Live aus Salzburg: "Le nozze di Figaro" - Hype Hype hurra!

  • Hei Glockenton!
    Jeg har en venn, som er norsk, - og jeg har hat ogsaa ei norsk vennine... Jeg kan lese, jeg forstaar, men dessverre jeg snakker ikke so godt...
    (Für alle nicht-norwegischen Forumsteilnehmer: Ich habe einen Freund, der Norweger ist, und ich hatte auch eine norwegische Freundin... Ich kann lesen, ich verstehe, aber ich spreche leider nicht so gut. Da ich auf dieser Tastatur kein a mit Ring habe, schreibe ich aa; kennt man ja von Aase, die sich "Ose" spricht.)
    Und wo hast Du Dein perfektes Deutsch gelernt?


    Zum Thema.
    In Wien wird man mit Harnoncourt tatsächlich so verwöhnt, daß man mittlerweile nicht mehr merkt, welch außergewöhnlichen Dirigenten man da in seiner Arbeit verfolgen kann. Es ist sozusagen "Normalbetrieb".
    Harnoncourt ist einer jener Dirigenten, die die spannendsten Proben machen, weil sie über die Hintergründe eines Werkes einfach wunderbar Bescheid wissen. Ich werde niemals vergessen, wie Harnoncourt die Streicher von einer anderen Bogenführung überzeugen konnte, ohne den Chef hervozukehren, nur mit Argumenten. Das war wunderbar!
    Seltsamer kam mir vor (ich bitte um Verständnis, daß ich jetzt vom "Figaro" abweiche), wie Harnoncourt Bruckners 5. geprobt hat - wobei ich nicht den Probenmitschnitt auf der CD meine. Mich hat seltsam berührt, daß er weder mangelhaftes Zusammenspiel noch mitunter arg verschobene Balancen korrigiert hat, sondern immer wieder Ausdrucksnuancen. Die technische Kompenente war für ihn wesentlich weniger interessant als die inhaltliche. Und auch hier gab es Temporelationen, die nicht sofort einsichtig waren, die Harnoncourt aber entweder sachlich oder auf der Basis der Emotion begründen konnte (offenbar war ihm klar, daß das Orchester etwas befremdet reagierte).


    Was ich meine: Harnoncourt hat seine "Figaro"-Interpretation zweifellos minutiös durchdacht und erfühlt. Sein "Anders-Machen" kommt nicht aus dem Empfinden, daß er es eben nur anders machen will, sondern aus der Überzeugung, daß er es anders machen muß, um etwas ganz Bestimmtes zu zeigen.
    Hier sehe ich aber ein gewisses Problem: Mitunter findet der Dirigent etwas wahnsinnig faszinierend, was man als Zuhörer hingegen als nebensächlich erachtet.
    Ich glaube also, daß die Verlangsamung des Fenstersprunges für Harnoncourt aus einem musikalischen Grund heraus sinnvoll war, den man als Zuhörer nicht erkennt. Bei den anderen angesprochenen Stellen war es sicherlich ebenso.


    Rein subjektiv muß ich somit zum Schluß kommen, daß mich Harnoncourts Dirigat nicht überzeugt hat - mich aber vielleicht noch überzeugen kann, nämlich dann, wenn ich seine Begründungen kenne.


    Und, wie gesagt: Lieber falsch gedacht als gar nicht gedacht. Mir ist also, auch wenn mich Ulli zerfleischt, ein nicht so überzeugender Harnoncourt lieber als ein Davis, der für mich eine solide aber sicherlich nicht risiokobereite Kapellmeisterei ist. Überspitzt: Ich ärgere mich lieber über Harnoncourt als mich bei Davis zu langweilen.


    Vennligst hilsen



    Hallo Ulli!
    Ein interessantes Beispiel - aber, fürchte ich, nicht auf eine Oper von den Ausmaßen eines "Figaro" übertragbar, weil da ja wesentlich mehr unterschiedliche Tempi vorkommen.
    Ich denke da etwa an Wagners "Parsifal" unter Boulez und unter Kegel: Beide brauchen wesentlich kürzer als etwa Knappertsbusch, beide sind bis auf ein paar Minuten gleich lang. Dennoch haben beide oft völlig unterschiedliche Tempi in einzelnen Abschnitten. Wo der eine Zeit verliert, holt der andere auf und umgekehrt.
    LG

    ...

  • Salut,


    Deine Fragen kann ich leider nicht beantworten. Zwar meine ich, dass ich zumindest über die älteren Figaro-Einspielung von NH in der Musikbibliothek im Schumann-Haus Bonn-Endenich verfügen konnte und auch verfügt habe, aber ich erinnere mich nicht an Details.


    Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Ich finde die Theorie dennoch einigermaßen kurios. Von meinem "feeling" her sollten in beiden Stücken die finali den schnellsten Puls haben.


    Sinfonie g-moll KV 550


    1. Satz: Molto allegro alla breve
    4. Satz: Allegro assai alla breve


    Eindeutig ist der 4. Satz schneller zu nehmen, als der erste. Das ist eindeutig eine Steigerung, platt übersetzt "Viel Allegro" [1] zu "Sehr Allegro" [4] ist in etwa zu verstehen wie "viel schnell" [= schneller] und "sehr schnell" [= am schnellsten]. Die Angaben in Klammern sind nur in Relation und nicht absolut zu sehen.


    Sinfonie C-Dur KV 551


    1. Satz: Allegro vivace C
    4. Satz: Molto Allegro alla breve


    Auch hier stimme ich mit Deiner ansicht pberein, dass ein Molto Allegro ein Mehr an Tempo bedeutet als "nur" ein lebhaftes Allegro, zudem bekommt der 4. Satz ein Plus an Tempo durch das alla breve, was aber nicht bedeutet, dass er doppelt so schnell wie der erste Satz zu spielen ist - das ist nur eine Nuance.


    Bei den 2. Sätzen ist zu beachten, dass jener der g-moll-Sinfonie ein 6/8-Takt - also ein Zweiertakt - ist [man schlägt dennoch sechs]. Im Gegesatz dazu ist - relativ - der 2. Satz der Jupiter langsamer zu nehmen, da 3/4 - also drei Schläge. Die Notenwertigkeit [max. 32tel] setzt eh Grenzen.


    Viele Grüße
    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Guten Morgen!


