Vladimir Ashkenazy - Pianist am Prüfstand(?)

  • Askenazy und Jando,


    beide Künstler spielten alles was unter Ihre Finger kam. ICh bin immer wieder erstaunt, wie viele Einspielungen Jando bei Naxos, Hungaroton und diversen anderen gemacht hat. Das müssen jedes Jahr 1o CD-Programme sein. Wann übt dieser Mann? Hat er alles im Kopf oder spielt er vom Blatt!?


    Auch Ashkenazy ist mit diesem gesunden Appetit an Musik und Klavierliteratur zur Welt gekommen. Bemerkenswert auch, dass er über 4 jahrzente hinweg mit fast gleich bleibender Qualität (dabei seie Jenö Jando nicht vergessen) seine Programme darbot. Ashkenazy und Jando verbindet die schnelle Auffassungsgabe und das solide Handwerkszeug. Bitte vergleicht von beiden Künstlern die transzendentale Etuden von Liszt . Ahskenzay hat um Liszt meist einen Bogen gemacht, dennoch einige der Etuden eingespielt, die mich begeistern. Auch den Jando hat eine wunderbar sportliche Fassung (Naxos)eingespielt. Ich schätze diese Fassung gleich hoch wie Arrau, Berezovsky, Ochinkinov und Duchable (Jüngste Einspielungen mal nicht mitgezählt)


    GRUß NIko

  • Heute wird er 75:


    Vladimir Ashkenazy, * 6. Juli 1937 in Gorki, Sowjetunion, ist ein russischer Pianist und Dirigent mit isländischer Staatsbürgerschaft ab 1972. Seit 1978 lebt er in der Schweiz.



    :jubel::jubel::jubel:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Sehr interessant zu lesen, daß Ashkenazy offfenbar vielfach als musikalischer Fließbandarbeiter gesehen wird (um es mal ein wenig despektierlich zu verkürzen), dem der letzte Schuß Extravaganz abgeht.


    In gewissem Sinne war genau das der Grund, mir seinerzeit seine Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten zuzulegen, die mir nach einigem Probehören verschiedenen Pianisten auf Youtube als gesunder Interpretations-Mittelweg erschien (etwa im Spannungsfeld Kempff <---> Gulda):


    Ich schließe mich der Auffassung an, daß Ashkenazy sicherlich weder ein ausgemachter Individualist unter den 'großen' Pianisten ist, noch der größte Lyriker. Das klingt womöglich alles recht negativ, und als meine persönliche 'Referenz' würde ich keine seiner Sonaten bezeichnen (da lande ich fast immer bei dem großartigen Maurizio Pollini), aber um sich mit den Werken und ihrem Wesen vertraut zu machen, leistet mir seine solide, technisch für meine Begriffe übrigens sehr hochklassige Interpretation bis heute gute Dienste. Ein wenig bedauere ich immer nur seinen recht 'stumpfen' Klavierklang, wenn man das so sagen kann. Das mag aber auch an Alter und Technik der Aufnahme liegen - das vermag ich nicht zu beurteilen.

    Ansonsten habe ich auch noch ein wenig Chopin und Rachmaninov von ihm - auch das fand ich alles sehr gefällig, dort fehlen mir aber noch die tiefere Einsicht und Vergleichsmöglichkeiten...

  • Rachmaninows Chopin-Variationen stehen deutlich im Schatten der attraktiven Corelli-Variationen, sind das deutlich weniger eingängie Werk. Auch die 1. Sonate mit ihren den Sonatensatz überwuchernden Dimensionen fristet eher ein Randdasein im Repertoire. Ashkenazys wirklich meisterhafte Einspielung ist die beste "Werbung" für diese Werke, sich mit ihnen näher zu beschäftigen. Man merkt seine lebenslange Erfahrung als Pianist und Dirigent mit diesem Komponisten. Das ist Rachmaninow nicht nur eindimensional melodieselig, sondern mit Sinn für die barocken Züge, die Komplexität der Stimmführung. Dabei versteht es Ashkenazy, die Musik fließen zu lassen, so daß sie sich organisch entwickelt. Nach diesem Vortrag bekommt man sofort Lust, die Chopin-Variationen ein zweites Mal zu hören. Ein hochinteressantes Werk - und ein größeres Kompliment kann man einem Interpreten kaum machen. Unbedingt empfehlenswert!

