Vladimir Ashkenazy - Pianist am Prüfstand(?)

  • Vladimir Ashkenazy im Moskauer Konservatorium am 9.6.1963



    Bevor Ashkenazy mit seiner isländischen Frau in den Westen übersiedeln durfte, gab er dieses Konzert im berühmten Moskauer Konservatoriumssaal - damals war er 26 Jahre alt. Die Aufnahme ist auf dieser CD erstmals veröffentlicht und auch klangtechnisch hervorragend aufgearbeitet.


    Für mich die Sternstunde ist der Beethoven - Ashkenazy spielt die beiden Sonaten op. 31 Nr. 2 ("Stur,"-Sonate) und op. 31 Nr. 3. Besonders die "Sturm"-Sonate ist ein Ereignis. Der junge Ashkenazy präsentiert einen "modernen" Beethoven - unsentimental, stupend notentexttreu, aber nicht nur das! Da ist diese gewisse jugendliche Aufmüpfigkeit in den aufrührerischen Akzenten. Dass Beethoven ein jugendlicher Stürmer und Dränger war, ein so gar nicht aristokratisch angepasster Rheinländer mit "schlechten Manieren", frisch, frech und zugleich von höchster künstlerischer Potenz, all das vermittelt Ashkenazy einfach phänomenal. Auch pianistisch: jede einzelne Note ist glasklar gespielt und gerade im Piano-Pianissimo-Bereich präsentiert er feine und feinste Abstufungen: ein ultrapräzises und zugleich höchst lebendiges Klavierspiel, das frei ist von jeglichen Manierismen und gewollt wirkenden Übertreibungen. Offenbar hat der junge Ashkenazy Svjatoslav Richter gehört - der Forte-Piano-Kontrast in der Exposition des 1. Themas verrät es. Beeindruckend die "mystischen" Partien, die Ashkenazy eben nicht sentimentalisierend aufweicht und zerdehnt wie man es üblicher Weise zu hören bekommt, sondern ihren rezitativischen Charakter spürbar werden lässt wie auch die Nähe zu barocker Klangfülle bei den Arpeggios zu Beginn der Durchführung, wo er eine Forte-Piano-Wirkung den Notentext korrigierend erzeugt. Solche sehr seltenen und sehr bewussten Eingriffe - wie auch bei Chopins Ballade g-moll, wenn er am Schluss der Coda den ersten Bass-Akkord, bevor die Hände einen Lauf wie eine Fontäne nach oben schießen lassen, Piano statt Forte spielt und so eine magische Wirkung erzeugt - zeugen von höchster interpretatorischer Intelligenz. Modern "sachlich" ist Ashkenazys Beethoven, aber er zeigt eine geistige Freiheit und poetische Gestaltungskraft, welche ein solches Klavierspiel über biederen und spießig-hausbackenen Notentexttreue-Fetischismus weit hinaushebt. Op. 31 Nr. 3, gespielt mit höchst kultivierter Burschikosität, schließt sich dem an, ist ein Ashkenazy-Glanzlicht.


    Die Chopin-Balladen, die Ashkenazy in seinem Leben so viele Male gespielt und aufgenommen hat, von denen er an diesem Abend aber nur die ersten drei aufgeführt hat (schade, denn seine Interpretation der 4. Ballade ist für mich zusammen mit Svjatoslav Richter die Referenz) - klingen hier aufrüttelnd "unpolnisch" - herb-dramatisch und burschikos kernig, in der Vermeidung jeglicher Salon-Attitüde und bewusst "unelegant". Den Schluss bildet ein Debussy-Prelude aus Heft I als Zugabe, zugleich klangsinnig und mit kantigem spanischem Kolorit, was die Qualitäten von Ashkenazys Spiel an diesem Abend noch einmal verdichtet.


    Fazit: Unbedingt empfehlenswert - nicht nur für Ashkenazy-"Fans"! :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Darf ich mich für diesen Tip bedanken? Das sehe ich zu 100% Prozent genauso. Ich bin kein wirklicher Ashkenazy-Fan, aber diese Aufnahmen sind ein fantastischer Beethoven. Leider habe ich keine weiteren, wo er so die Möglichkeiten auslotet. Aufnahme ist bestellt.


    Liebe Grüße,

    Axel

  • Darf ich mich für diesen Tip bedanken? Das sehe ich zu 100% Prozent genauso. Ich bin kein wirklicher Ashkenazy-Fan, aber diese Aufnahmen sind ein fantastischer Beethoven. Leider habe ich keine weiteren, wo er so die Möglichkeiten auslotet. Aufnahme ist bestellt.

    :thumbup: Als ich als Jugendlicher Schallplatten anfing zu sammeln, lieber Axel - und das war sehr schwergewichtig schwerpunktsmäßig Klaviermusik ^^ - waren die meisten Klavierplatten von Vladimir Ashkenazy. Die Initialzündung war, als ich im Radio seine phänomenale Aufnahme der Liszt-Etüden hörte, die mich wie man so schön sagt vom Stuhl haute. Das war die erste. Dann kamen weiter die Preludes von Rachmaninow, nacheinander bei Neuerscheinung die Aufnahmen der Scriabin-Klaviersonaten (die ich bis heute für die beste halte) usw. usw.


