Don Giovanni - Übertragung von den Salzburger Festspielen 2006 - ein Desaster

  • Zitat

    Nun wäre grundsätzlich nichts gegen diese Aufwertung einzuwenden, da sie ja prinzipiell das Gesamtkunstwerk Oper zu verbessern in der Lage ist.


    Wogegen ich mich wehre ist die einseitige Vereinnahmung der Stücke durch die Regisseure, die viel zu oft als Vehikel zur visuellen Selbstdarstellung und relativ selten als wirklich empfundene Auseinandersetzung mit Stück und Musik erscheint.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus


    Klingt ja wieder einmal beim ersten Durchlesen recht überzeugend. Ist aber im Grunde nicht. Denn dass die Regie eine eigenständige künstlerische Leistung sei (im Sinne der Interpretation des Werkes), ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.


    Opern, die älter als wenige Jahrzehnten sind aufzuführen ist - mit einer Handvoll Ausnahmen - ebenfalls eine Erfindung des 20. Jhds. Werktreue im hier geforderten Sinn ist eine Erfindung der zweiten Hälfte des 19. Jhds. Wir leben halt nunmal im 20./21. Jahrhundert (ich habe mitunter den Eindruck, das einige daran am meisten leiden; eine Zeitreise zum Zahnarzt anno 1780 dürfte das umgehend kurierern ;))


    Zitat


    vollkommen pervertiert, denn die ursprünglich notwendige Tätigkeit, ein Stück auf die Bühne zu bringen, wurde zum zentralen Faktor überhaupt, dem sich oft alles unterzuordnen hat, und der sich auf eine Weise verselbständigt hat, wie es die musikalische Seite nie könnte (und es eigentlich auch nicht will).


    Naja. Die musikalische Seite kann sich in einer konzertanten Aufführung völlig verselbständigen.


    Zitat


    Diese Don Giovanni Inszenierung ist ja wieder ein gutes Beispiel. Egal wie man zu ihr steht, wenn drei Viertel der Meldungen sich mit der Regie statt dem Werk und seiner musikalischen Realisierung befassen, müssen alle Alarmglocken zu schrillen beginnen. Entweder ist es ein Zeichen dafür, dass die Wichtigkeit der Bühnen-Show in einem unzumutbaren Maße überhand nimmt, oder es ist ein Zeichen dafür, dass die musikalische Qualität entweder ihren primären Faktor verliert oder vom breiten Publikum einfach nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden kann.


    Ganz sicher das letztere. Was ist leichter: sich über ein paar Nackerte aufzuregen oder ein häßliches Bühnenbild oder zu diskutieren, ob das andante in der Ouverture nicht vielleicht zu langsam war, die Anna alle Töne getroffen hat usw.? Das sind doch klarerweise Nuancen gebenüber den ins Auge springenden Sachen wie Kostümen usw.


    Ich komme mit einem weiteren Widerspruch nicht klar. Wenn ohnehin die Musik im Zentrum steht (und an der Musik wird ja auch in bizarrsten Inszenierungen sehr selten etwas geändert), warum dann die ganze Aufregung? Die Wichtigkeit der Bühnenshow wird doch anscheinend vorausgesetzt, sonst hätte niemand Grund, sich so zu ereifern.
    (ich habe tatsächlich den Eindruck, dass ich die Aufregung nicht mitvollziehen kann, weil für mich die Musik im Vordergrund steht und ich dem Rest erstmal neutral gegenüberstehe)


    Wenn dagegen die Einheit des Kunstwerks ernst genommen wird, kann man nicht so ohne weiteres entscheiden, ob sich die Bühenshow unangemessen in den Vordergrund drängt. Das wäre so ähnlich wie wenn man behaupten würde, in einer unkonventionellen Interpretation einer Sinfonie "drängten sich die Tempi inden Vordergrund", weil die Tonhöhen natürlich die gleichen sind wie in einer konventionellen. natürlich ist auf den ersten Blick das im Vordergrund, was anders ist.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Giselher und Johannes,


    nein, ich widerspreche mir nicht selber, ich habe mich nur immer noch nicht genau genug ausgedrückt. Mir geht es darum, daß ich, wenn ich zu den eigentlichen Kernaussagen eines Werkes gelangen will, dieses erst einmal einigermaßen ungebrochen und unverfremdet erleben muß - und zwar als Ganzes. Und dazu gehört dann auch die zeitliche Dimension der von der Handlung vorgegebenen Umgebung. Man kann ja darüber dsikutieren, ob Figaros Hochzeit im 17. oder 18. Jahrhundert spielt, aber im 20. oder 21. spielt diese Oper mit Sicherheit nicht, und wenn man so tut als ob, ist das schlichtweg falsch und steht einer dem Stück als solchem dienenden Aufführung im Wege.


    Im gleichen Sinne: Natürlich ist Tristan keine historische Figur. Ich bin ja auch nicht der Meinung, daß man ihn als Ritter des xten Jahrhunderts oder als Pappkameraden mit Flügelhelm auftreten lassen sollte. Aber ganz gewiß ist er auch kein Manager des 21. Jahrhunderts, und wenn man ihm als solchen daherkommen läßt, pervertiert man die ganze Figur bis ins Letzte. Zwischen altbackenem Plüschkulissentheater und völliger Verzeichnung und Verzerrung gibt es noch jede Menge Zwischenstufen (z.b. die einer gewissen Abstraktion oder sensiblen Andeutung).


