Unnützes Duell - Eugen Onegin

  • Ich habe die Düsseldorfer Inszenierung damals auch gesehen und mich entsprechend vernichtend geäußert. Beonders daneben fand ich damals, dass das Duell gar nicht stattfand, sondern Lenski sich selbst erschoss!
    Übrigens heißt eine Figur in Janaceks Osud auch Lenski: Janacek komponiert hier eine Oper über einen Komponisten namens Zhivny, der eine Oper über einen Komponisten namens Lenski schreibt...

    Das ist geschrieben. Das bedeutet nichts. Das ist wie Fernsehen, das bedeutet nichts, das ist nur gesendet (Piet Klocke).

  • Was ich an dieser Diskussion so bemerkenswert finde, ist, daß hier einmal wirklich die Psychologie der Figuren durchgenommen wird (leider sind die Hauptdisputanten von "uns" gegangen).


    Also ich möchte da auch noch meinen Senf dazu geben. Man muß auch sehen, daß Onegin eine leichtgewichtige Liaison zu einem schwärmerischen Landmädel (à la Rodolphe und Emma Bovary) u.a. deswegen ausschlägt, um Tatjana vor sich selbst zu schützen. Es geht bei derlei romantischen Affären sicher nicht um Eheanbahnung. Auch Tatjana ist beim Briefeschreiben klar, daß sie da nichts Ehrenhaftes zu tun im Begriff ist (aber es schert sie einen Dreck).


    Tatjana steht am Beginn des großen Gefühls, Onegin kennt auch schon den Ausgang der Geschichte (und möchte Tatjana so was an seiner Seite ersparen).


    In dem von Knusperhexe erwähnten russischen Opernfilm wie auch in der Hollywood-Verfilmung mit Ralph Fiennes bedeutet die Wiederbegegnung in Petersburg nur das erneute Aufbrechen dieser Leidenschaft, diesmal aber wechselseitig. Alte Liebe rostet nicht; und das Gereiftsein der beiden Figuren läutert nur ihr füreinander Geschaffensein in der Glut jahrelang unterdrückter Gefühle. Aus einem überspannten Kind ist eine Frau geworden, das sollte man nicht völlig vergessen. Die Bitternis des verweigerten Happy-Ends macht nur Sinn, wenn man Tatjana hier gegen alle Neigung einer Pflicht gehorchen läßt, die ihren verletzten Kleinmädchenstolz und ihre Angst kaschiert (denn was ist aus diesem Mädchen geworden? Findet ihr diese Ehe mit Gremin toll? In der amerikanischen Verfilmung wirkt der Palast morgens kalt und verwaist wie ein Geisterschloß).


    Leider spreche ich kein russisch ...


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • LIeber Farinelli!
    So habe ich es noch nie gesehen, für mich war Eugen immer der "Böse", der dann am Schluss seine verdiente Strafe bekam. Dass er tatsächlich Tatjana vor sich schützen wollte, war mir noch nie in den Sinn gekommen. Abe so wie du es beschreibst, hat es ja was für sich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese ja wirklich recht unreif daherkommt und natürlich wirklich mit ihm unglücklich geworden wäre.
    In dem Zusammenhang wird es dann auch wichtig, wie sie denn in ihrer Ehe mit dem deutlich älteren Mann angekommen ist. Das ist ja auch nciht eine überzeugende DArstellung von Liebesglück, oder?


    Wir irgendwo angedeutet, dass für sie ein Glück außerhalb von romantischen Vorstellungen möglich gewesen wäre?


    Interessant
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Lieber Klaus 2


    Unser farinelli wollte auch seinen Mostrich dazu geben, sagt aber Senf, weil er sich offenbar seinerHerkunft schämt. :baeh01:


    Nun, farinelli hat völlig recht. Pushkins Roman in Versen wird in der Oper notgedrungen einigermassen verwässert. Der Onegin Pushkins ist ein vom Leben angeöderter Müßiggänger, der unbedenklich alles verführt, was sich ihm bietet, aber doch so viel Ehrgefühl besitzt, die naive und ziemlich überspannte Tatjana nicht ins Unglück zu stürzen. Bei Pushkin ist das deutlich, die Oper aber bringt es auch.


