Operninszenierungen - modern vs. "altmodisch"

  • Lieber Peter,



    ein Bäcker geht trotzdem pleite und zugrunde wenn nur 10 Leute bei ihm kaufen. Auch wenn gerade den 10 Menschen diese Bäcker-Brötchen besonders mögen.


    Im übertragenen Sinne gilt das auch für die Theater- und Musiktheaterszene.


    Ich bin kein Gegner von modernen Inszenierungen, habe aber etwas gegen überzogene Deutungen, die überhaupt nicht mehr Werk-konform sind.


    Das ist aus meiner Sicht auch nicht duldbar, gehört vom Publikum mit recht durch fernbleiben honoriert - die Inszenierung gehört abgesetzt, der Regisseur abgewatscht und zur Kasse gebeten.


    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Lieber Peter,


    70prozentige Auslastung ist ein Durchschnittswert, der nicht besonders gut ist, die anderen beiden Häuser sind besser ausgelastet und nicht "Opernhaus des Jahres".


    Ich habe ja auch nicht gesagt, dass an der Komischen Oper nur vor halbleeren Haus gespielt wird. Der "Rosenkavalier" z.B. bescherte der Oper stets ein volles Haus. Aber andere Inszenierungen bescheren dem Haus nur halbgefüllte Säle.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    die Inszenierung gehört abgesetzt, der Regisseur abgewatscht und zur Kasse gebeten.


    WAS SOLL DAS? ZU WAS RUFST DU HIER AUF? ZU KÖRPERLICHER GEWALT GEGEN REGISSEURE, DEREN INSZENIERUNGEN DIR NICHT GEFALLEN?


    STOPP!!!


    Micha

  • Schade,


    dass eine altbekannte Diskussion hier auf diese Weise fortgesponnen wird. Der Gedanke, dass allein der Publikumszuspruch entscheidend sein soll dafür, ob etwas (weiter) aufgeführt werden darf oder nicht, läuft der hiesigen Kulturpolitik (zum Glück) derart zuwider, dass er ernsthaft nicht diskutabel ist.
    Bei aller Freude, an einer gelungenen "Rosenkavalier"-Aufführung (in zwei Wochen erlebe ich hoffentlich an der Staatsoper eine), aber die Vorstellung, nur noch solche "Renner" - am besten auch noch vor allen Dingen massenkompatiblen Inszenierungen - erleben zu können, ist erschreckend. Es ist doch der immer neue Blick, das Forschen nach dem, was man als Werkidee begreifen kann, das den Gang in die Oper so wertvoll machen kann. Populären Einheitsbrei abliefern zu müssen, möchte ich keinem kreativen Kopf auf Dauer zumuten. Und die immergleichen Inszenierungen würde doch ebenfalls niemand auf Dauer sehen wollen.


    Dass man unterschiedlicher Ansicht über Musik oder deren Inszenierung sein kann, ist selbstverständlich und immer wieder belebend, man sollte dabei jedoch niemals den Respekt für den anderen, der sich doch imemrhin mit den gleichen Themen befasst wie man selbst, außer Acht lassen.


    Gruß, Ekkehard.


    P.S.: Und wenn mir diese Anmerkung gestattet sein darf, überaus belastete Begriffe wie den des "gesunden Volksempfindens" in eine solche Diskussion einzuführen, halte ich nicht für glücklich. Dieser Begriff war ja gerade Ausdruck einer Kulturpolitik, die sich sicherlich niemand hier wünscht.

    "Jein".

    Fettes Brot

  • Hallo Micha,


    nicht, weil mir die Inszenierung nicht gefällt, sondern der Masse des Publikums nicht - und für halbleere Häuser sorgt.


    Abgewatscht - meinte ich im parteipolitischen Sinne - Denkzettel verpassen. - Keine körperliche Gewalt!



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von lohengrins
    Und wenn mir diese Anmerkung gestattet sein darf, überaus belastete Begriffe wie den des "gesunden Volksempfindens" in eine solche Diskussion einzuführen, halte ich nicht für glücklich. Dieser Begriff war ja gerade Ausdruck einer Kulturpolitik, die sich sicherlich niemand hier wünscht.


