Sergej Rachmaninov: Klavierkonzerte

  • Ich konnte bislang mit Rachmaninoffs berühmten dritten Kalvierkonzert wenig anfangen, auch die Neuaufnahmen von Trifonov und Yuja Wang haben mich nicht wirklich begeistert. Jetzt bin ich auf eine Einspielung von Anna Federova gestoßen, die mich sofort in den Bann zog und die mit großer Anteilnahme gespielt ist. So habe ich das noch nicht gehört! An den anderen Aufnahmen Federvos auf Spotify bin ich bislang nicht hängen geblieben, aber hier spielt sie wie um ihr Leben. Faszinierend! Reinhören lohnt sich, auch im Orchester hört man mehr als sonst.



    Interessant auch der Text der Pianistin zu den Aufnahme, den ich hier zitieren möchte.


    “As I am writing this, we are almost one year into the Russian invasion of Ukraine. Many people think we should not perform Russian music for a while, but I find performing his music very important nowadays, not just because his music is so beautiful, powerful and emotionally fulfilling, but also because of his story: he himself was a victim of the Russian state. During the 1917 revolution, he was forced to flee his home country with his family and then spent the rest of his life in the USA. His music is a glorious part of humanity’s shared heritage and we need Rachmaninoff by our side fighting for life, humanity and all that is good in this world!


    Rachmaninoff’s Third piano concerto is one of the grandest piano concertos ever written. It has incredible compelling power and demands mobilisation of all the physical, creative and emotional abilities from both soloist and orchestra. Some moments feel as if you are climbing a mountain, but then always comes the moment of reaching the highest peak with an incredible sensation of breathtaking freedom, power and the feeling of wings growing behind your back! At the same time this composition is very romantic and intimate by its nature, sort of a lyrical confession from the composer.


    The solo piano piece The Messenger was written by Ukrainian composer Valentin Silvestrov, soon after his wife passed away. In the silence he kept hearing this simple pure Mozartian melody, it was coming to him as a message from above. The Messenger is a musical meditation which connects our world with heaven. It is a thought for my country and fellow Ukrainians and an eternal message of light, peace and hope for the future.”


    - Anna Fedorova, February 2023

  • Auch, wenn ich wohl mit den meisten übereinstimme, dass Schoenberg für Musikentwicklung bis heute wesentlich bedeutender war als Rachmaninoff, so kann man doch festetllen, dass Rachmaninoff ein großartiger Komponist war mit mindestens zwei wundervollen Klavierkonzerten, von denen mir das dritte besonders am Herzen liegt ....


    Ich zeige noch einmal die Aufnahme mit Horowitz und dem Philadelphia Orchester unter Eugene Ormandy


    MC5qcGVn.jpeg


    Ich habe sie mir damals noch als Platte gekauft, noch ohne eine zweite Klaviersonate :)


    Es ist mir in dem von einem Kollegen schon schön restaurierten Thread aufgefallen, dass die Einspielungen mit Zoltán Kocsis fehlen. Das darf nicht sein


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    Es spielt hier das San Francisco Symphony Orchestra unter Edo de Waart. Bei mir damals noch die LP-Box. Leider sind beide Einspielungen nicht mehr einzeln zu haben. Der Werbepartner bietet die folgenden Boxen an


    Für Horowitz



    und für Kocsis



    wobei ich überrascht bin, dass die letzte auch nicht mehr zu haben ist. Das war vor zwei Wochen oder so noch anders :( Eigentlich ein Muss!

  • Neben der Aufnahme mit Trifonov, die auch schon mehrere Male erwähnt wurde, ist recht eine neue Einspielung mit Yuja Wang und der Los Angeles Philhamonie unter Gustavo Dudamel herausgekommen.


