Raff: Streichquartette

  • Raff: Streichquartette (bei cpo)



    Hallo zusammen,


    zumindest Admin wird es interessieren: Das Label cpo hat sich zu einer Gesamteinspielung der acht Streichquartette von Raff entschlossen. Die erste der - wahrscheinlich - auf 4 CDs angelegten Edition erscheint in diesem Monat: Enthalten sind das Quartett Nr. 6 (Suite in älterer Form) und 7 (Die schöne Müllerin), Interpreten sind das Mannheimer Streichquartett, ein exquisites, leider von der Presse nicht sonderlich beachtetes, Ensemble.

    Gruß,
    Gerrit

  • da bleibt nur zu hoffen, daß die Raffsche Kammermusik interessanter als seine Sinfonik ist :(

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Das glaub ich nicht,


    Raffs Stärke ist die Instrumentierung , er hat ein unheimliches Gespür für Orchesterklang und Effekte.
    Aber all das kommt bei Kammermusik eigentlich nicht zum Tragen....


    Für mich ist er (mehrheitlich) ein interessanter Sinfoniker.


    Diese Meinung müssen seinerzeit auch die Herren der Jury der "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien" gehabt haben (sehr hochrangig besetzt) als sie seiner Sinfonie Nr. 1 den ersten Preis (von 32 nominierten Werken) zuerkannten..... :stumm: :D


    Beste Grüße
    aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Alfred schrieb:


    Zitat

    Diese Meinung müssen seinerzeit auch die Herren der Jury der "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien"



    Das waren genau dieselben Herren, die ein Schlüsselwerk der erwachenden Spätromantik, nämlich Mahlers "Das Klagende Lied"
    gnadenlos durchfallen liessen, wegen "dürftiger Instrumentation" :D

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo,


    das Streichquartett op. 77 sowie die drei Streichquartette op. 192 habe ich mittlerweile erworben bzw. kennengelernt.


    Auch ich finde, dass diese Stücke nicht gerade zur obersten Kategorie der Kammermusikliteratur gehören, aber es gibt andererseits auch viele Werke erheblich populärerer Komponisten, deren Quartette geringeres Niveau vorweisen.


    Besonders die Stücke des op. 192 sind (ich möchte keinesfalls zu sehr loben, das wäre unangebracht) vom Aufbau her nicht uninteressant.


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Wie man bei Lesen des Threadbeginns unschwer feststellen kann, war ich 2004 noch kein ausgesprochener Anhänger von Kammermusik. Ich habe daher die angekündigten Quartette "verpasst" - es gibt kein einziges mehr, cpo Hat sie inzwischen gestrichen. Als Alternative bietet sich daher die bei TUDOR erschienen Serie mit dem Quartetto di Milano an, bzw das was hiervon noch zu haben ist, Ich habe mir die Aufnahme mit den Quartetten Nr 1 op 77 und Nr 7 op 192 inzwischen gekauft und heute die Nr. 1 erstmals gehört.
    Mag sein, daß ich heute nicht in bester Verfassung war (wenngleich mir das nicht bewusst ist) - aber beim Ersthören über Lautsprecher nervte mich das Stück. Vielleicht hatte ich falsche Vorstellungen, aber wenn beispielweise beim ersten Satz "mässig, ruhig, breit" steht, so war mein Eindruck doch ein andererer: Nervös vibrierend, vorwärtsdrängend um nicht zu sagen, ein wenig aggressiv, mit wenig "Ohrwurmqualität". Während ich jetzt den Text in die Tasten hämmere höre ich traditionsgemäss die Aufnahme ein zweites Mal (diesmal über Kopfhörer AKG 501) um den Höreindruck zu überprüfen - und komme zu einem positiveren - wenn auch immer noch nicht begeisternden Ergebnis. Vielleicht mit Ausnahme des zweiten Satzes, der an Mendelssohn erinnert.....

    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Lieber Alfred,


    meine Unterstützung has Du jedenfalls. Obwohl ich inzwischen so etwas wie ein Anhänger von Raffs Kammermusik geworden bin, kann ich gerade mit den Streichquartetten sehr wenig anfangen. Das gilt sowohl für die "normalen" Quartette wie Op. 77 und Op. 90 als auch für seine reichlich seltsamen Suiten für SQ. Raff braucht offensichtlich das Klavier in der Kammermusik, um zu Höchstform aufzufahren.......