    Lieber Ekkehard,


    man kann in den Begriff viel hereinlesen, das ist mir schon klar, ich bin ihm aber in den 60ern im Bereich konservativer Kulturbetrachtung durchaus noch unverstellt begegnet, der Grund, ihn zu gebrauchen, war die Einführung des Begriffs "normal". Das eben war der Inhalt dessen, was der inzwischen wohl nicht mehr so beliebte Begriff - da hast Du Recht - meinte. Es sollte schon eine Warnung sein, im Ästhetischen mit dem Begriff des "Normalen" zu agieren. Poes Ligeia, über die wir in einem anderen Thread diskutieren, hat als poetisches Prinzip eben das "Nicht-Normale".


    Wenn also die Kategorie des Normalen vermieden wird, die die anderen als Vertreter des Unnormalen - und das ist eben auch das Krankhafte - ausgrenzt, vermeide ich mit größtem Vergnügen das "Gesunde", was immer sein Träger ist.


    Ansonsten teile ich Deine Auffassung, dass Zuschauerzahlen nicht das Kriterium sein dürfen - dann sehe ich außer dem Orpheus wohl keinen Gluck mehr auf der Bühne. Es muss auch die Möglichkeit geben, für einen Komponisten zu werben, der nicht so bekannt ist.


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Ich bin kein Gegner von modernen Inszenierungen, habe aber etwas gegen überzogene Deutungen, die überhaupt nicht mehr Werk-konform sind.


    Das ist aus meiner Sicht auch nicht duldbar, gehört vom Publikum mit recht durch fernbleiben honoriert - die Inszenierung gehört abgesetzt, der Regisseur abgewatscht und zur Kasse gebeten.


    Herzliche Grüße
    von LT :hello:


    Jetzt staune ich aber doch.


    Wer bitte soll das entscheiden und durchführen? Von wem und wie sollen solche Maßnahmen beschlossen und durchgeführt werden? Stellst Du Dir die Einführung eines Bühnengerichtsvollziehers vor, der den Regisseuren die Honorare pfändet und alternativ Gefängnisstrafen androht, wenn sie kein bestimmtes Quorum erreichen, obwohl da viele Gründe, wie etwa das Werk selbst, hineinspielen können? Hast Du wirklich keine Vorstellung davon, wie rasch unsere Kulturlandschaft verarmen würde, wenn - wieder mal - ein Verrückter bei uns so etwas durchsetzen könnte?


    Haben wir nicht lange genug unter der letzten Emigrationswelle gerade von Künstlern gelitten? Haben wir wirklich immer noch nicht gelernt, welche verheerenden Auswirkungen der Appell an das gesunde Volksempfunden haben kann, wenn er, was bekanntlich nicht so schwer ist, gezielt gegen unliebsame MInderheiten gerichtet wird? Um jemanden "werkgetreu" zu variieren, der mit dieser Geisteshaltung ähnliche Probleme hatte, aber früh genug geboren wurde um heute selbst ein Opfer mangelnder Werktreue zu sein:


    "Sire, geben Sie Gesinnungsfreiheit!"


    Was mich an diesem Diskussionsstil massiv stört, sind nicht einmal die Ansichten über bestimmte Inszenierungen oder -moden, obwohl auch dazu hier schon Differenzierteres zu lesen war. Die seien gerne jedem überlassen, ebenso wie das Recht, sie so qualifiziert zu äußern wie man es (halt nur) vermag. Wir alle wissen ja aus leidvoller Erfahrung in nur vier Jahren, wie schnell diese Debatte zwischen Unbekehrbaren ermüdet, weshalb ich mich hier eigentlich nicht mehr einschalten wollte.


    Was mir aber massiv gegen den Strich geht, ist die rücksichtslose Vereinnahmung der "schweigenden Mehrheit" für die eigene Meinung, die man nicht überzeugend genug darlegen kann um sie mit einiger Aussicht auf Erfolg für sich sprechen zu lassen. Selbst wenn, was sie per Definition nie sein wird, beweisbar wäre, dass sich die Auffassungen der schweigenden Mehrheit mit Deinen decken: willst Du dieses diffuse Unwohlsein ernsthaft zum Maßstab von Kulturpolitik machen?