    Was das seelenvole Spiel angeht, muss man bei Wang vielleicht ein wenig Abstriche machen. Wang und Dudamel gehen recht analytisch vor. Dabei hat man dann die Gelegenheit den kompositorischen Aufbau gut zu hören, und man kann über die kompositorische Meisterschaft Rachmaninoffs staunen, wenn man denn will :)





  • Auch, wenn ich wohl mit den meisten übereinstimme, dass Schoenberg für Musikentwicklung bis heute wesentlich bedeutender war als Rachmaninoff

    Ist das wirklich so? Welche Bedeutung hat die Zwölftonmusik denn heute noch? Wird das gehört? Rachmaninoff hingegen hat die Filmmusik wie sonst wohl nur noch Shostakovich erheblich beeinflusst, viele zeitgenössische Arbeiten sind mE ohne ihn in diesem Bereich nicht denkbar. Insofern melde ich, was Einfluss und Wirkungsmacht betrifft, erheblichen Widerspruch an!

  • Ist das wirklich so? Welche Bedeutung hat die Zwölftonmusik denn heute noch? Wird das gehört? Rachmaninoff hingegen hat die Filmmusik wie sonst wohl nur noch Shostakovich erheblich beeinflusst, viele zeitgenössische Arbeiten sind mE ohne ihn in diesem Bereich nicht denkbar.

    Ich hätte präzisieren sollen. Für die musikalische Kunst ist Schoenberg bedeutender als Rachmaninoff. Ehrlich gesagt kann ich mit Komponisten wie John Williams und ähnlichem Kaliber gar nichts anfangen. Das ist für mich vollständig belanglose Musik, aber, wie Du natürlich zu recht schreibst, Musik mit Einfluss!


    Ich habe gerade die analytischen Qualitäten der Dudamel Einspielung erwähnt, um den für mich offensichtlichen Niveau-Unterschied zwischen den Werken eines Komponisten wie Rachmaninoff, dessen Musik Ausdruck seines Leidens war, und den daraus abgeleiteten Machwerken für Untermalung in geeigneten Filmszenen zu verdeutlichen.

  • Filmmusik ist natürlich ein anderes Genre und insofern nicht wirklich vergleichbar.

    Ich würde gute Filmmusik aber nicht als 'Machwerke für Untermalung in geeigneten Filmszenen' bezeichnen wollen.

    Aber das ist ein anderes Thema.

  • Ist das wirklich so? Welche Bedeutung hat die Zwölftonmusik denn heute noch? Wird das gehört?


    Ja, das wird gehört, die Werke der Neuen Wiener Schule sind längst als feste Bestandteile der klassischen Moderne etabliert. Ihr Einfluss war massiv - die gesamte musikalische Nachkreigs-Avantgarde wäre ohne diese Musik nicht denkbar gewesen, und sie hat auch über deren Grenzen hinaus gewirkt (vergl. z. B. die serielle Phase des späten Strawinsky).


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ihr Einfluss war massiv - die gesamte musikalische Nachkreigs-Avantgarde wäre ohne diese Musik nicht denkbar gewesen, und sie hat auch über deren Grenzen hinaus gewirkt (vergl. z. B. die serielle Phase des späten Strawinsky).

    So ist es. Weitere Komponisten sind z.B. Křenek, Schostakowitsch, Fortner, Martin, Dallapiccola, Klebe, und dann natürlich die Serialisten Messiaen, Boulez, zum Teil auch Stockhausen, Kagel, Nono usw.

  • Dass die Zwölftonmusik die Moderne beeinflusst hat, ist mir bekannt. Aber war sie denn - etwa im Vergleich zu Rachmaninoff - auch wirkungsmächtig?


    Die Werke der genannten Komponisten werden vermutlich nur von sehr wenigen Menschen gehört. Und sicher vor allem zu Studienzwecken.

