Ohrwurmthemen in Kompositionen ab 1950

  • Liebe Forianer,


    im Thread


    Anachronismus oder nicht: Ist eine neue Romantik möglich?


    stellte Edwin Baumgartner die Behauptung auf, auch in der Musik des 20. Jahrhunderts gäbe es "Ohrwurmthemen" , und benannte einige.


    Boshaft (und neugierig) wie ich nun mal bin, habe ich das Thema gleich aufgegriffen und stelle es hier zu Diskussion.


    Es gab ja schon einmal in der Tamino-Foren-Steinzeit einen Thread,


    Ohrenschmaus des 20. Jahrhunderts ?


    der sich - allerdings allgemeiner mit diesem Thema befasste - aber da war auch noch die "klassische Moderne" mit enthalten, die dieser Thread ausdrücklich ausklammert.



    Kurz zu meiner Definition von "Ohrwurm": Ein eingängiges Thema oder eine Melodie, die einen oft tagelang verfolgt, die man nicht aus dem Kopf bekommt - und von der man eigentlich gar nicht genug bekommen kann:


    Voila: Ich warte auf Eure Empfehlungen.


    Nachsatz:


    Wegen der zu erwartenden Überfülle in diesem Bereich, der ja immerhin 50 Jahre Musikgeschichte abdeckt, bitte fürs erste ich pro Beitrag nur DREI Vorschläge zu machen, damit der Server nicht überlastet wird


    :baeh01:


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Salut,


    gerade eben schrieb ich im Radiothread über eine Sendung zu Schostis Sinfonien - bei der 6, 10 und 15 [es wurden markante Ausschnitte gesendet] gibt es das durchaus. Zwar sind sie ein wenig "schräg" [vergleichbar mit Mahler :untertauch: ] - aber durchaus [oder gerade deswegen!] sehr einprägsam. 'Einprägsam' halte ich für ein Kriterium des positiven Ohrwurms.


    Auch bei Gustav Mahler gibt es natürlich in jeder Sinfonie solch einprägsame Themen, die zwar nicht immer lustig sind, aber doch nicht aus dem Kopf gehen. Beginn der 9., das Gezwirbel zu Beginn der 4., das Bim-bam der 3ten usw... gehört aber nicht wie Sch15 zu > 1950.


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Schostakowitschs 1. Cellokonzert ist von 1959 und wenn das keine Ohrwürmer sind :D tatatataaatatatatatatataaatatatata :pfeif:
    Hör ich oft im Kopf - ist ein richtiger Ohrwurm, den ich nicht mehr rauskrieg 8)
    Na gut, ich geb zu: ein ganz wenig schräg sind auch die Melodien noch instrumentiert - aber was solls; das ist ja jeder Kinogänger mittlerweile so gewöhnt, dass ich einige (nicht-Klassik-hörende) Freunde (im Unterschied zu Alfred habe ich sehr viele davon :stumm: ) nicht mal damit verschrecken und sogar ein wenig begeistern konnte :beatnik:


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Äh, hallo?


    Bernsteins "West Side Story" ist doch ein einziger Ohrwurm - von vorne bis hinten.


    Auch seine Oper "Candide" wartet mit Ohrwürmern auf.


    James MacMillan hält mit seinen Werken auch so manchen Ohrwurm bereit.


    Beispielsweise aus "Veni, veni, Emmanuel " Dance - Hocket"....


    Nur mal so als Anfang :pfeif:


    :hello:
    Wulf.

  • Ich bin kein Ohrwurm-Verehrer, egal aus welcher Epoche. Alfreds Definition von etwas, was man nicht aus dem Ohr bekommt, was einen verfolgt, ist ohnehin abschreckend, so masochistisch bin ich nicht, dass ich mir sowas absichtlich zufüge.


    Aber manchmal muss man einen Ohrwurm einfach in Kauf nehmen. So etwa am Ende von den "Feld-, Wald- und Wiesenstücken" von Ulrich Stranz (*1946), wo als Bracchialohrfeige plötzlich ein ländlerartiges Gedudel anhebt, das aber wirklich gut komponiert ist!

