Robert Schumann - Die Sinfonien

  • Und auch die beiden haben mit Retuschen gearbeitet.
    Das war bei Schumann so üblich, weil er ja nach weitläufiger Meinung zu "dick orchestriert" hatte.
    Doch den letzten 30 Jahren ist da einiges passiert.
    Insofern freue ich mich mit Sagitt auf Järwi!


    Gruß S.

  • Hallo Joseph,


    ja, da siehst Du mal. Mit Bernstein und Karajan ist man auch bestens bedient, da hast Du Recht.
    Vergiss bei deinen Überlegungen aber auch nicht Bernsteins CBS-Aufnahme mit den New Yorker PH mit einzubeziehen.


    Aber wenn man den flotten Szell noch dazu hat, dann rundet das das originale Schumann-Bild noch sehr lohnend ab. Es macht einfach Riesenspass diese Interpretationen zu hören. (Erst gestern habe ich mir diesen Hörspaß mit den Sinfonien Nr.3 und 4 wieder gegönnt.)
    **** Die Manfred-Ouvertüre ist mit Szell wirklich packend und ich würde sagen die Zweitbeste nach Bernstein auf dem Musikmarkt !


    :angel: Für mich die Schumann-Favoriten sind Bernstein (SONY und DG), Karajan (DG) und Szell (SONY).



    8) Ob ich dann tatsächlich noch den Paavo benötige, davon werde ich mich dann, genau wie bei Beethoven, auch bei Gelegenheit von überzeugen.
    ;) Nur bei Beethoven hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Das lag aber nicht an Paavo, sondern an der Besetzungsgröße des Orchesters.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Wir dürfen im Juni mal die Rheinische mit Järvi in Düsseldorf live erleben - ich freue mich drauf. Ich bin gespannt, ob das ein Anreiz wird, die Aufnahmen zu erwerben...

  • Eine wirklich wunderschöne Gesamteinspielung der Schumann-Sinfonien ist meiner Meinung nach diese hier:




    Schumann: Symphonien 1 - 4
    Christoph von Dohnanyi
    Cleveland Orchestra


    Eine Einspielung romantischer Musik, wie ich sehr mag: farbig und mit romantischer Klangschönheit, die Leidenschaft mit etwas Understatement, und es sind viele Einzelheiten in dieser transparenten und weiträumigen Aufnahme hörbar. Nach längerer Zeit habe ich sie heute wieder gehört (die dritte und dann auch die anderen´).


    Bisher ist diese Einspielung nicht erwähnt worden. Im offiziellen Katalog ist sie verschwunden, wie so viele Aufnahmen dieses großartigen Dirigenten. Schade.


    Ich möchte im Schumann-Jahr auch noch andere interessante Gesamteinspielungen kennenlernen. Szell habe ich, mit Gardiner auch 1 und 4 in dieser günstigen Sonderausgabe (schade, dass die Gesamtaufnahmne noch so teuer ist). Bernstein möchte ich gern anschaffen vielleicht auch Masur. Skrowaczewski interessiert mich auch sehr, da ich von seiner Bruckner GA völlig begeistert bin. AUf LP habe ich (und habe es schon mindestens 15 Jahre nicht mehr gehört aber als gut in Erinnerung) Rafael Kubelik mit dem BR-Symphonieorchester. Die sind inzwischen sehr günstig zu haben. Zinman habe ich vor ein paar Tagen im Fernsehen gesehen. Sehr beeindruckende Dirigierschau. Ich muss es mir noch einmal anhören ...


    Erst einmal herzliche Grüße aus Nordwest. Schließlich fließt der Rhein ja in die Nordsee!


    Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Zitat

    Zitat von Novecento (aus dem Beethoven 7-Thread):
    Mir erschließt sich der Sinn des Wiederholens von Unzulänglichkeiten keineswegs, was nützt es denn, abgesehen von einem gewissen historischen Erfahrungsgewinn, der wohl kaum etwas mit Musikgenuss gemein hat, eine wohl schon damals als Notlösung erachtete Interpretation wieder aufleben zu lassen?


    Hallo Schumann-Freunde,


    ich habe jüngst die Gardiner-CD mit dem von Gardiner gegründeten Orchestre Revolutionnaire et romantique (DG) der Sinfonien Nr.1 und 4 mit dem Konzert für 4Hörner als Neuzugang bekommen.



    DG-ARCHIV, 1997/8, DDD


    Als Schumann-Hörer bietet mir diese Aufnahme zum einen überraschendes (die dominanten Pauken gefallen mir sehr), zum Anderen klingt sie fremd und es kommt mir gleich die für mein Geschmacksemfinden zutreffende o.g. Zitat von novecento in den Sinn !
    Warum soll man eine Schumann-Sinfonie in der heutigen Zeit so aufführen, wie es früher nur notgedrungen möglich war ?


    Wenn ich meine Favoriten für Schumann (in Beitrag 122) vergleiche, dann höre ich dort einen packenden Schumann mit einer für die Werke TOP-angemessenen Orchesterbesetzung in allen Facetten. Ich kann auch hier bei Schumann für mich nur wieder feststellen - :no: HIP ist nicht mein Ding !


    :thumbup: Nichts gegen die Interpretation von Gardinner, dem es mit dem Orchester gelingt sehr präzise, in allen Details und in mit einem teils rasenden Tempo, bei dem er oft mit Szell (SONY) gleichzieht, hinzulegen. Doch der reine Orchesterklang erreicht mich bei den Sinfonien nicht.
    Beim Konzert für 4 Hörner bin ich nicht "vorbelastet", da ich es erstmals mit Freude höre (nicht so ein nervendes Getute wie beim R.Strauss-Hornkonzert). Die CD ist schon deswegen ein interessantes Dokument für mich.


    Die Sinfonie Nr.4 ist unter Gardiner wirklich auch fabelhaft gestaltet, aber klanglich stehe ich dann doch auf die Aufnahme(n), die ich in Beitrag 107 goutiere ...

    :D Nachlesen und vom Hocker fallen ... 8) Egal - so will ich Schumann hören !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Ich möchte meinem Namensvetter gar nicht widersprechen, habe aber durch diese HIP-Orientierung den Zugang zu einer Musik wiedergefunden, die ich zwar schon vor Jahrzehnten kennengelernt, mittlerweile aber verdrängt hatte - ein Problem, das ich bei Beethoven kaum kenne, bei Mozart noch weniger.


