Beethoven: Klaviersonate Nr. 26 op. 81a „Les Adieux“ - CD-Rezensionen und Vergleiche (2014

  • Hallo, liebe Musikfreunde,


    Beethoven schrieb diese Sonate 1809. Dies ist seine einzige Sonate mit einem klaren Programm:


    1 Satz „Das Lebewohl“ (Les adieux): Adagio - Allegro
    2. Satz „Abwesenheit“ (L’absence): Andante espressivo, In gehender Bewegung, doch mit Ausdruck
    3. Satz „Das Wiedersehn“ (Le retour): Vivacissimamente – Poco Andante, Im lebhaftesten Zeitmaße


    Die Sonate ist seinem Gönner Erzherzog Rudolph gewidmet, der im Mai 1809 mit der kaiserlichen Familie Wien aus Furcht vor den anrückenden Franzosen verlassen hatte.


    Den ersten drei Tönen ist in der Partitur das „Le – be wohl!“ unterlegt. Es lässt den Hörnerklang der abreisenden Gesellschaft hören.




    Vieles ist an dieser Sonate ungewöhnlich. Die Coda des ersten Satzes klingt mit verhaltenem Schmerz aus. Adorno: „Eine der ungeheuerlichsten Stellen bei Beethoven. Der harmonische Zusammenstoß der Hornakkorde; das unbeschreibliche Sichentfernen des Wagens mit der Quart (das Ewige haftet genau an diesem Allervergänglichsten), und dann der allerletzte Schluß, wo die Hoffnung wie in einem Tor verschwindet, eine der größten theologischen Intentionen Beethovens, vergleichbar nur gewissen Augenblicken Bachs.“


    Der 2. Satz führt bereits in die Gedankenwelt der Hammerklavier-Sonate. Und selten ist in der Musik solche Freude zu hören wie im abschließenden „Vivacissimamente“. Hat Beethoven das Kommen von Antonie Brentano geahnt, der „unsterblichen Geliebten“, die er in den folgenden Jahren kennen lernen sollte, und die ihn zur 7. Sinfonie beflügelte?


    Dies ist meines Wissens das einzige Musikstück Beethovens, von dem es eine Einspielung mit Leopold Godowsky gibt, aufgenommen am 31. Mai 1929 in London.


    Das ist wirklich eine besondere Aufnahme. Ich habe sie mit Solomon und Yves Nat verglichen. Der erste Satz ist noch ein wenig langsamer gespielt als bei Solomon. Die forti sind recht verhalten (und dadurch im Blick auf die ganze Sonate deutlich unterschieden von den Fortissimi im letzten Satz). Besonders auffallend, wie er die flüssigen Bewegungen immer wieder abrupt zum Halten bringt, viele kleine Abbrüche, wodurch Lücken entstehen und der Schmerz zu spüren ist, wenn die Musik innehält.


    Im letzten Satz gelingt dann umgekehrt eine unglaubliche Wellenbewegung, wenn auf die Melodie im fortissimo - jede einzelne Note zusätzlich durch sforzato betont -, die Wiederholung folgt, nun aber die einzelnen Noten in Triolen aufgelöst. Godowsky versteht auf einzigartige Weise, den übergreifenden Bogen der Wiedersehens-Freude zu spielen, die alle inneren Banden sprengt und sich gar nicht mehr beruhigen kann vor lauter Ausgelassenheit.




    Viele Grüße,


    Walter

  • Lieber Walter,


    da bist Du mir doch glatt zuvorgekommen- ich trug mich schon seit einigen Wochen mit dem Gedanken einen Thread zu "Les Adieux" zu eröffnen, fand aber nie die richtige Zeit dazu.


    Bemerkenswert an der Sonate ist verschiedenes: Da wäre zum einen der Titel- oder das Programm? Neben der Pastorale ist die Klaviersonate Nr. 26 die einzige Komposition Beethovens, der ein vom Künstler auch so gedachtes "Programm" zu Grunde liegt. Oder sind es doch einfach nur Satzüberschriften? Dazu ist die Entstehung der Sonate ausgesprochen gut dokumentiert, Beethoven erwähnt sie in einer Reihe von Briefen der Jahre 1809-11 gleich mehrfach.


    Begonnen hat er wohl im Mai 1809 mit der Komposition, als Wien von den Franzosen belagert und eingenommen wurde. Beethoven soll die Nächte während der französischen Kanonade im Keller verbracht haben. Wenn das vielleicht auch nur eine schön erfundene Anekdote ist, so ist es doch ein anrührendes Bild. Die französischen Satzüberschriften gefielen Beethoven überhaupt nicht, er hatte seinen Verleger ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Satzüberschriften in deutscher Sprache zu halten seien. Denn das französische "Les Adieux" sei sinngemäß etwas anderes als das deutsche "Lebewohl".


    Und in gewisser Weise bildet "Les Adieux" auch eine Zäsur im Schaffen Beethovens. Danach folgen nur noch sechs Klaviersonaten, mit relativ großen zeitlichen Abständen.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Lieber Christian,


    bevor ich diesen Beitrag eröffnete, habe ich lange gesucht, ob es schon etwas zu dieser Sonate gibt, wo ich einen Beitrag ergänzen kann. Im Grunde wollte ich die Sonate gar nicht vorstellen, sondern beschäftige mich seit einiger Zeit intensiv mit den Beethoven-Fragmenten von Adorno und stieß dann darauf, dass Godowsky gerade dieses Stück eingespielt hat.


    Programm-Musik: Ich glaube, es handelt sich um mehr als nur Satzüberschriften. Der Hinweis auf die „Pastorale“ zeigt, dass Beethoven allerdings unter Programm-Musik wohl etwas anderes verstanden hat als später Liszt und die neudeutsche Schule. Bei ihm geht es um ein sehr genau bestimmbares seelisches Ereignis, das er fast archetypisch gestalten will, und weniger um eine Erzählung. (Erzählungen sollen ihm sehr gut beim Improvisieren gelungen sein). Und ihm ist wichtig, Naturlaute zu zitieren. Bei der Klaviersonate sind das die Hörner (und im Grunde werden Naturtöne angedeutet) und das Pferdegetrappel. Wie siehst Du die Ouvertüren, etwa den „Coriolan“: Auch dort ist ein ganz bestimmtes psychisches Problem angesprochen und auskomponiert.


    Sicher nicht mehr zur Programm-Musik zu zählen ist die „Sturm“-Sonate, zu unbestimmt erscheint der Bezug zu Shakespeare. - Es gab Anfang des 20. Jahrhunderts Versuche, zumindest in den Sinfonien Erzählungen herauszulesen. Bei der "Eroica" gelingt das am besten, wenn das Programm ernst genommen wird, das den "Geschöpfen des Prometheus" zugrunde liegt.


    Zäsur: Ein interessanter Gedanke. Ich finde auch, dass diese Sonate gewissermaßen auf der Wasserscheide steht zwischen Werken wie der Waldstein-Sonate und den Spätwerken. Dann hätte Beethoven wirklich die Krise von 1812 gewissermaßen vorbereitet.


    ‚Kurzstückmeister’: Der Hinweis auf Dussek hat mich neugierig gemacht. Dank Google sind sogar gleich zwei Sonaten zu finden: Eine Sonate mit dem gleichen Titel „Farewell“ op. 44 von 1800, und die bereits genannte „Le Retour a Paris“ op. 70 von 1807. Es wird vermutet, dass Beethoven beide Sonaten kannte, aber nachweisen lässt es sich wohl nicht.


    Der Beitrag ist überhaupt recht ausschlussreich. Hier wird ein weiterer Hinweis auf das letzte Stück aus Mahlers „Lied der Erde“ gegeben: ebenfalls mit dem Titel „Abschied“.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Soeben habe ich meine vier Einspielungen von "Les Adieux", op. 81a, spontan verglichen. Vorneweg: Ohne dass diese wirklich schwach wären, möchte ich Lill und Oppitz auf einen klaren zweiten Platz verweisen.


