Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Lieber Herbert,

    Zitat

    Bis in die 60er Jahre...


    Aber die sind jetzt rund 45 Jahre vorbei. Und wenn ich mir ansehe, was ein Peduzzi auf die Bühne stellt oder ein Freyer oder ein Pilz etc. - also soooo übel sind diese Bühnenbilder wirklich nicht.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Ich denke da z.B. an Picasso oder Kokoschka,


    die auch Bühnenbilder entwarfen.



    Lieber Herbert,


    bekannte Maler, Bildhauer und Architekten, die sich auch als Bühnen- und Kostümbildner im Opernbereich betätigt haben, gab es auch in den letzten Jahren und Jahrzehnten einige.


    Auf Anhieb fallen mir Jörg Immendorff, Markus Lüpertz, Robert Longo, Daniel Libeskind, Günther Uecker und Alfred Hrdlicka ein. Da wären sicher noch andere hinzuzufügen.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Bernd,
    Du bestätigst meine Aussage, daß der Bühnenbildner durchaus
    dem Bühnenwerk seinen ganz persönlichen Stempel aufdrücken
    kann und nicht Sklave des Regisseurs ist. Picasso u. Kokoschka
    waren nur zwei Beispiele, weil die jeder kennt.


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Lieber Herbert,


    entschuldige, dann hatte ich Dich missverstanden.


    Wobei es ja auch im modernen "Regietheater" alle Variationen des Verhältnisses zwischen Regisseur und Bühnenbildner gibt: Nicht selten habe ich hier die Klage gehört, dass ein übermächtiges oder besonders suggestives Bühnenbild den hauptsächlichen Reiz einer Aufführung ausmache und die Regie "erschlage". Den Bühnenbildner als Untertan des Regisseurs gibt's natürlich auch, da hast Du recht. Gar nicht so selten ist jedoch einvernehmliche Zusammenarbeit zwischen den Partnern - es gibt ja Tandems, die fast schon zu einer Einheit verschmolzen sind (z.B. Christoph Marthaler/Anna Viebrock).


    Und schließlich, nicht zu vergessen: Regisseur und Bühnenbildner in einer Person vereinigt. Da war Wieland Wagner nicht der erste und Herbert Wernicke nicht der letzte.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Salute,


    habe noch mal ein wenig geforscht und Originalentwürfe, Grundrisse und Modellbauteile der großen Bühnenbildateliers gefunden, z.B. Brückner, Müller-Godesberg. Ich bin noch ganz verzaubert von dieser Farbenglut, der Stilsicherheit in Ornamentik und Formenlehre, den perspektivischen Spielereien. Jetzt werden einige ins Koma fallen, aber mir sind diese gemalten Kulissen 1.000 mal lieber als die Styropororgien der 60er und 70er-Jahre, die zudem für die Bühnenausstatter auch immer sehr gesundheitsschädigend und für die Sänger arg schallschluckend sind.


    Außerdem finde ich's ehrlicher: Das Theater ist eine Scheinwelt und das wird von gemalten Kulissen noch unterstrichen. Was die damals alles konnten. Ich habe Modellbauteile des Tannhäusers gefunden. Also, so würde ich das wirklich gerne sehen: "Dich teure Halle grüß ich wieder". Wow, alles voller Gold und und Mosaiken. Historismus pur und damit ja schon fast wieder ein Regietheateransatz ;) Dann: Walddurchblicke für Freischütz, Schlössereinrichtungen, Kerker, gotische Stadtansichten, romanische, italiensiche, spanische und vieles mehr. Das Beste war ein Schiffsmodell für ein mir nicht bekanntes Stück. irgendwas vom heiligen Stephanus. Also, das war wirklich beeindruckend: Diese perspektivischen Verkürzungen in Takelage, Schnitzwerk und Ausbuchtungen. Die Galeone bestand aus fünf Teilen. Richtig gestellt war die Illusion perfekt.


