Bruckner, Anton: Streichquintett

  • Morgen,


    unerwartet möglicherweise, aber zum Schubert und dessen Kammermusik passend, nenne ich das Streichquintett von Anton Bruckner als eine Musik eigener Art: man könnte meinen, es sei ein Versuch, die Musik in die Fläche zu projizieren, kein brennender Dornbusch diesmal von Bruckner, spröde und fahl in der Tonalität (f-moll?). Ganz selten zu hören.


    Meine Schallplatte: Heutling Quartett, mit Heinz-Otto Graf zweite Viola. SZt. war das Heutling Quartett eine der führenden deutschen Quartettvereinigungen langer Dauer. Die Herren spielten damals auch den gesamten Schubert, kein Wunder bei deren Können.


    MfG
    Albus

  • Tag,


    ich komme zurück auf die Tonart des Streichquintettes; das Werk ist in F-Dur, in F-moll ist ledigkich der ausladende letzte Satz, ein Finale, in dem Bruckner seine Fugierungskunst spielen läßt.


    MfG
    Albus

  • Nicht eine verkappte Sinfonie, sondern eines der schönsten Werke spätromantischer Kammermusik ist Anton Bruckners Streichquintett.
    Die wenigen Aufnahmen und die noch wenigeren Live-Konzerte dieser wunderbaren, durchdachten und dennoch tief empfundenen Kompositon lassen nichts von der Bedeutung dieses Werkes ahnen...


    referenzcharakter hat hier die Einspielung des Raphael-Ensembles des bei britischen Label Hyperion:



    Es existieren auch Orchesterfassungen des Werkes, aber wozu ? Es git von Bruckner genügend stark besetzte Arbeiten und die Stärke des Stücks ist seine geistige und klangliche Transparenz.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo


    Ich möchte noch auf diese CD verweisen. Sie gesellt zu dem Quintett F-Dur noch das Quartett c-moll und ein Intermezzo sowie ein Rondo für Quartett. Ich finde es aber ein wenig komisch, Bruckner auf "historischen" Instrumenten zu spielen. Dennoch sehr schön, Top-Digitalqualität. Producer: Wolf Erichson


  • Hallo!


    Ein statement, das man hin und wieder hört, ist, daß gute Sinfoniker auch gute Streichquartette komponieren und umgekehrt.
    Bei Bruckners Streichquintett, das ich gerade näher kennenlerne, geht es mir zumindest so wie bei seinen Symphonien: schwerer, langsamer Zugang, aber doch faszinierend.
    Dabei ist es kein "sinfonisches", den Rahmen der Kammermusik sprengendes Werk, sondern subtile, intime Kammermusik.
    Bruckner komponierte das viersätzige ( 1. Gemäßigt. Moderato - 2. Scherzo: Schnell - 3. Adagio - 4. Finale: Lebhaft bewegt ) Werk 1879, also zwischen der fünften und sechsten Symphonie.
    Meine Aufnahme ist folgende:


    Viele Grüße,
    Pius.

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  • Hallo, Kamil!


    Ich kann leider keine Empfehlung das Verdi-Quartett betreffend aussprechen. Ich kenne nur die Amadeus-Quartett-Aufnahme, und eigentlich nicht mal die richtig. Das werde ich aber nachholen.
    Ich glaube aber, mit dem Amadeus-Quartett kann man da nicht viel falsch machen.


    [Edit: gehört und für gut befunden!]


    Das Bruckner-Quintett kennst Du, vielleicht gar mehrere Aufnahmen?
    Dann wäre ein statement hier schön!


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Vergangenen Sonntag habe ich das Stück im Konzert mit dem Leipziger Streichquartett + Hartmut Rohde (2. Viola) gehört - eine ganz starke Leistung, die eindeutig den Sinfoniker Bruckner im Blick hatte. Jetzt höre ich gerade die Uraltaufnahme mit dem Amadeus-Quartett + Cecil Aronowitz und muß sagen, daß mich der mehr kammermusikalische Ansatz nicht so überzeugt. Erst im Finale gewinnt die Interpretation brucknersche Statur.


    Es ist sehr bedauerlich, daß dieses Quintett so selten auf dem Podium und im Radio zu hören ist.

  • Hallo,


    da das Leipziger Streichquartett jetzt auch eine Tonaufnahme dieses Werks veröffentlicht hat, hier meine Eindrücke im Vergleich zum Melos-Quartett und zum Amadeus-Quartett:


    Der Grundansatz des Leipziger Streichquartettes erscheint mir lyrisch geprägt. Es wird ausgeprägt phrasiert, wobei mir die Bildung langer Phrasen plausibel und richtig erscheint. Melos- und Amadeus-Quartett spielen kürzere Phrasen und stärker rhythmusbetont, wobei mir Betonungen einzelner Noten oft übertrieben vorkommen, man findet richttiggehende Drücker.
    Beim Leipziger Streichquartett treten nach meinem Dafürhalten bisweilen Nebenstimmen über Gebühr hervor, so daß der Zusammenhalt des Stückes darunter leiden kann, allerdings hält sich dies in Grenzen. Übergewichtete Nebenstimmen sind eine Schwäche, die ich auch bei vielen Aufführungen von Bruckners Sinfonien finde.
    Vibrato wird durchaus gezielt als Stilmittel eingesetzt, allerdings scheint mir insbesondere der Primarius des Quartetts manchmal zu übertreiben. Weniger wäre oft mehr, allerdings kommen m.E. fast alle Streicher heutzutage etwas "vibratokrank" von der Uni.


