Franck: Violinsonate A-dur – welch ein Hochzeitsgeschenk!

  • Hallo!


    Nach dem Drängen eines Forianers fange ich nun diesen thread an. Aufgrund der relativ hohen Popularität hat Francks Violinsonate sicher einen eigenen verdient.
    Da sie im thread zu den Lieblings-Violinsonaten mehrfach angesprochen wurde (bemerkenswerterweise von Forianern recht unterschiedlicher Hörvorlieben), besteht die Hoffnung, dass der thread nicht gänzlich liegen bleibt.


    Nun zum Werk:


    Franck komponierte seine Violinsonate A-dur (neben zwei kleineren Werken, die über vierzig Jahre früher entstanden, sein einziges Werk in dieser Besetzung) 1886. Im September dieses Jahres machte er sie zum Hochzeitsgeschenk für seinen Freund und (ebenfalls komponierenden) Geigenvirtuosen Eugene Ysaye. Zur Uraufführung kam es dann am 31.12.1887 in Paris.


    Der erste Satz Allegretto ben moderato ist für ein Allegro recht langsam und lyrisch (vielleicht liegt das auch an meiner Aufnahme, ich kenne nur eine), hat auch noch die Vorschriften amoroso und vibrato.
    Im Kontrast dazu beginnt der zweite Satz Allegro stürmisch und leidenschaftlich. Dieser Gestus bestimmt die größten Teile des Satzes.
    Darauf folgt ein langsamer Satz, Recitativo-Fantasia, und als vierter Satz dann ein Rondo Allegro poco mosso. Dieser Schlusssatz gefällt mir am besten, ist er doch recht klassisch-melodisch. Hier werden auch Themen der vergangenen Sätze zitiert. Überhaupt ist die Themenkonstruktion der ganzen Sonate recht komplex und mit vielen satzübergreifenden Bezügen (das habe ich im Reclam gelesen, nicht selber gemerkt). Dennoch wirkt sie sehr romantisch-freizügig.
    Sie gehört nicht zu meinen Lieblings-Violinsonaten, dafür höre ich zu wenig Struktur und Punkte, an denen ich mich „festhalten“ kann. Aber ich kenne die Sonate auch noch nicht lange.


    Es wäre schön, wenn auch noch jemand, der die Sonate besser kennt, etwas dazu schreibt und/oder interessante Aufnahmen vorstellt.
    Ich kenne, wie gesagt, nur diese eine (die ich qualitativ schwer einschätzen kann):



    Pélude, choral et fugue
    Prélude, aria et final
    Sonate pour violon et piano en la majeur
    Inger Södergren, piano
    Annie Jodry, violon
    Caliope 1993



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo Pius,


    ich mag die Sonate ganz gerne, habe sie allerdings noch nicht auf CD, sondern kenne sie nur aus dem Radio. Deswegen bin ich auch auf Empfehlungen gespannt.


    Was mir aber aufgefallen ist, dass diese Sonate ziemlich oft in einer Fassung für Violoncello und Klavier zu hören ist. Diese erscheint mir sogar populärer als die Originalfassung.
    Ich glaube, sie wurde auch noch für andere Besetzungen umgeschrieben.



    Gruß, Peter.

  • Hallo, Peter!


    Zitat

    Original von petemonova
    Was mir aber aufgefallen ist, dass diese Sonate ziemlich oft in einer Fassung für Violoncello und Klavier zu hören ist. Diese erscheint mir sogar populärer als die Originalfassung.


