Gennadij Roschdestwenskij oder: Wer braucht schon Proben?


  • Gennadij Nikolajewitsch Roschdestwenskij




    In den Jahren von 1981 bis 1984 war Gennadij Roschdestwenskij Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Womit ich die Gelegenheit hatte, die von mir bewunderte Legende der Sowjetdirigenten sozusagen in Fleisch und Blut bei Proben und Aufführungen zu erleben. Besonders spannend war für mich etwa Schostakowitschs 2. Symphonie. Das Werk war von dem Orchester noch nie gespielt und vom Chor noch nie gesungen worden. Also erwartete ich eine detailfreudige Probe, bei der ich mit Partitur aufkreuzte, um das Werk richtig kennenzulernen. Natürlich war ich gleich in der ersten der zwei Proben.


    Das Orchester war da, der Chor auch. Dann wuselte Roschdestwenskij herein, begrüßte die Musiker, rief ihnen eine Taktzahl zu und gab den Einsatz: Rund 20 Takte später Abbruch. Nächste Taktzahl, ein Choreinsatz: Etwa 10 Takte, Abbruch, ein paar Korrekturen, nocheinmal. Funktioniert. Noch eine Taktzahl, knapp vor Schluß, durchspielen bis zum Schluß. Danke, jetzt Beethoven...
    Offenbar war die Schostakowitsch-Probe für den näcshten Tag angesetzt.
    Auch da tauchte ich auf. Roschdestwenskij probte wieder ein paar Abschnitte. Dann spielte er das Werk einmal durch. Daraufhin nahm er sich den Beethoven nochmals kursorisch vor. Durchspielen. Danke, das war's.


    Das Konzert war fulminant. Nachher fragte ich einen mir bekannten Musiker, was das bei den Proben gewesen sei. Antwort: "Wieso? Diesmal hat er doch eh geprobt...!"


    Mit der Zeit fand ich heraus, daß Roschdestwenskij Proben verabscheut. Irgendwo las ich einmal, er sei der letzte russische Zuchtmeister unter den Dirigenten. Nichts kann mehr an der Wahrheit vorbeigehen.
    Roschdestwenskij dirigiert mit langem Taktstock und konstant großer, extrem suggestiver Gestik. Er hat ein glänzendes Reaktionsvermögen, ortet blitzschnell die Quellen von Unsicherheiten und korrigiert sie mit klaren Handbewegungen.
    Er ist sich seiner Fähigkeit, ein Orchester aus dem Stegreif zu führen, völlig bewußt und hat auch bei komplexen Partituren nie exzessiv geprobt.
    Die Musiker freilich brachte das zur Verzweiflung: Was passiert, wenn was passiert - wenn also im Konzert ein Aussteiger passiert, der nicht so leicht zu korrigieren ist? Die Musiker spielten wohl unter Hochdruck und extremer Konzentration - und die Symphoniker waren nie wieder so gut, spielten nie wieder so explosiv wie unter Roschdestwenskij. Aber die Angst saß ihnen permanent im Nacken.
    Schließlich trennte man sich von Roschdestwenskij.


    Angeblich ist folgendes passiert: Roschdestwenskij war vor den Wiener Symphonikern in London fix engagiert, und dort wollte er auch bleiben. Die sowjetischen Machthaber beschlossen allerdings, den offenbar mit dem Absprung liebäugelnden Dirigenten wieder näher an die Länder das damals noch existierenden Ostblocks heranzuholen, ihn aber auch gleichzeitig als sowjetischen Musikexport im Westen zu belassen - und da war Wien der richtige Ort. Roschdestwenskij soll daraufhin passiven Widerstand mit Probenverweigerung geleistet haben. Soweit die Fama.