    Dann wiederum besteht die Gefahr kaum, sich - mehr oder minder zu Recht oder zu Unrecht, darum geht es hier auch gar nicht - von liebgewordenen Hörgewohnheiten auch distanzieren zu sollen ;) . Mir gefällt Schumann jetzt wieder; und daran ist Gardiner nicht unschuldig. Umgekehrt halte ich es keineswegs für ausgeschlossen, dass mir auch diverse Kassettenmitschnitte (unter denen sich mit Schumann nichts HIPpiges :P befindet) jetzt durchaus wieder zusagen könnten.


    HIP bei Beethoven benötige ich - wahrscheinlich wie teleton - weniger dringend. Bei Mozart wiederum kann ich mit vielen Alternativen sehr leicht warmwerden. Aber das zu diskutieren, ist hier nicht der Ort. Siehe abschließend obiges Motto: :thumbup: ;) .


    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • HIP benötigt man eigentlich bei keinem Komponisten, aber es ist eine interessante Erfahrung, zu hören, wie die Werke zu Lebzeiten des Komponisten geklungen haben mögen. Es ist jedoch nicht das allein seligmachende.


    Ich habe zwar auch die Einspielung Gardiners, aber ich favorisiere doch die Aufnahmen von George Szell und Leonard Bernstein.


    Live habe ich in den letzten Jahren Schumann Nr. 4 einmal auf dem Schleswig Holstein-Musikfestival gehört mit der Deutschen Kammerphilharmonie und Paavo Järvi und zwei Jahre vorher mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Riccardo Chailly in der Essener Philharmonie.


    Beides hat mir sehr gut gefallen, obwohl das Gewandhausorchester die gleiche Sinfonie mit der doppelten Besetzungsstärke gespielt hat wie die Bremer Kammerphilharmoniker.
    Es kommt eben doch darauf an, wie gut man ist und nicht, zu wie vielen man versammelt ist.


    Liebe Grüße


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Bei Gardiner überzeugt mich allerdings auch die Interpretation, ich halte ihn für nicht halb so akademisch wie seine Aufnahme gerne gemacht wird.


    Die Bremer Kammerphilharmonie, besonders unter Järvi, ist immer eine Alternative. Im vergangenen Jahr hatte ich das Vergnügen, ihn live in Düsseldorf mit seiner Kammerphilharmonie zu erleben. Ganz große Musik!


    Die Besetzungsstärke finde ich allerdings gerade bei Schumann ein gewichtiges Argument; viele der Legenden, dass er nicht instrumentieren konnte, beruht m.E. auf zu großen Streicherkörpern und nicht passend balancierten Bläsern. Entweder man macht dann den Mahler-Schritt und 'modernisiert' die ganze Instrumentation, oder man geht zurück zu vernünftigen Orchesterstärken. Letztere Variante bevorzuge ich allerdings.


    William B.A. : Wurde in Essen auch die Mahler-Variante gespielt?

  • Auf Youtube habe ich eine besondere Schumann Aufnahme gefunden. Der Titel im Vorspann des Schwarzweissfilmes aus dem Jahr 1965 lautet:


    "Herbert von Karajan zeigt: Die Kunst des Dirigierens, bei der Probenarbeit Schumann 4. Sinfonie d-moll op. 120, Wiener Symphoniker"


    Einige Gegebenheiten trüben den Genuss: Der Film ist in sechs Teile zerstückelt, die Tonqualität ist grottenschlecht, ein störendes elektronisches Wasserzeichen in der Bildmitte ist immer zu sehen.
    Dennoch lohnt es sich, Karajan zuzuhören, was er zur musikalischen Substanz dieser Sinfonie zu sagen hat. Besonders eindrücklich, wie man als Zuhörer und Zuseher miterlebt, worauf der Dirigent im musikalischen Handwerk besonderen Wert legt und wie sich die musikalische Aussage durch die Probenarbeit der Musiker hörbar ändert.


    Die endgültige Fassung der 4. Sinfonie gespielt von den Wiener Symphonikern ist ebenfalls hier zu finden. Karajan wird prächtig ins Bild gesetzt.


    Karajan - Rehearsal of Schumann's 4th Symphony - Part 1


    (Wenn man in der Suchmaske von Youtube obige Angabe kopiert, wird man zu den verschiedenen Teilen geführt. Jeweils die Ziffer in der Partangabe ändern.)



    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

    .

  • Dieses Video besitze ich als DVD. Die Beschäftigung mit dem lehrreichen Proben-Video war für mich auch wieder einmal ein Auftakt, mich mit Schumanns Vierter aufs Neue zu beschäftigen. Da ich keinen eigenen Thread für diese Symphonie fand, schreibe ich hier.


    Maßstäblich ist für mich neben der Karajan-Mono-Version von der DVD seit Jahren die Aufnahme Harnoncourts mit den Berliner Philharmonikern:



    eine Referenz, die ich gelegentlich überprüfe, so auch jetzt.


    Sehr langzeittauglich, höchstwertig in allen Aspekten, mit dunklem deutschen Klang und mit einem so romantischen wie unsentimentalem Zugang musiziert ist die Wand-Aufnahme mit dem NDR-Orchester, die ich seit einiger Zeit mindestens genauso schätze:



    (ich fand sie nervigerweise über amazon.fr, nicht aber .de...)


    Sie übertrifft in so manchen Aspekten auch die zurecht hochgelobte Einspielung Bernsteins mit dem WPO.


    Nun suchte ich aber weiter und entdeckte heute Vormittag eine geniale Einspielung Furtwänglers aus dem Jahre 1953:



    "Wenn es so etwas doch heute gäbe, wenigstens von der Richtung her..." dachte ich nachdem ich ziemlich beeindruckt und durchgerissen nach dieser Symphonie über das soeben Gehörte nachdachte.