    Ulli:


    Ja, das ist beeindruckend!
    Das würde manchen historisch halb informierten Rasern ja rechtgeben.
    Die Frage ist eben, ob Mozart selbst damit glücklich war, die Stücke in dieser Form zeitmässig pressen zu müssen und ob er es auf der Orgel selbst in etwas so langsam wie Chorzempa gespielt hätte.
    Ausserdem schreibst Du ja selbst, dass Du die Länge von 11.38 auch Deinem Empfinden entspricht.
    Was sollen wir hierzu sagen ?
    Bei Loriot heisst es: "Vielleicht stimmt da etwas mit Deinen Gefühlen nicht" :) :)


    Zitat

    Nicht ganz klar geworden ist mir in diesem Zusammenhang, welche Rolle nun der "junge Harnoncourt" in der Akte Figaro einnimmt? Ich dachte, der liest Mozartbriefe vor...?



    Spielst Du jetzt auf seinen Enkel auf dieser CD an? Oder war das humoristisch gemeint?



    Hier liesst jedenfalls der reife Harnoncourt (links) aus den Mozartbriefen von Vater Leopold und sein Enkel (rechts) aus denen des jungen W.A. Mozarts vor. ;)
    Falls Du Dich auf die vorhandene Figaro-Aufnahme von 1994 beziehst, könntest Du bei JPC reinhören und mit Deinem Mitschnitt vergleichen.
    Die Aufnahmen von 1994 zeigen auf jeden Fall nicht mehr den jungen Harnoncourt.


    Zitat

    ich kann nicht philosophisch schreiben [Quasi-Zitat Mozart] - ich bevorzuge [für mich] das Direkte.


    Vielleicht ist es ja diese Direktheit, die mich eher zum Widerspruch als zur Zustimmung herausgefordet hat ;)


    Zitat

    Und ich vertraue bzw. glaube auch keinen Propheten [mehr].


    Seit ich 12 Jahre alt war, ist Harnoncourt nun mein Prophet gewesen.
    Er ist der einzige Interpret, dessen ich Aufnahmen ich gekauft habe, ohne vorher hineinzuhören.
    Jetzt, da ich bald 41 Lenze hinter mir habe, bin ich natürlich etwas abgeklärter geworden und höre auch sehr interessiert und mit Genuss anderen Dirigenten zu, bei Mozart und der Zauberflöte sogar auch Böhm
    ( mit Fischer-Dieskau als Papageno !), doch dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.


    @Johannes
    zu Frage 2: s.o, bei JPC kann man `reinhören.


    Zitat

    Von meinem "feeling" her sollten in beiden Stücken die finali den schnellsten Puls haben.


    Bei der g-moll stimmt Dein feeling mit dem meinen absolut überein.
    Nach dem furiosen 1.Satz und auch nach den darauffolgenden Stücken könnte für mich der letzte Satz in der Tat etwas zügiger genommen werden ( ich kenne nur die Aufnahme mit dem Concertgebouw Orkest)
    Bei der Jupiter hingegen ist auch im Hinblick auf das Tempo imho alles stimmig.
    Die Interpretation des ersten Satzes empfinde ich schon alleine wegen der schroffen Gegenüberstellung von strengen und weichen Affekten als genial, wozu das Tempo und die Pausenverbreiterungen notwendig, und aus dem Winkel des HIP gesehen, wohl auch zulässig sind.
    Böhms appollinischer Ansatz bei seiner Einspielung mit den Berlinern hört sich für mich dagegen als Dokument eines auf höchstem Niveau gepflegten Missverständnisses an. Dass kann man bei einem Glas Rotwein gepflegt geniessen, während man bei Harnoncourt vom Sofa gerissen wird und der edle Tropfen auf dem Parkett landet.
    Zugegeben, bei Böhm ist alles perfekt ausbalanciert, und das hat auch seinen Reiz, aber trotzdem...
    ( :untertauch: ]au weia, und ich hab`doch grad so nett PN bekommen, sorry Alfred)


    Vor vielen Jahren hörte ich eine noch kontrastreichere Live-Aufführung als die Concertgebouw-Aufnahme, und zwar mit den Wiener Symphonikern und Harnoncourt in Bielefeld.
    Wie verloren irrte ich in der Pause zwischen den sektglasschwenkenden feinen Damen und Herren umher und verstand aufgrund meiner Jugend noch nicht ganz, weshalb die alle offensichtlich nicht erschüttert, betroffen und verstört waren - ich war es jedenfalls.
    Mozarts Musik hat die wunderbarsten Melodien und die schönsten Stellen, aber es lauern dramatische Horrorabgründe nur darauf, dass Bild der nur scheinbar heilen Welt zu stören.
    Natürlich gibt es dann auch noch die Zwischentöne, die besonders schwer herauszuarbeiten sind.
    So ungefähr könnte man imho Harnoncourts Mozart-Bild etwas plakativ zusammenfassen.
    (Natürlich kämen dann noch die aufführungspraktischen Aspekte hinsichtlich Artikulation, Dynamik usw, usw hinzu.)
    Die hier besprochene Figaro-Produktion ging - siehe auch den Tenor des Presseechos- im Grossen und Ganzen auch in diese offensichtlich heitere, aber darunterliegend manchmal düstere Richtung, was wohl auch szenisch zum Ausdruck kommen sollte.
    Für viele -auch unserem Ulli- geriet dabei der Opera Buffa-Charakter zu sehr in den Hintergrund - mir hat es aber trotzdem Spass gemacht, die Aufführung zu geniessen.


    Einen schönen Tag und
    Gruss :hello:
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Salut!


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Da ich auf dieser Tastatur kein a mit Ring habe, schreibe ich aa; kennt man ja von Aase, die sich "Ose" spricht.)


    Nimm dies Kleinod, es ist Deins: å


    Du kannst es kopieren und bei Bedarf verwenden, wenn Du magst. :D


    Zitat


    Hallo Ulli!
    Ein interessantes Beispiel - aber, fürchte ich, nicht auf eine Oper von den Ausmaßen eines "Figaro" übertragbar, weil da ja wesentlich mehr unterschiedliche Tempi vorkommen.


    Ich schrieb ja, dass es leider, leider kaum Beispiele gibt, halte dieses aber zumindest für nachdenkenswert. Jedenfalls mindestns so sehr, wie Harnoncourt mit seinen Viertelpausen. Es sollte nicht heißen, dass grds. alle Tempi um ein Drittel zu langsam sind! Keineswwegs.