    Regie führen heißt aber auch: interpretieren, die Dinge auf die Bühne zu bringen, die man in dem Stück gefunden hat


    Giselher, Interpretation ja, Umdeutung nein! Unter anderem diskutieren wir darüber, wo hier die Grenzen liegen. Für mich sind sie eindeutig überschritten, wenn - wie in der Salzburger Figaro-Inszenierung geschehen - Figuren ins Stück geklebt werden, die im Textbuch nicht vorkommen. Warum dann nicht auch neue Noten in die Partitur schreiben? Die "notwendige" Subjektivität der Interpretation muß irgendwo ihre Grenzen haben, oder sie wird zum Freibrief für eine beliebige Verstümmelung und Verdrehung aller Werke.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo Theophilus,


    die Anerkennung der Regie als eigenständige künstlerische Leistung ist sicher eine Entwicklung, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts durchzusetzen begann. Das mag man begrüßen oder bedauern, aber so ist die Entwicklung nun einmal gelaufen.


    Natürlich hast Du darin Recht, dass in einer Bühnenufführung keine Sparte die andere so dominieren sollte, dass die anderen Teile nicht zur Geltung kommen. Allerdings setzt das die Zusammenarbeit von Regie und Musikern voraus, was leider oft nicht der Fall ist, wie man zuletzt beim "Ring" in Bayreuth sehen mußte. Das kann an einem Regisseur liegen, der von Musik nicht versteht und keine Partitur lesen kann oder aber auch an einem bornierten Dirigenten, der sich selbst für zu wichtig nimmt und sich für die Bühne keinen Deut interessiert. Hier in Hamburg konnte ich nun glücklicherweise ein Team Dirigent/Regisseur erleben (Metzmacher/Kowitschny), das ähnliche künstlerische Auffassungen hatte und gemeinsam an ein Stück heranging. Das kam der Qualität der Aufführungen sehr zu Gute, auch wenn ich mit dem Gebotenen nicht immer einverstanden war. Das Publikum hier im Hamburg hat es jedenfalls größtenteils nicht nur goutiert, sondern war regelrecht begeistert, was nicht zuletzt auch die hohen Auslastungszahlen belegen.


    Die von Dir geschilderte Pressereaktion auf den "Don Giovanni" beweist vor allem eins: im Feuilleton schreiben zuviele Leute, die keine Ahnung von Oper und Stimmen haben (teilweise haben sie nicht einmal Ahnung vom Theater). Sie berichten meist lieber über das, was sie gesehen haben, weil sie glauben, das wäre einfacher (oft auch ein Trugschluß). Stimmen technisch richtig beurteilen können in Deutschland nur sehr, sehr wenige Journalisten und daher begnügen sich viele dann eben mit schlichtesten Materialbeschreibungen ("glanzvoller Sopran", "strahlender Tenor", "profunder Baß"), die einer Nachprüfung oft auch nicht standhalten.


    Viele Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Alfred!
    Wenn Du Schenk und Co. bevorzugst, kann ich diese Meinung verstehen, ohne sie zu teilen.
    Ich verlange von einem Regisseur, daß er sich über die Deutung einer Oper ebenso den Kopf zerbricht wie der Dirigent über eine Partitur. Das Nachstellen von Regieanweisungen inklusive dem Einbau diverser Gags auch in Aufführungen ernster Opern ist mir zuwenig.


    Bloß jetzt wird's schwierig: Ich verlange, daß diese Überlegungen dem Werk angemessen sind. Scarpia als SS-Mann ist für mich ebenso unsinnig wie Wotan als George W. Bush oder Nabucco im KZ. D.h., ich verlange, daß die Modernisierung, wenn sie vom Regisseur als IMO legitimes Mittel eingesetzt wird, den dramatischen Strukturen der Oper entspricht - und auch der Musik nicht zuwider läuft.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Bloß jetzt wird's schwierig: Ich verlange, daß diese Überlegungen dem Werk angemessen sind. Scarpia als SS-Mann ist für mich ebenso unsinnig


    Warum ist es unsinnig, den Chef der Geheimpolizei in ein Kostüm zu stecken, das an eins angelehnt ist, das man als Zuschauer sofort mit solcher Art Unterdrückung verbindet (die SS war natürlich keine Geheimpolizei, daher wäre eine solche Uniform verfehlt)? Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Scarpias Schergen, Gestapo oder Stasi? Es wäre vielleicht etwas plakativ, aber doch keine willkürliche Verfälschung.
    Wenn dagegen die flandrischen Ritter in Lohengrin SS-Uniformen tragen würden, sehe ich ein, dass das erstmal Unsinn ist.


    viele Grüße


    JR

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  • So unsinnig wäre das gar nicht einmal, Scarpia in eine SS-Uniform zu stecken, wenn man "Tosca" nach 1944 in eine vergleichbare Situation versetzt (à la Rossellinis "Rom, offene Stadt"). Genauer gesagt müßte er dann die Uniform des Sicherheitsdienstes der SS ("SD") tragen, so wie der damalige Polizeichef Roms auch. Und wer als Regisseur der These Zelinskys anhängt, dass Wagners "Regenerationsschriften" Vorläufer der Hitlerschen Rassenideologie sind, der könnte Monsalvat im "Parsifal" auch in die Wewelsburg versetzen und aus der Gralsgemeinschaft den Orden unter dem Totenkopf machen, der auf seine "Blutsreinheit" bedacht ist.


