ZitatAlles anzeigenOriginal von Theophilus
Ist das wirklich so offensichtlich?
Also ist ein literarischer Text kein Kunstwerk, da jene seltsamen Zeichen auf mehr oder weniger weißem Papier allein ohne Kenntnis darüber, was sie bedeuten, kein Kunstwerk sein können.
Wird ein Gedicht von Hölderlin erst zum Kunstwerk, wenn es vorgelesen wird?
Fragen über Fragen....
Das Problem liegt u.a. darin, dass die schriftliche Fixierung von Kunstwerken (seien es Kompositionen, Gedichte, Theaterstücke etc.) zwar im abendländischen Kulturkreis sehr verbreitet, aber keineswegs der Normalfall ist. Es gab (und gibt) Kulturen, die keine Schriftlichkeit kennen und dennoch selbstverständlich "Kunst" hervorbringen.
Auch in unserer Kultur: ein großer Teil der mittelalterlichen Dichtung ist nur oral tradiert worden (mit diesem Problem schlägt sich die Mediävistik schon lange herum). Auf das Problem der musikalischen Improvisation hatte ich ja schon hingewiesen: Wenn (ohne jede schriftliche Fixierung) Beethoven auf dem Klavier oder Bruckner auf der Orgel improvisierten - war das kein Kunstwerk?
Natürlich ist das niedergeschriebene oder gedruckte Hölderlin-Gedicht (oder die Beethoven-Partitur) ein Kunstwerk, da widerspreche ich ja nur sehr bedingt. Aber die Improvisation ist eben auch eines. Und eine Definition des "Kunstwerks", die eine dieser beiden Möglichkeiten ausschließt, ist demzufolge zu eng gefasst.
Viele Grüße
Bernd