    Die elegischen, zuweilen aber auch strengen Kompositionen Rachmaninoffs hingegen hatten erheblichen Einfluss auf die Filmmusik, zum Teil wurden seine Melodien direkt in diversen Streifen verwendet. Das populäreste Beispiel dürfe "Somewhere in Time" sein. Es gibt aber auch viele andere Beispiele, ganz abgesehen von den Epigonen Rachmaninoffs, die es natürlich auch noch gibt.


    Und da frage ich mich dann etwas ketzerisch, ob Rachmaninoff wenn schon nicht bedeutender (wer bestimmt das?), so doch in jedem Fall wirkungsmächtiger war als die Zwölftonmusik?


    Viele Grüße

    Christian


  • Ich verstehe den Terminus "wirkungsmächtig" in diesem Zusammenhang ehrlich gesagt nicht ganz. Ist damit gemeint, wie groß das Publikum ist, das man erreicht hat? Dann wären die wirkungsmächtigsten Komponisten der letzten Jahrzehnte auf internationaler Ebene vermutlich John Lennon und Paul McCartney. Auf nationaler Ebene in Deutschland wäre es wohl Dieter Bohlen. Wenn das nicht gemeint ist (wovon ich ausgehen würde), aber eine signifikante Beeinflussung bedeutender musikalischer Strömungen auch nicht gemeint ist, was ist es dann? Das ist eine ehrliche Frage, keine "trick question".


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  • Die Werke der genannten Komponisten werden vermutlich nur von sehr wenigen Menschen gehört. Und sicher vor allem zu Studienzwecken.

    Rachmaninow wird, wenn man ihn mit der Zahl derer vergleicht, die ihn nicht hören, auch von sehr wenigen Menschen gehört. Absolut sind es vermutlich mehr als bei Messiaen, aber was sagt das über beider "Bedeutung"? Und für die These, dass Messiaen oder Schostakowitsch "vor allem zu Studienzwecken" gehört wird, hätte ich gern mal einen Beleg. Die über 6000 Menschen, die im Mai in drei Konzerten die Turangalila-Symphonie in Berlin gehört haben sollen "vor allem zu Studienzwecken" in die Philharmonie gekommen sein? Ich halte das ehrlich gesagt für groben Unsinn. Dallapiccola und Klebe werden insgesamt nur noch selten gespielt bzw. gehört (bei Klebe hoffe ich, aus Anlass seines 100. Geburtstages dazu beitragen zu können, dass sich das etwas ändert; Näheres demnächst...), aber wenn dann doch wohl kaum zu Studienzwecken.

  • Ich verstehe unter "Wirkungsmacht" nicht den Geschmack und Erfolg beim Publikum - wobei es unweigerlich Verbindungen gibt -, sondern die Wirkung auf andere Künstler und Komponisten und die Auswirkungen eines Kunstwerkes auf die Entwicklung der Kunst überhaupt, hier der Musik. Verbindungen gibt es unweigerlich, weil Werke, die überhaupt kein Publikum finden, auch weniger Einfluss haben als Werke, die breitenwirksam rezipiert werden. Wobei die breitenwirksame Rezeption eines Kunstwerks zeitlich sehr versetzt eintreten kann.

  • Verbindungen gibt es unweigerlich, weil Werke, die überhaupt kein Publikum finden, auch weniger Einfluss haben als Werke, die breitenwirksam rezipiert werden

    Wichtig ist doch nicht das Publikum, sondern der Künstler selbst, der sich beeinflussen lässt.


    Wenn ich das richtig verstanden habe, hatte Bach (J.S.) zu einer Zeit, wo er eigentlich kein Publikum mehr besaß (und welches hätte er jenseits kirchlicher Wirkung überhaupt besessen?) ungeheuren Einfluss auf Musiker wie Mozart, Beethoven oder Mendelssohn, wobei letzterer ihn ja dann auch wieder der Öffentlichkeit zugänglich machte.

  • Die über 6000 Menschen, die im Mai in drei Konzerten die Turangalila-Symphonie in Berlin gehört haben sollen "vor allem zu Studienzwecken" in die Philharmonie gekommen sein? Ich halte das ehrlich gesagt für groben Unsinn.