    Heute Nachmittag fand ich dann zufällig diese aus dem 21. Jahrhundert stammende Einspielung Barenboims, die mich sehr sehr deutlich an dieses Vorbild erinnert, und mir nicht nur auch sehr gut gefällt, sondern neben der viel besseren Aufnahmetechnik auch eigene Vorzüge hat.
    Es ist ein vollkommen "unzeitgemäßes" Musizieren - so macht das heute eben kaum noch einer. Ach ja, einem Anderen traue ich es von der Musizierhaltung schon noch zu (der sollte irgendwann einmal seiner ersten Philharmonia-Aufnahme eine zweite folgen lassen) , aber in diesem speziellen Fall nehme ich an, dass Barenboim es tatsächlich derart "furtwänglern" lässt ( sage ich einmal salopp, und überhaupt nicht herablassend/negativ gemeint ) wie kein zweiter.


    Hier die sehr hörenswerte Barenboim-Aufnahme:



    Es gibt sie auch als Gesamtaufnahme auf CD, was mich noch während des Hörens am PC zur Bestellung bei Amazon brachte:



    Wie jetzt die anderen Symphonien geraten sind, weiß ich nicht - da lasse ich mich überraschen, hoffe aber das Beste.
    Diese Vierte jedoch war es alleine wert, auf "jetzt bestellen" zu klicken.


    Barenboims Ansatz ist keine historische Interpretations-Kopie, aber eine aus dem inneren Fühlen und Verstehen heraus entstandenes Ergebnis einer durch jahrzehntelanges Musizieren gewachsenen Seelenverwandschaft mit dem vielleicht legendärsten aller Dirigenten. Zugegeben, so ein Musizieren ist heutzutage extrem selten, aber deshalb für mich umso wertvoller. Die üblichen Sätze wie "das Original ist aber doch noch besser" treffen für mich auf diesen Fall nicht zu. Ich war eigentlich noch mehr "smashed" nach dem Hören der Barenboim-Einspielung als beim schon sehr ergreifenden und mitreißenden Furtwängler.


    Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich ein- und dasselbe Werk heute noch klingen kann, wenn man etwa Järvis Bremer-Aufnahme mit dieser Barenboim.Einspielung vergleicht, die ganz klar aus der Wagner-Furtwängler-Richtung her gefühlt und umgesetzt wurde. Das kann man schon bald nicht mehr vergleichen.


    Überhaupt möchte ich einmal grundsätzlich anmerken: Es ist aus meiner Sicht total in Ordnung, wenn man Musikern ihre Vorbilder anhören kann. Wie viele Harnoncourts gibt es nicht in verschiedenen Ausprägungen heute ( sie klingen aber immer anders, weil er extrem speziell und immer auch subjektiv) ?


    Stehen denn die Brahms-Symphonien mit Abbados oder Rattle etwa nicht eindeutig hörbar in der Karajan-Tradition mit den Berliner Philharmonikern? Aber wie!


    Hört man bei Lewis, dass er zu Brendel aufsieht? Ja - Gott sei dank, man hört es.


    Und früher gab es ja auch diese Toscanini- oder Furtwängler-Fraktionen.......


    Ungeachtet dessen kommt bei jedem ja doch nahezu zwangsläufig etwas Anderes und Eigenes heraus, und das ist ja auch gut so.


    Gruß
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Lieber Glockenton,


    zunächst einmal vielen Dank für Deine immer tiefschürfenden Besprechungen, die ich stets mit Gewinn lese. Auch dann, wenn ich die betreffenden Aufnahmen ganz anders bewerte (wie bei Deinen letzten Beiträgen zu Brahms).


    Heute Nachmittag fand ich dann zufällig diese aus dem 21. Jahrhundert stammende Einspielung Barenboims,


    Dieser Hinweis ist für mich sehr wertvoll, denn ich kannte Barenboims Schumann-Einspielungen bislang nicht und werde mir sie nun auf jeden Fall besorgen. Mir hat Barenboims Beethoven-Zyklus mit der Staatskapelle Berlin sehr gut gefallen, dem man ja auch nachsagt, er sei "furtwänglerisch". Das kann ich allerdings nicht beurteilen, weil ich von Furtwängler keine Aufnahmen kenne.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Lieber Bertarido,


    vielen Dank für die Rückmeldung!
    Es ist sehr schön, wenn kein anonymes Schweigen auf die Beiträge erfolgt. "Nicht einverstanden" ist auf jeden Fall spannender als Null-Reaktion ;)


    Dass Du die entsprechenden Brahms-Aufnahmen ganz anders bewertest, finde ich gar nicht schlimm oder "falsch", denn wenn jemand meine Beiträge aus dem Jahre 2007 mit denen des Jahres 2017 vergleicht ( das macht ja keiner....) dann wird er feststellen, dass ich oftmals heute genau das gut finde, was ich früher ablehnte und umgekehrt. Dabei glaube ich sogar, dass ich das, was ich heute bevorzuge, auch damals unbewusst suchte, was aber erst durch lange Prozesse des Hörens- und Musizierens an die Oberfläche kommt. Dafür kann gerne ein Jahrzehnt vergehen...

    Wenn man begründen kann, wo man seine Anknüpfungspunkte an einer Komposition und einer Interpretation findet, die dann dafür sorgen, dass man es gutfindet, dann ist man immer auf einem guten Weg.
    Es hört irgendwie nie auf. Der Grund, warum ich überhaupt im Netz meine neuen Eindrücke ( wie hier bei Schumann 4 von Harnoncourt über Wand zu Furtwängler/Barenboim) weitergebe, ist eigentlich diese Begeisterung, dieses "das ist ja unglaublich-Gefühl". Wenn man es zu Hause nur bedingt teilen kann, dann ist die Veröffentlichung im Netz ein Angebot an Interessierte, es ggf. nachzuhören und sich selbst damit zu beschäftigen. Die unfassbare Bereicherung, die große Musik und großartigen Interpretationen dem Menschen geben kann, ist vielleicht doch zu bedeutsam, als dass man sie nur privat für sich behält.


    Beim Brahms kann ich mir übrigens auch eine solche Entwicklung vorstellen: Leute, die die Musik durch die hochtransparenten Gardiner-Aufnahmen von der Textur her einfach besser verstehen ( und damit lieben) gelernt haben, könnten ja irgendwann sagen: "Ok, ich verstehe jetzt diese Dinge, jetzt aber will ich mich in die Musik einfach fallenlassen, will aufgewühlt und besänftigt werden, will in der Wärme des Klangs baden gehen, will mich durch die Cello-Bratschen-Kantilenen trösten lassen, will die Mollsextakkorde mit Terz im Bass in vollen Zügen genießen.....usw. usw.
    Da kommt man dann unter anderem beim Thema Klang an, und wenn man sich über das Thema Orchesterklang unterhalten will, kommt man an solchen Namen wie Furtwängler oder Karajan einfach nicht vorbei.....


