• ja, der dialog freut mich sehr. zumal er 'tiefe' hat. die 'stillen' wasser sind nunmal (zumeist) tief. vielen dank dafür!


    du kennst schloß born? sehr ungewöhnlich. ein herrliches bachdurchflossenes und waldumsäumtes tal, in dem der sommer sich so richtig wohlzufühlen und zugleich zu füllen vermag. und für mich noch viel mehr ... aber das bleibt im 'stillen' . :-)


    es grüßt nun wieder aus des schlosses nächster nähe
    klingsor

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • und ja, den römischen brunnen, den liebe ich ...
    und das ähnliche von rilke ebenso.
    ein genuss, das ähnliche in zweifacher art gespiegelt zu sehen...

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Nachtgebet



    Wir irr’n in Schwingen
    und klauben Bußsohlen auf


    Wir fall’n als Söhne
    und trennen Laub von der Scham


    Schemen sind wir,
    ein Stückwerk aus Rauch


    Nichts wendet sich um,
    und ein Segen
    scheint als ‚Nein’ gesagt:


    So streu’n wir Ruß auf die Schritte,


    denn spurlos
    sollen wir sein




    (c) 22.VII.2007
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Nänie



    auf einer Urne


    zwei Linien
    angerissen
    Leben
    schwarz-
    und lehmgeführt


    Staublicht
    Griffel
    handverwittert


    Ton
    und Seelen


    halbvermalt




    (c) 16.IV.2003
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Ich gebe die verschiedenen Fassungen dieses Gedichts "Nänie" von klingsor hier einmal wieder:


    Erste Fassung:
    ... Auf einer Urne
    Worte Atem angerissen
    und zwei Linien traumgeführt
    dann Ton ein Griffel
    handverwittert
    und Staub und Seelen
    halbbemalt ...


    Zweite Fassung:
    auf einer Urne
    zwei Linien
    angerissen
    Leben
    rot-
    und traumgeführt
    Staublicht
    Griffel
    handverwittert
    bloß Ton
    und Seelen
    halbvermalt


    Dritte Fassung:
    auf einer Urne
    zwei Linien
    angerissen
    Leben
    schwarz-
    und lehmgeführt
    Staublicht
    Griffel
    handverwittert
    Ton
    und Seelen
    halbvermalt


    Verschiedene Fassungen eines Gedichts zu vergleichen, das war immer schon eine meiner Leidenschaften, - so wie auch verschiedene Fassungen eines Kunstliedes. Warum? Man kann wunderschön erkennen, wie sprachliche Lyrik oder musikalische entsteht. Und wie entsteht sie: Durch Reduktion der Metaphorik – oder der Klanglichkeit - auf das Wesentliche, das den Kern der Sache Treffende.


    Beim vorigen Gedicht , „Nachtgebet“, hatte ich da so meine Schwierigkeiten. In der ersten Fassung driften die lyrischen Bilder zu weit auseinander. Ich hätte eigentlich erwartet, dass in der hier abgedruckten „Endfassung“ eine stärkere Konzentration um den lyrischen Aussage-Kern stattgefunden hätte. War aber nicht der Fall.


    Hier, bei dem lyrischen Gedicht „Nänie“ ist das anders. Aus meiner Sicht ist es vollkommen gelungen, - eben weil sich, wie im Vergleich der verschiedenen Fassungen zu erkennen, diese Reduktion der Metaphorik ereignet hat.


    An einer Versgruppe möchte ich das zeigen. Bei dem Bild von den „zwei Linien“ auf der Urne bringt der Autor in der zweiten Fassung noch eine neue Dimension hinein, und zwar mit dem Wort „traumgeführt“. Das wirkt aufgesetzt, weil es ein gedanklicher Zusatz ist, der den vorgegebenen bildlichen Raum „Urne“ verlässt.


    Beider Endfassung aber bleibt der Autor ganz im Bild: Jetzt sind die Linien „schwarz und lehmgeführt“. Und die nachfolgenden Verse schließen sich daran nahtlos, weil im metaphorischen Rahmen verbleibend, an: „Staublicht./ Griffel / handverwittert“.


    Ja, das ist gut!