    Ein solcher Erfolg eines Werkes von Messiaen ist mir neu, wobei die Faszination seiner Arbeiten, soweit ich sie kenne, für mich nicht typisch für die Zwölftonmusik ist. Shostakovich meinte ich nicht, und er ist für mich auch kein Vertreter der Zwölftonmusik. Allerdings kann ich nicht qualifiziert beurteilen, wie sehr sie ihn beeinflusst hat. Gewiss hat er Tonalitäten aufgelöst, aber er arbeitet noch mit ihnen. Wenn die Techniken der Zwölftonmusik für Shostakovich zentral gewesen sein sollten, dann ist meine Annahme tatsächlich Unsinn, denn die Wirkungsmacht Shostakvich' ist unbestritten hoch.

  • Ich verstehe unter "Wirkungsmacht" nicht den Geschmack und Erfolg beim Publikum - wobei es unweigerlich Verbindungen gibt -, sondern die Wirkung auf andere Künstler und Komponisten und die Auswirkungen eines Kunstwerkes auf die Entwicklung der Kunst überhaupt, hier der Musik.


    Wenn das die Bedeutung von "Wirkungsmacht" sein soll, dann ist die Neue Wiener Schule kaum zu schlagen. Sie hat die gesamte Nachkriegs-Avantgarde beeinflusst, von der es wiederum Ausstrahlung in alle möglichen Richtungen gegeben hat. So hat die frühe elektronische Musik von Stockhausen et al. z. B. die Populärmusik massiv beeinflusst (nicht umsonst ist Stockhausen auf dem Cover des "Sgt. Peppers"-Album der Beatles zu sehen).


    denn die Wirkungsmacht Shostakvich' ist unbestritten hoch


    Ist das so? Ich bezweifele nicht, dass Schostakowitsch ein bedeutender Komponist war, aber eher in dem Sinne, dass seine Musik viel gespielt wird. Er hatte natürlich deutlichen Einfluss auf die Musik der Sowjetunion und Russlands, aber darüber hinaus? Wer im Westen ist denn kompositorisch von Schostakowitsch geprägt worden?


    Zurück zu Rachmaninoff: Es mag durchaus sein, dass seine Musik für die Entwicklung der Filmmusik bedeutend war (wobei ich hier Korngold als deutlich bedeutender vermuten würde, weil der halt auch wirklich Filmmusik komponiert hat), aber für die Entwicklung der Kunstmusik dürfte seine Bedeutung recht gering sein, auf jeden Fall weitaus geringer als die der Neuen Wiener Schule.


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  • Was man hier alles erfährt, ist doch immer wieder toll. Stockhausen auf dem Cover von Sgt. Pepper!


    Ich interessiere mich gerade für die Frage, ob es in der klassichen Musik auch so etwas wie einen Midcult gibt, um mal einen Begriff aus der Literatur zu entlehnen. Ich hätte ihn bei Rachmaninoff vermutet, also bei einer eher traditionellen Tonkunst, die aus dem späten 19Jh. kommt (wie auch der realistische Roman, der im neuen Midcult eine Rolle spielt), aber das scheint ja nicht so zu sein, wenn ich hier die Meinungen zusammentrage.


    Und ich frage mich auch, warum ich die Avantgarde in der Literatur zu Beginn der ersten Hälfte des 20 Jh. in all ihren Schattierungen für wirklich bedeutend und in ihrer Vielstimmigkeit unerschöpflich finde, wohingegen mir die Zweite Wiener Schule und die Zwölftonmusik eher in eine Sackgasse zu führen schien, aus sie der erst andere Strömungen - Shostakovich bediente sich in seiner Musik wie Mahler ja auch anderer Techniken - wieder herausgeführt haben.

  • Ein solcher Erfolg eines Werkes von Messiaen ist mir neu, wobei die Faszination seiner Arbeiten, soweit ich sie kenne, für mich nicht typisch für die Zwölftonmusik ist.

    Naja, die Turangalila-Symphonie stand halt auf dem Programm eines Abo-Konzertes der Berliner Philharmoniker, welches dann dreimal nacheinander gespielt wurde. Die Philharmonie war voll, macht also über 6000 Zuhörer. Aber das war nur ein Beispiel: Das Quatuor pour la fin du temps, die Vingt Regards, sogar die Franziskus-Oper werden viel gespielt und aufgenommen. Er ist natürlich kein Zwölftonkomponist, aber die Zwölftontechnik hat ihn stark beeinflusst, vor allem in Bezug auf deren Weiterentwicklung zur Seriellen Musik. Ansonsten ist die Frage, was denn "typisch" zwölftönig sei, nicht zu beantworten: Ist es eher Musik im Stil Schönbergs, Alban Bergs oder Anton Weberns? Schon diese drei zeigen ja exemplarisch dass die Dodekaphonie eine Technik aber kein Stil ist.


    Shostakovich meinte ich nicht, und er ist für mich auch kein Vertreter der Zwölftonmusik. Allerdings kann ich nicht qualifiziert beurteilen, wie sehr sie ihn beeinflusst hat. Gewiss hat er Tonalitäten aufgelöst, aber er arbeitet noch mit ihnen. Wenn die Techniken der Zwölftonmusik für Shostakovich zentral gewesen sein sollten, dann ist meine Annahme tatsächlich Unsinn, denn die Wirkungsmacht Shostakvich' ist unbestritten hoch.

    Er hat sich zunächst offziell abfällig über die Zweite Wiener Schule geäußert, hat aber in seinem Spätwerk selbst Werke auf der Basis der Zwölftontechnik geschrieben. Z.B. beginnt die Violinsonate op. 134 mit einer Zwölftonreihe und ihrer anschließenden Umkehrung:



    Trotzdem ist er natürlich im Ganzen gesehen kein Zwölftonkomponist, wurde aber von dieser Technik beeinflusst.

  • Und ich frage mich auch, warum ich die Avantgarde in der Literatur zu Beginn der ersten Hälfte des 20 Jh. in all ihren Schattierungen für wirklich bedeutend und in ihrer Vielstimmigkeit unerschöpflich finde

    Ich würde wetten, dass der Ulysses häufiger zu Studienzwecken gelesen wird als Schoenberg aus diesem Grunde gehört .....


    Ich bin bass erstaunt. Ich bin wirklich kein Fachmann für moderne Musik, aber ich habe kaum einen Komponisten gefunden nach Schoenberg (Rachmaninoff und Medtner mal ausgenommen) die sich nicht intensiv mit dieser Technik auseinandergesetzt haben. Und dazu gehören sogar Schostakowitsch beeinflusste Russen.


    Wenn man den Anfang des zweiten Satzes von Rachmaninoffs dritten Konzert hört, sucht man förmlich nach den Filmausschnitten, die dazu passen. Ich finde das ausgesprochen schade, wie aus dem Zerstückeln dieser wunderbaren Werke Basismaterial für Filmuntermalung konstruiert wird.


    Ich möchte diese Verwertung auch unterscheiden von Korngolds Filmmusik, die Korngold ja wirklich in direkten Zusammenhang mit dem Schnitt komponierte. Das ist eine eigene Kunstform.

  • wohingegen mir die neue Wiener Schule und die Zwölftonmusik eher in eine Sackgasse zu führen schien, aus sie der erst andere Strömungen - Shostakovich bediente sich in seiner Musik wie Mahler ja auch anderer Techniken - wieder herausgeführt haben.

    Mit demselben Recht könnte man sagen, dass der Palestrina-Stil, der Spätstil Bachs und Beethovens, die fortschreitende Chromatisierung bis zum "Tristan" oder sogar die ganze Tonaliät "Sackgassen" waren, aus der jeweils andere herausgeführt haben.