    Reclams Kammermusikführer meint dazu:


    Zitat

    Von dieser Sonate existiert auch eine Fassung für Violoncello und Klavier, in der die Violinstimme teilweise in tiefere Lagen transponiert worden ist. Sie stammt nicht von Cesar Franck, der sie jedoch gekannt habe muß, da sie vor seinem Tod erschienen ist.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat


    Es wäre schön, wenn auch noch jemand, der die Sonate besser kennt, etwas dazu schreibt und/oder interessante Aufnahmen vorstellt.
    Ich kenne, wie gesagt, nur diese eine (die ich qualitativ schwer einschätzen kann):


    Ich habe die Sonate im letzten Dezember per Zufall live in Palermo gehört. Bis dahin kannte ich nichts von Franck, aber speziell der letzte Satz hat mir sehr gut gefallen, er kam mir vor wie ein "alter Bekannter". Kann es sein, dass er an Schubert erinnert? Natürlich habe ich mir das Teil schleunigst zugelegt (Aufnahme mit Shlomo Mintz, Yefim Bronfman).



    Thomas Deck

  • Hallo Pius,


    leider kann auch ich nicht mit Hörvergleichen dienen. Meine Aufnahme von dieser Sonate ist mit Johanna Martzy und ihrem Klavierpartner Jean Antonetti und stammt aus dem Jahre 1959 (mono). Sie entstand anlässlich einer VARA (offensichtlich ein niederländischer Rundfunksender)-Matinee. Der britishe Musikenthusiast Glenn Armstrong hat diesen Aufnahme posthum auf seinem Label Coup d'archet veröffentlicht. Ich gestehe, daß ich beim ersten Hören ziemlich hin und weg war (die Platte habe ich noch nicht sehr lange), daß ich auf die Idee einer Vergleichseinspielung noch nicht gekommen bin.


    Gute Nacht wünscht
    der Thomas

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Mit Hörvergleich kann ich wohl dienen, allerdings lediglich zwischen de beiden Versionen mit Violine und mit Violoncello. Meine Aufnahme des originalen Violinkonerts machten Pinchas Zukerman und Marc Neikrug, die Version als Cellosonate spielten Steven Isserlis und Pascal Devoyon ein.


    Zur originalen Violinsonate:


    Zitat

    Der erste Satz Allegretto ben moderato ist für ein Allegro recht langsam und lyrisch


    Ich empfinde den Eröffnungssatz auch als etwas schwelgerisch. Sensible, einfache und sinnliche Melodien in kraftvoller Handschrift; dies ist für mich äußerlich ziemlich emotional.
    Im zweiten Satz wechseln verschiedenartige Themen / Abschnitte ab (allegro - lento - allegro - lento). Diesen Satz finde ich hinsichtlich des Ausdrucks etwas langweilig, ganz im Gegensatz zum dritten Satz,dem Recitativo. Dieser ist sehr schön, emotional, lyrisch, träumerisch und bei alledem mit starker Hand geleitet. Es ist für mich der schönste Satz dieser Sonate. Der Schlussatz flacht etwas ab - die Wirkung der Dur-Moll-Wechsel finde ich etwas unter dem allgemeinen Niveau des Gesamtstückes angesiedelt. Dennoch fügt sich auch dieser Satz vom Grundgefühl her an die drei vorangegangenen Sätze.


    Und genau dies ist in diesem Werk auffällig: Es ist ziemlich homogen und spricht von vorne bis hinten eine Sprache. Besonders auffällig und für mich sehr wohltuend ist für mich, dass Franck keine gewaltsame Kompliziertheit nötig hat. Alles scheint linear und einfach; die Stimmführung ist weder besonders kompliziert noch synkopisiert; es gibt kaum rhytmische Verschiebungen, extreme Tonhöhenwechsel. So kann die Violine z.B. kaum mit Akrobatik glänzen, wohl aber mit Ausdruck und Kraft. Dies wirkt auf mich wohltuend frisch und selbstbewusst.


    Ich glaube, dass dieses Werk hier im Forum noch einige Freunde gewinnen kann.