  • Bei meiner Fixiertheit auf den Aspekt „Entstehung eines Gedichts“ habe ich, wie mir gerade auffällt, vernachlässigt, mich interpretierend auf das Gedicht „Nänie“ einzulassen.


    Das Trauerlied, was das antike Vorbild „naenia“ ja beinhaltet und von Schiller mit seinem berühmten Versen „Auch das Schöne muß sterben“ und der ebenso berühmten Vertonung durch Johannes Brahms lyrisch-sprachlich und musikalisch in maßgeblicher Weise ins Werk gesetzt wurde, wird hier zur stillen lyrischen Meditation beim Anblick einer Urne.


    Sie verdichtet sich sprachlich in den Worten „Ton / und Seelen / halbvermalt“. Der Weg, der zu diesen Worten hinführt, ist in den vorangehenden Versen lyrisch-sprachlich skizziert. Die Urne weist Linien auf. Sie sind nur „angerissen“, und der Griffel, der sie in den Lehm/Ton riss, war ganz und gar „lehmgeführt“. Er konnte sich, den Namen des Verstorbenen schreibend, nicht frei bewegen. Die irdene Schwere und Zähigkeit des Lehms hemmte und hinderte ihn daran, den Namen des Toten klar und deutlich mitzuteilen.


    Was herauskam und sich dem späten Blick mitteilt, ist in dem Bild „Staublicht / Griffel / handverwittert“ zum Ausdruck gebracht. Die Hand, die den Namen des Toten festhalten und ihm damit zeitliche Dauer verleihen wollte, ist in den Prozess des Zerfalls allen Lebens einbezogen worden. Über dem, was der Griffel festhalten wollte, liegt nun „Staublicht“ und Verwitterung.


    Die letzten Worte stellen eine Einheit zwischen der Seele des Toten und dem Ton her, der die Asche seines Leibes birgt. Über dieser Einheit liegt das rätselhafte Wort „halbvermalt“. Was will es sagen? Dass die Seele des Toten in Gestalt Zeichen auf der Urne mit der Erde, aus der sie besteht, eine vage, eben nur halb gemalte und deshalb nicht wirklich beständige Einheit eingegangen ist?
    Lyrisches Bild für Vergänglichkeit eben?
    Wer weiß! Lyrik, insbesondere die moderne, liebt das evokative Rätsel

  • Gerade lese ich in Schillers Gedicht „Nänie“:


    „Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
    Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
    Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
    Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.“


    „Auch das Schöne muss sterben“, - so setzt dieses Gedicht ein. Aber am Ende mündet es in die These, dass es in der Kunst überleben und zur Unvergänglichkeit gelangen könne.
    Und ich denke: Das sind vergangene Zeiten und ihr Glaube an die Möglichkeit von Dauer und Bestand, - wenn auch nur im Bereich des gleichsam idealen Seins.


    Wenn ich nun klingsors Gedicht „Nänie“ lese, so begegnet mir die Gegenwart des Verständnisses von Leben und der Beständigkeit seiner Schöpfungen und Hervorbringungen.
    Da sind diese Worte: „Ton / und Seelen / halbvermalt“, in die sein Gedicht mündet. Wie anders kann man sie verstehen, als dass es diese Schillersche „Unvergänglichkeit“ nicht gibt.
    In den Schriftzeichen, die die Urne aufweist, sind der irdene Ton und die Seele des Toten, dessen Asche er birgt, eine „halbvermalte“ Einheit eingegangen. „Halbvermalt“. Was immer dieses rätselhafte Wort bedeuten mag, - es ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Es ist eine lyrische Evokation von Unbeständigkeit und Vergänglichkeit.

  • Moritzburg


    Beschwören will ich Kuppeln
    und die grauen Farben
    und aus den Blättern
    Herzen bilden
    wie ein Grab


    Und Fäden wirken,
    tausend Seiten binden
    wie den Mond
    und all’ die Schichten
    von den Wolken nehmen


    Doch keinen Rahmen will ich stör’n,
    nur Stiche schwärzen
    und uns


    wie einen Augenschlag
    erhör’n


    Mag es das von August dem Starken erbaute Schloss Moritzburg sein, - oder welches historische Gebäude auch immer. Diese Frage ist nicht von Bedeutung, denn es geht um die lyrische Erfahrung eines Ortes, der steinerne und bildhafte Verkörperung menschlich-architektonischen und überhaupt gestaltenden Schaffens ist.