  • Ich habe daher die angekündigten Quartette "verpasst" - es gibt kein einziges mehr, cpo Hat sie inzwischen gestrichen.

    Lieber Alfred, es hat sie auch nie gegeben, die Edition ist nie über Vol.1 hinausgekommen.

  • Joachim RAFF: Streichquartett Nr 7 op 192 Nr 3


    Heute habe ich das Quartett Nr 7 op 192 Nr 2 in D-dur angehört, welches den Untertitel „Die schöne Müllerin trägt und auf sechs Sätze aufgeteilt ist. Das Beiheft der TUDOR Aufnahme erklärt an dieser Stelle, dass das Quartett mit „Der schönen Müllerin“ von Schubert absolut nichts gemeinsam habe, selbst die Titelwahl könne ein Zufall sein. Letzteres glaube ich mit Bestimmtheit nicht, auch wenn ich beipflichte, dass hier die Stimmung eine andere ist. Das Werk ist auf sechs Sätze verteilt, welche jeweils mit Namen versehen sind.


    1) Der Jüngling (Allegretto)
    2) Die Mühle (Allegro)
    3) Die Müllerin (Andante, quasi Adagietto)
    4) Unruhe (Allegro)
    5) Erklärung (Andantino, Quasi Allegretto)
    6) Zum Polterabend (Vivace)


    Persönlich hat mich das Werk – im Gegensatz zum gestern gehörten Streichquartett Nr 1 – mehr angesprochen. Man höre versuchsweise in Track Nr 8 „Unruhe“ hinein.
    In Falle des Quartetts Nr 7 habe ich eine Vergleichseinspielung zur Verfügung, nämlich jene aus der cpo Serie mit dem Mannheimer Streichquartett. Hier wird in gewisser Weise meine gestrige Kritik bestätigt, wo ich ja ein wenig die Unruhe beklagte. Das Mannheimer Streichquartett spielt etwas entspannter, weniger gehetzt (32:20) als das Quartetto die Milano und ist runder und angenehmer im Klang (niemals aber kompakt oder dicklich) – lieblicher wenn man so will. Das sind keine Welten – hörbar ist es indes doch…..


    Ich freue mich, daß meine Einschätzung des Quartett Nr 1 offensichtlich nicht völlig daneben lag.


    Daß die geplante Veröffentlichung aller Raffschen Streichquartette nicht zustande kam, das habe ich nicht gewusst, Vol 1 (darauf befinden sich die Streichquartette Nr 6 und 7) besitze ich ohnedies.


    Mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Die diskographische Situation bei den 8 Streichquartetten ist nach wie vor unbefriedigend. Es gibt nach wie vor nur drei CDs (die von cpo ist dabei inzwischen vergriffen) und die doppeln auch noch zwei Werke. So haben wir KEINE Aufnahme der SQ 3, 4, 5, und 8. Warum cpo seine geplante Serie nach Vol. 1 abbrach, weiss ich nicht, vielleicht sollte ich mal nachfragen. Wie dem auch sei, die vier eingespielten Werke werde ich in den kommenden Wochen hören und hier vorstellen, die mir noch fehlende CD mit SQ 2+6 habe ich gerade in den USA geordert.


  • Ich habe mir die Aufnahme mit den Quartetten Nr 1 op 77 und Nr 7 op 192 inzwischen gekauft und heute die Nr. 1 erstmals gehört.
    Mag sein, daß ich heute nicht in bester Verfassung war (wenngleich mir das nicht bewusst ist) - aber beim Ersthören über Lautsprecher nervte mich das Stück.

    Obwohl ich inzwischen so etwas wie ein Anhänger von Raffs Kammermusik geworden bin, kann ich gerade mit den Streichquartetten sehr wenig anfangen.


    His String Quartet No.1 dates from 1855, the last year he spent with Liszt and the moody, nocturnal atmosphere of the work shows that master's influence, especially where Raff seeks to create original sound effects. The big, opening movement, Mässig schnell, ruhig, breit, immediately establishes the dark and brooding temperament that quickly leads to several highly dramatic episodes. Next comes a Mendelssohnian elves-dance, Sehr lustig, möglich rasch, the tempo marking literally telling the performers to play it as fast as possible. The very appealing trio section is quite lyrical and provides excellent contrast. This is followed by a long, slow movement, Mässig langsam, getragen, which begins as a simple and quiet melody (our sound-bite) that Schubert might have written. Gradually, however, Raff begins to explore a new world of tonality which no one would revisit for nearly 30 years until Hugo Wolf and the young Schönberg took up where Raff left off. In the powerful finale, Rasch, the music begins softly with echoes from the scherzo of Beethoven's 9th Symphony. The thematic material rushes onward with incredible drive. (cited from http://www.editionsilvertrust.com/)

    Warum stelle ich diese Aussagen gegenüber?


    Nun, um wieder einmal klar zu machen, wie unterschiedlich man Musik hören kann. Nachdem ich dieses 1. Streichquartett von Joachim Raff noch einmal intensiv mit Kopfhörer gehört habe, muss ich sagen, Alfred und Felix irren sich meiner Meinung nach gewaltig. Dies ist grandiose Kammermusik. Wenn dies Quartett repräsentativ für die 8 Streichquartette von Raff ist, dann ist ihm in diesem Bereich noch mehr Unrecht geschehen wie bei seinen Symphonien. Dieses Werk weist - wie der englische Autor schreibt - weit in die Zukunft. Hier ist schon fast der gesamte Brahms drin, der aber erst 18 Jahre später seinen Erstling vorlegte. Vermutlich nachdem er intensiv das Werk von Raff studiert hat, die Ähnlichkeiten an einigen Stellen sind viel zu auffällig, als das es Zufall sein könnte. Auch Raff bezieht sich ja im zweiten Satz wiederum auf Mendelssohn'sche Sommernachtsmusik.


    Dieses 38-minütige Werke ist eine echte Entdeckung für mich und ich bin gespannt auf die anderen Quartette. Das Spiel des Quartetto di Milano ist untadelig, aber da ist noch Luft nach oben. Ich hoffe, man hört das z.B. in Leipzig.

  • Lieber Lutgra
    Einer der Vorteile dieses Forums ist, dass man hier zugleich Rezensent UND Leser von Rezensionen ist, und daß man seine Meinung jederzeit einer Prüfung und gegebenenfalls Revision unterziehen kann. Ich hatte es ja schon in meinem damaligen Beitrag angedeutet, daß meine Aussage eher eine subjektive und durch die Tagesverfassung geprägte sein könnte. Ich habe nun kurz in die beiden Strichquartette Nr 1 und 6 (via Kopfhörer) hineingehört und werde in den nächsten Tagen diese Quartette neu hören und mir noch fehlende nachbestellen. Ich habe dennoch eine gewisse Vorstellung davon, was mich bein Ersthören verschreckt hat. Es war meine Erwartungshaltung. Die Stücke sind ein wenig "nervöser" als die Sinfonien, die auch an exponierten Stellen den Wohlklang beibehalten. In der Tat sind Raffs Quartette "mutiger" als seine Sinfonien - und das wird manche freuen - andere wiederum werden sich erst daran geöhnen müssen - so sie bereit dazu sind.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ich habe nur die cpo-CD mit "der schönen Müllerin"; ich müsste die vielleicht noch mal hören, aber die fand ich, auch gerade gegenüber den Trios, ziemlich enttäuschend. Was aber auch an dem aus meiner Sicht unglücklichen Experiment mit einem "programmatischen" Werk gelegen haben mag. Ähnlich wie Felix Meritis halte ich jedenfalls Volkmann für den weit interessanteren Kammermusikkomponisten "zwischen Schumann und Brahms". (Wobei gar nicht so wenig von Schumanns großartiger Kammermusik mir relativ vernachlässigt zu werden scheint; hier gäbe es sicher für etliche Hörer auch noch einiges zu entdecken...)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Wobei gar nicht so wenig von Schumanns großartiger Kammermusik mir relativ vernachlässigt zu werden scheint; hier gäbe es sicher für etliche Hörer auch noch einiges zu entdecken...

    Von den drei Schumann Quartetten gibt es aktuell beim Werbepartner 12 Gesamtaufnahmen, vermutlich noch mal genauso viele derzeit vergriffene. Dazu Dutzende von Einspielungen einzelner oder zweier Quartette.


    Bei Raff gibt es nur vier Quartette, von denen es überhaupt eine Aufnahme gibt.