    Zitat


    Ich denke da etwa an Wagners "Parsifal" unter Boulez und unter Kegel: Beide brauchen wesentlich kürzer als etwa Knappertsbusch, beide sind bis auf ein paar Minuten gleich lang. Dennoch haben beide oft völlig unterschiedliche Tempi in einzelnen Abschnitten. Wo der eine Zeit verliert, holt der andere auf und umgekehrt.


    Sicher. Wir haben uns ja bereits geeinigt, dass die Temporelationen stimmig sein müssen und dass dies - um zum Thema zurückzukehren - bei Harnoncourt nicht der Fall war.


    Viele Grüße
    Ulli
    LG[/quote]

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Was ich meine: Harnoncourt hat seine "Figaro"-Interpretation zweifellos minutiös durchdacht und erfühlt. Sein "Anders-Machen" kommt nicht aus dem Empfinden, daß er es eben nur anders machen will, sondern aus der Überzeugung, daß er es anders machen muß, um etwas ganz Bestimmtes zu zeigen.


    Natürlich muß man etwas anders machen, wenn man es will. Kleines Wortspiel. :P


    Zitat


    Ich glaube also, daß die Verlangsamung des Fenstersprunges für Harnoncourt aus einem musikalischen Grund heraus sinnvoll war, den man als Zuhörer nicht erkennt.


    Dann stellt sich nur noch die Frage, ob er für sich oder für das Puklikum arbeitet. Auf die mus. Gründe bin ich sicher ebenso gespannt, wie Du. Möglich wäre hingegen auch, dass die beiden Täubchen nicht in der Lage waren, ein akzeptables Tempo zu singen - das ist ja auch wirklich [ohne beißende Ironie] schwer!


    Zitat


    Und, wie gesagt: Lieber falsch gedacht als gar nicht gedacht. Mir ist also, auch wenn mich Ulli zerfleischt, ein nicht so überzeugender Harnoncourt lieber als ein Davis, der für mich eine solide aber sicherlich nicht risiokobereite Kapellmeisterei ist. Überspitzt: Ich ärgere mich lieber über Harnoncourt als mich bei Davis zu langweilen.


    Zerfleischen? :D Gott bewahre! Meine Konsequenz aus Deiner obigen Schilderung ist anders: Lieber gar keinen Figaro, als einen langweiligen oder ärgerlichen.


    :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Zitat

    Original von Ulli
    Der Komponist Seyfried [1776-1841] beschreibt denn auch das Allegro von KV 608 als "furchtbar wild", das Adagio [!] als "Sphärengesang" und "lieblich" - eben das ist in dieser virtuellen Rekonstruktion zu erkennen, nicht hingegen bei der Einspielung auf Kirchenorgel.


    Zitat

    Original von Glockenton
    Ausserdem schreibst Du ja selbst, dass die Länge von 11.38 auch Deinem Empfinden entspricht.
    Was sollen wir hierzu sagen ?
    Bei Loriot heisst es: "Vielleicht stimmt da etwas mit Deinen Gefühlen nicht" :) :)



    Ich verstehe Ullis Äußerung grade andersherum, nämlich dass er bei den langsamen Orgeleinspielungen nicht die Beschreibungen Seyfrieds nachvollziehen kann... ?(


    Mit der Bitte um Aufklärung,
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -


  • Wie ich oben bereits schrieb, muss man daraus nicht folgern, dass alles heute 30% zu langsam gespielt wird und viele HIPer übertreiben es wirklich, da gebe ich Dir Recht. Aber das mäßigt sich derzeit - wie ich meine - wieder. Chorzempas Tempi sind in sich ziemlich schlüssig - zudem muß man beachten, dass das Stück eh nicht für Kirchenorgel gedacht ist [z.T. sogar meine ich 4händig oder an 2 Orgeln gespielt werden muss] und dass KV 608 auf einer Kirchenorgel in dem [vermutlichen] Originaltempo nicht umsetzbar ist. Mangels der Spieluhren ist es ja eh nur eine [akzeptierte] Ausweichmöglichkeit. Zudem hat die "Orgelwalze" überhaupt nichts mit der Kirchenorgel zu tun - außer daß Luft durchsaust [nicht durch die Walze].


    Mozart hat übrigens das Tempo dieser mechanischen Dinger niemals kritisiert - lediglich den unzureichenden Klang, er wünschte sich das Gerät größer.


    Zitat

    Spielst Du jetzt auf seinen Enkel auf dieser CD an? Oder war das humoristisch gemeint?


    Beides. Ich hatte das vermutlich falsch gelesen und war der Ansicht, der Enkel habe [ohne mein Wissen] im Salzburger Figaro mitgewirkt. War wohl nicht der Fall, daher hat sich die Frage dann erledigt.


    Zitat

    Falls Du Dich auf die vorhandene Figaro-Aufnahme von 1994 beziehst, könntest Du bei JPC reinhören und mit Deinem Mitschnitt vergleichen.
    Die Aufnahmen von 1994 zeigen auf jeden Fall nicht mehr den jungen Harnoncourt.


    Werde ich tun!


    Zitat


    Vielleicht ist es ja diese Direktheit, die mich eher zum Widerspruch als zur Zustimmung herausgefordet hat ;)


    Dem wird so sein. :rolleyes: Aber: Man lernt sich ja kennen durch solche kleine "Rauferein".


    Zitat

    Seit ich 12 Jahre alt war, ist Harnoncourt nun mein Prophet gewesen.
    Er ist der einzige Interpret, dessen ich Aufnahmen ich gekauft habe, ohne vorher hineinzuhören.


    Ja, das ging mir ganz genau so. Mit Harnoncourt war man immer gut bis sehr gut bedient. Aber :rolleyes: seit dem Figaro denke ich anders. Da muß man doch schonmal nachhaken, oder?


    Viele Grüße
    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.


  • Salut,


    ihr habt beide Recht! Mein Gott, schreibe ich so dämlich? :O


    Zitat

    In einer Einspielung durch Daniel Chorzempa [Complete Mozart Edition] wird KV 608 in einer Länge von 11'38" dargeboten, was eigentlich auch meinem Empfinden entspricht.


    Konkret: Ich finde die Tempi bei Chorzempa in sich schlüssig, finde darin aber nicht das Sphärische im langsamen und das Wilde im schnellen Teil wieder, da Chorzempa in Relation "zu langsam" ist, um diese Unterschiede deutlich machen zu können.


    Viele Grüße
    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Hei Edwin!