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Ich bin kein Ohrwurm-Verehrer, egal aus welcher Epoche. Alfreds Definition von etwas, was man nicht aus dem Ohr bekommt, was einen verfolgt, ist ohnehin abschreckend, so masochistisch bin ich nicht, dass ich mir sowas absichtlich zufüge.


    :yes: :yes: :yes:


    Ohrwurm ist auch in meinem Sprachgebrauch eher negativ besetzt. Nicht weil ich grundsätzlich was gegen eingängige Melodien hätte (aber auch hier gibt es m.E durchaus Komponisten, die dummerweise meinen schon fertig zu sein, wenn sie so eine hätten...), aber gegen das Verfolgen.


    Der Ohrwurm zeichnet sich ja dadurch aus, dass er einen verfolgt, OB MAN WILL ODER NICHT. Neulich erwähnte jemand die Liszt-Konzerte. Daraufhin kommt mir (bei der bloßen Erwähnung) das lyrische Thema aus dem Es-Dur-Konzert iin den Kopf, Musik die ich zwar ab und zu mal höre, aber eigentlich widerlich finde; so wie gewisse Süßigkeiten, von denen man ein Stückchen essen kann, aber nach dreien ist einem schlecht und man will das Zeug nicht mehr sehen.


    Von wann ist Schostakowitschs Klavier-Trio? Die "jüdische Melodie" im Finale ist ein ziemlicher Ohrwurm.


    Da Draugur, wie man fairerweise sagen muß,. den "Ohrwurm" ja hauptsächlich wegen des leichteren "Einstiegs" hervorhob, dazu noch zwei Sätze: Es ist natürlich richtig, dass viele absolute Neulinge so den Einstieg finden. Ebenso scheint es, dass für Anfänger Musik mit einem poetischen Programm häufig attraktiver ist. Letzteres fand ich aber schon als Neuling mit 14 eher albern und auch für den ersten Punkt gibt es Gegenbeispiele, das Leute von ganz anderen Dingen fasziniert sind. Gerade diese Funktion zeigt aber doch auch, dass man als fortgeschrittener Hörer sich von solch einer "Krücke" in aller Regel löst. Wem das nicht gelingt, dem wird ein riesiger Teil der gar nicht avantgardistischen Musik der letzten 500 Jahre verschlossen bleiben und er muß sich evtl. den Vorwurf der Unreife gefallen lassen.


    "Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war." (1. Kor., 13)

    :angel:


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Ohrwurm-Freunde (ich gehöre dazu),


    es scheint doch tatsächlich Musikliebhaber zu geben, die Musik ohne Ohrwürmer schätzen und sich an "mathematischen Klängen" (ich vermeide jetzt atonal zu schreiben, weil zu allgemein und da gibt es auch Schätze) der Neuzeit ergötzen können - beachtlich, wenn man dies kann.


    Ich schätze jedenfalls auch aktuelle Komponisten, die auch heute fassliche Musik schreiben, egal ob es in die heutige Zeit past oder nicht.
    Für mich paßt es !


    Schostakowitsch schrieb seine Sinfonie Nr.10 (1953); damit kommen die weiteren Sinfonien für dieses Thread-Thema in Frage.
    :]Im Prinzip ist jede Schostakowitsch-Sinfonie für mich voller Ohrwürmer, die sich bei mir absolut gefestigt haben. Was kann es noch besseres geben ?


    Ulli, Barezzi und Wulf haben schon einige Ohrwurm-Kompositionen genannt.
    Bei Leonard Bernstein würde mir auch noch einiges an Vorschlägen nach 1950 einfallen.
    Um dies nicht zu wiederholen wähle ich andere DREI aus.



    1.) Schostakowitsch: Klavierkonzert Nr.2 op.102 (1957)
    Das Werk wurde für Schostakowitsch´s Sohn und heutigem Dirigenten Maxim geschrieben und auch schon mehrfach von ihm (als Dirgent) aufgeführt und auf CD gebannt. Das Werk steckt von vorne bis hinten voller Ohrwürmer.
    Für mache mag das Werk zu einfach erscheinen, aber ich schätze es sehr.


