Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Das Beispiel "Mozart" ist mir auch gleich eingefallen. Gerade heute kann man ja durchaus öfter mal einer Opera seria von Mozart auch auf der Bühne begegnen. Da dürften dann im Normalfall zumindest in den Rezitativen Striche zu finden sein, aber wahrscheinlich fällt auch die eine oder andere Arie dem Rotstift zum Opfer, um eine gute Spielbarkeit für ein heutiges Publikum zu erreichen.


    Ich kann mich gut daran erinnern, dass noch vor ca. 30 Jahren die "Poppea" von Monteverdi an den Bühnen gerne in der Fassung von Raymond Leppard gespielt wurde - ein Surrugat von ca. 2 Stunden Spielzeit. Heute spielt man die "Poppea" weitgehend strichfrei, bestenfalls die Frage nach der Fassung muss noch beantwortet werden, also Neapel oder Venedig. Damals hingegen war die Leppard-Version für viele Musikfreunde die einzige Chance, mit diesem Stück von Monteverdi in Berührung zu kommen.


    Bei der französischen Barockoper kommt allerdings noch ein wichtiger Punkt hinzu: die Form. Die ist relativ streng, der Ablauf der einzelnen Akte folgt bestimmten Regeln. Bei Kürzungen muss man da sehr geschickt vorgehen, benötigt also einen erfahrenen Dirigenten. Die Prologe lassen sich allerdings oft relativ problemlos streichen, jetzt auf den Inhalt bezogen. Dass da immer auch Musik geopfert wird, ist schon klar.


    Bei CD-Einspielungen finde ich es hilfreich, wenn der Dirigent erläutert, wo und warum er sich für Eingriffe entschieden hat: bei Jacobs und Curtis ist mir das schon mehrfach postiv aufgefallen. Und das Ergebnis ist für mein Empfinden durchaus vorzeig- und achtbar.

  • Zu dem Thema muß ich sagen,
    sehr stark wird immer die Lucia gekürzt!!
    Ob im Opernhaus oder auf CD.
    Die Oper wird ja immer kürzer.



    Rita


  • Das erinnert mich an eine unvergeßliche "Lucia", die ich mal in München sah. Araiza war bereits im Voraus als krank angesagt und hatte hörbar Probleme ; dann wurde die zweite Pause lang und immer länger ; als der Abendspielleiter vor den Vorhang trat, mußte er bekanntgeben, daß jetzt gar nichts mehr ging und die Turmszene gestrichen werden mußte ; außerdem habe es mittlerweile auch den Sänger des Raimondo erwischt, so daß seine Arie wegfallen mußte. Der letzte Akt bestand dann mehr oder minder nur noch aus der Wahnsinnsszene. Man kam sich vor wie bei "Zehn kleine Negerlein"...

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich


    Das erinnert mich an eine unvergeßliche "Lucia", die ich mal in München sah. Araiza war bereits im Voraus als krank angesagt und hatte hörbar Probleme ; dann wurde die zweite Pause lang und immer länger ; als der Abendspielleiter vor den Vorhang trat, mußte er bekanntgeben, daß jetzt gar nichts mehr ging und die Turmszene gestrichen werden mußte ; außerdem habe es mittlerweile auch den Sänger des Raimondo erwischt, so daß seine Arie wegfallen mußte. Der letzte Akt bestand dann mehr oder minder nur noch aus der Wahnsinnsszene. Man kam sich vor wie bei "Zehn kleine Negerlein"...


    Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass es die Turmszene überhaupt gab :O, denn bei uns wurde die immer gestrichen. Araiza war eigentlich der Erste, der sie in Wien IMMER gesungen hat.
    Ein Aha-Erlebnis bescherte mir auch Florez bei seinem ersten Wiener "Barbiere", denn die komplette Schlussarie habe ich bisher noch von keinem Almaviva gehört. Und das Staunen war allgemein, mein Stehplatznachbar wunderte sich auch "Was singt der denn da??????"
    lg Severina :hello:

  • Ich habe lang überlegt, ob ich das im DVD-Thread schreiben soll oder hier und habe mich für hier entschieden.


    Im Grunde hab' ich ja überlegt, ob ich's überhaupt schreiben soll, weil ich jetzt sicher als Abtrünniger gelte.


    Sei's drum.


    Also: Wer konservative Inszenierungen mag, kann mit der DVD von Brittens "Albert Herring" aus Glyndebourne ein Fest feiern. Regisseur ist Peter Hall, Dirigent Bernard Haitink.


    Diese Aufführung zeigt, daß wirklich gut gemachtes konservatives Theater durchaus seine Berechtigung hat. "Albert Herring" ist eine Komische Oper - vielleicht ist auch das der Grund, weshalb es gar so gut funktioniert, eine symbolische Überhöhung mit geistesgeschichtlichen Querverweisen wäre bei diesem Stück ohnedies irritierend.


    Hall setzt auf beste britische Komödie, die Dorfgesellschaft wird mit viel Augenzwinkern in Szene gesetzt (und die Sänger agieren dermaßen gut, daß man glaubt, es mit Schauspielern zu tun zu haben). Man kommt aus dem Schmunzeln und Lachen einfach nicht mehr heraus. Konservativ mag diese Inszenierung sein - aber wenn es mit so viel Witz, Geschmack und Brillanz gemacht ist, muß sogar ich zugeben: Ja, das hat 'was.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    ...
    Hall setzt auf beste britische Komödie, die Dorfgesellschaft wird mit viel Augenzwinkern in Szene gesetzt (und die Sänger agieren dermaßen gut, daß man glaubt, es mit Schauspielern zu tun zu haben). Man kommt aus dem Schmunzeln und Lachen einfach nicht mehr heraus. Konservativ mag diese Inszenierung sein - aber wenn es mit so viel Witz, Geschmack und Brillanz gemacht ist, muß sogar ich zugeben: Ja, das hat 'was.


    Sieh einer an! Edwin hat etwas Kreidevorrat abgebaut! Dazu fällt mir ein, dass ein von ihm nicht sehr geschätzter aber doch recht bekannter Regisseur und Schauspieler einmal bekannt hat, dass er einige der größten schauspielerischen Leistungen auf der Opernbühne erlebt hat. Es ist also gar nicht so ungewöhnlich.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Wer hat denn bestritten, daß »traditionelles« Theater seine Berechtigung hat?


    Aber da dieser Thread gerade wieder geweckt worden ist, will ich etwas beisteuern, was mit schon länger auf den Nägeln brennt:


    Neulich war ich in der »Salome«-Premiere in Dortmund. Was ich da habe sehen müssen, hat mich doch ein wenig erstaunt und gefrustet – und es war ein wunderbares Beispiel dafür, wie Oper IMO nicht inszeniert werden sollte – mit einigen kleinen Einsprengseln, die deutlich machten, was gute Regie aus einer ausgelutschten Szene machen könnte.


    Die musikalische Darbietung (bitteres Mittelmaß) lasse ich mal außen vor – es geht mir hier nur ums Regiekonzept. Für dieses zeichnete Alexander Schulin verantwortlich, für das Bühnenbild Christoph Sehl und für die Kostüme Cornelia Brunn.



    Also dann:
    Der Vorhang geht auf und gibt den Blick frei auf das Treppenhaus eines mehr oder minder großbügerlich oder aristokratisch anmutenden Hauses zur Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert: ein hoher, rundum holzvertäfelter Raum, eine große Treppe zieht sich von rechts unten in einem langen Halbbogen zu einem ebenfalls holzvertäfelten Flur im Obergeschoß. Im Zentrum der Bühne steht ein gewaltiger, bunt geschmückter Weihnachtsbaum (ich meine: Dortmund läßt grüßen – im Ruhrland kann man anscheinend nicht anders...), unter dem Unmengen Geschenkpakete liegen, alle in glänzendes Papier gehüllt. Vor dem Weihnachtsbaum ein schwerer Schreibtisch, daneben ein großer roter Teppich unter dem, wie man später sehen wird, eine Bodenklappe versteckt ist (wir wissen naklar, wer darunter hockt und darben muß). Auf der Bühne sehen wir einige Personen in Militäruniformen, die den Eindruck bestätigen, daß wir uns in einer Szenerie um 1900 befinden. Also o.K.: wir sind am Hofe der K.u.K.-Monarchie oder am Zarenhof. Ist aber (»und hier begann mein Elend...«) weiter auch gar nicht wichtig - womit eigentlich schon alles gesagt ist...


    Zur Zeichnung der Personen/Charaktere: Herodes ist der Kaiser oder Zar in entsprechender Uniform, die Herren tragen Frack oder Uniform, die Frauen Abendkleider; Jochanaan ist ein inhaftierter Revoluzzer, der im Steinbruch schuften muß (dieser befindet sich dabei – oh Wunder! – direkt unter dem Teppichboden); Salome ist eine zickige Göre – die Personenregie will sie wohl zur Ikone der »hysterischen Frau« machen, doch erschöpft sich dies darin, daß Salome immer wie wild mit den Füßen aufstampft, mit der flachen Hand auf das Treppengeländer haut oder gegen die Wände schlägt, wenn sie ihren Willen nicht gleich kriegt. Die Personenregie ist ohnehin höchst einfallsreich: Narraboth etwa hat die ganze Zeit nichts anderes zu tun, als wild mit einer gezogenen Pistole rumzufuchteln und sie auf diesen oder jenen zu richten, bevor er sich dann endlich durch den Mund in den Kopf schießen darf.


    Ansonsten: es passiert nichts, was nicht im Libretto stünde. Alle agieren wie es im Buche steht. Keine Regiezicken. Absolute Langeweile - und das bei einer Oper, deren Musik eigentlich Flammen schlägt, deren Szenerie vor innerer Spannung strotzt und ununterbrochen zu explodieren droht. Hier: nichts ! Gepflegte Langeweile...


    Mit »Regietheater« hatte das Ganze nichts zu tun. Was da geboten wurde war eine höchst-traditionelle Inszenierung, bei der die Darsteller einfach in falsche Kostüme gesteckt worden waren.


    Ein wenig Regietheater gab’s dann aber doch: Denn in den gesamten knapp 120 Minuten der Aufführung dürfen die Zuschauer immerhin Zeuge von genau zwei Regieeinfällen werden – und diese sind auch noch (mehr oder minder) schlüssig aufeinander bezogen:



    1. Idee: Der Schleiertanz


    Von Beginn an fragt man sich »Was soll der Weihnachtsbaum?« und antwortet: »Ist halt Dortmund. Da gibt’s auf dem Weihnachtsmarkt den größten Weihnachtsbaum Europas, also muß auch einer auf die vorweihnachtliche Opernbühne.« Aber Pustekuchen! Der Tanz der Sieben Schleier gerät hier zu einer höchst intensiven Szene: Während Salome in ihrem weißen Kleidchen in völlig versteinerter Haltung traumatisch langsam Stufe für Stufe die Treppe herabsteigt, spielt sich um den Weihnachtsbaum eine gespenstische Szene ab: Ein Fest im Zeitlupentempo, die Gäste stürzen sich auf die Geschenkpakete in denen Tücher, Schleier verpackt sind und in einem exstatischen Ritual wird Herodes in diese bunten Tücher gehüllt – all dies geschieht in einer unendlichen Langsamkeit und mit unglaublicher choreographischer Präzision (Choreographie: Justo Moret Ruiz) – bis schließlich Herodes völlig verhüllt ist und vor dem Schreibtisch auf die nun bei der »Festgesellschaft angekommenen Salome trifft. Das verstörend-gespenstisch Treiben - vom Pagen der Herodias vom oberen Balkon herab beobachtet - gipfelt in einer Mißbrauchszene auf dem Schreibtisch.


    Ich war - zutiefst bestürzt und (im positiven Sinne) sprachlos!!



    2. Idee: Der Schluß


    Am Ende der Oper sehen wir Salome mit dem Kopfe des Täufers auf dem mittleren Treppenabsatz stehen, Herodes steht vor dem Schreibtisch, den oberen Treppenteil schreitet der Page der Herodias herab – ebenso langsam wie zuvor Salome in der Schleiertanzszene – in der Hand eine Pistole, die auf Salome gerichtet ist. »Man töte dieses Weib!« ruft Herodes – doch im letzten Augenblick richtet der Page die Waffe auf ebendiesen und streckt ihn nieder.


    Vielleicht nicht völlig überzeugend – aber die Szene korrespondiert mit der Lesart des Schleiertanzes.


    Die beiden Szenen retten die ganze Inszenierung nicht. Aber hier zeigt sich, daß man mit einer wirklichen Arbeit an den Szenen tatsächlich etwas atemberaubend neues schaffen kann. Schade, daß die Ideen – insbesondere der wirklich beeindruckende Schleiertanz – in so einer öden Inszenierung verbrannt worden sind.


    Ganz herzlich,
    Medard

  • Zitat

    Original von Klawirr
    Der Vorhang geht auf und gibt den Blick frei auf das Treppenhaus eines mehr oder minder großbügerlich anmutenden Hauses zur Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert: ein hoher, rundum holzvertäfelter Raum, eine große Treppe zieht sich von rechts unten in einem langen Halbbogen zu einem ebenfalls holzvertäfelten Flur im Obergeschoß. Im Zentrum der Bühne steht ein gewaltiger, bunt geschmückter Weihnachtsbaum (ich meine: Dortmund läßt grüßen – im Ruhrland kann man anscheinend nicht anders...), unter dem Unmengen Geschenkpakete liegen, alle in glänzendes Papier gehüllt. Vor dem Weihnachtsbaum ein schwerer Schreibtisch, daneben ein großer roter Teppich unter dem, wie man später sehen wird eine Bodenklappe versteckt ist (wir wissen naklar, wer darunter hockt). Auf der Bühne sehen wir einige Personen in Militäruniformen, die den Eindruck, daß wir uns in einer Szenerie um 1900 befinden, bestätigt. O.k.: wir sind am Hofe der K.uK.-Monarchie oder am Zarenhof.


    Lieber Medard,


    Diese "konservative Inszenierung" finde ich durchaus erlaubt!
    Schon eher habe ich befürwortet, daß eine Inszenierung entweder die Zeit gerecht ist, die im Libretto angegeben ist, oder daß die Oper sich "abspielt" im Zeitalter des Komponisten. Und Du kannst nicht verneinen, daß Strauss in jener Zeit lebte.


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von musicophil
    Lieber Medard,


    Diese "konservative Inszenierung" finde ich durchaus erlaubt!
    Schon eher habe ich befürwortet, daß eine Inszenierung entweder die Zeit gerecht ist, die im Libretto angegeben ist, oder daß die Oper sich "abspielt" im Zeitalter des Komponisten. Und Du kannst nicht verneinen, daß Strauss in jener Zeit lebte.


    LG, Paul


    Lieber Paul,
    daß Strauss in jener Zeit lebte, in der die Dortmunder Inszenierung die Salome verortet, bestreite ich auch nicht (wäre ja auch ganz schön blöd von mir :D;) ). Genauso wenig bestreite ich, daß eine solche Art »konservativer Inszenierung«, wie »konservatives Inszenieren« überhaupt erlaubt ist. Was mich eher stört ist die einfallslose, bzw. nicht vorhandene Regie und Personenführung. Da findet einfach nichts statt - bis auf die beiden besagten Szenen.


    Das zeigt IMO eigentlich nur, daß die Szenerie - ob »konservativ« oder (was ist denn jetzt der passende Gegenbegriff?) , hm, sagen wir mal: »avanciert« oder »verfremdend« - erstmal gar nichts bedeutet, solange nicht noch irgendetwas anderes geschieht, das den Zuschauer angeht.
    Ganz herzlich,
    Medard

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  • Zitat

    Original von Klawirr
    ...
    Ein wenig Regietheater gab’s dann aber doch: Denn in den gesamten knapp 120 Minuten der Aufführung dürfen die Zuschauer immerhin Zeuge von genau zwei Regieeinfällen werden – und diese sind auch noch (mehr oder minder) schlüssig aufeinander bezogen:
    ...


    Um Gottes willen! Ist da nicht das ganze Haus eingeschlafen? Eine ordentlich dirigierte Salome ist unter 100 Minuten lang!!!

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Zitat

    Original von Theophilus


    Um Gottes willen! Ist da nicht das ganze Haus eingeschlafen? Eine ordentlich dirigierte Salome ist unter 100 Minuten lang!!!


    Lieber Theophil,
    ich war nicht mit der Stopuhr unterwegs ;) . Gemeinhin dauert die »Salome«, zumindest in den mir bekannten Einspielungen, so zwischen 93 und 97 Minuten. Hier waren's sicher etwas über hundert - aber gefühlte Minuten waren es mindestens 120... :D
    Herzlichst,
    Medard

  • Lieber Medard,
    genau das ist der Pseudo-Regietheaterstil, der Wasser auf die Mühlen der Gegner ist.
    Ich habe noch ein Beispiel, das alle, die es wollen, auf DVD begutachten können - nur wird mich Alviano dafür steinigen: Der "Wozzeck" von Calixto Bieito. Mir geht es nicht um die diversen Igitt-Szenen, das kann man machen, das kann man lassen - mir insgesamt zu beliebig, aber nicht der Punkt, weswegen ich diese Inszenierung nicht mag.
    Mich stört, dass eine halbwegs moderne Personenführung einfach in falschem Ambiente und falschen Kostümen stattfindet. "Wozzeck" ist nun einmal kein Arbeiter einer Raffinerie, sondern ein Soldat. Die Ausbeutung und die Todesnähe beim Militär ist eine völlig andere als die eines industriellen Betriebs. Militär einfach auf Großkapital umlegen - das haut nicht hin. Und nimmt "Wozzeck" viel von seiner erschütternden Aktualität. Denn dass dieses Werk auch ohne Bieito-Verfremdung brennend aktuell ist, wird wohl niemand bestreiten.
    :hello:


    P.S.: Ja, ja, Theophilus, der Kreideberg schrumpft und schrumpft... :D

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Lieber Medard,
    genau das ist der Pseudo-Regietheaterstil, der Wasser auf die Mühlen der Gegner ist.


    Lieber Edwin,
    das ist der Punkt. Das Problem ist, daß manche Regisseure (oder jedenfalls solche, die sich so nennen) glauben, eine Deutung wäre damit erledigt, daß man die Figuren in Kostüme steckt. In der Dortmunder Salome fragte man sich die ganze Zeit: Warum findet das alles an einem bigotten Adelshof um 1900 statt? Das machte einfach keinen Sinn, weil außer der vordergründigen Verortung gar keine Beziehung zu diesem Setting hergestellt wurde, die im Hinblick auf die Handlung - und Deutung - signifikant gewesen wäre. Einfach schlechte Verkleidung. Man hätte dies - genauso hohl und mit derselben Personenführung - in antikisierenden oder in Science-Fiction-Kostümen »spielen« lassen können. Und auch die beiden IMO wirklich gelungenen Regieeinfalle mußten nicht zwingend eine Verortung am K.u.K- oder Zarenhof um 1900 einfordern.


    Und auf der Publikumsseite? Da glauben leider auch einige, wenn die Figuren in vom Librettosetting abweichende Kostüme gesteckt werden, hätte man böses Regietheater vor der Nase. Pustekuchen! Die VerKleidung der Akteure macht aus einer Staubi- noch keine Regieliinszenierung.


    Zitat

    Ich habe noch ein Beispiel, das alle, die es wollen, auf DVD begutachten können - nur wird mich Alviano dafür steinigen: Der "Wozzeck" von Calixto Bieito. Mir geht es nicht um die diversen Igitt-Szenen, das kann man machen, das kann man lassen - mir insgesamt zu beliebig, aber nicht der Punkt, weswegen ich diese Inszenierung nicht mag.
    Mich stört, dass eine halbwegs moderne Personenführung einfach in falschem Ambiente und falschen Kostümen stattfindet. "Wozzeck" ist nun einmal kein Arbeiter einer Raffinerie, sondern ein Soldat. Die Ausbeutung und die Todesnähe beim Militär ist eine völlig andere als die eines industriellen Betriebs. Militär einfach auf Großkapital umlegen - das haut nicht hin. Und nimmt "Wozzeck" viel von seiner erschütternden Aktualität. Denn dass dieses Werk auch ohne Bieito-Verfremdung brennend aktuell ist, wird wohl niemand bestreiten.
    :hello:


    Das was Du hier entlang der Bieito-Inszenierung des Wozzeck, die ich leider nicht kenne, schilderst, trifft ja genau das Problem: eine (aktualisierende) Interpretation und (Aus- oder Um-)Deutung der Figuren läßt sich nur bis zu einem bestimmten Grade gegen das Skript vornehmen (Historiker würden jetzt vom »Vetorecht der Quellen« sprechen). Wann man die Deutung überspannt, bricht irgendwann das Konzept zusammen. Damit ist weder dem Stück noch der Inszenierung noch der Regiekunst als solcher gedient.


    Ganz herzlich,
    Medard

  • Lieber Edwin, lieber Medard,
    ich habe das Gefühl, daß wir uns langsam näher kommen.
    Das Ambiente muß stimmen. Das heißt: Salome gehört in
    den Anfang unserer Zeitrechnung, der Wozzeck gehört in
    die K.u.K. Zeit. Der Ring des Nibelungen gehört in die germanisch-
    wagnersche Sagenwelt. Innerhalb dieser Grenzen gibt es genügend
    Gestaltungsmöglichkeiten für musikalische Regisseure und für
    phantasievolle Bühnenbildner, auch ohne altmodischem Plüsch
    zu verfallen.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo Herbert,
    Du sprichst mir aus der Seele!
    Aber wo sind diese Regisseure?
    Ich habe den Eindruck,das die heutigen Regisseure nur sich selbst verwirklichen wollen.



    LG Rita

  • Lieber Herbert,
    so nahe sind wir einander leider doch wieder nicht: "Wozzeck" gehört meiner Meinung nach nicht in die k.u.k.-Zeit. Er kann auch heute spielen. Aber er muß im Militär spielen. Denn nur hier gibt es die Kommando-Strukturen und Befehlshaber, die über Leben und Tod entscheiden. Bei "Wozzeck" muß im Hintergrund das Erschießungskommando wegen Feigheit vor dem Feind lauern, die Schlacht, die permanente Angst, das sinnlose Krepieren. Auch wenn Büchner/Berg das nicht expressis verbis auf die Bühne bringen, so ist es ein Hintergrund, der mitgedacht und mitinszeniert werden muß. Damit kann der "Wozzeck" aber in Afghanistan ebenso spielen wie im Irak oder in Tschetschenien.


    Mich stört nicht, wenn der Regisseur kommentiert, verfremdet oder auch das Stück bricht, mich stört, wenn er eine weitgehend konventionelle Personenführung dadurch aufmotzt, daß er die Mitwirkenden in "falsche" Kostüme steckt und in ein "falsches" Ambiente stellt. Das hat mit Regie-Theater nichts zu tun, denn das Regietheater versucht ja, Hintergründe offenzulegen und Assoziationen herzustellen. Die beschriebene "Salome" und der genannte "Wozzeck" sind davon aber weit entfernt.


    :hello:

    ...

  • Lieber Edwin,
    so wie Du es beschreibst, kann man es natürlich machen.
    Ich erkenne nur keinen Gewinn für das Drama von Büchner, für die Oper von Berg, oder für das Publikum, wenn man die Story nach Afghanistan transportiert. Die Aussage bleibt meiner Meinung nach die gleiche.



    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    der Wozzeck gehört in
    die K.u.K. Zeit...


    :hello:Herbert.


    Öhm... wieso dieses? Wenn schon, sollte man sich nach Deinen Vorgaben an Büchners Drama und am historischen Fall orientieren, und dann sind wir in Sachsen um 1820, nicht in Kakanien! Da bist du derjenige, der eine Transponierung des Stoffs vornimmt... Übrigens bin auch ich der Meinung, daß es im "Wozzeck" mehr auf das Milieu ankommt als auf eine historisch exakte Positionierung. Wie Du ja selber sagst: das Stück funktioniert problemlos, auch wenn es in Afghanisthan oder in Tschetschenien plaziert würde.

  • Hallo Armin,
    Du hast natürlich recht, Woyzeck war ein Sachse. Es ändert sich
    dadurch allerdings nicht viel. Der Unterschied zwischen Böhmen
    und Sachsen war ja nicht so groß, wie zu Afghanistan. Der Stoff
    und der Text von Büchner, sind auf eine kleine Garnisonsstadt in
    Deutschland zutreffend geschrieben und die Musik von Berg, ist
    zu diesem Text komponiert worden. Es könnte ja sein, daß er
    eine ganz andere Musik geschrieben hätte, wenn der Woyzeck
    in Afghanistan oder in Tschetschenien stationiert gewesen wäre.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

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  • Dem kann ich nur zustimmen. :hello:


    Zitat

    Original von rita
    Ich habe den Eindruck,das die heutigen Regisseure nur sich selbst verwirklichen wollen.


    So kommt es mir auch vor. Sie wollen sich profilieren durch immer irrsinnigere Inszenierungen, nur noch auf ihren eigenen Nachruhm bedacht.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich
    Öhm... wieso dieses? Wenn schon, sollte man sich nach Deinen Vorgaben an Büchners Drama und am historischen Fall orientieren, und dann sind wir in Sachsen um 1820, nicht in Kakanien!



    Die Frage, woran man sich orientieren soll, ist nicht ganz einfach zu beantworten: Am historischen Fall, an Büchners Woyzeck, an Bergs Wozzeck?
    Bei Büchner spricht Woyzeck jedenfalls den Dialekt von Büchners Heimat: Hessisch, genauer: Südhessisch (in welchem Umfang er das tut, ist im dreißigjährigen Krieg der Büchner-Philologen allerdings umstritten).


    Als radikal-strikt-fanatischer Vertreter historisch korrekter Bühnenausstattung fordere ich deshalb, dass zukünftig in der Wirtshausszene nur noch Ebbelwoi getrunken wird! :baeh01:



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von rita
    Ich habe den Eindruck,das die heutigen Regisseure nur sich selbst verwirklichen wollen.


    Zitat

    So kommt es mir auch vor. Sie wollen sich profilieren durch immer irrsinnigere Inszenierungen, nur noch auf ihren eigenen Nachruhm bedacht.



    :D ganz wie im 17. und 18. Jahrhundert :baeh01:

  • das ist ein Irrtum, sie nannten sich vielleicht nicht so, aber Regisseure gab es immer. Bei den Opern Lullys z.B. war es Carlo Vigarini, er war sowohl für die Regie als auch die Inszenierung zuständig.


    Nicht zu vergessen Giacomo Torelli, der einige der prachtvollsten Opernaufführungen seiner Zeit inszenierte.

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Als radikal-strikt-fanatischer Vertreter historisch korrekter Bühnenausstattung fordere ich deshalb, dass zukünftig in der Wirtshausszene nur noch Ebbelwoi getrunken wird!


    Papagei :motz:
    :jubel: :D


    LG, Paul

  • Ich persönlich finde sowohl "staubige" als auch moderne Inszenierungen fesselnd, wenn sie denn als gesamtes einen "ganzheitlichen Eindruck" bei mir hinterlassen.


    Beispiele:


    1. Wiener "Tosca": Uralt und verstaubt, aber geradezu die Perfektion für diese Oper. Bühnenbild, Kostüme, Beleuchtung...alles, wie es sein sollte und wie es wohl von Puccini geplant war.
    Ich finde es schön, daß Herr Meyer diese Inszenierung beibehalten möchte.


    2. Wiener "Lohengrin": Gerade die blinde Elsa finde ich unglaublich anrührend und macht sie noch "unschuldiger" und angreifbarer für Ortrud. Die gelben Häuschen finde ich nicht störend, passt sich dem sonstigen Bühnenbild (dunkle Tränen vom Himmel) gut an.

  • Hallo Lullist,
    von Vigarini habe ich noch nichts gelesen, aber Torelli war ein
    Bühnenbildner, der sich vorwiegend mit bühnentechnischen
    Problemen(Verwandlungsszenen,etc.) einen Namen gemacht hat.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Ja genau, aber zu den Aufgaben des "Bühnenbildners" (der Begriff ist solchen Personen wie Vigarini oder Torelli eigentlich nicht angemessen) gehörte auch die Inszenierung als solche.
    Denn man sollte auf keinen Fall diese Personen durch den missverständlichen Begriff "Bühnenbildner" den Kulissenmaler gleichsetzen.


    Sie zeichneten und entwarfen die Dekorationen, dachten sich spezielle Bühnenmaschinen aus und arbeiteten eng mit den Librettisten, Komponisten und Ballettmeistern zusammen.


    Ich denke dass sie eher als "Bühnenregisseure" bezeichnet werden sollten.

  • Man sollte auch den Bühnenbildner nicht verachten.


    Ich denke da z.B. an Picasso oder Kokoschka,


    die auch Bühnenbilder entwarfen.


    Bis in die 60er Jahre gab es noch Caspar Neher, Theo Otto,


    Hein Heckroth und viele andere, die als Bühnenbildner


    einen großen Namen hatten.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

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