Klassik-Edition der ZEIT

  • Auf diese CD der „DIE ZEIT Klassik Edition“ habe ich mich der Werke wegen besonders gefreut: Teil 12 bietet Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ (revidierte Fassung von 1947, City of Birmingham Symphony Orchestra 1987) und Leoš Janáceks „Sinfonietta“ (Philharmonia Orchestra 1982), dirigiert von Simon Rattle (CD EMI 0094637408421, Buch Zeitverlag Gerd Bucerius ISBN 3-476-02212-9).



    Zwei immens spannende Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts, die man gerne wieder mal hört. Gute Klangbalance und Farbenreichtum gibt es in den Aufnahmen reichlich, aber die Musik kommt für meinen Geschmack zu oberflächlich, nur ausgestellt, nicht gelebt. Das Frühlingsopfer wird präsentiert statt durchgeführt, Rattles Strawinsky ist mehr brillanter Zirkus als urtümliches Elementarereignis. Meiner Meinung nach müsste die Musik aufwühlender gespielt werden. Dieser „Sacre“ ist „nur“ eine Leistungsschau des Orchesters. Auch die „Sinfonietta“ bleibt äußerlich, die innere Spannung kommt zu kurz. (Zudem wirkt der Klang des Philharmonia Orchestra nach dem brillanten Klangkörper aus Birmigham etwas matter.) Janáceks griffige Themen und die farbige musikalische Gestaltung lassen relativ kalt. Ist das alles, Strawinsky wie Janácek, nur illustrierende Filmmusik? Aber vielleicht bin ich auch nur so „streng“, weil beide Werke, einmal im Konzertsaal erlebt, wohl hauptsächlich dort ihre volle Wirkung entfalten (können). Die Texte im Buch gehen vor allem auf Rattles Arbeit in Berlin ein, sie beleuchten etwa Tourneen und in diesem Zusammenhang die Situation der klassischen Musikerziehung im China des Jahres 2005.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Teil 13 der DIE ZEIT Klassik-Edition (Buch ISBN 3-476-02213-7, CD EMI 0094637408520) gehört dem 1942 in Mailand geborenen Pianisten Maurizio Pollini und Musik von Frederic Chopin..



    Meine musikalische Chopin-Reise mit Pollini beginnt allerdings mit dem „Klavier Kaiser“ (SZ 2004). Schließlich steht mir der Hörgenuss von Chopins Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll op. 11 in einer Aufnahme des 18jährigen Pollini mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung Paul Kletzkis bevor, und Kaisers Edition verlockt zum Vergleich mit der Liveaufnahme des Siegers beim Warschauer Klavierwettbewerb im selben Jahr 1960, mit genau diesem Werk. Kerzy Katlewicz hat dort das Warschauer Symphonieorchester dirigiert. Dieses klingt im Mono-Ton dumpf und unfreundlich, und die Orchesterexposition ist gekürzt. Das ist aber alles völlig egal, ab dem Moment, in dem Pollini zu spielen anfängt, beginnt für mich eine Sternstunde der Interpretationsgeschichte. Der junge Künstler spielt vor Nadia Boulanger, Kabalewski, Rubinstein, und er spielt vor ihnen so wie man spielt wenn es um alles geht, die großen Kantilenen des ersten Satzes selbstbewusst, unverbraucht jugendfrisch, das große, innige Gefühl musikalisch umsetzend, das alle Liebe der Welt ausmacht – ein pianistisch grandioser Poet am Klavier. Chopin soll zum zweiten Satz gesagt haben, dies sei „ein Träumen in schöner Frühlingszeit, aber bei Mondschein“. Bei Pollini kann man sich wunderbar in diese Stimmung versetzen. Der stilisierte polnische Tanz des dritten Satzes wird zu einem pianistisch fulminanten Meisterstück ausgekostet. So wie ich diese Aufnahme gehört habe, bleibt mir ein Ideal dieses Werks (vom Klavier her) in den Ohren haften.


    Die technisch viel schöner klingende Stereo-Studioaufnahme aus der DIE ZEIT Edition gibt mehr vom Orchesterspiel preis (die Einleitung erklingt hier auch vollständig), und man merkt sofort, dass ein- und derselbe Pianist spielt, zumal im selben Jahr. Er spielt allerdings weniger „konzertant“, auf jede Korrektheit der Schattierungen bedacht. Beim Anhören habe ich den Eindruck, Pollini ist sich nur zu bewusst, hiermit seine erste Plattenaufnahme mit Orchester zu machen, mit 18 Jahren, und da will er nun wirklich nichts falsch zeichnen. Das schmälert den Gesamteindruck keineswegs, er muss sich bei mir nur ab sofort mit der fulminanten Liveaufnahme aus Warschau messen, die gegenüber der nobleren, respektvollen Studioaufnahme „wie auf Leben und Tod gespielt“ wirkt. Die jugendliche Frische nimmt hier wie dort gefangen. Hätte ich nicht vorab die Liveaufnahme gehört, ich wäre sicher von der Studioaufnahme auch restlos begeistert gewesen.


    Dem Klavierkonzert folgen auf der DIE ZEIT CD Soloaufnahmen von 1968, zunächst vier Nocturnes: Nr. 4 F-Dur op.15/1, Nr. 5 Fis-Dur op. 15/2, Nr. 7 cis-Moll op. 27/1 und Nr. 8 Des-Dur op. 27/2. Pollini zeigt sich als nobler Poet mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle. Er bewahrt stets den großen Überblick. Das sind wunderbar empfundene Interpretationen, die es nicht notwendig haben, mit besonderen interpretatorischen Freiheiten auf sich aufmerksam zu machen. Alles wirkt organisch und poetisch in sich geschlossen. Grandios etwa, wie Pollini den Mittelteil von op. 27/1 steigert und weiter gestaltet.


    Die Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 gehört für mich zu den „Königsetappen“ des Klavierspiels. Pollini spielt auch sie mustergültig kontrolliert, wieder voll Poesie. Manchmal denke ich sie impulsiver, aber so wie Pollini sie spielt möchte ich sie ab jetzt auch nicht mehr missen.


    Eine Tendenz zur „Objektivierung“ setzt sich im nächsten Gipfelpunkt der Kompositionskunst für Klavier, der Polonaise Nr. 6 As-Dur op. 53, dem letzten Stück der CD fort. Der Schreiber hat dieses Werk am 31.5.1987 zeitversetzt im ORF gesehen und gehört – Vladimir Horowitz im Wiener Musikverein. Seither sehe ich etwa in diesem wahnwitzigen „Gewaltmarsch“-Teil mit der „kreisenden“ Linken immer Horowitz´ Hände vor mir, wenn ich diese Musik höre. Ich bewundere die Disziplin Pollinis grenzenlos, mit der er auch hier den großen Überblick bewahrt und für die in sich geschlossenen Bögen sorgt. Wunderbar, wie elegisch er etwa die lyrische Passage nach diesem „Gewaltmarsch“ entfaltet.


    Die Polonaise lässt mich nicht los. Ich bin zu neugierig, hole Pollinis Aufnahme aus dem Wiener Musikverein vom November 1975 (DGG 3 CDs 431 221-2) aus dem Regal – und staune: hier spielt er noch „korrekter“, er „buchstabiert“ das Werk geradezu. Pianistisch makellos, aber so wenig impulsiv? Warum negiert er den Musikanten in sich so eklatant? Ich kenne den Gegenpol in meiner CD-Sammlung, höre ihn mir an. Martha Argerich, Jänner 1967, Münchens Plenarsaal der Akademie der Wissenschaften (DGG 3 CDs 453 572-2) – sie entblättert ein Seelendrama, entwirft geradezu eine Opernszene, ungleich impulsiver, epischer, entfesselter als Pollini (dafür aber auch weniger poetisch). Den „Gewaltmarsch“ inszeniert sie als irren Höllenritt. Unglaublich, wie forsch und wild sie ihn angeht. So tollwütig möchte ich mich von diesem Werk aber nicht verabschieden. Eine „Königsetappe“ will königlich, majestätisch, konzertwürdig, ganz groß beendet werden. Wieder greife ich zum „Klavier Kaiser“, zu Arthur Rubinsteins legendärem Chopin Recital in Moskau 1964: das ist konzertante Größe, Leidenschaft pur. Sensationell, wie geheimnisvoll Rubinstein die lyrische Passage nach dem Irrsinnsmarsch vorbeiziehen lässt. So eine unheimliche Stimmung zaubern hier kein Pollini und keine Argerich.


    Mein Kreis um die 13. Folge der DIE ZEIT Klassik-Edition schließt sich also wie er geöffnet wurde mit dem „Klavier Kaiser“ und mit einer weiteren Sternstunde der Interpretationsgeschichte, wenn auch diesfalls nicht von Pollini gespielt.


    Das Buch zur CD wartet mit recht interessanten Gesprächen mit Pollini auf, schafft es aber, innerhalb von ein paar Seiten die Herren Paul Kletzki, Paul Kletzky und Paul Pletzki anzubieten. Diese editorische Schlamperei vermiest allerdings nicht die Gewissheit, jetzt einige sehr schöne Chopin-Aufnahmen mehr im Schrank stehen zu haben, und auch nicht die im letzten Text erwähnte interessante Aufzählung folgender Geburtstage: 5.1.1920 Arturo Benedetti Michelangeli, 5.1.1931 Alfred Brendel, 5.1.1942 Maurizio Pollini.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • nu wird es multi-taminomedial:


    habe mir vor kurzer Zeit ein Buch gekauft, das Michael Schlechtriem sehr angelegentlich empfohlen hat: Suvi Raj Grubb: Kann der Partitur lesen ?


    Ein wirklich interessantes Buch, Musik aus der Sicht eines Musikproduzenten - und Jacqueline du Pre nimmt in diesem Buch eine hervorragende Stellung ein;


    also auf zu amazon, und nach du-Pre-Aufnahmen umgeschaut - und fündig geworden: The complete EMI-Recordings (Grubb war Produzent bei EMI).


    Natürlich bestellt (beim Marketplace, da dort erheblich billiger, also Lieferung aus Amerika, ist noch nicht angekommen, aber laut cayman schon versandt), es sind 17 CDs für um die 30 Euro....


    Ganz lustig, wenn jetzt die Zeit EINE CD von du Pre, herausgegeben von EMI, also produziert von Grubb - für bald 10 Euro verkauft - da muß man doch einmal feststellen, daß man es als Taminoese besser (umfassender) und billiger bekommt. Die (verketteten) Informationen hier sind außerordentlich wertvoll ! Muchas Gracias again & again...

  • Der aktuelle Katalog von jpc macht drauf aufmerksam: die Edition wird jetzt bei jpc zum Sonderpreis von 6,99 Euro pro Stück abverkauft. Siehe "www.jpc.de/zeit-classic-edition".

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Zitat

    Original von Alexander_Kinsky
    Der aktuelle Katalog von jpc macht drauf aufmerksam: die Edition wird jetzt bei jpc zum Sonderpreis von 6,99 Euro pro Stück abverkauft. Siehe "www.jpc.de/zeit-classic-edition".



    oder bei zweitausendundeins für schlappe 4,99 pro Band
    (wobei etliche inzwischen allerdings ausverkauft sind)


    siehe unter:"http://www.zweitausendeins.de/suche/index.cfm?cp=1&ord=-1&displayAtOnce=10&alpha=1&q=ZEIT%2FEMI&cat=20"


    LG


    :pfeif: :pfeif:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)