    Grüße


    GiselherHH

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    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher


    Zitat

    Hier in Hamburg konnte ich nun glücklicherweise ein Team Dirigent/Regisseur erleben (Metzmacher/Kowitschny), das ähnliche künstlerische Auffassungen hatte und gemeinsam an ein Stück heranging. Das kam der Qualität der Aufführungen sehr zu Gute, auch wenn ich mit dem Gebotenen nicht immer einverstanden war. Das Publikum hier im Hamburg hat es jedenfalls größtenteils nicht nur goutiert, sondern war regelrecht begeistert, was nicht zuletzt auch die hohen Auslastungszahlen belegen.


    Der erste Teil des Absatzes ist noch OK. Aber auch wenn Alfred anderer Ansicht ist, bleibt Konwitschny eines der positiven Beispiele des Regietheaters (ich verwende jetzt bewusst diesen kurzen, wenn auch problematischen Begriff). Das ist ein Mann, der das ursprüngliche Stück fast nie nie aus den Augen verliert (auch wenn die Ergebnisse durchaus eigenwillig sein können), und der fast grundsätzlich nie gegen die Musik inszeniert.
    So weit so gut, aber beim zweiten Teil fängt es bereits an zu hapern, denn er stimmt objektiv nicht. Es ist nur ein Zeichen, wie bescheiden man heute geworden ist. Du lebst in einer großen Stadt mit noch viel größerem Einzugsbereich. Wenn ich mich recht erinnere (ich habe vor ca. 1 Jahr vergeblich herauszufinden versucht, wieviele Plätze eure Staatsoper hat, schätze aber 1500-1600), verfügt ihr über ein Haus mittlerer Größe, das nicht allzuviele Opernvorstellungen im Monat hat (ca. 15). Und da getraust du du dich bei einer Inszenierung mit "hoher" Auslastung von einem begeisterten Publikum zu sprechen? Wenn das wahr wäre, zeigte es nur auf, wie erschreckend klein euer Opernpublikum bereits geworden ist. Von Erfolg würde ich erst sprechen, wenn die Leute die Bude stürmten und Karten echte Mangelware wären. Und ich wage die Behauptung, dass das Regietheater einen nicht geringen Beitrag zu diesem Publikumsschwund geleistet hat. Dass eine kleine Kernschicht damit umzugehen gelernt hat und es teilweise sogar begrüßt, ist kein Gegenbeweis.



    Zitat

    Die von Dir geschilderte Pressereaktion auf den "Don Giovanni" beweist vor allem eins: im Feuilleton schreiben zuviele Leute, die keine Ahnung von Oper und Stimmen haben (teilweise haben sie nicht einmal Ahnung vom Theater).


    Na ja, vielleicht hast du ja Recht. Aber die Reaktion hier im Forum ist nicht gar so viel anders... :wacky:



    Bernd Schulz:


    Zitat

    Natürlich ist Tristan keine historische Figur. Ich bin ja auch nicht der Meinung, daß man ihn als Ritter des xten Jahrhunderts oder als Pappkameraden mit Flügelhelm auftreten lassen sollte. Aber ganz gewiß ist er auch kein Manager des 21. Jahrhunderts, und wenn man ihm als solchen daherkommen läßt, pervertiert man die ganze Figur bis ins Letzte.


    Mit dieser Argumentation habe ich jetzt aber ein Problem. Wenn die Figuren im Tristan nicht historisch sind und sich eine historisierende Inszenierung also gar nicht zwangsläufig aufdrängt und wir ferner einer Meinung sind, dass hier eine menschliche Tragödie abläuft, dann wüßte ich keinen Grund, der dagegen spräche, dass diese Geschichte nicht auch einem Manager des 21. Jahrhunderts passieren könnte. Von mir aus könnte Isolde auch eine erfolgreiche Leiterin einer Gesundheitsfarm sein. Es gilt lediglich darauf zu achten, dass das Ambiente nicht die eigentliche Geschichte vollkommen überlagert und unkenntlich macht (Tristan sollte also z.B. nicht im Fieberwahn Golfbälle in den Zuschauerraum abschlagen), aber sonst könnte das immer noch eine interessante Sache sein.
    Das ist grundsätzlich noch keine Perversion, es könnte lediglich durch eine völlig überzeichnete Regie eine werden...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Johannes, hallo Giselher!
    Ich habe mich falsch ausgedrückt: Nur Scarpia in eine SS-Uniform stecken und sonst nichts tun, wäre IMO Quatsch. Das ganze Werk konsequent übertragen (wenn sich das jemand traut), wäre schon interessant. Allerdings wäre ich dann eher dafür, faschistische Uniformen nehmen, denn die Namen der Beteiligten sind nun einmal italienisch.


    Flandrische Ritter in SS- oder Wehrmachts-Uniformen würden mich übrigens per se nicht stören. Immerhin will Lohengrin einen Angriffskrieg führen "gegen einen Feind, der uns noch nie bedroht". Dann müsste man allerdings auch die Figur des Lohengrin hinterfragen (welches "Heil" bringt er denn?) - und Telramund umwerten.
    Und da bin ich jetzt bei meinem Einwand: Das geht mit der Musik nicht zusammen, weil Wagner gut und böse hier noch relativ schwarz/weiß-malend trennt.
    Für mich ein Paradebeispiel von reizvoller Idee, aber aufgrund der Musik nicht sinnvoll.




    Hallo Theophilus!
    Und was ist mit dem Konwitschny-"Don Carlos" in Wien? Auch nicht genug Run?


    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    faschistische Uniformen wären zwar "italienischer", aber nach dem "Verrat" Badoglios 1943 und der Absetzung Mussolinis hatte die SS Rom besetzt und übte dort die eigentliche Polizeigewalt aus. Der "SS-Scarpia" wäre dann sozusagen der damalige Polizeichef Obersturmbannführer Kappler.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von Theophilus


    So weit so gut, aber beim zweiten Teil fängt es bereits an zu hapern, denn er stimmt objektiv nicht. Es ist nur ein Zeichen, wie bescheiden man heute geworden ist. Du lebst in einer großen Stadt mit noch viel größerem Einzugsbereich. Wenn ich mich recht erinnere (ich habe vor ca. 1 Jahr vergeblich herauszufinden versucht, wieviele Plätze eure Staatsoper hat, schätze aber 1500-1600), verfügt ihr über ein Haus mittlerer Größe, das nicht allzuviele Opernvorstellungen im Monat hat (ca. 15). Und da getraust du du dich bei einer Inszenierung mit "hoher" Auslastung von einem begeisterten Publikum zu sprechen? Wenn das wahr wäre, zeigte es nur auf, wie erschreckend klein euer Opernpublikum bereits geworden ist. Von Erfolg würde ich erst sprechen, wenn die Leute die Bude stürmten und Karten echte Mangelware wären. Und ich wage die Behauptung, dass das Regietheater einen nicht geringen Beitrag zu diesem Publikumsschwund geleistet hat. Dass eine kleine Kernschicht damit umzugehen gelernt hat und es teilweise sogar begrüßt, ist kein Gegenbeweis.


    Wei schon mehrfach gefragt: Hat irgendjemand hierzu Zahlen, die über vage anekdotische eigene Eindrücke hinausgehen! Oder wo sich ein überproportionaler Rückgang der Opernbesuche gegenüber Sinfoniekonzerten ausmachen läßt. Ein gewisser Rückgang ist klar, wenn es mehr "Konkurrenz" wie Kino, Musical usw. und insgesamt weniger Interesse an klassischer Musik gibt. Aber bevor man überhaupt daran denken kann, den kausalen Zusammenhang (und seine Richtung!) zu behaupten, muß klar sein, ob überhaupt eine statistische Signifikanz besteht. Haben die Leute vor 40 Jahren bei stinknormalen Repertoireaufführungen ohne Stars "die Bude gestürmt"?


    Es müßte also erstmal von den Zahlen her deutlich werden, dass der Opernbesuch insgesamt signifikant zurückgegangen ist (seit wann), dass er verglichen mit anderen klassischen Konzerten, mit Tonträgerumsatz, evtl. mit Sprechtheaterbesuch überproportional zurückgegangen ist und schließlich, dass an Theatern mit eher "konservativen" Inszenierungen dieser Rückgang gar nicht oder geringer stattgefunden hat. (Und man kann natürlich nicht immer gut besuchte Festspiele oder typische Kulturtourismusorte wie Wien als Maßstab nehmen, sondern mittelgroße Staatstheater und -opern) Wenn man diesen Zusammenhang hat, kann man beginnen, über das "Vertreiben" des Publikums zu spekulieren.
    Alles andere ist m.E. Kaffeesatzleserei.


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Hallo Giselher!
    Ja, auf dieser Basis könnte es funktionieren. Allerdings: Hätte ein Obersturmbannführer eine Messe besucht? Andererseits - vielleicht eine Geste, um sich anzubiedern?
    Jedenfalls: Wir sehen, daß "Tosca" die Modernisierung bzw. Fixierung auf eine uns nähere Zeit und Bedrängnissituation aushalten ohne,daß die Handlung verlieren würde. Im Gegenteil: Es könnte extrem brisant werden.
    Und das ist es, was ich meine, wenn ich vom Augenmaß im Regietheater spreche: Man muß wissen, mit welchen Stücken es geht und mit welchen nicht. Chéreau etwa weiß es ziemlich genau, Harry Kupfer meistens auch.
    Einzuwenden habe ich hingegen sehr wohl etwas gegen jene Form des Regietheaters, in dem Werke mit Absicht demontiert werden, um eine Handlung zu ermöglichen, die im Werk nicht immanent ist. Die meisten Regietheater-Regisseure machen aber genau das - und allzu oft, ohne auf das Werk Rücksicht zu nehmen.
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    nicht jeder SS-Angehörige war lediglich "gottgläubig", es gab auch unter diesen schwarzen Schafen welche, die katholisch waren.


    Zitat

    Einzuwenden habe ich hingegen sehr wohl etwas gegen jene Form des Regietheaters, in dem Werke mit Absicht demontiert werden, um eine Handlung zu ermöglichen, die im Werk nicht immanent ist.


    Darauf können wir uns einigen.


    Hallo Johannes,


    aus Hamburg weiß ich, dass die Auslastung seit ca. 15 Jahren konstant bei 85 bis 90 % liegt, also kein dramatischer Einbruch durch das "Regietheater" zu verzeichnen ist. In Hannover hat es aber, wie ich gelesen habe, nach den ersten Bieito-Inszenierungen heftige Reaktionen der Abonnenten gegeben (reihenweise Abonnementskündigungen). Das konnte nur teilweise wieder durch ein anderes, vor allem jüngeres Publikum zahlenmäßig kompensiert werden, so dass der Intendant Puhlmann letztendlich gehen mußte.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hier in der Provinz :D war es, als ich anfing, mich für die Oper zu begeistern (Ende der 70ger) oft sehr schwer, überhaupt noch Karten für einen Tristan oder Boris Godunow zu bekommen.


    Ich habe in dieser Zeit viele Aufführungen gesehen, die mich trotz der teilweise schwachen Sänger und des oft mäßigen Orchesters als Gesamterlebnis unglaublich mitgerissen haben. Ohne die Salome, die Königskinder, den Rosenkavalier, die Meistersinger und den Tristan von damals (von einigen Opern habe ich 12 oder 13 Vorstellungen besucht) wäre mein ganzer Lebensweg vermutlich anders verlaufen, ich hätte wohl nicht den brennenden Wunsch gehabt, Musik zu studieren.


    Wie gesagt, das Theater war damals immer voll. Heute sind die Plätze oft nicht einmal zur Hälfte ausgelastet. Das mag einerseits einem generellen Generationenproblem geschuldet sein, andererseits hängt es sicherlich auch damit zusammen, daß man sich schon seit einigen Jahren kaum noch eine Inszenierung ohne Ekel anschauen kann.


    Noch schlimmer als in der Oper sieht es im Schauspiel aus. Eine Maria Stuart, in der man laufend mit Rockmusik jenseits der Schmerzgrenze beschallt wurde (viele Besucher hielten sich die Ohren zu), und in der alle 5 Minuten jemand auf der Bühne kopfüber in ein Klo gesteckt wurde, habe ich in der Pause verlassen...



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Das mag einerseits einem generellen Generationenproblem geschuldet sein, andererseits hängt es sicherlich auch damit zusammen, daß man sich schon seit einigen Jahren kaum noch eine Inszenierung ohne Ekel anschauen kann.


    Das glaube ich nicht. Der Grund liegt meiner Meinung nach darin, daß das heutige Leben völlig anders ist. Ablenkungen wie Fernsehen, Computer usw., aber auch die CD, die die Spitzenaufführungen in die eigenen vier Wände holt, leeren die Theater und Opernhäuser.


    Zumindest in Österreich sind aus diesem Grund auch die Kinos in einer Krise - entweder Center oder zusperren. Und da hat noch niemand geklagt, daß diese neumodischen Filme das Publikum vertreiben.

    ...

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Noch eine Anmerkung: Mozarts und Da Pontes Don Giovanni spielt überhaupt nicht in Sevilla im 17. Jhd.
    Mein gewiß unverdächtiges Pahlen-Libretto gibt an:
    "La scena si finge in una citta della Spagna. Ort der Handlung ist eine Stadt in Spanien. (Keine Zeitangabe, doch am ehesten ins 17. Jahrhundert zu verlegen. Bei der Uraufführung als "zeitgenössisch" dargestellt, also in Mozarts Zeit spielend: Ende des 18. Jahrhunderts)." (S. 8 )


    Da fragt sich nun: Gehen die Autoren vielleicht davon aus, dass in einer vagen Vergangenheit liegende Handlungen bei Inszenierungen immer zeitgenössisch gemacht werden? Oder ist ihnen das einfach egal?


    Salut,


    natürlich hast du Recht und ich habe mich falsch erinnert. Der von Dir zitierte Wortlaut steht auch so in der NMA. Beim Figaro ist das ähnlich formuliert. In beiden Fällen aber ist aus den [damals bekannten!] Vorlagen klar gewesen, dass der Ort der Handlung nicht irgendeine stadt in Spanien, sondern Sevilla ist. Selbst wenn es eine andere wäre, wäre es ziemlich wurscht, Hauptsache Spanien und 16. bzw. 17. Jahrhundert. Da Ponte ist es zuzutrauen, dass er das "eine Stadt in Spanien" ironisch oder zynisch meinte... an welche Stadt dachte man damals zuerst?


    Sagen, Fabeln, Märchen beginnen spätestens seit den Gebrüdern Grimm [und diese haben sie im weitesten Sinne "nur" gesammelt und aufgezeichnet] mit "Es war einmal..." - es ist also von Entstehungszeitpunkt her stets die Vergangenheit gemeint. Und wie bei den Märchen, so haben auch diese Storys grundsätzlich irgendeine - vielleicht auch naive - Aussage, die ins Jetzt transponiert werden kann, darf und sogar soll. Trotzdem finde ich die "originalen" Märchen schöner, besser und lehrreicher, als "Schneeflittchen und die sieben Zwerge" oder "Nuttenkäppchen"...


    Zeitgenössisch indes ist keineswegs beabsichtigt gewesen, sonst hätte Don Giovanni garantiert Casanova gehießen, denn der war auch in Prag bei der UA passender Weise [angeblich] anwesend.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Hallo Edwin,


    sicherlich haben sich die Lebensgewohnheiten verändert. Aber ich weiß von konkreten Fällen, in denen die Abos zurückgegeben wurden, weil man sich das szenische Elend nicht mehr länger antun wollte.


    O-Ton eines Intendanten (mit messianischem Bewußtsein), der auf die rückläufigen Besucherzahlen angesprochen wurde, war übrigens: "Wir geben den Leuten halt nicht das, was sie wollen, sondern das, was sie brauchen!"


    Nun ja, vielleicht kann das Aachener Theater den Leuten demnächst gar nichts mehr geben....


    Der von Alfred angesprochene Umstieg auf die Subventionsfreiheit ist für mich keine vernünftige Lösung. Als Schüler hätte ich mir eine unsubventionierte Aufführung niemals leisten können, und auch heute würde ich mir dann schwer überlegen müssen, ob ich ins Theater gehe oder es aus finanziellen Gründen lieber lasse. Oper live als Privileg für "Besserverdienende" kann meiner Meinung nach nicht der richtige Weg sein.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Edwin schrieb, dass man jede Oper zu ihrer eigen Parodie umgestalten könnte, wenn man nur die Regieanweisungen wörtlich nähme. Das wird wohl richitg sein und zeigt schlicht, dass nicht alle Elemente des "Originals" so zeitlos sind wie die Musik. Ich habe auch mal gelesen, dass zur Zeit Goethes im Sprechtheater eine sehr spezielle Gestik von den Schauspielern gefordert war; die ließe sich vermutlich auch rekonstruieren, aber wenn man Goethe heute so aufführte, glaubten die Zuschauer vermutlich, es gäbe eine simultane Gebärdensprachensynchronisation; es wäre einfach unfreiwillig komisch



    Hatte man nicht vor einigen Jahren die gleiche Sicht darauf wie absurd es wäre Barockmusik auf alten Instrumenten zu spielen ... :baeh01:




    Ich halte dagegen, gerade diese Gestik - die ich persönlich alles andere als lächerlich empfinde - wäre wünschenswert.
    Denn durch den gestikulierte Vortrag, erhalten die Worte vielmehr Gewicht und Ausdruck.
    Ich finde es wesentlich lächerlicher wenn sich die Sänger oder Schauspieler auf dem Boden rumwälzen müssen.


    Damals war es auch üblich dem Publikum niemals den Rücken zuzuwenden (das galt als unhöflich)


    ich kann nur auf diese Inszenierung verweisen, da hat man versucht diese alte Weise der Darbietung nachzuempfinden.


    guckst Du hier

  • Zitat

    Original von der Lullist
    ich kann nur auf diese Inszenierung verweisen, da hat man versucht diese alte Weise der Darbietung nachzuempfinden.


    guckst Du hier


    Und zwar gigantisch gut! Der Versuch ist sehr gelungen! Gerade die Gestik der Darsteller macht die Inszenierung äußerst interessant. Ich find´s wunderbar. :jubel: :jubel: :jubel:



    :hello:
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Also ich fand den "Giovanni" rundum gelungen (auch wenn es noch besser gewesen wäre, die Festspiele hätten bereits den Mut bewiesen, gleich die Premiere unter Harnoncourt zu übertragen). Diese Inszenierung gehört für mich mit zu den besten, die in den letzten Jahren gemacht wurden (generell) und um mehrere Klassen der Schneiderei-Werkschau an der Staatsoper überlegen.


    Zur wiederaufgeflammten Kritik an der Regie:
    Meiner Ansicht nach können Opern fast überall hin "verlegt werden", vor allem dann, wenn der tatsächliche Inhalt ein zeitloser ist. Oder will jemand behaupten, dass der Kern der Traviata nicht gesellschaftliche Ausgrenzung einer "Unstandesgemäßen" ist oder der Giovanni außerhalb des 18. Jhdt. völlig undenkbar ist?


    Falls ja, dann hätte ich gerne demnächst eine "echt"-historisch inszenierte Aida:
    abgeschnittene Hände und Köpfe beim Triumphmarsch, nackte Tänzerinnnen, einen Radames lediglich im Leinenschurz - bin gespannt, wie das den Freunden "historisch korrekter" Inszenierungen gefallen würde.


    (nicht, dass man nicht auch historisierend wunderbare Arbeiten schaffen könnte - Wernickes "Calisto" aus Brüssel beispielsweise oder "Billy Budd" an der Staatsoper)


    Betreffend Daniel Harding:
    Gott sei Dank dürfte er genug Selbstvertrauen haben, um sich durch die Miesmacherei nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Mir gefallen bei Mozart zwar auch Harnoncourt, Jacobs oder Minkowski besser - aber Harding schlägt jede Menge älterer und etablierterer Kollegen (zB Muti) und ist jetzt (mit 30!!) auf einem Level, wo viele Dirigenten nie hinkommen werden.
    Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich sein Mozart-Stil in den nächsten 15 Jahren weiterentwickelt.

  • Hallo,


    na glücklicherweise doch noch eine weitere positive Stimme. Weil Daniel Harding angesprochen wurde, noch einige heitere Impressionen zur Vorstellung (ich weiß, OT, aber was solls.)


    Thomas Hampson ist ja bekanntlich ein Hühne und damit auch optisch eine beeindruckende Besetzung für den Don Giovanni. Heuer hat er in Melanie Diener eine fast ebenso beeindruckende Antipodin. Mit ihren Gardemaßen (>180cm) muss sie der Schrecken aller Tenöre sein. Glücklicherweise fiel der Don Ottavio nicht in die Kategorie "klein und dick", was aber neben dem Spatz Christine Schäfer als Donna Anna auch nicht weiter aufgefallen wäre. Im Sextett standen Donna Anna und Donna Elvira nebeneinander, was unfreiwillig komisch wirkte, da die eine der anderen gerade bis zur Schulter reicht. Dem Don Giovanni reicht sie gerade mal bis zur Achselhöhle, was ihrem Ansingen ihm gegenüber etwas zusätzlich Verwegenes verleiht. Der Clou kam aber am Schluss, als sich alle auf der Bühne versammelten. Es kam natürlich auch Daniel Harding auf die Bühne, und man konnte sehen, was mir bislang nicht bewusst aufgefallen war. Er liegt in der Größenklasse von Christine Schäfer!


    Dass dieses Männlein nicht im Walde steht, sondern erfolgreich eine Hundertschaft von Musikern befehligt, hat etwas berührendes.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    Hallo,


    na glücklicherweise doch noch eine weitere positive Stimme.


    und noch eine Stimme - von mir :)


    Hi Theophilus :)


    gerade solche Inszenierungen gafallen mir (Laie) besonders gut


    ich fand auch die Traviata aus Salzburg spitze - aber der Don Giovanni war vom Bühnenbild her grandios (von der Musik sowieso Neues für mich)


    LG Paul?

    Einmal editiert, zuletzt von Paul? ()

  • Hallo Martello,
    daß Harding besser ist als Muti, will nicht viel heißen. Mutis Mozart ist für mich die Fortsetzung der "guten alten Zeit", die ich in diesem Zusammenhang ziemlich langweilig finde.
    Überbewerten darf man Harding aber (vorläufig) noch nicht: In Wien hat er ein Konzert hingelegt, das indiskutabel war. Aber mit 30 Mahlers X. in der Cooke-Version dirigieren, war vielleicht auch eine Spur zuviel Selbstvertrauen.
    Dennoch: Aufpassen muß man auf ihn, unbegabt ist er sicherlich nicht!
    :hello:

    ...

  • Servus Paul?,


    das schöne an den "Laien" ist ja, dass sie häufig viel unverkrampfter an Werke (und insbesondere szenische Aufführungen) herangehen als die "Experten".


    Und weil mir gerade wieder Alfreds Einleitung mit den Putzfrauen und dem Kind eingefallen ist:
    In der Registerarie wird aufgezählt, mit welchen Frauentypen sich Giovanni so vergnügt (im wesentlichen mit sämtlichen), das wird in dieser Inszenierung bebildert. Wenn aber Leporello am Ende vom besonderen Reiz von "Jungfrauen" für seinen Herrn spricht, so muß man sich gelegentlich damit konfrontieren, dass es sich dabei günstigstenfalls um Minderjährige handelt. Die Vorstellung, dass damit auch 12 oder 13-jährige Mädchen am Beginn der Pubertät gemeint sein könnten (und mE wohl auch waren) mag uns heute schockieren, war aber damals kein vergleichbares Problem - so wie viele "Verführungen" des Don Giovanni nach heutigen Begriffen Nötigungen oder Vergewaltigungen sind.
    Ich finde es gut, wenn diese Assoziationen in einer Inszenierung geweckt werden, denn der ständige Wechjsel der Sexualpartner ist heute kaum noch ein Problem der (wenngleich zumeist geheuchelten) Moral.


  • Soweit ich das verstanden habe, ging der Regisseur davon aus, es gebe im "Otello" eine Figur namens Coro, und wusste nicht, dass das einfach Italienisch für "Chor" ist.


    :hello:


    (Heut Abend kommt sie wieder, diese unsel'ge Inszenierung. Mal sehen...)

  • So. Am Neujahrsabend bot sich für jeden Tamino die Möglichkeit, sich diese Aufführung (noch einmal) anzusehen. Das habe auch ich getan.


    Ich muss sagen: Selten hat mir ein Giovanni so gut gefallen. Sängerisch gab's nichts zu meckern (auch wenn ich mit Thomas Hampson nichts anfangen kann), herausragend Christine Schäfer und Ildebrando D'Arcangelo. Das Dirigat von Daniel Harding fand ich nicht herausragend, aber so grauslich war's nun auch wieder nicht.


    Zur Inszenierung: Martin Kusej gelingt es wie wenigen anderen Regisseuren, das Innenleben der Figuren und ihre Beziehungen zueinander darzustellen. Das Band, das der Don zum "Frauenfangen" gebraucht, zieht sich wie ein roter Faden durch die Produktion und wird immer dann eingesetzt, wenn sich die Damen in ihren Gefühlen nicht sicher sind. Die Komturszene fand ich gelungen wie selten: Das starke Bild des Verfalls, vor dem Don Giovanni graut, war einfach klasse.
    Ich bin jedenfalls auf Kusejs Holländer in Amsterdam gespannt (wenn alles gut geht, sitze ich in der Premiere).


    :hello:

  • Also ich versteh das alles nicht so richtig...
    Vor mir liegt das Programm vom Nationaltheater Mannheim, wo am 23. Februar 1862 die Erstaufführung des "Troubadour" stattfand. Auf dem Programmzettel lese ich in Frakturschrift folgendes:
    "Die Handlung fällt in den Anfang des 15. Jahrhunderts und spielt theils in Biskaja, theils in Arragonien" Im November 1981 gab man an diesem Theater dieses Stück und hat sich an diese Vorgaben gehalten und das war gut so!


    Im Juli 1980 wurde am gleichen Haus die Oper "Der Jüngste Tag" von Giselher Klebe (1925 in Mannheim geboren) in Anwesenheit des Komponisten uraufgeführt. Das Stück spielt "In unseren Tagen"...
    Die Musik entsprach der Zeit, die Kleidung der Darsteller und das Bühnenbild auch.


    Beide Aufführungen waren hervorragend! Ich brauche keine Zeitreisen, aber ich habe das ästhetische Bedürfnis, dass alles zusammen passt.
    Ich gehe (besser gesagt ich ging) in die Oper wegen Musik und Gesang, im Zirkus oder in der Discothek können dann andere Bedürfnisse befriedigt werden.

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Die Analogie mit dem Rembrandt ist bei allem Respekt schlicht Unsinn. Denn es gibt keinen Don Giovanni, der wie das Bild von Rembrandt fertig im Museum hängt, daher kann auch nichts übermalt werden. Es ist nichts zum Übermalen da. Was soll das heißen: "Das Werk so gespielt und gezeigt, wie es ist" Was wird gezeigt und wie ist es? Das Bild kannst Du mir zeigen, den Don Giovanni kannst Du mir erst dann zeigen, wenn Musik erklingt und sich Leute auf einer Bühne bewegen.
    Der Don Giovanni entsteht erst, wenn er inszeniert und aufgeführt wird, vorher gibt es nur einen Stoß Papier mit Kringeln drauf... Dass ein fundamentaler Unterschied zwischen einem Bild und einer Oper besteht, ist das so schwer verständlich?
    (Was ihr meint, ist wohl "Das Werk so gespielt und gezeigt, wie ich es mir vorstelle (oder wie ich mir vorstelle, dass der Autor es sich vorgestellt haben könnte". Unbenommen. Aber woher die Arroganz (die ich langsam beginne, unerträglich zu finden), dass diese eigene Vorstellung richtig und für jemand anders verbindlich sein sollte?)


    Es geht auch nicht um Sensatiönchen und keiner bestreitet, dass es mißlungene Inszenierungen gibt. Die können aber völlig unabhängig von ihrer Modernität mißlingen.


    Da hat JR absolut Recht!
    Er hat es hier eigentlich auf den "." gebracht und dem wäre nichts zuzufügen (mach ich aber doch :baeh01:)


    Es hat seine Richtigkeit, dass eine Oper, die im 17. Jahrhundert komponiert wurde, auch zeitgemäße Kleider aufweist. Damals (also im "Original") wurden diese Kleider des 17. Jhdts. angezogen.
    Aber eine Oper mit einem Bild, das übermalt wird, zu vergleichen, halte ich prinzipiell für einfach lächerlich.
    Eine Oper besteht nicht nur aus Noten und ("zeitgerechten") Kostümen, eine Oper erzählt eine Geschichte, eine Botschaft!
    Diese Botschaft, die enthalten ist, kann aber von vielen anders gesehen werden, oder überhaupt falsch verstanden werden.
    Es darf sich niemand anmaßen zu behaupten, er habe die "richtige" Botschaft, die "richtige" Interpretation gefunden.


    Und letztlich machen eine Oper nicht die Kostüme aus, die (zeitgerecht oder nicht) oft den Blick auf das Wichtige verstellen, sondern ganz klar die "Botschaft", das was die Musik uns sagen will!
    Musik ist Kunst und Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie eine Sprache hat.
    Wenn man eine Oper nach dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt, hat man schon verloren!
    Es kommt (wie sooft im Leben) auf das Innere an!
    Auf die Botschaft der Oper und nicht auf die Kostüme.


    Moderne Inszenierungen können schiefgehen, und das tun auch sehr viele. Das muss gesagt werden.
    Aber grundsätzlich gegen moderne Inszenierungen zu sein, nur weil sie die angeblich "falschen" Kostüme verwenden, ist lächerlich!
    Wenn sie ihre Deutung, ihre Botschaft, die sie verstanden haben, erzählen, ist das okay. Man muss ja nicht damit einverstanden sein.
    Aber solange moderne Inszenierung eine Botschaft übermittelt, ist gegen sie nichts zu sagen!


    PS: übrigens großartige Argumentation JR :beatnik: 8) 8)


    Gruß :hello:

    Komponiert ist schon alles - aber geschrieben noch nicht. (W.A. Mozart)