    John Lill (Brilliant) interpretiert die raschen Ecksätze doch recht schwerfällig, die langsame Einleitung erscheint präzis, aber wenig geheimnisvoll; der Kontrast zum Allegro wird dynamisch verdeutlicht. Der Mittelsatz wird gewichtig, schreitend, durchaus klagend genommen. Das Finale ist zu lärmend und wirkt dennoch buchstabiert - alle anderen Aufnahmen sind schneller und erklingen freudiger.


    Gerhard Oppitz (Sony-Box) spielt kultivierter als Lill, auch die Aufnahmequalität erscheint hochwertiger, aber im Finale buchstabiert er nicht weniger als Lill. Der Mittelsatz wird flüssiger gedeutet.


    Alfred Brendel (1961 - 1964, Vox, jetzt neu verlegt bei Brilliant) liefert eine farblich besonders differenzierte Deutung von bemerkenswerter Schwerelosigkeit. Beachtlich subtil die Charaktere im langsamen Satz; für meinen Geschmack etwas zu wenig herausgearbeitet allerdings der Stimmungswechsel zwischen Einleitung und folgendem Allegro im Kopfsatz. Das Finale erscheint sogar lockerer und unbeschwerter als bei Gulda, auch rein technisch gesehen, wobei Gulda noch geringfügig schneller spielt.


    Friedrich Gulda (1968, Amadeo) erscheint objektiver als Brendel, streng am Text, farblich nüchterner, ohne dass Nuancierungen verlorengingen. Er überzeugt mich im Kopfsatz und im langsamen Satz noch stärker als Brendel, im Finale nicht, wobei mich keineswegs das für die Box bekanntermaßen hohe Tempo stört, sondern das zu sehr auftrumpfende Element.


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

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  • Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81a „Les Adieux“


    In dieser Sonate ist es umgekehrt wie in der vorher von mir gehörten Mondscheinsonate. Hier schließen zwei helle Dur-Sätze einen Mollsatz ein, obwohl der Kopfsatz im einleitenden Adagio noch dunkle Elemente birgt, dann aber geht es munter fort: Les Adieux: Rubinstein führt dieses Allegro mit kräftigem Ton durch.


    Im wiederum sehr kurzen Mittelsatz: L’absence pendelt die Stimmung zwischen melancholisch und dramatisch und führt dann zum wiederum ähnlich wie in der Mondscheinsonatezum virtuosen Schlusssatz,: Le retour , dieses Mal in der seltenen Satzbezeichnung „Vivacissimamente“. Ich hatte ja bei meinen Gedanken zur Mondscheinsonate auch von Wilhelm Backhaus,der jeweils in beiden Sonaten die Kopfsätze schneller nimmt als Rubinstein, dieFinalsätze jedoch langsamer.


    Das Finale trägt Rubinstein höchst virtuos und spannend vor, wobei man einmal mehr seine Bandbreite bewundern muss. Sowohl im oberen als auch im unteren Tonsegment spielt er gleichermaßen souverän und eindringlich und schöpft die dynamische Spannweite dieses Satzes voll aus.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Das Finale trägt Rubinstein höchst virtuos und spannend vor, wobei man einmal mehr seine Bandbreite bewundern muss. Sowohl im oberen als auch im unteren Tonsegment spielt er gleichermaßen souverän und
    eindringlich und schöpft die dynamische Spannweite dieses Satzes voll aus.


    Lieber Willi,


    ich liebe diese Rubinstein-Aufnahmen auf dieser CD. "Les Adieux" ist eine Sternstunde, finde ich! Ganz besonders mag ich auch seine Aufnahme von op. 2 Nr. 3 (ist hier nicht drauf) - die einzige neben ABM, die mich wirklich hinreißt! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Schönen Dank für den Tipp, lieber Holger, ich werde die Aufnahme dann wohl finden. Rubinstein kommt ja bei mir noch ein wenig vor Swjatoslaw Richter.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich möchte in meinem ersten Beitrag in diesem Thread einige hauptsächlich statistische Angaben zu dieser außergewöhnlichen Sonate machen, um die Angaben im Einführungstext des Threadgründers Walter T., der diesen Text am 2. November 2006 schrieb, ein wenig zu ergänzen.
    Zunächst möchte ich zum Programm dieser Sonate, der einzigen unter den 32 Sonaten überhaupt, ergänzen, dass Beethoven selbst die Satzüberschriften mit genauen Angaben verfasst hat.
    So steht über dem ersten Satz:
    "Das Lebewohl, Wien, am 4. Mai 1809 bei der Abreise Seiner kaiserlichen Hoheit des verehrten Erzherzogs Rudolph".
    Dementsprechend stand über dem letzten Satz des verloren gegangenen Autographs:
    "Die Ankunft seiner kaiserlichen Hoheit des verehrten Erzherzogs Rudolph 30. Januar 1810". Rudolph und Gefolge waren also neun Monate in Ofen (Buda) im Exil gewesen.
    Dennoch ist musikalisch hier von Beethoven sicherlich nicht nur das historische Ereignis dargestellt worden, sondern sicherlich auch Abschied, Abwesenheit und Wiederkehr allgemein.
    (Quellen: Wikipedia, Siegfried Mauser: Beethovens Klaviersonaten, S. 116).


    Die Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81 a ist dreisätzig und weist außer dem Programm noch weitere Besonderheiten auf, eine davon ähnlich wie in der zuvor besprochenen Sonate Nr. 4, ebenfalls in Es-dur.
    Der erste Satz "Das Lebewohl - Les Adieux" beginnt mit einem 16-taktigen Adagio in c-moll. Er steht im 2/4 - Takt alla breve.
    Es folgt eine Exposition von 51 Takten Länge (+ Wh.), an die sich, (und das ist die Ähnlichkeit zur Sonate Nr. 4 Es-dur op. 7), eine sehr kurze Durchführung von nur 40 Takten Länge anschließt.
    Die Reprise und Coda umfassen also 148 Takte (op. 7 = 149 Takte!) Und jetzt kommen wir zu einem Unterschied zum op. 7, denn hier ist die Coda nicht ähnlich lang wie die Durchführung, sondern mit 94 Takten mehr als doppelt so lang wie die Durchführung.


    Der zweite Satz "Andante espressivo - in gehender Bewegung doch mit viel Ausdruck", zeigt, dass wir uns auch formal an der Schwelle zu den späten Sonaten befinden, denn hier unterlegt Beethoven , auch eine Parallele zur Sinfonie Nr. 6 "Pastorale", die italienische Satzbezeichnung mit einem deutschen Pendant.
    Der Satz steht in c-moll und umfasst 42 Takte und geht attacca in das Finale über.


    Der dritte Satz "Das Wiedersehn - Le retour" ist überschrieben mit folgender Satzbezeichnung:
    "Vivacissimamente - im lebhaftesten Zeitmaße". Der Satz steht in Es-dur und im 6/8 - Takt.
    Er beginnt mit einer 10-taktigen Einleitung, der eine wiederum recht lange Exposition von 71 Takten folgt, die natürlich wiederholt wird. Durchführung und Reprise umfassen diesmal nur 115 Takte, davon 21 Takte Coda.
    Zusammenfassend har die Sonate folgende Ausmaße:
    1. Satz: 255 (306) Takte;
    2. Satz: 42 Takte;
    3. Satz: 196 (267) Takte;


    Ich hoffe auf eine rege Teilnahme, zumal "Les Adieux" sicherlich noch um Einiges bekannter sein dürfte als die Sonate Nr. 4.