    Als ich Gelegenheit hatte, mit Roschdestwenskij zu sprechen, gab er eine andere Auskunft: Er habe in der Sowjetunion gelernt, mit extrem wenig Probenzeit möglichst viel aus einem Orchester herauszuholen. "Manchmal hatten wir eineinhalb Stunden Zeit, um im Tonstudio ein dreiviertelstündiges Werk aufzunehmen, das wir noch nie gespielt und auch nicht geprobt hatten - und die Aufnahme mußte gut genug sein, um auf Schallplatte zu erscheinen." Abgesehen davon ist er überzeugt, daß zuviele Proben der Tod des genialen spontanen Einfalls sind, auf den Musiker sofort reagieren müssen - was sie nur tun, wenn sie keinem endgültig fixierten Interpretationskonzept folgen: "Proben führen zur Routine, und Routine führt zu Langeweile. Aber Langeweile führt nicht zur Musik."
    Die langjährige Freundschaft mit dem russischen Komponisten Rodion Schtschedrin wurde sogar gefährdet, weil Roschdestwenskij dessen extrem komplexe Kantate "Poetoria" ohne Probe aufführen wollte. Es waren zwar ausschließlich die Kräfte der Uraufführung beteiligt - aber diese Uraufführung lag rund 5 Jahre zurück...


    Dabei probt Roschdestwenskij durchaus auch intensiv - und zwar dann, wenn es der Komponist für etwaige Retuschen braucht. In Wien setzte er für die Uraufführung von Schnittkes halbstündiger "Faust"-Kantate zwei volle Proben an, um dem Komponisten die Möglichkeit zu geben, Verbesserungen anzubringen. Schnittke war glücklich - aber die Musiker waren abermals verzweifelt, denn Schnittke kam alle Augenblicke mit neuen Instrumentierungsideen, die Roschdestwenskij sofort ausprobieren ließ ("2. Oboe, geben Sie Ihre Noten bitte der 1. Trompete., 1. Trompete, tauschen Sie bitte mit der 2. Klarinette, 2. Klarinette, geben Sie ihre Noten bitte der 2. Flöte, 2. Flöte, bitte aufpassen, Sie müssen einen Ganzton tiefer spielen.")


    Nun, was ist Roschdestwenskijs Stil? - Schwer zu definieren. Einerseits ein natürlicher Fluß der Musik, ohne nachdrückliche Überbetonungen stilistischer Facetten. Tschaikowskij etwa klingt unter ihm immer noch "russisch", also körnig und herb, entwickelt aber nicht diese Siedehitze wie unter Mrawinskij oder Swetlanow. Präzise Rhythmik und klarer Steigerungsaufbau machen etwa Roschdestwenskijs "Nußknacker"-Gesamtaufnahme exemplarisch.
    Bei Bruckner, dessen Symphonien Roschdestwenskij in einem meiner Meinung nach einzigartigen Zyklus vorlegte, gibt es klare Konturen, aber auch breit aufgebaute Steigerungen mit ekstatisch aufstrahlenden Höhepunkten.
    Prokofjew wiederum entwickelt Roschdestwenskij ganz aus den rhythmischen Triebkräften - und doch wirken die Ballette, aber auch die Symphonien unter keinem anderen Dirigenten so melodiös und nahezu klassisch schön.
    Schostakowitsch wiederum wird bei Roschdestwenskij zum großen pathetischen Tragiker (das Pathos ist dabei echt!), die Symphonien entwickeln, als große musikalische Fresken angelegt, Wucht und atemberaubende Gewalt.


    Übrigens ist Roschdestwenskij aus der Geschichte der Neuen Musik Russlands und der Sowjetunion nicht wegzudenken: Seine Sonderstellung nützte er nämlich, um immer wieder verbotene, ins Abseits gestellte Komponisten und Werke doch durchzusetzen: Schostakowitschs expressionistisch-wilde "Nase" etwa - oder die kühne polystilistische Erste Symphonie von Schnittke, dessen 2. Symphonie Roschdestwenskij auch in der Sowjetunion dirigierte, als Werke mit religiösem Inhalt noch weitgehend tabu waren.


    Roschdestwenskij hat ein Repertoire von etwa 2000 Werken aus allen Perioden der Musikgeschichte aufgeführt. So nebenbei ist er auch ein leidenschaftlicher Sammler von Büchern und hat mehr Literatur gelesen als so mancher Fachmann. Wo er die Zeit dafür hernimmt? - Vielleicht knipst er sie ja bei den Proben ab...




    Biografische Daten
    *4. Mai 1931 in Moskau, Sohn des Dirigenten Nikolaj P. Anossow und der Sängerin Natalja P. Roschdestwenskaja, deren Namen er angenommen hat.