    Norsken din er jo uten feil ( Dein Norwegisch ist doch ohne Fehler) so weit ich das beurteilen kann.

    Zitat

    Und wo hast Du Dein perfektes Deutsch gelernt?


    In Deutschland, woher ich komme, wenn es denn perfekt ist, was ich bezweifle.
    Ich bin Deutscher und vor einem Jahr nach Norwegen ausgewandert.
    Meine Frau ist Norwegerin.


    Zu Deinem inhaltlichen Beitrag:


    Ich stimme Deinen ausgewogenen Bemerkungen sehr gerne zu.
    Sehr interessant finde ich Deinen Bericht von den Proben. Das wäre für mich schon ein exklusives Vorrecht, bei solchen Proben dabeisein zu können - Wahnsinn.
    Ich stelle es mir unglaublich lehrreich und anregend vor.

    Zitat

    Und, wie gesagt: Lieber falsch gedacht als gar nicht gedacht. Mir ist also, auch wenn mich Ulli zerfleischt, ein nicht so überzeugender Harnoncourt lieber als ein Davis, der für mich eine solide aber sicherlich nicht risiokobereite Kapellmeisterei ist. Überspitzt: Ich ärgere mich lieber über Harnoncourt als mich bei Davis zu langweilen.


    Dem stimme ich aus vollem Herzen zu :yes: :yes: :yes:


    Nun werde ich mich auf den Weg machen, um im Oslofjord ein Bad zu nehmen.


    Hilsen fra
    Glockenton :hello:

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Auf die Gefahr hin off-topic zu werden, zwei Fragen:
    1. Findet man mehr als die zwei, drei Pressebilder im Netz? Irgendwie finde ich immer nur die gleichen, die ich wenig erhellend finde...


    Hallo JR,


    auf der Homepage der Salzburger Festspiele findest du unter "Fotoservice" (dann scrolle runter zu den Opern, Le nozze di Figaro) 29 Fotos zu dieser Produktion.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

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  • keine leichte Aufgabe, sich in den Thread einzulesen - bei den zahlreichen Abschweifungen :motz:



    Zitat

    Zitat von Glockenton:
    Was ich meinte, ist ein merkwürdig verklimperter Begleitstil von Cembalisten mit ruckigen Akkordbrechungen und verspielten Melodiefragmenten, den ich schon oft bei Fernsehübertragungen von Opern dieser Epoche gehört habe und der mir negativ aufgefallen ist.


    Schade, daß ich die Aufführung nicht gehört habe, das Thema Rezitativbegleitung ist ein ziemlich unendliches... ich finds wichtig, daß die Akkorde verziert und verschiedenartig arpeggiert werden.
    Secco-Rezitativ ist ein idiotischer Begriff und darf nicht als Rechtfertigung dienen, nur trockene Akkorde zu spielen. es ist mehr oder weniger dem Ehrgeiz des Ausführenden überlassen, wieviel gespielt wird. (Sänger hätten am liebsten nur einfache Akkorde...)

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Hallo, Sie haben die Übertragung mitgeschnitten? Würden Sie uns eine Kopie überlassen? Unser Recorder hat im 3. Akt kurz vor der Arie der Gräfin ("Dove sono") die Aufzeichnung abgebrochen und nun können wir - aus dem Urlaub zurückgekehrt - die Aufführung nicht zu Ende sehen. Wir wären Ihnen sehr dankbar und würden uns natürlich irgendwie revanchieren.
    Herzlichst, DonRoberto.

  • Salut,


    ich habe total vergessen, fertig zu nörgeln 8o


    Was mir bei der Ouvertüre [nachträglich eingefallen] völlig abging, war die Tatsache, dass die beiden Fagotte, die gleich zu Beginn unisono mit den Streichern spielen, fast nicht zu hören waren. Dabei empfinde ich dies als überaus wichtig, denn das Fagott war damals in vielen Fällen [jedenfalls bei der opera buffa] "der Clown des Orchesters" - und so hat Mozart dies hier sicher auch gedacht. Denn die Fagotte wurden ja bei Mozart bezogen auf die Entstehungszeit des Figaro bereits seit längerer Zeit nicht mehr nur als "col basso" komponiert. Hier sollte eigentlich gleich zu Beginn angezeigt werden, dass es sich vorwiegend um eine komische Oper handelt - Ziel verfehlt!


    Zwei Gründe kann ich mir vorstellen:


    1) Die Qualität der Aufnahme bzw. Übertragung war derart schlecht, dass es im TV nicht 'rüberkam [wie war's im Radio?]
    2) es ist wieder so eine An- bzw. Absicht von Harnoncourt, dem Werk auch wirklich jeden Witz zu nehmen.


    Ich musste das noch loswerden, sorry!


    Harnoncourt ist ansonsten ganz toll, wirklich!


    :jubel:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Lieber Ulli,
    hör Dir das doch noch einmal an, Du hast es ja aufgezeichnet - nie nach dem ersten Eindruck urteilen... :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:


    Aber jetzt einmal im Ernst: Ich glaube, NH betrachtet an dieser Stelle die Fagotte als Verstärkung, nicht als eigene Farbe.
    Ich habe darüber schon einmal mit einem Freund diskutiert, der eine "Figaro"-Wiederaufnahme in Oslo dirigiert hat: Er wollte auch die Fagotte unbedingt zurücknehmen, allerdings weil er meinte, der Klang würde sonst zu schwerfällig. Allerdings hat er die Ouvertüre in einem ziemlich schnellen Tempo genommen, wollte also das "Rumoren" vermeiden.


    :hello:

    ...

  • Ja, wirklich sehr witzig! Ich lach mich echt tot. :lips: Ich traue aber meinen Ohren und meinem Hörgedächtnis.


    Also hat Harnoncourt definitiv schon wieder etwas vermeintlich "richtig" gemacht, wo ich seine Meinung leider absolut nicht teilen kann [vgl. oben].


    Da die Fagotteparte, wie Du das andeutest, [zudem in sich unisono] m. W. recht schwer zu spielen sind, deutet es ja gerade daraufhin, dass sie ein wichtiger Bestandteil sind und absichtlich im Notentext stehen. Ich glaube kaum, dass Mozart jemanden damit bewußt ärgern wollte.


    Und schwerfällig finde ich das auch - aber bei Harnoncourt, "ohne" Fagotte :D


    Da ist in der Regel nichts Schwerfälliges, ganz im Gegenteil: Die Fagotte lockern dies regelrecht sprudelnd auf!


