Die schöne Müllerin - Kleiner Bruder der Winterreise?

  • Großes Liedinteresse herrscht im Forum nicht mehr. Oder die Leute wollen halt nur Fischer-Dieskau hören ...

    Letzeres ist ja kein Wunder. Speziell im meiner Jugend kommte man weder im Radio noch auf Platte etwas anderes hören als Fischer Dieskau und Hermann Prey. Wobei Fischer Dieskau die Balance zwischen Ausdruck und Schönklang schaffte - zumindest meistens - und Hermann Prey in erster Linie auf den schönen Klang seiner Stimme baute - Was vom Publikum honoriert wurde und zu seiner Berühmtheit beitrug.

    In späterer Zeit - aber auch (wenngleich weniger beachtet) gab es Aufnahmen von Interpreten die - ich sage es jetzt subjektiv und euphemistisch - ihre weniger schöne Stimme durch ausdrucksvollen Vortrag wettmachen (ich sagte damals : kaschieren) wollten.

    Aber im Laufe der Zeit hat sich alles geändert - (Siehe Kleidung, siehe Regietheater, Siehe Bauwerke, siehe Statussymbole etc.) und eine gewisse Gruppe des Publikums scheint den Ausdruck vor den schönen Klang zu stellen.

    Auch im Falle Wunderlich überwiegt die Schönheit der Stimme andere Aspekte . zumindest wurde dem vom Publikum (also auch von mir) besondere Bedeutung zuerkannt. Spezialisten mögen das schon damals anders bewertet haben.

    Ich habe mir heut die Mühe (oder beglückende Mühe) gemacht den kompletten Thread zu lesen - und vor allen dank Helmut Hoffmann - neue Erkenntnisse gewonnen, was den Text und allfälligen Doppelsinn, Ironie etc betrifft.

    Und ich bin mir darüber klar geworden, daß der Geschmack an Stimmen ein anderer geworden ist - allerdings habe ich heute (beim Hineinhören in die Beispiele dieses Mammut-Thread bemerkt, daß ich mich an einige der neuen Stimmen doch einigermaßen gewöhnt habe. Ferner habe ich gemerkt daß man für "Liedaufnahmen offenbar Toningeneure der 3. Reihe einsetzt, denn die Balance zwischen Stimme und Klavier stimmt in den seltensten Fällen, von übertriebnem Hall ganz zu schweigen: In der "Steinzeit" Tonaufnahme hat man generell die Stimme in den Vordergrund gezogen und das Klavier als "Begleitung" gesehen, was den Stimmen mehr Volumen verlieh als sie in Wirklichkeit hatten und sie "angenehmer" und imposanter erscheinen ließ. Dabei nahm man es billigend in Kauf, daß der "Müllerbursche" in Wahrheit als Mittvierziger mit entscpechendem Baritonfundament wahrgenommen wurde - was zwar (meistens) der Wirklichkeit entsprach - aber nicht rollendeckend war, ein Jüngling mit liebeskranker Seele. Aber wer will schon die Liebesnöte anderer hören ? Schubert musste seine Zeitgenossen auch erst von der Qualität dieser Leider Überzeugen (KS. Vogel und einigen Eingeweihten waren sie aber bewusst)In der Tat hat Schubert die Texte ernst genommen - und ich glaube ein Gutteil des Publikums tut das heute noch.....


    mfg aus Wien

    Alfred

  • Tenoralen Gesang hört man von dieser Die-schöne-Müllerin-CD. Beim Werbepartner nicht mehr erhältlich wird man an anderer Stelle noch fündig.



    Markus Schäfer wird begleitet am Hammerklavier (Johann Fritz ca. 1830) von Tobias Koch. Die Interpreten nehmen sich die Freiheit und setzen in der schubertschen Vertonung dosiert Verzierungen und Veränderungen der melodischen Linien ein, wie es zu Lebzeiten des Komponisten üblich gewesen sein soll.


    Der aufmerksame Hörer wird bemerken, dass Gedichte Wilhelm Müllers von Ludwig Berger (1777-1839) bereits 1818 in seinem Opus 11 Die schöne Müllerin, Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiele vertont wurden.


