, welch Wunder, aber auch die tiefen Streicher mit ihrem ruppigen Ton waren hervorragend. Enttäuscht hat keiner der Beteiligten, und der Gesamtklang war wieder sehr transparent. Nun ist es natürlich ein Vorteil, wenn das Ohr durch die Eindrücke des Auges so gut unterstützt wird und die Strukturen des Werkes so viel besser erlebbar und greifbar werden.



    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup:

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  • Lieber Willi,


    Danke für Deine schöne Beschreibung! :hello: Früher kam ich mit der epischen Breite von Bernstein nicht so zurecht - heute gefällt mir das sehr gut! Ist diese Video-Aufnahme eigentlich identisch mit der in der DGG-CD-Box?


    Schöne Grüße
    Holger

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  • Lieber Holger,


    die DG-CD-Aufnahme ist nicht identisch, sondern entstand mit dem New York Philharmonic, stammt aus den späten 80ern (Okt. 1987) und ist schon digital. Ich halte allerdings beide Bernstein-Aufnahmen auf DG für exzellent.


    Beste Grüße
    Joseph
    :hello:

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    – Luís de Camões

  • Lieber Holger,


    ergänzend zu Joseph darf ich vielleicht noch hinzufügen, dass auch die erste Aufnahme Bernsteins aus dem Jahre 1963 mit dem New York Philharmonic ausgezeichnet ist und auch noch nicht so "episch breit", obwohl ich gestern beim Hören und Sehen nicht den Eindruck von epischer Breite hatte, dann eher bei der 1986er Aufnahme. Ich will dir zur Orientierung mal die Spielzeiten dieser drei Aufnahmen gegenüberstellen:


    Bernstein 1963: 23:55-11:38-10:04-5:28-33:44 (84:49 min.);
    Bernstein 1973: 26:54-09:34-11:20-7:18-34:40 (89:46 min.);
    Bernstein 1986: 24:53-12:04-11:24-6:18-38:38 (93:17 min.);


    Ich habe mir auch überlegt, ob die zweite Aufnahme wohl deswegen länger gewesen wäre, weil Bernstein da 10 Jahre älter war, aber er war bei dieser Aufnahme noch so im Saft, dass wohl nur die besondere akustik der Ely Cathedral (Nachhall) eine längere Spielzeit erforderlich gemacht haben könnte. Die längere Spielzeit war eher bei der 1986er Aufnahme auf das Alter und vor allem auf seine Krankheit zurückzuführen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Geht es um die Referenzaufnahmen dieses Werkes gigantischen Ausmaßes, so darf auch hier der Name Sir John Barbirolli nicht unter den Tisch gekehrt werden.


    Es gibt tatsächlich keine Studioaufnahme der "Auferstehungs-Symphonie" von Barbirolli, dafür aber drei Live-Aufnahmen, von denen es zumindest zwei auch auf CD geschafft haben.


    Mahler: Symphonie Nr. 2 "Auferstehungs-Symphonie"
    Victoria Elliott
    Eugenia Zareska
    The Hallé Choir
    Hallé Orchestra
    Sir John Barbirolli
    Free Trade Hall, Manchester, 12. März 1959
    (Link)


    Mahler: Symphonie Nr. 2 "Auferstehungs-Symphonie"
    Janet Baker
    Maria Stader
    Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin
    Berliner Philharmoniker
    Sir John Barbirolli
    Philharmonie, Berlin, 3. Juni 1965

    Mahler: Symphonie Nr. 2 "Auferstehungs-Symphonie"
    Helen Donath
    Birgit Finnilä
    Südfunk-Chor
    Chor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
    Radio-Sinfonieorchester Stuttgart
    Sir John Barbirolli
    Konzerthaus Liederhalle, Stuttgart, 5. April 1970

    Bereits vor über einem Jahr habe ich seine ganz späte Aufnahme aus Stuttgart an anderer Stelle gewürdigt. Die Bewertung unterschreibe ich auch heute noch ohne Vorbehalt.


    Die Berliner Aufnahme kenne ich noch nicht, bin aber auf einen Direktvergleich gespannt.

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    – Luís de Camões

  • Ein sehr wertvoller Hinweis, lieber Joseph, da ich ja nicht nur Bernstein und Tennstedt (und andere) bei Mahler verehre, sondern auch Barbirolli, werde ich mir bei Gelegenheit beide anschaffen. Sind denn beide in Stereo?


    Liebe Grüße


    Willi ?(

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    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

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  • Lieber Willi,


    Stuttgart 1970 ist definitiv Stereo, Berlin 1965 offenbar nur Mono (schreibt zumindest jemand bei Amazon.com).


    Beste Grüße
    Joseph
    :hello:

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    – Luís de Camões

  • Nach langer Zeit habe ich mich mal wieder getraut, die Symphonie aufzulegen. Und zwar die aus der Box von Leonard Bernstein, New York Philharmonic, also doch wahrscheinlich eine ganz ernstzunehmende Aufnahme.
    In letzter Zeit gefiel mir Mahler auch immer besser, die 1. die 5. und auch die 6. hörte ich immer häufiger. Aber die 2.! Das ist alles so gewollt, so zusammengestückelt. Das ergibt für mich einfach überhaupt kein Ganzes. Immer mal wieder eine Melodie, ein Bogen, ein kleines Solo oder was weiß ich und es ergibt für mich einfach keinen Sinn. Das ist manchmal schön, aber meist einfach egal. . Ne! Tut es nicht!