    Witzig und mir sehr sympathisch, weil kostengünstig. Aber viele werden jetzt die Nase rümpfen: Früher wurden Versatzstücke ganz einfach vermischt. Ein paar Tannen von Hänsel und Gretel, ein paar vom Freischütz, eine Ruine vom Troubadour und schwupps schon stand da ein erzromantisches Bühnenbild für "Hans Heiling". Überhaupt: Die Romantik! Also, davor hatten die früher gar keine Angst. Was ich da alles gesehen habe, da würde ein Disney im Kinopanorama erblassen. Nein im Ernst, ich plädiere ganz ehrlich für die Rückkehr gemalter Kulissen:


    Sie sind preiswerter, ermöglichen schnelleren Umbau, transportieren den Schall besser und entfesseln einen Farbenrausch, dem ich mich nicht entziehen kann. Versucht gar nicht erst mich zu bekehren, das ist vergebliche Liebesmüh.


    Freundliche Grüße,


    Knuspi


  • Nur solltest Du erst einmal abwarten, bis du so etwas auf der Bühne gesehen hast, bevor Du schwärmst... Vergiß nicht, daß es zur Zeit, als die gemalten Kulissen verwendet wurden, noch kein elektrisches Licht gab, und da sieht das Ganze dann schon weniger gut aus. Übrigens war es seinerzeit in den kleineren Theatern üblich, daß man nur einen gewissen Fundus von Kulissen besaß, der dann immer wieder zum Einsatz kam. Den Saal, den man aus dem "Troubadour" kannte, fand man im "Tannhäuser" wieder... neu angefertigte Bühnenbilder wurden als spezielle Atrraktion auf dem Theaterzettel vermerkt.

  • Zitat

    Original von Armin Diedrich
    ...
    Nur solltest Du erst einmal abwarten, bis du so etwas auf der Bühne gesehen hast, bevor Du schwärmst... Vergiß nicht, daß es zur Zeit, als die gemalten Kulissen verwendet wurden, noch kein elektrisches Licht gab, und da sieht das Ganze dann schon weniger gut aus. ...


    Nun, es gibt in Russland heute noch gemalte Kulissen (z.B. Bolschoi) und ein talentierter Beleuchtungsmeister zaubert dir fast jeden gewünschten Effekt auf die Bühne, auch eine Art "Gaslicht", wenn nötig. Das Problem liegt meines Erachtens weniger in der Realisierbarkeit mit heutigen technischen Voraussetzungen, als in der Auffindbarkeit von Bühnenbildnern, die das entsprechende Handwerk beherrschen.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Hallo Armin,


    Du, ich habe solche Bühnenbilder live in Moskau gesehen: Onegin, Ivan Sussanin. Es war alles nur gemalt, alle Säulen, jeder Baum und jedes Haus, selbst der Kreml im Schlussbild vom Susanin. Das Publikum gab jedesmal Szenenapplaus.


    Durch den Besuch dieser Bolshoi-Aufführungen, die ich tausendmal schöner fand als die gleichzeitig besuchten Schwanensee, Jolanthe und Nabucco - die zwar relativ werktreu waren aber in Bezug auf Atmosphäre dem Vergleich mit den historisierenden oben genannten Bühnenbildern nicht das Wasser reichen konnten - wurden gemalte Kulissen für mich erst zm Thema. Bis dato kannte ich derartiges nur von historischen Fotos,die aber den Eindruck nicht wiedergeben können: SIe sind zu grell ausgeleuchtet und halt eben schwarzweiß. Ich hatte auch immer gehört, dass gemalte Kulissen mit dem heutigen Licht nicht vereinbar seien: Das Bolschoi beweist das Gegenteil.


    Hallo Theophilus,


    ja, das ist allerdings ein Problem. In Deutschland wirst Du da kaum mehr fündig. Als Jürgen Rose vor ein paar Jahren den Hänsel in Köln neu inszenierte, da ließ er die Maler einfliegen, die ihm den Tannenwaldprospekt zauberten. Unglaublich, die haben dafür Monate gebraucht. So was war früher Standard jeden größeren Theaters. Schade, schade, was da alles an Technik und Können in Vergessenheit geraten ist. In Italien, Russland und der Tschechei wird diese Kunst noch gelehrt, aber sie ist im Schwinden.Selbst ins Bolschoi schwappt die moderne Auffassung von Theater und hat den von mir so bewunderten Onegin in die Versenkung verdonnert. Jetzt gibt's da ein Einheitsbühnenbild.Schnarch!