  • Besonders interessant finde ich an der von moderato vorgestellten Aufnahme die "Zugabe", nämlich Ludwig Bergers Opus 11, allerding 5 der zehl Lieder von anderen Textdichtern stammen. Es ist gerechterweise nicht möglich die Beiden Werke einander gegenüberzustellen, Schubert wird immer siegen - nicht zuletzt dadurch, daß sich seine Fassung quasi "eingebrannt" hat. Mein Favorit ist übrigens die Nr 4 "Am Maienfeste" nach einem Text von Wilhelm Hensel (die Angaben differieren) Wilhelm Hensel war eigentlich Maler, dichtete aber gelgentlich. Er war der Ehemann von Fanny Mendelssohn-Hensel


    Es gibt hier einen Videclip, wo EINIGE der Lieder gesungen werden. Die Nr 4 st leider nicht dabei.....



    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Eine weitere Aufnahme der "schönen Müllerin" wurde soeben, am 5.12.2023 veröffentlicht, und ich gstehe, daß meine Eindrücke eher zwiespältig sind. An sich ein Gegner von Instrumentierung von Klavierstücken, bzw Klavierbegleitung muß ich doch sagen, daß hier dem Arrangeur Andreas Nicolau Tarkmann ein Meisterstück - wenn man die Aufgabe an sich betrachtet - gelungen ist. Ich habe lang gezögert, ob ich das veröffentlichen kann, aber dann fand ich bei cpo eine Rezension des dort oft aktiven Users "meiernberg" (den ich gerne als Mitglied hier hätte !!!)- und sein Urteil deckt sich hier mit meinem.

    Etwas strenger sehe ich die Wahl, von Klaus Florian Vogt, dessen leise Stimme vom (übrigens vorzüglichen) "Ensemble Acht" zugedeckt wird, was IMO nicht immer ein Nachteil sein muß;). Ich gestehe, daß ich in diesem Punkt nicht neutral bin. Ich kann PERSÖNLICH mit dieser Stimme nichts anfangen - andere mögen das anders empfinden. Vielleicht gewöhne ich mich auch noch daran (??)

    Ich habe darüber nachgedacht, ob ich vielleicht (Wunderlich ist hier IMO eine sakrosankte Ausnahmeerscheinung)an sich Vorbehalte gegen eine Interpretation der "schönen Müllerin " habe.


    Aber dann habe ich mich erinnert, als ich SEINERZEIT auf der Suche nach (damals) neueren Aufnahmen war, Wunderlich, Prey, Fischer-Fieskau ausklammernd, ich auf die (damals) preisgünstige Naxos-Aufnahme mit Christian Elsner/Ulrich EisenLohr stieß - beide übrigens mehr als beeindruckend, die schöne Stimme, der sehr markant begleitende (oder gestaltende) Pianist, Die Erinnerung verklärt manches, daher war eine aktuelle Hörsitzung angesagt: Und siehe - an meiner Begeisterung, die ich beim Erscheinen der CD (2000) damals hatte - hat sich nichts geändert. Na ja, ist nun auch schon wieder ein viertel Jahrhundert her, denn aufgenommen wurde 1999.........


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Die von @Alfred Schmidt vorgestellte Aufnahme mit dem Tenor Christian Elsner und dem Pianisten Ulrich Eisenlohr ist die Scheibe 1 der beim Label Naxos erschienenen preiswerten 38-CD-Box mit allen Liedern Franz Schuberts.



  • Nachdem zuletzt einige Baritone Aufnahmen von Die schöne Müllerin vorgelegt haben, von denen besonders die mit Samuel Hasselhorn hervorsticht, hat sich nun der Tenor Julian Prégardien Schuberts berühmten Liederzyklus' angenommen - am Fortepiano begleitet vom hervorragenden Kristian Bezuidenhout. Prégardiens Interpretation besticht einerseits durch ihren intensiven Vortrag und dem klangschönen tenoralen Timbre. Das charakteristische dieser Aufnahme sind jedoch die ungewöhnlichen Verzierungen, die man in der Müllerin sonst nicht zu hören bekommt. Wie bei modernen Interpreten üblich verzichtet auch Prégardien zugunsten des Ausdrucks gerne mal auf so manchen schönen Ton. Prégardien ist ein Spezialist im Liedgesang, er singt sehr wortdeutlich und expressiv. Eine fesselnde Interpretation. Und wer nach der packenden Hasselhorn-Bariton-Aufnahme Lust auf eine äquivalente Tenoraufnahme hat, ist bei Prégardien genau richtig.