    Die 6 Quartette von Volkmann habe ich lange nicht gehört, werde ich aber zeitnah tun. Es würde mich sehr überraschen, wenn die das Niveau von Raff 1 deutlich überragen. Denn dann wäre zu fragen, warum sie z.B. weniger bekannt wären als die von Brahms. Außerdem gibt es auch von den Volkmann Quartetten gerade Mal nur eine einzige Aufnahme.


    Davon abgesehen halte ich auch nichts davon, ständig Vergleiche und Hitparaden von Komponisten und ihren Werkgruppen aufzustellen. Ist Mahler besser als Bruckner, Mendelssohn besser als Schumann, Raff besser als Volkmann? Müßig darüber zu diskutieren. Ich glaube schon, dass die Musikgeschichte im Großen und Ganzen die bedeutendsten Komponisten korrekt "selektioniert" hat. Aber ich glaube auch, dass es nicht in allen Einzelfällen gerecht zugegangen ist und das häufiger mäßigen Werken sehr berühmter Komponisten viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als exzellenten Werken wenig Bekannter. Das liegt natürlich auch an den Marktgepflogenheiten. Selbst das uninteressanteste Werk von Picasso kostet Millionen.

  • Ich beginne mich jetzt sicher zu wiederholen. Jedenfalls ist das mit 38 min recht ausladende 2. Streichquartett von Joachim Raff ein weiteres romantisches Quartett, dessen Bekanntschaft ich sehr gerne gemacht habe und das ich für repertoiretauglich halte. Und die Milanesen spielen es auch so, als wenn es ihnen richtig Freude macht. Schade, dass die geplante Gesamteinspielung der 8 Quartette durch diese Musiker offensichtlich nicht vollendet wurde/wird. Es gibt zwar noch ein Quartett mit diesem Namen, allerdings sind alle vier Musiker andere und ich vermute, dass sie nicht mehr mit Tudor zusammenarbeiten. So gäbe es ja noch die Option cpo und Mannheimer SQ. Aber deren Beitrag (SQ 6 und 7) ist auch schon recht alt. Und - wie ich gerade sehe - schon vergriffen. ;(

  • In entspannter Stimmungslage habe ich mir heute das Quartett Nr 7 op 192 in D-dur "Die schöne Müllerin" in der TUDOR-Aufnahme (siehe Bild) mit dem Quartetto die Milano angehört und muß sagen, daß es mir ausserordentlich gut gefiel. (Das Quartett Nr 1 wird bei Gelegenheit wiederholt gehört) Die ebenfalls in meiner Sammlung befindliche cpo-Einspielung mit dem Mannheimer Streichquartett (wie weiter oben berichtet, ist sie bereits gestrichen) folgt in Bälde.
    Der Name des Quartetts verleitet zu Assoziationen mit dem gleichnamigen Schubert-Liederzyklus, indes hat das Werk damit überhaupt nichts zu tun. Das Sujet einer "schönen Müllerstochter" war im 19. Jahrhundert durchaus vertraut, weit über Schuberts Zyklus hinaus. Überhaupt liebte ja Raff "griffige Titel" - ich vermute, er wollte die Aufmerksamkeit des Publikums dadurch gewinnen.

    So sind auch die einzelnen Sätze des sechssätzigen Quartette ebenfalls betitelt, und zwar:
    1) Der Jüngling (Alegretto)
    2) Die Mühle (Allegro)
    3) Die Müllerin (Andante, quasi Adagietto)
    4) Unruhe (Allegro)
    5) Erklärung (Andantino, quasi Allegretto)
    6) Zum Polterabend (Vivace)

    Allerspätestens beim quirligen 2. Satz habe ich mich in das Werk verliebt und der mit "Die Müllerin" übertitelte 3. ist an Lieblichkeit und Süsse kaum zu übertreffen. "Unruhe" - dieser Titel des 4. Satzes ist gut gewählt - ein Flimmern, ein Flirren, eine von Unrast getragene Bewegung - das ist es was sich uns schon zu Satzbeginn mitteilt. Es ist aber eine Unruhe der Erwartung, der Hoffnung, des Zögerns, Zagens und Zweifelns, keine der Angst oder Bedrohung. Der 5. Satz ist von vielen Einflüssen geprägt, wogegen der 6. Satz "Polterabend" uns freudig selbstbewusst entgegentritt, zu Beginn fast ein wenig förmlich, dann immer ausgelassener, zeitweise von Stellen innerer Freude gebremst, die zwar da ist aber sich nicht so überschäumend gebärdet wie der Grundcharakter des Satzes, schliesslich endet das Quartett aber im freudigen Taumel.