    Steuergelder werden bekanntlich für alles Mögliche eingesetzt, davon ohnehin nur ein grausam geringer Prozentsatz für die Kultur. Wenn es Dir lieber ist, stell Dir einfach vor, dass Deine nur in das Gehalt eines reaktionären Stadtrates oder Finanzsenators fließen, den ich nie wählen würde, weil er z. B. Intendanten in der von Dir gewünschten Weise kujoniert. Trotzdem muss ich ihn ertragen und protestiere nicht einmal gegen eine solche, in der Summe der Entlohnung Unfähiger viel massivere Verschwendung, weil mir klar ist, dass sie zum unvermeidlichen Wesen der Demokratie gehört. Gleiches gilt aber auch für die Maxime, gegensätzliche Auffassungen zu tolerieren, wenn sie einen Weg gefunden haben, sich durchzusetzen und Dritte nicht unnötig zu Schaden bringen.


    Seien wir also froh, dass bei uns auch verbale Minderheiten noch Artenschutz genießen, selbst wenn manche davon die Erkenntnisse Darwins zu widerlegen scheinen, dass sich à la longue das Bessere durchsetzt. Dazu gehört bekanntlich auch die Erkenntnis, dass es keine minderwertigen Menschen gibt - nicht einmal unter Regisseuren.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Hallo Ekkehard,


    ich möchte auch nicht immer die gleichen Inszenierungen sehen!


    Werk-Vergewaltigungs-Provokationen sind jedoch eine ganz andere Geschichte.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Hallo Liebestraum,


    Zitat

    Abgewatscht - meinte ich im parteipolitischen Sinne - Denkzettel verpassen


    Du rufst also nach einem Staat, der gegen die künstlerische Freiheit vorgeht?


    Das gab es schon einmal.


    Damals wurde alles, was nicht dem "normalen" Volksempfinden entsprach, rücksichtslos vernichtet.


    Mich erschrecken Deine Erklärungen.


    Gruß,
    Michael

  • Hallo Jacques,


    es gibt keine minderwertigen Menschen, aber es gibt sehr wohl gute als auch schlechte Regisseure. Und wenn sie Mist verzapfen: Orchester und Sänger vor halbleeren Häusern spielen lassen, dann ist das allein schom schlimm genug, abgesehen von den Zumutungen für das Publikum.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

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  • Hallo Michael,


    hää? vom Staat?


    Ein Opernhaus sieht doch selbst die Auslastungen der einzelnen Aufführungen, weshalb bedarf es da den Staat?


    Den Denkzettel, die Abwatschung erhält der Regisseur durch die Absetzung der Inszenierung.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Orchester und Sänger vor halbleeren Häusern spielen lassen, dann ist das allein schom schlimm genug, abgesehen von den Zumutungen für das Publikum.


    Da gebe ich Dir recht, nur bin ich auch der Auffassung, daß man künstlerische Risiken eingehen muß, damit es weitergeht.


    Es gibt Inszenierungen wie die "Tote Stadt" Inszenierung von Krämer, gegen welche ich vor 20 Jahren Amok gelaufen bin und einen bitterbösen Leserbrief schrieb.


    Heute ist mir das sehr peinlich, denn diese Inszenierung war sehr erfolgreich und hat dem Werk sehr geholfen, ich hatte sie damals nur nicht verstanden.


    Gruß,
    Michael

  • Zitat

    Den Denkzettel, die Abwatschung erhält der Regisseur durch die Absetzung der Inszenierung.


    Zitat

    hää? vom Staat?


    Du hast den Begriff "Parteipolitisch" verwandt, an was soll ich da bitte denken?


    Gruß,
    Michael

  • Hallo Michael,


    wenn die Inszenierung der "Toten Stadt" durch Krämer sehr erfolgreich gelaufen ist, dann haben die Vorstellungen doch viele Menschen gesehen und haben ihnen offenbar gefallen.


    Was ich meine, sind Inszenierungen, die überall laufen, die eben nicht erfolgreich sind und permanent vor halbleeren Räumen laufen.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Hallo Michael,


    ja, ich meinte das parteipolitisch, weil einige hier im Forum der Meinung waren, ich würde zur körperlichen Gewalt gegen Regisseure aufrufen! :no:



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Hallo Liebestraum,


    ja, das ist ein sehr schwieriges Thema.