    Dies gilt allerdings etwas weniger für die Version mit Violoncello; ich meine, dass dies irgendwie nicht passt: Das wohltuend schwelgerische kommt hier weniger durch, ist aber in diesem Werk nun einmal wesentlicher Bestandteil.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Den Kanon im Finale kennt ihr gewiß, weil der mal irgendwo verwurstet wurde oder überhaupt sehr bekannt ist.
    Das im ersten Satz exponierte Material bestimmt den gesamten Rest der Sonate, recht deutlich etwa zu erkennen, wie die Geigenstimme des 2. Satzes immer wieder leidensschaftliche Version der Melodien des ersten Satzes anstimmt. Langweilig ist dieser Satz jedenfalls bei Richter/Oistrakh nicht.
    Auch die erste Violin-Phrase des Recitativ ist wieder eine Variante des Hauptmotivs. Das Kontrastmotiv zum Kanonthema im Finale taucht ebenfalls ca. in der Mitte des Recitativo schon auf.
    Der Eindruck des aus-einem-Guß-Seins ist also in der motivisch engen Verknüpfung der Sätze begründet


    Ich habe auch nur eine Aufnahme, die mir aber auch ohne direkten Vergleich als Sternstunde erscheint, so dass ich mich nie ernsthaft nach einer Alternative umgesehen habe: Richter/Oistrakh live ca. 1968 (in einer "VoxBox" gekoppelt mit der Schostakowitsch-Sonate sowie auf der anderen CD den Violinkonzerten von Sibelius und Khatchaturian), das müßte aber die auch hier enthaltene Interpretation sein:



    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Schon seltsam: Normalerweise besitzen hier im Forum doch alle mindestens drei, wenn nicht sechs Aufnahmen der besprochenen Stücke. Hier ist das nicht der Fall, hier besitzt jeder nur eine. Noch seltsamer: Jeder ist mit dieser einen, seiner Aufnahme zufrieden. Gut so, finde ich.


    Meine einzige Aufnahme der Franckschen Violinsonate in der Originalfassung stammt aus dem Jahre 1937, wird gespielt von Heifetz und Rubinstein und findet sich auf der CD „Rubinstein-Collection, Vol. 7“:



    Der Klang ist für das Alter der Aufnahme erstaunlich gut. Und die Interpretation – wie gesagt, ich habe keine Vergleichsaufnahme – ist fantastisch. Es ist wie oft bei Heifetz: Ich sitze vor meinen Lautsprechern und staune. Rubinstein ist ihm ein ebenbürtiger Partner.


    Wie Uwe besitze ich zudem eine Aufnahme der Cellofassung. Meine Aufnahme mit Shafran und Ginzburg aus dem Jahre 1982 entstammt dieser sehr empfehlenswerten Box.



    Auch ich halte die Originalfassung für besser als die Cellofassung, allerdings nicht aus den von Uwe genannten Gründen - davon, dass die Cellofassung weniger schwelgerisch ist, höre ich nichts, im Gegenteil ist Shafran schwelgerisch, wie es schwelgerischer gar nicht mehr geht –, sondern aus Gründen der Klangbalance. Das Cello ist vom Klang her sehr viel voller, sonorer als die Violine. Der Klavierpart ist von Franck ausgerichtet an dem filigraneren Klang der Violine. Dadurch, dass nun plötzlich ein Cello den Violinpart übernimmt, wird die Klangbalance gestört, das Klavier zu sehr in den Hintergrund gedrückt, teilweise sogar regelrecht erdrückt.


    Wer allerdings wie ich das Cello liebt, wird sich daran nicht weiter stören. So gebe ich unumwunden zu: Ich bin trotz des vorgenannten Arguments ein großer Freund der Cellofassung. Es ist noch nicht sehr lange her, dass ich die Shafran-Box gekauft habe, die Aufnahme der Violinsonate habe ich aber bereits wer weiß wie oft gehört.


    Thomas

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    Schon seltsam: Normalerweise besitzen hier im Forum doch alle mindestens drei, wenn nicht sechs Aufnahmen der besprochenen Stücke. Hier ist das nicht der Fall, hier besitzt jeder nur eine. Noch seltsamer: Jeder ist mit dieser einen, seiner Aufnahme zufrieden. Gut so, finde ich.