    Was den Schumann anbelangt, bin ich als Harnoncourt-Bewunderer der 80er- und 90er natürlich von seiner Aufnahme der Symphonien mit dem COE hergekommen. Die Järvi-Aufnahmen, die ich auch mit großer Freude hören kann, gehen wohl auf diese von ihm geprägte Tradition zurück. Ihnen ist die kammermusikalische Transparenz, die Gestik und ein höheres Tempo gemeinsam. Es fördert das Verständnis von Zusammenhängen und Strukturen. Dennoch bin ich ja gerade durch die o.g. Harnoncourt-Aufnahme auf den Geschmack eines saftigen Klangs a la Berliner Philharmoniker auch für Schumann gekommen. Als junger Mann hatte ein solcher Klang für mich den Geruch des Spießigen, während alles, was an den Concentus musicus Wien erinnerte, für mich die Zukunft war. Je länger ich mich aber mit der Sache selbst beschäftige, desto mehr möchte ich auch Wucht, Fülle, das Dunkle und Wärme genießen. Das Verständnis der Strukturen leidet für mich jetzt nicht mehr darunter.
    So entwickeln wir uns alle weiter... ^^


    Alles Gute und viel Freude beim Musikhören :hello:


    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Seit einer Woche bin ich nun täglich mit der Vierten von Schumann "zu Gange".
    Immer wieder habe ich gesucht, gehört und verglichen. Dabei habe ich nebenbei gesagt auch die Dritte mit Barenboims neuer Aufnahme ( ich besprach die Vierte oben und bestellte diese Gesamtaufnahme ) gehört. Ich hoffe, dass Bertarido die Mit-Bestellung nicht bereut, denn diese Aufnahme der Dritten hat bei mir beim ersten Anhören so einige Fragezeichen hinterlassen.....Doch davon vielleicht später mehr.


    Jetzt aber zurück zur Vierten.
    Ich bin also auf eine - wie ich finde- ziemlich interessante und mir noch nicht bekannte Karajan-Aufnahme gestoßen, nämlich diese Spätaufnahme mit den Wiener Philharmonikern, die auch eine Dvorak-Symphonie enthält:



    Wie ich finde, kehrt Karajan zu den guten Aspekten zurück, die er damals mit den Wiener Symphonikern vor laufender Kamera sehr überzeugend probte und aufnahm ( gibt es als DVD), aber noch mehr:


    Es ist eine merkwürdige Mischung aus einer überraschenden klanglichen Leichtigkeit/Transparenz und einer irgendwie todesbewussten Traurigkeit. Hier klingt es ganz anders, als die eher dick-auftragene Aufnahme mit dem BPO, die einerseits schwer und zu unartikuliert, aber andererseits auch an manchen Stellen -für seine Verhältnisse- erstaunlich unkultiviert daherkommt und zudem- sehr leider- an dem Brutal-Vibratoton des damaligen Flötisten leidet, welches mich hier mehr stört, als noch bei den Brahms-Symphonien.


    Die Tatsache, dass Schumann dieses Werk in späteren Jahren auf die hier auch gespielte Endversion umarbeitete, wird meistens mit seiner zu diesem Zeitpunkt schon krankhaften Schmermut in Verbindung gebracht. In der Tat ist es so, dass diese Version wesentlich dunkler und weniger optimistisch klingt, wie die Urversion, die etwa Harnoncourt mit dem COE (Warner) oder Rattle mit dem BPO neulich musizierten. Aber gerade wegen dieser "dunklen" Umarbeitung, die das Stück aus meiner Sicht auch insgesamt schlüssiger machte, ziehe ich die bekanntere letzte Version eindeutig vor.


    Die Einleitung lässt Karajan sehr gesanglich, aber doch mit einer immer noch gut erkennbaren Phrasierung und Artikulation spielen, die dem Verständnis und nicht nur ganz simpel dem Klangstrom dient. Hier höre ich auch einen wichtigen Unterschied zur BPO-Aufnahme ( DG).
    Bereits von den ersten Takten an scheint die betroffen machende Dunkelheit durch. Sie wird aber nicht irgendwie durch schweres Spiel "gemacht", sondern sie ist einfach da. Es klingt klar und durchhörbar, aber dennoch scheint die dunkle Stimmung weniger vorder- als hintergründig zu sein, und damit tiefer in die Erfahrungswelt des Hörers einsinkend.
    Den schnellen Teil lässt er wie gewohnt zügig spielen, immer auch traumwandlerisch sicher was Timing und Metrum anbelangt. Alles wirkt hier lebendig, inspiriert, organisch und musikalisch.
    Sehr beeindruckend die Grätsche der Blechbläser in der Durchführung (der Ton zum Glück ohne dim.!) und dann - HvK sei Dank- der Übergang zu den Streichern ohne "Loch".
    Die lyrische Episode, die mit dem vielleicht schönsten Übergang der Symphonie beginnt, ist ihm hervorragend gelungen. Es ist wirklich schwer, solche allgemein bekannten Lieblingsstellen derart super zu machen, alles dabei herauszuspielen und dennoch dabei nicht macherisch und gewollt daherzukommen, was schnell ins Schmalzige, gar Lächerliche umschlagen könnte.


    Auch die Romanze ist gerade von den wunderbar ausschwingenden Kantilenen traumhaft gelungen, und die Solisten des Anfangs sind hier wirklich perfekt zusammen ( miteinander und mit dem Orchester, ich erwähne es, weil es mir schon auf diversen Aufnahmen auffiel, dass es gar nicht so selbstverständlich ist).
    Das Trio mit dem Geigensolo ist zum Dahinschmelzen. Die Begleitstreicher machen nicht so schöne und erhellende Sachen, wie die BPO-Kollegen es unter Harnoncourt ( live) durften, aber dennoch vermisst man nichts, weil die Klangbalance und der Gesamteindruck des Geflechts einfach überirdisch schön gelungen sind. Wenn dann die Kantilenen derart tief ins Herz eindringen und einen in den Sog der Musik hineinziehen....wer will da noch meckern?