    LG,


    Knuspi

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Nun, es gibt in Russland heute noch gemalte Kulissen (z.B. Bolschoi) und ein talentierter Beleuchtungsmeister zaubert dir fast jeden gewünschten Effekt auf die Bühne, auch eine Art "Gaslicht", wenn nötig. Das Problem liegt meines Erachtens weniger in der Realisierbarkeit mit heutigen technischen Voraussetzungen, als in der Auffindbarkeit von Bühnenbildnern, die das entsprechende Handwerk beherrschen.


    Ich kann Theophilus da nur nachhaltigst bestätigen. In manchen Theatermuseen kann man an Hand von Modellen die ursprüngliche Wirkung noch bruchstückhaft nachvollziehen. An großen Häusern waren als Kulissenmaler ausgeprochene Spitzenkräfte engagiert (wie in Wien die Brioschis oder Rottonara) - wenn man da einmal ein paar Entwürfe vor Augen gehabt hat, dann versteht man Knuspis Begeisterung voll und ganz.
    Einen schwachen optischen Abglanz der Originale vermittelt auch z.B. der von Vana Greisenegger-Georgila gestaltete Katalog "Theater von der Stange - Wiener Ausstattungskunst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts", erschienen 1994 im Böhlau Verlag.
    Über manche Tricks der Bühnengestalter informieren auch zeitgenössische Artikel in Blättern wie "Vom Fels zum Meer", "Gartenlaube" etc. Gerade wenn eine Bühne nicht taghell erleuchtet ist wie ein Operationsfeld, kann man allerhand Illusionen zaubern.


    LG


    Waldi

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  • An alle:
    Sehe gerade, dass alle wie wild wieder in diesen Thread clicken. Mir ging es nicht darum, wieder das Kriegsbeil auszugraben - dass ich auf Seiten der werktreuen Inszenierungen steh, dürfte mittlerweile bekannt sein :D: Ich wollte nur meine Begeisterung mitteilen für die Kunstform des gemalten Bühnenbildes, wollte es mit denjenigen teilen, die sich auch dafür begeistern.


    LG,


    Christoph


  • Lieber Waldi,


    habt Ihr diese Blätter im Museum? Ich suche dringend sowas, auch etwas zu "Theaterperspektive". Habe bisher nur rausbekommen bzw. nachkonstruiert, dass die alten Meister meist drei Horizonte annahmen um jedem Besucher ein mehr oder weniger gleiches Erlebnis bieten zu können, also auch denen in der Galerie - oder wie's in Köln hieß, denen auf dem Hahnenbalken.


    LG,


    Christoph


  • Warst Du schon im Theatermuseum in Wahn? Haben die da entsprechendes Material? Ansonsten sind Wien und München die einschlägigen Adressen.

  • Hallo Armin,


    vielen Dank für Deine Tipps. Wahn hat leider keine Abhandlungen zur Konstruktion. Vermute langsam, dass dieses Wissen und Können von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurde - und ich muss es mir jetzt mühsamst nachkostruieren.


    LG,


    Christoph

  • Nun gebe ich zu, daß diese gemalten Bühnenbilder einen ganz eigenen Reiz haben können, im Westen aber problematisch wären - und zwar nicht wegen des Regietheaters, sondern gerade wegen des konservativen Theaters.
    Otto Schenk etwa (aber nicht nur er, sondern sehr viele Regisseure eines vergleichbaren Ansatzes) ließ seine Bühnenbildner die Szenerie stets mit dermaßen viel Klimbim vollrammeln, daß sich dieses Ausstattungstheater in Zusammenhang mit konservativen Regiearbeiten in den Köpfen der Zuschauer so festsetzte, daß ein gemaltes Bühnenbild als "Lösung für die armen Leut'" gelten würde.
    Man munkelt ja auch, daß Wieland Wagners "entrümpelte Bühne" primär einer Geldnot und erst sekundär einer künstlerischen Vision entsprang - was letzten Endes aus heutiger Sicht egal ist, es war jedenfalls stilprägend.


