Hoffmanns Erzählungen, KOB

  • Bericht zu Hoffmanns Erzählungen, Komische Oper Berlin, 10.03.07


    - Es wurde richtig Theater gespielt, das war die zentrale Stärke des Abends.
    - Man singt und spielt an der KOB auf Deutsch, wahrscheinlich hilft das beim Theaterspielen sehr. Diese schauspielerischen Leistungen habe ich in der Breite auf Italienisch bisher noch nicht gesehen.
    - Das Orchester war sehr gut.
    - Die Muse blieb die ganze Zeit Muse (d.h. sie wurde nicht durch Niklas ersetzt), das passt gut.


    Zu den Akten:


    (1) Sehr stark, vor allem schauspielerisch. Der Anfangschor im Hintergrund sang wie üblich am Orchester vorbei (oder umgekehrt), wann hört man endlich mit dem Unsinn auf oder probt 5 mal so intensiv dafür? Als die Leute auf der Bühne waren, klappte es wie am Schnürchen.


    (2, Olympia) Gleiches Niveau wie vorher.


    (3, Antonia): Dito.


    (4, Giulietta): Leider fehlte die Diamantenarie, was aber nicht entscheidend war. Es kam dafür aber u.a. eine wichtige Arie der Giulietta, die nicht auf meiner CD-Aufnahme ist, von der ich leider aber kein Wort verstand. Hier müssen Übertitel her, sonst ist das witzlos. Insgesamt machte der Akt einen unrunden Eindruck. Das liegt vermutlich auch am unklaren Libretto, aber wenn sich die Regie dazu etwas ausdenkt, möge sie bitte den zahlenden Zuschauer auch daran teilhaben lassen.


    (5) Nicht ganz so rund wie der erste Akt, aber immer noch gut gemacht und mit originellem Schluss. Das Orchester war schon lange fertig, mit gesprochenem Text ging es aber weiter. Am Ende verließen alle den Raum (ein Art bessere Kneipe), schließlich auch Hoffmann und die Muse. Hoffmann machte das Licht aus mit den Worten „Aus, Feierabend“, das war’s dann.


    Zu den Sängern:


    Hoffmann (Andreas Conrad): hervorragend (sängerisch wie schauspielerisch)
    Lindorf etc. (Carsten Sabrowski): dito
    Muse (Elisabeth Starzinger): sehr gut (stimmlich nicht in allen Tonlagen so souverän wie die beiden Erstgenannten)
    Olympia (Olga Peretyatko): sehr gut
    Antonia (Maria Bengtsson): hervorragend (trotz Erkältung, was ja zur Rolle passte)
    Giulietta (Karolina Gumos): sehr gut
    Spalanzani (Stephan Spiewok): hervorragend (v.a. schauspielerisch, von dem konnte ich gar nicht die Augen lassen)
    Andreas/Cochenille/Franz (Thomas Ebenstein): sehr gut
    Crespel (James Creswell): fiel darstellerisch leider deutlich ab, vermutlich wegen Sprachproblemen


    Bemerkung am Rande: Im Gegensatz zu Dortmund, Gelsenkirchen oder Hamburg kann man hier in der Pause seinen Kaffee trinken, ohne mit Rauch vollgestunken zu werden. Sehr gut. Leider ist der Kaffee genauso schlecht wie fast überall in Deutschland. In Rom oder Florenz zahle ich die Hälfte bei eklatant besserer Qualität. Wobei die Italiener ihren Kaffee seit der Euro-Umstellung generell als überteuert empfinden...


    Noch kurz zu meinen „objektiven Qualitätskriterien“:


    Verständlichkeit Musik: 100 %
    Verständlichkeit Text: 80 % (leider an entscheidenden Stellen unverständlich)
    Verständlichkeit Regie: 95 % (ein weit überdurchschnittlicher Wert)


    Gesamtfazit:
    Das Konzept der KOB überzeugt absolut. Es wäre der Witz des Jahrhunderts, wenn man dieses Haus schließen würde. Nach manchen arroganten Internetbeiträgen von KOB-Mitarbeitern hätte ich das nicht erwartet.



    Thomas Deck


    PS: Die KOB bekommt hiermit dem Auftrag, Haydns "Il mondo della luna" zu spielen. Dieses Werk schreit geradezu nach einer modernen Inszenierung.
    Basierend auf einem Stück des genialen Goldoni meint man, anderswo (d.h. auf dem Mond) eine Welt vorzufinden, in der die ganzen irdischen Unzulänglichkeiten (die in Wirklichkeit nur die eigenen sind) nicht mehr vorkommen. Dieser Irrglaube wird von einem Teil der Protagonisten gnadenlos ausgenutzt. Man müsste die Rezitative frei ins Deutsche übersetzen und die Arien auf Italienisch lassen (deutsch übertitelt).
    Die Rollen sind wie folgt zu besetzen:
    Ecclitico: Andreas Conrad
    Buonafede: Carsten Sabrowski
    Clarice: Maria Bengtsson
    Flaminia: Karolina Gumos
    Lisetta: Elisabeth Starzinger
    Cecco: Thomas Ebenstein
    Ernesto (Alt): Stephan Spiewok (nach Anpassung der Tonhöhe, Spiewok muss auf alle Fälle dabei sein)
    Ahnungslose Leute bemängeln, dass Haydn über die zentrale Stelle "la commedia è finita" hinwegkomponiert, d.h. die Musik nicht ändert. Dabei schildert er die Sache doch nur aus Sicht des Buonafede, der das zunächst einfach nicht wahrhaben will. Der KOB-Mannschaft wird dazu garantiert eine passende Umsetzung einfallen.
    Beginn der Arbeit: sofort
    Premiere: September
    Das wird nicht einfach, aber die KOB schafft das!

  • Zitat

    Original von thdeck
    Gesamtfazit:
    Das Konzept der KOB überzeugt absolut. Es wäre der Witz des Jahrhunderts, wenn man dieses Haus schließen würde. Nach manchen arroganten Internetbeiträgen von KOB-Mitarbeitern hätte ich das nicht erwartet.


    Du hast dann Deine "kleinen" Vorurteile ja zum Glück an der Garderobe abgegeben und bist offensichtlich voll überzeugt worden, dass die KOB das Eintrittsgeld wert ist. Habe ich auch nicht anders erwartet :D


    Danke für den guten Bericht. Werde mir nun wohl doch ein Ticket nach Berlin besorgen müssen. Schätze aber, der Hoffmann alleine wird mir nicht reichen. Bin immer suchtgefährdet wenn ich die Berliner Luft und vor allem die der KOB schnuppere ;)


    Gruß Ingrid

  • Zitat

    Original von Barezzi
    Hallo Thomas,


    gab´s eigentlich auch einen Dirigenten zum Orchester oder durften die einfach spielen, wie ihnen beliebte? :angel:
    Wenn ja: wie fandest Du seine Leistung?


    :hello:
    Stefan


    Ingrid hat den Namen ja schon genannt: Kimbo I... Das Orchester spielte absolut souverän. Ich gehe vorläufig davon aus, das Kimbo ein Könner ist. Und zwar auf internationalem Niveau.


    Ingrid, jetzt muss ich dich doch mal was fragen: Du wohnst in München und schielst nach Berlin? Sind die Münchner tendenziell eher unmusikalisch? Ich hab da nämlich einen Freund, der demnächst wieder zu besuchen ist, das könnte ich mit einer Inspektion der Münchner Oper verbinden...



    Thomas Deck