    Und das Eigentümliche ist: Diese Erfahrung setzt zwar an der Gegenständlichkeit von „Kuppeln“ und „grauen Farben“ an, geht aber alsbald in naturhafte Bilder über und endet schließlich in dem „Du“, das in einem „Augenschlag“ „erhört“ wird.


    Was ereignet sich da lyrisch? In der – offensichtlich nächtlichen – Erfahrung der einen Ort verkörpernden Gegenständlichkeit nimmt sich das lyrische Ich auf sich selbst zurück und schafft seine ganz eigene, aus der Realität abstrahierte Welt. Darin erweist es sich als ein genuin modernes. Es bildet, Kuppeln beschwörend, seine eigene innere Welt aus. Und aus Gebilden die es dort in der Realität wahrnimmt, werden ihm „Blätter“, die sich zu „Herzen“ formen und die Assoziation „Grab“ auslösen. Das ist, als fühle sich das Ich in die Stein gewordene Vergangenheit von ehemaligem Leben einbezogen.


    Aber da ist noch Leben in ihm. Beim Blick in den nächtlichen Himmel in seiner Ferne und Kälte will es „Fäden wirken“ und die Wolken menschlich machen, indem es all die „Schichten“, die sie aufweisen, zu sich herunter nimmt.


    Und da gibt es noch ein „Du“. Auch das ein lyrisches Indiz von Leben, angesichts der steinern-historischen Welt. Das Ich will sie nicht für sich vereinnahmen, nicht mal „ihren Rahmen stören“. Es will, „Stiche“, die ihm in ihr begegnen, allenfalls „schwärzen“, um dem „Du“ wie in einem gemeinsamen „Augenschlag“, der sich darauf richtet, begegnen zu können.


    Lyrische Impressionen einer Begegnung mit einem historischen Ort in Gemeinsamkeit mit einem anderen? Erfahrung eben dieser Gemeinsamkeit in ihrer Zeitlichkeit angesichts der Begegnung mit Stein gewordener Historie?
    Man kann dieses Gedicht so lesen, - freilich wissend, dass man sich dabei im Ungewissen bewegt.
    Wie schön wäre es aus diesem Grund, wenn man hier auf eine weitere Weise des Lesens und Verstehens dieses Gedichts stoßen würde.


    Es wäre nicht nur schön, - es wäre bereichernd.

  • Ich verfolge diesen schönen thread jetzt seit ich bei Tamino angemeldet bin und genieße ihn sehr. V. a. an den Stellen, an denen die Werke der Lyrik mit den subtilen Ausdeutungen in einem wunderbaren Wechselspiel stehen.
    Einen Zugang zur Lyrik zu finden, der dann auch noch in Worten Ausdruck finden soll, um ebendiesen Zugang vermitteln zu können: das ist ähnlich schwer, wie musikalische Eindrücke in Worte zu fassen. Versuchen möchte ich es dennoch:


    Moritzburg


    Beschwören will ich Kuppeln
    und die grauen Farben
    und aus den Blättern
    Herzen bilden
    wie ein Grab


    Und Fäden wirken,
    tausend Seiten binden
    wie den Mond
    und all’ die Schichten
    von den Wolken nehmen


    Doch keinen Rahmen will ich stör’n,
    nur Stiche schwärzen
    und uns


    wie einen Augenschlag
    erhör’n


    Der Titel verrät dem Leser/Hörer den Ort "Moritzburg" überläßt ihn anschließend einer Szenerie an ebendiesem diesem Ort, der als solcher nicht weiter durch charakteristische Eigenschaften kenntlich gemacht werden soll. Es wird im Folgenden eine Szenerie imaginiert, der schöpferische Akt des lyrischen Ich wird ganz bewußt nicht nur als Ergebnis sondern als Akt selbst vor Augen geführt ("beschwören will ich"). Im Beisein des Lesers/ Hörers entsteht durch die Zeilen die imaginierte Welt gleichsam im Beisammensein von Schöpfer (Dichter) und dem Gegenüber, das man aufgrund des "uns" annehmen darf.


