Schönbergs "Pierrot Lunaire"

  • Ich liebe die Gedichte von Albert Giraud und auch die Übersetzung von Otto Erich Hartleben. Die Gedichte sollen melodramatisch gesprochen werden.
    Die Musik von Schönberg finde ich auch sehr passend zu diesen expressionistischen Texten. Ich habe einige Aufnahmen von diesem op.21, aber ich finde keine, die mir zusagt. Die älteste ist noch mit Kolisch und Steuermann, sie ist technisch sehr mäßig. Alle neueren Aufnahmen, die ich habe, sind instrumental meistens gut, aber die Sprechstimme wird immer dermaßen keifend, schrill und unverständlich dargeboten, daß es für mich wenig erfreulich ist.
    Ich habe mal vor 30 Jahren eine WDR-Aufnahme mit der Sängerin Colette Lorand, und Mitgliedern des WDR Sinf.Orch. H.Wakasugi gehört, die mir 100% zugesagt hat, aber die gibt es nicht im Handel.
    Vielleich kennt ja jemand eine Aufnahme mit einer deutlich deklamierenden Interpretin.Es wundert mich auch, daß es keine Interpretation in französischer Sprache gibt.


    :hello: Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo Herbert, ich verfüge über eine ziemliche reichhaltige "Pierrot"-Diskografie, aber um eine Empfehlung auszusprechen, sollte ich wissen, welche Aufnahmen du bereits kennst.



    Aus dem Niedrigpreis-Sektor empfehel ich Bob Craft, (weiland Strawinskys Adlatus) mit einer gut deklamierenden Anja Silija.


    Boulez ist der ideale Anwalt dieser Musik und Christine Schäfer, wenn sie denn mehr spricht als singt, kann sich durchaus hören lassen....

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo BBB.


    ich habe eigentlich drei Aufnahmen, die mich alle nicht
    befriedigen:


    1. Die Aufnahme, die unter Schönbergs Aufsicht enstanden ist.


    2. Eine Aufnahme mit Jeanne Hericard, SWF Sinf. Orch. H. Rosbaud.


    3. Sonia Bergamasco und das Contemportensemble.


    :hello: Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo Herbert und großer berliner Bär,


    am besten gefällt mir die Aufnahme mit Kolisch und Steuermann, die Schönberg wohl noch selber dirigiert hat (1942?), die schon erwähnt wurde. Die Rezitation von Erika Stiedry-Wagner berücksichtigt wohl nicht immer die angegebenen Tonhöhen, aber was die Darstellung des Textinhaltes angeht, halte ich sie für unübertroffen.
    Über die Mangelhaftigkeit der Aufnahmequalität müssen wir sicher nicht diskutieren. Allerdings finde ich den rauschigen Sound von der Atmosphäre her doch sehr ansprechend.
    Die von BBB empfohlene neueste Boulez-Einspielung ist eine gute Alternative in makelloser Aufnahmequalität. Um Craft hatte ich bisher immer einen Bogen gemacht, aber vielleicht war der doch nicht so schlecht.


    Herzliche Grüße


    :hello:

  • Jemand hat ja sicher die Partitur. Ich habe sie nicht.
    Darum meine Fragen: Ist die Tonhöhe des Textes fixiert, oder nur der Sprach-Rhythmus. Dann interessiert mich noch, ob die Gedichte unbedingt von einer Frau vorgetragen werden müssen, das geht aus den Texten nicht hervor.
    Ich könnte mir vorstellen, daß ein Schauspieler, z.B.wie es G.Gründgens war, diese Texte auch stimmungsgerecht und wortdeutlich vortragen könnte, oder?


    :hello: Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Hallo Herbert, also manche Noten sind mit einer genauen Tonhöhe versehen, anders ist reiner Sprechtext. Die Möglichkeit, die Rolle auch von einem Mann sprechen/singen zu lassen, besteht durchaus, allerdings ist mir nicht bekannt, ob es davon auch Einspielungen gibt. Einen schönen Einblick in AS Arbeitsweise und einen Kontakt mit der Originalpartitur verschafft dir diese Site des Arnold-Schoenberg-Centers.


    http://www.schoenberg.at/6_arc…ositions_op21_sources.htm

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Guten Morgen BBB,


    vielen Dank für Deine Antwort und den interessanten Link.
    Ich werde ihn mir gleich mal vornehmen.


    :hello:Herbert

    Tutto nel mondo è burla.

  • hm, die dürfte auch deutlich billiger sein als die neue mit Ch. Schäfer. Mir gefällt die neue wegen des Klangs und der ausgezeichneten Balance sehr gut, aber seinen wir froh, daß es eine so große Auswahl an Einspielungen des Werkes gibt !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Ja, Herberts Priorität ist auch die meine. Ebenso gut ist auf dieser CD die "Erwartung".


    Aber zu dieser Einspielung des "Pierrot": Eine sehr gute Interpretation, die, und das ist nicht allzu häufig der Fall, lebendig wirkt. Alles ist rund und "wie geschmiert". In so manchen anderen Interpretationen wirkt der "Gesang" eher etwas wie mit Anstrengung hervorgebracht, unnatürlich und etwas unbeholfen (die o.g. neue kenne ich nicht). Insgesamt sind die auf dem Markt angebotenen Aufnahmen des "Pierrot aber ziemlich gut.


    Das Stück habe ich ziemlich häufig auf Konzerten gehört; besonders auf öffentlichen Vorspielabenden von Musikhochschulen (die ich generell gerne besuche), wo der "Pierrot" als Einübung und Prüfungsstück sehr beliebt zu sein scheint. Auf jeden Fall wird er dort häufig mit viel Freude und Engagement interpretiert.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)


  • Schönberg selbst hat zu Pierrot lunaire ein ausführliches Vorwort geschrieben. Da ich nicht weiss ob ich ein Copyright verletzen würde, werde ich es jetzt hier nicht wörtlich abschreiben.


    Schönberg schreibt in diesem Vorwort unter anderem sinngemäß, die in der Sprechstimme angegebene Melodie sei bis auf einzelne Ausnahmen nicht zum Singen bestimmt. Der Ausführende habe sie in eine Sprechmelodie umzuwandeln. Dafür müsse er den Rhythmus haarschaf so einhalten als ob er sänge.
    Dabei müsse der Ausführende zwischen Gesangston und Sprechton unterscheiden. Der Gesangston halte die Tonhöhe unabänderlich fest, der Sprechton gebe sie zwar an, verlasse sie aber durch Fallen und Singen sofort wieder. Der Ausführende müsse sich aber sehr davor hüten, in eine singende Sprechweise zu verfallen. Es werde zwar keineswegs ein realistisch-natürliches Sprechen angestrebt. Im Gegenteil soll der Unterschied zwischen gewöhnlichem und einem Sprechen, das in einer musikalischen Form mitwirkt, deutlich werden. Aber es dürfe auch nie an Gesang erinnern.


    Ehrlich gesagt werde ich aus den Schönbergschen Ausführungen (die ich in meiner Wiedergabe hier ein wenig gekürzt habe) nicht besonders schlau. Oder versteht Ihr das?


    Viele Grüße
    Frank


  • Ja, aber, wird da nicht eher gesungen als gesprochen? Drum habe ich sie auch kaum angehört, weil ich davon so enttäuscht war.


    Übrigens ist das ein atonales Stück, und ich bin extrem verdutzt, dass Du das magst!
    :baeh01:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Ja, aber, wird da nicht eher gesungen als gesprochen? Drum habe ich sie auch kaum angehört, weil ich davon so enttäuscht war.


    Übrigens ist das ein atonales Stück, und ich bin extrem verdutzt, dass Du das magst!
    :baeh01:


    Immerhin hat ja auch Puccini den Pierrot sehr geschätzt.

  • Hallo Kurzstueckmeister,


    ich habe nichts gegen Gesang,


    und ich habe nichts gegen atonale Musik.


    Aber ich liebe auch tonale Musik. :D


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Liebe Forianer, dies ist mein erster Beitrag.


    Den "Pierrot Lunaire" habe ich vor über 30 Jahren kennengelernt in einer Aufnahme, die mich bis heute so fasziniert und packt, daß ich - trotz einiger Versuche - es nicht schaffe, Alternativfassungen zu akzeptieren: Keine "paßt" mir.
    Ich meine eine Aufnahme von 1961 mit Pierre Boulez und der Sopranistin Helga Pilarczyk. Sie rezitiert absolut klar, mit einem feinen Akzent, der das Groteske und Schrille herausstreicht - in aller Schärfe immer klar und prägnant - und lyrisch und parodistisch daherkommt, ohne daß sich das beißt - so mein Eindruck.
    Es würde mich interessieren, ob ein Forianer die Aufnahme kennt, und wenn ja, mit welcher Hörerfahrung.


    Es grüßt Gurnemanz


    PS: Wollte gerade ein Coverbild der Cover einfügen; das klappt (noch) nicht, daher die Angaben: Adès 202912: Boulez dirigé Schoenberg, die CD enthält neben dem "Pierrot" noch die Serenade op. 24.

  • Der Text zum ersten ...


    Mondestrunken


    Den Wein, den man mit Augen trinkt,
    Gießt Nachts der Mond in Wogen nieder,
    Und eine Springflut überschwemmt
    Den stillen Horizont.


    Gelüste schauerlich und süß,
    Durchschwimmen ohne Zahl die Fluten!
    Den Wein, den man mit Augen trinkt,
    Gießt Nachts der Mond in Wogen nieder.


    Der Dichter, den die Andacht treibt,
    Berauscht sich an dem heilgen Tranke,
    Gen Himmel wendet er verzückt
    Das Haupt und taumelnd saugt und schlürft er
    Den Wein, den man mit Augen trinkt.


    Columbine


    Des Mondlichts bleiche Bluten,
    Die weißen Wunderrosen,
    Blühn in den Julinachten -
    O brach ich eine nur!


    Mein banges Leid zu lindern,
    Such ich am dunklen Strome
    Des Mondlichts bleiche Blüten,
    Die weißen Wunderrosen.


    Gestillt war all mein Sehnen,
    Dürft ich so märchenheimlich,
    So selig leis - entblättern
    Auf deine brauenen Haare
    Des Mondlichts bleiche Blüten!


    Der Dandy


    Mit einem phantastischen Lichtstrahl
    Erleuchtet der Mond die krystallnen Flacons
    Auf dem schwarzen, hochheiligen Waschtisch
    Des schweigenden Dandys von Bergamo.


    In tönender, bronzener Schale
    Lacht hell die Fontaine, metallischen Klangs.
    Mit einem phantastischen Lichtstrahl
    Erleuchtet der Mond die krystallnen Flacons.


    Pierrot mit dem wächsernen Antlitz
    Steht sinnend und denkt: wie er heute sich schminkt?
    Fort schiebt er das Rot und das Orients Grün
    Und bemalt sein Gesicht in erhabenem Stil
    Mit einem phantastischen Mondstrahl.


    Eine blasse Wäscherin


    Eine blasse Wäscherin
    Wäscht zur Nachtzeit bleiche Tücher;
    Nackte, silberweiße Arme
    Streckt sie nieder in die Flut.


    Durch die Lichtung schleichen Winde,
    Leis bewegen sie den Strom.
    Eine blasse Wäscherin
    Wäscht zur Nachtzeit bleiche Tücher.


    Und die sanfte Magd des Himmels,
    Von den Zweigen zart umschmeichelt,
    Breitet auf die dunklen Wiesen
    ihre lichtgewobnen Linnen -
    Eine blasse Wäscherin.


    Valse de Chopin


    Wie ein blasser Tropfen Bluts
    Färbt die Lippen einer Kranken,
    Also ruht auf diesen Tönen
    Ein vernichtungssüchtger Reiz.


    Wilder Lust Accorde stören
    Der Verzweiflung eisgen Traum -
    Wie ein blasser Tropfen Bluts
    Färbt die Lippen einer Kranken.


    Heiß und jauchzend, süß und schmachtend,
    Melancholisch düstrer Walzer,
    Kommst mir nimmer aus den Sinnen!
    Haftest mir an den Gedanken,
    Wie ein blasser Tropfen Bluts!


    Madonna


    Steig, o Mutter aller Schmerzen,
    Auf den Altar meiner Verse!
    Blut aus deinen magren Brusten
    Hat des Schwertes Wut vergossen.


    Deine ewig frischen Wunden
    Gleichen Augen, rot und offen.
    Steig, o Mutter aller Schmerzen,
    Auf den Altar meiner Verse!


    In den abgezehrten Händen
    Hältst du deines Sohnes Leiche.
    Ihn zu zeigen aller Menschheit -
    Doch der Blick der Menschen meidet
    Dich, o Mutter aller Schmerzen!


    Der kranke Mond


    Du nächtig todeskranker Mond
    Dort auf des Himmels schwarzem Pfühl,
    Dein Blick, so fiebernd übergroß,
    Bannt mich wie fremde Melodie.


    An unstillbarem Liebesleid
    Stirbst du, an Sehnsucht, tief erstickt,
    Du nächtig todeskranker Mond
    Dort auf des Himmels schwarzem Pfühl.


    Den Liebsten, der im Sinnenrausch
    Gedankenlos zur Liebsten schleicht,
    Belustigt deiner Strahlen Spiel -
    Dein bleiches, qualgebornes Blut,
    Du nächtig todeskranker Mond.


    Liebe Grüße Peter

  • Der Text zum zweiten ...


    Arnold Schönberg: Pierrot lunaire op. 21


    Nacht (Passacaglia)


    Finstre, schwarze Riesenfalter
    Töteten der Sonne Glanz.
    Ein geschlossnes Zauberbuch,
    Ruht der Horizont - verschwiegen.


    Aus dem Qualm verlorner Tiefen
    Steigt ein Duft, Erinnrung mordend!
    Finstre, schwarze Reisenfalter
    Töteten der Sonne Glanz.


    Und vom Himmel erdenwärts
    Senken sich mit schweren Schwingen
    Unsichtbar die Ungetume
    Auf die Menschenherzen nieder...
    Finstre, schwarze Riesenfalter.


    Gebet an Pierrot


    Pierrot! Mein Lachen
    Hab ich verlernt!
    Das Bild des Glanzes
    Zerfloß - Zerfloß!


    Schwarz weht die Flagge
    Mir nun vom Mast.
    Pierrot! Mein Lachen
    Hab ich verlernt!


    O gieb mir wieder,
    Roßarzt der Seele,
    Schneemann der Lyrik,
    Durchlaucht vom Monde,
    Pierrot - mein Lachen!


    Raub


    Rote, fürstliche Rubine,
    Blutge Tropfen alten Ruhmes,
    Schlummern in den Totenschreinen,
    Drunten in den Grabgewolben.


    Nachts, mit seinen Zechkumpanen,
    Steigt Pierrot hinab - zu rauben
    Rote, fürstliche Rubine,
    Blutge Tropfen alten Ruhmes.


    Doch da - strauben sich die Haare,
    Bleiche Furcht bannt sie am Platze:
    Durch die Finsternis - wie Augen! -
    Stieren aus den Totenschreinen
    Rote, fürstliche Rubine.


    Rote Messe


    Zu grausem Abendmahle,
    Beim Blendeglanz des Goldes,
    Beim Flackerschein der Kerzen,
    Naht dem Altar - Pierrot!


    Die Hand, die gottgeweihte,
    Zerreißt die Priesterkleider
    Zu grausem Abendmahle,
    Beim Blendeglanz des Goldes


    Mit segnender Geberde
    Zeigt er den bangen Seelen
    Die triefend rote Hostie:
    Sein Herz - in blutgen Fingern -
    Zu grausem Abendmahle!


    Galgenlied


    Die dürre Dirne
    Mit langem Halse
    Wird seine letzte
    Geliebte sein.


    In seinem Hirne
    Steckt wie ein Nagel
    Die dürre Dirne
    Mit langem Halse.


    Schlank wie die Pinie,
    Am Hals ein Zöpfchen -
    Wollüstig wird sie
    Den Schelm umhalsen,
    Die dürre Dirne!


    Enthauptung


    Der Mond, ein blankes Türkenschwert
    Auf einem schwarzen Seidenkissen,
    Gespenstisch groß - dräut er hinab
    Durch schmerzendunkle Nacht.


    Pierrot irrt ohne Rast umher
    Und starrt empor in Todesängsten
    Zum Mond, dem blanken Türkenschwert
    Auf einem schwarzen Seidenkissen.


    Es schlottern unter ihm die Knie,
    Ohnmächtig bricht er jäh zusammen.
    Er wähnt: es sause strafend schon
    Auf seinen Sünderhals hernieder
    Der Mond, das blanke Türkenschwert.


    Die Kreuze


    Heilge Kreuze sind die Verse,
    Dran die Dichter stumm verbluten,
    Blindgeschlagen von der Geier
    Flatterndem Gespensterschwarme!


    In den Leibern schwelgten Schwerter,
    Prunkend in des Blutes Scharlach!
    Heilge Kreuze sind die Verse,
    Dran die Dichter stumm verbluten.


    Tot das Haupt - erstarrt die Locken -
    Fern, verweht der Lärm des Pöbels.
    Langsam sinkt die Sonne nieder,
    Eine rote Königskrone. -
    Heilge Kreuze sind die Verse!


    Liebe Grüße Peter

  • ... und zum dritten ...


    Arnold Schönberg: Pierrot lunaire op. 21


    Heimweh


    Lieblich klagend - ein krystallnes Seufzen
    Aus Italiens alter Pantomime,
    Klingts herüber: wie Pierrot so holzern,
    So modern sentimental geworden.


    Und es tönt durch seines Herzens Wüste,
    Tönt gedämpft durch alle Sinne wieder,
    Lieblich klagend - ein krystallnes Seufzen
    Aus Italiens alter Pantomime.


    Da vergißt Pierrot die Trauermienen!
    Durch den bleichen Feuerschein des Mondes,
    Durch des Lichtmeers Fluten - schweift die Sehnsucht
    Kühn hinauf, empor zum Heimathimmel
    Lieblich klagend - ein krystallnes Seufzen!


    Gemeinheit!


    In den blanken Kopf Cassanders,
    Dessen Schrein die Luft durchzetert,
    Bohrt Pierrot mit Heuchlermienen,
    Zärtlich - einen Schädelbohrer!


    Darauf stopft er mit dem Daumen
    Seinen echten türkischen Taback
    In den blanken Kopf Cassanders,
    Dessen Schrein die Luft durchzetert!


    Dann dreht er ein Rohr von Weichsel
    Hinten in die glatte Glatze
    Und behäbig schmaucht und pafft er
    Seinen echten türkischen Taback
    Aus dem blanken Kopf Cassanders!


    Parodie


    Stricknadeln, blank und blinkend,
    In ihrem grauen Haar,
    Sitzt die Duenna murmelnd,
    Im roten Röckchen da.


    Sie wartet in der Laube,
    Sie liebt Pierrot mit Schmerzen,
    Stricknadeln, blank und blinkend,
    In ihrem grauen Haar.


    Da plötzlich - horch! - ein Wispern!
    Ein Windhauch kichert leise:
    Der Mond, der böse Spötter,
    Äfft nach mit seinen Strahlen -
    Stricknadeln, blink und blank.


    Der Mondfleck


    Einen weißen Fleck des hellen Mondes
    Auf dem Rücken seines schwarzen Rockes,
    So spaziert Pierrot im lauen Abend,
    Aufzusuchen Glück und Abenteuer.


    Plötzlich stört ihn was an seinem Anzug,
    Er beschaut sich rings und findet richtig -
    Einen weißen Fleck des hellen Mondes
    Auf dem Rücken seines schwarzen Rockes.


    Warte! denkt er: das ist so ein Gipsleck!
    Wischt und wischt, doch - bringt ihn nicht herunter!
    Und so geht er, giftgeschwollen, weiter,
    Reibt und reibt bis an den frühen Morgen -
    Einen weißen Fleck des hellen Mondes.


    Serenade


    Mit groteskem Riesenbogen
    Kratzt Pierrot auf seiner Bratsche,
    Wie der Storch auf einem Beine,
    Knipst er trüb ein Pizzicato.


    Plötzlich naht Cassander - wütend
    Ob des nächtgen Virtuosen -
    Mit groteskem Riesenbogen
    Kratzt Pierrot auf seiner Bratsche.


    Von sich wirft er jetzt die Bratsche:
    Mit der delikaten Linken
    Faßt den Kahlkopf er am Kragen -
    Träumend spielt er auf der Glatze
    Mit groteskem Riesenbogen.


    Heimfahrt (Barcarole)


    Der Mondstrahl ist das Ruder,
    Seerose dient als Boot;
    Drauf fährt Pierrot gen Süden
    Mit gutem Reisewind.


    Der Strom summt tiefe Skalen
    Und wiegt den leichten Kahn.
    Der Mondstrahl ist das Ruder,
    Seerose dient als Boot.


    Nach Bergamo, zur Heimat,
    Kehrt nun Pierrot zurück;
    Schwach dämmert schon im Osten
    Der grüne Horizont.
    - Der Mondstrahl ist das Ruder.


    O alter Duft


    O alter Duft aus Märchenzeit,
    Berauschest wieder meine Sinne;
    Ein närrisch Heer von Schelmerein
    Durchschwirrt die leichte Luft.


    Ein glückhaft Wünschen macht mich froh
    Nach Freuden, die ich lang verachtet:
    O alter Duft aus Märchenzeit,
    Berauschest wieder mich!


    All meinen Unmut gab ich preis;
    Aus meinem sonnumrahmten Fenster
    Beschau ich frei die liebe Welt
    Und träum hinaus in selge Weiten...
    O alter Duft - aus Märchenzeit!


    Liebe Grüße Peter

  • Heute vor 100 Jahren wurde das Werk im Berliner Choralion-Saal uraufgeführt:


    Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds »Pierrot lunaire«, allgemein bekannt unter dem Namen
    Pierrot Lunaire ("Mondsüchtiger Pierrot" bzw. "Pierrot im Mondschein"), op. 21,
    Melodrama von Arnold Schönberg.


    Es besteht aus 21 ausgewählten Gedichten für Sprechstimme und Kammerensemble (Klavier, Flöte [auch Piccolo], Klarinette [auch Bassklarinette], Geige [auch Bratsche] und Violoncello). Die Gedichte entstammen der freien deutschen Übertragung (1892) von Otto Erich Hartleben des französischen gleichnamigen Gedichtzyklus von Albert Giraud (1884).
    Die Uraufführung erfolgte unter der Leitung des Komponisten und mit der Auftraggeberin Albertine Zehme als Rezitatorin, der Schönberg das Werk „in herzlicher Freundschaft“ widmete.
    Den Klavierpart spielte Eduard Steuermann.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Um der sachlichen Korrektheit willen sei ergänzt:
    Bei Schönbergs "Pierrot lunaire" op.21 handelt es sich um eine kompositorische Auseinandersetzung mit lyrischen Texten, bei der Sprechstimme und Instrumentalsatz getrennt geführt werden. Es handelt sich hierbei nicht um Lieder im Sinne der musikwissenschaftlichen Definition des Wortes. Schönberg wollte ausdrücklich nicht, dass hierbei gesungen wird. Es soll melodramatisch rezitiert werden, wobei Tonhöhe und Tonlänge festgelegt sind. Das theatralische, in den Tonhöhen schwankende und übertrieben expressive Deklamieren, das man in so mancher Aufnahme des Werkes vernimmt, entspricht nicht den Intentionen des Komponisten. Es ergibt auch kompositorisch keinen Sinn. Im Gegenteil: Das experimentelle Konzept einer vom Instrumentalsatz getrennten und frei von jeglicher Tonalität agierenden Sprechstimme wird konterkariert!