    Der lyrische Ansatz mit langen Phrasen erscheint mir diesem Werk angemessener, als das kurzphrasige Spiel, das Drücken und die Betonung des Rhythmus bei Melos und Amadeus, was ich als lästig empfinde.


    Vom Klangibld her ist die Aufnahme (Dabringhaus&Grimm / Deutschlandradio Berlin) ein Kind dieser Zeit und leidet unter Halleritis, einer Krankheit, die fast alle neueren Kammermusikaufnahmen zu befallen scheint. Unter dem reichlichen Nachhall leidet die Transparenz des Satzes ein wenig, zudem überdeckt er Feinheiten der Artikulation (sofern vorhanden....), insgesamt ist das Klangbild vergleichsweise diffus.


    Die alte Aufnahme des Amadeus-Quartetts (1965, Beethoven-Saal Hannover) erscheint mir vom Klangbild her wesentlich überzeugender, trockener, transparenter, präsenter und hat dennoch einen ausgeprägteren Entfernungseindruck (wirkt keineswegs zu "nah"). Das ist auch logisch, denn Entfernung entsteht durch diskrete Reflexionen, die in zuviel Hall untergehen.


    Gruß


    Andreas

    De gustibus non est disputandum (über Geschmäcker kann man nicht streiten)

  • Hallo!


    Bruckner komponierte sein Streichquintett 1878/79 auf Wunsch und Anregung des Hellmesberger-Quartetts (der gleichnamige Primarius ahnte wohl Bruckners Talent für Kammermusik).
    Das Ensemble lehte das Werk jedoch ab - offiziell wegen eines angeblich nicht spielbaren Scherzos (oder waren sie enttäuscht darüber, daß sie sich für die Aufführung einen weiteren Bratscher hätten suchen müssen?).
    Bruckner ersetzte das Scherzo dann durch ein d-moll-Intermezzo, welches in unten abgebildeter Aufnahme miteingespielt ist.
    Als es dann 1885 doch zur Aufführung durch das Hellmesberger-Quartett kam, war das Scherzo plötzlich doch spielbar und der Alternativsatz wurde überflüssig.
    Auch mir gefällt das Scherzo besser als das Intermezzo (welches aber nicht schlecht ist!), vor allem auch weil es einen besseren Kontrast zum Adagio bildet.
    Dieses Adagio in Ges-dur ist sicher der herausragende Satz des Quintetts, und angesichts dieser kammermusikalischen Perle ersten Ranges ist es unendlich schade, daß Bruckner keine weiteren großen Werke (bzw. "Hauptwerke"; diesen Begriff verwendete er selber, um seine wichtigsten Kompositionen hervorzuheben) für Kammermusikbesetzung komponierte.
    Vom Musikkritiker Theodor Helm stammt das Zitat:
    Dieses Adagio wirkt ungefähr so, als wäre es ein erst jetzt in Beethovens Nachlaß vorgefundenes, aus letzter zeit des Meisters stammendes und von dessen vollster Inspiration beseeltes Stück.
    Und tatsächlich, ich hatte einst, ein Stück aus dem Adagio hörend, die Überzeugung, gerade etwas aus einem spätes Beethoven-Quartett gehört zu haben, legte mich gar auf den langsamen Satz aus op. 135 fest.
    Der Irrtum war mir erst peinlich, aber dann habe ich die beiden Sätze bewußt verglichen und halte sie für nahe Verwandte im Geiste. Hätte Beethoven noch ein Streichquintett op. 139 mit einem Adagio-Satz komponiert, er hätte wirklich klingen können wie der Bruckner-Satz.


    Viele Grüße,
    Pius.


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  • Hallo!


    Lohnt sich der Kauf dieser neu erschienenen CD allein zum Kennenlernen des frühen Streichquartetts? Oder ist das Werk dann doch zu unbedeutend im Vergleich zum Quintett?
    Wie ist die Aufnahme zweiteren Werks des Fine Arts Quartet im Vergleich zu beispielsweise Amadeus Q. oder Melos Q. ?
    (Die Antwort hat Zeit, die CD kam ja gerde erst raus)



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius
    Lohnt sich der Kauf dieser neu erschienenen CD allein zum Kennenlernen des frühen Streichquartetts? Oder ist das Werk dann doch zu unbedeutend im Vergleich zum Quintett?


    m.E. ja. Das ist so ähnlich wie Sinfonie Null oder Doppelnull gegen die 7. Für Komplettisten, sonst vernachlässigbar.
    (Aufnahme mir unbekannt; ich habe es ebenfalls als Füller fürs Quintett (Archibudelli/Sony)



    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo,
    die Aufnahme mit dem Amadeus Quartett und C.Aronowitz ist für mich eine der führenden - besonders der 3. Satz -Adagio wird hier besonders berührend gestaltet.
    Dieser langsame Satz enthält für mich am Schluß eine der schönsten Passagen für die 2.Violine , die je geschrieben wurde - und Siegmund Nissel spielt diese einfach unvergleichlich.
    Daneben hoffe ich auf eine Wiederveröffentlichung der alten Koeckert-Aufnahme mit Georg Schmid 2. Viola , die etwas robuster interpretiert wird,aber m.E. der Amadeusaufnahme ebenbürtig ist.
    Viele Grüße
    Santoliquido

    M.B.

  • Zitat

    Original von santoliquido
    Daneben hoffe ich auf eine Wiederveröffentlichung der alten Koeckert-Aufnahme mit Georg Schmid 2. Viola...



    Endlich ein Fan!


    Dein Wunsch ist bereits hier dokumentiert.


    Vielleicht schaffen wir's ja mit einem Protestmarsch oder Hungerstreik oder sowas.



    audiamus

  • Hallo audiamus,
    bei dem Protestmarsch und beim Hungerstreik (kann mir z.Zt. nicht schaden) bin ich sofort dabei.
    Die alten Aufnahmen mit dem Koeckert-Quartett sind durchwegs auf hohem bis höchstem Niveau und stellen trotz technikbedingter Einschränkung einen Großteil von Neueinspielungen in den Schatten.
    Das Bruckner'sche Streichquartett interpretiert von den Koeckerts schlummert übrigens im BR-Archiv.
    Viele Grüße
    Santoliquido

    M.B.

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  • Gestern spielte das Mandelring Quartett samt Verstärkung in der Laeiszhalle neben Mozart und Schostakowitsch auch Bruckners Streichquintett in F-Dur. Ein Werk, das ich zuvor nur ein einziges Mal gehört hatte und das einen zwiespältigen Eindruck bei mir auslöst. Zum einen hat es wunderbare Stellen und ist durchgehend ganz typisch Bruckner. Zum anderen empfinde ich seinen Stil häufig als unpassend für Kammermusik. Im Gegensatz zu einigen Vorschreibern im Thread empfinde ich das Werk dann doch eher als 'verkappte Sinfonie'. Vielleicht auch nur, weil ich Bruckners Stil halt durch Vorprägung immer sinfonisch höre. Aber ich finde, dass es in dieser Musik typische Elemente von Bruckners Kompositionstechnik gibt - an allen Ecken und Enden kommen mir Assoziationen zu verschiedenen Sinfonien - die im großen spätromantischen Orchester besser aufgehen, als mit fünf einzelnen Streichern. Zum Beispiel abgestufte Terrassendynamik, orgelartige Registerbehandlung der Instrumente oder extreme Forte-Stellen in Oktaven.


    Deshalb habe ich mal gegoogelt, ob es Bearbeitungen für größere Besetzung gibt - was natürlich der Fall ist. Ich bin eigentlich überhaupt kein Freund solcher Bearbeitungen, kann z.B. auch nichts mit Schönbergs Brahms-Bearbeitungen anfangen. Aber Brahms empfinde ich eben als vollendete Kammermusik - Bruckner nicht. Tatsächlich hat mir diese Hamburger Interpretation für Streichorchester unter Nagano besser gefallen, als das Original. Ein quasi einmaliges Urteil bei mir...


    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Ich kenne das Bruckner-Quintett zwar schon lange, aber nicht besonders gut. Niemand wird zahlreiche Ähnlichkeiten mit den Sinfonien bestreiten. Allerdings vermeidet Bruckner meiner Erinnerung nach weitgehend Techniken, die mich oft eher stören, weil ein Quartett oder Quintett "künstlich groß" gemacht werden soll. zB Tremoli oder exzessive Doppelgriffe. Das Franck-Quartett ist IMO ein solcher Fall.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
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    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Gerade höre ich diese Aufnahme des Streichquintetts in F-Dur mit dem Leipziger Streichquartett, hier verstärkt durch den Violinisten Hartmut Rhode:


    My03MjkyLmpwZWc.jpeg


    Es wird auf höchstem Niveau musiziert, und die Tontechnik fängt die Klangfarben sehr natürlich und angenehm ein.

    Für meinen Geschmack hätte man ein bisschen mehr Hallanteile hinzugeben können, aber es ist auch so gut.


    Wenn man seine Symphonien kennt, könnte man tatsächlich nach einiger Zeit recht gut erraten, wer wohl diese Musik komponiert hat.

    Da ich die Symphonien Bruckners sehr mag, freut es mich natürlich, durch Zufall diese Musik nunmehr kennenlernen zu können.


    Einen JPC-Link habe ich nicht finden können.

    Ich höre das Werk im Moment über TIDAL...


    Gruß:hello:

    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Wenn man auf die Zeile "Auch nicht erhältliche Artikel einblenden" klickt, erscheint auch diese CD in der Übersicht:


    „In sanfter Extase“ - Richard Strauss (Alpensinfonie, Ziffer 135)

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