    Beste Grüße
    Holger

  • Auf seiner neuesten zum Jubiläums-Jahr aufgenommenen Scriabin-CD spielt Ashkenazy vornehmlich Etüden, einige Preludes in einer Auswahl und natürlich "Vers la flamme" - es geht vom ganz frühen zum späten Scriabin. Dabei ist auch eine Komposition seines 10jährigen Sohnes, der 1919 in diesem Alter ertrank. Erstaunlich, sie ist von den späten kleinen Klavierstücken seines Vaters nicht zu unterscheiden.


    Ich habe sie noch nicht ganz gehört - lediglich Mazurken und die Auswahl aus den Etüden op. 8. Was auffällt ist ein typischer Decca-Klavierklang - dazu ist das Label wohl wieder zurückgekehrt. Sehr baßbetont aber auch sehr klar und voll. Ashkenazy spielt den frühen "dekadenten" Scriabin völlig undekadent, sehr irdisch-bodenständig ohne jeden Anflug von Sentimentalität und philosophischer Verrücktheit der "Extase". Dabei muß man auch sagen, dass er nicht mehr die ungeheure Dynamikspanne hat wie früher. Auch sein Piano war zu vergangenen Zeiten sehr viel feiner abgestuft (wie zu hören in seiner exemplarischen Aufnahme der Sonaten). Er nimmt die Stücke episch - dadurch bleibt es ein idiomatischer, sehr "russischer" Scriabin. Im Vergleich zu einem Horowitz etwa wirkt es bisweilen allerdings etwas sehr ernüchtert. Wo Scriabin nun mal exaltiert ist, muß der Hauch des Exzentrischen schon spürbar sein. Und die Schlußetüde von op. 8 bleibt Horowitz´ unerreichte Sternstunde. Pathetisch bei Ashkenazy ist das nicht, der Mittelteil (Piano) hebt sich nicht deutlich genug ab und am Schluß fehlt dem "alten" Großmeister dann doch die virtuose Bravour. Da hat er früher anders zugepackt. Er will es wohl hier nicht, aber es muß nun mal sein. Auf die späten Stücke bin ich gespannt! :)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Was ist nur mit Ashkenazy los? - dachte ich beim Hören von Scriabins Etüden op. 42 von obiger CD. Langweilig, lustlos agiert er, die immensen dynamischen Kontraste von ppp bis ff werden auf ein laues Mittelmaß eingeebnet. Dazu passend scheint mir der Steinway-Flügel auch nur Mittelmaß zu sein - im Hochtonbereich klingt er einfach undifferenziert. Auf gut deutsch ein sch.... Instrument. Das Klangbild ist schön gefällig rund und warm - ja. Aber eben völlig undifferenziert. Die späten Stücke sind dann wieder deutlich besser. Ich bin noch nicht zuende - wohl nächste Woche werde ich mir den Rest zu Gemüte führen.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Nun habe ich die Aufnahme zuende gehört! Der zweite Teil – die späten Poèmes – sind ganz ausgezeichnet, das gewohnte Ashkenazy-Niveau. Diese Mischung aus Lyrik und analytischer Konstruktion liegt Ashkenazy. „Vers la flamme“ ist überlegen gestaltet, das Aufleben der Kräfte aus der Lethargie sehr gut nachvollziehbar. Wäre er bei dieser Platte doch nur der musikalischen Lebensweisheit von ABM gefolgt, nur die Musik zu spielen und einzuspielen, mit der er sich auch voll und ganz identifizieren kann. Den spätromantischen virtuos-dekadenten Scriabin (in den Etüden vor allem) hält er wohl für narzistisch und reduziert entsprechend diese Emphase. Heraus kommt ein innerlich lustloser Vortrag, der letztlich keine neue und andere Sicht auf die Musik zu geben vermag. Das hätte er sich getrost sparen können und dafür mehr von Scriabins Miniaturen aufgenommen. Aber verkaufstechnisch ist das natürlich nicht so gut....

    Schöne Grüße
    Holger


  • Seine Lesart der Sonate Nr. 7 D-dur op. 10 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven war ja auch herausragend, lieber Holger.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Seine Lesart der Sonate Nr. 7 D-dur op. 10 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven war ja auch herausragend, lieber Holger.