    Schau Dir zudem mal die Takte 180ff. an oder nur 210. Auch 214 und 229ff. sind nicht uninteressant :beatnik:


    Und dann sind die Fagotte in den gleich anschließenden Nos. 1 und 2 sowieso solistisch eingesetzt. Hätte Mozart die Fagotte rein nur als col-Basso-Instrumente gedacht [wie blöd wäre er gewesen!], dann müßte Harnoncourt sie in der Konsequenz eben auch in den Arien spielen lassen, in denen lediglich Streicher fungieren, z.B. die Fenstersprungszene :D das würde sogar doppelt Sinn machen: ersten wäre es durch Fagottverstärkung witziger, zweitens hätte er einen weiteren für sich plausiblen Grund, die Szene langsam zu spielen... :wacky:


    Grüßle
    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.


  • Was für eine absurde Argumentation! Seit über 20 Jahren dirigiert Harnoncourt die Da -Ponte-Opern plus Entführung und auch Zauberflöte nicht als komische Opern, sondern als ziemlich ernst genommene Stücke mit heiteren Aspekten. Das sollte sich langsam wirklich herumgesprochen haben. Harnoncourt hat in dieser Beziehung letzten Mittwoch nichts Neues gebracht, ich muss also jene enttäuschen, die meinten, dass da musikalisch eine "Neudeutung" stattgefunden hätte (im Detail gab es allerdings einiges, wofür es sich lohnte, die Ohren zu spitzen). Wenn man die Vorstellung aber mit einem Minimum an vorurteilsfreiem Interesse verfolgt hätte, wäre auch einem "Neuling" klar geworden, dass hier nicht einfach eine Komödie abschnurrt. Angesichts dieser Tatsache grenzt die Forderung, dass Harnoncourt dennoch die Fagotte den Clown des Orchesters spielen lassen solle, noch dazu in einer Ouvertüre, deren ernster und dramatischer Unterton eigentlich vom ersten Takt an zu hören ist, nun wirklich ans Groteske.


    Ich musste das noch loswerden, sorry!


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Salut,


    Zitat

    noch dazu in einer Ouvertüre, deren ernster und dramatischer Unterton eigentlich vom ersten Takt an zu hören ist


    ja - bei Harnoncourt! Und sonst? :no:


    Er verfälscht eideutig! Und das - wegen mir - seit 20 Jahren...


    Beim Don Giovanni und Cosí gebe ich ihm Recht, wenn er einen "Unterton" einbaut: dramma giocoso bei DG! Und sogar die Zauberflöte kommt in Frage. Alle drei haben eine separate langsame Einleitung, die diesen "Unterton" darstellt - Aber bei Figaro und der Entführung? In der Figaro-Ouvertüre wurde von Mozart ein langsamer Zwischenteil extra gestrichen bzw. hat er den ursprünglichen Plan aufgegen! Aber - ich hab mich wirklich echt informiert. Da fällt mir nix mehr zu ein...


    Beim DG ist die Einleitung sehr ausladend und nimmt die Fechtszene vorweg, daher ist ja gewisse Dramatik angemessen, wenn auch dramma nicht 1:1 mit "Drama" zu übersetzen ist. Bei der Cosí gehts schon viel schneller ins Presto über und auch bei der Zauberflöte wird nicht lange gefackelt.


    Interessanter hätte ich es gefunden, Du hättest meine an Dich gerichtete Frage betreffend der Fagotte in der Ouvertüre beantwortet:


    Zitat

    [wie war's im Radio?]


    Wo ist meine Argumentation absurder, als das, was Harnoncourt - ohne Argumente! - mit Mozarts Figaro macht:


    Zitat

    Was für eine absurde Argumentation!


    ?(


    Zitat

    Seit über 20 Jahren dirigiert Harnoncourt die Da -Ponte-Opern plus Entführung nicht als komische Opern,


    Traurig genug... ;(


    Zitat

    Ich musste das noch loswerden, sorry!


    Keine Ursache! Immerhin: aus der Reserve gelockt! ;)


    :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Salut,


    Harnoncourt hat seine Sicht der Mozart-Opern. Sie kann befremden, es kann einem nicht gefallen, man kann der Meinung sein, sie sei falsch. Das ist alles vollkommen OK.


    Aber: Seine Sicht ist von bemerkenswerter Folgerichtigkeit und Geschlossenheit. Da kann man ihm so gut wie nichts vorwerfen. Und es macht nicht den geringsten Sinn, sich Details herauszufischen und auf ihrer Fehlerhaftigkeit in Bezug auf einer Interpretation der Partitur herumzureiten. In seiner Konzeption sind sie richtig, und sie aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus zu kritisieren ist pure Zeitverschwendung. Es bringt niemandem etwas (außer vielleicht deinem Ego ;) ). Entweder die Kritik geht auf das ein, was gemeint ist (oder was man aus dem Zusehen heraus glaubt, dass gemeint war), oder man lässt die Kritik sein und gibt die Gründe für die Ablehnung an.



    Zitat

    Wo ist meine Argumentation absurder, als das, was Harnoncourt - ohne Argumente! - mit Mozarts Figaro macht:


    Ein haltloser Vorwurf. Kein Dirigent spricht und schreibt in den letzten Jahren so oft und bereitwillig über seine Arbeit wie Harnoncourt. Wenn das nicht bis zu dir vorgedrungen ist, ist das dein Problem und nicht seines. Was erwartest du? Dass seine Interpretationsabsichten als Untertitel mitlaufen? Oder soll er eine Telephon-Hotline für dich einrichten? ;)



    Übrigens erinnere ich mich noch an Zeiten, wo es selbstverständlich war, dass der Hörer sich selbständig über die Interpretation Gedanken gemacht hat. Heute scheint es Mode zu werden, einfach zu konsumieren, und wenn das geringste Verständnisproblem auftaucht, laut "WARUM" zu schreien, und die Erklärung vom Ausführenden einzufordern. Ja keine Energie mit Eigeninitiative verschwenden...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


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  • Salut, geschätzter Grazer,


    Zitat

    Original von Theophilus


    Aber: Seine Sicht ist von bemerkenswerter Folgerichtigkeit und Geschlossenheit. Da kann man ihm so gut wie nichts vorwerfen.


    Es ist eben Ansichtssache, ob man seine Rückschlüsse als "folgerichtig" und "geschlossen" interpretiert. Mir ist das genaue Gegenteil aufgefallen, das habe ich detailliert beschrieben.


    Zitat

    Und es macht nicht den geringsten Sinn, sich Details herauszufischen und auf ihrer Fehlerhaftigkeit in Bezug auf einer Interpretation der Partitur herumzureiten.


    Sicher reite ich nicht auf Details herum - auf Details bin ich gar nicht erst eingegangen [vielleicht im Fall colla voce ad libitum - für mich aber ist das längst kein Detail mehr], ich habe vielmehr lediglich die "großen Brocken" wie Ouvertüre, hohes C und Fenstersprungszene herangezogen. Zudem geht es in diesem Thread einzig und alleine um den Salzburger Figaro - somit glaube ich, dass die Kritik zu Recht angebracht ist - und ich verreiße ja nicht Harnoncourts 20- oder mehrjährige Leistungen, sondern diese eine, um die es hier und jetzt geht. Und natürlich kann er machen, was er will, keine Frage. Er stellt aber an sich selbst den Anspruch, es richtig zu machen - somit sollte dieser Figaro in seinen Augen der wahre Figaro sein; das versuche ich, anhand von den bereits plattgeredeten Beispielen zu widerlegen.


    Zitat

    In seiner Konzeption sind sie richtig, und sie aus einem völlig anderen Blickwinkel heraus zu kritisieren ist pure Zeitverschwendung. Es bringt niemandem etwas (außer vielleicht deinem Ego ;) ).


    Das vermag ich nicht zu beurteilen. Meinem Ego bringt es allerdings bestimmt gar nichts - aber es ist ein interessanter Anlass, über Figaro-Interpretationen im allgemeinen und spezifischen nachzudenken, und das habe ich getan, nichts anderes.


    Zitat

    Entweder die Kritik geht auf das ein, was gemeint ist (oder was man aus dem Zusehen heraus glaubt, dass gemeint war), oder man lässt die Kritik sein und gibt die Gründe für die Ablehnung an.


    Also ich dachte eigentlich schon, dass ich auf das eingegangen bin, was gemeint ist - sonst wäre es in der Tat sinnlos gewesen. Nenne doch bitte Beispiele.



    Zitat


    Ein haltloser Vorwurf. Kein Dirigent spricht und schreibt in den letzten Jahren so oft und bereitwillig über seine Arbeit wie Harnoncourt. Wenn das nicht bis zu dir vorgedrungen ist, ist das dein Problem und nicht seines. Was erwartest du? Dass seine Interpretationsabsichten als Untertitel mitlaufen? Oder soll er eine Telephon-Hotline für dich einrichten? ;)


    Keine schlechte Idee :D Du hast natürlich teilweise schon Recht. Und natürlich bin ich über seine Absichten informiert - nur die Hintergründe hat er eben nicht erläutert. Falls dies doch der Fall sein sollte, dann bitte ich darum, dass es mir jemand zur Verfügung stellt. Ich bin ja durchaus kein grölender, besserwisserischer und vergrämter Alter, der sich nicht belehren lässt und ohne Rücksicht auf Verluste seinen Kopf durchsetzen will.


    Bei einem Opernbesuch gibt es ein Programmheft [ :hello: Edwin] und oftmals eine "Werkeinfürung", bei einer CD-Order in aller [guter] Regel ein Begleitheft. Beim Fernsehen ist dies nicht der Fall.


    Zitat

    Übrigens erinnere ich mich noch an Zeiten, wo es selbstverständlich war, dass der Hörer sich selbständig über die Interpretation Gedanken gemacht hat. Heute scheint es Mode zu werden, einfach zu konsumieren, und wenn das geringste Verständnisproblem auftaucht, laut "WARUM" zu schreien, und die Erklärung vom Ausführenden einzufordern. Ja keine Energie mit Eigeninitiative verschwenden...


    Du kannst mir schon glauben, dass ich mich sehr extrem mit dem Figaro auseinandergesetzt habe, selbst wenn ich keine Zeit hatte, nahm ich sie mir einfach. Und genauso natürlich habe ich mir Gedanken über die Interpretation gemacht, sonst hätte ich wohl kaum etwas dazu schreiben können. Und es gibt sicher kein Verständnisproblem - ich verstehe, was Harnoncourt will, durchaus - nur ich akzeptiere es nicht und das mit meiner Ansicht nach guten Gründen. In diesem "Fall" wohlgemerkt. :]


    Und ganz offensichtlich bin ich nicht der einzige, der - als völlig normaler Klassikkonsument - die Konsequenzen daraus zieht, zumindest meine Befürchtungen teilt:


    1) Wer kennt diese Aufnahme? - Beratungshilfe bei Neuanschaffungen
    2) Graf de la Fontaine- 75 ! - Das Lebenswerk des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt


    In harnoncourtscher Logik ausgedrückt: Salzburg bekommt ihm nicht :no:


    Die - völlig logische - Konsequenz daraus ist, dass ich künftig keine Einspielung Harnoncourts mehr kaufen werde [auch keine ältere], ohne vorher die Gelegenheit gehabt zu haben, sie zumindest einmal vollständig reinziehen zu können - diesen Bonus hat er verschossen...


    Ebenfalls :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Zitat

    Original von Ulli


    Und ganz offensichtlich bin ich nicht der einzige, der - als völlig normaler Klassikkonsument - die Konsequenzen daraus zieht, zumindest meine Befürchtungen teilt:


    1) Wer kennt diese Aufnahme? - Beratungshilfe bei Neuanschaffungen
    2) Graf de la Fontaine- 75 ! - Das Lebenswerk des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt


    :rolleyes: Oh Mann! In diesem Forum scheinen 40 Jahre Aufnahmetätigkeit eines NH durch eine einzige Figaro-Aufführung über den Haufen geworfen zu werden??? Dieser Thread wird doch dem Schaffen NHs nicht gerecht. NH hat schon immer durch ungewöhnliche Sichtweisen aufhorchen lassen. Mal war er schneller, mal war er langsamer als die eingeschliffenen Hörgewohnheiten. Im 2006er Figaro war ja schliesslich nicht nur die Ouvertüre langsamer als alles bisher gehörte sondern (leider!) auch beispielsweise die Arie "non so piu cosa son" radikal schnell, für meinen Geschmack zu schnell begonnen (und dann am Ende radikal abgebremst und mit übertirbenen Pausen durchlöchert)
    Ja, einiges hat mir an diesem Figaro nicht gefallen. Und auch seinen letzten Messiah mag man als Misslugen bezeichnen können. Aber jetzt tut doch um Himmels willen nicht alles so, als wäre NH über nacht ein anderer Mensch geworden, dessen CDs man künftig nur mit größter Skepsis kaufen könne. Er hat gewisse Schönklanghörerschichten schon immer verstört - es wäre doch lächerlich, wenn Ihr jetzt so tut, als würde er "sein" Publikum, das Publikum der historischen Aufführungspraxis, jetzt durch zu lasche Tempi verstören...
    Seine jüngsten Aufnahmen der Mozart- und Haydnsinfonien zeigen doch, daß er noch ganz der gute alte NH ist!
    Une um es nocheinmal zu sagen: So weit entfernt von seiner alten Amsterdamer Aufnahme ist dieser 2006er Figaro nicht gewesen.