    Man mag darüber diskutieren, ob man das Werk so beschreiben, bzw deuten sollte, wie ich es hier getan habe, indes Raffs Werke fordern manchmal dazu heraus......


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !




  • Auch das Streichquartett Nr. 6 in c-moll, die Nr. 1 aus Opus 192, stellt ein grandioses Formexperiment dar. Es trägt den zusätzlichen Titel "Suite in älterer Form" und bietet tatsächlich fünf Sätze mit den Bezeichnungen "Präludium", "Menuett", "Gavotte und Musette", "Arie. Largo" und "Gigue - Finale". Für Raff bietet der Rückgriff auf die Tradition vorrangig die Gelegenheit, sich vom überlebten Sonatenschema zu verabschieden und die abgesunkenen barocken Formen in die Welt der romantischen Rhapsodie, Tondichtung, Fantasie zu holen. Das wiederum eröffnet dem Streichquartett Möglichkeiten, die weit über den Kanon des klassisch-romantischen Quartettspiels hinausgehen und ins Orchestrale reichen, aber auch ins Konzertante. Raff versucht also mit dem Streichquartett, was Liszt für das Pianoforte unternommen hatte - den kühnen Schritt in die Imagination des größeren Zusammenhangs. Und hier erweist sich das Mannheimer Streichquartett auch den Ansprüchen, die damit verbunden sind, auf eindrucksvolle Weise gewachsen. Der vierte Satz, "Arie. Largo", gerät in einen wundervollen Schwebezustand zwischen vierstimmigem Satz und Violinkonzert.


    Schreibt Musikredakteur Robert Ely 2005 (http://www.deutschlandfunk.de/…ml?dram:article_id=101089).


    Der vierte Satz weist m.E. in seiner Art sehr weit in die Zukunft, sprich in die Gegenwart, er könnte auch einer postmodernen Komposition z.B. aus dem baltischen Raum entstammen. Und wird hier von Andreas Kracher ganz wunderbar gespielt.


    Im CD-Booklet der cpo-Produktion mit den Quartetten 6 und 7 steht eindeutig Vol. 1. Wo also sind Vol. 2-4? Hat cpo angesichts der parallel entstehenden Reihe bei Tudor mit dem Quartetto di Milano kalte Füsse bekommen? Sieht ganz so aus und führt zu der traurigen Lage, dass wir jetzt vermutlich zwei abgebrochene Gesamtaufnahmen haben, die sich bei diesen zwei Quartetten sogar noch überschneiden.


    Stattdessen bringt cpo mit dem Vogler Quartett jetzt eine GA der Dvorak Quartette heraus. Davon gibt es aber schon mindestens 5 aus erster Hand - sprich von erstklassigen tschechischen Quartetten eingespielt, ganz zu schweigen von Dutzenden Spitzenaufnahmen der letzten Quartette, u.a. von Emerson, Pavel Haas u.a.
    Welchen Blumentopf glauben cpo und die Voglers da noch gewinnen zu können. :no: Ist mir unverständlich. Was wir brauchen ist nicht noch einen Dvorak, sondern Raff, Rheinberger, Eduard Franck, August Klughardt... ;(


  • Auch ich habe mich heute mit der - wie schon erwähnt - nicht mehr erhältlichen - cpo-CD mit den Raffschen Streichquartetten Nr 6 und 7 befasst. Allerdings habe ich die Nr 7 - "Die schöne Müllerin" gehört - und zwar um sie mit der TUDOR -Aufnahme die ich vorgestern genossen habe - zu vergleichen. Solche Vergleiche sind immer ein wenig problematisch, da die erste Aufnahme immer ein wenig im Vorteil ist - vorausgesetzt, dass sie gut ist. So auch diesmal: Beide Aufnahme wurden bei ihrem Erscheinen sehr gelobt. Die Aufnahme mit dem Quartetto di Milano sogar als "konkurrenzlos" bezeichnet. Dem möchte ich mich mit aller gebotenen Vorsicht und Respekt vor der Aufnahme mit dem Mannheimer Streichquartett anschliessen, ohne meine sujektive Meinung zum Dogma erhoben zu wissen. Manche Details kommen einfach spritziger oder lieblicher, die Einzelinstrumente kommen bei den Italienern individueller daher. Das mag man mögen oder nicht - ich mag es. Vielleicht vergleicht lutgra bei Gelegenheit ebenfalls (auch er besitzt beide Aufnahmen) und bestätigt meine Wahrnehmung oder er widerspricht ihr...