    Ja, lieber Willi! Leider habe ich die Box nicht und nur die spärlichen (aber prägenden!) Erinnerungen an das Konzert! Die muß ich mir wohl doch mal endlich zulegen! Die Hörschnipsel enthüllen mir einen wirklich überragenden langsamen Satz - das ist Ashkenazy at his best, der große Erzähler auf dem Klavier! Im Moment habe ich leider wieder verflucht wenig Zeit zum Hören! :hello:


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Heute hat Vladimir Ashkenazy Geburtstag, und da wir über die Beethovensonaten schon gesprochen haben, möchte ich heute diese Box vorstellen. Da ist sicherlich für Jeden etwas dabei:



    Vladimir Ashkenazy feiert heute seinen 78. Geburtstag.


    Herzlichen Glückwunsch!


    Willi :jubel::jubel::jubel::jubel::jubel:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Vladimir Ashkenazy wird in beiden bedeutenden Pianistenführern, dem von Kaiser und jenem von Otten, erwähnt, bzw bekommt dort überall eine ausführliche Würdigung. Schon dies mag allen jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die die Aussergewöhlichkeit dieses Pianisten in Frage stellen. Interessanterweise stellt Kaiser (er stellt in seinem Buch immer Pianistengruppen zusammen) einen Block aus Askenzy, Pollini und Pommier her, drei - wie er schreibt - ausserordentliche - indes keineswegs gleichermaßen berühmte - Pianisten. Und ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er Ashkenazy als den vielseitrigsten und BERÜHMTESTEN bezeichnete. Der Artikel entspricht vermutlich nicht dem heutigen Stand, er muß entweder von 1989 (1. Auflage) oder von 1996 (2. Auflage) sein.....
    Dort geht er dann auf das Problem Beethoven ein, welches seiner Auffassung nach diese 3 Pianisten - und somit auch Ashenazy - nicht in vollem Umfang schaffen - Das geht weit über das rein technische hinaus und kann im Buch ab Seite 243 nachgelesen werden. Soweit ich das in der Eile überfliegen konnte, geht Otten auf Ashkenazys Beethoven gar nicht näher ein, er schreibt (positive) Kurzbeiträge über Ashkenazzys Prokoffieff und Tschaikowsky, wie er deren Interpretationsmöglichkeiten ins Banale mit Geschmack ausweicht, danach Skrijabin und Chopin. Ebenfalls lesenswert in dessen Buch (so man es rechtzeitig gekauft hat) auf den Seiten ab Seite 36, ein Kapitel, daß er "der Seele Sang" nennt.
    Aus meiner Sicht wird Ashkenazy in seiner vollen Bedeutung oft verkannt, weil er (IMO hier mit Buchbinder vergleichbar) allzu SELBSTVERSTÄNDLICH agiert, auf Showeffekte und Demonstration seiner überragenden Technik eher verzichtet, um das Innere des jeweiligen Werkes aus seiner Sicht auszuloten und auszudeuten.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred


    PS: Über den DIRIGENTEN Vladimir Askenazy gibt es einen eigenen Thread
    Wladimir Ashkenazy - Der Dirigent

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  • Zitat

    Alfred Schmidt: Soweit ich das in der Eile überfliegen konnte, geht Otten auf Ashkenazys Beethoven gar nicht näher ein,


    Soweit ich das nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Ashkenazys Beethoveninterpretationen beurteilen kann, war das sicher ein großer Fehler und animiert mich nicht, Ottens Buch zu lesen.
    Mit Kaisers Buch dagegen bin ich zur Zeit beschäftigt- ich lese es von vorne nach hinten - und bin nach den Kapiteln Rubinstein und Backhaus gerade beim Kapitel Horowitz.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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  • Lieber Willi,


    viel Vergnügen beim Kaiser-Buch. Ich habe die erste Auflage aus den 60er damals als Teenager von meiner Klavierlehrerin ausgeliehen und bis heute einbehalten. Ich schaue alle 12 Monate mal rein. Es ist IMO ein geniales Werk und einzigartig. :hail: Manchmal ärgere ich mich etwas, da Joachim Kaiser einige wirklich bedeutende Pianisten nahezu nicht oder gar nicht berücksichtigt, z.B. Cziffra, Francois und Cherkassky. :cursing:


    LG Siamak

  • Ein Wahnsinnsangebot mit allen Konzertaufnahmen von Ashkenazy auf 48CD / 2DVD.


