Der Dirigent Wilhelm Furtwängler - unvergänglich?

  • Liebe Forianer,


    Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, als Mitte der siebziger Jahre eine bisher noch nie veröffentlichte Neuaufnahme des Rings unter Furtwängler von EMI (?) angekündigt wurde.


    Mein erster Gedanke war: Wer soll das kaufen ? Mono ? Aufnahmedatum frühe 50er Jahre ? Niemand will sowas mehr.



    Ein Irrtum meinerseits. Kurz nach der Verödffentlichung setzte der Run auf die Aufnahme ein. Es sollte auch gesagt werden, daß etliche Jahre lang Furtwängler zwar namentlich bekannt war, seine Platten jedoch nicht, oder kaum erhältlich waren, stammte doch das meiste Vorhandene noch aus der Schellackzeit, und seit den späten 50ern war Stereo das Maß aller Dinge, pardon HIFI-Stereo. Heute ist also Furwängler präsenter als vor etwa 30 Jahren.
    Immer wieder wundert mich (der ich selbst zwar schon aufnahmen gehört habe, aber derzeit keine besitze) wie stabil sich seine Popularität erwiesen hat, so wurde er hier im Forum (1. Zwischenstand) immerhin auf den 4. Platz gehievt, ex equo mit Karajan, Harnoncourt und Fricsay.
    Ein hervorragendes Ergebnis, wenn man die bescheidene technische Tonqualität seiner Aufnahmen betrachtet.


    Und deshalb sind die Anhänger des Maestro aufgerufen, hier seine Vorzüge zu erklären, vorzugsweise an Hand seiner (womöglich derzeit greifbaren) Tonaufnahmen. Furtwängler selbst, sah sich ja eher als Komponisten, der auch dirigierte, denn als Dirigenten der auch komponierte, indes das Publikum war anderer Meinung........


    Das Thema ist eröffnet....



    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Tag,


    gerade des Weges und geradewegs gesagt was mit Wilhelm Furtwängler (gestorben 1954, man erinnert sich seiner im Rückblick) Besonderes ist. Furtwängler dirigierte stets vom Werden her, nicht vom Sein.


    Anhand seiner Eintragungen in der Dirigierpartitur von Robert Schumanns 4. Sinfonie kann man sich erneut davon überzeugen. Er hielt diese Perspektivität auch bereits fest in den "Gesprächen über Musik" (Zürich 1953, Gesprächspartner damals Walter Abendroth). Die 4. Sinfonie von Schumann aufzunehmen stellte Furtwängler sZt unter die Bedingung: "Sie können von mir die Vierte Schumann haben, wenn Sie uns im Ganzen nicht unterbrechen und auch nicht zwischen den Sätzen. ..."(an die Grammophon-Gesellschaft, 1954). Die Aufnahme, historisch, ist einzigartig.


    MfG
    Albus

  • Hallo,
    der Thread ist ganz in meinem Sinne!
    Bisher verwehre ich mir selbst den Zugang zu Furtwängler, weil ich ein absoluter Stereo-Anhänger bin - Mono kommt mir nicht ins Haus!
    Aber:
    Furtwängler wird so einhellig von so vielen Teilnehmern/Kritikern in so vielen Foren/sonstigen Quellen so überschwenglich gelobt, dass ich neugierig genug bin, um eine Ausnahme zu machen. Nur: Was nehm' ich? Für entsprechende Empfehlungen der Kenner wäre ich sehr dankbar, möchte aber folgende Voraussetzungen nennen:
    - trotz Mono möglichst gute Klangqualität
    - keine Opern-Aufnahmen
    - erstmal den "Mainstream" aus dem 18. und 19. Jahrhundert...
    Wer kann mir helfen?
    Gruß
    Achim