    1951: Nachdem er schon beim Studium als das sowjetische Dirigentenwunder gegolten hat, debütiert er im Bolschoi-Theater (!) als Dirigent bei der Aufführung von Tschaikowskijs "Der Nußknacker".
    Bis zum Anfang der 60er Jahre arbeitet er als Assistent am Bolschoi-Theater und dirigiert während dieser Zeit verschiedene Ballette.


    1960-1974: Chefdirigent des Rundfunk-Symphonieorchester der UdSSR.


    Ab 1964 war er auch gleichzeitig Künstlerischer Direktor des Bolschoi. In der Folgezeit übernimmt er weiterhin die musikalische Leitung der Moskauer Kammeroper (Erste Aufführung von Schostakowitschs "Nase" seit den 20er-Jahren)


    Ab 1975 in Stockholm und London


    1981 bis 1984 in Wien bei den Symphonikern.


    Ab 1991 war er Leiter der Stockholmer Philharmonie.


    1994 wurde er Vorsitzender des künstlerischen Beirates des Bolschoi, 2000 dessen künstlerischer Leiter, 2001 Abdankung nach Verrissen der von ihm angesetzten Aufführung von Prokofjews Oper "Der Spieler"


    Gennadij Roschdestwenskij ist nach wie vor in erster Ehe mit der Pianistin Wiktoria Postnikowa verheiratet.


    Zu den West-Komponisten, deren Werke unter seiner Leitung erstmals in der Sowjetunion erklangen, gehören Orff, Britten ("Midsummer Night's Dream"), Ravel ("Daphnis" komplett), Hindemith und Bartók.

    ...

  • Hallo Edwin,


    ein sehr interessanter Beitrag über den hochgeschätzten Gennadi Roshdestwensky.
    Auch die biografischen Daten zeigen wie nomandenhaft ein Dirigent doch leben muß.


    Bei Deiner Auflistung fehlen die Daten nach seiner Wiener Zeit (1981-1984) von 1985 bis 1991. In dieser Zeit entstanden auch die fantastischen Aufnahmen der Schostakowitsch - Sinfonien mit dem Staatlichen SO des Kulturministeriums Moskau. Auf den Eurodisc-CD´s steht zwar immer C1988(Erscheinungsdatum bei Eurodisc), aber die tatsächlichen Aufnahmedaten liegen nach 1983 und später.
    Ist Roshdestwensky nach seiner Wiener Zeit wieder nach Russland zurückgekehrt, bis er 1991 die Leitung des Stockholmer Orchesters übernahm ?

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Hallo teleton,
    Roschdestwenskij war nach der Symphoniker-Affäre vor allem in der Sowjetunion tätig. Daß er mit dem Absprung liebäugelte, war seit der Londoner Zeit bekannt. Man wollte ihn aber unbedingt als Sowjetkünstler behalten, also band man ihn verstärkt an die Sowjetunion, ließ ihn aber machen, was er wollte - mit dem Ergebnis, daß er Schnittke und Bruckner aufführte - zwei von religiösem Denken geprägte Komponisten.
    Und dann setzte er sich obendrein für die Kiewer Avantgarde ein, was auch ein Vergehen war. Als großer Sowjetdirigent macht man das einfach nicht.
    Fast habe ich den Verdacht, er hat ausprobiert, wie weit er gehen kann. Immerhin war der Stalinismus vorbei - es gab zwar keine Demokratie im herkömmlichen Sinn, aber ein Künstler verschwand auch nicht mehr im Arbeitslager oder in der Psychiatrie, wenn er sich unbotmäßig verhielt; eher bekam man Auftrittsverbot, wurde nicht gedruckt etc.
    Vielleicht hat Roschdestwenskij gespürt, daß er selbst zu verbunden mit seiner Heimat war, um aktiv den Absprung zu betreiben und wollte sozusagen die Ausbürgerung provozieren.
    Dem widerspricht allerdings, daß er schon immer ein Faible für die Avantgarde hatte und Komponist/inn/en wie Gubaidulina und Denisow zu einer Zeit aufführte, als sie auch in der Sowjetunion noch absolut kein Begriff waren.
    :hello:

    ...