    Das Scherzo wird langsamer als bei Harnoncourt gespielt, aber auch sehr intensiv, und die paarweise Auflösung der Thema-Melodietöne, etwa in der ersten Violine ( Anfang) kommen so schön deutlich heraus. Dieses leichte Schütteln mag ich spätestens, seit ich Böhms Auffassung von Schuberts Unvollendeter kenne...


    Der Rückgriff auf den Tonfall des vorhergehenden Trios lässt im folgenden Trio keine Wünsche offen - man hört hier schon irgendwie keine "Interpretation" mehr, sondern bekommt ein Gefühl von " das ist jetzt nur noch Schumann". Orchester und Dirigent werden in solchen Momenten unwichtig.Dann kommt der Übergang zum Finale, den er einem großen Bogen darzustellen vermag. Für mich passt hier einfach alles. Es übertrifft die eigene Berliner Einspielung in meinen Ohren sehr.


    Was kommt aber dann? Bricht ein jubelnder Sturm zum Licht hin aus?
    Nein! "Ja, was um Himmels Willen macht er denn da?" war mein Ausruf, als ich es zum ersten Male hörte.
    Ich war regelrecht entsetzt, denn ich erwartete einen in die rauschende Begeisterung mündenden Schluss.
    Machen das nicht alle Dirigenten so? Bei seiner Frühaufnahme mit den Wiener Symphonikern war es jedenfalls noch so und alle mir sonst bekannten Dirigenten machen es auf ihren Aufnahmen auch in diese ekstatische Richtung, gerade auch Furtwängler und Barenboim.
    Hier jedoch wird diese für eine deutsche Symphonie typische Ausrichtung konsequent vermieden. Es scheint mir fast so zu sein, als wenn Karajan spürte, dass ein triumphalen Schluss vielleicht zur Erstfassung passen muss, aber hier von Schumann vielleicht gar nicht mehr beim Durchhören seiner eigenen Partitur so empfunden wurde.


    Schon dachte ich, dass es einen Grund für die Nichtbestellung gäbe ( ich höre diese Einspielung bisher über Spotify), aber nach einiger Gewöhnung mag ich es jetzt sogar und sehe diesen Ansatz als legitim und möglicherweise sogar richtig im Sinne von "entspricht der Gemütslage des späten Schumann" . Es hat durchaus auch seine Vorteile, es so zu spielen. Erst nannte ich es gebremst, jetzt eher verweilend und unbeschwerteren Zeiten nachsinnend.
    Wenn es so klar, mustergültig transparent und in einer kammermusikalischen Perfektion ausgeführt wird, wie es hier den Wiener Philharmonikern gelang, dann wird man für den ggf. entgangenen Final-Rausch bestens entschädigt.


    Vielleicht ist es Einbildung, aber es scheint mir bei dieser Einspielung der Vierten von Schumann so eine gewisse Todesahnung mitzuschwingen, nicht nur was den Komponisten anbelangt, sondern auch den Dirigenten. Dies ist eindeutig eine altersweise Interpretation, die ein ganzes Leben der Beschäftigung mit diesem Werk im Gepäck hat, aber über die vorherigen Ansätze m.E. weit hinauswächst, ohne dabei die karajansche Überzeugung zu Schönheit und Ästhetik zu verraten. Einfach gesagt: Ich höre hier vollendete Schönheit, aber nicht nur oberflächlich, sondern lyrisch und in der Tiefe irgendwie auch betroffen machend.


    Im Vergleich zu Furtwängler/Barenboim hören wir hier vom Orchesterklang her mehr schwebende, kammermusikalische und doch großorchestrale Klarheit, statt dräuender Ausuferung ( etwa in den Bässen...).


    Ich mag beide Ansätze und werde sehen, zu welcher CD ich mich meistens "aufgelegt" fühle.
    Dieser spät-karajansche Schumann ist auf jeden Fall immer unsentimental, aber dennoch das Innere bewegend.


    So merkwürdig es klingen mag: Es kommen mir ab und zu Vermutungen darüber, weshalb einige Spätaufnahmen ( auch Live-Aufnahmen) Karajans bei aller typischen Perfektion doch einen menschlicheren, irgendwie musikalischeren Eindruck hinterlassen, als so manche Einspielung der 70er- und 80er-Jahre. Ob die Kränkung, also das "Kratzen am Ego" durch den Streit mit dem Orchester künstlerisch bei ihm sogar heilsam war?
    Auch das späte Neujahrskonzert, bezeichnenderweise mit den Wiener Philharmonikern, ist einfach vorzüglich gelungen. Es ist wunderbares Musizieren, ohne so eine gewisse Hybris oder wie man es nennen soll. Die Klangästhetik ist nach wie vor typisch Karajan, aber jeglicher Hauch von eitler und hohler Aufgeblasenheit ohne Tiefe fehlt. Diese Einspielung der Schumann-Symphonie geht in diese schon vom Neujahrskonzert bekannte "klare"-Richtung, gerade auch vom Klanglichen her, ebenso der Dvorak, dessen Orchesterklang mir sehr hervorragend klingt, dessen Kompositionsweise mir aber noch etwas ungewohnt und verworren/fremdartig vorkommt. Wer diese Musik aber mag, wird hierbei sicher auch auf seine Kosten kommen.


    Das günstigste Gebraucht-Angebot bei Amazon ist leider soeben an mich verkauft worden - sorry Freunde... ;):P , aber wer nicht so sehr aufs Kleingeld schauen muss, und kein Karajan-Hasser aus Prinzip ist, dem kann ich von meinen Hörerfahrungen bei Spotify-Premium her diese Schumann 4 eindeutig empfehlen.


    Gruß
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Guten Morgen,


    Angeregt durch diesen Thread habe ich gerade begonnen meine CDs durch zu sehen - und jetzt läuft gerade die 1.Sinfonie - ich glaube diese Aufnahme wurde noch nicht genannt :



    Die nächsten Tage werde ich weitere Aufnahmen anhören ( Gardiner, Bernstein WPH, Dausgaard 1,2+4 ) . Da ich mich immer mehr auch zu Szell hingezogen fühle werde ich mir seine GA wohl noch zulegen "müssen". Kennt jemand die Solti GA ? Als alter Solti Fan bin ich da voreingenommen und höre auch nicht so analytisch.