    Die Liszt-Aufnahmen gibt es inzwischen als Japan-Import auf CD - das (s.u.!) war das Originalcover meiner ersten Ashkenazy-LP, die ich kaufte. Wohl damals beim legendären größten Plattenladen Europas Saturn in Köln, wo man mit Nummer die LPs aus den Regalen holen konnte. Das waren noch Zeiten! :) Heute dagegen apropos Platten und CD-Läden - da kann man nur ;(

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    In der großen Decca-Box mit den Solo-Aufnahmen ist sie nicht enthalten - die Etüden waren hier erstmals auf CD zu haben (worauf ich lange gewartet hatte - heute nur noch zum Preis von 140 Euro gebraucht zu erwerben):


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Als ich als Jugendlicher Schallplatten anfing zu sammeln, lieber Axel - und das war sehr schwergewichtig schwerpunktsmäßig Klaviermusik ^^ - waren die meisten Klavierplatten von Vladimir Ashkenazy. Die Initialzündung war, als ich im Radio seine phänomenale Aufnahme der Liszt-Etüden hörte, die mich wie man so schön sagt vom Stuhl haute. Das war die erste. Dann kamen weiter die Preludes von Rachmaninow, nacheinander bei Neuerscheinung die Aufnahmen der Scriabin-Klaviersonaten (die ich bis heute für die beste halte) usw. usw.

    Lieber Holger,


    ich habe mir nun aufgrund dieses Thread den kompletten Rachmaninoff und die Skriabin Sonaten von Ashkenazy bestellt. Ich muss zugeben, dass ich mir damals die Aufnahmen der Preludes noch als Plattenalbum und auch die Mozart Klavierkonzerte auf Platte holte. Bei Mozart gab es das Problem, dass ich die Aufnahmen von Geza Anda so unglaublich gut finde, dass es Ashkenazy wahrscheinlich bei mir schwer hatte. Leider bin ich auch mit seinem Rachmaninoff nicht richtig warm geworden. Horowitz, Thiollier und die ganz junge Hélène Grimaud (mit 14 Jahren) standen dem damals im Weg. So ist es bei mir eigentlich mit Ashkenazy dann immer nur noch bei Verlegenheitslösungen geblieben, wenn anderes schwierig zu erhalten war (denn es gab ja von ihm fast alles).


    Allerdings hat der Thread mich zum Nachdenken gebracht, und älter bin ich leider nun auch geworden..... :(. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt!


    (BTW es gibt auch von Rachmaninoff Aufnahmen von Rachmaninoff. Die dürften den einen oder anderen von der Art des Spieles überraschen)


    Also noch einmal vielen Dank. Ich werde zumindest einmal berichten.


    Beste Grüße,

    Axel

  • ich habe mir nun aufgrund dieses Thread den kompletten Rachmaninoff und die Skriabin Sonaten von Ashkenazy bestellt. Ich muss zugeben, dass ich mir damals die Aufnahmen der Preludes noch als Plattenalbum und auch die Mozart Klavierkonzerte auf Platte holte. Bei Mozart gab es das Problem, dass ich die Aufnahmen von Geza Anda so unglaublich gut finde, dass es Ashkenazy wahrscheinlich bei mir schwer hatte. Leider bin ich auch mit seinem Rachmaninoff nicht richtig warm geworden. Horowitz, Thiollier und die ganz junge Hélène Grimaud (mit 14 Jahren) standen dem damals im Weg. So ist es bei mir eigentlich mit Ashkenazy dann immer nur noch bei Verlegenheitslösungen geblieben, wenn anderes schwierig zu erhalten war (denn es gab ja von ihm fast alles).


    Allerdings hat der Thread mich zum Nachdenken gebracht, und älter bin ich leider nun auch geworden..... :( . Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt!

    Lieber Axel,


    schön, das freut mich! Bei mir rangiert Ashkenazy gleichauf mit Pollini als führender Pianist seiner Generation. Er hat ein sehr großes Repertoire, ist sehr vielseitig, nicht nur als Dirigent, auch als Kammermusiker und Liedbegleiter tätig gewesen. Seine Aufnahme der Mozart-Konzerte habe ich nicht komplett, nur eine Einzel-CD. Das ist schon ein etwas herber Mozart - aber sehr hörenswert!


    Also starte ich das Projekt, die wie ich finde unverzichtbaren Ashkenazy-Aufnahmen aufzulisten (in Etappen, nicht auf einmal! :) ) :


    Beginnen wir mit Rachmaninow. Besonders hervorzuheben: Referenz sind für mich nach wie vor die Etudes tableau und Corelli-Variationen (eine wahre Ashkenazy-Sternstunde).




    Horowitz´ Sternstunden sind bei Rachmaninow die 2. Klaviersonate und das 3. Klavierkonzert - und einige kleinere Stücke. Von Ashkenazy finde ich seine Gesamtaufnahme der Konzerte mit Haitink Referenz - von seinen Aufnahmen insbesondere des 3. Konzerts gefällt mir die alte Fistoulari-Aufnahme am besten, wo er die verkürzte Kadenz spielt, die auch Horowitz gewählt hat:

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    Fortsetzung folgt!


    (BTW es gibt auch von Rachmaninoff Aufnahmen von Rachmaninoff. Die dürften den einen oder anderen von der Art des Spieles überraschen)

    Die kompletten Aufnahmen von Rachmaninow selbst habe ich. Er war ein wahrhaft fabelhafter Pianist - Artur Rubinstein meinte sogar Rachmaninow mit seinem "goldenen Ton", der Pianist, sei bedeutender als der Komponist! Die RCA-Box ist aber glaube ich vergriffen. Aber unbedingt sollte man die digitalisierten Ampico-Aufnahmen - auf einem Bösendorfer - haben. Klanglich exquisit (Label Telarc) und ein wahrlich fabelhaftes Klavierspiel. Es hört sich so an, als sei Rachmaninow gerade im Tonstudio gewesen...:



    Schöne Grüße

    Holger

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    Meine erste Begegnung mit dem Klavierspiel Vladimir Ashkenazys ist diese CD.