  • Wenn man den Anfang des zweiten Satzes von Rachmaninoffs dritten Konzert hört, sucht man förmlich nach den Filmausschnitten, die dazu passen. Ich finde das ausgesprochen schade, wie aus dem Zerstückeln dieser wunderbaren Werke Basismaterial für Filmuntermalung konstruiert wird.

    Das ist eben typisch für einen Midcult: Triviales wird ansehnlich verpackt, um Tiefe und große Gefühle zu suggerieren.

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  • Mit demselben Recht könnte man sagen, dass der Palestrina-Stil, der Spätstil Bachs und Beethovens, die fortschreitende Chromatisierung bis zum "Tristan" oder sogar die ganze Tonaliät "Sackgassen" waren, aus der jeweils andere herausgeführt haben.


    Das wäre hier auch mein Argument. Die Kritiker der Avantgarde führen gerne dieses "Sackgassen"-Argument an, das aber bei näherer Betrachtung nicht plausibel ist. Leute komponieren zu bestimmten Zeiten halt in bestimmten Stilen, und danach wird anders komponiert. Es käme ja auch niemand auf die Idee, die Wiener Klassik als "Sackgasse" zu bezeichnen, weil im Jahr 2023 niemand mehr in diesem Stil komponiert.


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  • Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow (1873 - 1943): Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, op. 1


    Sergei Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, op. 1 ist ein faszinierendes Werk, das oft im Schatten seiner späteren Klavierkonzerte steht, aber dennoch viele Merkmale von Rachmaninows einzigartigem Stil aufweist.


    Rachmaninow komponierte das Konzert ursprünglich 1890/91 im Alter von nur 17 Jahren während seines Studiums am Moskauer Konservatorium. Die Erstaufführung fand 1892 mit Rachmaninow selbst als Solist statt.


    Rachmaninow überarbeitete das Konzert grundlegend, insbesondere in der Orchestrierung und Struktur, um es kraftvoller und reifer zu gestalten. Diese überarbeitete Fassung ist die heute meistgespielte.


    Das Werk folgt der klassischen dreisätzigen Struktur:


    1. Satz: Vivace – Moderato – Allegro


    Ein markantes, fanfarenartiges Eröffnungsmotiv in den Blechbläsern, das später weiterentwickelt wird. Der Klaviersatz ist technisch anspruchsvoll mit schnellen Läufen und Oktaven. Die lyrische zweite Thematik zeigt bereits Rachmaninows melodische Begabung.


    2. Satz: Andante


    Eine ruhige, fast träumerische Atmosphäre, mit einer zarten Melodieführung im Klavier. Die Harmonik zeigt Rachmaninows typische spätromantische Chromatik.


    3. Satz: Allegro vivace


    Virtuoses Finale mit tänzerischen Rhythmen. Rasante Passagen im Klavier, energische Orchestereinsätze. Das Werk endet mit einem kraftvollen Schluss, der eine gewisse Unbeschwertheit bewahrt.


    Im Gegensatz zum populären 2. und 3. Klavierkonzert ist das 1. Konzert kürzer und kompakter. Es zeigt Einflüsse von Chopin und Tschaikowsky, aber auch bereits Rachmaninows eigenen Stil.

    Die Revisionsfassung von 1917 verleiht dem Werk mehr Klarheit und Ausdruckskraft.


    Rachmaninows erstes Klavierkonzert ist ein jugendliches, energiegeladenes Werk, das oft unterschätzt wird, aber bereits die Handschrift des späteren Komponisten erkennen lässt. Während das 2. und 3. Konzert berühmter sind, bietet das erste einen spannenden Einblick in Rachmaninows musikalische Entwicklung.