  • Es gibt einige Aussagen, u.a. von damaligen Philharmonikern, dass Furtwängler insofern ähnlich gewesen wäre, als dass sein schlampiges Dirigat in Verbindung mit der charismatischen Persönlichkeit die Musiker sozusagen immer auf der Stuhlkante hatte und zu Höchstleistungen anspornte. Also zwar andere Methoden, aber vielleicht ein ähnlicher Effekt.
    Ich muß gestehen, dass ich fast keine Einspielungen Roschdestwjenskijs kenne; zwar habe ich seinerzeit einiges von Tschaikowsky auf Eurodisc-LPs kennengelernt, aber die schon ewig nicht gehört. Eine sehr preiswerte CD mit Stücken von Rachmaninoff habe ich noch irgendwo, vielleicht auch noch mehr, aber es ist halt alles nicht mein Repertoire. Und eine Bruckner 5. live von 1984 (Russian Revelation), die werde ich demnächst mal genauer anhören.
    Aber ich habe vor etlichen Monaten eine Fernsehsendung über/mit ihm gesehen. Da kam er sehr sympathisch und kenntnisreich rüber (u.a ließ er sich übe rein Temporelation in Tschaikowskys Romeo&Julia aus, er nimmt einen bestimmten Abschnitt wesentlich zügiger als üblich). Auch bei der Ausbildung von Nachwuchs, hier war er natürlich gar nicht schlampig, aber auch kein bißchen fies oder autokratisch gegenüber den Studenten.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Roschdestwensky ist in meiner CD-Sammlung nicht übermäßig präsent.


    Seine Bruckner-Aufnahmen werde ich mir sicherlich noch zulegen; jedem Rachmaninoff-Liebhaber wärmstens zu ans Herz zu legen ist



    Zu dieser Aufnahme hatte ich mich im Rachmaninov, 2.Symphonie und andere -Thread ausführlicher geäußert.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo Edwin,


    vielen Dank für diesen spannenden Beitrag. Ich habe zwar ein paar Platten mit Roschdestwenskij, aber seine Abneigung gegenüber Proben war mir bislang nicht bekannt. Es tut richtig gut, zu sehen, daß es auch Dirigenten gibt, die die Musiker ohne endloses Herumbasteln an den Srücken zu Höchstleistungen bringen.


    "Proben führen zur Routine, und Routine führt zu Langeweile. Aber Langeweile führt nicht zur Musik."


    Diesen Satz habe ich sofort in mein Poesiealbum :D übertragen.


    Wie oft saß ich schon in irgendwelchen Proben, in denen sich die Zeit ins Endlose dehnte, die öde, unfruchtbar, Überdruß erzeugend, ja regelrecht gegen jede lebendige Interpretation der Musik gerichtet waren!


    Natürlich gibt es auch Proben, die animieren, begeistern und unglaubliche Freude machen - vor allem, wenn es um Kammermusik geht. Aber auch hier bin ich ein Feind der Praxis, jede Nuance vorher auszutüfteln und vielleicht noch mit Bleistift in die Noten zu schreiben. Manche scheinen ihre Stimme regelrecht mit einem Malbuch zu verwechseln...


    Viele Grüße


    Bernd

  • Guten Tag Edwin


    Danke für Deine freundliche Reaktion auf meine Gedanken zu Roschdestwenskij, ungeschickterweise im Mrawinskij-Thread. Richtig deshalb Dein Hinweis auf die Gefahr, den Mrawinskij-Faden zu verfälschen.


    Erlaube mir als Frischling, mich noch in die Gepflogenheiten des Forums einzufühlen. (Einen Roschdestwenskij-Thread hatte ich unter „Roshdestwenskij“ vergeblich gesucht)


    Danke für Deine interssanten Ausführungen zum "Probenmuffel". Meine Ueberlegungen zu Roschdestwenskij gründen eigentlich nur auf einer TV-Dokumentation über ihn (wohl dieselbe, die auch Johannes Roehl erwähnt): Da kommt mir ein sehr gelassener und demütig der Macht des musikalischen Flusses vertrauender Mensch entgegen.


    Es ist gut möglich, dass zuviel Gelassenheit am Pult den Sinn und Zweck dieser Position verfehlt, nämlich: die Spannung aufrechtzuerhalten, und den MusikerInnen quasi ein „Gitter“ anzubieten, zwischen deren Stäben sie sich dann „frei“ bewegen können.


