• Nachdem sein Exclusivlabel ihm schon viele Wuensche erfuellte (zuletzt eine Gesamtaufnahme der Prokofjev-Sinfonien mit dem LSO), bin ich gespannt, ob es einen neuen Mahler-Zyklus mit Valeri Gergijev geben wird, natuerlich mit dem LSO. Der Homepage des LSO entnehme ich, dass es in der kommenden Saison einen Mahler-Zyklus mit diesem "Phantom der Oper" geben wird, und mit seinem Mariinski-Orchester uebt er bei diesen Weissen Nächten schon fleissig dafuer. Anzeichen fuer einen neuen CD-Zyklus? Braucht man das?


    Mikko

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner


    Zwei Tage nach der Aufnahme...
    Das Orchester klingt hervorragend, aber der Dirigent pinselt Mahler halt herunter, nicht Fisch (analytisch), nicht Fleisch (leidenschaftlich). Ich nenn's kalte Üppigkeit. Irgendwie uninteressant.
    :hello:


    Danke Edwin :hello:


    Welche Empfehlung steht dagegen?
    Oder sollte man die Mahler-Symphonien einzeln mit verschiedenen Interpreten auswählen?

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Zitat

    Original von Siegfried
    Welche Empfehlung steht dagegen?


    Hallo Siegfried,


    ich wurde zwar nicht gefragt, melde mich aber trotzdem zu Wort :D


    Wenn Du eine gute Gesamteinspielung suchst, kann ich Dir folgende empfehlen:



    Die Aufnahmen wurden in den 80er Jahren von dem japanischen Label Denon gemacht und sind jetzt in Lizenz preiswert bei Brilliant erhältlich. Die Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern und Maazel kenne ich auch, sie klingen für mich irgendwie glattpoliert-nichtssagend.


    :hello: Andreas

  • Zitat

    Original von Siegfried
    Welche Empfehlung steht dagegen?
    Oder sollte man die Mahler-Symphonien einzeln mit verschiedenen Interpreten auswählen?


    Hallo Siegfried,


    ich denke, Mahlers Sinfonien sind so vielschichtig und können unter so vielen Gesichtspunkten interpretiert werden, daß für mich keine Gesamtaufnahme das Nonplusultra darstellt.


    Maazels Sichtweise eignet sich imo hervorragend für Mahlers 3., dort wird man kaum eine bessere Aufnahme finden, Inbal bietet eine sehr gute 2., buchstabiert manch andere Sinfonie aber zu sehr runter, als daß er einen wirklich eigenen Interpretationsansatz erkennen läßt.


    Fast ohne Fehl und Tadel ist für mich Riccardo Chailly.



    Herausragende Orchesterqualität, sehr guter Klang und ein ausgesprochen detaillierter und facettenreicher Mahler. Abgesehen von der 6., der es imo an Schärfe fehlt, zählt jede Sinfonie für mich zur jeweiligen Spitzengruppe.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Zitat

    Original von Fugato
    ich wurde zwar nicht gefragt, melde mich aber trotzdem zu Wort :D



    Da schließe ich mich doch gleich mal an. :D



    Wenn es unbedingt eine Gesamtaufnahme sein muss, dann würde ich entweder zu Bernsteins frühem New Yorker Zyklus greifen (der ab und zu über die bekannten Anbieter billig abgegeben wird) oder zu Gielens Gesamtaufnahme (die allerdings schon etwas teurer kommt - ca. 80-90 Euro). Inbal finde ich nicht wirklich schlecht, aber in der Mischung aus interpretatorischer Neutralität und orchestraler Fülligkeit auch nicht übermäßig überzeugend. Chailly ist mir zu soft und zu geglättet (verschleppt auch gerne die langsamen Sätze), Abbado hat inzwischen außerhalb seines Zyklus bessere Mahler-Aufnahmen gemacht.


    Am besten kauft man sich wirklich Einzelaufnahmen zusammen - dafür gibt es schon einen schönen Thread:


    Die Besten von Mahler


    Viele Grüße


    Bernd

  • Auf die Frage ob zuviel oder zuwenig Mahler muß ich mit einem eindeutigen ZUVIEL antworten. Ich befürchte, ich krieg von Edwin Schelte, aber in meinen Augen oder Ohren wird Mahler derzeit etwas überschätzt. Mahler ist geradezu Hype - jeder Dirigent, der was auf sich hält dirigiert Mahler. Auch das Publikum ist ganz verrückt nach Mahler. Insgesamt ist die - stark verinfacht formulierte - Linie, die auf Weltenphilosophie, Schmerz, Einsamkeit und Erlösungsgedanken besteht - Bruckner, Mahler, Schostakowitsch eine Modeerscheinung. Zugegben, bei Mahler dauert sie ganz schön an und Alfred hat ein paar gute Argumente geliefert.
    Ich finde Mahler aus ästhetischer Sicht nicht unproblematisch.