    Tatsächlich wurde das Werk in seiner ursprünglichen Fassung von 1891 nicht allzu oft gespielt und geriet relativ schnell in Vergessenheit – was darauf hindeutet, dass es wohl nicht den erhofften Erfolg hatte.


    Rachmaninow selbst war mit dieser frühen Fassung nicht zufrieden. In seinen späteren Erinnerungen äußerte er sich kritisch über seine jugendliche Komposition und sah sie als unreif an. Die Kritik betraf vor allem die Orchestrierung, die noch nicht ausgereift war, sowie einige übermäßig lange Passagen.


    Vor kurzem wurde ich gefragt: Wer spielt Rachmaninows Klavierkonzerte am besten? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Jedes Klavierkonzert muss individuell betrachtet werden, und zudem hat jeder Hörer seinen eigenen Geschmack.


    Im Internet gibt es zahlreiche Hinweise und Empfehlungen von Musikkritikern, Musikwissenschaftlern und Journalisten. Die Meinungen gehen weit auseinander. Für mich ist jedoch eine andere Frage entscheidend: Wer hat Rachmaninows Musik wirklich verstanden?


    Es geht nicht nur um die Noten und deren perfekte Wiedergabe. Ein Interpret sollte sich mit dem Leben des Komponisten auseinandersetzen und die Entstehungsgeschichte einer Komposition berücksichtigen. Dazu gehören auch historische Kenntnisse über die Epoche und den Zeitraum, in dem das Werk entstanden ist.


    Viele Pianisten haben sich an Rachmaninows Werke gewagt und ihr Bestes gegeben. Musikkritiker und wahre Kenner der klassischen Musik betonen oft die Einspielungen der „alten Dinosaurier“. Ich bestreite nicht, dass Swjatoslaw Richter (1915 - 1997), Emil Gilels (1916 - 1985) oder Wladimir Aschkenasi (* 1937) zur obersten Liga der Rachmaninow-Interpreten gehören.


    Doch die Zeiten ändern sich – und wir uns mit ihnen. ("Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.") Die technischen Möglichkeiten der Aufnahmetechnik haben sich enorm verbessert. Auch das ist ein Aspekt, den man berücksichtigen sollte. Deshalb sollten wir uns nicht nur an der Vergangenheit festhalten.


    Es gibt viele junge Pianisten, die sich ständig mit den alten Meistern messen müssen und dabei oft nur mit dem Ziel verglichen werden, etwas Negatives zu finden. Kürzlich las ich eine Kritik, in der nicht die Interpretation bemängelt wurde, sondern die Tatsache, dass die Dirigentin nach dem Konzert einen jungen Pianisten aus Südkorea umarmte. Das ist doch grotesk!


    Im obigen Beitrag möchte ich meinen Favoriten vorstellen, der Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 1 interpretiert: der polnische Pianist Krystian Zimerman.


    Seine Einspielung ist schlichtweg meisterhaft. Man spürt, dass er nicht nur die technischen Herausforderungen des Konzerts souverän meistert, sondern auch die musikalische Tiefe und die Intention des Komponisten vollständig erfasst hat. Zimermans Klanggestaltung, sein nuanciertes Spiel und sein Sinn für Struktur machen diese Interpretation zu einer der überzeugendsten.





    Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, op. 1



    Track 1 bis 3


    Klavier: Krystian Zimerman (* 1956)


    Zum Vergleich:


    Swjatoslaw Richter (1915 - 1997) - Rachmaninow, Klavierkonzert Nr. 1



    Wladimir Aschkenasi (* 1937) - Rachmaninow, Klavierkonzert Nr. 1

    Track 1 bis 3





    Vladimir Ashkenasi, London Symphony Orchestra unter der Leitung von Andre Previn (1929 - 2019)

    Aufnahme: um 1972


    Das sind meine drei Aufnahmen, die ich besitze und abwechselnd höre. Die Reihenfolge ist mir nicht besonders wichtig – ich höre, was mir gefällt, je nach Tagesform und Stimmung.