    Ich kenne vier Einspielungen dieser Sonate (Shlomo Mintz, Midori, Heifetz, Oistrach), aber die bereits erwähnte Live-Aufnahme mit Oistrach/Richter ist eine kammermusikalische Sternstunde und meine absolute Lieblingsaufnahme. Schon der Beginn ist einzigartig: wie Richter die Aufschwünge klar strukturiert und immer mächtiger anschwellen lässt - da können viele 'Begleiter' einfach nicht mithalten. Oistrach seinerseits besticht mit einem herrlichen, natürlichen Ton, den Schattierungen geht er nach, ohne je den großen Bogen aus den Augen zu verlieren.


    Viele Grüße,
    Christian

  • obwohl ich Geiger bin, und die Franck - Sonate schon sehr oft gespielt habe, sei der Hinweis getätigt, dass sie auch in einer Flöten - Version existiert. Hab sie mal von Peter Lukas Graf gehört, war tol !


    zu Aufnahmen: ich hab auch nur eine: vom 12 jährigen Augustin Hadelich. Genial !

  • Und schon bin ich ins feindliche Lager übergewechselt, will sagen, habe auch ich zwei Aufnahmen. Nach all dem Lob für die Oistrach/Richter-CD habe ich sie mir kurzentschlossen bestellt . Gestern bekommen habe ich sie heute das erste Mal gehört und kann sagen: Ich bin ebenfalls begeistert. Eine wirklich großartige Einspielung!


    Zunächst, zu Beginn des ersten Satzes empfand ich den Geigenton von Oistrach als etwas grob, um nicht zu sagen unpassend derb. Spätestens aber als Richter einsetzte, war ich gefangen. Richter ist für mich der Star dieser Einspielung. Hier, in dieser Aufnahme, hat der Pianist wirklich etwas zu sagen. Mit Oistrach war ich dann wenig später auch mehr als versöhnt, wie gesagt: Großartig!


    Thomas

  • Ich habe diese Sonate durch diese wunderschöne Aufnahme mit Georg Mönch kennengelernt:



    Sein süßer, feiner Ton ist für meine Ohren bezaubernd, sein Vibratogebrauch sehr durchdacht und seine Expressivität nicht so exaltiert wie bei vielne Kollegen. Auch die Fauré-Sonate spielt er bezaubernd. Preiswert ist die CD auch noch ...

  • Vor ein paar Tagen hörte ich auf WDR3 einen Satz aus einer Violinsonate eines mir unbekannten französischen Komponisten. Der Mann hieß Franke oder Franc mit Nachnamen und seine Musik hatte einen gewissen Bezug zur französischen Literatur oder es war speziell diese Sonate mit Bezug auf ein bedeutendes literarisches Werk Frankreichs.


    Mehr Informationen hat der Radiomoderator nicht gegeben bzw. kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Hoffe mir kann hier jemand helfen.


    Gruß

  • Caesar Franck vielleicht? Der hat jedenfalls eine tolle und berühmte Violinsonate geschrieben ;)

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Vielen Dank, hab´s auf Youtube gefunden. Habe WDR3 bei meinem Radiowecker eingestellt und das war wirklich toll zum Aufstehen. :)


    Kann auch jemand eine Aufnahme empfehlen?

  • Falls es diese Sonate sein sollte, ist hier der literarische Bezug: Marcel Proust "Al la recherche du temps perdu". Ein unglaublches Werk über Kunst und Leben, Reflektion und Erinnerung, Gesellschaft Und Individuum, Eifersucht und Obsession, Madeleines und Tee, allerdings nciht gerade einfach oder gar schnell zu lesen.


    Fairy Queen

  • Martha Argerich hat Cesar Francks Sonate für Violine und Klavier A-dur mehrfach eingespielt mit Gidon Kremer, Ruggiero Ricci und Itzhak Perlman und jeweils mit unterschiedlichen anderen Stücken anderer Komponisten gekoppelt. Gut sind wahrscheinlich alle.


    Ich habe die Aufnahme mit Itzhak Perlman und bin sehr zufrieden. Auf dieser CD spielen sie außerdem Beethoven Kreutzersonate.