    Daß Mahler zu einem festen Bestandteil des Konzertlebens und der Diskographie ist und bleibt befürworte ich dennoch sehr, auch wenn es IMO überhand genommen hat. Es gibt mit Sicherheit auch noch andere Symphoniker zu entdecken.


    :hello:
    Wulf

  • Zitat

    Original von Wulf
    Mahler ist geradezu Hype - jeder Dirigent, der was auf sich hält dirigiert Mahler.


    Wenn ich mich nicht irre, ist das schon seit über 20 Jahren so... :D


    :hello: Andreas

  • Zitat

    Original von mcy
    Nein, ich würde mir z.B. wünschen, dass Herreweghe 2, 4 und 8 aufnimmt. Auf eine 6. von z.B. Minkowski wäre ich auch neugierig.


    Lieber Wolfgang,


    da bist Du nicht alleine. Mahler mit ohne Dauervibrato und mit Holzflöten und milderem Blech, das wäre doch ein Traum!


    Aber bei den mit so einer Besetzung verbundenen Kosten wird es wohl ein Traum bleiben...


    :hello:
    BBF

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Mahler ohne Dauervibrato gibts halt bei Norrington. Aber es gibt auch ein paar schöne historische Einspielungen (ich bin immer noch atemlos vor Staunen, wenn ich die Neunte oder das "Lied" unter Bruno Walter aus den 30ern höre).


    Im Übrigen fände ich es generell fantastisch, wenn man im Instrumentenbau und in der Aesthetik des Orchesterklangs zu einer "Renaturierung" kommen würde: Wieder kleinere Blechblasinstrumente bauen, farbigere Holzbläser, umsponnene Darmsaiten bei Streichern, weg vom Dauer-Sostenuto und Einheitsvibrato, dafür wieder mehr Portamento, und das Vibrato gezielt als Farbe zur gelegentlichen (!) Ausdruckssteigerung einsetzen (und nicht zur Vertuschung schlechter Intonation). Und bei Stücken des 19. Jh. natürlich die damals auf dem Podium IMMER übliche räumliche Trennung der Violinen. Davon würden viele Werke profitieren -- und viele Zuhörer ... ;-)

  • Zitat

    Original von ben cohrs
    Im Übrigen fände ich es generell fantastisch, wenn man im Instrumentenbau und in der Aesthetik des Orchesterklangs zu einer "Renaturierung" kommen würde: Wieder kleinere Blechblasinstrumente bauen, farbigere Holzbläser, umsponnene Darmsaiten bei Streichern, weg vom Dauer-Sostenuto und Einheitsvibrato, dafür wieder mehr Portamento, und das Vibrato gezielt als Farbe zur gelegentlichen (!) Ausdruckssteigerung einsetzen (und nicht zur Vertuschung schlechter Intonation). Und bei Stücken des 19. Jh. natürlich die damals auf dem Podium IMMER übliche räumliche Trennung der Violinen.


    und nicht zu vergessen: härtere Paukenschlegel und kleinerer Streicherapparat.
    Diesem Votum von Ben Cohrs möchte ich mich ganz entschieden anschließen.


    Es erstaunt mich daß das so zögerlich angegangen wird, dabei wäre es eine echte Chance, etwas neues auf den Markt zu bringen. Die gelegentlichen Mahler-Konzertübertragungen aus Stuttgart (Norrington) lassen jedenfalls schon mal spannende neuartige Klangbilder und Interpretationen erahnen.


    Gruß, Khampan

  • Banner Strizzi
  • Zitat

    Original von Khampan
    Es erstaunt mich daß das so zögerlich angegangen wird, dabei wäre es eine echte Chance, etwas neues auf den Markt zu bringen.