    Herzliche Grüße
    Uranus

  • Tag,


    einen Anfang kann man immer machen, hier ist ein Anfang für einen Zugang zu Wilhelm Furtwängler als Dirigent:
    1. Beethoven, 3. und 5. Sinfonie, Berliner oder Wiener Philh.
    2. Beethoven, Große Fuge op. 133 (Orchesterfassung), Berliner Philh.
    3. Brahms, 1. Sinfonie, Haydn Variationen op. 56a, NDR-Sinfonieorch (damals NWDR SO).
    4. Schumann, 4. Sinfonie, Manfred Ouvertüre, Berliner Philh.
    5. Hindemith, Symphonische Metamorphosen Carl Maria von Weber'scher Themen, Berliner Philh.
    Die genannten Aufnahmen stammen aus den Jahren 1951-1954. ehemals waren die unter 1. genannten Werke je eine Schallplatte, 2. und 5. waren auf einer Schallplatte vereint, die Schallplatte zu 4. enthielt außerdem die Coriolan Ouvertüre, 3. ist ein Mitschnitt eines Hamburger Konzertes von 1951, auf CD mittlerweile.


    Mit den Veröffentlichungen ist es ein Kreuz, man macht vertriebsmässig irgendwelche Zusammenstellungen auf CD in MehrfachCD-Boxen, mehr oder weniger folgerichtig. Was Opern angeht, hier noch nicht erlaubt, man sollte den Don Giovanni gehört haben, mit dem Don Giovanni des Jahrhunderts, mit Cesare Siepi (eine geistig-sinnliche Steigerung war nur noch durch Josef Krips erreichbar).


    Als Lektüre empfehle ich Wilhelm Furtwängler, Gespräche über Musik, Verlag der Arche, Zürich, zuerst 1953 - ca. 120 Seiten lassen das geistige Profil des Künstlers ahnen. Was seine Beethoven-Auffassung angeht, hier spricht er seine Sicht aus, befragt und angeregt von Walter Abendroth. Vielleicht inzwischen wieder erschienen? Suchen lohnt.


    MfG
    Albus

  • Hallo Taminos,


    albus ergänzend hier noch ein Tip: Furtwänglers Live-Aufnahmen aus der Berliner Philharmonie von 1942-1944:



    ...galten eigentlich als verschollen, lagen aber lange in den Archiven der ehemaligen UdSSR und wurden 1987 an den SFB gegeben. Einige wurden schon früher veröffentlicht, aber erst 1989 wurden die Aufnahmen dann von der DGG im Westen vermarktet.


    Aus obiger Box habe ich Beethoven 5. und 7. und aus dem 2.Teil Bruckner 5 - unglaublich spannende Aufnahmen. Der Mono-Klang sollte niemanden abschrecken - eigentlich Pflichtlektüre!


    Grüße aus Hamburg
    Uwe

  • Hallo Uwe,


    ich kann die Einschätzung in bezug auf Beethoven nur teilen. Gestern war- als Reminiszenz an den fünfzigsten Todestag die siebte Sinfonie aus dem Jahre 1943 zu hören. Furtwängler- von wegen behäbig. Er jagt die Berliner so durch den vierten Satz als wenn es eine Treibjagd wäre und nicht die Apotheose des Tanzes ( Wagner). Man denkt, die Berliner spielen um ihr Leben, vielleicht war dies gar nicht so weit hergeholt,man brauchte immerhin eine UK-Stellung, um nicht in den Krieg zu ziehen) Auch die Aufnahme der 9ten aus dem Jahre 1942 wird sehr gelobt.


    In den USA gibt es eine Box mit vier CD´s für ca. 40 Dollar, die die Beethoven-Aufnahmen aus der Kriegszeit versammelt. Angeblich sollen die Aufnahmen bearbeitet sein.


    Wenn ich die CDs gehört habe, werde ich mich melden.