    Enthalten sind zwei Klavierwerke Franz Schuberts: die B-Dur Klaviersonate D. 950, die William B. A. in seinem Thread unter Beitrag

    #50 lobend erwähnt hat, sowie die Wanderer-Fantasie D. 760.


    Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960, CD (DVD)-Rezensionen und Vergleiche (2017)


    Sie ist nicht mehr erhältlich. Vielleicht wird die Aufnahme wieder einmal veröffentlicht werden.

    .

    Knochen sind Bausteine. Sie bedeuten nicht den Tod, aber fallen ohne Fleisch auseinander.

    Enno Poppe

  • Das ist wirklich schade, lieber Moderato, dass die vorzügliche Aufnahme der B-Dur-Sonate auch nicht in der großen Box der kompletten Solowerke enthalten ist. Ich habe sie auch erst im Rahmen dieses Threads kennengelernt. Dafür besaß ich aber schon in jungen Jahren diese Schubert-Platte des jungen Ashkenazy, die eine seiner herausragenden, zeitlosen Aufnahmen ist und die bis heute zu meinen Lieblingsplatten gehört (gibt es als Einzel-CD (leider nur noch als MP3) und in der Ashkenazy-Box (s.u.!))


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    Für 115 Euro gibt es die Box noch - da würde ich zuschlagen, bevor auch sie ausverkauft ist (ich schreibe dazu noch extra):


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    Noch als Nachtrag zu Rachmaninow und Scriabin:


    Von den Etudes tableaux op. 39 und den Corelli Variationen gibt es zwei Aufnahmen bei Decca. Die ältere hat diesen wunderbar die Ruhe der unendlichen Weiten Russlands, von der einst Rilke sprach, ausstrahlenden typischen Ashkenazy-Erzählton. Die spätere Digitalaufnahme ist klassischer, straffer. Beide haben etwas für sich.


    Ashkenazy hat zusammen mit Andre Previn Rachmaninows Werke für zwei Klaviere eingespielt. Trotz bester Konkurrenz ist für mich insbesondere die Aufnahme der Suite Nr. 1 die unangefochtene Referenz. Da stimmt einfach alles - die Idiomatik ist perfekt getroffen und die Aufnahmetechnik fabelhaft. Das ist eine Aufnahme, die unter die Haut geht, wie man so schön sagt. Auch sie besaß ich schon in den 80igern als LP - das ist das Originalcover:


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    Nun zu Scriabin. Ashkenazy ist ein großer Scriabin-Experte - hat über den Komponisten sogar ein Buch geschrieben und sein unvollendetes Spätwerk, das Mysterium für Orchester, aufgenommen. Seine Aufnahme der Scriabin-Sonaten ist eine Großtat - trotz Shukov, Ugorski, Hamelin und Co. Sie besticht dadurch, dass sie Scriabin nicht als exaltierten Spätromantiker, sondern als modernen Komponisten versteht - der gleitende Übergang von (Spät-)Romantik im Anschluss an Chopin in konstruktivistische Moderne, bei Ashkenazy ist er wirklich nachvollziehbar. Pianistisch ist das fabelhaft. Die im absolut Leisen verlöschenden Triller z.B. in der Sonate Nr. 7 - da zeigt Ashkenazy, dass er zum erlesenen Häuflein der ganz großen Tastenkünstler gehört. Und die haarsträubend schwere Sonate Nr. 5 ist klaviertechnisch unfassbar souverän gespielt. Nicht zu vergessen die kleinen lyrischen Stücke Scriabins als "Zugabe", die er maßstabsetzend interpretiert.



    Und noch einer meiner Platten, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Für mich bis heute unerreicht ist Ashlenazys Aufnahme des wunderschönen Cis-Moll-Konzerts und "Prometheus" mit Lorin Maazel:


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Ashkenazys Liszt-Platte: Die Initialzündung meiner jugendlichen Ashkenazy-Begeisterung


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    Ich weiß nicht mehr genau, wann es war - es muss jedenfalls vor 1978 in meiner Schulzeit gewesen sein, als ich im Radio, auf der Anlage meiner Eltern, Ashkenazy mit Liszt, einer Auswahl der Transzendentalen Etüden, hörte und einfach begeistert war. Beim nächsten Besuch bei Saturn in Köln war die Platte gekauft. So war das damals - heute längst Geschichte:


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    Was mich damals bei Ashkenazy so "umhaute" salopp sagt weiß ich noch heute genau: Ashkenazy spielte Liszt atemberaubend virtuos, aber völlig ohne jede Löwenmähne, also völlig unbombastisch, ohne Sentimentalität und jegliche Art von wirkungsrhetorischer Übertreibung. Die pianistischen Höchstschwierigkeiten meistert er mit jugendlicher Leichtigkeit, dem Übermut vollkommener Selbstbeherrschung in der absoluten Kontrolle aller Tücken des Instruments. Was mich damals aber gleich so in den Bann zog war der jugendliche Schwung und die Frische von Ashkenazys Spiel, eine Leidenschaft, die mutig in die Zukunft blickt und nicht sentimentalisch gequält im Weltschmerz versunken an einer verlorenen Vergangenheit hängt, etwas von der revolutionären Aufbruchsstimmung in eine neue Zeit spüren lässt, die zum Sozialreformer Liszt auch gut passt. Das hat etwas von der Morgenstimmung bei Eichendorff, die weg aus der biedermeierlichen Häuslichkeit und Enge der eingezäunten Gartenwelt hinaus in die offene Landschaft führt, wo die Welt nur zu erneuern ist. Es ist sicher kein Zufall für Ashkenazys Entschlackung von Liszt, dass seine Auswahl das Dramatisch-Heroische in diesem Zyklus gleichsam ausspart, vor allem die Mazeppa-Etüde nämlich. Ashkenazy enttheatralisiert Liszt, lässt Leidenschaft nichts als reine Leidenschaft sein, ohne dass sie etwas "vorführt" und zur Schau stellen will. Keine narzistische Nabelschau einer romantisch leidenden Seele ist das bei Ashkenazy also, sondern die Fülle und der Überschwang von leidenschaftlicher Energie und dem Vermögen, auf dem Klavier eine Geschichte von der Welt, den Höhen und Tiefen leidenschaftlichen Erlebens, erzählen zu können. Ashkenazys Liszt ist so auch nicht burschenhaft "grün", zeugt vielmehr von einem vom Mut beherrschten Menschen, der zwischen Mut und Übermut changiert, wie es zum Überreichtum an virtuoser Potenz passt, die vom Vertrauen in die Selbstbeherrschung auch in der Überforderung lebt, selbst das scheinbar nicht zu Bewältigende bewältigen zu können. So kostet Ashkenazy die schneidende Dissonanz in "Harmonies du soir" wirklich aus, die sich entladende Spannung unerfüllter Sehnsucht in dieser schönen Welt, die plötzlich hervorbricht und einbricht in die Idylle. Aber das alles geschieht nicht mit narzistischer Verliebtheit in den eigenen Schmerz, sondern aus dem Handeln, dem Mut zur Tat heraus, die sich eben auch den Schmerz zumutet, ohne ihn irgendwie romantisch verklären zu müssen. Pianistisch ist die Feux follets-Etüde in diesem Tempo mit einer schier unglaublichen Präzision gespielt, so dass einem der Mund offen stehen bleibt vor Staunen. Ashkenazy zeigt in dieser Aufnahme bereits, warum er ein geborener Dirigent ist, in der Fähigkeit, im Flügel ein dynamisch perfekt abgestuftes Klanggemälde von symphonischen Ausmaßen zu schaffen. Beeindruckend ist auch sein phänomenales Legato-Spiel in "Paysage". Und keiner spielt "Harmonie du soir" so aufregend schön. Dazu passt ein schlichtweg ideal gespielter Mephisto-Walzer Nr. 1 und ein ungemein klangsinnlich gespieltes Gortschakoff-Impromptus, das sich in dieser Hinsicht auch vor Horowitz´ später gemachter Aufnahme nicht verstecken muss. Für mich gehört diese Aufnahme mit zur Liszt-Renaissance, gerade auch den Virtuosen Liszt als ernsthaften Komponisten wieder entdeckt zu haben. Ich finde, diese Aufnahme wäre eine Einzelveröffentlichung noch einmal wert. :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Anlässlich von Ashkenazys Abschied vom Konzertpodium bietet sich eine Würdigung an. Ich stelle deshalb in der nächsten Zeit die für mich wichtigsten Aufnahmen vor (begonnen habe ich die Reihe bereits, s.o.!) - als eindeutige Empfehlung. Für die Freunde der Musik des 20. Jhd.:


    Für mich sind drei Aufnahmen der Bartok-Konzerte unverzichtbar - Referenzen: Anda/Friscay, Pollini/Abbado (nur Nr. 1 u. 2) und eben Ashkenazy mit Georg Solti. Zu den drei Konzerten gibt es noch als "Zugabe" die wirklich hervorragende Aufnahme des Konzerts für 2 klaviere und Schlagzeug, die Ashkenazy mit seinem Sohn Vovka spielt. Es gibt auch eine mitreißende Konzertaufnahme des 1. Konzerts mir Bernard Haitink, die ich mal im Fernsehen gesehen habe. Sie ist aber nirgendwo mehr zu finden.


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    Für mich nach wie vor Referenz ist Ashkenazys Einspielung der fünf Prokofieff-Konzerte mir Andre Previn. Bis heute unübertroffen. (Zum Vergleich kann man die Aufnahme des 2. und 3. Konzerts mit Kissin heranziehen, wo Ashkenazy dirigiert.)


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Die kompletten Aufnahmen von Rachmaninow selbst habe ich. Er war ein wahrhaft fabelhafter Pianist - Artur Rubinstein meinte sogar Rachmaninow mit seinem "goldenen Ton", der Pianist, sei bedeutender als der Komponist! Die RCA-Box ist aber glaube ich vergriffen.

    Lieber Holger,


    diese Aufnahmen besitze ich schon lange und bin genauso begeistert. (sie werden wahrscheinlich heute auf das NAS gerippt). Ich finde, Rachmaninoff selbst zu hören, ist ein wichtiger Schritt weg von zum Teil leicht kitschigen, oider sagen wir besser emotional aufgeladenen, Interpretationen. Wer ihn einmal gehört hat, findet einen anderen Zugang zu seiner Musik.

    Für mich sind drei Aufnahmen der Bartok-Konzerte unverzichtbar - Referenzen: Anda/Friscay, Pollini/Abbado (nur Nr. 1 u. 2) und eben Ashkenazy mit Georg Solti. Zu den drei Konzerten gibt es noch als "Zugabe" die wirklich hervorragende Aufnahme des Konzerts für 2 klaviere und Schlagzeug, die Ashkenazy mit seinem Sohn Vovka spielt. Es gibt auch eine mitreißende Konzertaufnahme des 1. Konzerts mir Bernard Haitink, die ich mal im Fernsehen gesehen habe. Sie ist aber nirgendwo mehr zu finden.

    Danke für den Tip! Ich hatte tatsächlich eine Platte (blau oder so) mit der Sonate für zwei Klaviere von ihm, die ich wirklich gerne gehört habe. Sie wurde allerdings immer etwas überschattet von der Interpretation der Kontarsky Brüder, die altersbedingt mittlerweile aber klangtechnisch etwas verstaubt ist.


    Nun zu Scriabin. Ashkenazy ist ein großer Scriabin-Experte - hat über den Komponisten sogar ein Buch geschrieben und sein unvollendetes Spätwerk, das Mysterium für Orchester, aufgenommen. Seine Aufnahme der Scriabin-Sonaten ist eine Großtat - trotz Shukov, Ugorski, Hamelin und Co. Sie besticht dadurch, dass sie Scriabin nicht als exaltierten Spätromantiker, sondern als modernen Komponisten versteht - der gleitende Übergang von (Spät-)Romantik im Anschluss an Chopin in konstruktivistische Moderne, bei Ashkenazy ist er wirklich nachvollziehbar. Pianistisch ist das fabelhaft. Die im absolut Leisen verlöschenden Triller z.B. in der Sonate Nr. 7 - da zeigt Ashkenazy, dass er zum erlesenen Häuflein der ganz großen Tastenkünstler gehört. Und die haarsträubend schwere Sonate Nr. 5 ist klaviertechnisch unfassbar souverän gespielt. Nicht zu vergessen die kleinen lyrischen Stücke Scriabins als "Zugabe", die er maßstabsetzend interpretiert.

    Ich bereue nicht, mir seinen Skriabin bestellt zu haben. Du hast völlig recht. Die Einspielung der fünften Sonate ist großartig und wahrscheinlich eine Referenz. Er meistert das Problem der Übergänge wundervoll und durchsichtig. Viele Interpreten wissen bei dieser Übergangssonate nicht, ob sie nach Chopin oder Prokofieff klingen soll und finden keinen eigenen Ton und auch keinen Zusammenhalt. Hier ist das wunderbar gelöst. Eigentlich haben wir hier genau das, was am Anfang des Thread etwas bezweifelt wurde. Es gibt Intergretationen von ihm, die singulär sind.


    Mit dem Rachmaninoff muss ich mich noch beschäftigen. Zu den Preludes werde ich noch etwas schreiben.


    Beste Grüße,

    Axel

  • diese Aufnahmen besitze ich schon lange und bin genauso begeistert. (sie werden wahrscheinlich heute auf das NAS gerippt). Ich finde, Rachmaninoff selbst zu hören, ist ein wichtiger Schritt weg von zum Teil leicht kitschigen, oider sagen wir besser emotional aufgeladenen, Interpretationen. Wer ihn einmal gehört hat, findet einen anderen Zugang zu seiner Musik.

    Ja genau, lieber Axel. Rachmaninow selbst spielt völlig unsentimental - und das ist lehrreich. Aber neben Ashkenazy haben vor allem Svjatoslav Richter (Preludes, Etüden) oder Alexis Weissenberg (Gesamtaufnahme der Preludes) Rachmaninow auch nie sentimentalisiert. Bei Rachmanonow lohnt es zudem, sich mit ihm als Symphoniker zu beschäftigen. Auch da sind Ashkenazys Aufnahmen (als Dirigent) zu empfehlen: die Symphonien, die "Toteninsel" und die Symphonischen Tänzen. Ich mag auch sehr die "Glocken" - da meint man, Carl Orff hat sich mit seiner Carmina Burana bei Rachmaninow bedient. :D (Drei Aufnahmen habe ich: Svetlanov und zweimal Ashkenazy mit dem Concertgebouw Orkest sowie der Tschechischen Philharmonie).


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    Ich bereue nicht, mir seinen Skriabin bestellt zu haben. Du hast völlig recht. Die Einspielung der fünften Sonate ist großartig und wahrscheinlich eine Referenz. Er meistert das Problem der Übergänge wundervoll und durchsichtig. Viele Interpreten wissen bei dieser Übergangssonate nicht, ob sie nach Chopin oder Prokofieff klingen soll und finden keinen eigenen Ton und auch keinen Zusammenhalt. Hier ist das wunderbar gelöst. Eigentlich haben wir hier genau das, was am Anfang des Thread etwas bezweifelt wurde. Es gibt Intergretationen von ihm, die singulär sind.


    Mit dem Rachmaninoff muss ich mich noch beschäftigen. Zu den Preludes werde ich noch etwas schreiben.


    Schön gesagt! :)


    Zu Ashkenazys vorbildlichen "Taten" gehören auch die Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky. Nicht nur hat er die originale Klavierfassung zweimal eingespielt - es existiert eine ältere analoge und dann die digitale Einspielung, beide bei DECCA. Ashkenazys Aufnahmen zeichnen sich durch idiomatische Treffsicherheit, Klarheit, Unexaltiertheit und pianistische Souveränität aus. Ashkenazy rückt Mussorgsky in die Nähe von Schostakowitsch - und spielt ihn eben nicht - wie Horowitz in seiner hoch exzentrischen aber natürlich genialischen Aufnahme aus der Carnegie Hall - wie einen bombastisch exaltierten Scriabin. Hier kommt seine große Qualität zum tragen, dem Klavier quasi symphonische Dimensionen geben zu können mit einer perfekt abgestuften dynamischen Staffelung. Ashkenazy der Dirigent hat sich aber auch mit den verschiedenen Orchesterfassungen - Ravel, Rautavaara usw. - beschäftigt. Er hat sie alle dirigiert und nicht zuletzt eine eigene Orchesterfassung komponiert. Er selbst hat das auch erläutert: Er findet Ravels Orchestrierung zwar überragend, jedoch zu wenig "russisch". Zudem enthält sie einige Lesefehler. In der CD-Ausgabe ist die Digitalaufnahme für Klavier mit der Einspielung von Ashkenazys eigener Orchesterversion kombiniert - die wirklich sehr hörenswert ist und die CD eine dicke Empfehlung wert:



    Der Wermutstropfen: Die originale Platte - die LP kaufte ich damals, als sie erschien -


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    enthielt ein wirklich tolles "Zugaben"-Programm: Liadows in Russland sehr bekannte Spieluhrmusik, das Scherzo von Borodin, Tschaikowskys wirklich großartiges Klavierdrama "Dumka" und dann ein kaum bekanntes Stück, dass ich seitdem ich diese Ashkenazy-Platte kaufte wirklich liebe: Präludium und Fuge von Tanejew op. 29. Dem düster-schwermütigen Präludium folgt eine barock-prächtige Fuge von symphonischen Ausmaßen - eine sehr russische Gefühlswelt in den Anklängen an die Barockzeit. Eine ungemein beeindruckende Komposition! Die Anforderungen an den Pianisten in der Fuge sind immens - Ashkenazy vollbringt eine pianistische und interpretatorische Meisterleistung in jeder Hinsicht. In der großen Decca-Box ist das Programm der Original-LP auf CD wieder vereint - ein Grund mehr, sie sich zuzulegen. Zum Glück gibt es den Tanejew bei Youtube zu hören:



    Soviel für heute! :) :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Die große Box der Soloaufnahmen ("Artist Choice")


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    Die Box ist natürlich keine vollständige Ausgabe aller Ashkenazy-Aufnahmen - er hat so viele Produktionen gemacht, das gäbe dann eine kleine CD-Bibliothek. ^^ Das Konzept finde ich sehr gut - vor allem, weil es Ashkenazys Vielseitigkeit dokumentiert, gerade auch seine Aktivitäten als Kammermusiker und Liedbegleiter mit prominenten Kollegen. So enthält die Box die kompletten Lieder von Rachmaninow sowie Tschaikowsky-Lieder mit Elisabeth Söderström, seine Aufnahmen mit dem inzwischen leider auch schon verstorbenen Cellisten Lynn Harrell, Trios mit Harrell und Itzhak Perlman und dem Hornisten Barry Tuckwell. Dazu kommen die Duo-Aufnahmen mit Andre Previn (Rachmaninow) und der eigenen Familie (Sohn Vovka und Ehefrau Dody, die auch Pianistin ist). Ashkenazy hat sorgfältig ausgesucht, gerade bei Werken (Chopin, Schumann) die er mehrfach aufgenommen hat, sind dann (fast) keine Dopplungen mit den separat erhältlichen Boxen vorhanden bzw. man kann die alte und neue Aufnahme vergleichen (z.B. bei Gaspard de la nuit) Schön auch, dass die Scriabin-Sonaten so wieder auf die CDs gepackt wurden, wie sie ursprünglich auf LP veröffentlicht waren - in vorzüglicher Tonqualität, also mit Top-Remastering. Das war bei der ersten CD-Veröffentlichung anders: Da war der Klang im Vergleich mit der LP künstlich aufgehellt und etwas blechern. Und besonders schön ist, wenn dann der Tanejew z.B., der nur auf LP zu haben war, jetzt nun wieder ebenfalls mit dem Programm der LP enthalten ist. Dazu kommen Aufnahmen wie die Händel-Variationen und die 3. Sonate von Brahms, die man von Ashkenazy bisher nicht kannte. Nicht enthalten ist leider die Liszt-Platte und auch nicht die große G-Dur-Sonate von Schubert, für die Ashkenazy den Grand Prix du Disque erhielt. Aber bei so einer letztlich persönlichen und naturgemäß selektiven Zusammenstellung gibt es immer viel Freude - und ein wenig zu meckern. :D :) :) :)


    Mit ca. 110 Euro ist die Box immer noch erschwinglich - bevor sie vergriffen ist, sollte der Liebhaber von Klaviermusik also zugreifen!


    Schöne Grüße

    Holger







  • Vladimir Ashkenazy im Moskauer Konservatorium am 9.6.1963

    Hallo lieber Holger,


    Deine Beschreibung trifft auf diese Aufnahme komplett zu. Ich habe sie mir auf Deinen Beitrag hin geordert und in der Zwischenzeit zahlreiche Male gehört. Wirklich ein tolles Tondokument des jungen Ashkenazy. Zwar hätte Beethoven - allein schon mangels des entsprechenden Instruments - diese Sonaten nicht so "hingehämmert", aber die Strigenz, die Kontraste, die Spannung sind schon erstklassig wiedergegeben (manchmal fühle ich mich in der Vehemenz und Tongebung an die Aufnahmen von Gilels auf DG erinnert). Auch die Chopin-Balladen sprechen mich sehr an, wenn ich mir hierbei definitiv manchmal auch eine zweite Sicht, die eher ins Romantische geht, wünsche, nicht weil sie besser wäre, sondern weil sie noch anderen Aspekte aus diesen Werken herauskitzelt (vielleicht die "Eleganz", die Du ja offenbar auch in diesen Baladen nicht gehört hast).

    Insgesamt tolle Aufnahme, auch klanglich für die Zeit sehr gut - meine vollste Empfehlung!


    Danke für den Tipp,


    Markus.

  • Deine Beschreibung trifft auf diese Aufnahme komplett zu. Ich habe sie mir auf Deinen Beitrag hin geordert und in der Zwischenzeit zahlreiche Male gehört. Wirklich ein tolles Tondokument des jungen Ashkenazy. Zwar hätte Beethoven - allein schon mangels des entsprechenden Instruments - diese Sonaten nicht so "hingehämmert", aber die Strigenz, die Kontraste, die Spannung sind schon erstklassig wiedergegeben (manchmal fühle ich mich in der Vehemenz und Tongebung an die Aufnahmen von Gilels auf DG erinnert). Auch die Chopin-Balladen sprechen mich sehr an, wenn ich mir hierbei definitiv manchmal auch eine zweite Sicht, die eher ins Romantische geht, wünsche, nicht weil sie besser wäre, sondern weil sie noch anderen Aspekte aus diesen Werken herauskitzelt (vielleicht die "Eleganz", die Du ja offenbar auch in diesen Baladen nicht gehört hast).

    Insgesamt tolle Aufnahme, auch klanglich für die Zeit sehr gut - meine vollste Empfehlung!


    Danke für den Tipp,

    Das freut mich sehr Markus! Vor allem, wenn wir Musikliebhaber doch auch zu einer Meinung kommen! Das wirklich Gute spricht für sich selbst! :) Ashkenazy hat kurze zeit später im Westen, 1964, die Balladen und Scherzi komplett eingespielt. Die Aufnahme lohnt es sich zu haben - vor allem, weil da die 4. Ballade mit dabei ist. Sie und das 4. Scherzo finde ich von Ashkenazy bis heute unübertroffen (absolut gleichstellen (4. Ballade, 4. Scherzo) würde ich Ashkenazy nur die Aufnahmen von Svjatoslav Richter):


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    Zu den frühen ganz vorzüglichen, klangschönen, hochpoetischen und zugleich virtuos-brillanten Aufnahmen gehört auch diese (ich hatte sie früher auf LP, genau die abgebildete auf dem CD-Cover):


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    Speziell für Dich noch eine Empfehlung zu den Balladen, ein "Geheimtip") - Ashkenazy möge es mir verzeihen: Vlado Perlemuter. Meine Frau hatte mal ihre Studenten bei uns zu Besuch in meiner Abwesenheit. Sie haben mehr oder weniger zufällig die Chopin-Box von Perlemuter aus dem Regel gezogen und die Balladen zweimal hintereinander gehört, weil sie die Aufnahme so toll fanden. Meine Frau hat die Aufnahme auch so gut gefallen, dass ich sie noch einmal vorspielen musste und ich selbst befand sie wirklich als herausragend. Sie ist eine der besten! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ashkenazy und Chopin



    In diesem Film über ABM gibt es die Anekdote: Eine Autofahrt durch Lugano und die Reise endet - im PKW, gelenkt von einem der Ashkenazy-Söhne, wohl Vovka - vor dem Haus, das einst ABM bewohnte. Sein heutiger Hausherr: Vladimir Ashkenazy! Ashkenazy mit Ehefrau Dody zeigen die Bibliothek und ABMs Flügel: Er besitzt alle Aufnahmen von ABM und verehrt ihn sehr. Dann erzählt er: 1955 hatte Ashkenazy "nur" den 2. Preis des Warschauer Chopin-Wettbewerbs gewonnen, den 1. gewann Adam Haraciewitz. Das Urteil der Jury war allerdings nicht einstimmig: ABM als Jurymitglied wollte abweichend von der Mehrheit Ashkenazy den 1. Preis geben und Harasiewicz den 2. Deshalb unterschrieb er aus Protest das Schlussdokument nicht. Ashkenazy machte sich später nun, wie er hier im Film erzählt, auf nach Lugano und klingelte bei ABM an der Tür. Er bat ABM, wenigstens doch für ihn seine Unterschrift unter die Urkunde des 2. Chopin-Preises zu setzen. ABM weigerte sich weiter standhaft und sagte nur kurz: "Sie sollten den 1. Preis gewinnen!"


    Zu Chopin hat Ashkenazy Zeit seines Lebens eine besondere Beziehung behalten. Er machte auch eine Gesamtaufnahme - die ich einst auf LP besaß. Die war chronologisch nach Entstehungsdatum geordnet (bis auf die Preludes und Etüden):


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    Bei der CD-Überspielung hat man das aber nicht beibehalten - wohl aus Vermarktungsgründen. Gehört habe ich von ihm die Preludes op. 28 in der Düsseldorfer Tonhalle (wie auf dem Cover auf der CD-Box trat er mit blauem Bläser auf!) und später in der Kölner Philharmonie einige Nocturnes und die Ballade Nr. 4. Ich erinnere mich noch heute: Bei den Oktaven der linken Hand in Prelude Nr. 22 fuhr man in der riesen großen Tonhalle Düsseldorf aus dem Sitz hoch, so kraftvoll-explosiv setzte der Meister sie in den Flügel. Solche Momente sind natürlich nur im Konzertsaal und bei keiner Studioaufnahme realisierbar.