    Tschö
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Nicht mal der letzte Satz, lieber Klaus? Das ist doch nicht nur ein Höhepunkt von Mahler, sondern der gesamten Symphonik. Meistens bin ich ganz ergriffen dabei, zuweilen gar zu Tränen gerührt. So geht es mir auch noch beim letzten Satz der 3. Symphonie von Mahler. Und es ist nie dem "Kitsch" nahe. Das ist wohl die wahre Kunst.


    LG
    Joseph

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    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Und zwar die aus der Box von Leonard Bernstein, New York Philharmonic, also doch wahrscheinlich eine ganz ernstzunehmende Aufnahme.
    In letzter Zeit gefiel mir Mahler auch immer besser, die 1. die5. und auch die 6. hörte ich immer häufiger. Aber die 2.! Das ist alles so gewollt, so zusammengestückelt.

    Besonders Bernstein nimmt die 2. Mahler sehr episch breit - dann wird es eher romanhaft episodisch. Du müßtest Dir mal eine Aufnahme mit ganz anderem Interpretationsansatz anhören, die den "dramatischen Zug" betont, dann wirkt diese Symphonie wie aus einem Guß. Meine Empfehlung: Die grandiosen Aufnahmen von Vaclav Neumann mit der Tschechischen Philharmonie (Supraphon und Exton).


    Schöne Grüße
    Holger

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  • Hallo Josef! Nun ja, zugegebenermaßen ist der letzte Satz mit Sicherheit der beste, er könnte mir auch gefallen. Tatsächlich ist es hauptsächlich der 1, der mir schon den ganzen Spaß nimmt.
    Und HOlger!
    Ich kenne wirklich nur diese Fassung, wahrscheinlich muss ich da mal wieder Geld ausgeben.


    Danke Euch beiden.
    Tschö
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Ich kenne wirklich nur diese Fassung, wahrscheinlich muss ich da mal wieder Geld ausgeben.

    Lieber Klaus, wenn Dir diese Symphonie in der Einspielung von Leonard Bernstein so wenig gefällt, befürchte ich, kannst Du Dein Geld sparen, denn dann wirst Du vermutlich keine finden, die Dich voll befriedigt. Die drei Einspielungen von Bernstein (auf der Kassette ist die 2te) gelten unter Mahler-Verehrern als mit die gelungensten und faszinierendsten überhaupt. Diese Einspielung war für mich das "Erweckungserlebnis" schlechthin, das mich von der Popmusik zur Klassik "konvertiert" hat. Es gibt natürlich viele andere tolle Einspielungen z.B. von Walter, Klemperer oder die oben erwähnte von Neumann.



    Von den neueren kann ich die mit Jurowski empfehlen. Aber trotz unterschiedlicher Ansätze bleibt die Musik die gleiche. Ich muss zugeben, dass ich diese Symphonie nur noch selten höre, da ich sie etwas zu oft gehört habe. Aber wenn ich sie dann mal wieder höre, ist das Gänsehaut-Feeling wieder da.

  • Besonders Bernstein nimmt die 2. Mahler sehr episch breit - dann wird es eher romanhaft episodisch.


    Das gilt vor allem für die DG-Version, die erste Einspielung mit den New York Philharmonics ist deutlich straffer.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Die "straffste" ist vermutlich nach wie vor Klemperers Aufnahme mit dem Concertgebouw (VOX 1951); die dauert meiner Erinnerung nach ca. 72 min... aber auch die bekannte EMI-Studio-Aufnahme bleibt knapp unter 80 und wäre jedenfalls eine "objektivere" Alternative zu Bernstein u.ä.

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    (Bob Dylan)

  • Die Aufnahme von Leonard Bernstein / New Yorker PH (SONY) schätze ich ganz aussserordentlich als eine der besten Mahler-Aufnahmen aus der ganzen Bernstein - GA.
    :thumbsup: Aber trotzdem schlägt bei mir die Solti-Aufnahme / Chicago SO (Decca) nach wie vor ein, wie eine Bombe. Nirgendwo finde ich (die ganze Sinfonie und) den letzten Satz packender als bei ihm. Erst voriges Jahr kurzem habe ich die hochgelobte Aufnahme mit Metha (Decca) erworben (aber eigendlich nur wegen Schmidt Sinfonie Nr.4 gekauft). Auch eine TOP-Aufnahme - aber auch hier letztendlich - nix gegen Solti !!!


    Solti ist gefühlsmässig natürlich auch einer der straffen: 20:53 - 11:20 - 10:22 - 4:51 - 34:01 (nur von der gerechneten Spielzeit nicht) ~ 81Min


    Ich habe die GA ! :angel: Yeah !
    Decca, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

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