    2.) Khatchaturian: Spartacus-Ballett (1954) , Uraufführung 1956, Suitenfassungen von 1955 - 1957
    Das beliebte Ballett ist zusmmen mit dem Gayaneh-Ballett eines seiner beliebtesten Werke und man wird in jedem der Sätze Ohrwürmer ohne Ende finden.
    Solche ohrwurmhaltige Musik regt natürlich ausserklassische Gemüter zu Bearbeitungen und anderen Verwendungszwecken an, was ich weniger gutheisse.


    3.) Bernstein: On the Waterfront - Sinf.Dichtung (1954)
    Genau wie West Side-Story würde ich mehrere Bernstein-Werke nach 1950 aufzählen, aber die Sinf.Dichtung "Die Faust im Nacken"(deutsch), die nach der Filmmusik zum gleichnamigen Film komponiert wurde, ist ein geniales Orchesterwerk, voll gespickt mit Ohrwurmthemen - eines meiner zahlreichen Lieblingswerke des 20.Jhd. :jubel:.


    Candide (1954) mit der rassigen vierminütigen Ouvertüre ist natürlich auch ein Ohrwurm - der danch in dieser Form nie mehr komponiert wurde.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Hallo Johannes,


    ich fühle mich durch einen Ohrwurm nicht verfolgt; daher finde ich auch nichts negatives an Ohrwürmern.
    Außerdem ist definitionssache, was man als Ohrwurm ansieht.


    Die Schostakowitsch: Klaviertrios Nr. 1(1923) und Nr.2(1944) gehören wegen des zeitrasters nicht in diesen Thread - aber schön !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

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  • Das Datum 1950 ist ärgerlich, weil Weill da ja gestorben ist, und der hatte wohl einen Ohrwurm nach dem anderen auf Lager.


    Aber weil ich gerade ein Stückchen seiner Bach-Variationen vor mich hinsumme: Mir fällt eben Paul Dessau ein, und zwar vor allem seine Oper die "Verurteilung des Lukullus", 1951 uraufgeführt; auch nicht schwerer nachzupfeifen als eine beliebige Verdi-Oper. Ich denke etwa an "Servus Lakalles, wir sind quitt, alter Bock" oder "In den Lesebüchern stehen die Namen der großen Eroberer"; so, jetzt summe ich schon "Rom, wer ist Rom" aus derselben Oper vor mich hin und dann kommt "Ah ja, ins Nichts mit ihm" dran. Und schließlich der Ohrwurm der Ohrwürmer in diesem Werk: Der "Exalla-Exalalla"-Sprechchor - hat mich nach dem ersten Hören einen halben Tag lang schier zur Verzweiflung getrieben, weil ich ihn nicht mehr aus dem Kopf gekriegt habe.


    (Dabei frage ich mich gerade: Kann es sein, daß diese Ohrwurm-Möglichkeit bei Dessau vor allem durch Brecht entsteht? Immerhin hat auch Weill seine besten "Hits" auf Brecht komponiert.)


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    (Dabei frage ich mich gerade: Kann es sein, daß diese Ohrwurm-Möglichkeit bei Dessau vor allem durch Brecht entsteht? Immerhin hat auch Weill seine besten "Hits" auf Brecht komponiert.)


    Jedenfalls seine im deutschsprachigen Raum bekanntesten. Seine amerikanischen Musicals sind hier ja praktisch unbekannt (ich kenne auch nur ein paar der highlights).
    Aber solche Sachen finde ich, wie auch Bernsteins Musicals grenzwertig; dasss sich in diesen Genres Ohrwürmer finden, ist ja zu erwarten.
    Aber es wäre absurd, zu verteidigen, dass sich bei Ligeti mehr eingängige Melodien finden als bei Schubert...


    viele Grüße


    JR

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    The morning breeze like a bugle blew
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    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Da Draugur, wie man fairerweise sagen muß,. den "Ohrwurm" ja hauptsächlich wegen des leichteren "Einstiegs" hervorhob, dazu noch zwei Sätze: Es ist natürlich richtig, dass viele absolute Neulinge so den Einstieg finden. Ebenso scheint es, dass für Anfänger Musik mit einem poetischen Programm häufig attraktiver ist. Letzteres fand ich aber schon als Neuling mit 14 eher albern und auch für den ersten Punkt gibt es Gegenbeispiele, das Leute von ganz anderen Dingen fasziniert sind. Gerade diese Funktion zeigt aber doch auch, dass man als fortgeschrittener Hörer sich von solch einer "Krücke" in aller Regel löst. Wem das nicht gelingt, dem wird ein riesiger Teil der gar nicht avantgardistischen Musik der letzten 500 Jahre verschlossen bleiben und er muß sich evtl. den Vorwurf der Unreife gefallen lassen.