    Liebe Grüße


    Willi :)

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    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 26 Es-dur op, 81 a "Les Adieux"
    Claudio Arrau, Klavier
    AD: 04. 04. 1958
    Spielzeiten: 6:57-3:50-6:03 -- 16:50 min.;


    Von dieser Sonate habe ich drei Einspielungen von Claudio Arrau zur Verfügung, deswegen beginne ich mit der ersten aus dem Jahre 1958. Im Kopfsatz ist er eine 3/4 Minute langsamer als der junge Brendel, aber doch knapp 20 Sekunden schneller als der mittlere Brendel, der zur Zeit der Aufnahme 47 Jahre alt war. Arrau war 55. Korstick war zum Zeitpunkt seiner Aufnahme nur zwei Jahre jünger als Arrau und wenige Sekunden schneller.
    Aussagekräftiger ist vielleicht noch die Zeit, die sie auf das einleitende Adagio verwenden, und da liegt Arrau in dieser Aufnahme bei 1:41 min. (Kaiser sagte mal, die Spannweite das Adagio liege so zwischen 60 und 100 Sekunden). Wollen wir das mal im Hinterkopf behalten, wenn Friedrich Gulda an der Reihe ist.
    Arrau jedenfalls lässt sich alle Zeit, die er für nötig hält, um das Adagio melancholisch, ja klagend zu gestalten, und ich finde, obwohl er sehr langsam spielt, buchstabiert er nicht, sondern er empfindet so. Vergessen wir nicht, dass Brendel über eine Zeitspanne von 15 Jahren im Kopfsatz um eine Minute! langsamer geworden ist. Wir werden noch sehen, wofür dieses Mehr an Zeit eingesetzt worden ist.
    Jedenfalls beachtet Arrau wie stets die dynamischen Vorgaben und nimmt auch im Allegro das Tempo auf. Auch die Dynamik steht jetzt spürbar höher. Die Sforzandi kommen knackig, und mit Takt 45/46 kommen die Legatobögen, die Arrau wunderbar klar ausdrückt. Selbstverständlich wiederholt Arrau auch die Exposition, in der es über größere Abschnitte dynamisch in den Keller geht, und überhaupt wirkt diese Durchführung auf mich etwas gespenstisch, vor allem durch die Ganzen-Akkorde in der rechten Hand, die den Achtel-Sexten (ab Takt 98 Oktaven) mit eingeschlossenen Vierteln gegenüberstehen. Aber dieser gespenstische "Spuk" Durchführung ist schnell schon wieder vorüber, denn schon in Takt 110 hebt die Reprise an, die schon nach 51 weiteren Takten in die 94 Takte lange Coda übergeht. Diese Rastlosigkeit verschwindet aber auch zu Beginn der Reprise nicht. Die Staccati haben noch das Regiment, erst ab Takt 138 kommt eine kleine Erholungspause, die aber bald wieder vorbei ist. Auch die scheinbare Ruhe etwa ab Takt 181, wo die Ganzen mal nach zwei Takten die Seit wechseln, mal einer Viertel gegenüberstehen, wirkt eher unruhig, ja beinahe resignativ, die im Abschied eine mögliche Unumkehrbarkeit sieht, auch wenn immer wieder einmal ein Dolce und ein Legatobogen etwas Anderes suggeriert.
    Claudio Arrau spielt all das mit beklemmender Eindringlichkeit, die den Abschiedsschmerz verdeutlichen soll, stellt den luziden Legatobogen ab Takt 201 unverhüllt gegenüber, desgl. nochmal ab Takt 211, die Hornrufe ertönen ein letztes Mal, dann ertönen die ergreifend schönen aufstrebenden Achtel in den Takten245 bis 251, bis durch zwei Forteschläge in Takt 254 und 255 der Abschied endgültig gemacht wird.


    Das Andante espressivo (In gehender Bewegung, doch mit viel Ausdruck, beginnt im tieftraurigen c-moll, das Thema ab Takt 5 nach oben oktavierend, alles trotz einer Hebung in Takt 8 im Piano-Bereich angesiedelt und wird durch die Sforzandokette in Takt 11 und 12 noch intensiviert- Schmerz pur!
    In Takt 15 hebt das Cantabile an, dass Trost und Besserung verspricht, jedoch nur von kurzer Dauer ist , was Arrau wunderbar aus dem Crescendo in Takt 18 entwickelt und uns wieder in die Schmerzregion entlässt. Die Zweiunddreißigstel begleiten traurig die gezupften Achtel und in Takt 21 wird wieder das Auftaktmotiv auf einem verminderten Septakkord "ins Spiel gebracht", in der hohen Lage wirkt der Schmerz eher noch stärker und die um einen Ton tiefer gesetzte Sforzandokette noch bedrohlicher. In Takt 30 steht ein poco ritartando, das Arrau wunderbar ausführt. Ich bin jetzt schon gespannt, ab alle Nachfolgenden das auch tun. Dieser Takt endet auf einem Crescendo von 4 zweiunddreißigstel-Oktaven, die ja auch noch unter dem Ritartando stehen und zwar zögerlich, aber dann doch wieder ins Cantabile führen, das aber wiederum nur von kurzer Dauer ist, wieder Schmerz, aber dieses Mal doch nur vorübergehend, schon in den letzten beiden Takten 41 und 42 wandelt es sich zum Dur, um dann attacca in das rauschende


    Vivacissimamente auszubrechen, in dem dann auch alle Dämme (der Wiedersehensfreude brechen. Nach der kurzen 10-taktigen Einleitung tritt das Hauptthema in auf- und ablaufenden Achteln auf, zunächst im Piano, aber schon im nächsten Takt der ersten Hebung und Senkung, von Arrau wieder fein beachtet, zuzustreben. Dann wechselt das Thema in die linke Hand. Durch die jetzt immer dominanteren begleitenden Sechzehntel in der rechten Hand und die Tatsache, dass sich das Geschehen inzwischen in die Forteregionen verlagert hat, wird es schwieriger, dem Hauptthema zu folgen, das sich dann auch in Takt 29 auflöst und sich die linken Hand wieder darauf beschränkt, die perlenden Sechzehntelläufe im ff mit kräftigen Achtelakkorden zu begleiten, bevor ab Takt 37 glockenschlagähnliche ff- und sf-Akkorde bis Takt 44 eine Überleitung bilden zu den nächsten melodischen Figuren, diesmal Achtel, die zwei Sechzehntel umschließen, die fast wie auf und ab strebende Freudenhüpfer wirken. Aber auch diese Figuration wird nach acht Takten von einem Legatoabschnitt von auch nur 12 Takten Länge abgelöst. Die Figuren sind so vielfältig, dass ich sie hier nicht alle beschreiben will. Diese sehr bewegte, hochvirtuose Exposition wiederholt der meisterhaft aufspielenden Claudio Arrau natürlich. Sie ist mit 71 Takten auch von ordentlicher Länge.
    Die Durchführen, obzwar sehr kunstvoll gestaltet, ist m. E. noch kürzer als die in der Exposition, denn nach meiner Ansicht beginnt die Reprise schon in Takt 110. Die Durchführung wäre also nur 29 Takte lang.
    Auch die Coda ab Takt 176 ist ungewöhnlich,, denn sie verlangsamt zunächst den melodischen Fortgang, indem sie im Poco andante einsetzt und ins p zurückführt. Sehr lyrisch geht es über zwei Hebungen und Senkungen, bevor in Takt 190 im pp noch ein poco ritartando stattfindet, von Arrau ebenfalls selbstverständlich ausgespielt, und dann die letzten sechs Takte wieder Vivacissimamente- eine, wie ich finde, großartige Aufnahme gleich zu Beginn, und das Vergnügen, Arrau zu hören, werde ich bei dieser Sonate noch zweimal haben.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

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  • Beethoven, Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81 a "Les Adieux"
    Claudio Arrau
    AD: April 1966
    Spielzeiten: 7:01-3:47-6:18 -- 17:06 min.;