    Das Angebot ist für mich aus heutiger Sicht geradezu ärgerlich, da ich alle Ashkenazy-Konzertaufnahmen daraus (die mich interessieren) bereits als Einzel-CD oder in CD-Boxen (wie die KK von Beethoven, Bartok und Rachmaninoff u.a.) habe; (Chopin, Mozart daraus brauche ich nicht als Zweitergänzungsaufnahmen !).


    ### Wer die Aufnahmen nicht hat = Zugreifen für quasi 1€/CD ... Wahnsinn !



    48CD / 2DVD
    Decca, ADD/DDD

  • Zitat

    Soweit ich das in der Eile überfliegen konnte, geht Otten auf Ashkenazys Beethoven gar nicht näher ein


    Damit kein Mißverständnis entsteht: Otten beschäftigt sich recht ausführlich mit Ashkenazy, einige Seiten sogar.
    Er beschäftigt sich generell recht ausgiebig mit jenen Pianisten, die er in seinem Buch erwähnt - deswegen sind es ja relativ wenige.


    Es ist nicht zu übersehen, daß Otten mit seinem Buch die Nachfolge von Kaisers Standardwerk antreten will, das sieht man schon an Details, wie zum Beispiel, daß jedem Pianisten sozusagen ein vom Autor verliehenes Leitmotiv mit auf den Weg gegeben wird, ganz im Stile von Joachim Kaiser. Aber er weiß auch, daß er - wie gut sein Buch auch immer sein möge - jahrelang im Schatten des Vorbilds stehen wird.


    Er gibt Ashkenazy den Leitsatz "Der Seele Sang" mit auf den Weg und beschreibt dessen Interpretationseigenarten bei verschiedenen Komponisten recht detailliert.
    Beethoven lässt er aus (oder er streift ihn nur kurz und es ist mir entgangen). Das ist dann verständlich, wenn man den Text Kaisers zu diesem Thema kennt: Er lobt Ashkenazys stupende Technik, behauptet aber, Beethoven stelle für Ihn ein gestalterisches Problem auf hohem Niveau dar, das gelte auch für Pommier und Pollini. Der Text ist alt und ich bezweifle ob er heute noch haltbar wäre.
    ABER Otten stünde vor der Wahl, diese Einschätzung zu teilen oder aber Kaisers Aussage zu relativieren (sie ist sowieso in gewisser Weise ein Eiertanz) oder ihr gar zu widersprechen. Dieses Risiko wollte er scheinbar nicht eingehen. Aber das ist MEINE Interpretation, vielleicht gibt es hier auch völlig andere Ursachen.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Ein Wahnsinnsangebot mit allen Konzertaufnahmen von Ashkenazy auf 48CD / 2DVD.


    Das Angebot ist für mich aus heutiger Sicht geradezu ärgerlich, da ich alle Ashkenazy-Konzertaufnahmen daraus (die mich interessieren) bereits als Einzel-CD oder in CD-Boxen (wie die KK von Beethoven, Bartok und Rachmaninoff u.a.) habe; (Chopin, Mozart daraus brauche ich nicht als Zweitergänzungsaufnahmen !).


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    ... leider nur exklusiv für Club-Mitglieder von amazon-prime !!!! :(


  • Wer die CD noch nicht hat, sollte sie sich jetzt bestellen, bevor sie vergriffen ist; sie ist um 50% im Preis reduziert. Die Aufnahmequalität von Ashkenazys eigenem Exton-Label ist ganz ausgezeichnet. Aufgenommen ist das in Finnland. Der besondere Reiz: "Valse triste" gibt es zweimal - einmal gespielt auf Sibelius´ eigenem Steinway in seinem historischen Haus. Dazu gibt es noch ein schönes Foto, wo Vladimir an Sibelius´ Flügel sitzt und seine isländische Frau (auch eine Pianistin) ihm zuschaut. Die CD habe ich noch nicht durchgehört, aber ich frue mich auf diese Entdeckungsreise. Ashkenazy ist für diese Musik sicher der beste Anwalt. :)