    "Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war." (1. Kor., 13)

    :angel:


    Es ging mir nicht um einen leichten oder erleichterten Einstieg, sondern um das, was man an einem Stück zunächst wahrnimmt und woran man sich als Hörer unwillkürlich orientiert. Und das sind nun mal im Rahmen verschiedenster musikalischer Formen wie cantus-firmus-Motette, Fuge, Sonatensatz schon von der Machart her markante melodische Gebilde, die u. U. auch geeignet sind, als Ohrwurm zu fungieren. Zumindest wenn man hörpsychologisch dafür prädestiniert ist. Das hat m. E. nichts mit kindisch oder erwachsen zu tun, noch bleibt einem dadurch irgendwas verschlossen. Wenn ich im Rahmen eines Beethoven-Sonatensatzes zunächst das Hauptthema wahrnehme, habe ich bereits einen Faden, der mich durch diesen Satz führen kann, genauso wie beim Hören einer Fuge usw. Das führt keinesfalls dazu, dass ich andere, übergreifendere Aspekte nicht mehr wahrnehmen könnte.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von Draugur
    Es ging mir nicht um einen leichten oder erleichterten Einstieg, sondern um das, was man an einem Stück zunächst wahrnimmt und woran man sich als Hörer unwillkürlich orientiert. Und das sind nun mal im Rahmen verschiedenster musikalischer Formen wie cantus-firmus-Motette, Fuge, Sonatensatz schon von der Machart her markante melodische Gebilde, die u. U. auch geeignet sind, als Ohrwurm zu fungieren.


    Und auf ins Off-Toppic ...


    Die Machart des klassischen Sonatensatzes hat mit Ohrwürmern nichts zu tun. Weder Haupt- noch Seitensatz müssen sangliche Themen beinhalten, wichtig ist die Stabilisierung des harmonischen Geschehens auf Haupttonart und Dominant/parallele Molltonart.


    Zitat

    Es ging mir nicht um einen leichten oder erleichterten Einstieg, sondern um das, was man an einem Stück zunächst wahrnimmt und woran man sich als Hörer unwillkürlich orientiert.


    Das ist wohl von Hörer zu Hörer sehr unterschiedlich. Als eher "vertikaler" Hörer nehme ich in der Regel bei tonaler Musik erst mal die Harmonik wahr - grob vereinfacht. Bis ich mir einmal eine Melodie merke, muss ich das Stück mehrfach gehört haben ...

  • ich hätte für den Anfang auch drei Beispiele, zwar eher leichtere Musik, aber meiner Meinung nach nicht weniger gut (ich mag das alles ziemlich gerne) und es sollen ja Ohrwürmer sein:


    - auch wenn man mich dafür vielleicht steinigen wird :D



    Karl Jenkins:


    Palladio - 1. Satz Allegretto


    John Williams:


    eigentlich alles - denn auch wenn er am meisten wohl Filmmusik komponiert, ich glaube er wird noch in zwei oder dreihundert Jahren ein Begriff sein.


    Auch wenn er meist eher Filme vertont, die nicht unbedingt den größten Anspruch haben, so hat er doch z.B. "Star Wars" mit seiner Musik erst wirklich Leben eingehaucht.
    Irgendwer hatte die Filme sogar mal als Kulturerbe des 20. Jahrhunderts bezeichnet... mir genügt die phänomenale Musik.



    Dimitri Shostakovich:


    Jazz Suite No. 2 - der Walzer No.2


    diese Melodie kennt jeder und sie ist unvergesslich schön.



    so und jetzt bin ich bereit gerichtet zu werden :pfeif:



    für mich gehört eigentlich noch eine gewisse Ouvertüre eines Chevalier de Scheibenhardt hier dazu.... aber man darf ja nur 3 Beispiele pro Posting geben :O

  • Zitat

    Original von der Lullist
    Karl Jenkins


    Nun ja, Alfred spezifiziert ja nicht, was für eine Musik es sein soll.
    Demzufolge führe ich noch
    Yesterday
    von den Beatles an. Ist mir immer noch lieber als Jenkins.
    :hello:

  • hallo,


    mal so nach Bauchgefühl drei Messiaen-Onlys (löblich: Nur-Messiaen-Beispiele), die alle nach 1950 geschrieben wurden.


    1. "La fauvette des jardins" (die Gartengrasmücke) für Klavier, komponiert 1972:
    Das akkordische Thema, das auch auf den letzten zwei Seiten steht (ich bin jetzt auf Arbeit und kann nicht genauer nachsehen), wo es um die Schilderung des Sees in verschiedenen Sonnen- und Mondlichtverhältnissen geht. Verschiedene modale Akkorde leiten zu einem langen Durdreiklang in hoher Lage und einem Molldreiklang mit gleichem Grundton, mehrere Oktaven tiefer, und dann wird die ganze choralhafte Phrase mehrfach in Sequenzen wiederholt.


    2. Die Oper über François d'Assise komponiert (1974?-1983).
    7. Bild, Les Stigmates. Die "Francois"- Rufe des Chores (die Stimme Gottes, nachdem Franz die Stigmata empfangen hat), gefolgt von den tonalen und in Sequenzen (Tonika, Dominante) wiederholten "Seigneur"-Antworten des François.


    Das Ganze ist in E-Dur, und echt gut sind die Rufe des Chores, langsam und in harmonischer Hinsicht so:


    E (mit 8 oben) abwärts zu E (mit 5 oben) Pause
    E (mit 8 oben) aufwärts zu f (mit 3 oben) abwärts zu a (mit 3 oben) Pause
    Es (mit 8 oben) rauf zu A (mit 8 oben) runter zu Fis (mit 3 oben).
    (Verdopplungen für 6-8-stimmigen Chor nicht vergessen.)


    Die Antworten dann, siehe oben, tonal und einfach.


    3. Concert à quatre (1991/1992?), der 4. Satz. Eine in Messiaens Sprache übersetzte Mischung von Mozarts Finale aus dem späten B-Dur-Klavierkonzert und von "Ich bin die Christel von der Post" aus Carl Zellers "Der Vogelhändler."

  • Tut mir leid wegen des Exkurses, aber


    Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Die Machart des klassischen Sonatensatzes hat mit Ohrwürmern nichts zu tun. Weder Haupt- noch Seitensatz müssen sangliche Themen beinhalten, wichtig ist die Stabilisierung des harmonischen Geschehens auf Haupttonart und Dominant/parallele Molltonart.


    können wir uns darauf einigen, dass es normalerweise möglich ist, für den Haupt- und den Seitensatz spezifische Themen in einstimmiger Notation herauszuschreiben? Dass die nicht gesanglich sein müssen, mag sein, aber das muss nicht unbedingt notwendig sein, um einen OW entwickeln zu können.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

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  • Zitat

    Original von Draugur
    Tut mir leid wegen des Exkurses, aber



    können wir uns darauf einigen, dass es normalerweise möglich ist, für den Haupt- und den Seitensatz spezifische Themen in einstimmiger Notation herauszuschreiben? Dass die nicht gesanglich sein müssen, mag sein, aber das muss nicht unbedingt notwendig sein, um einen OW entwickeln zu können.


    Ich glaube, wir verstehen hier alle SEHR unterschiedliche Dinge unter "Ohrwürmern". Für Wolfgang sind Schostakowitschs Sinfonien voll mit "Ohrwürmern", für mich nicht. Für mich ist ein Ohrwurm i.e.S. so etwas wie "La donn'e mobile" oder die Romanze aus EKN KV 525, eine einfach gegliederte, gesangliche und einprägsame Melodie.

    Diese Qualität wird z.B. in der Wiener Klassik eigentlich nur von kantablen Themen, meist Seitenthemen, noch häufiger von Trios oder langsamen Sätzen erfüllt. Das erste Thema in Mozarts c-moll-Klavierkonzert ist genausowenig ein Ohrwurm wie das Thema Regium im Musikal. Opfer oder irgendein Thema in der Eroica (mit Ausnahme des Finales, die Prometheus-Contredanse-Melodie mag man noch gerade so als ohrwurmähnlich werten).
    Ein typisches Haydn-Quartett enthält im Sonatenhauptsatz eher keinen Ohrwurm, auch wenn man einstimmige Hauptmotive aufschreiben kann (wobei Haupt- und Seitensatz motivisch gestaltgleich sein können).


    Wenn man dagegen nur meint "prägnantes Motiv" o.ä. ohne die einfache Gliederung und leichte Sangbarkeit, dann finden die sich in einer Menge Musik des 20. Jhds., auch in "atonaler" Musik.


    Aber natürlich giibt es auch Musik, die eher selten leicht identifizierbare, prägnante Motive enthält, und auch diese nicht erst seit 100 Jahren Debussy wurde schon genannt. Bach-Präludien, die nur aus gebrochenen Akkorden bestehen u. auch andere Barockmusik wären ein weiteres Bsp.


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Hallo Johannes,

    Zitat

    Jedenfalls seine im deutschsprachigen Raum bekanntesten. Seine amerikanischen Musicals sind hier ja praktisch unbekannt (ich kenne auch nur ein paar der highlights). Aber solche Sachen finde ich, wie auch Bernsteins Musicals grenzwertig; dasss sich in diesen Genres Ohrwürmer finden, ist ja zu erwarten.


    Das kommt vor wie eine Diskussion, die ich einmal mit Marcel Prawy führte. Prawy war der Meinung, daß nach 1957 kein E-Musik-Komponist außer Bernstein mehr eine gute Melodie geschrieben hätte. (1957 war für Prawy das magische Datum - das Todesjahr Korngolds.)
    Worauf ich ihm eine Menge Stücke aufzählte, die nach 1957 geschrieben worden waren, nicht von Bernstein stammten und ebenfalls gute Melodien enthielten. Aber bei jedem antwortete Prawy entweder, das sei keine "E-Musik" (gerade er, der Verteidiger von Robert Stolz, hat's gesagt...) oder es sei keine gute Melodie. Ergebnis: Da Prawy alles, was nach 1957 an "Hits" komponiert wurde, entweder als "U" oder als "nicht gut genug" ablehnte, blieb es dabei: Außer Bernstein hat kein Komponist nach Korngolds Tod eine gute E-Musik-Melodie geschrieben... :angry:


    Dein "grenzwertig"-Statement kommt mir ein bisserl ähnlich vor. Was ist bei Weills "Mahagonny" grenzwertig? Oder bei der "Dreigroschenoper"? Oder beim "Jasager" oder den "Todsünden"?
    Ich habe hierorts einmal allgemeine Prügel eingesteckt, weil ich zu sagen wagte, daß Gershwin doch bitte nicht der große Stilist der E-Musik sei. Aber wenn Gershwin E ist, dann ist Weill tausendmal mehr E.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Das kommt vor wie eine Diskussion, die ich einmal mit Marcel Prawy führte. Prawy war der Meinung, daß nach 1957 kein E-Musik-Komponist außer Bernstein mehr eine gute Melodie geschrieben hätte. (1957 war für Prawy das magische Datum - das Todesjahr Korngolds.)


    Das ist in der Tat albern, zumal Stolzsche Operettenschlager, egal wann geschrieben, natürlich U sind :D
    Wie anderswo gesagt: Ohrwurm ist für mich noch ein bißchen was anderes als eine gute Melodie. Ich finde La donn'e mobile keine besonders gute Melodie, sind ist banal und nichtmal besonders hübsch, aber zweifellos ein Ohrwurm; der Anfang des Andante in Mahlers 6. ist eine wunderbare Melodie, aber kein Ohrwurm.


