Lieber Edwin,
herzlichen Dank für Deine Ausführung zu den Tempi bei Bernsteins Mahler Interpretationen.
ZitatUnd damit zurück zu Mahler, bei dem durch Bernstein etwas Ähnliches passierte: Bernstein tendierte dazu, Tempi extrem zu nehmen: Langsames etwas langsamer, Schnelles etwas schneller.
Bei Bernstein selbst funktioniert das, weil er nicht nur die Tempi im Sinn hat, sondern wirklich eine Interpretation versucht, eine wenn man will nicht nur musikalische, sondern auch emotionelle und sogar philosophische Auslegung der Partitur anstrebt.
Dies deckt sich auch mit meinen Erfahrungen aus drei Mahler Aufnahmen, die ich besser kenne. Neben der 5. Sinfonie mit den Wienern finde ich auch, dass die Aufnahme der 6. Sinfonie mit den New Yorkern ein sehr gutes Beispiel für Deine obige Aussage ist.
Allerdings finde ich, dass auch bei Bernstein sein Konzept nicht immer aufgegangen ist, wenigstens habe ich den Eindruck wenn ich seine Aufnahme des Liedes von der Erde mit Fischer-Dieskau und King höre. Meiner Meinung bemüht sich Bernstein hier ständig jede Stelle mit Emotionen aufzuladen und dabei bleibt der natürliche Fluss der Musik auf der Strecke.
@ Austria
Zitat......Viscontis Film »Der Tod in Venedig« eingegangen ist, -wird es regelmäßig als Klagelied, zudem als sentimentales, mißhandelt.
Hier würde ich gerne Ergänzen, dass diese Aussage aus Sicht einer Person, die an Mahlers Sinfonien interessiert ist richtig sein mag. Aus Sicht eines Regisseurs der primär an dem Film interessiert ist stellt sich das aber anders dar. Hier sollte man dem Regisseur durchaus die Freiheit zugestehen, einen Satz aus der Sinfonie zu reißen und in Zusammenhang mit dem Film anders zu deuten. Meiner Meinung nach ist dies Visconti gelungen.
Insgesamt sollte das Adagietto nicht isoliert betrachtet werden. Wenn es einem Dirigenten gelingt es durch ein passendes Tempo, ob langsam oder schnell, stimmig in seine Interpretation zu integrieren, so ist mir das wichtiger, als die losgelöste Aussage zum Tempo des Satzes. Und wenn sich jemand eines Bruchstückes einer Sinfonie als Filmmusik bedient und dies gut umgesetzt wird, so sollte man hier ebenfalls das Musikstück im Zusammenhang mit dem Film betrachten. Von einer "Misshandlung" würde ich bei Viscontis Film jedenfalls nicht sprechen.
Beste Grüße
Wolfgang