    Schöne Grüße
    Holger


  • Klavierwerke von Jean Sibelius


    Sibelius ist eigentlich kein „Klavier“-Komponist. Zwar lernte er das Instrument schon mit 5 Jahren, doch für ihn wurde die Violine schließlich das dominierende Solo-Instrument, das ihm am Herzen lag. Dem Klavier hielt er vor, ein mechanisches Instrument zu bleiben, dass „nicht singen“ könne. So entstanden die Klavierkompositionen zunächst eher aus pragmatischem Anlass. Der Komponist Sibelius musste Geld verdienen. Erst ziemlich spät entdeckt Sibelius das Klavier für sich. So stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum sollte man sich Sibelius´ Klavierstücke anhören? Vladimir Ashkenazys Affinität zu Sibelius rührt sicher von seiner Aktivität als Dirigent her. Zum symphonischen Werk von Sibelius mit seiner nordischen Herbheit hat er eine besondere Affinität. Mit dieser Aufnahme von 2007, die er bei seinem eigenen Label Exton machte, gelingt es ihm, auf den Klavierkomponisten Sibelius nicht nur aufmerksam zu machen, sondern den Hörer für ihn einzunehmen.


    Jean Sibelius ist ein Komponist, der einfach in keine Schublade passt. Das zeigen auch seine Kompositionen für Klavier. Sie bewegen sich irgendwo zwischen romantischen Charakterstücken und modernen musikalischen Aphorismen. „Melodisch“ bleiben sie, aber weder werden sie jemals sentimental noch betören sie den Hörer mit üppigen Fin de Siècle-Klangreizen. Sibelius´ Klavierstil bleibt herb-abstrakt ohne aber spröde zu werden, formuliert die Gedanken knapp und lakonisch, wie Skizzen. Besonders beeindruckt „Rêverie“ aus den Klavierstücken op. 58. Das klingt mit seiner atomisierten, gleichsam pulverisierten impressionistischen Klangsinnigkeit schon fast wie ein Klavierstück von Frederico Mompou. Sibelius´ Stil überschreitet die Grenzlinie von der Romantik zur Moderne durch eine sehr eigene und eigenwillige musikalische Minimalisierung, die bezeichnend das Fugato mit einbezieht: Statt impressionistischer Mischklänge gibt es die karge und trockene Durchsichtigkeit des Dialogs der Stimmen. Ashkenazy hat die Klavierfassung des „Valse triste“ zweimal eingespielt – und die beiden Aufnahmen rahmen als Anfang und Ende das Programm der CD gleichsam ein: zunächst eingespielt auf dem modernen Flügel im Jarvenpaa-Saal und am Schluss in Sibelius´ Domizil in Ainola auf dem Instrument des Komponisten. Sehr schön ist die unterschiedliche Räumlichkeit eingefangen und der Klang von Sibelius´ Flügel, der einen sehr stimmungsvollen Bass hat aber auch weniger „analytisch“ klingt. So spielt Ashkenazy auf diesem Instrument entsprechend flüssiger (minus 20 Sekunden). Die Aufnahmetechnik ist übrigens superb – eine der besten Klavieraufnahmen aus meiner Sammlung. Im Booklet (komplett auf Japanisch mit einem Einlagetext auf Englisch) gibt es schöne Fotos, wo Ashkenazy an Sibelius´ Flügel sitzt und seine isländische Frau Dody ihm zuschaut. :) :) :)


    Schöne Grüße
    Holger


  • Die beiden Hefte der Préludes von Claude Debussy fehlten bislang in Ashkenazys Discographie – der Altmeister schließt damit eine Lücke zwischen den Préludes von Chopin, die er immer wieder spielte und einspielte und den Präludien und Fugen von Schostakowitsch. Die Überraschung auf dieser CD: Während er Heft 1 am 29. Oktober 2017 im Tonzauber Tonstudio im Wiener Konzerthaus neu aufnahm, handelt es sich bei der Aufnahme von Heft 2 um den bislang unveröffentlichten Mitschnitt eines Konzerts aus dem Hunter College New York vom 20. November 1971.