    Zum Schurken Onegin, der seinen besten Freund erschießt, Folgendes:
    Es gibt da eine eben hier im Forum kritisierte Düsseldorfer Inszenierung, wo sich Lenskij selbst erschiesst. Ich kenne sie nicht und kann nichts dazu sagen ausser dass Lenkijs Selbstmord psychologisch ins Bild passt.
    Es ist ja doch Lenskij, der sich nicht vom Duell abbringen lässt, trotz Onegins Versuche, die Geschichte zu entschärfen.
    Schliesslich zollt er auch dem Zeitgeist Tribut, wo es einem jungen Poeten nicht schlecht zu Gesicht steht, der schnöden Welt auf diese Weise adé zu sagen.
    Ich möchte da nur auf die Selbstmordwelle nach dem Erscheinen des Werther hinweisen.
    Pushkins Versroman erklärt die Charaktere und Situationen natürlich deutlicher als es eine kurze Oper kann.


    Bin gerne bereit, das Thema weiterzuführen


    Grüße aus Stockholm

  • Lieber Klaus,


    beinah das Gegenteil wird ausgesprochen:


    Im ersten Akt gibt es eine aufschlußreiche Szene zwischen Tatjana und ihrer Mutter, der Tatjanas Blässe auffällt. Sie führt das auf das viele Lesen zurück. Tatjana erwidert:


    Wie könnte es auch anders sein, Mama? Diese Geschichte von den Herzensqualen zweier Liebender ist so aufregend, sie tun mir so leid, die Armen! Ach, wie sie leiden, wie sehr sie leiden!


    Die Mutter gedenkt verständnisvoll ihrer eigenen romantischen Jugendlektüren und fügt hinzu:


    Die Jahre vergingen, und ich sah ein, daß es im wirklichen Leben keine solchen Helden gibt. Heute bin ich ruhig und zufrieden.


    Damit wird die bleiche Tatjana eine entfernte Verwandte der Senta (und der Madame Bovary), die eine angelesene Wunschvorstellung von hinreißenden Leidenschaften in ihr Dasein projiziert. Onegin ist geradezu der ideale Widerpart solcher Imaginationen - einsam, distanziert und unnahbar attraktiv. Er ist sozusagen ein unerreichbares Ziel unerfüllbarer Wünsche, mit einem fatalen Doppelgänger im wirklichen Leben.


    Abseits dieser topischen Betrachtung darf man auch fragen, wieso die weltfremde, aber sensible Tatjana instinktiv auf den älteren, erotisch erfahrenen Bonvivant "abfährt"? Das berührt dann das Feld weiblicher Wünsche im Korsett bürgerlicher Freiheiten. Denn anders als Arabella, die beharrlich "auf den Richtigen" wartet, wählt Tatjana aus freien Stücken den schönsten und romantischsten Mann mit seiner Aura von Fremdheit und Weltmannsgehabe, der auf seine Weise ihr geistiges Außenseitertum in die Wirklichkeit trägt. Mandryka ist trotz allem ein Mann zum Heiraten, eine gute Partie. Onegin ist vor allem sexy.


    :hello:

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  • Tja. Alles richtig, was Ihr da schreibt.
    ich muss allerdings nochmaldarauf hinweisen, dass ich nur diese filmische Bearbeitung kenne.


    Mir kommt es aber immer noch so vor, als sei die Ablehnung Onegins doch sehr zynisch, überheblich und narzistisch.


    Andererseits - und da habt ihr mich draufgebracht, hätte er die Schwärmerei natürlich auch ausnützen können.


    Am Ende aber erscheint ihm doch diese romantische Liebe, die er damals verschmäht hatte, als die große Chance seines Lebens?? Insofern gesteht er ihr, Tatjana, doch eine größere Tiefe zu.


    Aber vom Bild des rein bösen Onegin bin ich jetzt definitiv weg.
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Hallo Klaus,


    Insofern gesteht er ihr, Tatjana, doch eine größere Tiefe zu.


    Das tut er von Anfang an. Die Belehrung möchte ich nicht zynisch nennen, überheblich ja.
    Doch verweist er deutlich auf seinen eigenen, fragwürdigen Charakter und ist auf jeden Fall ehrlich. Er liebt sie mit der Liebe eines Bruders, oder sogar noch mehr, sagt er ihr und macht sie also nicht zum Narren.
    Tatjanas späte Rache ist daher etwas unmotiviert.
    Onegin ist selbst ein Opfer der Umstände, Der brillante Salonlöwe auf dem Lande. Unerwünschte Einladungen bei den Nachbarn, dort endlose Gespräche über das Vieh, den Wein, die Heuernte und das noch langweiligere Geschwätz der Ehefrauen, das nervt. Dazu noch der weltfremde Schöngeist Lenskij, der ihn überall mitzieht.
    Da hat sich Pushkin selbst seine Wut von der Seele geschrieben, weil er auch ein Verbannter war, dazu noch ein wirklicher. Der Zar hatte in aufs Land geschickt, nach Michailowskoe und ließ ihn dazu noch von seinem eigenen Vater bespitzeln.


    Verständlich daher die Revolte des Genies gegen die Kleinbürgerlichkeit, die Zensur, die Einschränkung der persönlichen Freiheit.
    Der Flirt mit Olga war nur Ausdruck seiner Frustration.
    Wenn ich ein Dichter wäre, würde ich Tatjana vorziehen, sagt Onegin zweifelt damit am Geschmack seines Freundes.
    Hätte er sich wirklich für Olga interessiert, hätte er sich über sie wohl anders geäussert:


    Die Züge Olgas sind so leer
    Wie sie Van Dyks Madonnen haben;
    So rund, so hübsch und so gewohnt
    Wie dieser dumme runde Mond
    Am dummen Himmel heute abend.


    Im Original wird´s noch schärfer ausgedrückt, verständlich, dass auch der Klerus nicht begeistert war.


    Grüße

  • Klar ist, dass ich mir meine DVD noch mal anschauen muss.
    Aber es bestehen schon noch Zweifel. So ist die Affäre mit Olga doch auf jeden Fall eine zynische Geschichte, wo er Moral mit Füßen tritt. Hier stellt er sich doch über alle anderen.


    Und wie beurteilt Ihr denn die Ehe mit dem älteren Mann von Tatjana. Hat sie da ihr Glück gefunden? Onegin scheint doch genau das als erstrebenswert zu empfinden.


    Wäre das nicht zu bürgerlich für Tchaikovsky?

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Wenn ich Dich richtig verstanden habe, war das diese DVD:



    Die Petr-Weigl-Verfilmung benutzt den Soundtrack von Soltis Chicagoer Produktion der Oper.
    Die Oper dauert knapp 3 Stunden.
    Der Film ist stark gekürzt. Der ist sozusagen auf "Spielfilmlänge" zusammengeschnitten und dauert in der DVD-Fassung ganze 117 min.
    Da ist natürlich so einiges auf der Strecke geblieben... Psychologische Feinheiten, wie Puschkin sie in seinem Versroman ausdrückte, kommen da etwas zu kurz.


    Das ist die verwendete Opernaufnahme als Audio-CD:



    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Und die Rolle Olgas, bester Klaus?


    Wenigstens beim Kotillon hätte sie einlenken können. Olga findet Onegin interessant und dieser will Lenskij ärgern. Mehr war´s eben nicht.


    Wenn Onegin später Lenskij fragt, warum tanzt du nicht, so wird es doch offenbar, dass er das für ihn unbedeutende Intermezzo eigentlich schon vergessen hatte.


    Olga versteht Lenskijs Eifersucht schon gar nicht, sie ist eben ein robustes Landmädchen und sieht die Dinge nüchtern.


    Lenskij ist schlicht Opfer seiner Unfähigkeit zum rationellen Handeln.


    Ob Tanja mit Gremin glücklich ist?
    In der Oper nicht, sie sagt es ja frei heraus, dass sie Onegin liebt.
    Im Roman ist es weniger deutlich. Sie hat immer noch Gefühle für Onegin aber auch mehr Distanz.


    Pushkin ist eben kein Romantiker.

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  • Und schon wieder kommt der Kommerz ins Spiel. Wie Harald eben postete, habe ich nur eine gekürzte Version. Das wusste ich nicht. D.H. ich bräuchte eine komplette Aufnahme. Opern kriege ich nur mit als DVD, nur die Musik, das tut es nicht.


    Trotzdem: Wenn Onegin fragt, warum tanzt du nicht?, dann treibt er doch seinen Zynismus auf die Spitze. "stell dich nciht so an, spielt doch alles keine Rolle".
    Klar finden ihn die Landpomeranzen klasse. Seine Überheblichkeit sieht dann vielleicht nach Überlegenheit aus. Er steht so über diesem Landleben. Und dann tanzt man halt mal mit so einer Magd.
    Könnte dieser Tanz nciht für viel mehr stehen? Ein Nümmerchen mit dem Landvolk? Da wäre Olga dann doch eher ein Opfer. Und dass sie immerhin ihren Verlobten verliert, ist ja auch nicht ohne.


    Onegin hätte immer die Möglichkeit gehabt, das Leben auf dem Lande zu teilen. Da gab es nichts, was dieses wirklich entwertete. Er stellte sich aber immer darüber.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Würde sich ein Teufel im Himmel wohlfühlen, oder ein Eisbär im Dschungel?


    Das zweite Kapitel des Onegin beginnt wörtlich:
    ´Das Dorf wo sich Onegin langweilte war ein herrliches Fleckchen und ein Freund unschuldigen Vergnügens hätte dem Himmel gedankt ...´
    Aber niemand kann aus seiner Haut.


    Ein Nümmerchen mit dem Landvolk?


    Sowohl im Roman wie in der Oper gibt´s dafür keine Anhaltpunkte. Man kann´s natürlich dorthin projizieren. Es wäre auch verwunderlich, wenn ein Werk von der Dignität des Eugen Onegin nur einfache Deutungen zuließe.



    Ich fände es außerdem dramaturgisch verfehlt, weil es nicht dem psychologischen Verlauf der Handlung entspricht.
    Die kleine, dumme Rache ist´s, die das Unheil heraufbeschwört und nicht die tatsächliche Verführung der Verlobten. Das würde doch die ganze Sinnlosikeit des Streits nicht so eindringlich vor Augen führen, näspa?


    Doch letztlich ist jeder mit seiner Deutung von seinen eigenen Empfindungen abhängig.

  • Lieber Klaus 2, Lieber Hami1799,


    zum Duellthema vielleicht noch folgende Überlegeung:


    Wenn man die Literatur zum Thema einbezieht, so fällt von einer Novelle wie "Leutnant Gustl" noch ein anderes Licht auf Lenskis Duell. Denn die schon beim Onegin zugespitzte Problematik des Mißverhältnisses zwischen Anlaß und Verfahren erscheint bei Schnitzler nochmals extremiert - da der Beleidiger nicht satisfaktionsfähig ist, müßte sich Gustl ehrenhalber selbst erschießen.


    Das Duell wird hier nicht in erster Linie ad absurdum geführt, um es ethisch zu brandmarken; sondern es dient gewissermaßen einer Umwertung von nichtigen Vorfällen ins Existenzielle. Erst indem Lenski aus Onegins Flirt eine Ehrensache macht, gibt er den Verhältnissen auf dem Landgut eine Dignität und ein Maß, an dem sich auch Onegins Verhalten messen lassen muß. Aus Onegins Sicht ist ja rein gar nichts auf Larinas Gut ernst zu nehmen - würde Lenski das akzeptieren, so müßte er zugeben, daß auch er selbst sich seine große Liebe zu Olga bloß vormacht. Die Verzweiflung des Duells ist wie ein großes Dementi, ein Einspruch gegen den zynischen Relativismus des Eindringlings.


    Auch Tschechows große Novelle "Das Duell" verhält im Augenblick des Schußwechsels wie in Zeitlupe bei der Hauptfigur, die längst nicht mehr die Veranlassung des Streites, sondern in diesen Sekunden nur mehr die tödliche Relevanz und Konsequenz des gewählten Vorgehens als Ehrenhandel im Blick hat. Und Lajewskis gedankliche Bitte: "Schieß doch!" erfaßt genau jenen todbereiten, selbstzerstörerischen Aspekt, der auch bei Lenski aufscheint. Denn nicht um einen zornigen Affekt über eine handgreifliche Beleidigung geht es, die Lenski nach dem Leben des Freundes würde trachten lassen. Die absurde Aufblähung des ganzen Vorgangs zu einer Satisfaktionsangelegenheit gleicht einer Folie, vor der Lenski sich für das Ideal seiner Liebe opfern kann. Erst sein Tod macht auch dieses Duell wirklich.


    Man kann, wenn man will, aus dieser psychologischen Gemengelage ersehen, wo Kafka später ansetzen wird. Der Mensch, verstrickt als Spielball anonymisierter Verfahren.


    Ein andere Frage ist, wieso Onegin nicht daneben schießt. Das Verhängnis des nicht mehr abzuwendenden Vorgangs, nicht böser Wille führt ihm die Hand. Oder ist doch ein uneingestandener Neid im Spiel?


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Lieber farinelli

    Man kann, wenn man will, aus dieser psychologischen Gemengelage ersehen, wo Kafka später ansetzen wird. Der Mensch, verstrickt als Spielball anonymisierter Verfahren.


    Und dazu noch die psychologische Kausalität, bedingt durch die Persönlichkeit des schwärmerischen Lenskij, würde ich sagen.

    Ich hatte schon früher den Selbstmord als Modeerscheinung nach Goethes Werther erwähnt, vielleicht kommt noch ein geographisches Element hinzu.
    Das sechste Kapitel des Onegin hat eine Unterrubrik, eine Sentenz Petrarcas:

    La, sotte i giorni nubilosi e brevi,
    Nasce una gente a cui l´morir none dole.

    Das Land, wo die Tage nebelschwer und kurz sind
    gebiert Menschen, denen das Sterben keine Schmerzen bereitet. (Meine Deutung, lasse mich aber gern verbessern)


    Sprichst du übrigens italienische?


    LG

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  • Das Italienische ist nicht perfekt. Leider habe ich zu wenig Möglichkeiten zu üben. Lange nicht mehr da gewesen....


    Für mich waren Opernfiguren eigentlich immer Archetypen, Beispielcharakteren und daher relativ einfach, klar und offen. Meist sogar in gut und böse zu kategoriesieren. Und nur in der Ausgestaltung einiger Momente gab es psychologische Vielfalt und Tiefe. Also ganz anders als in der Literatur. Und bei vielen Opern liege ich damit wohl auch nicht so falsch. Es ist ja auch faszinierend, so archaische Strukturen in der komplexen Welt der Musik experimentell zu verarbeiten.
    Und so bin ich auch an den Eugen rangegangen. - Was ja auch sehr gut funktioniert hatte.
    Ich sehe das jetzt mit anderen Augen.
    Allerdings frage ich mich, wie ich jetzt an eine (bezahlbare) DVD der ungekürzten Oper komme. Denn ich bin sehr neugierig geworden
    Ciao

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Das ist von den neueren Aufnahmen die authentischste, Altmeister Mark Ermler dirigiert:



    aus dem Bolshoi; kenne ich selbst allerdings nicht.


    LG


    :hello:

    Harald


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    (Vinícius de Moraes)

  • Vielen Dank!
    Aber bezahlbar, da dachte ich so an etwas über 20,-.
    Dafür reicht der Etat definitiv nicht.
    Schade.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Dort, unter kurzen, wolkenreichen Tagen
    erwächst ein Volk, dem Sterben schmerzlos scheint.


    (io non parlo l´italiano, ma capisco un po).

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  • Lieber Klaus


    Du sprichst da ein interessantes Thema an, ich bin mir aber nicht sicher, was Du mit dem Archetypen meinst.
    Keinesfalls möchte ich ihn jedoch am statischen Gut-Böse Begriff festmachen.


    Gewiss gibt es in der Opernliteratur diese vermeintlichen nur Bösen oder nur Guten, beim näheren Hinsehen ergeben sich jedoch oft neue Perspektiven und mancher Motivationspsychologie findet da sein Klondike.
    Die Stampeders in Gestalt der modernen Regisseure beuten natürlich diesen Claim gehörig aus, womit ich meine, dass sie das Interpretieren für meinen Geschmack oft arg strapazieren.


    Entweder traut man da den großen Meistern nicht zu, die psychologische Komplexität des Sujets musikalisch auszuloten, oder spricht uns, dem Publikum, die Fähigkeit ab, den Intentionen des Komponisten zu folgen.


    Übrigens, ich finde, so viele nachtschwarze Bösewichter sind in der Opernliteratur gar nicht zu finden, aber zählen wir ruhig den Barnaba, den Jago, den Kaspar zu ihnen und lassen sie nachtschwarz.


    Bei den Guten wird´s schon komplizierter.


    Laura ist ist durch ihre Untreue schon etwas kompromittiert, aber gut, sie wurde zur Ehe mit Alvise gezwungen,
    Max ist durchaus kein Held und Otello gleicht dem Lenskij, ein großer Krieger zwar, aber zu dumm und zu neurotisch, Jagos Intrigen zu durchschauen.


    Was die psychologische Tiefe und Vielfalt angeht, so bin ich der Meinung, dass es den großen Meistern sehr wohl gelingt, die Musik zu ihrem Interpreten zu machen.


    Bei Mussorgskij zum Beispiel ist es offenkundig, bei den sogenannten Melodieopern vielleicht weniger.


    Aber hör Dir mal den Macbeth an, da könnte man geradezu das Libretto nach der Musik schreiben.


    Ich denke dabei nicht nur an Lady Macbeth sondern auch an diesen Ohrenschmaus am Schluss der Oper, Macbeths Arie ´Perfidi … ´


    Ist es nicht so, als ob hier die Streicher in diesen wunderbaren, langen Melodiebogen bei ´pietà, rispetto, amore … zurück in eine unschuldige Vergangenheit zu entfliehn versuchen, Macbeth sie noch einmal einfängt, in kurzer Vereinigung sie begleitet, aber schließlich in Verzweiflung zurückbleiben muss?


    Man könnte auch Beispiele es heiteren Fachs anführen, die Cenerentola sprüht förmlich von subtiler Charakerzeichnung.


    Manchmal, glaube ich, hat die Musik größere Macht über den Ausdruck als das Wort.



    Ciao

  • Na ja, ich hab mich da schon weit aus dem Fenster gelehnt, denn so richtig fundiert ist mein Wissen bestimmt nicht. Aber wenn mir jetzt z.B. Leonore aus Fidelio einfällt. - Die ist nur gut, ebenso ihr Mann. Fertig. Und der Governeur steht für das Böse. (Klar ist da ein Unterschied, steht für/ist).
    In der Zauberflöte ist jeder eindeutig in die Fächer Gut/Böse einzusortieren, bis auf die Buffos natürlich, die aber auch eine sehr undifferenzierte Wesenheit haben.
    Macbeth wiederum lebt davon, dass einzelne Personen genau diese Schubladen wechseln, so entstehen schöne klare Bilder z.B. zum Thema Reue o.ä.


    Vielschichtige Personen aus Opern fallen mir gerade gar keine ein. Insofern finde ich Eugen Onegin schon etwas besonders.


    Tschö
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Gut.
    Am Anfang denkt man, er sei böse und am ENde erfährt man die Wahrheit. Oder??
    Das ist doch ein gewichtiger Teil des Plots. - Denke ich.
    Tschö
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

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  • Weil ich eben bei Madama Butterfly vorbeigeschaut habe:
    Pinkerton ist ein Archetyp für den oberflächlichen Yankee, der sich nicht in fremde Kulturen einfühlen kann.


    Ciocio san das romantisierende Opfer, die Naive.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.


  • Hallo Siegfried,


    gerade das Duell ist der Angelpunkt der Oper...


    Grüße aus Stockholm
    hami1799


    Lieber hami1799 sowie Alle, die diesen Uralt-Thread zu neuem Leben erweckt haben,


    mir ist schon bewußt, daß die von mir damals gewählte Überschrift auf manchen Leser etwas provokativ gewirkt hat. Und mir ist auch bewußt, daß es ohne dieses Duell eine langweilige Oper mehr gäbe und vor allem: Eine der schönsten Tenor-Arien wäre uns auch verwehrt geblieben: Lenskis Kuda, kuda.


    Mein eigentlicher Ansatz war damals, daß ich Duelle und besonders solche mit tödlichem Ausgang menschenunwürdig finde und deshalb verabscheue.


    Nichts gegen einen gesunden Wettstreit à la Meistersinger, wo sich die Kontrahenten am Ende die Hand reichen.


    Doch wer nur siegen kann, indem er ein anderes Leben auslöscht, ist in meinen Augen ein Mörder.


    Ist Jemand anderer Meinung?

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Lieber Siegried,


    gerade das, was Dir so mißfällt, wird von Pushkin in seinem Poem angesprochen. Für jeden, der Tjajkovskijs Oper besucht, wäre es nützlich, die Vorlage zu kennen.


    Pushkin hält sich lange an diesem Duell auf. Er beschreibt die technischen Einzelheiten, die Funktion der Pistole und vor allem, was Du ansprichst, die Psychologie dieser sinnlosen Einrichtung.


    Eben das Duell dient Pushkin als Ausgangspunkt für seine Kritik an diesem antiquierten Ehrenhandel und nirgends im Poem findet sich für ihn eine Rechtfertigung.


    Wie gesagt, er spricht Dir aus der Seele.


    LG

  • Siegfried und Hami!
    Natürlich habt Ihr recht und ich stelle mich bestimmt nicht auf die Seite derer, die Mord für eine Lösung halten. Aber man muss schon sehen, dass es (lange!) Zeiten gegeben hat, wo das die einzige ehrenwerte Form, seinen Ruf zu wahren. Und dass Tchaikovsky oder der Libretist nutzen, um die archaischen Gefühle darzustellen, kann man ihm doch nciht vorwerfen. Immerhin hat es das gegeben, ob man will oder nicht.
    Klaus

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Philanthropie ist sozusagen Gift für die Romantik, wie Temperenzlerclubs, Bibeltreffen und Heilsarmeekonzerte.


    :hello:

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