    Ich halte mich jetzt auch wieder zurück, mein Fachgebiet liegt eher im Graben und nicht oben auf der Opernbühne.


    Ich habe grauenvolle Inszenierungen erlebt, in denen ein Großteil des Publikums schreiend herausgelaufen ist, z. B. T. Knabes Inszenierung des S.Simplicissimus von Hartmann.
    Es war furchtbar, miterleben zu müssen, daß Teile des Publikums nach spätestens 10 min. anfingen zu brüllen "Ihr spinnt ja alle" .


    Der Regisseur ging wirklich zu weit, hat auch den Schluß der Oper gestrichen und durch ein 5 min. langes Trommeln ersetzt.
    Entsetzlich!



    Das ist ein extrem furchtbares Beispiel, aber grundsätzlich bin ich dafür, daß künstlerische Wagnisse eingegangen werden.


    Und ein halbleerer Saal ist zwar schade, aber immer noch halbvoll für mich.
    Es gibt schlimmeres.


    Zum Beispiel eine absolut normale und biedere Inszenierung des "Vogelhändlers" .


    Da wird mir schlecht.


    Aber das allerallerschlimmste war mal eine biedere Inszenierung der "Großherzogin von Gerolstein" von Offenbach, bei welcher aber der Part der Großherzogin von einem Countertenor in Strapsen gesungen wurde.
    Muß man erlebt haben, um es zu glauben.....


    Gruß,


    Michael

  • Hallo Liebestraum,


    Zitat

    ja, ich meinte das parteipolitisch, weil einige hier im Forum der Meinung waren, ich würde zur körperlichen Gewalt gegen Regisseure aufrufen!


    man kann das wirklich mißverstehen, so schnell geht das.


    Vielleicht solltest Du es einfach ein wenig vorsichtiger formulieren, damit solche Assoziationen gar nicht erst entstehen?


    Ich bin in vielem Deiner Meinung, aber die Argumentation mit dem "normalen" , Deine Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, weil Du eine Mehrheit hinter Dir vermutest, das ist mir zu einfach.


    Immer, wenn jemand argumentiert, daß er die Meinung der Mehrheit vertritt, werde ich sehr hellhörig.


    Aber Alviano, Peter , JR2, lohengrins und Michael M. haben dies besser formuliert als ich es könnte und ich gebe Ihnen recht.
    Bitte verdoppeln.......




    Gruß,
    Michael

  • Da Liebestraum anscheinend weiß, was das "normale Publikum" ist und was es will und auch ansonsten über einen Scharfblick sondersgleichen verfügt, plädiere ich dafür, ihn zum obersten Kultusminister auszurufen. Vielleicht findet er ja mit der folgenden "Begründung"


    Zitat

    Original von Liebestraum
    Hallo Ekkehard,
    ich möchte auch nicht immer die gleichen Inszenierungen sehen!
    Werk-Vergewaltigungs-Provokationen sind jedoch eine ganz andere Geschichte.
    Herzliche Grüße
    von LT :hello:


    ein paar fleißige Helferlein, die eine Liste entarteter Inszenierungen erstellen. Seinem Großmut wird es zu verdanken sein, daß Regisseure, deren Inszenierungen sich auf der Liste wiederfinden, lediglich finanziell und nicht physisch bestraft werden.


    Mal im Ernst: Das Argument des gebeutelten Steuerzahlers finde ich beinahe ekelerrgend spießig und ungemein kleingeistig.
    Peter hat es erwähnt, seine Zeilen treffen es auf den Punkt. Subventioniert werden muss nicht das, was sich sowieso schon lange etabliert hat, sondern neue Wagnisse.


    Für die Raucher: Einfach ne Schachtel weniger / Monat. Und schon hat man das zigfache am steurlichen Anteil für vermeintlich scheußliche, von niemand gewollten Inszenierungen wieder raus.


    OT: Ansonsten gilt: manche haben wohl sonst keine Probleme. Schon mal was von der Finanzkrise gehört?? Das ist die übelste Inszenierung, die ich seit langem sehen habe und mit Sicherheit für den Steuerzahler 1000mal unangenehmer als eine ungewollte Operninszenierung.