    Schöne Grüße aus Bremen


    Sagitt

  • Morgen,


    zunächst noch zu genannten Aufnahmen des Künstlers Wilhelm Furtwängler.
    LPs: DG 2535 805, das ist die mit der einzigartigen Vierten von Robert Schumann, Datum 14.5.1953, Weber Ouvertüre 'Euryanthe' 4.5.1954, Schumann Ouvertüre 'Manfred' 18.12.1949, Mono, Historisch, aber deutlich.
    EMI SME 90088, das ist 5. Sinfonie von Beethoven, Wiener Philharmoniker, Mono, Breitklang remastered, Breitklang mit weitem Panorama, saftige Klangfarben; P 1974; hierzu weiter unten eine Kurzbemerkung.
    HELIODOR 88023, 4. Sinfonie von Beethoven, Große Fuge op. 133 in der Orchesterfassung, Berliner Philharmoniker, Mono, Historisch, aber deutlich; P 1962.
    EMI 555-763-2 (6 LP), darin 3. Sinfonie von Beethoven, Wiener Philharmoniker, Mono, Historisch, aber deutlich.


    Nun folgt eine Korrektur meiner mangelhaften Erinnerung an die herausragenden Gespräche über Musik.
    Also: Wilhelm Furtwängler, Gespräche über Musik, Atlantis-Musikbücherei, Atlantis-Verlag, Zürich/Freiburg i. Br., Dritte Auflage 1950, Copyright der Zweiten Auflage 1949 by Atlantis-Verlag A.G., Zürich., 138 Seiten. Die sechs Gespräche sind wirklich geführt worden, in "Furtwänglers Potsdamer Heim", Gesprächspartner war Walter Abendroth, die Aufnahme der Unterhaltungen lag bei Freda von Rechenberg, einer Mitarbeiterin Dr. Furtwänglers. "Die spätere Überarbeitung hat nur wenig an der Originalgestalt geändert"(Vorwort des Atlantis-Verlages, Seite 5). "Den ursprünglichen sechs Kapiteln hat Dr. Furtwängler nachträglich noch ein abschließendes siebentes hinzugefügt, das sein freimütiges Bekenntnis zur Musik der Gegenwart enthält. Das Nachwort (ebenfalls WF als Autor, Albus) wurde für die zweite Auflage geschrieben."(aaO, Seite 6). Furtwängler respektierte u.a.m. Hindemith.


    Ich bleibe für diesen Moment dabei stehen, um zu sagen, dass die Gespräche auf einen enormen Grad der Aufklärung über Musik und Interpretation hinauslaufen. - Gestern hörte ich die 5. Beethoven nach langer Zeit erneut mit Aufmerksamkeit an, nun, mir schien währenddessen, dass der Dirigent Wilhelm Furtwängler einen ganz entschiedenen Willen zur Klarheit verwirklicht. Die Lektüre der Gespräche hat mich, anhand der unmißverständlichen Aussagen Furtwänglers, darin bestätigt: Die Größe des Dirigenten Wilhelm Furtwängler gründet sich in dessen Willen zur Klarheit.


    Damit hatte ich für mich etwas auf den Begriff gebracht, was bislang noch nicht in der Weise zur Prägnanz gekommen war.


    MfG
    Albus


    Zusatz: Die eine und die andere CD-Box mit alten Aufnahmen, Tondokumenten, werde ich mir noch besorgen. !Danke Uwe.
    A.

  • Hallo sagitt,


    die Furtwängler-Aufnahmen aus dem Krieg sind, nicht zuletzt bedingt durch die Zeitumstände und wohl auch Furtwänglers damaligen Seelenzustand, äußerst gespannt und zugespitzt.


    Dafür finden sich unter den Mitschnitten viele Beispiele. Beethovens Violinkonzert von 1944 mit dem Konzertmeister der Berliner Ph., Erich Röhn, klingt mehr nach Götterdämmerung. Den Übergang in den Finalsatz von Beethovens Fünfter (1943) vom düsteren Brüten der tiefen Streicher zum triumphalen, von den Hammerschlägen der Pauke begleiteten, Strahlen der Bläser muß man gehört haben, um ihn zu glauben. Oder auch die Freischütz-Ouvertüre von ähnlicher Vehemenz mit einer Generalpause von acht (!) Sekunden.


    Besonders aufgewühlt klingt der Mitschnitt des letzen Satzes (die anderen existieren nicht) von Brahms 1. Sinfonie vom 23.01.1945. Es war Furtwänglers letztes Konzert mit den Berlinern für mehr als zwei Jahre. Furtwängler war bereits zur Flucht in die Schweiz entschlossen, konnte seinen Musikern das aber natürlich nicht sagen, um sie nicht auch noch zu gefährden. Er wußte damals nicht, ob er sie jemals wiedersehen würde und entsprechend emotional überbordend ist dieser Konzertausschnitt.


    Ein solcher Gefühlsüberschwang ist manchmal aber auch zuviel des Guten. Im Mitschnitt von Beethovens Neunter vom März 1942 wird das Stück interpretatorisch so sehr strapaziert, daß es in Fetzen gerissen wird und fast nicht mehr wiederzuerkennen ist vor lauter gewalttätigen und verzweifelten Ausbrüchen und Tempomodifikationen von unerhörter Bandbreite (der Schluß des Finalsatzes klingt wie das Wüten eines Wahnsinnigen). Sicher eine Aufnahme, die man haben sollte, aber eher als Besonderheit denn als "Referenz".


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

    2 Mal editiert, zuletzt von GiselherHH ()

  • Hallo auch,


    als Ergänzung von GieselherHH sei noch einmal diese 4er-CD der Brahms-Sinfonien ans geneigte Ohr gelegt:
    enthalten sind u.a. neben dem von Gieselher erwähnten 4.Satz der 1. vom 23.1.45, die 1. von 1951 mit dem damaligen SO des NWDR, die 2. mit den Wienern vom 28.1.45, die 3. vom 27.4.54 und die 4. vom Dezember 1943.



    Gerade bei Brahms und Beethoven zeigt sich meiner Meinung nach Furtwänglers Gestaltungskraft am ein- und ausdrücklichsten.
    Und keine Angst vor dem Klang - er ist zwar mono, aber hörbar - und bei der Musik vergisst man den Klang sowieso nach wenigen Minuten...


    Gruß
    Uwe

  • Hallo,
    ich möchte mich auch meinen Vorredener anschließen. Der Klang bei den Furtwängler Aufnahmen, gemessen an der Interpretationsstärke spielt für mich eine sehr untergeordnete Rolle. Ich möchte die Liste der empfehlenswerten Aufnahmen noch ergänzen:
    1. Wagner, Tristan und Isolde, London 1951 mit Kirsten Flagstad in der Titelrolle. Eine Aufnahme von glühender Intensität, die von keinen anderen Dirigenten, nicht mal Carlos Kleber, erreicht worden ist.
    2. Wagner, Der Ring des Nibeliungen, Scala die Milano 1950 mit einer fast perfekter Besetzung, sehr hörenswert, trotz mancher Kürzungen.
    3. Franz Schubert, Große C-dur Symphonie, Berliner Philharmoniker, 1953, klanglich sehr gut remastert.
    4. Anton Bruckner, Symphonie Nr. 7, Berlin 1949


    In einer Sendung des Wstdeutschen Rundfunks am 30.11. habe ich den 4. Satz der Symphonie Nr. 1 von Brahms. Die Interpretation ist so intensiv und beeindruckend, dass ich die Aufnahme sofort bei jpc bestellt habe.


    Gruß Itzi

  • Hallo Itzi,


    ich habe gerade die Aufnahmen der 1. Brahms-Sinfonie von Furtwängler durchgesehen, es gab mehrere, zwischen denen ich mich nicht recht
    entscheiden konnte.


    Welche Aufnahme ist es, die Du gehört hast? Würde mich sehr interessieren. Hast Du die BestellNr.? Danke für die Mühe.


    Gruß


    Matthias

    Tobe Welt, und springe,
    Ich steh hier und singe.

  • Hallo Matthias,
    es handelt sich um eine Archipel Aufnahme mit der jpc Best. Nr. 8919564. Beachte jedoch bitte dass von dieser Aufnahme nur der 4. Satz übrig geblieben ist. Das Konzert fand am 23.01.1945 im Admiralspalast um 15 Uhr statt. Es gab danach mehrmals Stromausfälle und Bombenalarm, so dass Furtwängler, die Orchestermitglieder und das Publikum längere Zeit im Luftschutzkeller verbringen mussten. Das ist auch das letzte Kriegskonzert Furtwänglers in Berlin.


    Gruß


    Itzi

  • Hallo Gieselherr,


    inzwischen habe ich die Aufnahmen gehört. Sie sind technisch sehr ansprechend überarbeitet ( music and arts 1999).
    Mir klingt die neunte schon anders. Gardiner wurde einmal gefragt zu Tempi bei Beethoven und er antwortete, sie müssen so sein, dass die Musiker an den Rand des Könnens geraten.
    Das Existientielle in der Beethoven´schen Musik kommt in den Furtwängler-Aufnahmen, auch der neunten, doch sehr zum Ausdruck. Die Welt steht am Rand- was ja damals Realität war.


    Als ich die Neunte hörte, beschlich mich zugleich ein erhebliches Unbehangen. Meinte Adorno nicht einmal, es gebe kein richtiges Leben im Falschen ? Da singen sie mit größter Eindringlichkeit" Alle Menschen werden Brüder" und draußen gehen die Transporte nach Auschwitz...

  • Hallo,


    diesen Thread würde ich gerne wieder beleben, weil ich durch Observator im Schubert-Thread auf die Furtwängler-Aufnahme der Schubert-Sinfonie Nr. 9 aufmerksam gemacht wurde – wofür ich sehr dankbar bin, denn ich halte sie für großartig. Im anderen Thread erwähnte ich auch bereits, dass ich das von Albus empfohlene Buch „Gespräche über Musik“ mit großem Interesse und Begeisterung gelesen habe.


    Außer seiner „Walküre“ kannte ich bislang nichts von diesem Dirigenten, was sich nun aber schleunigst ändern soll.


    Valery Gergiev sagte in einem Interview: „My real hero is Furtwängler.“ Und weiter, dass er ihn für den wahrscheinlich größten Dirigenten überhaupt hält. Diese Aussagen und die begeisterten Beiträge hier im Forum sind Grund genug, mich intensiver mit diesem Dirigenten zu beschäftigen.


    Vielleicht springt die Begeisterung ja auch noch auf andere über, die seine Aufnahmen bislang nicht kannten. Und falls nicht: Auch gut… ;)


    Gruß, Cosima

  • Zitat

    Original von Cosima
    Hallo,


    diesen Thread würde ich gerne wieder beleben, weil ich durch Observator im Schubert-Thread auf die Furtwängler-Aufnahme der Schubert-Sinfonie Nr. 9 aufmerksam gemacht wurde – wofür ich sehr dankbar bin, denn ich halte sie für großartig. Im anderen Thread erwähnte ich auch bereits, dass


    Versuche die live 9. vom 8.12. 1942 (vermutlich z. Zt. nur in einer mittelgroßen Box der DG zu haben, allerdigns recht preiswert (4CDs/27 EUR bei amazon)



    (früher DG Dokumente 427-781-2) zu finden. Die ist ein ganz anderes Kaliber als die vergleichsweise zahme Studioaufnahme...


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Einen anderen Blick auf Furtwängler bietet der Spielfilm "Taking Sides", der interessanter Weise ohne Klischees auskommt, im Zentrum steht die Frage: Wie konnte man als Künstler vom Rang Furtwänglers in Deutschland bleiben? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Politik in einem totalitären Regime? Eine einfache Antwort auf diese Frage bietet der Film keineswegs, vielmehr macht er den Zwiespalt in dem sich Furtwängler befand deutlich:



    :jubel: :jubel:


    Herzliche Grüße,


    Christian



    P.s.: Ich weiß, gehört hier eigentlich nicht her, aber warum auch nicht?

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)


  • weiß zufällig jemand, ob die Sachen für diese Box gegenüber den früheren "Dokumente"-Ausgaben remastered wurden und wenn ja, ob es was gebracht hat? Oder hat sogar selbst verglichen? Ich habe alles der gezigten Box außer dem Violinkonzert und der Coriolan-Ouv., brauche daher wirklich gute Gründe sie anzuschaffen...


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo JR,


    also wie ich den Beipacktext verstanden habe, handelt es sich hier um Mitschnitte des Reichsfunks, die von den Russen nach der Eroberung von Berlin annektiert wurden. Die Bänder lagen über Jahrzehnte in russischen Archiven und wurden erst Ende der 80er zurückgegeben. Ich kann mich an keinen Hinweis erinnern, dass diese Aufnahmen schon einmal veröffentlicht worden sind.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Zitat

    Original von Theophilus
    also wie ich den Beipacktext verstanden habe, handelt es sich hier um Mitschnitte des Reichsfunks, die von den Russen nach der Eroberung von Berlin annektiert wurden. Die Bänder lagen über Jahrzehnte in russischen Archiven und wurden erst Ende der 80er zurückgegeben. Ich kann mich an keinen Hinweis erinnern, dass diese Aufnahmen schon einmal veröffentlicht worden sind.


    Doch, ich habe drei (von 10) CDs (Schubert 9 + Freischütz Ouv.; Beethoven 5 + 7, Beethoven 4 + Händel Concerto op. 6,10) davon auf DG Dokumente (427-774-2 bis 427-83-2), ebenfalls mit einem Hinweis, dass es sich um die Bänder aus Moskau handelt; die CDs sind anscheinend 1989 veröffentlicht worden. Ich vemrute ja stark, dass es sich nur um eine Wiederverpackung handlet; aber prinzipiell könnte auch nochmla digital überarbeitet worden sein.
    Wenn ich recht erinnere hat sich bei einer oder zwei Aufnahmen dann herausgestellt, dass gar nicht Furtwängler dirigiert (Haydn #104); die fehlen in der Wiederveröffentlichung in zwei Boxen.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Versuche die live 9. vom 8.12. 1942 (vermutlich z. Zt. nur in einer mittelgroßen Box der DG zu haben, allerdigns recht preiswert (4CDs/27 EUR bei amazon)
    (früher DG Dokumente 427-781-2) zu finden.
    ...weiß zufällig jemand, ob die Sachen für diese Box gegenüber den früheren "Dokumente"-Ausgaben remastered wurden und wenn ja, ob es was gebracht hat? Oder hat sogar selbst verglichen?


    Zitat

    Original von Theophilus
    also wie ich den Beipacktext verstanden habe, handelt es sich hier um Mitschnitte des Reichsfunks, die von den Russen nach der Eroberung von Berlin annektiert wurden. Die Bänder lagen über Jahrzehnte in russischen Archiven und wurden erst Ende der 80er zurückgegeben. Ich kann mich an keinen Hinweis erinnern, dass diese Aufnahmen schon einmal veröffentlicht worden sind.


    ich kann leider keine auskunft über remastering oder editionsunterschiede geben, aber folgende information ergänzen:


    das aufnahmedatum ist inzwischen mit 6.XII.42 identifiziert worden (von möglichen 31.V.,1.VI.,6.XII.,7.XII.,8.XII.)


    erschienen ist die aufnahme zwischen 1962 und 2000 unter folgenden daten:
    (lp: )
    melodiya d01003334
    melodiya m1010033007
    turnabout tv4364
    toshiba wf70008
    toshiba wf60050
    (cd: )
    unicorn 105cd
    bayer br200003
    deutsche grammophon 4277732
    dg 4277812
    toshiba ce285753
    price-less d13272
    palette pal1027
    dg f20g29094
    enterprise palladio pd 4176
    toshiba toce 8522
    music & arts cd826
    theorema th121225
    lys lys114
    magic talent cd48009
    iron needle in1412
    dg pocg30072


    :hello:aus schuberttown

  • Hallo allerseits,


    in einem Buch bin ich auf die Geschichte mit dem 5. Brandenburgischen Konzert gestoßen, in dem Furtwängler den Cembalopart - am Klavier - übernimmt. Die CD ist noch erhältlich, scheint aber übel zu sein, was die Klangqualität anbelangt.


    Ich zitiere mal:


    Das Ergebnis kommt zu uns durch einen dichten akustischen Nebel, ist aber eine der bemerkenswertesten Interpretationen in der Aufführungsgeschichte dieses Werkes. Es sind nicht nur die langsamen Tempi, oder die ernste Heiterkeit, die er hier einbringt: Es hat damit zu tun, dass er das Orchester geradezu zum Stillstand bringt, bevor er sich an sein visionäres Klaviersolo begibt. (amazon.de)



    Sie würde mich schon interessieren. Kennt jemand die CD und mag etwas dazu sagen?


    Gruß, Cosima

  • 'Ich hab grad ein bisserl im Internet gestöbert. Si ist bei jpc erhältlich - und ausserdem - gibt es dort Hörproben.


    Ganz schön mutig bei dieser Tonqualität.
    Aber - im Gegensartz zu zu Tode digitalisierten HEUTIGEN Aufnahmen - gewöhnt man sich relativ schnell an den entfernten halligen Klang - und ist live mit dabei.


    LG


    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ganz schön mutig bei dieser Tonqualität.


    Hallo Alfred,


    ja, ich habe auch bemerkt, dass die Tonqualität wirklich miserabel ist, aber mich reizen solche besonderen kleinen Juwele einfach (wenn es denn ein Juwel ist – deshalb ja meine Anfrage hier). Zum Beispiel besitze ich eine alte Huberman-Aufnahme, die ähnlich gruselig klingt, aber von diesem Geiger so anrührend gespielt ist, dass einem die Tränen kommen können vor Freude. Da können die meisten hochglanzpolierten Scheibchen der heutigen Zeit nicht mithalten.


    LG, Cosima

  • Zitat

    Original von Caesar73
    Einen anderen Blick auf Furtwängler bietet der Spielfilm "Taking Sides", der interessanter Weise ohne Klischees auskommt, im Zentrum steht die Frage: Wie konnte man als Künstler vom Rang Furtwänglers in Deutschland bleiben? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Politik in einem totalitären Regime? Eine einfache Antwort auf diese Frage bietet der Film keineswegs, vielmehr macht er den Zwiespalt in dem sich Furtwängler befand deutlich:


    Hallo allerseits,


    den Furtwängler-Film habe ich inzwischen auch gesehen. Ja, er ist schon richtig gut (Harvey Keitel als US-Offizier hat mir auch sehr gut gefallen). Allerdings hatte ich etwas Schwierigkeiten, den Intellektuellen, den klugen und weitsichtigen Beobachter, wie ich ihn aus den „Gesprächen“ und seinen Tagebuchnotizen kennenlernte, mit der dargestellten Filmfigur zusammen zu bringen. Der Film-Furtwängler wirkte auf mich wie ein verschrecktes Häschen, dem es plötzlich die Sprache verschlagen hat. Diese Diskrepanz erschien mir etwas unglaubwürdig, aber ansonsten ausgesprochen sehenswert der Film.


    Glaubwürdig ist für mich wiederum, dass ein Mensch wie Furtwängler, der so sehr für die Musik lebte, tatsächlich der Ansicht war, mit seinem Ausharren und seiner Arbeit den Menschen in seinem Land einen Dienst erweisen zu können (Christian sprach auf diesen inneren Zwiespalt ja bereits an). Und irgendwo hatte er ja auch Recht. Man darf die damaligen Umstände nicht aus heutiger Perspektive betrachten und ihn dafür verurteilen, dass er geblieben ist. Die Flucht wäre einfacher gewesen, ein Dableiben war leider mit Kompromissen verbunden. Aber ich stecke zu wenig in der Materie, um hier wirklich fundiert argumentieren zu können. Und schlussendlich wurde er ja von allen Vorwürfen entlastet.


    Gruß, Cosima

  • Zitat

    Original von Cosima


    Glaubwürdig ist für mich wiederum, dass ein Mensch wie Furtwängler, der so sehr für die Musik lebte, tatsächlich der Ansicht war, mit seinem Ausharren und seiner Arbeit den Menschen in seinem Land einen Dienst erweisen zu können (Christian sprach auf diesen inneren Zwiespalt ja bereits an). Und irgendwo hatte er ja auch Recht. Man darf die damaligen Umstände nicht aus heutiger Perspektive betrachten und ihn dafür verurteilen, dass er geblieben ist. Die Flucht wäre einfacher gewesen, ein Dableiben war leider mit Kompromissen verbunden. Aber ich stecke zu wenig in der Materie, um hier wirklich fundiert argumentieren zu können. Und schlussendlich wurde er ja von allen Vorwürfen entlastet.


    Liebe Brüder und Schwestern in Tamino ich muss Euch etwas beichten:


    Nun wohne ich schon eine ganze Weile im schönen Heidelberg, und dass Furtwängler auf dem hiesigen Bergfriedhof liegt weiß ich auch- aber ich habe es erst vor einigen Tagen geschafft ihm dort meine Referenz zu erweisen. Übrigens ein ganz schlichtes Grab. Unten ein Bild (Sorry, kleiner ging es nicht) Wen es interessiert: Es gibt einen (virtuellen) Rundgang dorthin. Guckt ihr hier:





    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Zitat

    Original von Caesar73
    Nun wohne ich schon eine ganze Weile im schönen Heidelberg, und dass Furtwängler auf dem hiesigen Bergfriedhof liegt weiß ich auch- aber ich habe es erst vor einigen Tagen geschafft ihm dort meine Referenz zu erweisen.


    Schöner Friedhof, sofern man das von solch einem Ort sagen kann. Hast Du dem Maestro noch etwas erzählt? Von diesem Forum vielleicht und der Anerkennung, die seinen Interpretationen heute immer noch zuteil kommt? ;)


    „Requiescat in pace, Maestro.“


    Jawoll!


    LG, Cosima


  • Liebe Cosima,


    habe ich nicht- werde ich aber bei nächster Gelegenheit nachholen.:D Und wer mal nach Heidelberg kommt und nicht nur das Schloss und die Alte Brücke besuchen will, dem kann ich einen Spaziergang auf dem Bergfriedhof nur empfehlen. Gerade im Herbst. Heidelberger Romantik eben.


    Herzliche Grüße,


    Christian


    P.S Bei Voranmeldung gebe ich gerne Führungen ...:D

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • @ Cosima


    Ich hatte irgendwo an anderem Ort schon erwähnt, daß ich die Aufnahme des Fünften Brandenburgischen Konzerts aus Salzburg mit Furtwängler am Klavier für sehr sehr empfehlenswert halte.
    Gibt es bei EMI und auch in der 8 CD-Box "Furtwänglers Salzburger Orchesterkonzerte, 1949 - 1954" bei Orfeo.


    Die Solokadenz, die Furtwängler im ersten Satz am Klavier spielt ist natürlich das Gegenteil von unserer heutigen historischen Aufführungspraxis, aber dem wohnt eine unglaubliche Musikalität inne!


    Das verbal zu beschrieben fühle ich mich momentan nicht in der Lage.


    Kaufen!



    Die Box beinhaltet:


    Pfitzner: Sinfonie
    Strawinsky: Sinfonie in drei Sätzen
    Brahms: Sinfonie Nr. 4
    Bach: Brandenburgische Konzerte 3 + 5
    Beethoven: Sinfonien 3 + 7 + 9 + 8, Große Fuge
    Mendelssohn: Die Hebriden
    Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen (DFD)
    Bruckner: Sinfonie 5
    Strauss: Don Juan
    Hindemith: Harmonie der Welt
    Schubert: Große C-Dur-Sinfonie


    Wiener Philharmoniker, 1949 - 1954