Musik durch die Jahreszeiten

  • Und noch so ein Trivialthread von mir :D


    Nachdem ja nun alles Jahreszeiten durch sind und eine Menge an Kompositionen genannt wurden würde mich nun (als Amateur-Psychologe und selbsternannter Musik-Medizin-Mann) viel brennender interessieren, ob ihr zu bestimmten Jahreszeiten ganz bestimmte Werke oder ganz bestimmte Komponisten hört, die ihr auch überwiegend genau zu eben jener Jahreszeit hört, die ansonsten aber ihren Dienst an der Umwelt darin tun, daß sie euch den Staub aus der Lut ziehen.


    Fangen wir doch mal aus naheliegenden Gründen mit dem Frühling an.


    Im Frühjahr ist bei mir regelmäßig Schumann-Zeit. Gleich vorweg: Ich höre nicht nur die "Frühlingssymphonie" :rolleyes: Nein, auch die anderen Symphonien, das KK, die Klaviermusik - all das passt mir wunderbar in den Frühling.


    Der von mir geschätze Bax ist ein typischer Herbst/Winter-Komponist. Kein Bock, mir die teilweise düsteren, keltisch-stürmischen "Druidentränke" im Frühjahr anzutun.


    Was sind eure Komponisten oder Werke, die nur zu ganz bestimmten Jahreszeiten ihren Dienst im Player oder auf dem Teller erweisen??


    :hello:
    Wulf.

  • Olivier Messiaens Catalogue d`oiseaux enthält eine Vielzahl von Anmerkungen zum Wetter und zur Jahreszeit. Ich habe das am Beispiel des Klavierstückes L`Alouette calandrelle (Die Kurzzehenlerche) gezeigt.


    Gerade dieses Stück ist für mich eine echte Sommermusik. Ich hatte sogar meine Notenausgabe des Stückes im sehr warmen Juli 2006 in Zandvoort (Niederlande) als Strandlektüre verwendet. Merkwürdigerweise hatte ich die Noten im Jahr davor in Südfrankreich nicht dabei, obwohl sie dorthin noch besser gepasst hätten.


    Äußerst sommerlich sind in Messiaens Zyklus auch die Nummern 3 und 4,
    Le Merle bleu (Die Blaumerle) und Le Traquet stapazin (Der Mittelmeersteinschmätzer), die im Juni im südfranzösischen Roussilion an der Côte Vermeille spielen.


    Ich frage mich, ob man beim Spielen solcher Stücke die Hinweise beachten müsste, die Lazar Berman zu Liszts Les Jeux d'Eau à la Villa d'Este gegeben hat:
    (Weimarer Meisterkurse 2003, wo sich sinngemäß folgender Dialog ereignete:
    Ein etwas exzentrischer Pianist spielt Liszts Les Jeux d'Eau à la Villa d'Este.
    Professor Berman fragt: "Bist du dagewesen?" "Wo?" "Na, in Tivoli, an der Villa d`Este". "Nein." "Ach, vergiss es. Fahr erst mal da hin. Sonst kannst du das nicht richtig spielen.")
    (Die Villa d`Este gehört übrigens seit 2001 zum Weltkulturerbe der Unesco.)


  • Tatsächlich neige ich auch dazu im Winter gerne Vivaldi zu hören, was ich in den anderen Jahreszeiten in der Regel nicht mache.
    Und im Herbst ists dann Beethoven der mit dann öfter im Ohr liegt.
    Im Sommer bin ich eigentlich für alles offen. ;) Im derzeitigen Sommer höre ich sehr viel Bach, ob das was mit der Sommerzeit zu tun hat kann ich aber (noch) nicht sagen.
    Ja und Frühlingszeit ist natürlich Mozartzeit, da wird nichts anderes gehört.*


    * Mozart ist natürlich die Ausnahme die in allen anderen Jahreszeiten genauso gehört wird. :yes:

  • Hallo,


    so trivial, lieber Wulf, ist das Thema gar nicht; es mag auf den ersten Blick so scheinen; ich finde das Thema auf den zweiten Blick jedoch interessant.


    Ich denke (fühle), dass die Jahreszeit bei mir sehr wohl eine Rolle spielt. Zweifellos empfinde ich im Winter tendentiell eher die Neigung, Beethoven und Mendelssohn zu hören, im Sommer dagegen Brahms und Zemlinsky; im Winter Reger und Bartok, im Sommer Schönberg, Berg und Schostakowitsch.


    Wenn ich versuche, die Gemeinsamkeiten der "Winter"- vs. der "Sommerkomponisten" herauszufinden, ist mir dies emotional ziemlich klar, verstandesmäßig tue ich mich damit allerdings schwerer.


    Vielleicht ist mir im Winter das Bedürfnis nach eher sachlicher Kopfarbeit lieber, wogegen der Sommer etwas mehr nach Emotionalität und Dramatik ruft? (Bitte keine Empörungen wegen der Zuordnung dieser Eigenschaften zu den Komponisten; ich versuche lediglich unsicher und zaghaft, etwas zu deduzieren und mich langsam heranzutasten; man kann ja über alles reden 8).)


    Auf jeden Fall eine berechtigte Fragestellung...