    Viele Grüße
    Wulf

  • Liebe Freunde der Oper,


    ich halte viel dafür, dass niemand einen "erfolglosen" Regisseur in welcher Art und aus welcher Funktion abwatscht. Eine offene Diskussion über seiner Arbeit ist der richtige Weg - und da gilt es nicht (parteipolitische oder sonstige) Mehrheiten, sondern einer konzisen und überzeugenden Argumentation.


    Was heißt nun "Erfolg" bei einem Regisseur? Ein wenig bin ich im Moment von Feuchtwangers Roman sensibilisiert. Erfolg kann doch nur ein künstlerischer Erfolg sein, nicht einer beim Publikum. Dass es immer mal wieder ein Voreilen gibt, dem ein Publikum (noch) nicht folgen will, liegt im Bereich dessen, was nun Kunst ausmacht. Provokativ waren "Die Leiden des jungen Werthers", diesem Buch wurde gar noch nachgesagt, dass es zu einer Selbstmordwelle führte. Dass diese Legende erst in der Gegenwart entkräftet wurde, entbehrt nicht der Komik.


    Verantwortlich für die Politik eine Opernhauses ist nicht der Regisseur, es ist der Intendant. Eine Aufführung besteht nicht nur aus der Leistung des Regisseurs, es besteht in der Leistung eines Ensembles. Wird nun auch der lyrische Tenor abgewatscht, wenn er daneben lag? Der Dirigent, der die Sängerstimmen zudeckte, statt sie erfahrbar zu machen? Der Hornsoloist, der sein Solo verpatzte? Wer watscht jetzt alles wen?


    Für eine Inszenierung gilt - wie für andere künstlerische Leistungen - dass sie häufig von Vorstellung zu Vorstellung ihre endgültige Gestalt annimmt. Sie bedarf des interessierten Zuhörens und -sehens, der geistigen Auseinandersetzung, aber doch keiner Drohgebärden. Das gilt für mich bei einer konventionellen Regiearbeit wie bei einer unkonventionellen.


    Es gibt eben (mindestens) zwei Möglichkeiten ein Werk auf die Bühne zu bringen. Die eine ist eine, die sich an einer äußeren Authentizität messen lässt, indem sie möglichst dem Buchstaben nach erfüllt, was ihr vorgegeben ist (als Philologe habe ich dafür eine Vorliebe), die andere orientiert sich nach einer inneren Authentizität, die das Werk für jemanden, der auf der Höhe dieser Zeit steht, verständlich macht (als Kunstfreund habe ich dafür eine Vorliebe).


    Die schon erwähnten Striche, die Böhm und andere machten, hatten nicht nur mit der Länge eines Werkes zu tun, das würde die Interpreten ihre künstlerische Verantwortung gegen die eines Zulieferers für die ÖPNV austauschen lassen. Es gab und gibt immer wieder auch künstlerische Gründe für den Eingriff in ein Werk. Auch hier wohnen zwei Seelen in meiner Brust, zum einen der Philologe, der das Werk ungekürzt hören will (auch wenn der Komponist schon eine Vielzahl von Strichen vorsah), in der ursprünglichen Reihenfolge (auch wo es Alternativen in der Szenenfolge wie bei "Boris Godunow" oder "Les Contes d'Hoffman" gibt), zum anderen der Kunstfreund, der voll Entdeckerfreude sieht, welche Schätze offenbar werden, wenn man im Sinne einer künstlerischen Auseinandersetzung Parameter ändert.


    Man kann am Ende begründet der Meinung sein, dass etwas nicht gelungen ist. Aber ich käme nicht auf den Gedanken, die Vielzahl von künstlerischen Leistungen, die auch in Köln in eine Aufführung eingehen, global als Mist zu charakterisieren.


    So sehe ich das wenigstens ...


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Das ist Philosophierei und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.


    Na, das wird die Philosophen aber nicht freuen, die Philosophie kann helfen, die Wirklichkeit besser zu verstehen.


    Nur ist mir nicht klar, was eine wirklich einfache Begriffserklärung mit Philosophie zu tun haben soll.