    Lieber Gruss von


    Walter

  • Roshdestwenski war außerhalb der UdSSR in der BRD ganz gut bekannt. Mir fallen da besonders die drei Tschaikowsky-Ballette ein. 1980 schien das in Dortmunder Plattengeschäften fast eine Glaubensfrage zu sein: Nußknacker entweder unter Ansermet oder unter Roshdestwensky. Die anderen existenten Aufnahmen haben es da nicht in den Rang des zu empfehlenden gebracht. Beim Hören der beiden Aufnahmen giebt es schon deutliche Unterschiede: der Mathematiker Ansermet rhytmisiert den Nußknacker kräftig, das OSR spielt mit schönem, dennoch sehr schlankem Klang, Szenen wie der Tanz der Scheneeflocken geraten bezaubernd schön und dennoch: das Märchenhafte des Ganzen wird dem "Nußknacker" hier verweigert. Die perfekte Aufnahmetechnik der DECCA (hallo Wolfgang!) unterstützt Ansermets Sachlichkeit hier.


    Ganz anders Roshdestwensky. Sein Nußknacker ist nicht nüchtern, schlank und rhytmisch gespielt. Viel eher werden die Bilder, die das Ballett vorgibt, aufgegriffen. Das ist besonders auffällig beim Tanz der Schneeflocken und den aus der Suite op. 71 a bekannten Charakterstücken, das Märchenhafte der Nußknacker-Erzählung wird hier vollständig aufgegriffen. Und wie bei dem schweizer Gegenstück unterstützt auch hier die nicht ganz so perfekte Aufnahmetechnik der Melodiya das offensichtlich angestrebte Klangbild: teilweise ein wenig weichgespült (dies hier in absolut positiver Meinung).


    Roshdestwenski war in der BRD auch durch die Einspielung von Khatschaturians "Gayaneh" bekannt, die bei der DGG veröffentlicht worden war.


    Dank Edwins ansteckender Russophilie ist Roshstwenski mir mittlerweile auf anderen musikalischen Feldenr vetraut geworden, hier zumeist auf den Labeln ETERNA und Melodiya.


    Zum Thema Proben folgende Anekdote: Der Dirigent tritt vor das ihm lediglich von Gastspielen bekannte Orchester und fragt ins Rund: "Meine Herren, ich hoffe Sie kennen Ihre Noten?" "-----!" "Gut, ich auch, bis heute Abend", und verschwand. Dieser knorrige Kapellmeister war Hans Knappertsbusch. Vielleicht kann mir jetzt noch jemand das Orchester nachtragen: Bayreuth oder Wien? Und Kna war live immer besser als im Studio.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Die letzten beiden Abende verbrachte ich mit der ausgezeichneten Dokumentation "Konversationen mit Gennadi Roshdestwenski - Ein musikalisches Leben in der früheren Sowjetunion", ein insgesamt vierstündiges Mammutprojekt des französischen Regisseurs (und Violinisten) Bruno Monsaingeon, das auf Interviews mit dem Dirigenten basiert, die in den Jahren 1999, 2002, 2003 und 2015 überaus kompetent geführt wurden. Der EuroArts Channel hat diese Doku zweigeteilt auf YouTube zur freien Verfügung gestellt: Teil 1 & Teil 2.


    Man erfährt viel über die Situation für Künstler in der UdSSR, erhält aber auch ganz allgemein einen guten Einblick in die damaligen Lebensumstände im Ostblock. Roshdestwenski war nicht nur ein genialer Dirigent, sondern auch ein begnadeter Redner, dem man gerne stundenlang zuhören kann. Er schildert interessante Details aus der eigenen Vita, die immer nur im zeitlichen Kontext zu verstehen ist. In eine musische Familie hineingeboren - der Vater Nikolai Anosow war ebenfalls Dirigent, die Mutter Natalija Roshdestwenskaja war Sängerin -, schien sein Weg vorgezeichnet. Die aus heutiger Sicht teilweise grotesk anmutenden Lebensbedingungen bringt er in unnachahmlich anmutender tragikomischer Weise zu Gehör. Überhaupt, so seine Überzeugung, konnte man mit den mitunter tragischen Vorfällen mit Komik besser umgehen. Da ist etwa die Rede von der KPdSU ausgegebenen Vorgabe, dass in Konzerten bei Auslandstourneen stets mindestens ein Werk eines sowjetischen Komponisten aufzuführen sei, was zu manch einer absonderlichen Programmgestaltung führte. Oder die lange übliche Praxis, bei diesen Gasttourneen von KGB-Mitarbeitern begleitet und auf Schritt und Tritt überwacht zu werden, bis KGB-Chef Andropow irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass dies weit weniger bringt als es an Aufwand und Ressourcen verschlingt.


    Bereits in sehr jungen Jahren als Assistenzdirigent ans Bolschoi-Theater gekommen, lernte Roshdestwenski sein Handwerk im wahrsten Sinne von der Pike auf, musste sich anfangs mit einfachsten Tätigkeiten zufriedengeben und stand im Schatten anderer. So aber war es ihm aber auch möglich, diesen über die Schulter zu blicken, sich ganz langsam hochzuarbeiten und die Werke des Opernrepertoires gleichsam im Schlafe auswendig zu können. Als er bspw. den "Boris Godunow" zum ersten Mal als Einspringer ganz kurzfristig übernehmen musste, hatte er als Hilfsdirigent das Werk schon über 50 Mal mit dirigiert. Bezüglich der Problematik der heutigen Dirigentenzunft benennt er Ross und Reiter. Das Geld spiele mittlerweile eine ganz wesentliche und ungute Rolle. Zu Sowjetzeiten habe man da überhaupt keine Mitsprache gehabt und fast sklavenähnlich für Staat und Partei agiert (was er durchaus kritisiert). Heute wollten junge Dirigenten es unter London, Paris, Berlin, Wien und New York eigentlich gar nicht mehr wirklich tun. Die Tätigkeit in der sogenannten Provinz sei verpönt, wodurch dann die robuste Grundlage für alles Weitere von vornherein fehle.

    An denkwürdigen Anekdoten mangelt die Dokumentation nicht. In letzter Zeit habe ich mich selten so amüsiert. Wenn er etwa vom Staatsbesuch des chinesischen Machthabers Mao berichtet, der dann zusammen mit Chrustschow den "Schwanensee" im Bolschoi-Theater besuchte. Roshdestwenski, der die Vorstellung musikalisch leitete, hat mit dem Dirigierstab an einer Stelle so unglücklich herumgefuchtelt, dass er die eigene Brille verlor und fast blind weiter dirigieren musste, ehe ihm ein Leibwächter dieselbe reichte, der sie gleichsam im Flug aufgefangen hatte, als sie auf die beiden Staatsmänner zuflog. Oder Roshdestwenskis Berichte von mitunter merkwürdigen Vorstellungen und Angewohnheiten sowjetischer Komponisten, die ihm ihre Partituren vorlegten.


    Ausführlich geht er besonders auf Schostakowitsch, aber auch auf Prokofjew und Schnittke ein. Man erfährt spannende Details über die persönliche Zusammenarbeit mit ersterem und dessen wirklich absolutes Gehör. Die Umstände um Prokofjews Ableben sind dann wieder überaus tragisch. Roshdestwenski schildert diesen historischen Tag, an dem bekanntlich auch Stalin starb und es zu kollektiven Psychosen in der Bevölkerung kam. Der junge Dirigent stand tatsächlich an diesem 5. März 1953 in der Wohnung Prokofjews, der tot auf dem Sofa lag. Kurz vor seinem eigenen Ableben hatte er noch die Nachricht vom Ende des Diktators vernommen, gleichsam als letzte Genugtuung. Als es um Tichon Chrennikow, den langjährigen Generalsekretär des Komponistenverbands der UdSSR, geht, fällt es Roshdestwenski erkennbar schwer, seinen Unmut zu verbergen. Auch er hatte unter diesem Mann zu leiden. Die späten Versuche Chrennikows, sich selbst als quasi einflussloses kleines Rädchen im System darzustellen, empfindet der Dirigent jedenfalls als geradezu infame Verdrehung der Faktenlage.


    An einer Stelle im zweiten Teil des Films tritt auch Roshdestwenskis Gemahlin, Wiktorija Postnikowa, hinzu. Das gealterte Ehepaar spricht über die gemeinsamen Konzerte und das gewaltige Repertoire der Pianistin, die 80 Klavierkonzerte einstudierte. Auch die Schwierigkeit, mit anderen Dirigenten als "ihrem eigenen" zusammenzuarbeiten, kommt offen zur Sprache.


    Summa summarum jedenfalls überaus sehenswert, kurzweilig und lehrreich. Vollste Empfehlung. Englische Untertitel werden eingeblendet. YouTube ist zudem wohl auch in der Lage, das gesprochene Wort ins Deutsche übersetzen zu lassen.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Toller Hinweis! Sehr spannend! :thumbup: Das werde ich mir demnächst anschauen, wenn ich die Zeit finde. (Im Moment ist "Gartenputz" angesagt. ^^ ) Vielen Dank, Joseph II.! :):hello:


    Schöne Grüße

    Holger

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  • Auch vielen lieben Dank von mir, lieber Joseph II.


    Habe mir gestern mit sehr viel Interesse den ersten Teil angeschaut. Teil 2. wird folgen.


    Ein tolle Melodiya Box mit seinen gesamten Aufnahmen wäre ein großer Wunsch von mir. Doch ist mit sowas in nächster Zeit kaum zu rechnen, schade.

  • Die Resonanz freut mich natürlich.


    Eine kuriose Begebenheit, die auch in der Dokumentation erwähnt wird, wollte ich hier noch kurz erwähnen: Am 15. November 1972 hatte Roshdestwenski sein erstes Gastspiel in Schweden bei den Stockholmer Philharmonikern. Das Orchester war dermaßen angetan vom Talent des sowjetischen Dirigenten, dass man ihn ab 1974 als neuen Chefdirigenten verpflichten wollte. Aufgrund der seinerzeitigen politischen Brisanz ließ die Ablehnung durch die zuständige Kulturministerin Jekaterina Furzewa nicht lange auf sich warten. Bei einem wenig später erfolgten Besuch des Vorsitzenden des sowjetischen Ministerrats Alexej Kossygin in Schweden sprach der schwedische Ministerpräsident Olof Palme den sowjetischen Premier auf diese Causa direkt an. Kossygin, offenbar etwas überrumpelt, meinte daraufhin, es gäbe insofern gar kein Problem und Roshdestwenski könne selbstverständlich Chefdirigent in Stockholm werden. Diese Kunde wurde augenblicklich nach Moskau übermittelt, wo der konsternierten Kulturministerin nichts anderes übrig blieb als sich zu fügen, immerhin war Kossygin auch Mitglied des Politbüros, aus dem sie selbst 1961 geflogen war. Roshdestwenski erinnerte sich noch lebhaft an das Telefonat mit der Ministerin, die von einem Missverständnis sprach. So wurde er der erste sowjetische Dirigent, der im Westen eine Chefdirigentenposition übernehmen konnte. Ein Präzedenzfall, der sich danach nicht mehr revidieren ließ. Nach Stockholm wurde er Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra in London und der Wiener Symphoniker. Auch andere Sowjetdirigenten wir Mariss Jansons profitierten von dieser Liberalisierung. Jekaterina Furzewa starb 1974 ganz unerwartet, vermutlich durch Suizid. Sie kam über ihren sukzessiven Machtverlust (fünf Jahre lang erste Frau im Politbüro) offenbar nicht hinweg. Eine Ehekrise, Alkoholprobleme, Korruptionsvorwürfe und am Ende gar die Abwahl als Abgeordnete des Obersten Sowjets versetzten ihr wohl den letzten Schlag.


    Ein weiteres markantes Ereignis, das allerdings in der Doku nicht behandelt wird, ereignete sich im selben Jahr 1974. Es kam zu einem Skandal im Moskauer Musikleben. Sergej Lapin, seit 1970 der gefürchtete Vorsitzende des Staatlichen Komitees für Fernsehen und Rundfunk der UdSSR und bekennender Antisemit, forderte Roshdestwenski, seit 1960 Chefdirigent des Sinfonieorchester des Allunions-Rundfunks und damit Lapin unterstellt, dazu auf, alle Musiker jüdischer Herkunft aus dem Orchester zu entlassen. Die Liste umfasste nicht weniger als 42 Personen. Als vorgeschobene Gründe wurden Disziplinarverstöße und Fehler während der Aufführung angeführt. Roshdestwenski wies dies strikt zurück. Es tauchte ein anonymer Brief an Lapin auf, in dem es hieß, das Orchester sei ein Hort des Zionismus, Roshdestwenski sei von "Semitismus" besessen und vernachlässige russische Musiker. Angesichts solcher Anwürfe nahm Roshdestwenski seinen Hut; immerhin konnte er zeitnah seinen neuen Posten in Stockholm antreten. Lapin fiel auch anderweitig als reaktionär auf. Männer durften nicht unrasiert und ohne Krawatte im Fernsehen auftreten, Frauen wurde das Tragen von Hosen verboten. Er sollte sich noch bis 1985 im Amt halten, ehe ihn Gorbatschow in den Ruhestand schickte.


    Ein tolle Melodiya Box mit seinen gesamten Aufnahmen wäre ein großer Wunsch von mir. Doch ist mit sowas in nächster Zeit kaum zu rechnen, schade.

    Das wären circa 800 Aufnahmen, wie man in der Dokumentation erfährt. :pfeif:

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

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    Eine meiner Lieblings-CDs von Roshdestwensky - mit dem fantastischen Royal Stockholm PO. Kann ich nur empfehlen! :)


    Gubaidulina erzählt die schöne Anekdote: Auf der Versammlung des Kulturverbandes der KPDSU wurde sie "gerügt", sie sei auf dem "falschen Weg". Nach dem Ende der Sitzung kam Dimitri Schostakowitsch zu ihr, schüttelte ihr die Hand und sagte: "Machen sie nur weiter auf Ihrem "falschen Weg"!" ^^


    Einen schönen Maifeiertag wünschend

    Holger

  • Bruno Monsaingeon (* 1943), der für seine einfühlsamen Porträts großer Musikerpersönlichkeiten wie Glenn Gould und Swjatoslaw Richter bekannt ist, versteht es auch in diesem Film meisterhaft, eine intime und zugleich respektvolle Atmosphäre zu schaffen. Konversationen mit Gennadi Roshdestwenski – Ein musikalisches Leben in der früheren Sowjetunion lebt von der charismatischen Ausstrahlung des Dirigenten, dessen Humor, feine Selbstironie und beeindruckende Fähigkeit, selbst komplexe Zusammenhänge anschaulich und verständlich zu erläutern, den Zuschauer sofort in den Bann ziehen.


    Durch zahlreiche persönliche Anekdoten und tiefgründige Reflexionen entsteht ein ebenso lebendiges wie facettenreiches Bild des Musiklebens in der Sowjetunion, das nicht nur die künstlerischen, sondern auch die politischen Herausforderungen jener Zeit eindrucksvoll beleuchtet.


    Ich freue mich sehr, diesen Film gesehen zu haben, da er mir neue und aufschlussreiche Einblicke in das Leben und Wirken von Gennadi Roshdestwenski sowie in die Bedingungen seiner künstlerischen Arbeit innerhalb der UdSSR vermittelt hat. Besonders schätze ich dabei, dass ich nicht auf die englische Fassung angewiesen bin. Auf Russisch entfaltet die Reportage noch mehr Tiefe, wirkt in vielerlei Hinsicht präziser und mitunter auch humorvoller, was die Unterhaltung ebenso steigert wie das Verständnis für die oft von Zwängen und Widersprüchen geprägte Wirklichkeit sowjetischer Musiker.


    Danke für Dein Beitrag, lieber Joseph II.

  • Sofia Gubaidulina ist übrigens am 13. März dieses Jahres im Alter von 94 Jahren in Appen in Schleswig Holstein verstorben, wo sie seit 1992 lebte.

  • Hallo!


    Eine Referenzeinspielung ist ganz gewiß die mit seiner Ehefrau, Виктория Валентиновна Постникова realisierte GA der Klavierkonzerte S. Prokofievs, eine hervorragende Produktion, die auch auf Schallplatte gut erhältlich ist.


    :hello: Thorsten

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!