    Gregor

  • Das charakteristische dieser Aufnahme sind jedoch die ungewöhnlichen Verzierungen, die man in der Müllerin sonst nicht zu hören bekommt.

    Das ist keineswegs der Fall. Es wurde im Gegenteil inzwischen geradezu zum Regelfall der gesanglichen Interpretation der "Schönen Müllerin". Was man hier im Forum davon hält, bzw. was davon zu halten ist, kann man dem von Ulli vorangehend verlinkten Thread entnehmen.


    Für mich ist das eine Art Masche, die ihre Legitimation aus der HIP-Bewegung zu beziehen versucht, sich dabei aber in keiner Weise auf Schuberts kompositorische Intentionen stützen kann. Aus den vorliegenden Quellenzeugnissen kann man indirekt herleiten, dass er diesen Vortrag der Melodik der "Schönen Müllerin" abgelehnt hat.

    Und ich kann gut verstehen, warum das der Fall war. Gesanglich aufgesetzte melismatische Elemente verträgt der ihr innewohnende tiefe Ernst nicht. In keiner Weise.


    Was ich mit diesem Wort "tiefer Ernst" meine, ergibt sich aus meiner Interpretation des Werkes hier:


    Franz Schubert, „Die schöne Müllerin“. Der Liederzyklus als musikalisches Selbstbekenntnis


  • Der slowakische Tenor Pavol Breslik und der Pianist Amir Katz haben vor zehn Jahren eine Aufnahme des schubertschen Zyklus Die schöne Müllerin beim Label Orfeo vorgelegt. Gegenwärtig ist die CD in einer Preisaktion des Werbepartners erhältlich.


    Nicht ganz frei von muttersprachlichem Akzent überzeugt der Sänger mit seiner gelungenen Gestaltung der Lieder. Primär ist er Opernsänger und singt im Fach des lyrischen Tenors. Pavol Breslik nimmt sich für das intime Format des Kunstliedes angenehm zurück. Er achtet auf die Aussprache, was mir in den Schlusskonsonanten auffällt. In schnellen Passagen überzeugt er wie in getragenen Passagen. In den Melismen, von denen es in diesem Zyklus nur so wimmelt, singt er schöne Linien. Vor allem fühlt er mit und Emotion legt er in den Vortrag und erreicht so den Zuhörer. Sein Begleiter ist ihm eine partnerschaftliche Stütze, der den Angaben in der Partitur genau folgt und den Sänger trägt. Singstimme und Klavierklang sind gleichwertig durch die Tonmeister aufgenommen.


  • Seit einigen Wochen beschäftige ich mich recht intensiv mit den mir vorliegenden Einspielungen der "Schönen Müllerin", die allerdings alle nicht taufrisch sind, dafür aber - in unterschiedlichen Graden - hochkarätig.

    Nachdem ich meine CDs durchgehört hatte, habe ich meine alte LP-Sammlung nach weiteren Aufnahmen durchsucht und stieß dabei auf eine, die ich fast vergessen hatte. So sah sie aus:


    Franz Schubert, Nicolai Gedda, Jan Eyron – Die Schöne Müllerin D. 795 –  Vinyl (Gatefold, LP, Album, Stereo), 1972 [r11906974] | Discogs

    Nicolai Gedda (Tenor), am Klavier: sein Landsmann Jan Eyron, der sich als einfühlsamer Begleiter erweist. Die LP trägt den Hinweis: (P) 1972.


    Die Aufnahme gibt es nicht als Einzel-CD, aber immerhin in dieser Sammelbox mit 11 CDs:


    9613094

    die allerdings längst vergriffen und nur relativ teuer gebraucht aus dem Ausland zu beziehen ist.


    Der Schwede singt zurückhaltend, von einem stürmischen Müllerburschen kann auch in den Anfangsliedern nicht die Rede sein. Dafür werden wir aber reich entschädigt durch die feinsinnige, hintergründige Gestaltung dieser wunderbaren Lieder. Gedda hat sich als Liedersänger keine großen Namen gemacht, aber die wenigen Aufnahmen aus diesem Genre, die er uns hinterlassen hat, liegen durchweg auf dem von ihm aus Oper und Oratorium bekannten hohen Niveau. Nach kurzer Durchsicht dieses Thread konnte ich keine einzige Erwähnung der Aufnahme finden. Deshalb dieser kurze Hinweis.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

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  • Der Tenor Julian Prégardien singt und wird von Els Biesemans am Fortepiano begleitet.