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Das mag man mögen oder nicht - ich mag es. Vielleicht vergleicht lutgra bei Gelegenheit ebenfalls (auch er besitzt beide Aufnahmen) und bestätigt meine Wahrnehmung oder er widerspricht ihr...


    Ja, das werde ich mal machen. Ich habe aber noch eine sehr interessante Neuigkeit. Ich habe mich mit der Frage, wo denn die folgenden Volumes geblieben sind, an cpo gewendet und vom für diesen Bereich zuständigen Produzenten heute die prompte Antwort bekommen, dass Volume 2 als Doppel-CD im Januar erscheinen soll. :jubel:

  • Lieber lutgra
    Das ist natuerlich eine sehr erfreuliche Nachricht - denn hier wird eine Repertoirelücke geschlossen. Denn egal welcher der beiden Aufnahmen mman den Vorzug gibt - gut sind beide - und ich würde auch beide kaufen....


    Besten Dank für Dein Engagement
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Für den 26.1.2015 kündigt cpo eine Doppel-CD mit den Quartette 2-4 und 8 von Joachim Raff durch das Mannheimer Streichquartett an. Freunde romantischer Kammermusik dürfen sich freuen, denn drei Quartette (3, 4 und 8) sind Weltersteinspielungen. :jubel::jubel: :jubel:


    Außerdem erscheint eine Doppel-CD mit den 5 Streichquintetten von Michael Haydn.

  • Für den 26.1.2015 kündigt cpo eine Doppel-CD mit den Quartette 2-4 und 8 von Joachim Raff durch das Mannheimer Streichquartett an. Freunde romantischer Kammermusik dürfen sich freuen, denn drei Quartette (3, 4 und 8) sind Weltersteinspielungen. :jubel::jubel: :jubel:


    Außerdem erscheint eine Doppel-CD mit den 5 Streichquintetten von Michael Haydn.


    Juhuuuu!!!! :jubel::jubel::jubel::jubel: Hab's auch gerade entdeckt - und wollte es hier posten, doch Kollege lutgra war deutlich flinker!


    Komisch ist nur: Nr. 6 & Nr. 7 liegen seit Jahren bei CPO vor, nun erscheinen 2, 3, 4 und 8 - da fragt man sich, was denn nur mit den Nr. 1 und 5 geschehen soll????? Bleiben für ewig ausgespart aus diesem dann nur Beinahe-Zyklus?? Oder kommt noch ein Nachklapp?


    Grüße
    Garaguly

  • Nach den ersten beiden Streichquartetten hat Joachim Raff erst einmal eine 10-jährige Pause eingelegt, die er dann Mitte der 1860er Jahre beendete und in kurzer Folge die drei Quartette op. 136-138 schrieb, während er eine längere nicht näher spezifizierte Erkrankung kurierte. Inzwischen hatte Raff geheiratet und die einzige Tochter Helene, seine spätere Biografin, war geboren.


    Das 3. Streichquartett ist kompakter als die ersten beiden und ein klassisches Beispiel für ein romantisches Quartett dieser Epoche. Der erste Satz erinnert ein wenig an Brahms. Oder umgekehrt, denn Brahms op. 51 war noch gar nicht geschrieben. Der quirlige 2. Satz wiederum weist auf Mendelssohn zurück. Am erstaunlichsten und eindruckvollsten ist der langsame dritte Satz. Er beginnt homophon mit einer mehr als simplen Tonfolge, so dass man schon denkt, was ist das denn. Um dann in immer komplexere Variationen überzugehen und ab Mitte des Satzes glaubt man sich in Beethoven Spätwerk zu befinden, in den genialen langsamen Sätzen der letzten Werke. Das dürfte für die gesamte Epoche einmalig sein, dass ein Komponist sich in diese" esoterische" Klangwelt begibt. Der Satz steigert sich und bricht recht unvermittelt ab. Das abschliessende Rondo ist wieder der Jetztzeit zugewandt und lässt Dvorak anklingen. Sehr schönes Werk mit vielleicht ein, zwei kurzen Hängern, müsste eigentlich im Repertoire sein.

  • Hallo,


    @Lutz: danke für Deinen Hinweis auf diesen Thread. :)


    die CD mit den SQ 6 & 7 ist ja leider gestrichen (nach panischem Wühlen in meiner CPO-Liste sagt mir selbige, dass ich die CD bereits besitze... puh! :D). Irgendwie unsinnig von CPO, wenn man jetzt dann doch nachlegt. Die Aufnahmen der Quartette 2 bis 4 sowie 8 datiert von 2006/7. Da fragt man sich, warum es gut 6 Jahre zu einer Veröffentlichung braucht und ob es weitere Fortsetzungen geben wird? ?(


    Wenn die frisch bestellte CD eingetrudelt ist, schreibe ich vielleicht ein paar Eindrücke hier in den Thread. :)


    Grüße
    Frank

  • Leider fehlen jetzt noch SQ1 und 5. SQ 1 gibt es in einer sehr schönen Aufnahme mit dem Quartetto di Milano bei Tudor, aber SQ5 gar nicht. Ich werde mal bei Herrn Schmilgun nachfragen, ob die noch kommt.

  • Hallo,


    ich hörte Kammermusik von Joachim Raff:


    Joachim Raff (1822-1882)
    Streichquartette Nr. 2-4, 8

    Mannheimer Streichquartett
    2 CDs 
    Mannheimer Streichquartett
    CPO, DDD, 2006/2007


    Bisher hat mich noch keine einzige Produktion mit Werken aus seiner Feder enttäuscht, so auch nicht diese Doppel-CD mit den Streichquartetten 2-4 sowie 8. Das sind meiner Ansicht nach handwerklich absolut überzeugend gemachte Werke voller Einfälle und gleichzeitig gesegnet mit unmittelbar ansprechendem, melodisch einprägsamen Notenmaterial. Interessanterweise hat Raff erst vergleichsweise Spät zum Streichquartett gefunden - sein erstes Quartett ist mit der Opuszahl 77 versehen. Zuvor dürfte er sich vorwiegend im Bereich der Klavierwerke "ausgetobt" haben.
    Das Mannheimer Streichquartett spielt hervorragend. Hier mal zwei Besprechungen: Klassik-heute, MusikWeb.
    Leider ist die Vorläufer-CD mit den Streichquartetten 6 und 7 (derzeit) bei CPO gestrichen, was ich recht inkonsequent finde, wenn man nun diese Produktion - rd. 7 Jahre nach Aufnahmeentstehung (was war da los?!) - nachschiebt.



    Es fehlen noch die Quartette 1 und 5 (Lutz, hast Du nachgefragt?) und es darf gehofft werden, dass auch die Quartette 6 und 7 eine Reinkarnation in Boxenform erfahren.
    Bis dahin bleibt mir nur, für die gezeigte Doppel-CD einen nachdrücklichen Kauftipp abzugeben.


    Viele Grüße
    Frank

  • Joachim RAFF: Streichquartett Nr 2 op 90 in A-dur

    Zitat

    Leider ist die Vorläufer-CD mit den Streichquartetten 6 und 7 (derzeit) bei CPO gestrichen, was ich recht inkonsequent finde, wenn man nun diese Produktion - rd. 7 Jahre nach Aufnahmeentstehung (was war da los?!) - nachschiebt.


    Vielleicht gab es Probleme mit dem Produktionspartner SWR, oder SWR2. Interessanterweise ist auf den beiden Folgen jeweils das eine oder das andere vermerkt.


    Ich nütze den Hinweis auf diese Aufnahme (sie liegt seit ihrem Erscheinen originalverpackt im Fach mit den noch ungehörten CDs) um mir soeben das Streichquartett Nr 2 op 90 in A-dur aus dem Jahre 1857 anzuhören. Das Quartett ist von beachtlicher Länge - allein der komplexe Kopfsatz dauert ca 15 Minuten. Interessant auch der quirlige Beginn des 2. Satzes, der auch mit "rasch" überschrieben ist. Besonders beeindruckt hat mich der lyrische Teil, etwa 3 Minuten nach Satzbeginn -geradezu von überirdischer Schönheit, in weiterer Folge ändert Raff immer wieder Tempo und Stimmung, ohne jedoch "Brüche" zu produzieren. Der 3 Satz ist mit "langsam., doch nicht schleppend" überschrieben. Eine Gratwanderung. Hier vermeine ich den Satz eines zeitgenössischen Kritikers bestätigt zu finden, der Raffs Kompositionen eher als Hirnarbeit, als eine solche des Herzens qualifiziert. Der vierte Satz ist, wie schon der zweite, wiederum mit "rasch" überschrieben und zudem insgesamt ziemlich unruhig mit liecblichen und interessanten Einschüben.
    Das Quartett wurde recht bald von diversen führenden Quartetten der Zeit aufgeführt und kam auch beim Publikum gut an.....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Leider fehlen jetzt noch SQ1 und 5. SQ 1 gibt es in einer sehr schönen Aufnahme mit dem Quartetto di Milano bei Tudor, aber SQ5 gar nicht.

    Von der Facebook Seite des Mannheimer Streichquartetts, die für cpo bereits die Raff Quartette 2,3,4,6,7 und 8 eingespielt haben.


    'Raff Completed'
    Bald gibt's was Neues auf die Ohren von uns:

    Wir sind so glücklich wieder im schönen Baden-Baden zu sein und mit den letzten zwei Quartetten unsere Gesamteinspielung aller Streichquartette von Raff zu vollenden!


    Es ist nur zu hoffen, dass das jetzt nicht Jahre dauert, bis diese Folge auf CD erscheint.


    Und beim Leipziger Streichquartett heisst es auf der aktuellen Website:


    "Die Gesamteinspielung sämtlicher Streichquartette von Joseph Haydn setzen wir fort, widmen uns dem Werk Joachim Raffs, planen gerne mit Ihnen gemeinsam interessante Konzerte und werden in absehbarer „Nach-Corona-Zeit” wieder live für Sie da sein."

  • Joachim RAFF: Steichquartett Nr 3 op 136 in e-moll


    Angeregt durch das Wiederaufleben dieses Threads habe ich mich heute dem Streichquartett Nr 3 zugewendet. Es war das perfekte Hörvergnügen:


    Die Sätze:


    1) Allegro

    2) Allegro con moto

    3) Andante con moto

    4 Allegro con spirito



    Spritzig und Originell, aber nicht "nervös" in jeder Hinsicht hörenswert. Pizzicati, und ander Efekte beleben den ersten Satz, der sehr anspringend und abwechslungsreich daherkommt, aber immer wieder Ruhepole einschiebt, die allerdings nur von kurzer Dauer sind. Der 2. Satz ist irgendwie in sich geschlossener - das markante Hauptthema zieht sich durch den ganzen Satz. Sehr eingängig - aber gleichzieitg sehr bewegt.

    Der dritte Satz beginnt eher harmlos aber stellenweise steigt das Tempo an, gelegentlich auch die Lautstärke. Sehr reizvoll der Wechsel zwischen einschmeichelnden - stellenweise fast "verträumten " Passagen und den temperamentvollen. Der Satz verklingt fast ins nichts...

    Umso besser kommt der Kontrast zum quirlig beginnenden Finalsatz zu Wirkung. Raff verseht es Tirefe Ruhe und quirliges Leben GLEUICHZEITIG darzustellen (was die Beschreibung natürlich erschwert.


    Der Harenberg Kammermusikführer verhält sich freundlich neutral zu Raffs Kammermusik. Es wird erwähnt, daß sie kaum mehr aufgeführt wird, obwohl da hörenswertes dabei wäre..

    Ich habe gerätselt, warum man sich derart knapp hielt - dabei ist die Antwort doch so einfach. Die Autoren konnten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches (2. Auflage 1998) die Quartette vermutlich gar nicht hören - die meiste Kammermusik wurde erst nach 2000 aufgenommen - und ist inzwischen wieder mehrheitlich gestrichen. Ich vermute, daß bei Erscheinen der letzen Folge der Gesamteinspielung der Raffschen Streichquartette (16 Jahre !!!) jpc eine Gesamtbox zum Budgetpreis spendieren wird (?)

    Das Streichquartett Nr 3 wurde übrigens 1866/67 komponiert und ist dem Hellmesberger- Quartett gewidmet.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !