Heinrich Schütz

  • Die oben empfohlene Aufnahme der Musikalischen Exequien - demnächst in unserem Haus in der Reihe "Alle sprechen über..." - gibt es in zwei verschiedenen Ausgaben. Amazon gibt für die links abgebildete CD 1994, für die rechts abgebildete 2005 als Erscheinungsjahr an.



    Weiß jemand, ob die Aufnahme für die neuere Ausgabe remastered worden ist, also besser klingt?


    Viele Grüße
    Thomas

  • Diese Aufnahme ist 1993 erschienen und war von so guter Qualität, daß eine Überarbeitung Unsinn wäre. Es handelt sich aber in jedem falle um die Einspielung aus 1993 !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo BBB,


    ich verstehe, wer Schütz bis in seine letzte Komposition verehrt, dem wird was fehlen, aber sonst sind alle wichtigen Werke vorhanden, von op. 1 angefangen.
    Ich wundere mich-im Gegenteil- wie viele Aufnahme es zB vom Schwanengesang gibt, 1985 mit Knothe beginnend.


    Ich kenne kein " grosses Werk" von ihm , zu dem es nicht passable Aufnahmen gibt, ob sie nun von Gardiner,Herreweghe, cantus cölln,Bernius oder wem auch immer kommen.


    Schöne Grüsse
    Sagitt

  • Hallo Sagitt,


    ich glaube, wir haben uns hier wohl missverstanden; ich definiere die WICHTIGSTEN Werke Schützens als jene, die er höchstselbst autorisiert hat und im Druck erscheinen liess. Und da vermisse ich die "Zwölf geistlichen Gesänge", 1657 erschienen, wirklich schmerzlich. Dafür halte ich anders Veröffentlichtes für durchaus entbehrlich, wie die bei CPO erschienenen "Weltlichen Werke", die schlagartig klarmachen, WER für das Fehlen groß angelegter Kompositionen zum "weltlichen Musizieren" verantwortlich zeigt, nämlich kein geringerer als der Komponist persönlich, der wohl gründlich dafür gesorgt hat, daß weder die "Daphne" aus 1627 noch die für den Dresdner Hof verfassten "Maskenspiele mit Mummenschanz und Gesang" auf uns gekommen sind,(dem Himmel sei Dank !), hätte sich doch Schüttz damit der (deutlich überlegeneren) Konkurrenz aus Italien stellen müssen. Weder die z.T. wirklich "jenseitigen" Texte noch die darin vorgegebenen Parameter für die Musikgestaltung hätten auch nur annähernd mit Monteverdis Arbeiten auf diesem Gebiet mithalten können und Schütz wusste das sehr genau...


    Ob sich in dem gedruckten Deckblatt mit des Sagittarius handschriftlicher Notiz
    wirklich das "Opus Ultimum" des "Urvaters der deutschen Musik" vom in Grimma (verändert) überlieferten "Deutschen Magnificat" abgesehen befindet, oder ob es sich hier um das Werk des Schütz-Schülers Christian Dedekind handelt, der sich annähernd zeitgleich ebenfalls der Komposition von Psalm 119 widmete, kann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt beantwortet werden. Die seltsame Ortographie "Schüzze", "Schützius" (sic. !) -Schütz war immer der Sagittarius und die so völlig andere, viel expressivere Sprache der in Uppsala überlieferten, späten
    Schütz-Werke
    lassen zumindest genügend Raum für Skepsis und Spekulation und so etwa deute ich auch die Ablehnung von Manfred Cordes, sich des "Schwanengesanges" als Interpret zu verweigern.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)


  • Hallo Sagitt!
    Ehrlich geasgt, das wundert mich. Wann hat er das denn gesagt? Ich meine Rademann hat den Zyklus (fast?) immer vollständig aufgeführt.