    Zitat


    Dein "grenzwertig"-Statement kommt mir ein bisserl ähnlich vor. Was ist bei Weills "Mahagonny" grenzwertig? Oder bei der "Dreigroschenoper"? Oder beim "Jasager" oder den "Todsünden"?
    Ich habe hierorts einmal allgemeine Prügel eingesteckt, weil ich zu sagen wagte, daß Gershwin doch bitte nicht der große Stilist der E-Musik sei. Aber wenn Gershwin E ist, dann ist Weill tausendmal mehr E.


    Ja freilich ist Weill mehr E als Gershwin. Ich bin ein großer Fan von Weill (wobei ich gestehen muß, nicht allzuviele seiner frühen Instrumentalkompositionen zu kennen). Er hat glaube ich auch noch keinen Thread!
    In den Todsünden dürfte es schon schwierig sein, einen Ohrwurm zu finden. Und viele der anderen Ohrwürmer erklären sich ja teilweise aus dem Verhältnis, das diese Bühnestücke zu der zeitgenössischen Trivialmusik haben, daher Grenzfälle.
    Und auch weil sie natürlich nicht das sind, was Alfred (u.a.) im Blick haben, wenn sie neuerer Musik Uneingängigkeit und Publikumsferne vorwerfen. Klar sind diese Vorwürfe zu pauschal. Aber sie mit Hinweisen auf Musik zu kontern, die gar nicht gemeint war, bringt auch nicht viel weiter.


    viele Grüße


    JR

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  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Ich glaube, wir verstehen hier alle SEHR unterschiedliche Dinge unter "Ohrwürmern". Für Wolfgang sind Schostakowitschs Sinfonien voll mit "Ohrwürmern", für mich nicht. Für mich ist ein Ohrwurm i.e.S. so etwas wie "La donn'e mobile" oder die Romanze aus EKN KV 525, eine einfach gegliederte, gesangliche und einprägsame Melodie.


    Das scheint in der Tat zu Missverständnissen geführt zu haben. Bei mir ging es - was ich wohl nicht durchgehend deutlich gemacht habe - um potentielle Ohrwürmer, wozu prägnante Motive und Themen auch unsanglicher Natur zählen. Die können sich in meinen Gehörgängen ebensoleicht und hartnäckig einnisten wie die von dir angesprochenen gesanglichen, einfach gegliederten Melodien. Dazu brauche ich allerdings den Bezug auf ein tonales Zentrum und habe daher Schwierigkeiten mit Dodekaphonie und freier Atonalität, um nicht das schlichte Wort "atonal" zu gebrauchen (das ich aber nirgendwo als Schimpfwort gemeint habe). Und diese Schwierigkeiten habe ich, glaube ich, nicht allein, sondern ich vermute in ihnen den Grund, weshalb nicht-tonale Musik für viele schwer zu verdauen ist.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Hallo Edwin


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    ...
    Worauf ich ihm eine Menge Stücke aufzählte, die nach 1957 geschrieben worden waren, nicht von Bernstein stammten und ebenfalls gute Melodien enthielten.
    ...


    Lass hören!


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Theophilus,
    Du willst wohl, daß ich Euch die Arbeit erleichtere? Gut - aber ich gestatte mir, das Stichjahr unseres Threads beizubehalten. (Aufzählung ohne bewußte Reihung und ohne Rücksicht auf meine persönlichen Qualitätsurteile.)


    Dmitri Schostakowitsch: Die Hinrichtung des Stenka Rasin


    Dmitri Schostakowitsch: Erstes Cellokonzert


    Gian Carlo Menotti: The Consul
    - Tu reviendras
    - Now oh lips say goodbye
    - I shall find for you shell and star
    - Oh, there will be a day, I know


    Gian Carlo Menotti: The Saint of Bleecker Street
    - Angel fair
    - San Gennaro
    - They say that the Italian shore blooms like a garden
    - In this one glass of bitter wine


    Gian Carlo Menotti: Amahl and the Night Visitors
    - Die Melodie des Vorspiels, die im Verlauf der Oper mehrmals wiederkehrt
    - Don't cry, Mother dear
    - Have you seen a child
    - Emily, Emily, Michael, Bartholomew


    Francis Poulenc: Dialogues des Carmélites
    - Pourquoi vous tenez-vous ainsi
    - Ave verum corpus
    - Salve Regina


    Francis Poulenc: Gloria
    - De facto jeder Satz, speziell "Gloria", "Qui sedes", "Tu solus Altissimus"


    Igor Strawinskij: A Rake's Progress
    - I go, I go to him
    - Gentle, little boat


    Benjamin Britten: Billy Budd
    - diverse Signalmotive im Orchester
    - Blow her away
    - We're off to Samoa
    - Look, through the port comes the moonshine astray


    Benjamin Britten: The Turn of the Screw
    - Tom, Tom, the pipers son
    - Malo


    Benjamin Britten: Gloriana
    - Zweites Lautenlied
    - Essex is guilty

    Benjamin Britten:
    A Midsummer Night's Dream
    - Over hill, over dale
    - De facto jede Nummer der Rüpel-Oper (Ohrwurm-Parodien!)


    Benjamin Britten: Winter Words
    - A time there was


    Aram Khatchturian: Spartacus
    - Liebesszene


    Hans Werner Henze: Elegie für junge Liebende
    - Von allen Dichtern dieser Zeit


    Hans Werner Henze: Der junge Lord
    - Amintore la Roccas Arie


    Hans Werner Henze: Voices
    - Sklave, wer wird Dich befreien


    Rodion Schtschedrin: Ohrwürmer enthalten die Orchesterwerke "Freche Tschastuschki" und "Altrussische Zirkusmusik"


    Leonard Bernstein: Songfest
    - To what you said
    (Bevor jetzt das U-Musik-Argument kommt: "Songfest" ist eine Kantate, die, technisch gesehen, auf Quarten aufgebaut ist, die sich schließlich zur Zwölftonreihe summieren)


    Leonard Bernstein: Divertimento
    - Turkey Trot


    Alfred Schnittke: Ohrwürmer enthalten die Orchesterwerke "Gogol-Suite" und "(K)ein Sommernachtstraum"


    Alfred Schnittke: Historia von D. Johann Fausten
    - Tango


    Sergej Prokofjew: 7. Symphonie, Finale


    Andrej Eshpai: Kantate Lenin ist mit uns
    - Erster Satz, Dritter Satz


    Und das sind jetzt einmal die, die mir ohne längeres Nachdenken und ohne Überfliegen meiner Schallplatten- und CD-Sammlung einfallen.


    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner

    Benjamin Britten:
    A Midsummer Night's Dream
    - Over hill, over dale
    - De facto jede Nummer der Rüpel-Oper (Ohrwurm-Parodien!)


    da fehlt aber noch das überirisch schöne "Now until the break of day". Einmal gehört - nie wieder vergessen!


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo,


    mir fällt noch Ligetis "Concert Romanesc" ein. Ein Frühwerk, so glaube ich, dass vor seinen Klangwolken entstand und sehr folkloristisch daherkommt.


    Das kurze viersätzige Werk geht nicht nur stellenweise ungemein ins Ohr. Wer einigermaßen flott auf den Beinen ist, für den ist das Konzert durchaus tanzbar.


    Gruß
    B.

  • In den letzten Tagen habe ich die


    Andrej Eshpai: Sinfonie Nr.5 (1985)


    in der Aufnahme mit Vladimir Fedossejew / Moskauer PH mehrmals gehört.
    Das Werk dauert knapp über 25Minuten.
    :) Bei etwa 20Minuten taucht ein rhytmisches Ohrwurmthema auf, das von den Blechbläsern aufgegriffen wird. Dies könnte aus einer Filmmusik von Herbert Herrmann stammen - jedenfalls hat man es schonmal irgendwo gehört - einfach toll.
    :hello: Wer kennt dieses Thema ? Stammt das tatsächlich von Eshpai selbst, oder hat er dies wo anders aufgegriffen und übernommen ?


    :] Andrej Eshpai scheint ein Komponist zu sein, der in der Lage ist auch heute supermoderne und trotzdem fassliche Musik zu schreiben, die einmal mehr begeistert.
    Leider findet man bei den Schallplattenfirmen kaum CD´s von ihm.
    In einem alten Bielefelder Katalog fand ich noch meine Fedossejew-Aufnahme seiner Sinfonie Nr.5 von 1985.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

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