    Gruss


    Kalli

  • Die Vierte mit Solti und den Wiener Philharmonikern hörte ich soeben.
    Sehr gutes Handwerk, eine etwas zähe Einleitung, nicht besonders stark im pp ( andere bekommen das leiser und doch ausdrucksvoller hin).
    Eine gute Oberfläche mit hier und da einigen Rumms-Effekten bei den Bläsern , die der ein oder andere vielleicht als "packend" oder "mitreißend" bezeichnen würde.
    Es fragt sich ja immer, warum so ein Komponist überhaupt die Musik schrieb. Wollte er ein paar Noten schreiben, die gut zusammenpassen und einen dann an markanten Stellen irgendwie "packen" können, oder was wollte er eigentlich? Geht es da um mehr als um Spaß, der durch ungeschickt-zuckende Bewegungen des rechten Fußes bei zwei aufeinanderfolgenden Rumms-Rumms-Orchesterschlägen (inklusive Pauke) nachvollzogen wird, und dabei sein irgendwie geartetes Äquivalent im Mitschwingen von Füßen bei Swingmusik findet?


    Mir scheint es hier um eine zutiefst (deutsch-)romantische Auseinandersetzung zwischen Schwere, Betrübnis, Sehnsucht, verliebten Schwärmereien und utopischen Visionen von ewig ungestörtem Glück zu gehen. Manche nehmen an, dass hier auch autobiografische Dinge des Schumann-Paares einflossen.
    Die spätere Überarbeitung in die Endfassung hat der Symphonie einen schlüssigen, aber auch dunkel-tragischeren Charakter gegeben.
    Formlose oder gar sentimentale Gefühlsschwelgereien findet man in diesem Werk indes nicht, denn da ist es zu sehr durch den Hintergrund von Barock und Wiener Klassik und durch die Nähe zum Klang und der resultierenden Denkweise der deutschen Sprache hinsichtlich Form und Ausdruck determiniert, selbst wenn die Sätze hier - im Gegensatz etwa zu Schuberts Symphonien- ineinander übergehen.
    Diesem Umstand muss ein Kapellmeister, der sich anschickt, diese Musik zu dirigieren, auf jeden Fall Rechnung tragen.


    Nun habe ich nur die Vierte mit Solti gehört. Meinem Eindruck nach bleibt er bei dem Offensichtlichen zu sehr stehen, realisiert das aber Orchester/dirigententechnisch durchaus sehr gekonnt. Diese Aufnahme hat also ihre Meriten, ist auch besser als manche andere, aber die Einspielungen von Harnoncourt/BPO ( siehe oben) Wand und Karajan WPO ziehe ich vor. Aufnahmetechnisch scheint mir - mit Vorbehalten hinsichtlich Spotify-Premium- in diesem Fall Karajan mit der DG beim gleichen Orchester die besseren Voraussetzungen erwischt zu haben. Es ist schon pikant, wenn ich ausgerechnet dem weithin als "Mann der schönen Oberfläche" bekannten Herrn von Karajan das vielfach besser gelungene Freilegen der die Komposition auslösenden und unterliegenden künstlerischer Botschaften attestiere. Diese typische harnoncourtische Forderung, dass Musik innerlich bewegen, erschüttern und trösten soll, scheint mir paradoxerweise hier gerade von Herbert von Karajan besonders gut erfüllt worden zu sein. Allerdings, und das möchte ich schon betonen, in dieser Spätaufnahme.


    Gruß
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Die spätere Live-Aufnahme der 4. Symphonie mit den Wiener Philharmonikern ist auch in der Gesamtaufnahme mit den Berliner Philharmonikern als Bonus inkludiert (siehe Rückseite, CD 3):



    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Danke für den Hinweis !


    Da ich Karajan sowieso kaufen wollte ist es wunderbar, dass auch die späte 4. bei dieser Ausgabe dabei ist - wollte schon die andere GA bestellen. Nebenbei habe ich den hier schon erwähnten Dohnanyi und Szell ( da bin ich schon gespannt - das gleiche Orchester...) gebraucht bestellt - das wäre eigentlich fast was für den "Sammler" Thread.... Ich höre mir erstmal an was da kommt - im Augenblick ist Gardiner im Player. Gefällt mir besser als Solti......


    Kalli

  • Kein Problem, lieber Kalli.


    Als ich mich vor vielen Jahren erstmal an Schumann heranwagte, war Karajan mein Einstieg. Es scheint nicht der schlechteste gewesen zu sein, denn Schumanns Symphonien sind mir mit die am meisten ans Herz gewachsenen (aller Kritik an seiner Orchestrierung zum Trotze). Heute würde ich Karajan nicht mehr in der allerobersten Liga der Schumann-Dirigenten verorten. Er spielte im Konzert offensichtlich nur die Vierte, der Rest scheint ihn nicht besonders gereizt zu haben. Ich habe mittlerweile einfach zu viele andere Interpretationen gehört, die mir noch deutlich näher gingen. Ich nenne mal nur aus dem Stegreif Klemperer (1-4), Bernstein (1-4), Knappertsbusch (4), Furtwängler (1, 4), Swetlanow (2), Goodall (4), Wand (3), ja sogar Gielen (1, 2).


    Karajans späte Wiener Aufnahme habe ich ewig nicht mehr gehört. Es mag aber zutreffen, dass diese die Berliner Einspielung übertrifft und in einer anderen Liga mitspielt. Das muss ich beizeiten nochmal überprüfen. Harnoncourt kann ich mir übrigens auch sehr gut vorstellen. Von dem kenne ich ausgerechnet nur Ouvertüre, Scherzo und Finale, das er aber famos interpretiert. Chaillys Gesamtaufnahme der Mahler-Bearbeitungen halte ich für eine der besten Leistungen dieses mir nicht besonders nahestehenden Dirigenten und für allemal hörenswert. Selbst Michael Gielen spielte die Mahler-Retuschen (noch 2014 bei seinem vorletzten Konzert).