    Wer ihn aktuell mit Schütz erleben möchte hat dazu in nächster Zeit öfters Gelegenheit:


    -Do. 17.07.2008, 20:00 Uhr, Dresden, Dreikönigskirche
    Heinrich Schütz: Geistliche Chormusik /öffentliche Generalprobe


    - Fr. 18.07.2008, 20:00 Uhr, Koblenz, Basilika St. Kastor "RheinVokal. Das Festival am Mittelrhein"
    Heinrich Schütz: Geistliche Chormusik, 1648
    link

    - Sa. 23.08.2008, 19:00, Stiftskirche, Stuttgart "Europäisches Musikfest Stuttgart"
    Heinrich Schütz: Der Schwanengesang
    link


    alle Termnine: Dresdner Kammerchor/ Leitung: Hans-Christoph Rademann


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Hallo,pt_concours


    Meines Wissens nach führt Rademann den "Schwanengesang" immer vollständig auf, bei der "Geistlichen Chormusik" achtet er jedoch darauf, daß das Programm als ganzes nie länger als 90 Minuten dauert, was bedeutet, daß er von 29 Motetten im Konzert etwa jeweils 10 NICHT zu Gehör bringt, aber wer unbedingt ALLE auf einmal hintereinander hören möchte, dem sei hier noch einmal Rademanns Gesamteinspielung der Motetten empfohlen:


    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Sagitt meint:


    Es war eine Rindfunkübertragung im Festival-Sommer beim NDR. Ich hörte es ,mehr zufällig, und war erstaunt,nur deswegen habe ich es behalten.


    Umso besser, wenn er es komplett aufführt.


    Zum Thema Aufführen. Ich finde den Schwanengesang hinreissend, und deswegen aufführenswerter als manches andere, das Manfred Cordes ausgegraben hat.


    Als Musik-Freund teile ich diesen Purismus überhaupt nicht. 1619-1648-1671- das ist für mich ein Drei-Gestirn.

  • Hallo!


    Kann mir jemand eine gute Aufnahme der Johannespassion empfehlen?
    Ich kann die bei JPC verfügbaren Aufnahmen nicht einschätzen.
    Wie ist es z.B. mit der hier?



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo Pius,


    kannst Du etwas mit dem sächsischen Chorklangideal der Mauersbergers anfangen? Diesem ist nämlich auch Martin Flämig verpflichtet gewesen. Wenn ja, ist diese Aufnahme ein solides Fundament, ohne dass ich hier von Referenz sprechen würde ( eine solche kenne ich nicht), erwartes Du schlanken, dynamischen HIP- Klang, solltest Du weitersuchen...


    In jedem Fall hat der Kreuzchor eine der beachtlichsten Traditionen
    der Schütz- Pflege vorzuweisen - in Dresden stand er eigentlich immer auf den Programmen!


    Gruß
    Stefan

    Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!

  • Im Gegensatz zu anderen Zentralwerken des Sagittarius sind Einspielungen der Johannes-Passion derzeit eher rar.Dem hier sprödem und minimalistischem Charakter des Werkes ist die Flämig-Aufnahme durchaus angemessen, wogegen ich von anderen Einspielungen des Mauersberger-Nachfolgers eher abrate, weil unter seiner Egide der so charakteristische Klang des Kreuzchores (ob gewollt oder ungewollt) Schaden genommen hat.


    Vorbehaltlos kann ich derzeit nur die Aeolus-Einspielung des Mümchner Vokal-Ensembles unter Martin Zöbeley empfehlen, die eine klangschöne und gut durchhörbare Interpretion es Werkes bieten, ergänzt durch selten zu hörende Motetten aus dem Spätwerk des Komponisten:


    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Im Gegensatz zu anderen Zentralwerken des Sagittarius sind Einspielungen der Johannes-Passion derzeit eher rar.Dem hier sprödem und minimalistischem Charakter des Werkes ist die Flämig-Aufnahme durchaus angemessen, wogegen ich von anderen Einspielungen des Mauersberger-Nachfolgers eher abrate, weil unter seiner Egide der so charakteristische Klang des Kreuzchores (ob gewollt oder ungewollt) Schaden genommen hat.


    Hallo BBB,


    da interessiert mich Deine Fachmeinung sehr! Ich habe eine Reihe von Mauersberger- Aufnahmen aber auch einiges von Flämig und kann mit meinen Laienohren diesen Schaden nicht erkennen.Kannst Du mir vielleicht Beispiele nennen?


    Danke!


    :hello:
    Stefan

    Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!


  • Hallo BBB,


    die Antwort interessiert mich auch sehr.
    Anschliessen möchte ich noch mit der Frage, was Du mit "dem charakteristischen Klang des Kreuzchors" meinst? Handelt es sich wirklich um einen über Jahrhunderte nahezu unveränderte Traditionsklang- oder einfach nur um den Kreuchorklang unter Mauersberger? Dann würde sich schon eine weitere Frage anschliessen, ob den ein Nachfolger einfach nur das Werk seines Vorgängers fortfühhren soll (oder muss)? Ich vermute ja, jeder Kantor hat dem Chor seinen "eigenen Stempel" aufgedrückt, natürlich die einen mehr, die anderen weniger. Das Mauersberger da einer der prägenden Figuren war steht wohl außer Zweifel.


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
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    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Ich denke schon an den Chorklang, den Rudolf Mauersberger aus seinem Herkommen aus der "Singebewegung" und der Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik seit den 20ger Jahren geschaffen hatte und den er über die kriegs- und Nachkriegszeit "retten" konnte.


    Dieser ganz gewollt "antiromantische" Sound, kam einigen Werken sehr entgegen. komponisten wie Hugo Distler, Günter Raphael oder Kurt Hessenberg schrieben einige ihrer Werke speziell für DIESEN Chorklang.


    Mauersbergers Einspielung der "musikalischen Exeqien" zählt auch nach 40 Jahren noch zu den Referenzaufnahmen der Komposition.
    Details darüber würde ich gerne gelegentlich in einem Mauersberger-Thread, der auch den Komponisten RM berücksichtigen soll, ausführen.


    Flämig, eigentlich Mauerbergers Wunsch-Kandidat als Nachfolger, konnte in der späten Ulbricht-Ära nur über grössten Widerstand hin durchgesetzt werden und die Tatsache, daß Flämig schweizer Staatsbürger war, machte die Angelegenheit noch komplizierter. Flämig verfolgte letztendlich eine völlig andere Chorästhetik und etwa seit Beginn der 80ger des letzten Jahrhunderts klang der Kreuzchor "nur" noch wie einer von vielen anderen Knabenchören und die von mir immer als schön empfundene Linearität des mauersbergerschen Klanges war einer eher gesichts-und profillosen Schwammigkeit gewichen. Ich mag hier nichrt darüber spekulieren, welche die Ursachen dafür waren.


    Nach ersten "Irrungen und Wirrungen" der Nachwende-Zeit versucht nun Roderich Kreile an die Klangideale der Mauersberger-Ära anzuknüpfen.
    Der Chorklang hat insgesamt wieder deutlich an Plastiztät gewonnen, doch halte ich es für nicht unproblematisch, einem Klangideal hinterherzujagen, das aus einer gänzlich anderen Zeit stammt und dessen Voraussetzung bei der Entstehung ebenfalls völlig anders waren.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Lieber BBB,


    bitte kläre mich auf: Ich habe heute einen Zufallstreffer gelandet, nämlich



    um einen Preis, den ich mir gar nicht zu schreiben trau' (23 Euro...) und wüßte jetzt gerne von einem Experten, ob ich mir um dieses Geld doch lieber einen Cabernet Sauvignon Chateau de Fieuzal hätte kaufen sollen.
    :hello:

  • Hallo Edwin,


    die Experten werden schon noch antworten, heute morgen tue ich es erst mal: Du hast ein gut Werk getan! Ich habe diese Box seit 2 Jahren und muss sagen, dass sie sowohl als aufnahmehistorisches Schatzkästlein der Dresdner Eterna- Aufnahmen als auch in künstlerischer Hinsicht interessant ist. Zeigt diese Box doch ziemlich deutlich, was unter dem sächsischen Chorklang der damaligen Zeit zu verstehen war. Nicht alles klingt mehr taufrisch,vieles ist aber durch die herbe Schlichtheit zeitlos gut anhörbar.
    Und Dein Cabernet wartet bestimmt noch auf Dich!


    @ BBB: Als Fan der " Geistlichen Sommermusik" sowie der Christvesper und -mette würde ich mich sher über einen Mauersberger- Thread freuen!


    Gruß
    Stefan

    Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!

  • Lieber Edwin,


    die Box sollte man kennen, aber lies dir zu Mauersberger auch durch, was ich über ihn geschrieben habe. Komponisten wie Kurt Thomas, Kurt Hessenberg aber auch Johannes Weyrauch schrieben Vokalwerke für DIESEN Chorklang, der von der Orgel- und Singebewegung der 20ger Jahre, (H.H. Jahnn) herkommt. Den Wein kaufst Du Dir einfach ein andermal ! :D

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Mal eine andere Frage an die Schütz Experten.



    Seltsamerweise (und das ist ja nicht nur bei Schütz so) werden die Komponisten die in seinem direkten Umfeld, die teilweise sogar mit ihm zusammen arbeiteteten völlig vernachlässigt.



    z.B. Giovanni Andrea Bontempi (1624-1705) war ein Kollege von Schütz, mit dem er wohl oft und gerne zusammen arbeitete.
    Viele Hofballette und auch einige Opern entstanden in dieser Zusammenarbeit.
    Schütz wollte ihn ja auch als Nachfolger haben.


    Bontempi war, bevor er nach Dresden verpflichtet wurde, Sänger (Kastrat) in San Marco gewesen.
    Einigermaßen bekannt ist er aufgrund seiner Publikationen bezüglich Kompositionslehre.



    Aber soweit ich das sehe sind bisher keinerlei Werke auf CD eingespielt worden.
    Was eigentlich völlig unverständlich ist, da ja der größte Teil der weltlichen Musik von Schütz verloren ist, die Opern von Bontempi sind aber erhalten.


    Warum also interessiert man sich nicht dafür - gerade weil die Opern von Schütz ja perdu sind ?!
    Bontempi wäre doch die erste Adresse um vielleicht einen Eindruck erhalten zu können, wie die Oper am Dresdner Hof im 17. Jahrhundert gestrickt war .



    Ich weiß das wohl in den 1990er Jahren in Dresden der Versuch unternommen wurde, eine Bontempi Oper aufzuführen die "Musicalische Opera von Apollo und Dafne" (uraufgeführt 1671)


    Leider gab es von der Aufführung keine CD Produktion :(




    Bontempi wird ja auch im ganzen Forum nicht erwähnt - obwohl er ja nicht der unbekannteste Komponist sein dürfte.

  • Nun, auf die Frage zu Bontempi kann ich leider mangels Wissen nicht antworten. Trotzdem möchte ich gerne etwas über Schütz loswerden:


    Zitat


    Original von salisburgensis
    Tja, die französischen Ensembles machen´s vor, wie Schütz klingen kann.


    So ist es.
    Ebenso staune ich auch über so manche schöne Aufnahmen aus dem belgischen/flämischen Raum ( Stichworte Herreweghe /Kuijken) oder auch aus England.
    Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass viele gute Schütz-Aufnahmen aus dem nicht deutschsprachigen Ausland kommen, von Weser-Renaissance und Cantus Cölln einmal abgesehen.
    Schützens Name wurde ja in einer Rede des unsäglichen „Reichspropagandaministers“ in Deutschlands dunkelster Zeit frech vereinnahmt ( Bach übrigens auch) und damit in unzulässiger Weise in die Ecke der furchtbaren Deutschtümelei gedrängt.


    Die Umsetzung der Erkenntnisse zur historischen Aufführungspraxis in Bezug auf Interpretation, Instrumentation und auch Gesangstechnik/Stil sind aus meiner Sicht von unglaublicher Wichtigkeit für die Musik des Sagittarius.
    Als ich in den 80er-Jahren zum ersten Mal den Schwanengesang zuffällig in einem CD-Laden hörte, hat es mich zunächst aufgrund der gesanglichen und instrumentalen Qualität des Hilliard Ensembles und der Instrumentalisten fasziniert, und ich habe mein spärliches Taschengeld dafür gerne ausgegeben.
    Erst später erschloss sich für mich zunehmend die Klangsprache des Meisters und ich lernte die Qualität der Kompositionen selbst mehr und mehr zu schätzen.
    Was das Repertoire angeht, haben sich Leute wie Mauersberger sicherlich enorm verdient gemacht. Doch diese in meinen Ohren relativ stocksteife Art hätte mich wohl von der Musik eher abgeschreckt. Das ist mir viel zu flächig, dynamisch zu statisch, es könnte mehr atmen, zu viel einfallsloser Fortegesang uvm.
    Auch die Farbigkeit der alten Instrumente, die man auf heutigen CDs hören kann, vermisse bei diesen alten Aufnahmen.


    Wenn man es wirklich gut machen will, dann ist diese Musik sicherlich genauso wenig leicht zu singen und zu spielen wie jede andere grosse Kunst.
    Der eigentliche Grund, warum ich mich aktuell in den Schütz-Thread einschalte ist jedoch dieser:


    Momentan erarbeite ich mit einem Kammerchor in Norwegen ein Werk von J.H. Schein " Nun komm der Heiden Heiland" - ein herrlicher Satz.
    Als Nebenprodukt dieser Aktivität höre und lese ich viel Musik seines persönlichen Freundes Heinrich Schütz.
    Dabei kann ich tatsächlich nur staunen und nochmals staunen.


    Es hat bei mir eine neue Schütz-Phase ausgelöst!


    Schützens Musik ist von einer so hervorragenden Qualität. Klare Gedanken, eine dem Sprachrhythmus ideal angepasste Rhythmik, ausdrucksvolle und klare Harmonik, eine gestische und klangrednerische Melodik und die eindringliche Durcharbeitung/Durchführung eines Textes, das sind nur einige der Positiva die mir spontan einfallen.
    Wenn ich in Gottesdiensten Orgel spiele, dann ist mir an meiner eigenen Art zu harmonisieren/rhythmisieren und an einem kürzlich selbst geschriebenen Choralvorspiel zu "Zion hört die Wächter singen" aufgefallen, wie sehr mich seine Kompositionsweise und überhaupt der deutsche Stil seiner Zeit schon beeinflusst haben, und wie sehr ich diese frühbarocke Kirchenmusik eigentlich lieben gelernt habe.


    Bei der Frage der Lieblingskomponisten sieht es bei mir deswegen schon seit längerem so aus:
    Über allem schwebt selbstverständlich J.S.Bach – das wird sich für mich auch niemals ändern!
    Dann aber kommen schon Schütz (weil er auch das Alte genial mit der neuen Klangrede verbinden konnte) und Brahms ( weil er so ebenso genial das Alte mit der Klassik und der Romantik in Brahmscher Synthese vereinte), und erst danach alles andere.
    Zwar kenne ich immer noch mehr Werke etwa von Beethoven als von Schütz, aber das, was ich von Schütz kenne, ergreift mich einfach noch mehr.
    Man muss sich wahrscheinlich recht intensiv in die sagittarischen Klangwelten einhören, bevor sich diese tiefe Begeisterung für seine Werke einstellen kann. Danach lässt es einen aber nicht mehr los.


    Natürlich hängt das auch mit meiner allgemeinen Vorliebe für Kirchenmusik zusammen. Als gläubiger Kirchenmusiker sprechen mich die eindringlichen vorgetragenen biblischen Texte sehr an, wodurch mir diese Musik wohl leichter zugänglich wird.
    Das gilt übrigens ( sagitt ) auch für den Schwanengesang, also den 119. Psalm der mich gerade weil er in den Zeitgeist überhaupt nicht hineinpasst, im Klanggewand des Heinrich Schütz anspricht und bei mir durchaus eine inhaltliche Reflektion auslöst.


    Ähnlich wie bei Sagitt ist es auch bei mir: Der Schwanengesang ist mein Lieblingswerk von Schütz.
    Ich habe mir ihn mittlerweile auch in Herreweghes Aufnahme besorgt.
    Natürlich ist hier alles hervorragend gesungen, und ich kenne kaum einen kultivierter und homogener klingenden Chor als eben das Collegium Vocale Gent.
    Verglichen mit der alten Henning-Aufnahme ist dies sicherlich ein Plus.


    Wer aber den speziellen Klang der Hilliards –so wie ich- sehr mag, der ist froh, dass er auch diese Aufnahme besitzt. Henning hat im Übrigen durch geschickte Instrumentieren/Arrangieren für viel Farbe und Abwechslung gesorgt. So singt z.B. der Hilliard-Tenor solo „ Herr, ich gedencke des Nachts an Deinen Namen“ und wird statt vom kompletten (Gesangs)chor von einem „Chor“ aus Posaunen + Continuo begleitet. Die einzelnen Stimmen sind ja so gut gesetzt, dass man dies ohne weiteres auch machen kann – ein Beleg mehr für die Qualität dieser Musik.


    Das die Hillards sich klanglich nicht besonders homogen zum Knabenchor Hannover verhalten, kann ich im Gegensatz zu Sagitts Meinung nicht so störend finden. Man kann es doch auch so sehen: So klingt es farbiger und abwechslungsreicher.
    Farbigkeit und Abwechslungsreichtum gehören doch auch zu den frühbarocken Idealen.
    Henning arbeitet gerade bei Schlüssen und bei den Doxologien etwas mehr mit organischen Ritardandi und erzeugt zusammen mit der Dynamik und dem Effekt des vollen Tutti bei mir noch mehr den buchstäblichen „Gänsehauteffekt“.
    Gerade die Frage der Dynamik erscheint mir in der alten Henning-Aufnahme sehr überzeugend gestaltet zu sein, sowohl im grossen Zusammenhang als auch hinunter gebrochen bis zu den Einzeltönen. Bei nicht so häufigen schnellen Melismen merkt man aber auch, dass die technischen Fähigkeiten der Knaben nicht so ausgeprägt sind, wie etwa beim Collegium Vocale Gent.


    Für die Beiträge und Hinweise zu La Chapelle Rhenane/Haller bin ich meinen Vorschreibern sehr dankbar. Ich habe in die CDs hineingehört und sie sogleich in meinen JPC-Wunschzettel übertragen.


    Herzlichen Gruss :hello:
    Glockenton


    PS.: in den 80ern habe mir im Laden mit Begeisterung eine Matthäus-Passion von Schütz mit dem Hillard Ensemble angehört und leider nicht gekauft. Nun finde ich sie nicht mehr....weiss jemand, wo es sie gibt?

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Vielleicht war hier schon mal die Rede davon, aber doppelt genäht...


    Bei Bärenreiter bekommt man



    Die Kompositionslehre Heinrich Schützens in der Fassung seines Schülers Christoph Bernhard


    für knappe 20 Taler.


    Das ist zwar keine Musikführerlektüre, aber nach einigem Einlesen eine sehr nützliche Verständnishilfe.

  • Guten Tag


    Zitat

    Original von der Lullist


    z.B. Giovanni Andrea Bontempi (1624-1705) war ein Kollege von Schütz, mit dem er wohl oft und gerne zusammen arbeitete.


    Schütz wollte ihn ja auch als Nachfolger haben.


    Schütz hat Bontempi mehrfach lobend erwähnt und schrieb über ihn:


    "Habe auch von Venedig (allda er sich in die acht Jahre lang aufgehalten) gewnugsam Nachforschungen erlanget, daß bei einigen celebrierten Festtagen er mehrmals an Kapellmeisters statt, die Musik in ihren Kirchen öffentlich dirigiert hat, daß er daher seinen Qualitäten desto minder Zweifen zu ziehen, wie er dann an seinen auch in seinen anderen Procenduren ein diskreter, höflicher und verträglicher feiner jungrer Mann bishero scheinet"


    An seinen Kurfürsten schrieb Schütz:


    "daß des Kurprinzen italienischer Eunuchus, Andreas Bontempi, sich aus eigener Bewegung gegen mich erboten, daß [er] auf mein Begehren jedesmal gerne für mich aufwarten und die Musik dirigieren wollte"


    der Kurfürst könnte, meinte Schütz:


    "eine Zeit lang mit ansehen und anhören, alldaweil für solche seine Aufwartung eine Erhöhung seiner Besoldung oder Veränderung seines Titels nicht begehret wird"


    Bontempi war mehr als Komponist und Kapellmeister (und auch als Historiker !) und weniger als Sänger in Dresden beschäftigt, ab 1664 auch als Operndirektor und Bühnenbildner dort tätig.


    Gruß :hello:


    aus de Kurpfalz


    Bernhard

  • Hallo!



    Ich finde, weniger Knaben wäre mehr gewesen... :(


    Aber auch so bleibt Schütz faszinierend (ich brauche aber irgendwann eine andere Aufnahme), zumal die Interpretation ansonsten gelungen ist.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo Pius,


    ich sagte ja schon weiter oben - der Mauersbergersche Schützklang ist heute sicher vor allem dann hörbar, wenn man seine Hintergründe in der Singebewegung und die sächsische Knabenchortradition quasi " mithören" will ( BBB hat das ausführlicher und kompetenter erklärt)
    Insofern solltes Du Dir - zumindest als Gegenstück- tatsächlich noch eine Aufnahme gönnen.


    Für mich ist dies die Aufnahme der Wahl:




    Das immer etwas mitleidig klingende " diese Aufnahme ist zwar nicht mehr Stand der Zeit, ist aber von historischem Interesse" gilt aber bei weitem nicht für alle Mauersberger- Aufnahmen.
    Insbesondere die Schütz'schen Exequien erschüttern mich in seiner Aufnahme immer noch viel stärker als in den teils sehr guten HIP-en Neuproduktionen. Die sollte man UNBEDINGT haben:



    Gruß
    Stefan

    Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!

  • Guten Tag



    Ich besitze diese Einspielung ebenfalls, aber ganz meine erste Wahl ist aber sie nicht ganz.
    Zwar sind die Instrumerntalisten des concerto paladino unübertroffen
    und die Vokalistendes Cantus Cölnn stilsicher mit dem rhetorisch orientierten Textvortrag geschult,
    aber mir fehlt etwas der Kontrast "Favoritchor" und "Capellchören" (z.B. beim "Danket dem Herrn" ),
    da hören sich die nur neun Sanger irgendwie etwas fade an.
    Schütz beschrieb ja den Einsatz von "Capellchören" dass sie an geeigneten Stellen
    "zum starcken Gethön / unnd zur Pracht eingeführet werden"
    ,
    das vermisse ich bei dieser sonst vorbildlichen Einspielung.


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Lieber Bernhard,


    da hast Du allerdings recht - ein wenig mehr starckes Gethön dürfte es manchmal schon sein.


    Nun sind die Einspielungen der Psalmen Davids ja durchaus nicht gerade Legion: Ich besitze sie grad 3 Mal (die beiden genannten und die Naxos- Auswahleinspielung)


    Kannst Du denn eine etwas kraftvollere Besetzung empfehlen?


    Gruß
    Stefan

    Psalmen sprechen und Tee trinken kann niemals schaden!

  • Hallo Stefan!


    Zitat

    Original von Oolong
    ich sagte ja schon weiter oben - der Mauersbergersche Schützklang ist heute sicher vor allem dann hörbar, wenn man seine Hintergründe in der Singebewegung und die sächsische Knabenchortradition quasi " mithören" will ( BBB hat das ausführlicher und kompetenter erklärt)


    Nun ja, die Aufnahme der Johannespassion hat mir sehr gut gefallen, und auch die vier David-Psalmen auf der selben CD. Da dachte ich, das klingt auf obiger CD ähnlich. Falsch gedacht.


    Viele Grüße,
    Pius.


    P.S.: Schütz ist faszinierend - vielleicht mag sich ja noch jemand dazu äußern?

  • Zitat

    Original von Oolong
    ein wenig mehr starckes Gethön dürfte es manchmal schon sein. [...] Kannst Du denn eine etwas kraftvollere Besetzung empfehlen?


    Servus Stefan,
    starckes Gethön in Verbindung mit knabenfreiem Chor und auch noch als Gesamtaufnahme, da kommt eigentlich nur die Bernius-Aufnahme in Frage. Die Instrumente werden hier von der Musica Fiata vortrefflich tracktieret.


    Ein kleiner Schönheitsfehler: die Aufnahme ist nicht mehr lieferbar...





    herzliche Grüße,
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Zitat

    Ein kleiner Schönheitsfehler: die Aufnahme ist nicht mehr lieferbar...


    Das ist nicht der einzige Schönheitsfehler dieser immer noch besten Einspielung der vollständigen Werksammlung. Mich stört der zum Teil arg kompakte Klang des Ganzen, die nicht deutlich von einander getrennten Chöre, die so rein garnichts vom venezianischen Musizieren Giovanni Gabrielis
    vermitteln und auch die hier als besonders unglücklich empfundene
    Anpassung der alten Luthertexte, (aus "Odem" wird "Atem") etc. nehmen der Aufzeichnung letzendlich weiter Pluspunkte weg.
    Auf eine in vielerlei Hinsicht vorbildliche Einspielung wird man also weiter warten müssen, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt....

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo,
    wider Erwarten wurde unlängst doch noch von Heinrich Schütz die Edition Vol. 4 von Brilliant veröffentlicht.
    Trotz der teilweise nicht begeisterten Kritiken zu den früheren Boxen 1 bis 3 habe ich sie mir kürzlich gekauft.
    Leider bin ich noch nicht dazugekommen, die Aufnahmen anzuhören, aber ich werde gelegentlich darüber berichten.


    Freundlichen Gruß
    Alkir