    Die Gesamtzeit dieser zweiten Aufnahme Arraus, die genau 8 Jahre später entstanden ist, ist etwas länger, das einleitende Adagio mit 1:34 min jedoch etwas kürzer. Mir erscheinen die Steigerungen etwas kräftiger. Er geht aber jeweils auch in den Decrescendi wieder entsprechend zurück. Ansonsten meine ich aber auch die gleichen Gefühle zu entdecken, die auch in der früheren Aufnahme vermittelt werden.
    In der Exposition nutzt Arrau das dynamische Spektrum voll aus, wir vernehmen ein munter fließendes Allegro mit minimalen Verzögerungen in den Sforzati, eigentlich sind es mehr Akzente. Arrau wiederholt selbstverständlich auch die Exposition. Bemerkenswert die trotz ihrer musikalischen Dichte in der Begleitung klar hervortretenden Takte 56 bis 60.
    Auch in dieser zweiten Einspielung verbreitet die kurze Durchführung etwas Gespenstisches, auch Fragendes, Zögerndes, was durch den unruhigen Rhythmus und durch das langen Diminuendo sehr schön verdeutlicht wird. Die Reprise ist gegenüber der Exposition im Ganzen etwas nach unten transponiert.
    Die lange Coda hebt erst agil an mit hohen Sforzandi, aber die Rastlosigkeit, die Unruhe (des Zurückgebliebenen) kommt auch in der zweite Aufnahme Arraus sehr schön heraus, um dann doch unvermutet ab Takt 196 im dolce wieder sich zum Tröstlichen zu wenden. Sehr schön spielt Arrau die Legatobögen. Ebenso ergreifend spielt er die abschließende pp- Takte, die bis ins ppp herunterreichen, von zwei f-Takten kurz und bündig beendet.


    Auch in der zweiten Einspielung drückt Arrau den Abschiedsschmerz beklemmend aus. Die Steigerungen sind moderat und in den Zweiunddreißigsteln geht er bis zum pp/ppp zurück, ehe er in
    den vier Portatonoten in Takt 14 kurz crescendiert, doch das verhilft dem kurzen Dolce auch nicht zu längerer Dauer, und im zweiten Anlauf wird der Schmerz eigentlich noch eindringlicher durch die schroffen Eingangsakkorde und die im weiteren folgende dunkle Sforzandokette. Doch das Schicksal nimmt einen weiteren, noch erfolglosen Anlauf zum Guten (ab Takt 31), doch letztendlich bricht sich das Glück des Wiedersehens doch Bahn im


    Vivacissimamente: Dieses spielt Arrau ähnlich begeisternd wie in der älteren Aufnahme. Es würde für mich zu weit führen, jetzt Unterschiede herauszupicken. Vielleicht ist eines zu bemerken, dass sich Arrau in dieser Einspielung im Finale etwas mehr Zeit lässt. Aber die Sechzehntel fließen deswegen genauso zielstrebig dahin. In der Durchführung geschieht eine kurze Atempause. Fließend geht es in die Reprise über (Takt 110), und die vorwärts eilenden Sechzehntel liefern sich einen lustigen Wettstreit mit den im halben Tempo vorwärtsstrebenden Achteloktaven. Nach der neuerlichen Atempause in der f/ff-Sforzandokette haben es die Achtelakkorde nun mit Sechzehnteltrillern zu tun, bevor die Sechzehntel nun von Bögen mit abwechselnden Achteln und Sechzehnteln begleitet werden, jetzt im schnellen Wechsel im Viertaktrhythmus immer neue Formen des Zusammenspiels- ein ausgelassenes Szenario des Glücks und der Freude, kongenial von Arrau in Szene gesetzt- dann- noch eine Überraschung, in der Coda nicht noch schneller, sondern Poco andante- ja, ja, bei Beethoven weiß man nie- noch eine Verzögerung, ein Ritartando und dann doch Kurz-Coda in der Coda- oder so!
    Wiederum eine reife Leistung Arraus!


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81 a "Les Adieux"
    Claudio Arrau, Klavier
    AD: Dezember 1984
    Spielzeiten: 7:23-3:54-


    Arraus Spiel ist auch mit fast 82 Jahren noch klar und in der Tiefe mit einem warmen Ton versehen. Natürlich ist er im Alter nicht mehr ganz so schnell unterwegs, aber die Verlangsamung des Tempos ist in allen drei Aufnahmen moderat und schlägt sich auch hauptsächlich in den Ecksätzen nieder, wie ich am Ende dieses Textes in einer Gegenüberstellung zeigen werde. Im Vergleich mit der Aufnahme Ashkenazys aus dem Jahre 1973 zeigt sich in den Sätzen 1 und zwei sogar eine nahezu vollkommene Übereinstimmung.
    Im Eingangsadagio hat er mit 1:34 min. die gleiche Zeit wie 1966. Die Ausdruckskraft ist im Alter ehe noch gewachsen. Auch im Allegro gelingt ihm eine Transparenz des Klanges, die vor allem die Nebenstimmen deutlich macht, sehr schön z. B. in den Takten 50 bis 60. Technische Schwiergkeiten sind ihm fremd, und die dynamische Spannweite zwischen f und pp, vor allem in der berückenden Senkung in den Takten 62 bis 66, ist schon enorm.
    In der kurzen Durchführung ist zwar auch noch Fragendes, Rastloses am Anfang, aber gegen Ende, ab Takt 94, im sempre diminuendo mit den Ganzen-Akkorden in der rechten und den Achteloktaven mit eingeschlossenem Viertel höre ich nun etwas mehr Ruhe einkehren. Vielleicht habe ich das vorher auch nur nicht gehört.
    Auch die Reprise mit den leicht variierten Melodie-Figuren, spielt er mit großem Ausdruck, desgleichen die Coda mit den vielen musikalischen Figuren, der "rätselhaften" Atempause, Takt 181 bis 195 und dem wunderbaren Takt 196, der das Dolce einleitet. Dieses spielt er wiederum auf allerhöchstem Niveau mit den herrlichen Legatobögen, so licht in die ab Takt 223 ein letztes Mal grüßenden Hornrufe. Frappierend auch wieder seine Achtelketten Takt 245 bis 251 vor den drei Schlusstakten!


    Über das Andante espressivo habe ich das Wesentliche meiner Eindrücke eigentlich schon in der vorherigen Rezension gesagt. Vielleicht hat dieses Andante an gefühltem Schmerz noch etwas an Tiefe und in den Cantabile-Sequenzen noch etwas an innerer Leuchtkraft und insgesamt noch etwas an Ausdruck gewonnen, was ja bei den wahrhaft großen Pianisten der Vergangenheit eigentlich immer der Fall gewesen war.


    Rauschend ist auch hier der Vivacissimamente-Auftakt, an die sich die höchst eindrucksvoll und ausdrucksvoll gespielte Exposition anschließt, die in der Melodie bald von den Achtel- auf die Sechzehntel-Figuren umsteigt, wobei der aber in den "Glockenschlägen" ab Takt 37 nicht auf den höchsten ff-Gipfel steigt, was ich auch gar nicht vermisse. Die sich nun schon im durchführungsartigen Stil weiter bewegende Exposition, die in regelmäßigen Taktabständen ihre Melodie- und Begleitungsform verändert, spielt Arrau in entspanntem Tempo, dynamisch sehr aufmerksam und nach wie vor sehr transparent. Nicht immer kann man die Nebenstimmen so verfolgen wie hier, und das kann natürlich nicht auf diese Sonate beschränkt sein.
    In der Durchführung größte lyrisch-expressive Momente zu zeitigen, ist auch nicht alltäglich. Beethoven, und mit ihm einer seiner größten Protagonisten, Claudio Arrau, sind dazu in der Lage. Diese unglaublichen Legatobögen perlen äußerst luzide dahin, vor allem der von Takt 87 bis 92.
    In der Reprise wird das Hauptthema zuerst von der rechten Hand in Achteln gespielt und von Sechzehnteln begleitet, dann umgekehrt. Auch das perlt bei Arrau wunderbar dahin, Glockenschläge, Triller etc. Auch die beiden kleinstschrittigen Crescendi von Takt 146 bis 149 und 154 bis 157 entwickeln sich wunderbar.
    Die Poco andante-Coda ist ein letzter der gewiss nicht kleinen Zahl an Höhepunkten in dieser letzten Aufnahme Arrau von "Les Adieux".


    Eine grandiose Aufnahme!


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81 a "Les Adieux"
    Vladimir Ashkenazy, Klavier
    AD: 1973
    Spielzeiten: 7:27-3:59-6:01 -- 17:27 min.;


    Vladimir Ashkenazy nimmt das Adagio noch breiter als Arrau, der in seiner ältesten Einspielung 1:41 min. brauchte. Bei Ashkenazy sind es 1:48 min. Seine "Lebewohl klingt m. E. etwas beklemmender, schwermütiger, nicht so nach außen gerichtet, was auch an den äußerst moderaten Crescendi ersichtlich ist.
    Sein Vortrag ist gleichfalls sehr transparent, die Struktur der Begleitung gut hörbar, und im Allegro vergrößert er auch den dynamischen Spielraum erheblich. Hier sind dann doch kräftige Forti im Spiel.
    Auch er drückt in der kurzen Durchführung Unruhe, Unsicherheit, Beklemmung aus, wobei er im sempre diminuendo schön zurückgeht. In der ebenfalls recht kurzen Reprise spielt er die Legatobögen etwas schneller und sehr ausdrucksstark.
    In der langen Coda gestaltet auch er den Beginn dynamisch höher stehend, dann in der Übergangssequenz ab Takt 182, dynamisch zurückgehend, tastend, fragend, in das Dolce hinein, in dem er ab Takt 200 einen wunderbar ziselierten Legatobogen spielt: Ashkenazy, auch in dieser Sonate wieder als großer Lyriker, auch in den nächsten Bögen, dann in der Schlusssequenz, sind die Hornquinten etwas zögerlicher, blasser, klingen schon weiter weg. Ansonsten ist auch das wieder sehr ausdrucksvoll musiziert, auch die Staccati in Takt 239 bis 242, dann die letzten lyrischen Achtelläufe.


    Ashkenazys Andante beginnt sehr tiefgründig, ein stiller Schmerz breitet sich aus, dann in dem Crescendo mit den vier Sforzandi ab Takt 82 dringt es mehr nach außen. Die Zweiunddreißigstel in Takt 13 und 14 sind wunderbar durchscheinend gespielt und münden in ein herrliches Cantabile, das sich nahtlos in ein beklemmend gespieltes sehr moderates Crescendo-Diminuendo wandelt, sehr schön hier die Staccati und die gegenüberliegenden Sechzehntelakkorde. Die ganze Passage taucht jetzt noch tiefer in den Schmerz ein, bevor zum zweiten Mal das Dolce die Stimmung aufhellt. Ashkenazy versteht es meisterhaft, in den Talsohlen der Diminuendi an der Hörgrenze zu spielen wie in den Takten 40 und 41.


    Dadurch wird der dynamische Kontrast zum "aufberstenden" Forte-Akkord im Vivacissimamente allerdings um so größer. Mit einem "Paukenschlag" bester Haydnscher Prägung bricht sich die Wiedersehensfreude Bahn. Dass musikalische Geschehen fließt jetzt ungestüm dahin. Das Hauptthema springt von der rechten in die linke Hand, und die Sechzehntel spielen eilfertig die Begleitung dazu. Diese Passage ist ebenfalls sehr schön ausgeführt. Auch bei Ashkenazy klingen die "Glockenschläge" volltönend, die Trillerpassage sehr rhythmisch, die Legatobögen im Fortgang wunderbar fließend und sie werden von den moderaten Hebungen und Senkungen, z. B. in Takt 53 bis 56 und 61 bis 64 in ihrem Fluss nicht aufgehalten.
    In der Durchführung unterliegt der Fortgang einer kurzen, lyrisch in wunderbaren Bögen ausgestalteten Verzögerung, in der die musikalischen Figuren wiederum schnell ihre Form wechseln mit dem Höhepunkt dieses Formenreichtums in den Takten 104 bis 109, die hier als Übergang zur Reprise fungieren, in der es dann im Tempo der Exposition und dem Formenreichtum weiter geht.
    Ich meine auch, dass die "Glockenschläge" in der Reprise an Intensität noch etwas zugenommen hätten.
    Dann die Coda, hier wie ich meine, etwas flotter als bei Arrau mit einem schönen poco ritartando am Schluss des Andante und vor dem Tempo I.


    Ashkenazy setzt die Reihe seiner ausgezeichneten Einspielungen fort, das trifft auch auf die Reihenfolge der Entstehung der Aufnahmen zu, denn vorher hatte er nur die Nr. 32 im Jahre 1971 aufgenommen und 1972 die Nr. 31, !973 schließlich nur die Waldstein und Les Adieux.


    An dieser Stelle möchte ich noch eine Unterlassungssünde wieder gut machen. Ich hatte vergessen, die Zeiten der 1984er-Aufnahme zu komplettieren und die drei Aufnahmen temporal miteinander zu vergleichen. Ich werde dann die Werte der Ashkenazy-Aufnahme gleich mit anhängen:


    Arrau 1958:........ 6:57-3:50-6:03 -- 16:50 min.;
    Arrau 1966:........ 7:01-3:47-6:18 -- 17:06 min.;
    Arrau 1984:........ 7:23-3:54-6:46 -- 18:03 min.;
    Ashkenazy 1973: 7:27-3:59-6:01 -- 17:27 min.;


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi,


    vielen Dank für die differenzierte Besprechungen der drei Arrau-Aufnahmen! Ich bin ein großer Bewunderer seines Klavierspiels und auch bei Beethoven kommt man nicht an ihm vorbei, wobei ihm meines Erachtens einige Sonaten besser liegen - und op. 81a gehört eindeutig dazu! Ich hatte das Glück, ihn in seinen letzten Jahren einmal live erleben zu dürfen. Es stand auch diese Sonate auf dem Programm und es war wirklich unglaublich, mit welch federnderer Leichtigkeit und Klangfülle der damals schon 80jährige spielte. Unvergesslich! Leider fangen nur die späten Aufnahmen die leuchtende Brillianz und die unvergleichlich sonoren Bässe seines Spiels ein. Wie hat er das nur gemacht? Besonders gut zu hören sind bei ihm in dieser Sonate auch die Dissonanzen und Reibungen im ersten Satz, das kostet er mehr aus als alle anderen. Und die Aufschwünge im dritten Satz sind famos, bei der späten Aufnahme aber nicht mehr ganz so beeindruckend. Ich möchte noch auf eine Live-Aufnahme hinweisen, die von 1968 stammt und die noch etwas vitaler ist als die Philips-Aufnahme von 1966, auch wenn die Zeiten ziemlich ähnlich sind. Die Aufnahme hat all die Qualitäten, die Du hier beschreibst, wirkt aber noch etwas freier im Spiel. Der Klang ist historisch bedingt ok, aber keinesfalls besser als 1966 im Studio. Ich könnte mir übrigens gut vorstellen, dass aus den Studio-Aufnahmen aus den 60er Jahren klanglich noch mehr rauszuholen ist.


    Die Zeiten: I: 6:53 II 3:42 III: 6:19 (ohne Applaus: 6:04)



    Es gibt übrigens noch eine vierte Studio-Aufnahme von Arrau. Sie entand zwischen der EMI-Aufnahme und der 66er Aufnahme und wurde etwas versteckt nur in der Box THE LISZT LEGACY veröffentlicht. Die Beethoven-Sonaten in dieser Box sind alle vor Arrau, darunter auch noch Aufnahmen von op. 13, 57, 27/2 und op. 106 (Arraus einzige zweite Aufnahme der Hammerklavier-Sonate!). Und es findet sich eben eine Einspielung der Les adieux-Sonate. Es sind folgende Zeiten aufgeführt: I: 7:01 II: 3:46 III: 5:57. Leider besitze ich die Box nicht, aber über Spotify kann man sie sich auch ohne Abo anhören.



    Beste Grüße,
    Christian

  • Lieber Christian,


    was für eine tolle CD aus Rußland, die ich noch gar nicht entdeckt habe. Ich habe den späten Arrau auch mit Beethoven in der Düsseldorfer Tonhalle erlebt, das war überragend. Er spielte Liszts Dante-Sonate - aber welche Beethoven-Sonate er an diesem Abend dazu vortrug, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Insgesamt habe ich ihn drei oder vier Mal gehört. Einmal ist er für Michelangeli eingesprungen, der kurzfristig abgesagt hatte. Irgendwo habe ich aber die Programme von damals noch aufbewahrt! :)


    Herzliche Grüße
    Holger

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  • Das sind ja interessante Neuigkeiten, lieber Christian. Die CD aus Russland ist ja ein Supertipp. Kannst du Näheres darüber sagen, ob sie in Stereo ist? Wertvoll wäre auch die Nr. 13 sowie als "Beigabe die beiden Brahmskonzerte mit Roshdestvensky, einem Dirigenten, den ich sehr schätze.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Toll, Lieber Holger,


    das werde ich mir sofort zu Gemüte führen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Holger,


    ich habe gerade diese sensationelle Darbietung genossen, leitder geht bei Youtube nicht das Datum dieser Aufnahme aus der Eisntellung hervor. Aber diese Aufnahme ist ein weiterer Beweis dafür, dass es richtig ist, dass ich in den letzten Jahren zunehmend Liveaufnahmen auf DVD erwerbe, weil man live eben Musik nicht nur hört, sondern auch sieht. Und gerade in dieser Aufnahme wurde zweierlei überaus deutlich: zum einen ließ sich Arrau durchaus im Allegro und m Vivacissimamente zu einer etwas schnelleren Gangart eo ipso hinreißen, zum anderen konnte man sehen, wie die Musik auf ihn wirkte und wie sie seine Interpretation bestimmte. Ich schätze mal, dass die Aufnahme irgendwann um 1970 entstanden sein mag, aber, wie dem auch sei, es zeigt sich, dass die Luft dort weit oben auf dem Pianisten-Olymp sehr, sehr dünn ist, und dass diejenigen, die "Les Adieux" adäquat wiedergeben, auch sehr sehr weit oben wiederzufinden sind.


    Diese Aufnahme zeigte alle Vorzüge, die Arraus Spiel hat, Technik, Partiturtreue, Ausdruck und Seele.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Diese Aufnahme zeigte alle Vorzüge, die Arraus Spiel hat, Technik, Partiturtreue, Ausdruck und Seele.


    Lieber Willi,


    wie wahr, ich finde die Aufnahme auch schwer beeindruckend! (Ich schätze wie Du, sie ist von 1965-1970.) Man sieht sehr schön, was für unglaublich große Hände er hatte - und auch seine Physiognomie - der kleine Körper, die riesigen Hände und der eigentlich viel zu große Kopf. Wenn ich mich recht erinnere (ganz sicher bin ich mir nicht) hat Pollini in den 70igern, als ich ihn hörte im Schumann-Saal in Düsseldorf, Les Adieux gespielt. (Daß Pollini damals die Pastorale spielte, daran kann ich mich sicher erinnern.) Später dann hörte ich Les Adieux in den 80igern von Giilels in seinem letzten Solo-Abend (nur mit Beethoven!) in der Tonhalle. :)


    P.S. Ich sehe gerade, es gibt noch ein von der Gema gesperrtes Video der Mondscheinsonate (ohne Ton) aus demselben Konzert - da ist 1970 angegeben. Willi, Du lagst mit Deiner Intuition also richtig! :hello:


    Herzliche gute Nacht Grüße
    Holger

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  • Lieber Holger, einmal auf Youtube, habe ich noch Waldstein un op. 111 (1977, Beethovenfest Bonn), nachgeschoben, der absolute Wahnsinn, vor allem op. 111. Ich glaube, ich habe wohl richtig geplant, das Stück am Schluss zu besprechen. Beide Sätze, das Maestoso und die Arietta sind einfach Endpunkte, die kann man nicht mittendrin besprechen, und ich habe auch beim Verfolgen mit der Partitur gemerkt, wie schwierig das bei der Nr. 32 ist.
    Aber zunächst muss ich noch mal lernen, Videos von Youtube mit Tamino zu verknüpfen. Das hat mir noch keiner erklärt.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi,


    ich habe noch die Programmhefte von 2 Arrau-Konzerten gefunden:


    Das letzte Konzert war ein Festkonzert der Robert Schumann-Gesellschaft, Tonhalle Düsseldorf, Samstag 26. März 1988. Das Programm hatte er kurzfristig geändert - Schumanns Fantasie op. 17 spielte er nicht, sondern dafür Beethovens Sonate op. 10 Nr. 3. Und Les Adieux war dabei! :)


    Programm


    Ludwig van Beethoven


    1. Klaviersonate Nr. 26 op. 81a
    2. Sonate Nr. 7 op. 10 Nr. 3


    Pause


    Franz Liszt


    Les Jeux d´eau a la Villa d´Este
    Petrarca-Sonnett Nr. 104
    Apres une lecture du Dante


    Das andere Konzert war auch in der Tonhalle am 22.3.1981


    Programm:


    Beethoven Klaviersonate op. 27 Nr. 1
    Schumann: Symphonische Etüden
    Debussy: Estampes
    Chopin: Fantasie f-moll op. 49
    Liszt: Apres une lecture du Dante


    P.S.: Die op. 111 (großartig!) habe ich auf dieser DVD (kann ich nur wärmstens empfehlen, auch wegen des überragenden Schumann-Programms):



    Herzlich grüßend
    Holger

  • Lieber Holger,
    ich habe in der Zwischenzeit drei Arrau-DVD's bestellt, von denen ich diese hier vorstellen möchte, weil sie auch "Les Adieux" enthält:

    Es ist eine Doppel-DVD mit Programmen vom Beethovenfest Bonn 1970 und 1977.
    Auf der ersten DVD ist Sonate Nr. 21 "Waldstein", Nr. 3 op. 2 Nr. 3 und Nr. 32 op. 111:
    auf der zweiten DVD ist Nr. 13 op. 27 Nr. 1, Nr. 30 op. 109, Nr. 23 op. 57 "Appassionata", Nr. 14 op. 27 Nr. 2 "Mondschein" und Nr. 26 op. 81 a "Les Adieux".
    Auf der dritten DVD, die er zu seinem 80. Geburtstag 1983 auffnahm, sind unter anderem wieder op. 53 und op. 57 enthalten, und
    auf der 4. DVD, die er ein jahr später in seiner Heimat aufnahme, ist u. a. Nr. 7 op. 10 Nr. 3 enthalten.


    Dann werde ich zukünftig wohl Nr. 26, 7, 30 und 32 von Arrau viermal haben und Nr. 21 und 23 fünfmal. Herz, was willst du mehr.


    Liebe Grüße


    Willi :rolleyes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ist die von dir vorgestellte DVD, lieber Holger, in Stereo? So kann ich das auf der Abbildung nicht erkennen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ist die von dir vorgestellte DVD, lieber Holger, in Stereo? So kann ich das auf der Abbildung nicht erkennen.


    Dem Aufnahmedatum zufolge ist der Schumann und die Sonate op. 111 (Aufnahme aus Paris 1970) Stereo, lieber Willi. Der Schumann ist in London aufgenommen 1963. Es gibt allerdings noch einen Fimmitschnitt der Appassionata auf dieser DVD von 1956 (auch London), der wird in Mono sein. Ich habe aber einen ganz ordinären, technisch etwas antiquierten Fernseher, so dass das bei mir nicht so ins Gewicht fällt. Fernseher-mäßig bin ich eher "nicht hifidel" ausgestattet! :D


    Herzlich grüßend
    Holger

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  • Aber die Appassionate aus London 1956 soll, wie ich gelesen habe, lieber Holger, von Solomon sein. Dann hätte ich endlich auch mal was von ihm und könnte ihn mit in meine Sonatensammlung aufnehmen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 26 As-dur op. 81 a "Les Adieux"
    Wilhelm Backhaus, Klavier
    AD: November 1961
    Spielzeiten: 6:57-3:07-6:00 -- 16:04 min.;


    Wilhelm Backhaus befindet sich temporal in dieser Aufnahme, die er als 77jähriger gemacht hat, etwas unterhalb der Mitte im Adagio, für das Joachim Kaiser bei den meisten Pianisten eine Zeitspanne von 60 bis 100 Sekunden ausgemacht hatte. Nicht nur das unterscheidet ihn von dem zuvor mehrfach gehörten Claudio Arrau, sondern auch die (völlig legitim) selbstgewählte höhere Grunddynamik, für die Beethoven am Anfang ja auch keine Vorschrift gesetzt hatte. Insofern verschiebt sich seine dynamische Spannweite nach oben. Was er jedoch mit Arrau gemeinsam hat, ist ein vollgriffiger Ton und eine klares, sicheres Spiel. Seine Sforzandi sind alle auf sattem Forte-Niveau. Man muss halt bei diesem Dynamik-Management etwas umdenken, aber die Partitur lässt das zu.
    Auch bei dieser hoch stehenden Dynamik ist die Struktur der ebenfalls dunkel gespielten Begleitung sehr gut zu unterscheiden. Auch dies etwas dunklere, kräftigere Espressivo ist sehr bemerkenswert und zieht den Zuhörer schon in seinen Bann. Auch aus dieser dynamischen Höhe kommt er jedoch mühelos in den Takten 62 bis 66 zu einem veritablen pp, und seine Durchführung klingt noch etwas düsterer, rätselhafter, auch bedrohlicher. sein sempre diminuendo ist natürlich diesseitiger als das Arraus oder Ashkenazys. Seine Dissonanzen in der Reprise klingen etwas schroffer, gewalttätiger gar, auch das neuerliche Espressivo ab Takt 142 hat wieder eine eigene Qualität..
    Im Übergang zur langen Coda geht er wieder schön auf pp zurück. Zwischendurch ist dann mal ein p in Wirklichkeit nur ein mp, aber "ein bisschen Verlust ist (fast) immer".
    Die großen Legatobögen in den hohen Lagen klingen bei dieser Spielweise ganz berückend und voll kristalliner Leuchtkraft. Die Hornquinten hält er dann aber in einem sehr interessanten Kontrast zu den vorherigen strahlenden Bögen etwas zurück, eine Rückkehr der Trennungsangst? Diese letzten dreißig Takte sind nochmals sehr stark gespielt.


    Das Andante espressivo spielt er schneller als Arrau, aber ebenfalls sehr ausdrucksstark und drückt den Schmerz über die Abwesenheit m. E. sehr drastisch aus, die Zweiunddreißigstel ab Takt 12 jetzt einen kalten Kristallglanz verbreitend. Dafür trägt er das Cantabile mit dem Klavier wirklich schön singend vor, wieder ins Moll gleitend, immer noch lyrisch zwar, aber ab Takt 21 wieder abgrundtief schmerzvoll. In der Wiederholung wirkt die Sforzandoreihe mit den anschließenden Zweiunddreißigsteln fast noch stärker, und auch im Cantabile fällt es wieder trotz der cantablen Linien der Melodie wieder auf, dass noch eine sehr schöne stetige Begleitung da ist. Auch im Übergang fällt wieder auf, dass Backhaus beides beherrscht, das kräftige Crescendo und das ebenso prägnante Diminuendo, dass in vier sehr beeindruckende pp-Abschlusstakte mündet, einen großen Kontrast öffnende zum


    veritablen ff- Schlag zu Beginn des Vivacissimamente mit einer sehr kräftigen Einleitung, die die überschäumenden Wiedersehensfreude zum Ausdruck bringt.
    Äußerst beeindruckend ist die Passage nach dem Crescendo etwa ab Takt 23, wo er durchgehend ein veritables Forte spielt mit mächtigen Sforzandi und ab Takt 29 sogar durchgehend Fortissimo, und die "Glockenschläge" ab Takt 37 sind gewiss noch im nächsten Gebirgstal zu hören- großartig. Auch die Trillersequenz ist mitreißend. Auch die dynamisch nicht einfachen Hebungen und Senkungen in den Bögen in den Takten 53 bis 56 und 61 bis 64 sind sehr abwechslungsreich und aufmerksam gespielt, und gegen Ende der Exposition, die er auch wiederholt, lässt er es so richtig krachen: ff ist angesagt- kernig!
    Und in der Durchführung-- betreten wir eine andere Welt, das wird hier sehr "ohrenfällig". Reinste Lyrik in wunderbar hellem, jetzt warm leuchtenden Klang. Fast unmerklich, aber stetig, steigt es wieder an (ab Takt 108) und geht unmittelbar in die Reprise über, und es jubelt wieder voller Kraft in allen Oktaven. Besonders die Begleitung ab Takt 113 kommt jetzt voll auf ihre Kosten, und dann wieder die voll tönenden Glockenschläge, und wieder geht es, nach den in rechter und linker Hand parallel laufenden Melodien die Oktaven hinab und die Dynamikkurve hinauf. Selten habe ich die Bassoktaven so souverän, so ausgelassen gehört- und dann, wieder eine andere Welt- das Poco andante ist einfach nur unendlich schön gespielt und dynamisch so moderat wiegend- einfach herrlich, dann- ein letztes Mal stürmen die Sechzehnteloktaven jubelnd hinan.


    Diese Interpretation hat mich einigermaßen erschüttert, vor allem, weil ich nicht mit so einer Großtat gerechnet hatte. Aber "Les Adieux" scheint wirklich für Wilhelm Backhaus ein ganz besonderes Herzensanliegen zu sein.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Aber die Appassionate aus London 1956 soll, wie ich gelesen habe, lieber Holger, von Solomon sein. Dann hätte ich endlich auch mal was von ihm und könnte ihn mit in meine Sonatensammlung aufnehmen.


    Natürlich ist das Solomon! :D


    Herzliche gute Nacht Grüße
    Holger


  • Beethoven, Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81 a "Les Adieux"
    Wilhelm Backhaus, Klavier
    AD: Salzburg, 10. August 1968
    Spielzeiten: 6:50-2:56-6:03 -- 15:49 min.;


    Wilhelm Backhaus hat, 7 Jahre nach der letzten Aufnahme von 1961, im Tempo nicht etwa nachgelassen, sondern noch zugelegt. Er spielt das Adagio nun an der oberen Grenze in nur 67 Sekunden, aber dynamisch sehr zart und singend. Auch seine Crescendi und Sforzandi sind im Adagio durchaus moderat.
    Doch auch jetzt, mit 84 Jahren, produziert er immer noch einen transparenten Klang und macht die Begleitung noch deutlich erfahrbar. Auch sein Espressivo ab Takt 50 ist sehr schön. Sein Decrescendo ab Takt 62 ist ebenfalls außerordentlich beeindruckend. Seine Durchführung klingt nun, 7 Jahre später, etwas abgeklärter, dynamisch etwas zurückhaltender, nicht mehr so erdig. Dieses Klangbild setzt sich in der Reprise fort, klar und dynamisch ausgewogen, aber alles etwas ruhiger.
    Atemberaubend zart seine "Atempause mit den Ganzen und Vierteln ab Takt 181 in der langen Coda, die zum Dolce ab Takt 197 führt. und die auch hier von ihm so vorbildlich gespielten Legatobögen, die dann über die neuerlich "Atempause", die nun etwas tiefer liegt, zu dem luziden hohen, zartesten Abgesang führt.


    Das Andante espressivo spielt er noch etwas rascher als in seiner Aufnahme von 1961 und damit natürlich auch schneller als seine vergleichbaren Kollegen, exakt eine Minute schneller als Alfred Brendel 1975. Er spielt es dynamisch wieder sehr zurückgenommen in einer "zarten Blässe", die subtiler zur Schmerzempfindung führt. Die Zweiunddreißigstel ab Takt13 und 14 perlen wie Eisregen, um einen umso größeren Kontrast in diesem warmen Cantabile von nur wenigen Takten zu eröffnen, bis in Takt 18 die Stimmung schlagartig wieder abkühlt, ab Takt 21 noch kälter wird und sich dann sogar völlig verfinstert, aber in Takt 31, nach den crescendierenden 4 Portato-Noten, wieder in das Cantabile übergeht, das diesmal Besseres verheißt, denn, nach nur kurzer, moderater Wiedereintrübung, ändern sich die Achtel und Sechzehntel schon am Ende von Takt 42 in Dur,


    um in das bewegte Vivacissimamente über zu gehen. Auch hier geht Backhaus von Anfang an nicht bis zum massiven Forte, sondern spielt das Ganze sehr lyrisch und zart, zu Gunsten eines nach wie vor klaren Klangbildes, das die Begleitung sehr gut hervortreten lässt. Auch die "Glockenschläge" werden sehr schöne unter diese einheitliche Klangkuppel eingeordnet. Die Trillerpassage klingt bei diesem späten Backhaus lichter, koboldhafter, mendelssohnscher. Ich sehe in der Klangentwicklung, speziell in dieser Sonate, durchaus Parallelen in der Klangentwicklung des späten Brendel, weniger Klanggewalt, mehr Verinnerlichung. Das kommt auch den wunderbar gespielten Sechzehntelläufen und Legatobögen zu Gute. Backhaus wiederholt auch die Exposition.


    In der äußerst knappen Durchführung verarbeitet er das Thema in schönen lyrischen Wendungen, die sich in großen Legatobögen und sanften dynamischen Hebungen und Senkungen äußern.
    In der Reprise ab Takt 109 steigt die Dynamik wieder an und die Sechzehntel -und Achtelläufe werden von Backhaus in munterem Wettstreit gehalten, immer noch dynamisch zurückhaltender als in der früheren Einspielung, desgleichen die "Glockenschläge und die Triller-Passage, die er wirklich in einmaliger Leichtigkeit spielt, bevor die Achtel und Sechzehntel noch einmal durch die Oktaven laufen.
    Schließlich stellt Backhaus mit der Poco andante-Coda noch mal einen großen temporalen Kontrast her, indem er es extra langsam spielt und dadurch an Ausdruck noch ungeheuer gewinnt, endend in einem veritablen poco ritartando, dann noch ein kräftiges Tempo I. So findet eine große Interpretation ihr Ende.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 26 Es-dur op. 81 a "Les Adieux"
    Daniel Barenboim, Klavier
    AD: 1967
    Spielzeiten: 7:46-4:33-6:03 -- 18:22 min.;


    Daniel Barenboim, dessen Aufnahme ein Jahr vor der zuletzt besprochenen Aufnahme Backhaus' entstand, wählt eine etwas höhere Grunddynamik als Backhaus, lässt sich aber unendlich mehr Zeit für dieses Adagio (1.53 min. - 1:06 min.). Auf diese Weise gelangt er zu einer hohen Expressivität, indem er den einzelnen Noten mehr Gewicht verleiht. Sein Ton ist dunkel und rund.
    Im Allegro greift er beherzt zu und stellt dadurch einen großen Kontrast zum vorhergehenden sanften, lyrischen Adagio. Aber auch im Allegro geht er ebenso tief in den dynamischen Keller, schöpft also auch hier innerhalb des Satzes die Kontraste voll aus, und sein ausdrucksvolles Spiel ist zudem sehr transparent, aufgrund seiner technischen Voraussetzungen auch sehr fließend.
    Auch die Durchführung gestaltet er dynamisch sehr kontrastreich und spielt ein berückendes sempre diminuendo.
    Seine auch in der Reprise wieder hervortretende kraftvolle Behandlung der Partitur ist sicherlich auch seinem zum Zeitpunkt der Aufnahme noch "jugendlichen " Alter von 25 Jahren. Er ist 59 Jahre jünger als Backhaus bei seiner Salzburger Aufnahme. Ähnlich kernig geht es auch zum Beginn der Coda zu. Auch da geht er subito zu Beginn der Ganzen/Viertel-Passage ab Takt 181 bis zum pp zurück, vergrößert also bewusst den Kontrast, was genau an dieser Stelle die Wirkung noch enorm erhöht.
    Kurz vor dem Dolde crescendiert er dann auch ordentlich und geht schwungvoll in die Legatobögen.
    Die Passage ab dem Diminuendo ab Takt 222 ist grandios gespielt und schließt mit einem größtmöglichen dynamischen Kontrast, vielleicht, um eine (vorläufige) Endgültigkeit des Abschieds auszudrücken. Solche Höhepunkte zeugen auch von der erstaunlichen künstlerischen Reife des damals 25jährigen.


    Barenboim wählt für das Andante espressivo ein weitaus langsameres Tempo als Backhaus, um über die Hälfte langsamer. Dadurch wirkt es erdenschwerer, tiefer im Abschiedsschmerz, was durch die Sforzandokette in Takt 11/12 noch gesteigert wird. In diesem langsameren Tempo und in der etwas anderen klanglichen Schattierung wirken die Zweiunddreißigstel aber nicht so kalt glitzernd auf mich.
    Das langsame geheimnisvoll tastende Cantabile ist von beinahe jenseitiger Schönheit. Es gibt als ein Mittel, den Ausdruck an dieser Stelle noch zu steigern. Barenboim führt es hier vor. Es ist (auch) eine Frage des Tempos. Die sich anschließende Sequenz in moll wirkt durch das langsame Tempo in den gebrochenen Akkorden in Takt 19 und 20 noch intensiver, noch trauriger, auf ihre Art auch jenseitig.
    Einzelne Wendungen wie das federleicht-durchsichtige Diminuendo in Takt 26 (die gleiche Stelle kam schon in Takt 10 vor), sind sensationell gespielt, nur einen Takt später das erdenschwere Crescendo- welch ein Kontrast, noch verstärkt durch die nochmals schwerere Sforzandokette, gefolgt von der Zweiunddreißigstelkette, dem tiefschürfenden cantabile und den nochmal gebrochenen Akkorden, die sich mit dem diminuendo ab Takt 36 zu einem in dieser ätherischen Eindringlichkeit faszinierenden und so noch nicht gehörten Übergang formen.


    Das Vivacissimamente tritt nun in strahlender Schönheit hervor, und Barenboim lässt in der Einleitung die Sechzehntel wunderbar perlen. Wie schon vorher, so greift auch hier Barenboim kräftig zu, schöpft die dynamische Spannweite voll aus und lässt die "Glockenschläge" über Berg und Tal klingen. Die Triller in Takt 45 bis 52 haben auch etwas mehr Körper als bei Backhaus. In den Legatobögen kommt aber auch Barenboim ins Schweben, wobei die dynamischen Hebungen und Senkungen fließend sind. Die herrliche Exposition wiederholt natürlich auch Barenboim.
    Die kurze Durchführung gerät durch das weit nach unten verlagerte dynamische Spektrum zu einer weiteren Meisterleistung Barenboims. Auch die im Aufbau sicherlich nicht einfach zu durchhörenden Takte 104 bis 108 geraten selten klar.
    Das Crescendo ab Takt 116 gerät durch Barenboims konsequentes Musizieren zu einem wahrhaft großen, in einem veritablen Fortissimo ankommenden Steigerungsluaf, und auf diesem dynamischen Level geht es noch weiter bis zur nächsten Sforzandokette mit den "Glockenschlägen". Wie, um hier einen zusätzlichen großen Kontrast zu schaffen, spielt er diesmal die Trillersequenz zarter und lässt die folgenden Figuren dynamisch hochstehend an uns vorüberziehen.
    Auch er wählt für die Poco andante-Coda ein langsames Tempo, spielt das wiederum sehr ausdruckvoll mit nochmals vernehmlichen Hebungen und Senkungen und lässt dann den Satz in einem letztmalig aufbrausenden Forte-Tempo I ausklingen.


    Eine ganz hervorragende, zu Herzen gehende Aufnahme eines jungen, himmelsstürmenden Pianisten, der, wie Schuberts Wanderer, damals auch an einen "Weiser" gekommen ist. Hat er die richtige Straße genommen?


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

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