    Es gibt einen Bezug zu Marcel Prousts Al la recherche du temps perdu, der genaue Zusammenhang ist mir aber nicht mehr gegenwärtig.


    :hello: Matthias

  • Bei Proust gibt es in der Welt von Swann einen Komponisten (Name ist mir nicht nicht in Erinnerung (Monteuil oder so ähnlich). Es wird jedenfalls - wie immer bei Proust - sehr ausführlich und anschaulich der Vortrag einer Sonate für Violine und Klavier beschrieben. Ich dachte immer, dass Prousts Vorbilder des Komponisten Saint-Saens und (oder) Fauré gewesen seien. Jetzt kommt noch ein Dritter, nämlich César Franck hinzu. Besteht eigentlich ein who is who in der Recherche?


    LG


    Emotione

  • Liebe Emotione dieser Komponist in Prousts Werk heisst Vinteuil und gilt als Konglomerat verschiedener Komponisten. Von Franck bis Beethoven reicht da die Pallette, Saint-Saëns, Fauré und d'Indy kommen auch vor.
    Es gibt unzählige Sekundärliteratur zu diesem Werk und darinnen werden die verschiedenen Figuren nicht immer den gleichen lebenden Vorbildern zugeordnet.


    Proust hat als echter Künstler Figuren geschaffen, die zwar Züge der Personen seines Lebensumkreises tragen, aber nciht eindeutig identifizierbar sind. Bei manchen ist es relativ eindeutig etwa bei Charlus, bei Anderen weniger.Aus der Beschreibung der Sonate kann man jedenfalls nciht klar auf einen Komponisten schliessen und der Spekulation steht Tür und Tor offen.


    Fairy Queen

  • Zitat

    Original von Emotione
    Besteht eigentlich ein who is who in der Recherche?


    Hallo Emotione,


    die meisten Fragen dieser Art werden in folgendem, empfehlenswerten Buch beantwortet:



    Liebe Grüße,
    Christian

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    [...] dieser Komponist in Prousts Werk heisst Vinteuil und gilt als Konglomerat verschiedener Komponisten. Von Franck bis Beethoven reicht da die Pallette, Saint-Saëns, Fauré und d'Indy kommen auch vor.


    So ist es mir bisher ebenfalls bekannt. Vor vielen Jahren hatte ich mal angefangen, Prousts Riesenroman zu lesen und gelangte immerhin bis ins Swanns Welt, in der die Violinsonate Vinteuils eine Rolle spielt, genauer: eine kleine Melodie daraus. Aber ob die Weise C. Franck zugeordnet werden darf? Ich habe u. a. folgende Aufnahme:



    Die Aufnahme - die mir im übrigen nicht allzusehr gefällt, u. a. wegen des etwas dünnen Tons der Violine - enthält neben der Franck-Sonate noch die Violinsonaten von Ravel und Saint-Saëns (Nr. 1 d-moll, op. 75). Im Booklet ordnet James Harding Prousts "kleine Melodie" nicht Franck, sondern Saint-Saëns zu:


    [zitat]Die 1885 entstandene Sonate von Saint-Saëns führt uns mitten in die Welt von Proust, denn aus ihr stammt die berühmte "kleine Melodie" der Sonate Vinteuils, die in dem Romanzyklus eine so wichtige Rolle spielt. Proust bat oft seinen Partner, den flotten jungen Venezolaner Reynaldo Hahn, einen ehemaligen Schüler von Saint-Saëns, die "kleine Melodie" während ihrer gemeinsamen Abende zu spielen. Es war für die beiden "unsere Melodie", ein Symbol ihres Verhältnisses, das dann allerdings durch Eifersucht über Hahns Beziehungen zu dem älteren Komponisten zerrüttet worden sein könnte. Das Allegro agitato der Sonate kontrastiert ein Pastoralthema mit dem sanft steigenden und fallenden Motiv, das Proust so faszinierte. Es löst sich auf natürliche Weise in einem ruhigen Adagio auf, dem wiederum ein elegantes Allegretto folgt.[/zitat]
    Liebe Franck-Proust-Hahn-Saint-Saëns-Kenner/innen: Stimmt das so?