    Ein anderer Fall kam mir neulich in Wien unter, wo das Mariinskij Theater mit Prokofjews "Spieler" gastierte. Es war eine "konservative" Aufführung - aber es gab auch hier ein Einheitsbühnenbild, und zwar eines von ausgesuchter Beliebigkeit, wie ich es vor 20 Jahren an den kleineren Stadttheatern im deutschsprachigen Raum zuhauf erlebt habe, und zwar sowohl in konservativen als auch in modernen Regiearbeiten. In diesem Bühnenbild wurde nun herumgestanden, als wär's eine konzertante Aufführung, lediglich der Protagonist erwies sich als guter Schauspieler.
    Wenn ich nun zurecht vermute, daß das Mariinskij Theater nicht mit einer völlig ungeprobten oder/und total abgespielten Auffüghrung auf Tournee geht, diese "Spieler"-Aufführung also halbwegs repräsentativ ist, dann glaube ich eher nicht, daß das szenische Heil des zeitgenössischen Musiktheaters ausgerechnet in Rußland zu suchen ist.

    Ich weiß aber auch, daß es dort ungeheuer begabte junge Regisseure gibt, die ein moderneres Musiktheater machen - aber das ginge in eine Richtung, als deren Fürsprecher ich Knusperhexe und Theophilus eher nicht vermute. :D


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Otto Schenk etwa (aber nicht nur er, sondern sehr viele Regisseure eines vergleichbaren Ansatzes) ließ seine Bühnenbildner die Szenerie stets mit dermaßen viel Klimbim vollrammeln, daß sich dieses Ausstattungstheater in Zusammenhang mit konservativen Regiearbeiten in den Köpfen der Zuschauer so festsetzte, daß ein gemaltes Bühnenbild als "Lösung für die armen Leut'" gelten würde.



    Hallo Edwin,


    ja, da gebe ich Dir recht. Das war lange auch meine Meinung. "Ach, das war ja früher nur gemalt. Eine billige Lösung.Eine Lüge." Und gerade das macht jetzt den Reiz für mich aus. Wenn ich denke, wie teuer bis in die 80er hinein Theater gemacht wurde: Alles musste gebaut sein, der Boden aus echtem Marmor, die Balkendecke aus echtem Eichenholz u.s.w. - eine schöne, aber sehr verschwenderische Auffassung von Theater! Zumal wenn diese Inszenierungen schnell wieder in der Versenkung werschwanden. Und wie gesagt, ich halt's für unnötig: Warum etwas teuer bauen, wenn Du mit gemalten Kulissen den gleichen, wenn nicht intensiveren Eindruck erwecken kannst. Aber leider scheint ja für beide Formen, sowohl für die Materialorgien als auch für die gemalten Schinken die Götterdämmerung bereits vollzogen. Bleibt mir also nur das Schwelgen in den alten Entwürfen. Übrigens waren da viele von der Staatsoper bei.


    LG,


    Knuspi

  • Hallo Knusperhexe,
    ich erlebte gemalte Kulissen bei einer Kinderoper von Hiller in Wien: Der besondere Reiz dabei war, daß sie nicht realistisch gemalt waren, sondern eine gewisse kindliche Naivität hatten. Es war einfach phantastisch - die Kulissen spiegelten sowohl die Spielorte des Werks als auch, eben durch diese kleine Brechung, den Charakter des Werks. Und nach kürzester Zeit fand sich sogar ein eher zu modernen Regiearbeiten neigender Zuschauer wie ich in einer wunderbar bunten und märchenhaften Welt. (So würde ich gerne einmal "Hänsel und Gretel" ausgestattet sehen.) Ich glaube also, daß es auch beim West-Publikum funktionieren kann - aber vielleicht nicht bei jedem Werk.
    :hello:

    ...


  • Lieber Christoph,


    In Wien sind die eher schwer zu finden (einen Band habe ich selbst, wo so ein Artikel drin ist, nur kann ich nicht garantieren, ob ich ihn finde - da geht's, glaube ich, um künstliche Effekte wie Blitz und Donner), sicher jedoch in Berlin und anderen deutschen Bibliotheken.


    Falls ich daheim fündig würde, könnte ich Dir ein Xerox schicken.


    LG


    Waldi


  • Nicht verzagen, den Bibliothekar fragen:
    http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html
    Da finden sich genügend Nachweise, wenn auch vollständige Reihen selten sind. "Vom Fels zum Meer" liegt allerdings auch in einer Mikroficheausgabe vor

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    ..
    Man munkelt ja auch, daß Wieland Wagners "entrümpelte Bühne" primär einer Geldnot und erst sekundär einer künstlerischen Vision entsprang - was letzten Endes aus heutiger Sicht egal ist, es war jedenfalls stilprägend.
    ...