    Es sei gesagt: Es ist eine Interpretation mit melodischen Ergänzungen. Wem dies nicht zusagt, soll bitte bis zum Schluss des Zykluses hören. Es ist eine der mich bewegendsten Darbietungen, die ich gehört habe.


    Mit einem anderen Begleiter am Fortepiano wurde der Sänger bereits erwähnt. Die schöne Müllerin - Kleiner Bruder der Winterreise?



  • Der Tenor Julian Prégardien singt und wird von Els Biesemans am Fortepiano begleitet.


    Es sei gesagt: Es ist eine Interpretation mit melodischen Ergänzungen. Wem dies nicht zusagt, soll bitte bis zum Schluss des Zykluses hören. Es ist eine der mich bewegendsten Darbietungen, die ich gehört habe.


    Mir sagt der Vortrag sehr zu, und ich bedanke mich bei moderato für die Verlinkung des Konzerts. Die "Müllerin" ist ein so großes Werk, dass viele Sänger davon leben können, auch wenn sie zu für heutige Ohren ungewöhnlich erscheinende Mittel greifen. Das ist nicht neu, und schließlich bleibt das Original immer unangetastet und wird ja auch rauf und runter gespielt. Nicht immer mit der nötigen Kompetenz. Nach meinen Infomationen war es schon zu Schuberts Zeit ubliche übliche Praxis, Lieder verziert darzubieten. Nach Schuberts Tod hatte sich der Komponist, Pianist und Verleger Anton Diabelli die Rechte an der "Schönen Müllerin" gesichert und besorgte eine repräsentative Druckausgabe. Er bat den "berühmten, mit Schubert befreundeten Sänger Johann Michael Vogl, die Singstimme so einzurichten, dass sie möglichst großes Echo beim Publikum finde. Das tat dieser denn auch. Er fügte – sparsam – einige Verzierungen hinzu, … die er selbst gesungen hatte, wenn Schubert ihn begleitete". Nachzulesen beim Musikwissenschaftler Walther Dürr in einem Beitrag für die Einspielung von Vater Christoph Prégardien und seines Begleiters Michael Gees 2008 bei Challenge Classics. Die Ornamente, die Prégardien-Senior singt, orientierten sich zwar vom Typus her an den in Diabellis Druck (und einigen Handschriften) überlieferten Verzierungen – wo der Sänger sie aber einsetzt und wie er sie im Einzelfall gestaltet, ist ganz seine eigene Erfindung", so Dürr. Eine CD-Aufnahme mit Verzierungen hatte Julian Prégardien berteits vorgelegt. Sie wurde weiter oben kurz von Gregor beschrieben. Auf dem Cover wurde leider keinerlei Bezug darauf genommen. Die Leute sollten eigentlich wissen, was sie kaufen.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent


  • Mit Verzierungen spart auch der Bariton Konstantin Krimmel in seiner Einspielung der "Müllerin" nicht. An seinem Gesang habe ich nichts auszusetzen und an der Fassung selbst auch nichts. Nur wird auf dem Cover und auf dessen Rückseite kein Wort über die Bearbeitung verloren, was ich unlauter finde. Es ist also nicht drinnen was draufsteht. :( Und das geht nicht.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Ich hatte festgestellt,

    daß ich die "Müllerin" nur mit Quasthoff und Olaf Bär hatte, also Bariton. Heute ist Wunderlich dazu gekommen und hat heute meine Seele erfreut. Blochwitz habe ich in der Bucht gefunden, auch da gibt es einen Preisverfall. 4€ mit Versand sind ja schon peinlich. Damit um Bach zu zitieren " Ich habe genug"

    Die Verlockung war aber doch zu groß, Bostridge mit Graham Johnson habe ich auch noch bestellt....

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Die Bostridge CD höre ich gerade,


    was für ein feines , klares Timbre. Klang audiophil. Hyperion eben. Bin sehr angetan.

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Ich habe am Wochenende DIE SCHÖNE MÜLLERIN in einem von einem Freund organisierten Hauskonzert gehört. Gespielt und gesungen haben zwei wunderbare, etablierte Interpreten, aber es war eine rein private Veranstaltung ohne Mangement usw. Ich kenne den Zyklus nicht besonders gut und war sehr angetan, vor allem weil die Wandlung hier vom Beginn zum Ende doch sehr groß ist. Und sehr anrührend. Jetzt habe ich mir einige Aufnahmen angehört und sehr gut gefällt mir - das ist rein subjektiv - Julien Prégardien. Die Wunderlich-Aufnahme werde ich mir auch noch anhören. Prégardien vermag das Fragile für mich sehr gut darstellen, allerdings kann ich im Vergleich zu den anderen Aufnahmen gar nicht so große Unterschiede bei den Verzierungen ferstellen, die hier thematisiert worden sind, aber wie gesagt ist das für mich keine besonders vertraute Welt. Ich entdecke noch.


    Aber findest Du denn wirklich, dass seine 'Eigenarten' (die ich noch gar nicht richtig benennen kann) den Vortrag insgesamt komplett verunstalten? Und könntest du das vielleicht konkret an einem kleinen Beispiel ausführen, wenn es Deine Zeit erlaubt? Bspw. an dem Lied "Der Müller und der Bach"?

  • Nur wird auf dem Cover und auf dessen Rückseite kein Wort über die Bearbeitung verloren, was ich unlauter finde. Es ist also nicht drinnen was draufsteht. :( Und das geht nicht.

    Freie Auszierungen des Interpreten sind keine Bearbeitung, sondern gelebte historisch-informierte Aufführungspraxis, die in der Spätromantik nur leider verlorengegangen war.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Mit Verzierungen spart auch der Bariton Konstantin Krimmel in seiner Einspielung der "Müllerin" nicht. An seinem Gesang habe ich nichts auszusetzen und an der Fassung selbst auch nichts. Nur wird auf dem Cover und auf dessen Rückseite kein Wort über die Bearbeitung verloren, was ich unlauter finde. Es ist also nicht drinnen was draufsteht. :( Und das geht nicht.


    Freie Auszierungen des Interpreten sind keine Bearbeitung, sondern gelebte historisch-informierte Aufführungspraxis, die in der Spätromantik nur leider verlorengegangen war.

    Deine Belehrung ist gut gemeint, berührt aber nicht den Kern meiner kritischen Anmerkung.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Bei Barockmusik wird dies auch nicht extra vermerkt - auch sind wir es dank der HIP-Bewegung dort längst gewohnt. Im klassischen Repertoire findet die Auszierungspraxis zunehmend Verbreitung, im frühromantischen Repertoire hingegen nur zögerlich.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

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  • Und könntest du das vielleicht konkret an einem kleinen Beispiel ausführen, wenn es Deine Zeit erlaubt? Bspw. an dem Lied "Der Müller und der Bach"?

    Ich bin, lieber Christian B., leider nicht in der Lage dazu. Die Gründe findest Du an der Pinnwand. Das gehört nicht an die Öffentlichkeit.

  • Ich hatte das Vergnügen, die SCHÖNE MÜLLERIN in den letzten Wochen zweimal zu erleben, einmal im Rahmen eines privaten Hauskonzertes, vorgetragen von dem jungen, wunderbaren Tenor Manuel Ried (https://www.manuelried.com), begleitet auf einem Feurich aus den 20er Jahren. Und dann gestern von Julien Prégardien, begleitet auf einem sehr seltenen Streicher-Flügel, den Stolz der musikwisschenaftlichen Fakultät in München von Prof. Dr. Hartmut Schick. Gespielt hat ihn Kristian Bezudienhout, der den Zyklus ja auch zusammen mit Prégardien aufgenommen hat (siehe weiter oben).


    Ich kann jetzt gar nicht sagen, welche Aufführung mir besser gefallen hat, ab einem gewissen Niveau sollte man vielleicht auch mehr davon sprechen, was anders gemacht wurde. Und erstaunlich fand ich vor allem, dass Prégardien in dem großen Saal teilweise sehr leise gesungen hat - er beherrscht aber die Kunst, seine Stimme auch in solchen Sälen (Große Aula LMU!) bis in die letzte Reihe zu tragen. Das war schon faszinierend - mit ermöglicht hat es der etwas heller klingende, oberschlägige Flügel von Nanette Streicher, ein wahres Prachtinstrument ( querstand hat das Instrument bereits in einem anderen thread vorgestellt). Stimme und Klavier sind in den Obertönen teilweise förmlich ineinander verschmolzen. Prégardien ist nicht von ungefähr ein Weltstar, seine Stimme hat ein inniges Timbre. Aber auch mit dem Feurich aus dem 20er Jahre war das Zusammenspiel von Stimme und Flügel ein Traum.


    Vor der SCHÖNEN MÜLLERIN gestern wurden Vorstufen des Werks vorgetragen, ein LIEDSPIEL eingerichtet von dem Bariton Johannes Held und gesungen von Studentinnen, Held und Prégardien: Vertonungen u.a. von Felix Mendelssohn, Fanny Hensel sowie dem Komponisten Ludwig Berger (1777 - 1839). Die MÜLLERIN wurde damit in einem noch weitgehend unbekannten, musikwissenschaftlich inzwischen aber erforschten Kontext gestellt. Tatsächlich gab es für die Figur der Müllerin ein Vorbild in Berlin, Luise Hensel, die einigen Männern den Kopf verdreht hat, darunter Ludwig Müller (den Dichter der Vorlage), aber auch Mendelssohn und Berger. Vor allem Berger hat Müller dann dazu gedrängt, den Zyklus immer weiter zu schreiben. Schubert hat davon dann später 20 Gedichte ausgewählt. Aber schon zuvor gab es eben um 1817 dieses Liedspiel. Uraufgeführt wurde es damals übrigens in der JÄGERstraße (!). Ein Zufall? Es haben sich noch weitere erstaunliche Beziehungen eröffnet. Bei Interesse erfährt man mehr im schönen Programmheft der LMU, Prof. Dr. Schick hat auch eine kurze Einführung gehalten. Weitere Infos über Berger findet man auch hier.


    Manuel Ried sing am 26.07.2026 in dem Herrenhaus Gut Bannacker bei Augsburg übrigens die WINTERREISE (Begleitung: Stephanie Knauer). Ich werde da sein.

  • Er bat den "berühmten, mit Schubert befreundeten Sänger Johann Michael Vogl, die Singstimme so einzurichten, dass sie möglichst großes Echo beim Publikum finde. Das tat dieser denn auch. Er fügte – sparsam – einige Verzierungen hinzu, … die er selbst gesungen hatte, wenn Schubert ihn begleitete". Nachzulesen beim Musikwissenschaftler Walther Dürr in einem Beitrag für die Einspielung von Vater Christoph Prégardien und seines Begleiters Michael Gees 2008 bei Challenge Classics.

    In der früheren Aufnahme Prégardiens mit Staier schreibt der Schubert-Forscher Walther Durr dazu:


    "Schuberts langjähriger Freund, der Sänger Johann Michael Vogl, wurde nach dem Tod des Komponisten vom Verleger Anton Diabelli beauftragt, eine Neuausgabe des Liederzyklus‘ vorzubereiten. Dabei fügte er u.a. auch nach damaligem Usus der Singstimme Verzierungen bei. Diese wurden in späteren Neuausgaben jedoch wieder getilgt" (zitiert nach B. Stremmel, Klassik Prisma).

    Hier findet man einen ausführlichen Artikel Walter Durrs (Virtuosität und Interpretation – Schubert-Lieder ausgeziert?) zu der Thematik:

    https://evta.tenore.ch/wp-cont…ads/2013/09/Art_48_02.pdf

    Durrs Fazit:
    "Daher sollten heutige Sänger Vogls verzierte Fassungen Schubertscher Lieder nicht einfach übernehmen, so als wären sie

    eine andere Art von Urtext, authentisch. Wenn der Geschmack der Sänger, der Charakter und das Timbre ihrer Stimme oder

    einfach auch nur die Umstände einer Aufführung nicht in etwa dieselben sind, wie die Vogls, dann sollten sie Vogls Veränderun-

    gen – und ebenso natürlich Schuberts Varianten – als Modell für eigene Adaptionen benutzen, für ihre eigenen “unwesentli-

    chen“ und improvisierten Maniem. Nur dazu werden solche Veränderungen in den entsprechenden Bänden der Neuen Schu-

    bert-Ausgabe gedruckt."


    Ich finde diese u.a. von Christoph Prégardien wiederbelebte Tradition sehr schön, der Werkcharakter verändert sich meines Erachtens kaum. Auch Julian Prégardien hat das auf seine Weise übernommen.


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  • „Die Verzierung ist mehr als nur eine Geschmacksfacette der Liedgestaltung. Sie verweist auf die ersten Interpreten der Lieder: auf Schubert und „seinen“ Sänger Johann Michael Vogl. Es ist mir besonders wichtig zu erwähnen, dass wir nicht die ersten sind, die dieser Idee folgen. Schon mein Vater Christoph hat mit seinen letzten Aufnahmen dieses „Tor zur Vergangenheit“ geöffnet.“

    Julian Prégardien



    LG Fiesco

    Die Aufnahme wurde hier schon vorgestellt.



    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Danke für den Hinweis, aber die Aufnahme wurde, soweit ich sehe, lediglich kurz aufgeführt. Über ihre Eigenheiten erfährt man nichts. Ich bedauere sehr, dass sich Helmut Hofmann zurückgezogen hat, er ist hier der Fachmann.

  • Ich bedauere sehr, dass sich Helmut Hofmann zurückgezogen hat ...

    Ich habe mich nicht zurückgezogen, lieber Cristian, ich musste. Meine Erkrankung macht mir, zusammen mit dem Tod meiner Frau, schwer zu schaffen.

    Bei meinen Einträgen ins Kunstliedforum lebe ich zurzeit vom Fundus, den ich in besseren Zeiten angehäuft habe.

  • Nochmal alles Gute, lieber Helmut! Ich hoffe, diese wunderbare Musik wird Dich weiter begleiten. Ich lese oft in Deinen Analysen nach und und finde immer wieder Anregungen.

  • Nachdem ich zunächst die Aufnahmen mit Julian Prégardien sowie Ian Bostridge / Graham Johnson gehört habe, bin ich anschließend auf die Aufnahme zurückgekommen, die schon seit Jahren in meiner Sammlung steht, die ich aber lange nicht gehört habe:


    Peter Schreier (Tenor), Steven Zehr (Hammerklavier) – Intercord INT 820.711.

    Gerade im direkten Vergleich war ich überrascht, wie klar und unmittelbar diese Aufnahme auf mich wirkt.
    Das Hammerklavier bringt eine Transparenz hinein, die mir persönlich sehr entgegenkommt, und Schreiers Stimme steht für mein Empfinden außerordentlich klar und natürlich im Raum.

    Im Vergleich zu Prégardien und Bostridge empfinde ich diese Aufnahme klanglich als deutlich überzeugender. Die Balance zwischen Stimme und Instrument ist für mich stimmiger, der Text bleibt sehr gut verständlich, und das Ganze wirkt weniger zugedeckt.

    Ich möchte das ausdrücklich als persönliche Hörerfahrung verstanden wissen, nicht als musikwissenschaftliches Urteil. Aber für mich besitzt diese Aufnahme eine Klarheit und Natürlichkeit, die ich bei den beiden anderen Einspielungen so nicht empfunden habe.



    Viele Grüße

    Stefan

    Ich bin seit vielen Jahren Klassikhörer, davon allerdings ca. 20 Jahre ausschliesslich wöchentlicher Konzerbesucher.
    Nun habe ich entdeckt, das eine CD, auf einer vielleicht recht guten Stereoanlage abgespielt, auch viel Freude bereiten kann.

  • Vielen Dank für Deinen Hinweis auf die mir unbekannte Aufnahme von Peter Schreier und Steven Zehr. Nur leider ist die soweit ich sehe nirgendwo digital verfügbar! Da hast Du uns ein schönes Ei ins Nest gelegt, ich werde danach Ausschau halten, auch wegen des Hammerklaviers. Alle späteren Aufnahmen hat Schreier mit einem modernen Instrument aufgenommen.


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  • Hallo Christian,
    bei "Funrecords Berlin" auf Ebay sind derzeit mehrere Exemplare verfügbar:

    Suche beispielsweise einfach mal diese Artikelnummer: 3560837819149

    Das ist die Pressung im Rahmen der Concerto Collection von 1987
    EAN: 4006758207117

    Das Coverbild ist moderner und leider kommt die CD ohne ordentliches Booklet daher.
    Es ist die Ausgabe, welche ich in meiner Sammlung haben.

    Viele Grüße

    Stefan

    Ich bin seit vielen Jahren Klassikhörer, davon allerdings ca. 20 Jahre ausschliesslich wöchentlicher Konzerbesucher.
    Nun habe ich entdeckt, das eine CD, auf einer vielleicht recht guten Stereoanlage abgespielt, auch viel Freude bereiten kann.

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