    Einer meiner liebsten Ashkenazy-Platten war seine Aufnahme des 2. Klavierkonzerts (zusammen mit Bach), die er mit David Zinman und dem London SO einspielte - die Einspielung erhielt gleich zwei der renommiertesten Plattenpreise, den Grand Prix du Disque und den Edison-Preis aus Holland. Mit dieser wunderschönen Aufnahme lernte ich das 2. Konzert kennen - und bedaure es sehr, dass sie bis heute nicht als Einzel-CD veröffentlicht ist:


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    Auch eine andere Aufnahme von Ashkenazy war für mich immer exemplarisch - die seiner Chopin-Etüden op. 10 und op. 25. Dies ist das Cover der original-LP:


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    Für mich war diese Aufnahme immer die Alternative zu Maurizio Pollini: Technisch ebenfalls makellos, aber wärmer mit der für Ashkenazy typischen Brillanz und dem Erzählton bei den langsamen Stücken. Heute gibt es sie auf CD in dieser Ausgabe:


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    ... wenn man nicht die CD-Box mit dem kompletten Chopin kaufen will:



    Wie bei Pollini ist auch noch seine ganz frühe Aufnahme der Etüden inzwischen erschienen - ein sehr reizvoller Vergleich wiederum zwischen beiden Aufnahmen sowie Pollini und Ashkenazy in jungen Jahren:



    Von den Sonaten gehört nach wie vor seine funkensprühend brillante Aufnahme der 3. Sonate h-moll zu den besten. Ashkenazy pflegt bei Chopin ein Jeux perle-Spiel, so bei den Mazurken, Walzern und auch den vorbildlich gespielten Frühwerken. In jede Klaviersammlung gehört auch finde ich seine Aufnahme der Balladen und Scherzi:


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    Ashkenazy hat immer wieder Einzelaufnahmen von Chopins Klavierwerken gemacht - u.a. diese Einzel-CD mit der Ballade Nr. 4 - für mich nach wie vor zusammen mit Svjatoslav Richter die Referenz (wie beim Scherzo Nr. 4):


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    Noch eine Bemerkung zu Chopins musikalischem Kleinod, der "Berceuse". Ashkenazy pflegt keinen bewusst subjektiven Interpretationsstil. Er sagte einmal dem Sinne nach: Die Persönlichkeit des Interpreten darf nie in den Vordergrund treten, sie muss wie von selbst aus den Noten herauskommen, wenn man sich nur um eine "sachliche" Interpretation bemüht. Ashkenazys "Berceuse" ist in diesem Sinne fast schon ein provozierendes Experiment - hyper-notentexttreu, ein vollständig entromantisierter, "objektiver" Chopin, was dann aber doch etwas zu sehr ernüchtert wirkt für meinen Geschmack. ^^ Ich muss mal schauen, ob ich noch eine frühere Aufnahme von ihm finde. Ganz anders dagegen sein Vortrag des so melancholischen Prelude cis-moll, was, ungemein poetisch-getragen gespielt, in die Richtung von ABM geht. Ashkenazys Chopin-Interpretationen haben also viele Facetten - sie lassen sich keineswegs alle über einen Kamm scheren! :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Präludium und Fuge von Tanejew op. 29. Dem düster-schwermütigen Präludium folgt eine barock-prächtige Fuge von symphonischen Ausmaßen - eine sehr russische Gefühlswelt in den Anklängen an die Barockzeit. Eine ungemein beeindruckende Komposition! Die Anforderungen an den Pianisten in der Fuge sind immens - Ashkenazy vollbringt eine pianistische und interpretatorische Meisterleistung in jeder Hinsicht. In der großen Decca-Box ist das Programm der Original-LP auf CD wieder vereint - ein Grund mehr, sie sich zuzulegen.

    Nachtrag:


    Ich hatte ganz vergessen, dass das eindrucksvolle Tanejew-Stück auf dieser CD der Serie "Steinway-Legends" bereits wieder veröffentlicht war:


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Mein Fundus an Ashkenazy-Aufnahmen ist recht überschaubar, beschränkt sich fast ausschließlich auf CHOPIN, u.a. die kompletten Nocturnes.


    Aus dieser Doppel-CD habe ich heute zwei Stücke gehört, die nur selten zur Aufführung kommen und auf CD auch nicht gerade oft vertreten sind:

    Chopin:Piano Sonata 1 - Ashkenazy, Vladimir: Amazon.de: Musik

    CHOPIN: Sonate Nr. 1, Op. 4 & Variationen über "un air allemand" E-Dur (Aufnahme: 4/1978). Es handelt sich um Jugendwerke des Komponisten, die von Ashkenazy sehr schön und vor allem pianistisch souverän dargeboten werden. Zum Hören bin ich durch diesen Thread angeregt worden.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • CHOPIN: Sonate Nr. 1, Op. 4 & Variationen über "un air allemand" E-Dur (Aufnahme: 4/1978). Es handelt sich um Jugendwerke des Komponisten, die von Ashkenazy sehr schön und vor allem pianistisch souverän dargeboten werden. Zum Hören bin ich durch diesen Thread angeregt worden.

    Lieber Nemorino,


    das ist doch schön! :) Mit Chopins viel zu wenig beachtetem Frühwerk bin ich durch zuerst in der Tat durch Ashkenazys Gesamteinspielung aller Chopin-Werke in Berührung gekommen. Dann aber intensiv durch meinen Freund Franz-Josef Birk, der immer wieder Chopins frühe Werke im Rahmen seines Chopin-Zyklus (Düsseldorf, Wuppertal, Baden-Baden, Wien) spielte. So habe ich beim hörenswerten Rondo a la Mazur (und bei vielen anderen Gelegenheiten) oben auf dem Podium gesessen und die Seiten umgeblättert. Das muss ich mir von Ashkenazy auch nochmals anhören! :hello:


    Ein schönes Wochenende wünschend

    Holger