    Zitat

    Beim Don Giovanni und Cosí gebe ich ihm Recht, wenn er einen "Unterton" einbaut: dramma giocoso bei DG! Und sogar die Zauberflöte kommt in Frage. Alle drei haben eine separate langsame Einleitung, die diesen "Unterton" darstellt - Aber bei Figaro und der Entführung?


    Findest Du, daß die Ouvertüre zur Entführung einen "heiteren" Grundton hat? Ich finde, sie darf durchaus brutal mit einem Bedrohlichen Unterton sein, ganz so wie Niki es in seiner Züricher Aufnahme gemacht hat (die mir im Übrigen insgesamt gar nicht so gut gefällt)

  • Zitat

    Original von ThomasBernhard


    :rolleyes: Oh Mann! In diesem Forum scheinen 40 Jahre Aufnahmetätigkeit eines NH durch eine einzige Figaro-Aufführung über den Haufen geworfen zu werden??? Dieser Thread wird doch dem Schaffen NHs nicht gerecht.


    Nicht seinem Schaffen an sich, dafür gibt es ja diesen Thread. Aber der hier widmet sich immerhin einem offensichtlich bedeutenden Teil seines Schaffens, sonst würde ihn ja niemand so arg verteidigen. ;)


    So, wie manche von Ihrem Recht Gebrauch machen, Harnoncourt zu verteidigen, "verteidige" ich eben Mozart - soweit es mir möglich erscheint und gegeben ist.


    Zitat

    auch beispielsweise die Arie "non so piu cosa son" radikal schnell, für meinen Geschmack zu schnell begonnen (und dann am Ende radikal abgebremst und mit übertirbenen Pausen durchlöchert)


    Jetzt nörgel aber nicht herum, ja? :rolleyes: Das glaubt mir jetzt eh keiner [mehr]: Für ein Allegro vivace alla breve durchaus gut, eigentlich perfekt [reicht aber nicht, um die ganze Oper blabla...]! Und die "Pausen" stehen ja so in der Partitur - wie auch das "Abbremsen": Es gibt mit T. 65 beginnend 5 Fermaten, T. 84 sogar eine doppelte [über der Note, zugleich über den gesamten Takt], dann ein Adagio von 4 Takten, Tempo primo, dann zwei Fermaten in einem Takt [eine auf der Note, eine auf der Pause!] und dann der Schlußtakt. Und gesungen war's auch hervorragend! Dieses Hinauszögern fand ich wirklich gut gelungen!


    Zitat


    Findest Du, daß die Ouvertüre zur Entführung einen "heiteren" Grundton hat? Ich finde, sie darf durchaus brutal mit einem Bedrohlichen Unterton sein, ganz so wie Niki es in seiner Züricher Aufnahme gemacht hat (die mir im Übrigen insgesamt gar nicht so gut gefällt)


    Wer spricht von heiter? [...] - kurz und lustig; - und ganz für die Wiener geschrieben. [O-Ton Mozart].



    :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Hallo Ulli!
    Das Programmheft kommt! Mein Bekannter sitzt noch in Salzburg, aber er hat den Auftrag - und wehe ihm, wenn er ihn nicht erfüllt!
    Außerdem: Daß ein Grazer Harnoncourt verteidigt, ist doch klar! Grazer Kultur = Styriarte = Harnoncourt. :hahahaha: :untertauch:
    :hello:



    Zum Thema:
    Ich möchte nur ganz vorsichtig anführen, daß Harnoncourt wunderbare Dinge gemacht hat, aber zunehmend dazu neigt, gewisse seiner Manierismen zu übertreiben.
    Ob man die heiteren Mozart-Opern als ernste Opern in heiterem Gewand sieht (ich würde da zustimmen) oder als heitere Opern mit ernsten Momenten ist sicherlich eine Grundsatzfrage - ich mag es, wie Harnoncourt damit umgeht.


    Das freilich ändert nichts daran, daß seine Tempodramaturgie im "Figaro" zumindest befremdlich war, weil die Relationen untereinander nicht stimmten.
    Und jetzt kommt's - ich gehe gleich einmal in Deckung: Es ist mir gleichgültig, wie er es erklärt. Natürlich ist das nicht willkürlich anders gemacht, Harnoncourt ist schließlich ein denkender Musiker. Aber wenn man denkt, kommt man mitunter auf falsche Gedanken (die mir, wie ich schon einmal schrieb, lieber sind als eine pseudo-korrekte Kapellmeisterei nach wohlbekannten Schemata). Und einige dieser falschen, oder sagen wir lieber: mich ganz subjektiv nicht überzeugenden Gedanken haben sich in diesem "Figaro" relativ massiv manifestiert.
    Damit urteile ich nicht die durch Jahre erfolgte Arbeit Harnoncourts ab, ich wage lediglich anzumerken, daß mir an diesem "Figaro" einiges ganz und gar nicht gefallen hat.
    Pauschalverurteilungen sind hier wie auch sonst natürlich nicht am Platz.

    ...

  • Das ist das Stichwort:


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner

    Pauschalverurteilungen sind hier wie auch sonst natürlich nicht am Platz.


    und zugleich auch in Bezug auf:


    Zitat

    Original von Theophilus
    Wenn man die Vorstellung aber mit einem Minimum an vorurteilsfreiem Interesse verfolgt hätte, wäre auch einem "Neuling" klar geworden, dass hier nicht einfach eine Komödie abschnurrt.


    Mir geht es genau darum, dass es zunächst kein Pauschalurteil über Harnoncourt ist [ich glaube und hoffe, das kam auch so 'rüber], sondern eine kritische Betrachtung dieser einen Darbietung. Und die ist meiner Meinung nach ebenso hart erlaubt, wie "andere" über Mozarts Musik urteilen.