    Das wird nicht nur gemunkelt, sondern ist eine offene Tatsache. Die Wagners hatten für den Neustart von Bayreuth keine nennenswerten Geldmittel. Man hatte zwei Alternativen: der Neubeginn mit minimalen Mitteln oder Geld auftreiben und die Kontrolle zumindest teilweise abgeben. Man entschied sich für die erste Variante und Wieland machte aus der Not eine Tugend in Form eines radikal neuen künstlerischen Ansatzes (der "zufällig" auch sehr preisgünstig realisierbar war).

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


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  • Zitat

    Original von Theophilus
    Man hatte zwei Alternativen: der Neubeginn mit minimalen Mitteln oder Geld auftreiben und die Kontrolle zumindest teilweise abgeben. Man entschied sich für die erste Variante und Wieland machte aus der Not eine Tugend in Form eines radikal neuen künstlerischen Ansatzes (der "zufällig" auch sehr preisgünstig realisierbar war).


    Sorry, :pfeif:
    und völlig OT: :untertauch:
    Aber zwei Alternativen? Das wären dann vier Möglichkeiten.
    Eine Alternative beinhaltet doch ent und weder, oder? :D
    Nix für ungut :angel:

  • Lieber Armin und lieber Waldi,


    vielen Dank für Eure Tipps. Ich werde weiterforschen. Falls Euch oder irgend jemand der Taminoianer was in die Hände fallen sollte - bitte bei mir melden.


    Übrigens war auch ein zerlegtes Modell von der Hundinghütte dabei, das ich mit meinem Ankerbaukasten schnell mal aufgestellt habe. Ist schon beeidruckend, wie die wuppdich! ganze Räume gezaubert haben. Irgendwie macht's das Auge mit - und obwohl man die ganze Zeit zweifelt, komplettiert's die Achsen und Sichtbezüge zum kompletten Raum. Eine richtige Teufelei!!!


    Liebe Grüße,


    Knuspi


    Da fällt mir gerade ein: Die Tage soll doch "Die Zauberflöte" aus Berlin übertragen werden. Es handelt sich um eine Everding-Inszenierung in den gemalten Schinkel-Bühnenbildern. Mist, habe keine Rundfunkzeitung. Wisst Ihr, wann's kommt?

  • Lieber Christoph,


    Den erwähnten Artikel habe ich gefunden. Er ist 1883 in Band 2 "Vom Fels zum Meer" erschienen, illustriert und verweist auch auf einen offenbar entsprechenden Beitrag in Band 1.
    Der Titel lautet "Die Wunder der Bühnenwelt". Verfasser ist der Redakteur der Zeitschrift, der bekannte Journalist Joseph Kürschner (1853-1902), dem sogar Hans Wollschläger bescheinigte: "...Kürschner, der von der Naturwissenschaft her kam, war bei aller journalistischen Fixfingrigkeit dem Erziehungsbegriff der Zeit beträchtlich voraus...".


    Wenn Du eine Kopie wünschst, bitte um PN!


    LG


    Waldi

  • Hallo Kati,
    zunächst möchte ich hallo sagen, denn ich bin neu im Forum und lese mich hier ein wenig durch.
    Dein Thema finde ich z. B. sehr interessant und zum größten Teil sprichst du mir voll aus dem Herzen. Auch ich finde traditionelle Inzenierungen meistens viel schöner. Klar kann man als altmodisch hingestellt werden, doch das stört mich nicht.
    Das Regietheater kommt mir manchmal so vor, als ob die Inzenierung wichtiger ist, als die Musik und dass möglichst viel skandalöses eingearbeitet wird, um Neugierige anzulocken. Je mehr Sex und Krime einfließt, um so besser, dann schreibt die Presse mehr.
    Es ist schon ca. zwei Jahre her, da habe ich mir die Turandot-Inzenierung in der Berliner Staatsoper angesehen. Die Regie hatte Doris Dörrie. Ich fand diese Turandot schrecklich. Z. B. kam die Prinzessin bei ihrem ersten Auftritt aus einem überdimensionalen Teddybären heraus. Die Bedeutung war mir vollkommen unklar. Der Rest spielte in einer kalt ausgestatteten Neubauküche, einfach grauslich.
    Bei einer solche Inzenierung bin ich nur froh, dass man an der Musik nichts ändern kann. Dann denke ich, wenn Puccini das gesehen hätte, der rotiert ja im Grabe.
    Ich bin eine sehr sehr große Verehrerin von Marcel Pravy (leider gab und gibt es viel zu wenig Sendungen von und mit ihm in Deutschland). Er war auch kein großer Fan des neuen Regietheaters und was er darüber sagte und schrieb, fand meine volle Zustimmung.