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Karajan und seine beiden DG-Aufnahmen der Sinfonie Nr.4

    Karajans späte Wiener Aufnahme habe ich ewig nicht mehr gehört. Es mag aber zutreffen, dass diese die Berliner Einspielung übertrifft und in einer anderen Liga mitspielt.

    Hallo Josef,


    das kann ich so ganz und gar nicht bestätigen. Die Wiener Aufnahme hatte mich eher enttäuscht ...

    Dazu zitiere ich meinen Beitrag aus dem Thread der Sinfonie Nr.4:

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Lieber Wolfgang,


    auch ich zähle mich zu den uneingeschränkten Schumann-Verehrern, habe bereits mehrfach sein Grab in Bonn und seine letzte "Heimstätte" in Endenich besucht. Erste Bekanntschaft machte ich mit den "Kinderszenen" (Walter Gieseking, Columbia), da war ich 10 oder 11.

    Im jungen Erwachsenenalter lernte ich dann auch seine Sinfonien kennen. Nachdem ich die Vierte in der legendären Furtwängler-Fassung (DGG) erworben hatte, habe ich mich auch auf die übrigen Sinfonien "gestürzt", die "Frühlingssinfonie" mit Ferenc Fricsay (DGG) und die Nr. 2 & 3 mit Schuricht und dem Conservatoire-Orchester Paris (Decca). Sie gefielen mir alle auf Anhieb, nur mit der Zweiten wurde ich lange Zeit nicht so recht warm. Die Furtwängler-Aufnahme gibt es in diversen Ausgaben, Fricsays Erste in der GA der DGG, und Schurichts alte Aufnahmen sind hier enthalten:

    Klanglich sind die natürlich nicht "up to date" (mono), aber künstlerisch können sie auch heute noch bestehen.


    Inzwischen habe ich mindestens 7 Gesamtaufnahmen und dazu noch etliche Einzel-CDs im Regal, darunter natürlich Karajan, Klemperer und Sawallisch, nicht zu vergessen Konwitschny (das waren meine ersten Stereo-Fassungen, auf "Fontana").

    Eine weitere Aufnahme möchte ich hier zur Diskussion stellen, sie wurde bisher noch gar nicht genannt. Ins Hintertreffen ist sie nicht eigentlich geraten, weil sie noch nie so recht im Vordergrund gestanden ist, obwohl sie unzweifelhaft ihre Qualitäten hat:

    Eliahu Inbal und das New Philharmonia Orchestra London (Aufnahmen: 1970/71).

    Der israelische Dirigent hat jahrelang in Frankfurt a.M. gewirkt und dürfte aus dieser Zeit vielen noch bekannt sein, auch war er auf Platte "Begleiter" wichtiger Solisten, wie Werner Haas und Cyprien Katsaris.

    Seine Schumann-Sinfonien auf PHILIPS haben mich auf Anhieb begeistert. Erstens hat er mit dem POL ein vorzügliches Orchester zur Verfügung, das damals nominell noch von Otto Klemperer geleitet wurde (er starb 1973), aber ich finde Inbals Interpretationsansatz ganz einfach großartig. Er dirigiert mit Emphase und spürbarem Engagement, den oft vernachlässigten Mittelstimmen widmet er seine besondere Aufmerksamkeit, kurz gesagt, es ist ein Zyklus, der aufhorchen läßt. In einer Kritik heißt es treffend: "..... hier vermittelt sich die Seele des Komponisten".


    Später hat Inbal die Schumann-Sinfonien noch einmal für DENON eingespielt; diese Versionen kenne ich nicht.

    Ursprünglich hat Philips noch die sogenannte "Zwickauer Sinfonie" angefügt, der späteren Überspielung auf 2 CDs ist diese zum Opfer gefallen. Bei mir hat dieses Frühwerk keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

    Einmal editiert, zuletzt von nemorino ()

  • Ursprünglich hat Philips noch die sogenannte "Zwickauer Sinfonie" angefügt, der späteren Überspielung auf 2 CDs ist diese zum Opfer gefallen. Bei mir hat dieses Frühwerk keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

    Lieber Nemorino,


    ich bin mit den Jahren mit den Schumann-Sinfonien (zum Vergleich) so gut eingedeckt, dass ich heute kaum eine weitere GA kaufen würde, weil dies bei meiner Auswahl ziemlich unnötig wäre.

    Dies sind die in meiner Sammlung verbliebenen lohnenden GA, die ich für Wert halte auf jeden Fall zu behalten:

    Karajan (DG), Szell (SONY), Bernstein (DG und SONY), Solti (Decca), Paavo Järvi (major, DVD), Levine (DG), Dohnanyi (Decca), Gardiner (DG-Archiv).

    8) Diese sind auch allesamt klanglich auf so hohem Niveau, sodass der Hörspass eindeutig gewahrt bleibt.


    Die Zwickauer Sinfonie (1832) kenne ich nur aus der Gardiner-GA, die ich mir erst im April 19 gekauft habe. Gardiner geht dieses Frühwerk spritzig und feurig mit dramatischer Entwicklung im 1.Satz an. Da sind schon beethovensche Züge als Vorbild deutlich erkennbar und Langeweile kommt da nicht auf. Der 2.Satz wirkt wie eine Mischung aus Andante mit Scherzo ... da war er noch auf der Suche nach der Form. Er skizzierte noch den 3. und 4.Satz, aber hinterliess dann quasi einen Torso.

    Alles in allem trotzdem ein anspringendes Werk, dass unter Gardiner nicht uninteressant wirkt !


    Die Sätze der Zwickauer (Spieldauer bei Gardiner = 18:35):

    1. Moderato - Allegro

    2. Andantino (quasi Alegretto) - Intermezzo (Quasi Scherzo): Allegro assai - Andantino



    Schumann wollte sich ja, genau wie Berlioz, von seinen Vorgängern absetzen, sodass er später auch dazu überging die Sätze nahtlos ineinander übergehen zu lassen - Sinfonie Nr.4 d-moll.

    Die Gardiner-GA (DG-ARCHIV) enthält auch die Originalfassung der Sinfonie Nr.4 d-moll (1841), die sich in der Behandlung des Orchesterklanges deutlich von der bekannten und Spätfassung 1851 unterscheidet, die weit dichter und sinfonischer wirkt. Brahms zog diese Frühfassung wegen ihres klaren Klangbildes sogar gegen die Einwände von Clara Schumann durch (ich berichtete im Schumann 4 - Thread).