  • Zitat

    Original von Gurnemanz
    Liebe Franck-Proust-Hahn-Saint-Saëns-Kenner/innen: Stimmt das so?


    Wenn man mal die grundsätzliche Problematik beiseitelässt, ob ein fiktives Musikwerk (oder ein Teil daraus) umstandslos mit einer realen Komposition gleichgesetzt werden kann - dann weiß man es trotzdem nicht genau.


    Es gibt eine Widmung, in der Proust selbst sich zur Aufschlüsselung der von ihm erfundenen Kunstwerke geäußert hat: Im Regelfall gäbe es nicht das eine Vorbildwerk, sondern derer gleich acht oder zehn (z.B. bei der Kirche von Combray). Zur berühmten "kleinen Melodie" führt Proust gleich mehrere Vorbilder an - die Saint-Saens-Sonate (über die er sich hier generell nicht sehr schmeichelhaft äußert), ein nicht weiter definiertes Klavierwerk von Fauré, eine ebenfalls nicht weiter spezifizierte Schubert-Melodie und (hört, hört! :D) den sog. Karfreitagszauber aus Wagners "Parsifal".


    Nun soll man bekanntlich dem Autor selbst am wenigsten glauben, und Reynaldo Hahn erzählt folgendes: Proust sei ganz vernarrt in eine kantable Phrase im ersten Satz der d-moll-Sonate von Saint-Saens gewesen und er, Hahn, habe sie ihm immer wieder vorspielen müssen. Mindestens ebenso begeistert sei Proust aber von einer Melodie (dem Hauptthema?) im letzten Satz von César Francks Violinsonate gewesen. Hahn vermutete, dass die "kleine Melodie" gewissermaßen ein Amalgam aus diesen beiden Themen sei, kann das aber natürlich nicht belegen. Wie auch? Andere Behauptungen, Proust habe hier ein Werk von Lekeu im Sinn gehabt oder gar ein Thema aus Borodins dritter Sinfonie, gehen zwar angeblich auch auf Proust selbst zurück, dürfen inzwischen wohl aber als entkräftet gelten.


    Die "Recherche" selbst gibt bekanntlich keinen weiteren Hinweis zur Identifikation und so wird die kleine Melodie wohl für immer Vinteuils Werk bleiben... ;)



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Die "Recherche" selbst gibt bekanntlich keinen weiteren Hinweis zur Identifikation und so wird die kleine Melodie wohl für immer Vinteuils Werk bleiben...


    Das leuchtet mir ein - so wie der fiktive Komponist mehrdeutig bleibt, so geht's wohl auch der "kleinen Melodie", die wir nie "im Original" hören werden.


    Zurück zu C. Franck: Neben der oben erwähnten Aufnahme findet sich bei mir noch eine recht klangschöne, die Gegensätze gut ausleuchtende Einspielung mit Kaja Danczowska, Violine, und Krystian Zimerman, Klavier, aufgenommen 1980:



    Neben der Franck-Sonate gibt es noch Werke von Karol Szymanowski: Mythes op. 30, Piesn Roksany und Piesn kurpiowska.

  • Abgesehen davon, dass ich Bernds Erläuterung nur unterstreichen kann, noch ein Tipp für Leute , die nicht die Recherche lesen wollen(selbst Schuld!!! :D), aber trotzdem ganz ganz viel über Proust wissen wollen ein Standardwerk:
    George D. Painter: Marcel Proust Suhrkamp, 2 Bände, in denen auch viel Bilder enthalten sind)
    Fairy Queen

  • Nach Painter kann ich noch Monsieur Proust von Céleste Albaret empfehlen, die auf ihre Art Einblicke in die letzten Lebensjahre von Proust gewährt.


    Lieber Christian, danke für den Tipp. Das Lexikon fehlt mir noch. Ich hatte ganz vergessen, dass ich von William Howard "Prousts Figuren und ihre Vorbilder" habe.


    Wie Fairy schon richtig schreibt, vermutlich handelt es sich bei den meisten Figuren um ein Konglomerat mehrerer realer Personen. Ebenso wie wir wohl niemals wissen welche Orte wirklich mit Combray und Balbec gemeint sind, wird uns auch die Identität des Komponisten Vinteuil verborgen bleiben. Mit Ausnahme vielleicht vom Comte Montesquieu alias Charlus.


    LG


    Emotione

  • Und noch eine Empfehlung für diejenigen, die wieder nciht die gazne Recherche lesesn wollen(nochmal selbst Schuld!!!!) sondern ohne diesen lästigen Umweg ganz praktisch und pragmatisch von ihr profitieren möchten:



    Alain de Botton: Wie Proust ihr Leben verändern kann. Eine Anleitung


    Ich kann dazu nur sagen, dass Proust MEIN Leben wirklich verändert hat, das lag allerdings weniger an Monsieur de Botton, sondern an einem Professor der Phliosophie/Rezeptionsästhetik zu seligen Alma Maters Zeiten.
    Bottons Werk ist aber m.E. serh empfehlenswert, weil amüsant und kurzweilig zu lesen(es gibt auch viele Bilder) und voller origineller Ideen.


    Für alle Proust Häppchen-Leser: bitte unbedingt den letzten Band "Le temps retrouvé", wenn es nciht Alles sein kann.
    Dort wird die Quintessenz der ganzen Sache in wunderbarster und zutiefst bewegender Weise ausgebreitet und ohne diese Kunst-und Lebens Philosophie ist das Ganze eigentlich nur ein riesiges Gesellschafts und Beziehungspanorama. So aber wird es zum Jahrhundertwerk. :jubel: :jubel: :jubel:


    Fairy Queen, von den Proustes Blässe sehr angesundet!

  • Zitat

    Original von Pius


    Reclams Kammermusikführer meint dazu:


    HAllo,


    auf folgender CD findet man eine Version für Flöte und Klavier:



    leider biete das äußere keinen Hinweis darauf, dass es sich (zumindest zumTeil) um fremde Bearbeitungen handelt, :boese2:
    sondern man erfährt es erst im Booklett, wenn man die CD bereits aus der Bibliothek augeleihen hat. :D


    Da liest man dann: "....A-Dur Sonate für Violine, Viola, Cello oder Flöte und Klavier.... ( Nein Pius, kein neues Klavierquintett!)


    Immerhin wird bei dem anderen Werk, der 2. Klaviersonate von C.M.v.WEBER eindeutig erwähnt, das es sich um eine (autorisierte) Bearbeitung von fremder Hand handelt.


    ?( ?( ?(


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Angeblich soll Franck gegenüber dem Widmungsträger Eugène Ysaÿe ein Programm der Sonate erwähnt haben: Danach stellt der erste Satz das "Kennenlernen im Park" dar, der zweite die Hochzeitsnacht (offenbar eine ziemlich stürmische Angelegenheit), der dritte Satz eine Art Ehekrise (beide Instrumente spielen zunächst nur allein, danach folgt eine melancholische Kantilene und ein sehr trauriges Rezitativ), und das Finale die Versöhnung im Alter (der Kanon, bei dem mal das eine, mal das andere Instrument vorausspielt und beide zusammen sich an Episoden aus den vorherigen Sätzen erinnern.). Mir scheint das eher ein nachträglich und etwas augenzwinkernd zusammengeschustertes Programm zu sein. Ach ja, und dann gibt es noch den Spruch des berühmten Geigers und Pädagogen Josef Gingold, der seinen Studenten gern zurief: "Franck Sonata, not Frank Sinatra!"
    Für mich gehört die Sonate zu den Werken, an denen ich nichts zu kritisieren habe, die mir aber dennoch etwas auf die Nerven gehen. Vielleicht habe ich mich einfach etwas leid gehört (und vor allem gespielt).


    Viele Grüße,


    Christian