Ein bisschen Geplauder solte ja sein, lieber Alfred, aber kommen wir tatsächlich zum Ausgangspunkt zurück. Ich halte nach wie vor dagegen, daß Klassik nicht unbeliebt ist. Sie ist populär und sie hat den Status von Kulturgut. Wenn wir in die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts schauen, jenseits von E und U, dann sehen wir, daß sich auch da Kanons herauszubilden beginnen. Auch da kann ich nach Komponisten und Interpreten unterscheiden, steole fest, daß es wechselseitige Befruchtungen von Jazz und sogenannter Klassik gibt (ich gestehe, daß ich den Begriff "Klassik" für außerordentlich fragwürdig halte). Letzten Endes reden wir über Musik. Ich rede nicht darüber, was eine bestimmte Musikrichtung mir für ein Gefühl von mir selbst gibt.
Und wo schon in den vorangegangenen Ausführungen der Ergreifungswert einzelner sogen. Pop-Erzeugnisse angesprochen wurde: Natürlich gibt es den. Und da ist es mir egal, ob es sich um eine komplizierte oder simple Komposition handelt. John Lennons "Across the universe" zähle ich zu den all time greatest der Musik, völlig egal ob E oder U, und ich werde auch nie den Tag vergessen, als ein Freund von mir in seiner Bude eine Platte von Pink Floyd auflegte -sie war gerade erschienen- und ich die ersten Töne der Platte "Wish you were here" hörte. Oder, später, "White Mountain" von der Genesis-Platte "Trespass". Ich kanns noch ergänzen.
Ich bleibe dabei: Klassik ist beliebt. Die Zeiten sind gut für uns Liebhaber guter Musik. Es gibt viele engagierte Ensembles und Musiker, es gibt viele günstige Möglichkeiten, Musik aufzuzeichnen und zur Verfügung zu stellen. Selbst Liebhaber längst verstorbener Musiker finden immer wieder neue Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge - auf CD. Was um alles in der Welt verleite Euch zu der Annahme, Klassik sei unbeliebt? Wie stark muß man den Begriff der Klassik einengen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen? Ist der Begriff Klassik nur akzeptabel in Verbindung mit einer bestimmten Rezeptions-Haltung? Will der Klassik-Liebhaber gar anders sein als die andern?
Was die Warteschlangen bei Tamino betrifft: Es gibt ja auch andere Foren im Internet. Und manchem ist es vielleicht zu lästig, sich freischalten zu lassen. Daß dieses Prozedere hingegen nötig ist, daß es mehr als sinnvoll ist, mit mehreren Moderatoren das Niveau eines Klassik-Forums zu beeinflussen, zeigen die Beispiele anderer Foren. Das der Bayerischen Staatsoper ist vor zwei oder drei Jahren geschlossen worden. Mit gutem Grund. Es ist absolut unglaublich, zu welchen verbalen Entgleisungen Klassik-Liebhaber fähig sind, wenn Hardcore-Anachronisten bei Operninszenierungen auf Peter Jonas stoßen. Ähliches war zu erlebn bei einem Forum über das Werk Wagners. Auch dies ist zu guter Letzt, weil undmoderiert, so vollends aus den Zügeln geglitten, daß von Qualität überhaupt keine Rede mehr sein konnte. Im Gegenteil: man konnte in der Hauptsache erleben, wie angebliche Klassikliebhaber im Grunde genommen nur eines taten: gegen alles zu pöbeln, was ihrem Weltbild widersprach.
Und auch in diesem Forum muß man sich wundern: Alfred hat dankenswerterweise die beiden Threads zu Bruckners 9. geschlossen. Wie zwei Musiker, die sich eigentlich der Sache Bruckners verpflichtet wissen sollten, derart aufeinander einprügeln könne, wie dieser seltsame Ben Cohrs -womit auch immer der seine Tage verbringen mag- munter nachtritt und dann noch gegen Dennis Russel Davis tritt, das kann ich nur erbärmlich finden. Die überzeugendsten Aussagen zur Notwendigkeit der Rekonstruktion des 4. Satzes kamen von Edwin Baumgartner. Für die beiden anderen kann man eigentlich nur die Falltür öffnen.
Der Auspruch übrigens, daß es keine E oder U-Musik gäbe, sondern nur gute oder schlechte, stammt meines Wissens nach von Artur Rubinstein. Und Andre Previn hat ganz fabelhafte Jazz- und Unterhaltungsmusik gemacht. Seine Platte "Like Love" wird heute noch verkauft. Und die ist immerhin 47 Jahre alt.
Vielleicht wäre einmal ein Gedanke darauf zu verwenden, ob sich die Klassikliebhaber nicht ein wenig zu ernst nehmen? Immerhn wurde ja an anderer Stelle dieses Forums über die Frage diskutiert, ob Klassisch Musik elitär sein. Ja wer's denn braucht, bitteschön!
Bruckner übrigens hat sich in seinen Jahren als Dorfschullehrer Geld als Tanzbodenpianist verdient. Die eine oder andere Schnurre, die er für solche Gelegneheiten komponiert hatte, ist erhalten und als CD veröffentlicht, sehr nett das.
Nochmals: Ich kann keinerlei Anzeichen erkennen, daß Klassik unbeliebt sei. Daß sich eine Misssa Salisburgensis vielleicht nicht ganz so gut verkauft wie die neueste Platte von -äh, ja, wen gibt's denn da heute? Vielleicht Britney Spears?`- das mag ja sein, dafür gibt's die Misssa aber schon bedeutend länger. Und es wird sie noche geben und man wird sie noch spielen und hören, wenn kein Mensch mehr über die vorgenannte Dame sprechen wird.
Fazit: ich bleibe dabei, daß Klassik nicht unbeliebter ist als andere Musik. Ihre Liebhaber igeln sich nur ein bisschen mehr ein. Aber ich baue da auf eine nachfolgende Hörer- und Liebhabergeneration. Die werden da schon richtig mit umzugehen wissen.
Liebe Grüße vom Thomas ![]()