    Mich wundert das auch. Man könnte eigentlich einen eigenen Thread machen, wo man sich überlegt, wieso das für die Musik des 19. Jahrhunderts bislang so zögerlich bleibt. Eventuell ist der Grund, dass man annimmt, dass zu wenige Hörer den Unterschied merken oder dass man es aus Rücksicht auf die "normalen" Orchester nicht macht?
    ?(

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Mich wundert das auch. Man könnte eigentlich einen eigenen Thread machen, wo man sich überlegt, wieso das für die Musik des 19. Jahrhunderts bislang so zögerlich bleibt. Eventuell ist der Grund, dass man annimmt, dass zu wenige Hörer den Unterschied merken oder dass man es aus Rücksicht auf die "normalen" Orchester nicht macht?
    ?(


    Jetzt wartet mal ein paar Jahre ab (immer diese schnellen Tempovorstellungen bei den HIP-Anhängern :D) - bald werden wir uns vor Mahler-HIP-Einspielungen nicht mehr retten können. Es hat ja auch einige Zeit gedauert, bis die HIP-Dirigenten und -Ensembles von Monteverdi/Bach auf Mozart/Beethoven und dann (schon etwas schneller) auf Berlioz/Bruckner umgeschaltet haben.


    Norrington dirigiert zwar ein "normales" Orchester, setzt aber Eure Klangvorstellungen weitgehend in die Tat um (die Symphonien 1, 4, 5 sind ja schon auf dem Markt, der Rest folgt). Herreweghe hat schon die Wunderhorn-Lieder aufgenommen und ist außerdem noch mit den Bruckner-Symphonien beschäftigt - aber irgendwann ist es so weit (vorausgesetzt, der Klassik-Markt bricht nicht zusammen).


    Dass man es "aus Rücksicht auf die normalen Orchester nicht macht", trifft's wohl kaum - dann hätte man auch Beethoven, Schumann, Bruckner etc. etc. nicht aufnehmen dürfen.


    Wobei im übrigen Norringtons Mahler für mich nichts zutage fördert, was ich nicht schon in anderen Aufnahmen besser gehört hätte. Die Non-Vibrato-Ideologie wird mit dem Überschreiten der Grenze zum 20. Jahrhundert auch nicht überzeugender (siehe den entsprechenden Thread). Zumal ja auch bei den "normalen" Orchestern immer differenzierter mit dem Vibrato umgegangen wird.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Die Non-Vibrato-Ideologie wird mit dem Überschreiten der Grenze zum 20. Jahrhundert auch nicht überzeugender (siehe den entsprechenden Thread).


    Na, das wär aber auch reichlich absurd, wenn eine Non-Vibrato-Ideologie ausgerechnet beim Überschreiten der Grenze zum 20. Jahrhundert überzeugender würde - die Frage ist freilich von welcher Richtung aus gesehen (non vibrato gibt es bei Xenakis und anderen Modernen, bei klassischer oder romantischer Musik im Grunde nicht).
    :baeh01:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Na, das wär aber auch reichlich absurd, wenn eine Non-Vibrato-Ideologie ausgerechnet beim Überschreiten der Grenze zum 20. Jahrhundert überzeugender würde - die Frage ist freilich von welcher Richtung aus gesehen (non vibrato gibt es bei Xenakis und anderen Modernen, bei klassischer oder romantischer Musik im Grunde nicht).
    :baeh01:


    Jaja, setz nur auf einen groben Klotz einen groben Keil :D - Du weißt schon genau, was gemeint ist. (Auf die unnötige Polemik mit "Non-Vibrato-Ideologie" hätte ich vielleicht verzichten sollen :wacky: ).


    Also nochmal im Klartext: Wie ja bereits im Thread über Non-Vibrato diskutiert, ist es nicht ganz auszuschließen, dass bereits Anfang des 20. Jahrhunderts auch im Orchesterspiel gelegentlich recht freizügig vibriert wurde (die von Ben Cohrs angeführten Bruno-Walter-Aufnahmen aus den 30ern und später sind da auch keine Waisenkinder).


    Viele Grüße


    Bernd

  • Wer nachforschen will, kann es hier tun:


    Beethoven
    Symphonie Nr. 5
    Berliner Philharmoniker
    Arthur Nikisch


    Aufgenommen im November 1913, restauriert und frei ins Netz gestellt von Aaron Z. Snyder.


    Hier kann man hören, wie die Berliner Philharmoniker unter "dem" romantischen Dirigenten vor dem ersten Weltkrieg gespielt haben - der hochdifferenzierte Einsatz des Vibrato ist deutlich herauszuhören.