    Die in der ersten Strophe vor dem Auge entfaltete Szenerie ist farblos und von Grau dominiert, maßgebliche Bedeutung wird Formen gegeben: auch die Blätter, deren natürlichste Eigenschaft ja ihre Farbigkeit (Grün- Gelb- und Brauntöne) ist, werden nicht in ihrer Natürlichkeit umschrieben, sondern werden als Form ("Herz") zusammengesetzt, freilich im tristen Kontext ("als Grab"). Doch wirkt die gedämpfte Eingangsstimmung dennoch nicht wie eine Szenerie der Traurigkeit, eher wie eine abendliche Ruhe.
    Ab der zweiten Strophe wird der schöpferische Akt über Bilder aus dem Umgangs mit "textilen" Fäden umschrieben und dadurch gleichsam haptisch erfahrbar ("Fäden wirken", "binden" "Rahmen", "Stiche schwärzen" ist das Vokabular, das bei mir diesen Eindruck erweckt). Der dunklen Assoziation ("Grab"), auf die das Wirken des Ich eingangs noch hinzielte, wird nun das Lichte ("Mond") entgegengesetzt. Dies führt gleichsam in den Akt einer "Freilegung", Schichten werden von den Wolken entfernt, wie um in das Innere, den Kern dieser Wolken durchzustoßen?
    Behutsam geht das "Ich" in all seiner Tätigkeit vor, es will nicht aus dem Rahmen, in dem sich sein "Wirken" bewegt, heraus, will die evozierte Szene nicht verlassen, Veränderungen des lyrischen Gewebes finden nur in diesem Rahmen, statt. In der abschließenden Kopplung der Wahrnehmungsbereiche "Sehen" und "Hören" wird zum ersten mal explizit das Gegenüber einbezogen: was ist aber der unhörbare Augenschlag, ist er der vorübereilende Augenblick angesichts des eingangs evozierten Historischen, der kaum wahrnehmbar verging?
    Es mit dem Versuch des Verständnisses dieser letzten Zeilen auf die Spitze zu treiben, will ich hier nicht wagen, um klingsors Werk nicht noch mehr zu nehmen, als es durch meinen Verständnisversuch schon an Wirkung eingebüßt hat.


    Daß meine Zeilen dem Gedicht nicht gerecht werden konnten, das ist mir klar, und sollten meine Assoziationen nun gänzlich an der Gedankenwelt des Autors vorbeigehen, so möge man nachsichtig sein. Mit der Niederschrift ist der Text dem Zugriff des Autors entzogen und steht den Gedankenwelten der lesenden oder hörenden Personen offen (daß ich bei Schichten nun gleich an eine "Freilegung" denke, ist beispielsweise ein Zugang, der durch meine berufliche Tätigkeit geprägt ist). Daß diese in der Regel nicht mit derjenigen des Autors identisch sind, führt zwangsläufig zu unterschiedlichen Lesarten, ob die meinige bereichernd ist – ich weiß es nicht ... klingsors Gedicht ist es allemal.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Kurz habe ich darüber nachgedacht, ob ich auf den Beitrag von JLang, das Gedicht „Moritzburg“ betreffend, in Form einer Stellungnahme dazu reagieren sollte, ist dieser doch hinter den meinigen zu eben diesem Gedicht gesetzt, - ohne freilich Bezug darauf zu nehmen.


    Ich bin abgekommen davon. Ich denke, dieser Thread sollte das bleiben, was sein Initiator damit beabsichtigte: Einen Ort der Präsentation von moderner Lyrik in dieses Forum zu stellen.
    Was nun, aus meiner Sicht, wiederum zur Folge haben muss, dass man ihn nicht in der üblichen Internet-Forums-Manier dialogisch verhackstückt. Mehr und mehr werde ich dieses Forums-Geredes müde, halte es allzu oft – gerade nach meinen jüngsten diesbezüglichen Erfahrungen - für unergiebig und wenig erfreulich und bin gerade dabei, mich endgültig daraus zurückzuziehen.
    Ich wäre aus diesem Grund dankbar, wenn man diesen kurzen Beitrag einfach kommentarlos zur Kenntnis nähme.