    Zitat

    Aufführungen vor halbleeren Häusern, egal ob Theater, Konzert oder Musiktheater ist nicht vertretbar.


    Das ist eine kühne Behauptung: es gibt viele Werke, die keine Publikumsrenner sind - und die absolut verdienen, dem Publikum bekannt gemacht zu werden, auch dies ist eine Aufgabe für unsere Theater. Nur ein praktisches Beispiel: im September habe ich in Kaiserslautern "Elektra" von Strauss gesehen - der Zuschauerraum war schlecht gefüllt, nach Deinem Diktum müsste die Produktion sofort vom Plan genommen werden, völlig absurd.

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  • Liebe Peter,


    natürlich werden auch die Sänger abgewatscht, in dem man künftig in die Vorstellungen nicht mehr heineingeht, in denen der Sänger auftritt. Oder man besucht die Vorstellung nicht, in dem der unbehagliche Dirigent am Pult steht.


    Das wird doch von vielen Opernfreunden ja auch so gehandhabt. Will sagen: vieles in einer Aufführung ist austauschbar - nur eben die Inszenierung nicht, die man dann mehrere Jahre am Halse hat...



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Hallo Alviano,


    das lag aber nicht an der Oper "Elektra" von Richard Strauss. Sie war und ist immer noch ein starkes Zugstück an den Opernhäusern. Es lag dann doch wohl eher an der künstlerischen Umsetzung.


    Hier in Berlin an der Bismarckstraße war die "Elektra" mit Gwyneth Jones und Christa Ludwig immer ausverkauft.


    Selbst Kupfers Inszenierung an der Komischen Oper war trotz Orchesterverkleinerung stark besucht.


    Also an der Oper als solche hat es bestimmt nicht gelegen.


    Wenn halt ein solcher Zustand herrscht, wie du ihn angedeutet hast, dann sollte man die Inszenierung schon nach einiger Zeit vom Spielplan nehmen. Wer dann "Elektra" sehen möchte, kann das vielleicht in einer anderen Stadt erleben, in der das Werk erfolgreich läuft. Dadurch lernt man auch gleichzeitig unter Umständen eine neue Stadt, ein neues Opernhaus und neue Opernfreunde kennen.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Das lag aber nicht an der Oper "Elektra" von Richard Strauss. Sie war und ist immer noch ein starkes Zugstück an den Opernhäusern. Es lag dann doch wohl eher an der künstlerischen Umsetzung.


    Ich weiss nicht, woher Du solche Behauptungen nimmst. "Elektra" ist mitunter auch an grösseren Häusern nicht ausverkauft, aber in Kaiserslautern hatten sie mit Barbara Schneider-Hofstetter eine erstklassige Bestzung der Titelpartie aufzubieten (sie singt die Rolle gerade hochgelobt auch in Bonn) und die Leistung des Orchesters und ihres Dirigenten Uwe Sandner war von einer Qualität, wie man sie an kleineren Häusern nicht jeden Tag erleben kann.


    Es gibt in Berlin drei Opernhäuser auf relativ kleiner Fläche, alle drei sind mit dem öffentlichen Personennahverkehr problemlos erreichbar. Die Staatsoper "Unter den Linden" dürfte die zugkräftigste sein. Die "Komische Oper" fährt ein völlig anderes Konzept, sie bietet z. B. den "Lukullus" von Dessau oder Händels "Teseo", in dieser Spielzeit stehen alleine drei Uraufführungen auf dem Programm, dazu z. B. Glucks "Armida" und Tchaikovskis "Pique Dame". Da finde ich eine Platzauslastung von 70% sehr respektabel, gerade vor dem Hintergrund, dass es noch zwei weitere Opernhäuser und einige gute Schauspielbühnen in der Stadt gibt. Man kann in Berlin an allen drei Opernhäusern die "Zauberflöte" besuchen (Lindenoper: Everding, Bismarckstrassenoper: Krämer, Behrendsstrassenoper: Neuenfels), Fragen?


    Meiner Nachfrage in Bezug auf die "Philosophie" bist Du ausgewichen - ich kanns verstehen.