  • Zitat

    Zitat monteverdi
    Er war auch kein großer Fan des neuen Regietheaters und was er darüber sagte und schrieb, fand meine volle Zustimmung.


    Nun hatte ich das Glück, bei Prawy Vorlesungen zu hören und ihn auch persönlich etwas näher kennenlernen zu dürfen. Er war ein unglaublicher Mensch mit einem alle geistig- künstlerischen Bereiche abdeckenden Wissen und einem untadeligen Charakter. Im Grunde kann ich über Prawy nur Gutes sagen.


    Aber es gehörte auch zu Prawys Charakterzügen, mitunter unhaltbare Positionen einzunehmen. So hat sich mittlerweile herumgesprochen, daß Robert Stolz eher doch nicht der legitime Erbe von Mozart und Schubert ist, daß die einzigen tauglichen Opern des 20. Jahrhunderts vielleicht doch nicht nur in den USA und Bulgarien geschrieben werden etc. Seine Leidenschaft für Einzelphänomene verzerrte mitunter einfach die Perspektive.


    Mit dem Regietheater war es ähnlich. Prawy lehnte nämlich nicht nur das Regietheater im Sinne der beschriebenen "Turandot" ab. Seine ideale Opernbühne war eine Ausstattungsorgie mit darin herumstehenden und gestikulierenden Sängern. Selbst Regisseure, die heute als konservativ empfunden würden wie Wieland Wagner oder Joachim Herz wurden von ihm zumindest skeptisch beäugt.


    Der Höhepunkt kam, als Prawy die "Ring"-Regie von Filippo Sanjust an der Wiener Staatsoper verteidigte, bei der es nichts zu verteidigen gab. Obwohl das Wiener Publikum zumindest zur damaligen Zeit eindeutig konservativ war, wurde diese Inszenierung nahezu kollektiv weniger ausgebuht als ausgelacht. Nur Prawy war selig, denn er sah eine hemmungslose Ausstattungsorgie, gegen die Otto Schenks Met-"Ring" eine karge Angelegenheit ist.


    Prawy ist also weniger ein Zeuge gegen das Regietheater, sondern vielmehr ein Zeuge gegen jegliche Modernisierung der Regie, die über Otto Schenk hinausgeht. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit ihm, weil ein (insgesamt konservativer) "Lohengrin"-Regisseur es gewagt hatte, den Schwan als eine Art Engelswesen zu inszenieren. "Ein Schwan ist ein Schwan ist ein Schwan". Basta.


    :hello:

    ...

  • Vielen Dank für die umfangreiche Information. Wie gesagt, in Deutschland hat man leider immer sehr wenig von M. Prawy gesehen und gehört, doch wenn ich eine Sendung mit ihm sah, dann fand ich ihn einfach wunderbar. Auch seine Biografie fand ich sehr interessant und sogar humorvoll geschrieben.

  • Zitat

    Original von monteverdi13


    Es ist schon ca. zwei Jahre her, da habe ich mir die Turandot-Inzenierung in der Berliner Staatsoper angesehen. Die Regie hatte Doris Dörrie. Ich fand diese Turandot schrecklich. Z. B. kam die Prinzessin bei ihrem ersten Auftritt aus einem überdimensionalen Teddybären heraus. Die Bedeutung war mir vollkommen unklar. Der Rest spielte in einer kalt ausgestatteten Neubauküche, einfach grauslich.


    Wobei ich meine ernsthaften Zweifel habe, ob Doris Dörrie wirklich als eine der bedeutenden Vertreterinnen des Regietheaters in die Geschichte eingehen wird. Sie fügt sich halt in das leidige Konzept der Staatsoper ein, vermehrt durchs Kino einem breiten Publikum bekannte "Regie-Stars" auf die Bühne zu bringen. Ich habe auch Dörries "Cosi" gesehen: Ein kurzweiliges, durchaus pointiertes Komödienarrangement, zu dem es aber weder Mozarts Musik, noch des Librettos wirklich bedurft hätte. Da wurde weder repliziert noch interpretiert, sondern einfach nur eine platter Abklatsch geboten. In den meisten guten Kabarrett-Bühnen Berlins findet man ein ähnliches Niveau, und dafür brauchts kein Kompositionsgenie. Ein anderer Trauerfall ist Eichingers Parsifal. Das hat aus meiner Sicht nichts mit Regietheater zu tun, dass ist eher klassisches Ausstattungs-Schwärmereitheater, nur dass es sich geschmacklich an eine andere Zielgruppe richtet, als die Inszenierungen von vor 80 Jahren.
    Filmregisseure sehe ich prinzipiell skeptisch. So sehr ich mich beispielsweise auf Lars von Triers bayreuther Debüt gefreut hab: Er ist sicher einer der bedeutensten Regisseure der Gegenwart, aber eine Oper auf die Bühne bringen, ist halt was anderes. Und man kann beispielsweise über Konwitschny sagen was man will, aber mangelhafte Opernkenntnisse und Erfahrungen im Musiktheaterbereich ist sicher kein Angriffspunkt bei ihm.



    Was mich letztlich am meisten an der Debatte stört, ist eine Denkweise, die prinzipiell "traditionell" inszenierenden Regisseuren ein Handeln im Dienste des Werkes unterstellt.


    Interessant in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme Lucchino Viscontis, der ja auch schon hier im Forum für seine prächtigen Inszenierungen gelobt wurde. Es geht um die berühmte Traviata-Aufführung an der Mailänder Scala 1955, die in Ihrer Üppigkeit sicher den Gegnern des Regietheathers manches Wohlbehagen bereitet haben würde. Aber was äußert nun Visconti zu seinen Motiven:


    Zitat

    Ich inszenierte Traviata für Sie allein, nicht für mich. Ich tat es, um Callas zu dienen, denn man muß einer Callas dienen. Lila de Nobili und ich veränderten den zeitlichen Hintergrund der Geschichte hin zum Fin de siècle, um 1875. Warum ? Weil Maria in den Kostümen dieser Zeit wundervoll aussehen würde. Sie war groß und schlank, und in einem Kleid mit einem langen, engen Oberteil, Krinoline und langer Schleppe, würde sie ein Traumbild sein. Was meine Regie anging, so versuchte ich, sie ein wenig zur Duse zu machen, ein wenig zu Rachel, ein wenig zur Bernhardt. Doch mehr als an alle anderen dachte ich an die Duse."


    Hier macht also einer der großen klassischen Regisseure Italiens (nebenbei im Verbund mit einer legendären, "konservativen" Bühnenbildnerin Italiens) keinen Hehl daraus, dass die Regie eindeutig primär auf die Callas zugeschnitten wurde. Sogar das zeitliche Setting wurde explizit aus diesen Gründen modifiziert.


    Ist das jetzt werktreu oder gar im Dienste von Verdi oder der Traviata ? Sicherlich nicht. Und ich gestehe gerne ein, dass mir aus dem Werk abgeleitete Interpretationen durchaus mehr behagen, als solche, die der aktuellen Besetzung geschuldet sind. Dennoch würde die Inzenierung heute sicher immer noch großen Anklang finden, gilt doch das Bühnenbild als legendär, wo die Illusion riesiger Kronleuchter und antiker Vasen das Auge verwöhnte.


    Ich kann ja nachvollziehen, wenn man das großartig findet. Und rein handwerklich sicher auch eine überragende Leistung. Nur, das als werkgerecht zu loben, ist höchst ungerecht.


    Gruß
    Sascha

  • @ monteverdi


    Ich gebe Dir in der Turandot aus Berlin recht.
    Aber noch schlimmer ist der Rigoletto in München,
    da würde sich Verdi doch sehr wundern.


    Rita

  • Menschen in Affenkostümen.

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

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