    Zwischen den beiden Aufnahmen liegen mehr als viereinhalb Jahrzehnte – 1971 war Vladimir Ashkenazy 34 Jahre alt, 2017 hat er sich in die Reihe der 80jährigen eingereiht. Ich würde dazu raten, beim Hören mit Track Nr. 13, also dem zweiten Heft der Préludes, zu beginnen – dem Konzertmitschnitt von 1971 – auch wenn die Aufnahmetechnik nicht ganz dem üblichen professionell hochstehenden Niveau, was man von Ashkenazys reichlich vorhandenen Tondokumenten gewohnt ist, entspricht. Hier kann man vorbehaltlos sagen: Dies ist ein ungemein wertvolles Dokument der Ashkenazy-Discographie: Der Meister zeigt sich hier von seiner besten Seite, als ein großer Erzähler auf dem Klavier. Er spielt diesen Debussy hochpoetisch, modern – und vor allem mit einer selbst bei ihm ungewohnten mitreißenden Spontaneität. Er bleibt der Musik nichts schuldig an Klangzauber. Beeindruckend auch das Pianistische: Unglaublich, wie er Nr. 11, das Terzenstück, im aberwitzigen Tempo hyperpräzise in die Tasten stanzt, ohne jedoch etüdenhaft zu wirken (obwohl das Tempo „objektiv“ mit Blick auf den Notentext betrachtet natürlich viel zu schnell ist, aber das ist diesem Prélude bei fast allen bedeutenden Debussy-Interpreten auch so). Und in Feux d´artifice am Schluss brennt er ein Tastenfeuerwerk ab mit der artistisch-pianistischen Leistung, die Konturen dabei keineswegs zu verwischen. Diese Aufnahme ist eindeutig eine Ashkenazy-Sternstunde – bezeichnend habe ich hier den Stift aus der Hand gelegt, mit dem ich mir bei Heft 1 meine Notizen machte....