    :!:Ist interessant beide Fassungen der Sinfonie Nr.4 zu hören.


    DG-ARCHIV, 1997, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Danke, lieber nemorino, für den Hinweis auf die auch mir bisher völlig unbekannte Gesamteinspielung von Eliahu Inbal von 1970/71. Kurios, dass das New Philharmonia Orchestra gerade ein Jahr nach Vollendung des Zyklus unter Klemperer schon wieder einen solchen vorlegte (wenn auch für Philips und nicht für EMI).

    Es erschien 1990 übrigens auch eine 3 CDs umfassende Box, in der auch die "Zwickauer" Symphonie und Ouvertüre, Scherzo und Finale enthalten sind:


    R-3738440-1342384834-7987.jpeg.jpg


    Ein Neuauflage wäre wirklich mal an der Zeit.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • ch bin mit den Jahren mit den Schumann-Sinfonien (zum Vergleich) so gut eingedeckt, dass ich heute kaum eine weitere GA kaufen würde, weil dies bei meiner Auswahl ziemlich unnötig wäre.

    Lieber Wolfgang,


    ich wollte Dich auch keineswegs zu einem Kauf anregen, hatte aber leise gehofft, Du oder ein anderer Mitschreiber würde die Aufnahme haben und etwas dazu sagen können. An die "Zwickauer Sinfonie" kann ich mich nur schemenhaft erinnern, ich habe sie seit Ewigkeiten nicht gehört.

    In der Aufzählung meiner GA habe ich heute früh nicht alle genannt: Natürlich besitze ich die von Szell, Kubelik (beide CBS/Sony), Bernstein (CBS u. DGG) sowie die erste GA von Riccardo Muti mit dem Londoner Philharmonia Orchestra, eine IMO ebenfalls höchst interessante Sache. In manchen Details erinnert er mich an Klemperer (dessen Orchester er ja auch leitet), aber natürlich sind seine Tempi, zumindest teilweise, viel rasanter. Giulini hat ja leider nur die "Rheinische" eingespielt, und das gleich zweimal, zuerst ebenfalls mit der Philharmonia (EMI) und später dann mit dem Los Angeles PO für die DGG. Ich habe nur die letztere.


    Inbal hat seinen zweiten Schumann-Zyklus mit der RSO Frankfurt/Main eingespielt (Denon). Wie schon gesagt, diese Aufnahmen kenne ich nicht.


    Höchst interessant finde ich, vor allem zu Vergleichszwecken, Karajans erste Aufnahme der Vierten:

    aufgenommen im April 1957 in der Grunewaldkirche, Berlin. Sie entstand kurz nach Karajans Einstieg bei den Berliner Philharmonikern; leider wurde sie noch in Mono produziert. Was die Tempi anbelangt, so ist sich Karajan im Vergleich mit seiner späteren DGG-Aufnahme von 1971 ziemlich gleich geblieben:

    EMI 1957: 1. Satz 10.33 / 2. 4.28 / 3. 5.20 / 4. 8.09 Min.

    DGG 1971: 1. Satz 10.36 / 2. 4.42 / 3. 5.46 / 4. 8.48 Min.

    Natürlich ist der Klang der DGG-Version viel opulenter. Die späte Wiener Aufnahme kenne ich leider nicht.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber Joseph II.,


    vielen Dank für die Einstellung der ursprünglichen 3 CD-Ausgabe von Inbals Schumann. Leider habe ich sie zu spät erwerben wollen, so daß sie nicht mehr greifbar war. Deshalb mußte ich mich mit der späteren 2 CD-Box zufriedengeben.


    LG, Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Die Gardiner-GA (DG-ARCHIV) enthält auch die Originalfassung der Sinfonie Nr.4 d-moll (1841), die sich in der Behandlung des Orchesterklanges deutlich von der bekannten und Spätfassung 1851 unterscheidet, die weit dichter und sinfonischer wirkt.

    Hallo, Wolfgang,


    darauf bin ich eben gar nicht eingegangen, meine Tochter ist zu Besuch, und da war ich ein wenig in Eile.


    Ich kenne die Gardiner-Ausgabe nicht, aber die Originalfassung der d-moll-Sinfonie ist in dieser Ausgabe in meiner Sammlung:

    Kurt Masur und das London Philharmonic Orchestra.

    Und ich muß sagen, mir gefällt diese frühe Fassung außerordentlich gut. Das Orchester klingt viel durchsichtiger, längst nicht so kompakt als in der späteren Bearbeitung. Die Wiederholungen entfallen, und mit Masur und den Londonern bin ich sehr zufrieden.

    Natürlich möchte ich auf Furtwänglers Großtat nicht verzichten, so wenig wie auf Klemperer, Szell oder Karajan. Aber die Urfassung ist eine sehr schöne Alternative.


    LG nach Bonn,

    Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).


  • Beim Wiederhören als erstaunlich stark empfunden habe ich kürzlich die Zweite unter Sir Georg Solti mit den Wiener Philharmonikern. Der Zyklus wurde 1967 ("Rheinische" und Vierte) und 1969 ("Frühlingssymphonie"; Zweite; Ouvertüre, Scherzo und Finale; Ouvertüre "Julius Caesar") eingespielt für Decca. Solti ist insbesondere im furiosen Finalsatz erwartungsgemäß knallig, aber das ist mir bei Schumann allemal lieber als allzu lyrisch.

    Vielen scheint die Zweite ja nach wie vor die problematischste der vier Symphonien zu sein. Ich kann mir nicht helfen, sie war mir von Anfang an diejenige, die mich am meisten in ihren Bann zog (aber ich schätze alle). Für Bernstein war sie sogar seine erklärte Lieblingssymphonie. Gerade weil sie so ein zerrissenes Werk ist, steht sie mir nahe. Sie hat einen der schönsten Anfänge in der Symphonik überhaupt, den vermutlich stärksten langsamen Satz Schumanns und den feurigsten Abschluss. Erzwungener Jubel freilich, den man nicht als einseitig hohl missverstehen sollte (da fast schon an Schostakowitschs Hintergründigkeit erinnernd).

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid