Was klassische Musik nicht kann…

  • Die Idee zu diesem Thread kam mir, als wir über die Popularität bzw. Nichtpopularität der klassischen Musik in unserer Zeit diskutierten. Ist es nicht so, dass sich bei Musik sehr vieles um Stimmungen dreht? Musik bringt oft Stimmungen zum Ausdruck und Musik erzeugt eigentlich immer irgendwelche Stimmungen. In der Regel ist der Zuhörer bestrebt mit Musik auf seine Stimmung einzuwirken oder die Musik seiner Situation/Stimmung anzupassen.


    Tja, und da fallen mir nun einige Stimmungen ein, bei denen ich im Bereich klassische Musik durchaus schwächen erkenne. Zumindest im Vergleich zu anderen Musikgattungen. Fürs Erste möchte ich es bei zwei Nennungen belassen.


    1. Aggressivität
    2. Gelassenheit
    (ich spreche von dieser coolen, an Ignoranz grenzenden Gelassenheit, wie wir sie aus Hip Hop und Reggae kennen)


    Es soll hier aber nicht nur um Stimmungen gehen. Es geht mir vielmehr um die Existenzberechtigung all der vielen anderen Genre und das Eingeständnis, dass Klassik nicht alles ist – sondern nur fast alles :D




    Auf eine kontroverse Diskussion freut sich
    Euer
    GalloNero

    ... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

  • Hm, na wenn die zwei Punkte alles sind was klassische Musik nicht ausdrücken kann dann ist doch alles wunderbar.


    Wozu brauche ich stumpfe, pure Aggressivität? Was bringt mir das?
    Wer sowas wirklich braucht kann ja Doom oder Death Metal hören, meistens betrifft das aber nur Pubertierende die gerade ihre Phase durchmachen oder stehengebliebene Erwachsene.
    Wozu brauche ich arrogante Gelassenheit, was habe ich davon, was soll mir das vermitteln?


    Zitat

    Es soll hier aber nicht nur um Stimmungen gehen. Es geht mir vielmehr um die Existenzberechtigung all der vielen anderen Genre und das Eingeständnis, dass Klassik nicht alles ist – sondern nur fast alles


    Ich finde in der klassischen Musik im Grunde alles und noch viel mehr, während man in anderen Musikrichtungen meistens nur eine einzige Stimmung erleben kann, immer die gleiche, Tag für Tag, Lied für Lied. :kotz:
    Das sind Schranken aus denen man ausbrechen sollte, manche schaffen es, manche nicht.


    Würde ich hier die ganzen Stimmungen und Emotionen aufzählen welche die klassische Musik erzeugen kann, würde ich wohl heute nicht fertig werden.


    Ich spreche aber keiner Musikrichtung ihre Existenzberechtigung ab, jeder der Hip Hop oder Techno CDs kaufen und hören will und damit zufrieden ist soll das tun.
    Ist ja auch gut für die Wirtschaft. ;)

  • Zitat

    Original von Hayate
    Hm, na wenn die zwei Punkte alles sind was klassische Musik nicht ausdrücken kann dann ist doch alles wunderbar.


    Lieber Hyate,
    ich schrieb für's Erste und wünsche mir, dass hier noch einiges nachgeliefert wird.


    Ansonsten zähle ich mich jetzt einfach mal zu den stehengebliebenen Erwachsenen, weil ich Rückständiger neben klassischer Musik tatsächlich auch mal etwas anderes an meine Ohren lasse.


    Zitat

    Original von Hayate
    Wozu brauche ich stumpfe, pure Aggressivität? Was bringt mir das?
    Wer sowas wirklich braucht kann ja Doom oder Death Metal hören, meistens betrifft das aber nur Pubertierende die gerade ihre Phase durchmachen oder stehengebliebene Erwachsene.


    Damit muss ich mich wohl abfinden.


    Liebe Grüße
    GalloNero

    ... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

  • Ich bin mir gar nicht so sicher, ob "klassische" Musik nicht auch vermag, die von Dir eingangs genannten Emotionen deutlich in Musik zu kleiden.

    29.08.1958 - 25.06.2009
    gone too soon

  • Hallo Masetto,


    natürlich kann sie das. Aber vergleiche z.B. mal Heavy Metal mit aggresiver klassischer Musik welcher Art auch immer...


    Liebe Grüße
    GalloNero

    ... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

  • Zitat

    Original von GalloNero


    Lieber Hyate,
    ich schrieb für's Erste und wünsche mir, dass hier noch einiges nachgeliefert wird.


    Wenn sich was nachliefern lässt ...



    Zitat

    Original von GalloNero


    Damit muss ich mich wohl abfinden.


    Liebe Grüße
    GalloNero


    Das Leben ist kurz, mir wäre meine Zeit dafür einfach zu schade.

  • Hallo Hayate,


    mir fällt dazu ein oft gebrauchtes Zitat aus de Welt des Weines ein:
    "Das leben ist zu kurz um schlechte Weine zu trinken".


    Du nennst es Zeitverschwendung ich tendiere aber fast ein wenig zu Engstirnigkeit ;) (ist nicht böse gemeint).


    Ich glaube auch nicht, dass uns die Diskussion so weiterführt. Mir geht mir nicht nur darum, ob es für uns Klassikhörer auch noch etwas anderes geben kann, sondern warum so viele ihr Glück in anderen Genres suchen. Hierbei möchte ich den Schwerpunkt auf die Deffizite der klassischen Musik legen. Die Themen Aggresivetät und Gelassenheit sollen hier nur als Einstieg dienen. Ein weiterer Punkt wäre beispielsweise die Tanzbarkeit. Klar kann man auf klassische Musik auch tanzen. Man denke nur an den Wiener Walzer oder das Ballett. Aber die Rythmen, auf die heute vom großteil getanz wird, haben sich davon doch deutlich ab.


    Wir müssen jetzt nur aufpassen, das wir hier keine zweite Popularitätsdiskussion anfangen. Die haben wir ja schon. Es geht um Schwächen der klassischen Musik oder eben das Ausräumen solcher Bedenken...


    Liebe Grüße
    GalloNero

    ... da wurde mir wieder weit ums Herz ... (G. Mahler)

  • Dass klassische Musik keine Aggressivität auslöst bzw. verstärkt, kann ich beim besten Willen nicht als Schwäche erkennen, ganz im Gegenteil! Aggressivität ist für mich ein äußerst negatives Gefühl, von dem ich natürlich nicht frei bin, das ich aber möglichst rasch wieder los werden will, und dazu verhilft mir z.B. meine CD mit Rossini-Ouvertüren. Rossini weckt in mir schlagartig gute Laune! :D
    "Gelassenheit"? Da ich noch nie Hip-Hop gehört habe, weiß ich jetzt nicht, welche Art von Gelassenheit du da genau meinst. Aber es gibt viele symphonische Werke, die mich innerlich völlig ruhig machen, Dvoraks Neunte z.B. Ruhig, nicht gleichgültig, aber dieser Begriff ist für mich eigentlich auch negativ besetzt, also nicht wirklich erstrebenswert.
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von GalloNero
    Tja, und da fallen mir nun einige Stimmungen ein, bei denen ich im Bereich klassische Musik durchaus schwächen erkenne. Zumindest im Vergleich zu anderen Musikgattungen. Fürs Erste möchte ich es bei zwei Nennungen belassen.


    1. Aggressivität


    Jein. Es mag eine Frage der Erziehung und des Zeitgeistes gewesen sein, dass der Ausdruck purer Aggressivität sich in klassischer Musik nicht so sehr findet (wobei ich da beim 20. Jhdt nicht so sicher bin). Dazu kommt, dass solche Musik sehr eindimensional wäre, der Filter von 100-XXX Jahren Selektion durch ausübende Musiker und Publikum hätte solcher Musik möglicherweise schnell den Garaus gemacht, so dass wir entsprechende Stücke heute wohl nicht mehr kennen würden.
    Dass klassiche Musik durchaus auch aggressiv machen kann, kann man aber sehr wohl beim Autofahren austesten. ;)



    Zitat


    2. Gelassenheit (ich spreche von dieser coolen, an Ignoranz grenzenden Gelassenheit, wie wir sie aus Hip Hop und Reggae kennen)


    Ebenfalls Einspruch! :)
    Ich glaube nicht, dass man zwischen Gelassenheit und Gelassenheit differenzieren kann. Meiner Meinung nach kann dieses Gefühl von einigen klassischen Stücken (z.B. Pastorale) weit besser transportiert werden als z.B. von Hip-Hop. Das einzige, was bei Hip-Hop gelassen ist, ist, dass wir es mit einer bestimmten Subkultur assoziieren, mit der wir auch diese "ignorante Gelassenheit" in Verbindung bringen. Hip-Hop an sich ist im Allgemeinen überhaupt nicht gelassen, man achte auf die Texte!
    Bei Reggae ist das anders, aber irgendwie sehe ich da auch nicht, warum jetzt die da ausgedrückte "cannabisselige" Gelassenheit cooler sein soll als die in der Klassik...
    Im Prinzip wertest Du hier die Musikrichtungen bzw. die ihnen assoziierten Hörergruppen, indem Du in "cool" und "nicht cool" unterteilst, nicht die tatsächliche Aussage der Musik.



    Gruß,
    Spradow.

  • Zitat

    Original von GalloNero
    Tja, und da fallen mir nun einige Stimmungen ein, bei denen ich im Bereich klassische Musik durchaus schwächen erkenne. Zumindest im Vergleich zu anderen Musikgattungen. Fürs Erste möchte ich es bei zwei Nennungen belassen.


    1. Aggressivität


    La Muette De Portici (Auber) fuehrte sogar zu einem erfolgreichen Aufstand. :D


    LG, Paul

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  • Zitat


    Auf eine kontroverse Diskussion freut sich
    Euer
    GalloNero


    Hallo GalloNero,


    leider keine Kontroverse- Du hast einfach Recht. :P Was Aggressivität betrifft, hat Mozart am Beispiel des zornigen Osmin ja mal selbst gesagt, dass die Musik trotz des höchsten Zorns, in den sich diese Figur hineinsteigert, nie das Ohr verletzen und "immer noch Musik bleiben" solle (aus Gedächtnis zitiert). Nun gibt es zwar auch aggressive Klassik: die Egmont-Ouvertüre, überhaupt alles Militaristische bei Beethoven, :angry: die Hinrichtungsszene in Berlioz Symphonie Phantastique etc. Zu der hübschen Melodie "Ca ira" wurden in der französischen Revolution Menschen an die Laternen geknüpft, Aubers "Stumme von Portici" löste sogar in Belgien die Revolution aus 8o. Aber die Hörgewohnheiten haben sich verändert: Als man in der Sowjetunion gegen Gorbatschow putschte, wurde sofort Klassik im Programm gesendet, um das Volk zu beruhigen. Der Grund für die geringere aggressive Wirkung der klassischen Musik liegt zum Teil in der Musik selbst, zum Teil aber auch in unseren Hörgewohnheiten: die Aggressivität einer Jagdmusik oder eines musikalischen Schachtengemäldes können wir kaum beurteilen, weil uns die Erfahrungen fehlen.


    Zu Punkt 2: Coolness trifft es einfach besser als Gelassenheit, auch wenn (oder gerade weil) das Wort ein Anglizismus ist. Vollständig cool ist man nur dann, wenn man zeigt, dass man ganz im Hier und Jetzt lebt - und das kann man mit historisch gewordener Musik allein einfach nicht. Ausnahmesituationen bestätigen allerdings die Regel: Wir sollten im Musikunterricht mal unsere Lieblingsstücke mitbringen. Natürlich haben alle Pop mitgebracht und dann gleich versucht, die Stücke gegenseitig schlecht zu machen. Bei mir haben alle schon vorher gestöhnt :rolleyes:, aber ich hatte Offenbachs Can Can mitgebracht :evil:und zu dem tanzten dann die Mädchen dann sogar auf dem Tisch. :baeh01:Aber solche Triumphe sind echt selten...

    Dem Amateur ist nichts zu schwör.

  • Gallo-Zitat:

    Zitat

    Ich glaube auch nicht, dass uns die Diskussion so weiterführt. Mir geht mir nicht nur darum, ob es für uns Klassikhörer auch noch etwas anderes geben kann, sondern warum so viele ihr Glück in anderen Genres suchen.



    Hallo GalloNero,


    einen interessanten Thread hast Du da gestartet.


    Warum weicht man hier und da von der Klassik ab und hört auch Musik aus anderen Genres ?


    1. Neugierde: Es gibt in der Musik noch andere Dinge, die einen Neugierig machen. Man möchte einen Vergleich anstellen. Letztendlich erkenne ich dann, dass ich bei der Klassik und Klassischen Moderne noch am besten aufgehoben bin.
    Ich höre mir auch schonmal Popmusiksendungen an, wenn ich auch hierfür nie einen Cent für CD´s ausgeben würde.


    2. Geschmacksbildung: Wenn man sich nicht auch mal mit anderen musikalischen Bereichen beschäftigt, kann man ja gar nicht wissen, was einem am besten gefällt.
    :D Um mich zu Outen: Zur Zeit sehe ich mir auch die neuste Staffel der RTL-Superstars (mit D.Bohlen und seinen Komentaren :faint:) an. Ja, und es ist wirklich interessant zu sehen was diese absoluten musikalischen Laien an künstlerischem Ausdruck hinzugewinnen.
    Es sind nette fetzige Sachen dabei, wenn ich an das "LadyMarmelade-Lied" denke.


    :] Ich selber finde in der EM = Elektronischen Musik ( auch die, die ich selber mache) Klange und Musiken und gefühlvolle Werke vor, wo man im Klang baden kann, das es mir "die Socken auszieht".
    Auch hier wurden ganz unbekannte Meisterstücke auf den Markt gebracht.
    FlorianLinkus hat uns in der Kompositions-Sparte dieses Forums bei verschiedenen Stücken ansatzweise gezeigt, welche Richtung ich meine.


    :yes: Man muß sich nur damit beschäftigen und wird auch hier angenehm überrascht werden.


    Die von Dir eingangs vorgestellten Stimmungen
    1. Agressivität , findet man auch bei klassischer Musik vor;
    die Agressivität vielleicht nicht in so ätzender Form, wie bei HavyMettal (den Käse habe ich jetzt bestimmt falsch geschrieben - egal).
    und
    2. Gelassenheit. Darauf kann ich verzichten.
    Ich höre, wie ich erwähnte schonmal Popsendungen an, aber wenn ich solche Popstücke höre, die so eine dem Zeitgeist entsprechende Gelassenheit und coolness ausstrahlen - dann ist das für mich :kotz: hoch drei.
    Ich meine diese nichtssagende Gelassenheit findet sich auch in Stücken von P.Glass.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Salut,


    es gibt da, so glaube ich, nur eine Sache, wo Musik bei mir nichts bewirken kann: Wenn ich absolut lustlos bin, etwas zu tun [was ansteht], dann ändert auch die Musik nichts daran.


    :D


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Was klassische Musik nicht kann?


    Alles und nichts. Klingt jetzt doof, ich weiß, aber es ist nicht böse gemeint.
    Für mein Empfinden kann die so genannte klassische Musik eigentlich alle Stimmungen abbilden oder (zumindest bei mir) vertiefen. Natürlich auch Aggressivität (wenn ich mich recht entsinne, gab es da mal so eine Untersuchung darüber, welche Musik Autofahrer am aggressivsten werden lässt, da war der Ritt der Walküren uneinholbar in Front).
    Und mit der Gelassenheit (meinetwegen Coolness) ist es so eine Sache. Wirklich cool ist wahrscheinlich derjenige, der völlig er selbst ist. Als ich als Student tagein, tagus die Cello-Suiten von Bach hörte, fühlte ich mich vermutlich end-cool.


    Und doch gibt es für mich auch Klassik-Einschränkungen. Bereits genannt wurde das Tanzen; selbst wenn ich dazu in der Lage bin, mich paarweise standardisiert übers Parkett zu schieben, so liegt mir doch der Dissen-Freestyle weit mehr. Und dann kommen noch alte Pop-Lieder mit Erinnerungswert hinzu. Oder so etwas wie die neue CD der Zimmermänner; das weckt einerseits nostalgische Gefühle und gleichzeitig höre ich mir das an, um zu sehen, wie die sich so entwickelt haben. Ich würde auch nie aufhören, andere als klassische Musik zu hören. Es gibt neben gutem Jazz eben auch guten, hörenswerten Pop.


    :hello:


    Gruß, l.

  • Ein interessanter Thread, der mich zum Nachdenken angeregt hat.


    Ich gehöre nämlich zu jenen, die keineswegs nur Klassik hören. Aber wann höre ich was, ist die Frage, die zu stellen war?


    Bei kürzeren Autofahrten überkommt mich sichtlich manchmal ein Bedüfnis nach gewisser Belanglosigkeit, Anspruchslosigkeit, Leichtigkeit. Ich dreh Ö3 auf und da wird ein bißchen geblödelt, ein bißchen Musik gespielt, dann gibts noch Nachrichten und den Wetterbericht. Ja dann bin ich eh schon am Ziel.


    Also da haben wir etwas, was mir Klassik nicht bieten kann :D


    Gerade Ö3 ist natürlich ein nahezu dramatisches Beispiel. 90 % der Musik geht bei mir beim einen Ohr rein und beim andern raus. Zugegebenermaßen stoße ich dann und wann auf einen Song, der mich anspricht und interessiere mich dann auch, wer den da der Interpret sei.


    Das ist die eine Seite meiner Begegnung mit "NICHT-Klassik". Und endet mit der Aussage, dass ich eigentlich die sogenannte POP-Musik nicht mag. Mit Rock sieht es da schon anders aus und da ist die Begegnung auch anspruchsvoller. Da gibt es glatt Interpreten, Gruppen etc. die mir wirklich gefallen. (Wahrscheinlich werd ich jetzt gleich aus dem Forum exkommuniziert. 8))


    Allen voran "Queen" - wobei ich mich dabei ertappe, das diese Stücke tatsächlich etwas sehr opernhaftes an sich haben. Ist inzwischen ja auch schon historische Musik.


    Oder "U2" - die sind doch einfach wirklich toll! Man muß nur näher hinhören und sich ein wenig beschäftigen.


    Oder "Nightwish" - da hat mich mein Sohn drauf gebracht - wieder eine opernhafte Gruppe (die Lead-Sängerin hat auch eine klassische Sängerausbildung).


    Mir fallen noch andere Namen ein... Ja und was haben die, was klassische Musik nicht hat? Mitunter etwas ungeheuer Blutvolles, Kraftvolles. Nicht, dass es das in der klassischen Musik nicht gäbe.


    Es sind für mich eben Parallel-Welten. Wie sagen wir ... z.B. Bach und Richard Strauss. Beide verehre ich abgöttisch. Was hat Strauss, das Bach nicht hat - was hat Bach, das Strauss nicht hat. Auf beide Fragen fallen mir ganze Listen ein und doch existieren beiden in meinem Muskleben glücklich nebeneinander und dabei auch noch neben Queen, Nightwish, Mike Oldfield und was weiß noch...


    Auch bei der weiter oben so sehr geschmähten Richtung "Heavy Metal" findet man übrigens beim Näher-Hinhören interressante Stücke. Hab mit meinem Sohn manchmal einen inpirierenden Musikaustausch. Und keiner sagt von vornherein gleich "brr - das kann ja nix sein".


    Wenn mich Musik anspricht ist es mir übrigens wurscht, ob das Stück als "klassisch" gilt oder nicht. Und wer schon einmal in der Früh Ö1 gehört hat (also vielleicht ist es besser geworden...) - der weiß, was es alles für fade Klassik-Stücke gibt :P

  • Zitat

    Original von GalloNero
    1. Aggressivität
    2. Gelassenheit
    (ich spreche von dieser coolen, an Ignoranz grenzenden Gelassenheit, wie wir sie aus Hip Hop und Reggae kennen)


    Also Aggressivität geht ganz gut finde ich - die Bartók-Quartette hören sich teilweise sogar aggressiv an, wenn sie es gar nicht sein sollen und die 5. vom Ludwig ist ja im 1. Satz auch ein reiner Wutanfall...


    Für coole Gelassenheit empfehle ich hingegen wirklich Reggae (den ich schon schätze), Klassik kann das wohl nicht so - aber bei HopHip krieg ich Plack und keine Coolness :boese2:


    :hello:
    Stefan

    Viva la libertà!

  • Zitat

    Original von Barezzi
    aber bei HopHip krieg ich Plack und keine Coolness :boese2:


    Wie wärs, wenn Du Dir anstatt HipHop einige Polaccas [Polacken? ?( ] von Martín y Soler oder Pavel Vranický reinziehst? Die Sind zwar nicht cool, aber groovig.


    Und so'n paar Monteverdi-, Praetorius- oder Schütz-Songs klingen doch wirklich ziemlich zugekifft...



    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Eh der Monteverdi geht voll ab. Der groovt wie Sau und im nächsten Moment ist er so smooth. :hahahaha:

    29.08.1958 - 25.06.2009
    gone too soon

  • Zitat

    Original von GalloNero
    Es geht mir vielmehr um die Existenzberechtigung all der vielen anderen Genre und das Eingeständnis, dass Klassik nicht alles ist – sondern nur fast alles :D


    Auch wenn man davon ausgeht, dass Klassik "alles kann", und ich gehe davon aus, dann heisst das doch nicht, dass dadurch die Berechtigung anderer Genres infrage gestellt wäre.


    Zitat

    Original von GalloNero
    1. Aggressivität
    2. Gelassenheit
    (ich spreche von dieser coolen, an Ignoranz grenzenden Gelassenheit, wie wir sie aus Hip Hop und Reggae kennen)


    Ich weiß nicht, was du unter Aggressivität verstehst, aber ich finde schon, dass es viele klassische Werke gibt, die eine gewisse "Aggressivität", besser: einen reinigenden Zorn, eine positive Wut ausdrücken. Spontan fällt mir Sacre von Strawinsky ein (ich spreche hier von meinem subjektiven Empfinden, nicht von einer "richtigen" historischen, emotionalen Einordnung des Werkes et cetera.).


    Das berühmteste Beispiel wäre vielleicht der erste Satz von Beethovens Fünfter, und ... ich glaube, diese Symphonie ist auch deshalb ein gutes Beispiel, weil an ihr deutlich wird, dass Klassik sich -in ihren besten Momenten- eben nicht so leicht beschränken lässt, ich meine: eine Album von "Napalm Death" ist einfach nur aggressiv, so eine Symphonie umfasst einfach mehr und ist so reichhaltig wie das Leben selbst. [pathos:aus]
    (Ich meine: man ist ja nicht immer nur aggressiv, manchmal ist man zb auch depressiv oder so :D ; )


    Und ... zum Thema "Gelassenheit", also ... dass Klassik nicht "gelassen" seien kann ?(
    Ich finde in "der" klassischen Musik unendliche viele Formen von Gelassenheit, von heiterer, lebensbejahender Gelassenheit, zu einer religiösen Gelassenheit des Gottvertrauens, bis hin zu resignativer und natürlich auch zu "cooler" Gelassenheit.

    Wenn ich mir vorstelle, was es für Deutschland bedeuten würde, wenn die heilige Kuh zu uns käme, welches Glück und welcher Segen ginge von allgegenwärtigen heiligen Kühen aus!

  • Hört vielleicht nicht ganz hierher, aber da es keinen Thread "Welche Art von Klassik zum gepflegten Besäufnis" gibt, muss ich sagen, dass ich sehr gerne Purcell zum Bier nehme...


    Zurück zum Thema: Eiine Sache gibt es, die die Klassik nicht kann (gilt auch nur für mich) - und das ist aber auch als Auszeichnung zu verstehen: Wenn mich der Wahn packt und ich Sport machen muss, dann geht dabei überhaupt keine Klassik. Da muss es Tool oder Porcupine Tree sein. Diese "Art" der Aggression ist dann auch nur Testosteronunterstützung bei der Leibeserziehung... Jede Art von Klassik würde meine Konzentration ablenken... Und der Anblick von irgendwelchen proteingefüllten Mittfünfzigern ist mit Bach oder Mozart in den Ohren sowas von kafkaesk, dass ich mir danach nen Strick nehmen würde...

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  • Zitat

    Original von Blackadder
    Wenn mich der Wahn packt und ich Sport machen muss


    Was für ein Glück bin ich nicht wahnsinnig - schonmal ein Problem weniger.


    :angel:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Original von Blackadder
    Wenn mich der Wahn packt und ich Sport machen muss, dann geht dabei überhaupt keine Klassik.


    Ich geh zwar lieber spazieren und wandern, als so eine Fitness-Studio-kompatible Art von Sport zu machen, aber ... so zum joggen fänd ich zb ... Holländer-Vorspiel gut, dritter Satz Eroica, zweiter Satz Beethovens Neunter, Figaro-Ouvertüre, viel von Rossini, Rachmaninoff, Walküre usw. usf.


    Aber das ist ... natürlich alles so subjektiv...

    Wenn ich mir vorstelle, was es für Deutschland bedeuten würde, wenn die heilige Kuh zu uns käme, welches Glück und welcher Segen ginge von allgegenwärtigen heiligen Kühen aus!

  • Im Pop sind die Stücke häufig viel kürzer - nach 3 Minuten ist Schluß. Da muß man sich nicht so unglaublich konzentrieren.


    Habe heute nachmittag versucht, mit Händels Opern (Solomon, Judas Maccabäus) im Hintergrund was arbeitsorientiertes zu lesen - und schon baut sich langsam Aggressivität auf. Vor allem die Rezitative gehen einem nach kurzer Zeit auf den Keks, sie kontrastieren zu heftig mit dem gerade zu verdauenden Text.


    Da hilft dann Pop weiter. Die "coole" Nora Jones schießt auf den Mond. Jazziza unterstreicht ihren Charakter. Vermutlich hätte es aber auch Chormusik getan.

  • Gehen wir doch bitte davon aus, das "Klassische Musik ein sehr WILLKÜRLICH gewählter Begriff ist.


    Ich muß immer wieder lachen, wenn ich irgendwo lesen, dieser Anlage sei für "klassische Musik" hervorragend geeignet - jedoch nicht für hardrock.



    Aggression kann "Klassische Musik" selbstverständlich auch bieten.
    Nehmen wir mal Stawinskys "Sacre", das bei seiner uraufführung zu einem regelrechten Tumult bis zur Zertrümmerung des Threaters führte.
    (Siehe im entsprechenden Thread) Aber selbstverstädlich ist das heute nicht aggressiv genug - wen interessiert schon ein zerstörtes Theater ?


    Gelassene Musik : Genug gibt es da. Man nehme mal Barock-Konzerte.


    Aber natürlich kann klassische Musik zwar alle Emotionen wiedergeben - aber anders als andere Musikrichtungen. Und ein rauchiger Jazzkeller mit fetzigen Rhytmen hat natürlich ein anderes Feeling, als eine ebenfalls feurige Sinfonie von Beethoven.
    Ich möchte es in etwa so vergleichen:


    Bilder sind (meist) Abbilder der Natur: Ich kann diese Abbilder auf verschiedene Weise realisieren, sei es durch Aquarell, Guache, Ölbild, Kohlezeichnung, Radierung, Schwarz-Weiß- oder Farbfotografie....
    Jede dieser Ausdrucksformen hat ihre Berechtigung - die Wirkung wird stets eine andere sein.....


    Ebenso ist es bei der Musik.....


    mfg
    aus Wien
    Alfred

    Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


  • Zitat

    Original von m-mueller
    Habe heute nachmittag versucht, mit Händels Opern (Solomon, Judas Maccabäus) im Hintergrund was arbeitsorientiertes zu lesen - und schon baut sich langsam Aggressivität auf. Vor allem die Rezitative gehen einem nach kurzer Zeit auf den Keks, sie kontrastieren zu heftig mit dem gerade zu verdauenden Text.


    Darum rippte ich aus meine Haendelopern und Oratoria die schoenste Arien, Duette, usw. Fast bin ich damit fertig. Ich denke dass ich noch die 250 erreiche. Bis jetzt bin ich bei 231. Und CDs mit nur diese Musik nerven mich dann nicht.


    LG, Paul

  • Zitat

    Da muß man sich nicht so unglaublich konzentrieren.


    Hallo Michael,


    ich verstehe nicht, warum man sich auf "Klassische Musik" konzentrieren muss. Natürlich, wenn ich etwas kaum kenne, oder zeitgenössisches zum ersten mal höre, muss ich das auch, oder vielmehr will ich das, sonst lasse ich's ganz aus.


    Nur höre ich sowas dann nicht beim arbeiten.


    Da nehme ich lieber Hosts "Planeten" oder ähnliches, was ich schon 295 mal gehört habe und mitpfeifen kann.


    Konzentration hat meiner Meinung nach nichts mit der Musikgattung zu tun.


    Da würde mich 3 minütiges "Trallala" in immer ähnlicher Form schon eher ablenken, weil ich ständig versuchen würde, es wie ein lästiges Nebengeräusch zu überhören.


    LG


    Walter

  • Zitat

    Original von Marc


    Auch wenn man davon ausgeht, dass Klassik "alles kann", und ich gehe davon aus, dann heisst das doch nicht, dass dadurch die Berechtigung anderer Genres infrage gestellt wäre.


    Eben! Das halte ich für eine sehr wichtige und richtige Anmerkung! :yes:


    Zitat

    Ich weiß nicht, was du unter Aggressivität verstehst, aber ich finde schon, dass es viele klassische Werke gibt, die eine gewisse "Aggressivität", besser: einen reinigenden Zorn, eine positive Wut ausdrücken. Spontan fällt mir Sacre von Strawinsky ein (ich spreche hier von meinem subjektiven Empfinden, nicht von einer "richtigen" historischen, emotionalen Einordnung des Werkes et cetera.).


    Selsbtverständlich gibt es sehr viel aggressive, zornige und brutale klassische Musik. Sie ist natürlich selten so eindimensional aggressiv wie das Toben eines Kleinkindes oder eines Irren in der Gummizelle (die naheliegenden Assoziationen bei Heavy Metal etc.). Aber gerade deshalb kann sie viel bedrohlicher und gefährlich wirken. Und nicht alle Komponisten waren so wie Mozart darauf bedacht, geschmackliche Grenzen bei der Darstellung destruktiver Affekte einzuhalten. Man nehme die Ecksätze von Schuberts d-moll-Quartett, Beethovens Coriolan, Mahlers 6. oder die Rondo-Burleske aus seiner 9. u.v.a.


    Zitat


    Und ... zum Thema "Gelassenheit", also ... dass Klassik nicht "gelassen" seien kann ?(
    Ich finde in "der" klassischen Musik unendliche viele Formen von Gelassenheit, von heiterer, lebensbejahender Gelassenheit, zu einer religiösen Gelassenheit des Gottvertrauens, bis hin zu resignativer und natürlich auch zu "cooler" Gelassenheit.


    Ganz gewiß. Wie heißt Schuberts Lied mit den zirpenden Heimchen (Der Einsame?). Oder Händels 9 deutsche Arien.


    Natürlich ist Klassische Musik nicht zum Tanzen geeignet, wenn sie dafür nicht gedacht war, sie ist auch selten als Hintergrundmusik für andere Tätigkeiten gedacht, das kann ihr also kaum als Einschränkung ihrer Möglichkeiten vorgehalten werden.


    Es gibt eine Sache, die sie verständlicherweise nicht kann. Nämlich ein gewisses "Lebensgefühl" einer (Sub-)kultur der letzten 50 oder 80 Jahre einzufangen wie das vielleicht bstimmte Stile des Swing, Jazz, Rock, Hiphop usw. können (und wieviel davon kulturindustriell vorgefertigtes "Lebensgefühl" ist lassen wir mal offen). Oder wie eine bestimmte lokale traditionelle Musik wie Tango oder Klezmer zum Kontext von Kulturen gehört.
    Aber auch das ist kein "Problem", denn darin äußert sich nur die geringere (oder jedenfalls viel mehr indirekte) Zeitgebundenheit Klassischer Musik.
    Sobald es um Allgemeines geht, kann sie im Zweifelsfalle viel mehr als irgendeine, meist in Funktionen beschränkte Musik, u.a. weil sie ein viel differenzierteres "Vokabular" entwickelt hat.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von musicophil
    Darum rippte ich aus meine Haendelopern und Oratoria die schoenste Arien, Duette, usw.


    LG, Paul


    Jooo, ich werde auch rippen - Chöre auf die Festplatte, Rezitative (meist) in den Orkus

  • Zitat

    Original von walter
    [
    Da würde mich 3 minütiges "Trallala" in immer ähnlicher Form schon eher ablenken, weil ich ständig versuchen würde, es wie ein lästiges Nebengeräusch zu überhören.


    LG


    Walter



    naaaaa, Nora Jones und Jazziza mag ich wirklich, "shoot the moon" hab ich buchstäblich 295-mal gehört, bei den Planeten hätte ich da doch eher Schwierigkeiten.


    Nix für ungut !


    :hello:


  • Das ist irgendwie eine falsche Fragestellung. Musik hat immer versucht, Gefühle auszudrücken. Allerdings hat auch jede Zeit ihre Vorstellungen darüber, auf welche Weise und wie intensiv Gefühle dargestellt werden sollen.


    Agressivität in der Musik hat es immer gegeben (denke mal an Bibers Battaglia), aber nicht in der Form von modernen, extrem agressiven Musikrichtungen. Du kannst aber in der Klassik des 20. Jahrhundert durchaus fündig werden (Elektra, Lady Macbeth of Mschensk).


    Die Form von "Gelassenheit", die zu angesprochen hast, ist ein ziemlich neues Gefühl, das du zwangsläufig auch in entsprechend neuer Klassik suchen musst. Und es spricht nichts dagegen, dass sie auch dies vermitteln könnte. Das einzige Problem dabei ist die Tatsache, dass "klassische" Musik Empfindungen selten so einfach und monoton darstellt, wie es im Pop gerne gemacht wird.


    Grundsätzlich ist es aber problematisch, aktuelle Empfindungen in früherer Musik zu suchen, und dabei heutige Maßstäbe an alte Werke zu legen.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



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