    Die Neuaufnahme des ersten Heftes überzeugt mich da – muss ich sagen – weniger. Schon bei Danseuses de Delphes (Nr. 1) könnte man von einem musikalischen Missverständnis sprechen: Ashkenazy denkt nicht in Kontrasten und Komplementaritäten – nicht zufällig sprach ABM davon, man müsse Debussy „wie Beethoven“ spielen – sondern eher wie bei einem Chopin- Prélude in Phrasen und übergreifenden Bögen. Darunter leidet merklich die Binnendramatik auf kleinstem Raum. Bezeichnend Takt 23 und 24 am Schluss, wo er den Schlussakkord, der als eine Viertel notiert ist und auf dem der von Debussy notierte Bogen endet, zu einer Achtel bestenfalls verkürzt und so – den Bogen verlängernd – mit der folgenden Achtel verschleift, so dass daraus zwei sich wiederholende einheitliche Phrasen entstehen. Auf diese Weise „melodisiert“ verschwindet aber schlicht der alternierende Kontrast der Motive und Motivbewegungen: aufstrebende Bewegung in der Mitte des Tonraums – stehender Klang die Höhe und Tiefe ausmessend. Und Debussy schreibt als Vortragsbezeichnung doux et soutenu über das Stück, also „sostenuto“, verhalten und eher getragen soll der Vortrag sein, wo Ashkenazy dann doch wenig idiomatisch allzu viel russisches Rubato-Expressivo ins Spiel bringt. In „Voiles“ sind es nicht nur Details – warum spielt er Takt 48 ff. die 32tel nicht wie Debussy es möchte comme un très léger glissando? – die man „beanstanden“ kann. Es fehlt einfach an der Feinheit der Gestaltung. Deutlich spürbar wird dies in Nr. 3 (Le vent dans la plaine). Die Sextolen zu Beginn taucht der Meister sehr flächig-dicht ins Pedal. Das ist Pianissimo – die auf diese Passage folgenden absteigenden Staccato-Akkorde in der rechten Hand sind aber ebenso „Pianissimo“ notiert, wo Ashkenazy dann allerdings ein viel zu bäuerlich-klobiges kräftiges Mezzoforte anschlägt. Nr. 4 soll „souple“, also flexibel mit etwas kapriziös übersensiblen Kontrasten und Stimmungsumschlägen auf engem Raum, gestaltet werden, aber auch das hintergründig Geheimnisvolle (Tranquille et flottant“ auf der letzten Seite) kommt musikalisch zu Wort. Da spielen sich Ashkenazys Bässe doch viel zu geheimnislos schwer lastend in den Vordergrund, wie überhaupt er hier wiederum zu wenig idiomatisch treffsicher agiert. Nr. 6 zeigt Debussy als modernen Konstruktivisten, der U-Musik, einen „Chanson populaire“, zum musikalischen „Material“ und Baustein degradiert und Sentimentalität ironisch karikiert. Das alles wirkt bei Ashkenazy derb und wenig „humoristisch“ – und auch wünschte man sich etwas mehr Präzision. Nr. 6 („Des pas sur la neige“) – Debussys düstere musikalische Studie der Verlassenheit – vermag Ashkenazy eine schmerzliche Note durchaus zu verleihen. Nur Leere und Trostlosigkeit strahlt die Musik unter seinen Händen einfach nicht aus. Das verhindert nicht zuletzt doch eine Dosis zuviel russische Expressivo-Bewegtheit, die lyrische Intimität nicht aufkommen lässt. Und zum Schluss soll sich die Musik in einzelne Töne auflösen wie eine verlorene Spur, die sich in der Eiswüste der Verlassenheit im Nirgendwo verliert – Debussy notiert ein „morendo“, ein „Verlöschen“ im ppp. Der Schluss bei Ashkenazy zeigt aber mehr irdische Prosa als geheimnisvolle Poesie: Die Töne „stehen“ einfach nur im Flügel etwas nackt und nüchtern ohne atmosphärischen Hauch. Nr. 7 – die Wellen des Westwindes, die an der Steilküste zersprengt werden – eines der dramatischsten und harmonisch kühnsten Debussy-Stücke an der Grenze zum Atonalen – gelingt Ashkenazy mit am besten. Auch hier kann man aber – aufgrund des fehlenden Denkens in „Kontrasten“ im makro- wie mikroskopischen Bereich – die fehlende Binnendifferenzierung anmerken. Nr. 8 („La fille aux cheveux de lin“) wirkt geradezu als Beschwichtigungsversuch der zuvor gewaltsam aufgebrochenen Moderne gegenüber – Jugendstil-Erotik, eine Reminiszenz an Pelléas et Mélisande. So wenig schmeichelhaft und einschmeichelnd, so völlig ohne Anmut vorgetragen wie bei Ashkenazy habe ich das Stück einfach noch nie gehört. Dem spanischen „Bild“ mit gezupften Gitarrenseiten (Nr. 9) fehlt es an Feinheit und Differenzierung. Bei Nr. 10, der „versunkenen Kathedrale“, gehört Ashkenazy wohltuend nicht zu den Interpreten, welche hier romantisieren und die Musik ins Flächige zerdehnen. Wie Debussy selbst – eine Welte-Mignon-Rollenaufnahme des Komponisten ist überliefert – wahrt er den das Stück tragenden Rhythmus. Doch leider fehlt Ashkenazy dann doch die klangliche Finesse vor allem in der Coda, wo die Kathedrale in der Tiefe versinkt. Hier stimmt die Klangbalance nicht, die dunklen Bässe, welche die Abrundtiefe des Meeres symbolisieren, dürfen eben nicht wie bei Ashkenazy zu vorlaut und positivistisch präsent „da“ sein, sondern sollten sich in den Hauch des Leisesten zurücknehmend und somit tönen als die Ahnung eines Unermesslichen. Bei Nr. 11 zeigt sich ein typischer Ashkenazy: Das Kapriziöse dieses Stücks nimmt er lebhaft burschikos – eine sehr irdisch-bodenständige, so ganz und gar nicht dekadent-überfeinerte Lebenslust. Das „Problem“ dieser Lesart offenbart allerdings Debussys Spielanweisung „aérien“ auf der zweiten Notenblatt-Seite: Statt Luftigkeit gibt es bei Ashkenazy eine etwas knorrige Körperlichkeit der Sekund-Oktaven in der rechten Hand. Nr. 12 („Minstrels“) zum Schluss ist ein Charakterstück und eine Parodie. Charakterisieren kann Ashkenazy zweifellos, aber die Ironie, den Spott in der das Lächerliche streifenden schwülstigen Übertreibung, sie sucht man vergeblich.


    Fazit: Die beiden großen Altmeister ihrer Generation – Vladimir Ashkenazy wie auch Maurizio Pollini – nahmen sich angesichts ihres 80. Geburtstages Debussys impressionistischen Präludien-Kosmos vor – der Eine (Ashkenazy) Heft 1, der Andere (Pollini) Heft 2. Beide zeigen gewisse Parallelen eines Altersstils, der weniger auf Detail-Präzision wert legt als auf organisch-flüssige, großflächige Gestaltung. Und wiederum beide kann man an ihren älteren Aufnahmen des jeweils anderen Préludes-Heftes messen, um dann festzustellen: Verglichen mit dem zweifellos überragenden Spielniveau von einst sind das Dokumente pianistischer Altersbescheidenheit – sehr respektabel, aber eben auch nicht mehr „olympisch“. :)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Die Aufnahmen des ganz jungen Ashkenazy



    Die Aufnahmen stammen aus der Zeit von 1956 bis 1962. 1956 gewann Askenazy den Concours Reine Elisabeth in Brüssel mit 19 Jahren und 1962 mit 25 Jahren zusammen mit John Ogdon den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Die Aufnahmen belegen eindrucksvoll, warum man in dieser Zeit neben Emil Gilels und Svjatoslav Richter auf Vladimir Ashkenazy kam, wenn es um die führenden "sowjetischen" Pianisten ging. Die Chopin-Etüden zeigen seine stupende Technik (bei der Terzenetüde op. 25 fällt man vom Stuhl!), sein intelligentes Gestaltungsvermögen und sein großes stilistisches Einfühlungsvermögen. Die Feux-follet-Etüde von Liszt ist von einer atemberaubenden Präzision und der Mephisto-Walzer hat Feuer. Der jugendliche Ashkenazy hat eine gewisse Nonchalance. Eines seiner Paradestücke, die Corelli-Variationen von Rachmaninow, spielt er in dieser frühen EMI-Aufnahme spontan, mit einer idealen Mischung aus Getragenheit und virtuoser Leichtigkeit. Die rhythmischen Strukturen sind noch federnder als in seinen späteren Studioaufnahmen. Auch die Prokofieff-Sonate ist eindrucksvoll - mit einem völlig unmetaphysisch gespielten langsamen Satz. Natürlich hat er manches später noch besonnener und ausgefeilter gespielt. Aber als Zeugnis eines jugendlichen Pianisten, der die bedeutendsten Wettbewerbe stürmt und auch erobert, zeigt das ein überragendes musikalisches Format, was in so jungen Jahren nur ganz wenige Wettbewerbstitanen gehabt haben wie etwa Martha Argerich, Maurizio Pollini, Krystian Zimerman oder zuletzt Rafal Blechacz.


    Die technische Aufarbeitung des Labels Alto ist - wie auch bei den ABM-Mitschnitten, die ich vom selben Label habe - ganz vorzüglich - die Etüden habe ich noch in einer anderen CD-Überspielung, die deutlich schlechter remastert ist. Ich kann die beiden CDs nur uneingeschränkt empfehlen! :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    Danke für Deine sehr ausführlichen Analysen. Vladimir Ashkenazy war und ist bei mir immer präsent. Spätere Einspielungen z.B. mit Bach und Rachmaninov habe ich und bewerte sie hoch.





    LG Siamak

  • Danke für Deine sehr ausführlichen Analysen. Vladimir Ashkenazy war und ist bei mir immer präsent. Spätere Einspielungen z.B. mit Bach und Rachmaninov habe ich und bewerte sie hoch.

    Lieber Siamak,


    in meiner Studentenzeit waren von Ashkenazy die meisten meiner Klavierplatten. Die Aufnahme mit der 1. Rachmaninow-Sonate und den Chopin-Variationen ist exemplarisch finde ich und wirklich dazu geeignet, sich mit diesen etwas sperrigen Werken anzufreunden, was einem bei anderen Aufnahmen nicht gelingt. Auch der Bach gefällt mir sehr. Leider ist diese Soloplatte nicht drin in der großen Box! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

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    Die CD kann ich nur empfehlen - da stimmt alles, Interpretation und interessantes Repertoire! Sehr rhythmisch und lebendig gespielt von Ashkenazy Vater und Sohn! (Sie ist nicht in der großen Ashkenazy-Box enthalten!) Vom Klang her ist sie in den Höhen sehr brillant, aber niemals gläsern (so jedenfalls bei mir). Weil sich Christian an der Aufnahmetechnik bei Ashkenazy-Platten stört: Es steht da "abgemischt mit B&W-Lautsprechern", was bei Decca oft der Fall ist. Die B&Ws sind sehr farbig, runden aber etwas im Hochtonbereich, weswegen auf anderen im Hochtonbereich etwas härter klingenden Anlagen es für manchen Hörer vielleicht etwas zu gläsern klingen mag.


    Schöne Grüße

    Holger