  • Hallo Alviano,


    gut, dass du das mit der Philosophie angesprochen hast:


    die philosophische Herumduselei ist doch völlig unnötig: es ist doch völlig unerheblich wann ein Publikum völlig hetoregen und wann sich inhomegene Grüppchen abspalten.


    Wichtig ist allein was unter dem Strich herauskommt. Und das ist mitunter haarsträubend...



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    gut, dass du das mit der Philosophie angesprochen hast:


    die philosophische Herumduselei ist doch völlig unnötig: es ist doch völlig unerheblich wann ein Publikum völlig hetoregen und wann sich inhomegene Grüppchen abspalten.


    :wacky:


    Ich hatte mich schon gewundert, wann kommt denn endlich noch der "gesunde" Anti-Intellektualismus gegenüber den vielen guten und sachhaltigen Argumenten von Micha, Peter, Wulf, Michael, Alviano u.a. :D

  • Hallo Matthias,


    ja, manchmal ist gesunder Menschenverstand wirkungsvoller als irgendeiner Philosophie hinterherzulaufen. Womöglich steckten wir dann jetzt auch nicht in der großen Finanzkrise, wo irgendwelche Finanz-Leute irgendetwas ausprobieren und herumexperimentieren konnten, ohne, dass man ihnen rechtzeitig auf die Finger geklopft hat.


    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von lohengrins
    Und wenn mir diese Anmerkung gestattet sein darf, überaus belastete Begriffe wie den des "gesunden Volksempfindens" in eine solche Diskussion einzuführen, halte ich nicht für glücklich. Dieser Begriff war ja gerade Ausdruck einer Kulturpolitik, die sich sicherlich niemand hier wünscht.


    Zitat

    Original von Liebestraum
    Ja, manchmal ist gesunder Menschenverstand wirkungsvoller als irgendeiner Philosophie hinterherzulaufen. Womöglich steckten wir dann jetzt auch nicht in der großen Finanzkrise, wo irgendwelche Finanz-Leute irgendetwas ausprobieren und herumexperimentieren konnten, ohne, dass man ihnen rechtzeitig auf die Finger geklopft hat.


    Lieber Ekkehard, lieber Liebestraum,


    ich werde "gesundes Volksempfinden" durch "gesunder Menschenverstand" ersetzen. Dazu habe ich allerdings dann einiges zu schreiben, was ich mir bei dem kontaminierten Begriff versagte.


    Es ging mir bei der kritischen Haltung zu dem Begriff auch weniger um das "Volk", denn etwas in dieser Hinsicht wurde von LT nicht geäußert, es ging mir um das vermutete Attribut "gesund", eine Vermutung, die sich jetzt bestätigt.


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von Liebestraum
    Die philosophische Herumduselei ist doch völlig unnötig: es ist doch völlig unerheblich wann ein Publikum völlig hetoregen und wann sich inhomegene Grüppchen abspalten.


    Ich sachs mal deutlich: diese Einlasssung belegt, dass Du gar nicht weisst, worüber Du hier sprichst. Du wirfst munter Begriffe durcheinander, die dann, von Dir falsch zusammengesetzt, keinen Sinn mehr ergeben.


    Insgesamt ist bemerkenswert, dass Du in polemische Ausfälle und ebensolche Behauptungen flüchtest - argumentativ hast Du nichts auf der Hand. Die Frage, welche Produktionen von einem Publikum angenommen oder abgelehnt werden, steht nicht immer mit der szenischen Umsetzung in direktem Zusammenhang. Es ist oft sogar der gegenteilige Effekt zu bemerken, nämlich dass die Aufführungen, die Du, auch ohne persönliche Kenntniss derselben, ablehnst, ausgezeichnete Auslastungszahlen vorweisen können.


    Das, was Du hier vorstellst, würde bedeuten, dass wir nur noch das Kernrepertoire in unseren Theatern aufführen - und Komponisten, die z. B. das Pech hatten, auf dem Altar der Reinheit des Blutes geopfert zu werden, die Musik gemacht haben, die einem absolut kranken Volksempfinden als "entartet" galt, auch heute noch unrehabilitiert bleiben müssten.


    Es ist völlig unintelligent, wenn Opernfreunde die Absetzung von Produktionen fordern, da schliesse mich mich gerne den Positionen von Micha und Michael an, letztere hat nämlich recht, wenn er feststellt, dass auch ein halbleeres Theater noch Menschen in die Aufführung gelockt hat, für die zu spielen Freude machen kann.


    Manchmal ist es besser, wenn man sich zur Gänze in eine Sackgasse manövriert hat, einfach den Mund zu halten.

  • Zitat

    Original von Alviano
    [Die Frage, welche Produktionen von einem Publikum angenommen oder abgelehnt werden, steht nicht immer mit der szenischen Umsetzung in direktem Zusammenhang. Es ist oft sogar der gegenteilige Effekt zu bemerken, mämlich dass die Aufführungen, die Du, auch ohne persönliche Kenntniss derselben, ablehnst, ausgezeichnete Auslastungszahlen vorweisen können.


    Lieber Alviano,


    so isses. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bietos "Entführung" war ein kommerzieller Erfolg, die KOB war weitgehend ausgebucht, weil Freunde des Regietheaters dort eine Sternstunde erlebten und Feinde des Regietheaters in Scharen anreisten, um sich im Nachhinein empören zu können (immerhin haben die sich über ein eigenäugig gesehenes Werk empört; die Arbeit von Petrenko wurde allgemein bejubelt).


    Nun gehört die "Entführung" zum Kernrepertoire ...


    Zitat

    Das, was Du hier vorstellst, würde bedeuten, dass wir nur noch das Kernrepertoire in unseren Theatern aufführen - und Komponisten, die z. B. das Pech hatten, auf dem Altar der Reinheit des Blutes geopfert zu werden, die Musik gemacht haben, die einem absolut kranken Volksempfinden als "entartet" galt, auch heute noch unrehabilitiert bleiben müssten.


    Die Verbindung von einem ästhetischen Urteil mit einem biologischen Begriff ist höchst problematisch. Es steckt eben die von mir schon monierte Diskriminierung eines anderen Geschmackes als "krank" dahinter. Wenn hier Physiologisches aufgerufen wird, dann wird die Arena einer ernsthaften ästhetischen Auseinandersetzung verlassen, da sind wir bei Weltanschauungen und Ideologien. Natürlich ist auch der Begriff des Gesunden in diesem Zusammenhang kontaminiert. Oder sollten die Leute, die einen anderen Geschmack haben, mit Psychopharmaka behandelt werden?


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von Alviano
    - und Komponisten, die z. B. das Pech hatten, auf dem Altar der Reinheit des Blutes geopfert zu werden, die Musik gemacht haben, die einem absolut kranken Volksempfinden als "entartet" galt, auch heute noch unrehabilitiert bleiben müssten.


    Lieber Alviano,


    wollen wir das nicht lieber wieder ein bisschen tiefer hängen und nicht gleich die NS-Dämmerung beschwören?


    Aber im Prinzip gebe ich Dir völlig Recht.
    Lassen wir doch einmal nur die Quote entscheiden, was in den Opern- und Konzerthäusern geschieht. Dann werden die Verfechter der finaziell zensurierten Spielpläne bald einsehen, dass ihnen die ewigen Hansi-Hinterseer-Abende und Oktoberfeste auch nicht gefallen. Etwas anderes wird es aber nicht mehr geben, weil man damit nicht so viel Geld in die Kasse bekommt.


    In Deutschland haben Bund, Länder und Gemeinden den Auftrag der Kulturförderung. Allein dafür sollte man täglich mindestens dreimal dankbar sein, auch wenn es da genug zu bemängeln gäbe.


    Was passiert, wenn man nur noch den kommerziellen Erfolg zum Maßstab macht, sollten sich alle die vor Augen führen, die eine Absetzung einer missliebigen Inszenierung fordern.
    Lässt sich das nicht aushalten angesichts der Vielfalt und der künstlerischen Möglichkeiten, die mit unserem System – wenigstens halbwegs – garantiert werden?


    Und außerdem: Was da ausgegeben wird bzw. als Subvention vielleicht auch mal zum Fenster rausfliegt, hat im Vergleich zu anderen diskussionswürdigen Ausgaben wirklich Erdnusscharakter.

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