    Es ist sowohl Zweck dieses Threads dazustellen, daß Harnoncourt anderweitig hervorragende Ergebnisse erzielt [hat], als auch - da wird mir Alfred bestimmt zustimmen! - für Harnoncourt-"Neulinge" hervorzuheben, daß ein 'Figaro' nicht zwingend so sein muß! [Ich habe es jetzt absichtlich verharmlost...]


    Ich selbst bin zwar kein umfassender Harnoncourt-Kenner, dennoch habe ich meiner Meinung nach einige HN-Schätze in meiner Sammlung und bin somit sicher kein "Neuling", aber auch kein "Premium-User" :hahahaha: - aber das spielt ja auch keine Rolle - es geht mir nämlich vornehmlich um das Werk; wenn dann zusätzlich gute oder [bestenfalls] hervorragende Interpreten im Spiel sind - um so besser.


    Zudem bin weder ich auf Harnoncourt, noch [viel weniger] ist er auf mich angewiesen: Es gibt ausreichend Schützlinge, die ihm aus der Hand [fr]essen - egal, was er ihnen hinhält.


    :hello:


    Ulli


    P.S. ich käme niemals auf die Idee, Schumann zu verteidigen, nur weil er dort gestorben ist, wo ich geboren bin... ;) [Ja, NH ist in Berlin geboren].

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Salut,


    in DIE ZEIT Nr. 32 ist ein ziemlich objektiver Bericht abgedruckt, der überwiegend von der Inszenierung handelt. Der Autor ist für mich leider nicht erkennbar. Jedenfalls schreibt dieser Mensch unter der nett-zwideutigen Zwischenüberschrift


    Der Graf hat eine Macke [...]


    [...] Harnoncourt dirigiert die Ouvertüre eigentlich schrecklich langsam. Seinen Gründen dafür - es ist nun mal in der Partitur kein "alla breve" notiert - lassen sich andere entgegensetzen. [...]


    So ist das also! Auf die Idee hätte ich selbst kommen können. Da vergißt er mal eben, dass Mozart Mozart heißt und nicht Bach. Wäre er bezüglich dieser Auffasung von Tempo wirklich konsequent, hätte er für die Ouvertüre mindestens 8 Minuten benötigen müssen. Er ist aber nicht konsequent, glaubt seinen eigenen Ansichten nicht und wählt daher einen Mittelweg, der genauso falsch ist, wie die Verdoppelung bzw. im Umkehrschluß die Halbierung des Tempos. Zum Glück aber hat ein gewisses Genie über die Ouvertüre ein kleines Zauberwort hinzugefügt - Presto. :yes:


    Weiter schreibt der Autor:


    [...] Sein 'Non so più' wird von Harnoncourt noch schneller dirigiert als vor zwölf Jahren in Amsterdam, wegen "alla breve". Es ist schade um die Achtelwellen der Streicher, aber Christine Schäfer ist hinreißend. [...]


    Sein vierter Akt scheitert vollständig [hier ist Regisseur Guth gemeint]. Die Statik der Arien, die Mozart als Staustufen vorm grandiosen Finale einzieht, hat Guth mit isolierten, bemühten Rampenauftritten vor einer Türenwand so verstärkt, dass es zur Schubumkehr kommt. [...]


    Dass Harnoncourt im Finale alle Zuspitzung verweigert, macht die Sache auch nicht besser. [...]


    Viele Grüße
    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Die veröffentlichte Meinung schrieb schon Wochen vorher den Triumph dieser Aufführung herbei, und das mit gutem Grund.


    War doch mit Nikolaus Harnoncourt der Dirigent am Pult, der durch seine zahllosen Zwiegespräche mit Mozart Garant für die authentische Interpretation ist.
    Außerdem gab Frau Netrebko allen ÖsterreicherInnen die Ehre, die Staatsbürgerschaft mit ihr teilen zu dürfen, natürlich nur aus künstlerischen Überlegungen.


    Die Ouvertüre klang so subtil wie der Holzhackermarsch "Lahm in da Buttn', Holz in da Gruabn, lustig san die Holzhackerbuam".


    Auf der Treppe tummelten sich schwarz gekleidete Pompfunebres und ließen ein Trauerspiel erwarten.


    Da schaltete ich als Ahnungsloser zum Fußball. Das Spiel war auch grottenschlecht, hatte aber den Vorteil, nur 1 3/4 Stunden zu dauern.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • das haben beide Mannschaften aus "Eigeninitiative" gemacht.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Zitat

    Original von Theophilus
    Harnoncourt hat seine Sicht der Mozart-Opern. Sie kann befremden, es kann einem nicht gefallen, man kann der Meinung sein, sie sei falsch. Das ist alles vollkommen OK.


    Aber: Seine Sicht ist von bemerkenswerter Folgerichtigkeit und Geschlossenheit. Da kann man ihm so gut wie nichts vorwerfen. Und es macht nicht den geringsten Sinn, sich Details herauszufischen und auf ihrer Fehlerhaftigkeit in Bezug auf einer Interpretation der Partitur herumzureiten. In seiner Konzeption sind sie richtig, und sie aus einem völlig


    Da Du (und ThomasBernhard?) zu den wenigen gehören, die die Figaro-Aufnahme mit dem Concertgebouw und die rezente Salzburger Aufführung kennen, unterscheiden die sich wesentlich? Ich habe zwar nur die Ouverture auf einer Ouverturen-CD, aber hier kann ich die Aufregung nur bedingt nachvollziehen. Wenn ich mich bei jeder (aus Sicht der MM-Angaben) deutlich zu langsamen Eroica so ereifern würde... Er benötigt hier ca. 40 sec. länger als E. Kleiber (mein zugegeben einziger Vergleich, irgendwie habe ich 4 oder so Giovannis aber nur einen Figaro), das sind nichtmal 20% Unterschied. Zwar deutlich, aber vom halben Tempo weit entfernt (und es gibt zig Sätze, z.B. bei Beethoven oder etwa KV 550, i in Harnoncourts Lesart, wo 20-30% Schwankung zwischen Interpretationen vorkommen).
    Interessanterweise scheinen mir die Ouverturen zur Entführung, Don Giovanni, Cosi, Zauberflöte tempomäßig ziemlich normal (außer der zügigen Einleitung bei Don Giovanni, aber das ist HIP-Standard).


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

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