    :hello:
    BBF

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)



  • Hallo BBF,


    sehr interessant, vielen Dank! Ich habe jetzt erstmal nur den ersten und zweiten Satz gehört, aber folgende Dinge sind mir auf- und eingefallen:


    - Wir befinden uns hier ja wohl noch (wenn ich das richtig sehe bzw. höre) im Darmsaitenzeitalter - insofern ist der klangliche Unterschied zu modernen Orchestern bei den Streichern ohnehin gegeben. Trotzdem ist hier zeitweise (!) nach meinem laienhaften Höreindruck mehr Vibrato zu hören als etwa in den neueren Norrington-Aufnahmen. Sehr weit entfernt in puncto Vibrato ist das von manchen heutigen Aufführungen mit "modernen" Orchestern nicht mehr: natürlich nicht, wenn bspw. die Wiener Philharmoniker unter Thielemann spielen, aber schon eher bei bestimmten neueren Rattle-Aufnahmen (wofür er dann ja auch böse wegen Opferung des "traditionellen" Berliner Streicherklangs gegeißelt worden ist).


    - Die Frage bleibt, welche Rückschlüsse man von dieser einen Beethoven-Aufnahme auf die historische Aufführungspraxis von Mahler-Symphonien ziehen kann. Ein Beispiel: die schönen "geschmierten" Streicher-Portamenti z.B. im zweiten Satz, die ja seinerzeit wohl normale Spielpraxis waren und heute an dieser Aufnahme besonders "historisch" erscheinen. Wenn Mahler diese Portamenti wollte, hat er sie ausdrücklich in die Partitur geschrieben (recht exzessiv im vierten Satz der Neunten) - was im Umkehrschluss wohl heißt, dass er sie an allen anderen möglichen Stellen NICHT haben wollte.


    - Nur der Ordnung halber: Orchesterklang ist nur ein Paradigma. Tempo und Temporelation sind andere - und da ist Nikisch schon ein sehr "romantischer" Dirigent (Wagner-Tradition, nicht Mendelssohn). Auch in dieser Hinsicht wissen wir nicht wirklich, wie HIP-Mahler sich anhören soll: ist Walter oder Mengelberg der Maßstab?


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Trotzdem ist hier zeitweise (!) nach meinem laienhaften Höreindruck mehr Vibrato zu hören als etwa in den neueren Norrington-Aufnahmen.


    Das hätte ich erwartet (obwohl ich weder die neueren Norrington-Aufnahmen noch die alte radikal historische Aufnahme kenne). Ich hoffe, dass Norrington recht bald von weniger scherzkeksigen Dirigierpersönlichkeiten mit mehr Mut zu mehr Vibrato - zeitweise versteht sich - Konkurrenz bekommt. Da ich Norrington seit einiger Zeit meide, habe ich nun mal nur sehr wenig Originalklang-Romantik bei Orchestermusik auf der Speisekarte (nicht so schlimm, sammle momentan hauptsächlich Barock und Musik nach 1960).

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Trotzdem ist hier zeitweise (!) nach meinem laienhaften Höreindruck mehr Vibrato zu hören als etwa in den neueren Norrington-Aufnahmen. Sehr weit entfernt in puncto Vibrato ist das von manchen heutigen Aufführungen mit "modernen" Orchestern nicht mehr (...)


    Lieber Bernd,


    genau! Es wird vibriert, aber eben nicht pauschal, sondern den expressiven Notwendigkeiten angepasst. Nach meinem Empfinden gibt es in der Nikisch-Aufnahme das heutige Vibrato-Normalmaß nur an wenigen Stellen.


    Interessant ist auch die Aufnahme der V. Tschaikowsky mit dem Orchester der Charlottenburger Oper Berlin unter Alexander Kitschin von ca. 1928, zu hören hier in einem besseren Transfer.


    Auch hier gibt es viel Rubato, Klangrede wie man sie von Harnoncourt nicht akzeptieren würde und einen differenzierten Einsatz von Vibrato. Vergleicht man das mit Furtwänglers Berliner Philharmonikern fällt dort ein schon sehr viel weiter fortgeschrittener Trend zum modernen Dauersonstenuto und -Vibrato auf.


    Ebenfalls lehrreich sind die Aufnahmen von Arnold Rosé bei Arbiter (war bis 1938 - dem Jahr seiner Vertreibung aus Österreich) Konzertmeister der Wiener Philharmoniker.


    Meine persönliche Meinung dazu ist die, dass Leute wie Fritz Kreisler oder Wilhelm Furtwängler einen verheerenden Kulturbruch in der Orchesterkultur herbeigeführt haben.


    Roger Norringtons Mahler-Aufnahmen kenne ich allerdings leider nicht.


    Herzlich,
    BBF

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Zitat

    Original von Barockbassflo
    Interessant ist auch die Aufnahme der V. Tschaikowsky mit dem Orchester der Charlottenburger Oper Berlin unter Alexander Kitschin von ca. 1928, zu hören hier in einem besseren Transfer.


    Auch hier gibt es viel Rubato, Klangrede wie man sie von Harnoncourt nicht akzeptieren würde und einen differenzierten Einsatz von Vibrato.


    Lieber BBF,


    ich hab's mir noch nicht angehört, aber Rubato, "Klangrede" etc. stehen ja für einen bestimmten Dirigierstil, wie er bei Mahler von Mengelberg gepflegt worden ist (was bei seiner Aufnahme der Vierten gut zu hören ist). Zweifellos hat es aber schon in den 20ern ganz andere Ansätze gegeben (und zwar nicht nur von der Furtwängler-Seite).



    Zitat

    Meine persönliche Meinung dazu ist die, dass Leute wie Fritz Kreisler oder Wilhelm Furtwängler einen verheerenden Kulturbruch in der Orchesterkultur herbeigeführt haben.


    Ich glaube nicht, dass man den Wandel im Orchesterspiel auf ein, zwei Musiker zurückführen kann (und seien sie auch noch so einflussreich gewesen). Bessere Erklärungen habe ich aber auch nicht griffbereit und die musikgeschichtliche Forschung beschäftigt sich m.W. erst seit relativ kurzer Zeit mit dieser Frage.


    Den "verheerenden Kulturbruch" würde ich dann doch nicht unterschreiben ;). Ich bin kein erklärter Furtwängler-Fan, aber dass er den Orchestern durchaus faszinierende Klänge entlocken konnte, steht für mich fest. Und so ein Einheitsbrei war die europäische Orchesterkultur nach dem Zweiten Weltkrieg auch nicht.


    Bei allen interessanten Erkenntnissen über den Orchesterklang der Nikisch-Aufnahme: Bezüglich anderer Parameter steht mir diese Art der Beethoven-Interpretation sehr fern.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo, miteinander!


    Ich besitze neben Solti (erst seit kurzem) als Gesamtkompilation (neben diversen Einzeleinspielungen auf CD oder LP) Brilliant 99549, die mit den Jugendstilmotiven (statt Informationen :P), die einst sehr billig zu haben war, also die Aufnahmen mit Simonov, Vonk, Horenstein etc in ADD bzw. DDD.


    Wer von Euch kennt diese letztgenannte Sammlung auch und ist damit (weniger bzw. nur zum Teil) zufrieden? Ich muss gestehen, dass ich noch nicht einmal alle Einspielungen gehört habe - weder von Solti noch aus der Brilliant-Ausgabe.


    Die Solti-Einspielung überzeugt mich bisher in hohem Maße wegen ihrer Kraftentfaltung. Mit zustimmenden Meinungen und auch einzelnen Kritikpunkten (etwa bezüglich der aufnahmetechnischen Manipulationen) bin ich im Netz schon des Öfteren in Berührung gekommen.


    Nicht so bei der älteren Brilliant-Sammlung.


    Der große Mahler-Sammler, wie es ihrer auch hier zur Genüge gibt, bin ich nicht. Eine weitere Gesamteinspielung werde ich mir so schnell nicht zulegen.


    Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

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  • Zitat

    Original von WolfgangZ
    Ich besitze neben Solti (erst seit kurzem) als Gesamtkompilation (neben diversen Einzeleinspielungen auf CD oder LP) Brilliant 99549, die mit den Jugendstilmotiven (statt Informationen :P), die einst sehr billig zu haben war, also die Aufnahmen mit Simonov, Vonk, Horenstein etc in ADD bzw. DDD.


    Wer von Euch kennt diese letztgenannte Sammlung auch und ist damit (weniger bzw. nur zum Teil) zufrieden? Ich muss gestehen, dass ich noch nicht einmal alle Einspielungen gehört habe - weder von Solti noch aus der Brilliant-Ausgabe.



    Hallo Wolfgang,


    die Brilliant-Sammlung besitze ich auch seit kurzem. Ich habe sie mir vor allem wegen der Horenstein-Einspielung der Dritten gekauft, die mich auch nicht enttäuscht hat: es gibt für mich keine bessere Aufnahme dieser Symphonie, allenfalls ein oder zwei ähnlich gute. Sehr bemerkenswert auch die Fünfte mit Neumann, gut die Vierte mit Haenchen. Ansonsten gemischte, nicht übermäßig positive Eindrücke. Nr. 1, 2 und 8 habe ich noch nicht gehört.


    Ich bin kein großer Solti-Fan. Einige Mahler-Symphonien habe ich mit diesem Dirigenten kennengelernt, beim Wiederhören nach längerer Zeit fand ich sie doch etwas eindimensional auf Kraft und Drive hin ausgerichtet, die langsamen Sätze oft unterspielt. Allenfalls die Achte kommt in die Nähe einer Referenzaufnahme.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Ich glaube nicht, dass man den Wandel im Orchesterspiel auf ein, zwei Musiker zurückführen kann (...).


    Den "verheerenden Kulturbruch" würde ich dann doch nicht unterschreiben ;). Ich bin kein erklärter Furtwängler-Fan, aber dass er den Orchestern durchaus faszinierende Klänge entlocken konnte, steht für mich fest. Und so ein Einheitsbrei war die europäische Orchesterkultur nach dem Zweiten Weltkrieg auch nicht.


    Lieber Bernd,


    das ist unbestritten, die beiden waren (leider) nicht allein. Selbstredend war die europäische Orchesterkultur kein Einheitsbrei, aber es ist doch durch den Wechsel auf Stahlsaiten und die Veränderung der Ausdrucksmittel im Allgemeinen eine Verarmung der Ausdrucksmittel eingetreten. Besonders was den Klang angeht empfinde ich das - subjektiv - als einen enormen Subtilitätsverlust, den ich sehr bedaure. Bei Mahler würde man die Unterschiede wahrscheinlich ähnlich deutlich hören wie man es bei Bruckner zum Glück mit Herreweghes zwei Einspielungen tun kann: die modernen Instrumente kommen einer Uminstrumentierung gleich, die den Charakter stark verändert und insgesamt zu einer Verhärtung und Vergröberung führt.


    Das meine ich mit Kulturbruch - was ein Geschmacksurteil sein soll, sogar mir ist nämlich klar, dass man tunlichst nicht versuchen sollte, die Geschichte einzufrieren ;) .


    Bei näherem Interesse kann ich nur wärmstens empfehlen, sich antiquarisch folgendes Buch zu besorgen:


    Siegfried Eberhardt
    Wiederaufstieg oder Untergang der Kunst des Geigens
    Die kunstfeindliche Stahlsaite


    Publiziert 1938, der Autor war zuvor Jahrzehnte Violinprofessor am Sternschen Konservatorium in Berlin gewesen (dort war einer seiner Kollegen Edwin Fischer).


    Als Beethoveninterpret war Nikisch übrigens schon zu Lebzeiten in der Kritik - ich bin aber sehr offen für seinen Stil. Ich liebe die klangliche Differenziertheit und die Eleganz seiner Klangrede.


    Aber wie gesagt, das ist nur mein Geschmack.


    :hello:
    BBF

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Danke, Bernd, für diese erste Einschätzung, die ich - mangels Hörens :P - für Horenstein noch nicht bestätigen kann, für Neumann aber gern bestätigen möchte.


    Dann gibt's diese Kompilation also noch ganz offiziell zu kaufen - oder nur auf dem Marktplatz?


    Bei der Solti-Gesamteinspielung - die besitze ich erste seit kurzem - ging ich nach gehäufter Empfehlung. Die Sechste, die ich insgesamt noch kaum dreimal gehört habe, reizt mich jetzt schon sehr; ich warte auf die Osterferien ...


    Nummer 1, 4, 5 und 7 habe ich schon vor dreißig Jahren immer wieder im Rundfunk laufen lassen (die liefen auch ständig ...) und war naiv-begeistert; dann war urplötzlich für Jahre jedes Interesse weg. Die vokalen Sinfonien wiederum hatte ich immer ausgeblendet, seit rund zehn Jahren bin ich da viel offener. Weeß ich, warum? ... :D


    Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

    Einmal editiert, zuletzt von WolfgangZ ()

  • Noch ein Nachtrag zum "Kulturbruch":


    Hier spielt


    Pablo de Sarasate


    eine gekürzte Fassung seiner "Zigeunerweisen", aufgenommen 1903. Trotz der prähistorischen Tonqualität kann man hören, dass man einen Geigenton von solch füllig-seidiger Textur nicht jeden Tag hören kann. Siegfried Eberhardt beruft sich in seinem Buch ausdrücklich auf Sarasates Kunst und beschreibt sehr detailliert und aus seiner jahrzehntelangen pädagogischen Erfahrung die Veränderungen, die während seiner Lebens- und Arbeitszeit eingetreten sind und diese Art des Violinspiels in den Hintergrund haben treten lassen.


    :hello:
    BBF

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Nachdem man sich in diesem Thread Gedanken gemacht hat, warum es so gut wie keine Einspielungen von Mahler-Symphonien mit HIP-Ensembles gibt ...



    Zitat

    Original von Zwielicht


    Jetzt wartet mal ein paar Jahre ab (immer diese schnellen Tempovorstellungen bei den HIP-Anhängern :D) - bald werden wir uns vor Mahler-HIP-Einspielungen nicht mehr retten können. Es hat ja auch einige Zeit gedauert, bis die HIP-Dirigenten und -Ensembles von Monteverdi/Bach auf Mozart/Beethoven und dann (schon etwas schneller) auf Berlioz/Bruckner umgeschaltet haben.


    Norrington dirigiert zwar ein "normales" Orchester, setzt aber Eure Klangvorstellungen weitgehend in die Tat um (die Symphonien 1, 4, 5 sind ja schon auf dem Markt, der Rest folgt). Herreweghe hat schon die Wunderhorn-Lieder aufgenommen und ist außerdem noch mit den Bruckner-Symphonien beschäftigt - aber irgendwann ist es so weit (vorausgesetzt, der Klassik-Markt bricht nicht zusammen).



    ... naht die Erlösung mit raschen Schritten: In der heutigen Süddeutschen Zeitung befindet sich ein relativ ausführlicher Bericht (leider nicht im Netz) über die Proben zu einer Aufführung von Mahlers Vierter, die Philippe Herreweghe und sein Orchestre des Champs-Elysées zur Zeit in einer Turnhalle in Saintes (nördlich von Bordeaux) abhalten. Mit dieser Vierten geht das Orchester dann auf Tournee (leider kein einziger Termin im deutschsprachigen Raum), im Oktober soll das Werk dann in Metz für eine CD aufgenommen werden.


    Herreweghe liefert etwas seltsame Begründungen, warum das Orchester in Orten probt und spielt, die eher nicht zu den Musikmetropolen gezählt werden: Hier könne er sich einfach mehr trauen, erklärt Herreweghe, während man in Berlin und Amsterdam jede Woche eine Mahler-Sinfonie hören könne, sei es hier in Saintes nicht nur für ihn und die Musiker, sondern auch für einen Großteil des Publikums oft das erste Mal. Außerdem einige Bemerkungen zum Komponisten: Mahler sei in gewisser Weise genau das Gegenteil von Alter Musik, erklärt Herreweghe: "Während es dort fast keine Spielanweisungen gibt, schreibt Mahler sechs Noten, und über jeder steht etwas anderes". Der Autor Jörg Königsdorf beschreibt die Proben: Ihre Einsätze müssen die Musiker weitgehend selbst finden, das energische Fuchteln [Herreweghes] zielt eher auf den spirituellen Gehalt der Musik als auf die praktische Organisation ihrer Aufführung. Immer wieder unterbricht er und fängt an zu erzählen: Von der albtraumhaften Stimmung im ersten Satz, von Mahlers nostalgischem Rückblick auf die eigene Kindheit und davon, dass hier vieles gar nicht schön klingen soll, sondern grell, plärrend oder gar absichtlich hässlich. Königsdorf resümiert: Straff in den Tempi, von der Nervosität des ersten Mals ebenso geprägt wie von jenem nüchternen Bemühen um Deutlichkeit und Präzision, das auch heute oft bei Aufführungen neuer Musik im Vordergrund steht. Ein bisschen klingt das nach Boulez mit alten Instrumenten, auch weil die historischen Instrumente mit ihrem eckigeren Bläserklang und den hellen, bisweilen eher grellen Streichern einen unbequemeren, intellektuelleren Sound bereitstellen als herkömmliche Edelorchester aus Wien oder Amsterdam. Nunja, das hört sich ein wenig klischiert an - warten wir das Ergebnis ab. Die Vierte eignet sich neben der Ersten sicherlich am besten für einen solchen Einstieg (das hat ja Norrington mit dem RSO Stuttgart schon so gemacht). In der kommenden Saison haben Herreweghe und sein Orchester übrigens auch die "Todtenfeier" (den ersten Satz der Zweiten Mahlers) auf dem Programm.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Ulli fragte im Thread über Mahlers Neunte:



    Zitat

    Original von Ulli
    Gibt es empfehlenswerte HIP-Einspielungen des Mahlerschen Sinfoniewerkes?



    Hallo Ulli,


    in nächster Zukunft wird eine Aufnahme der Vierten mit Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Elysées erscheinen - darüber hatte ich in diesem Thread einen Beitrag weiter oben berichtet.


    Wunderhorn-Lieder in HIP gibt's bereits mit Herreweghe:




    Außerdem hat Norrington die Symphonien 1, 2, 4 und 5 eingespielt (der Rest folgt), allerdings nicht mit einem HIP-Ensemble, sondern mit dem RSO Stuttgart. Der "Sound" wirkt aber bereits relativ HIPpig.


    Die ältesten Aufzeichnungen von Mahler-Symphonien und -Liedern stammen m.W. (wenn man von den Welte-Mignon-Geschichten absieht) aus den Jahren um 1920 und sind (bei zum Teil grauenhafter Klangqualität) in folgender Box enthalten:




    Die interessante Frage, ob z.B. die Aufnahme der Zweiten unter Fried von 1923 vielleicht nicht historisch informiert, aber eben doch historisch "authentisch" zu nennen wäre, kann ich nicht beantworten. Zwölf Jahre nach Mahlers Tod hat sich der Orchesterklang evtl. noch nicht so stark verändert. Den großen Umbruch (z.B. Stahl- statt Darmsaiten) datiert man ja m.W. erst in die 20er/30er Jahre, aber irgendwie gibt's da kaum konkrete Informationen (oder ich hab's nicht mitgekriegt).


    Die älteste Aufnahme der Neunten ist m.W. die legendäre mit Bruno Walter und den Wiener Philharmonikern von 1938 (auch in obiger Box enthalten, aber in verschiedenen Aufmachungen auch einzeln erhältlich).


    Ansonsten bin ich mir sicher, dass die Vierte nicht die einzige Mahler-Symphonie mit Herreweghe bleiben wird und dass andere Mahler-HIP-Aufnahmen schon noch kommen werden.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo Bernd,


    Danke. Irgendwie sind das aber alles nur so halbe Sachen. Mir persönlich würde eigentlich schon eine 9te und 10te [1. Satz] in HIP völlig ausreichen. Also warte ich mal ab...


    :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Zur Aufführungspraxis bei Mahler möchte ich auf den Symposiumsbericht zur Konferenz der Mahler-Gesellschaft 2005 hinweisen ("Orchester und Musikinstrumente zur Zeit Gustav Mahlers", vorgelegt von Reinhold Kubik in der Reihe "Wiener Schriften zur Aufführungspraxis", hrsg. Hartmut Krones). Der Band ist in diesem Monat erschienen, enthält jede Menge interessanter Aufsätze sowie insbesondere eine CD mit fast hundert Tonbeispielen und historischen Aufnahmen!

  • Zitat

    Original von ben cohrs
    Zur Aufführungspraxis bei Mahler möchte ich auf den Symposiumsbericht zur Konferenz der Mahler-Gesellschaft 2005 hinweisen ("Orchester und Musikinstrumente zur Zeit Gustav Mahlers", vorgelegt von Reinhold Kubik in der Reihe "Wiener Schriften zur Aufführungspraxis", hrsg. Hartmut Krones). Der Band ist in diesem Monat erschienen, enthält jede Menge interessanter Aufsätze sowie insbesondere eine CD mit fast hundert Tonbeispielen und historischen Aufnahmen!


    Kannst Du das bitte irgendwie verlinken?
    Beim Böhlau Verlag jedenfalls finde ich das nicht!

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