    Natürlich werde ich immer wieder einmal, und zwar dann, wenn mich ein Gedicht klingsors angesprochen hat, dazu ein paar Worte hier einstellen. Allein schon deshalb, weil sein lyrisches Schaffen es verdient hat, in diesem Forum beachtet, rezipiert, in seiner Qualität wahrgenommen und kommentiert zu werden. Einen Dialog darüber möchte ich allerdings aus den genannten Gründen nicht führen.


    Es gilt aber mein obiges Bekenntnis, dieses Gedicht und alle anderen betreffend: Es wäre schön, wenn man hier auf möglichst viele Weisen des Verständnisses dieser Lyrik stoßen würde. Es wäre nicht nur schön, - es wäre bereichernd.

  • ich danke euch beiden, jlang und helmut hofmann, insbesondere helmut, für eure ausführlichen auseinandersertzungen mit meinen worten. das freut mich sehr!
    und ich hätte gerne mehr zeit, mich ausführlicher damit zu beschäftigen, zu kommentieren und zu verdeutlichen - doch diese, wie bereits vormals vermittelt, habe ich in diesen wochen/monaten nun gar nicht. :-( ich bedaure das - nicht nur aus diesem grunde - zutiefst .. aber so ist das leben ... wenn sich alles verändert ...
    es sei mir verziehen, obwohl es mich drängte ...
    doch eurer so lieben mühen und freundlichen worte willen möchte ich mich wenigstens 'rückmelden'. es wäre gar zu unfreundlich - wie ich finde.
    vielleicht ergibt sich doch in bälde noch einmal die gelegenheit, ausführlicher auf eure gedanken einzugehen ... es wäre mir eine freude.


    euch gute grüße zur nacht
    j

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Neigen



    Im Verneigen
    sinkt ein Gott dahin
    und bietet
    seine Hand


    So kurz


    Ein Gleiten
    bis sein Arm verraunt


    Er faßt
    und läßt Dich
    zu den Schatten geh’n


    Und im Hinübertreten
    singt


    Unsterbliches vorbei




    (c) 25.V.2003
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Nachtviolen



    Mondvergessen


    Schäfte
    aus Wolken


    Stäbe -


    und zwei Erden


    bekennen die Nacht




    (c) 7.IX.2013
    J.B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Nach Innen



    Krebsgang,
    nach Innen
    aufgeschlossen -
    Rot frisst den Rand


    Dort liegt ein Wachsen,
    Blütenloses:
    ein Gehäuse,
    verdreht


    Ein Kanon
    im Spiegel


    Dann eine Enge,
    verkleidet -
    und ein Tupfer,
    von Kreuzen
    geführt


    Eine Fuge
    kehrt um


    Schon keimen Noten -
    Sporen:


    bloß ein Ton
    als Skalpell




    (c) 6.VIII.2004
    J.B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Noch einmal



    ... scheint Dein Leben
    wie verkleidet,


    und noch einmal
    wirst Du wie Erde verstreut


    Einmal
    will ich ein Tuch noch befragen -
    und noch einmal
    sag’ ich den Nelken: genug!


    Und so beginnt
    der Boden zu atmen,
    und so trenn’ ich Dir einmal


    noch die Nähte vom Mund




    (c) 1.IV.2007
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Pietà



    Ihre Schöße sind blank -
    ein Leib aß vom Meer


    An Laken riß Salz,
    und ein Tor
    ist tief in Brüste gekerbt


    Auf den Firsten der Hahn,
    vom Nachtputz gestillt


    Selbst Knie, lotschief,
    und Söhne,
    wie Binsen verbraucht


    Die Schleier sind leer,


    und sie wachen um nichts




    (c) 16. IV. 2007
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Nur ein ganz spontaner Eindruck von der Rezeption moderner Lyrik:


    Gerade habe ich die beiden letzten Gedichte von klingsor gelesen. Sie stammen beide aus dem gleichen Jahr, 2007 nämlich, und sind doch so sehr verschieden in ihrer lyrischen Sprachlichkeit und Metaphorik. Das Gedicht "Noch einmal" vermag mich unmittelbar anzusprechen, beim anderen aber, "Pietà" , will das nicht gelingen.
    Ich habe mich gefragt, woran das wohl liegen mag. Und ich denke: Es liegt an der Stimmigkeit und dem inneren Kontext der lyrischen Bilder. Beim Gedicht "Noch einmal" stimmen alle Bilder zusammen, gehen in ihrem evokativen Potential in die gleiche Richtung und werden sprachlich - wie in Gestalt eines Leitmotivs - durch die Überschrift zusammengehalten.


    Beim Gedicht "Pietà" will mir diese Leseerfahrung nicht in gleicher Weise gelingen. Metaphorische Disparität und Divergenz hindern mich daran. Aber das ist natürlich, wie oben bedeutet, ein ganz und gar subjektiver Eindruck.

  • lieber helmut, vielen dank für die weitere beschäftigung! ich freue mich sehr darüber.
    und auch, dass dir 'noch einmal' so gut gefällt.


    schade nur, dass dich pieta nicht anzusprechen vermag. für mich ist es ein sehr ergreifendes werk und zugleich auch ein stimmiges. ich dachte dabei an u.a. an santorin (so auch der ursprüngliche titel der ersten version): das kahle weiß, das kalte strahlende blau, die alten frauen, das leid, die armut, die häuser, die dann eben - mit nun noch ganz anderer vielgestaltigerer sinnhaftigkeit - in der pieta kulminieren. ... dies aber nur ein paar kleine interpretatorische gedanken ....


    vielleicht konnte ich dir es ein wneig näher bringen. mir ist es ein sehr liebes gedicht :-)
    vg
    j

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Reigen



    Efeu, Strohkuß,
    und Orangen aus Gold


    Ein Bart in den Bäumen -
    acht Murmeln
    um ein Staunen gelegt


    Dazu Watte, maigelb,
    mit Sommer bemalt -
    ein Mond mit Trompete
    und Fische im Glas


    Steckenpferd,
    die Schürzen, reinweiß -
    ein Puppenkopf
    mit Schleifen als Pfand


    Zimt auf die Borten
    und an Angeln ein Stern -
    auf, Spielzeug-Schwarm,
    was kostet die Welt?


    Zwei Grieben vielleicht,
    einen Sprung in die Flur? -
    nein, Kinderlied,
    und die Drosseln gemischt!


    Seht, rotbeerenbleich,
    die Taschen voll Schaum:
    Es blöken die Lämmer,
    und ein Gevatter


    dreht sein Lachen dazu



    (c) 21.III.2009
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor


  • Ringe



    Blumenkuß,
    um Ringe gelogen


    Verkleidet sind Messen,
    zwei Lerchen um’s Herz


    Ein Amen, verschworen,
    denn Triebe
    schnür’n ein Jawort entzwei:


    Vermählt sind die Dornen,


    und heimlich
    färbt ein Blutkranz die Tür




    (c) 17.V.2007
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Sternendickicht - das Buch




    nochmals ein wenig werbung in eigener Sache:


    91 meiner
    gedichte und ein widmungsgedicht sind nun gedruckt worden und können
    z.zt. bei mir erworben werden. statt 19,90 euro zum vorzugspreis von 15
    euro. also, falls jemand interesse hat: gerne eine mail an mich über apollos1@gmx.de.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Rosenglas



    Nun wirst Du die Scherben breiten
    wie ein Regen,
    und ein Atemfallen,
    ein Verzicht,
    zwei Seiten einer Glut
    und wie ein Hoffen
    ohne sein Gewicht


    Und Du wirst schreiten,
    im Schopf das Siegel,
    einen Segen
    niederstreifen und verspür’n,
    Tücher färben
    wie ein Zeichen -
    und ein Rosenglas berühr’n,


    das schon so lange bricht




    (c) 4.IV.2005
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Schächter


    Dieser Hieb galt:
    Brüste reißen wie Glut!


    Kein Hirn steht mehr auf -
    Schenkel klaffen,
    und Adern waidet man tief


    Becken schält man Rinde heraus;
    Knöchel versengt man -
    ein Puls wird zerteilt


    Kein Schädel kann flieh’n;
    in’s Mark stoßen Klingen,
    und am Strang hängt Gedärm


    Es schwimmen die Rachen,
    und in Schürzen
    stieben Kehlen hinweg


    Ein Glied wird gespalten,
    schweißnasse Stiefel -
    sogar ein Schrei
    wird noch gewetzt:


    Schlachttag ist’s,


    und niemand wischt uns
    den Schaum noch vom Schlund!




    (c) 7.VI.2007
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Schlehenende



    Doch von Dir wußt’ ich nichts,
    nichts von den Weiden
    und den Runen daheim


    Vielleicht hätt’ ich sonst den Flug
    der Ähren begriffen
    oder den Hufschlag im Meer


    Und ich hätte das Tropfen
    der Rinde gespürt
    und den Gesang
    des Ginsters dazu


    Ja, wie gern
    hätt’ ich von Zweigen getrunken
    und Dich in’s Herz
    der Moore geschnitzt


    Und ich wär’ auch
    bis ans Ende
    der Schlehen gegangen


    Doch von Dir wußt’ ich nichts -


    Warten,
    gewogen als Hain




    (c) 7.IV.2007
    J. B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Unersättlich


    Zwei Krumen aus Erde,
    ein Gaumen als Kuß


    Häuten


    Doch es ist
    nichts
    genug:


    Denn die Toten


    sind


    unersättlich



    (c) 14.I.2014
    J.B.

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • vielen dank fürs gefallen.


    über das ende ließe sich streiten. aber ich lasse es erstmal so. für mich ist es runder und bezieht sich inhaltlich und vom reime her auf die ersten ebdien zeilen. eine klammer ...ein kreislauf ... wie ein wiegenlied vielleicht im winde ...

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Ich stimme mit hami1799 völlig überein, was die Bewertung dieses Gedichts "Schlehenende" von klingsor anbelangt ("Schönes Gedicht"). Zu seinem Einwand, den Schluss betreffend, vielleicht dieses:
    Das Gedicht weist eine Art lyrisch sprachlichen Rahmen auf, den Vers "Doch von Dir wußt’ ich nichts,"
    Innerhalb dieses Rahmens entfalten sich höchst expressive lyrische Bilder, die allesamt einen Naturbezug aufweisen und darin in einem Zusammenhang stehen. Das macht dieses Gedicht so gut!. Allesamt stehen sie lyrisch-sprachlich im Konjunktiv.
    Der Schluss aber ist genau aus diesem Grund in dieser Form notwendig. Er ist in seiner indikativischen Gestalt eine Art Reaktion auf diese vielen Konjunktive, - er will sagen, warum das so ist, was sich nicht ereignet hat.
    Das lyrische Ich fühlt sich wie naturhaft als "Hain" gewogen, - weitab von der Welt der Schlehen.


    (Schön, wenn einen ein solcher Beitrag wie der von hami in diesem Forum zum Nachdenken und genaueren Lesen anregt)

  • Lieber Helmut,


    schön, dass Du Dich hier eingeblendet hast. Es ist immer interessant, Deine Analysen zu lesen.


    Mir ist es erst nach Klingsors Entgegnung aufgefallen, dass die letzten 2 Zeilen zur Balance des Gedichts nötig sind. Ich hatte mich einzig auf die Intensität des "Doch von dir wusst´ ich nichts" konzentriert und da hätte die Verdoppelung als Schlusszeile gepasst.


    Meine Kenntnisse über die Technik der modernen Lyrik sind aber leider gleich Null und ich muss mich daher mit dem intuitiv Gefühlten begnügen.
    Vielleicht habe ich das Gedicht auch nicht verstanden. Meine Deutung war jedenfalls, dass es ein spätes, vielleicht zu spätes, Bedauern ausdrückt, wo die nicht stattgefundene Begegnung das Hauptthema ist und die wehmütigen Auslassungen über versäumte Naturerlebnisse dieses Bedauern verstärkt.