    Gruß,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Musica autunnale


    Nein, ein Trivial-Thread ist die Frage nach dem Kontext von Musik und Jahreszeit ganz und gar nicht! Wobei zu unterscheiden wäre, ob man die entsprechende Musik vorwiegend zu bestimmten Jahreszeiten hört oder ob sie - was etwas ganz anderes ist und natürlich nur subjektiv beantwortet werden kann - „jahreszeitlich“ wahrgenommen wird. Letztere Frage interessiert mich deutlich mehr, da hier letztlich die Idiosynkrasie eines jeden von uns durchschlägt, d.h. wie wir z.B. „Herbstlichkeit“ aus/in bestimmter Musik heraus- bzw. hineinhören, also projizieren.


    Damit meine ich natürlich nicht die diversen Programm-Musiken, die ja keineswegs erst in der Spätromantik (à la Liszt & Co.) endemisch wurden, sondern als normierte Versatzstücke à la Vivaldi/quattro stagioni schon immer existierten (was ihre Qualität keineswegs mindert): Diese Art von Winken mit dem Zaunpfahl ist den jeweiligen Zeitläuften geschuldet wie z.B. der Gebrauch von Hörnern und anderer da caccia-Instrumente, um Jagd = Herbst zu signalisieren; auch Bach bediente sich wie seine Zeitgenossen ja vieler lautmalerischer Patterns, so z.B. in seinem berühmten Capriccio BWV 992, wo er mit der „Aria die Postiglione“ eine wehmütige herbstliche Abschiedsstimmung schafft. Diese fast immer gemäss den zeitgeistigen Gepflogenheiten genormten Versuche, Naturstimmungen in musikalische Expressionen zu transponieren, folgen der jeweiligen Affektenlehre, was m.E. eher Futter für musikwissenschaftliche Exegesen ist.


    Was mich umtreibt, ist vielmehr die Frage, welche Musik vom sensiblen (und nicht unbedingt vorgebildeten bzw. vorverbildeten) Hörer spontan - bleiben wir angesichts des Kalendermonats beim Herbst - als „herbstlich“ empfunden wird. Selbstverständlich ist dies wiederum (siehe oben) nur rein subjektiv zu beantworten und hängt vom „Herbst“-Begriff des Hörers ab: Für den einen repräsentiert dies vielleicht den Rilke’schen Herbst à la „wer jetzt allein ist , wird es lange bleiben“ als Vorbote des nahenden Winters, für den anderen möglicherweise einen Stifter’schen Nachsommer, für einen dritten vielleicht die Apotheose des gerade zu Ende gegangenen Sommers: Alles völlig legitime, absolut subjektive Wahrheiten! Und dementsprechend subjektiv und dennoch eigenartig stimmig fiel ein per Neugierde gemachter Test mit meinen beiden persönlichen Lieblings-Repräsentanten herbstlicher Musik schlechthin aus:


    a)Silouans Songs von Arvo Pärt (in der prächtigen ECM-Aufnahme): Dieses lediglich 5-minütige, scheinbar spröde, monotone und dennoch (oder deswegen?) unglaublich eindringliche, schon fast verzweifelt obstinate Stück steht wie ein erratischer Block vor dem Hörer und verschlingt ihn (mindestens mich) mit Haut und Haar. Hier ist eine (vom Komponisten möglicherweise nicht einmal so intendierte) extrem expressive Herbheit-Bitterkeit-Kargheit fast körperlich zu spüren; etwas banaler-zahnmedizinischer formuliert - eine ausgesprochen Mundhöhlen-adstringierende Musik in ihrer schönsten, naturbelassenen Form! Mein (selbstverständlich keinesfalls statistisch aussagefähiger!) „Test“ bestand darin, dass ich dieses Stück 5 Bekannten (alles Klassik-Afficionados im weitesten Sinn) zu Gehör brachte und sie dazu einlud, beliebige Jahreszeiten hierzu assoziieren: In 3 von 5 Fällen war es „Herbst“ (wovon 1x Spätherbst). Die Deutung möchte ich Klügeren überlassen; immerhin meine ich, dass in diesem Stück alle denkbaren Herbst-Wahrnehmungen (vgl. die 3 obigen, nicht erschöpfenden Beispiele) übereinkommen und vielleicht gerade deswegen die Dichtigkeit des Eindrucks steigt. Ich persönlich sehe bei dieser Musik (zweifellos durch die estnische Herkunft des Komponisten unzulässig beeinflusst) unendliche finnische, herbstlich glühende Birkenwälder mit einem irgendwie „tragischen“ Geheimnis – sorry für diesen Cinemascope-Kitsch, aber warum sollte man lügen!


    b)J. Brahms: Fantasien op. 116 (insb. Intermezzo Nr. 6 E-Dur), Intermezzi op.117 (insb. Nr. 2 b-moll), Klavierstücke op. 118 (insb. Nr. 2 A-Dur) – insbesondere wenn von Ausnahmepianisten wie Radu Lupu oder auch der neuerlich so vielgeschmähten Hélène Grimaud gespielt (zur Zeit der Brahms-Aufnahme war sie noch keine solche Marketing-Ikone wie heute ; ihr Gestöhne à la Glenn G. nimmt man angesichts der interpretatorischen Qualität aber gerne in Kauf): Dies sind für mich (i.G. zu Arvo Pärts herbstlicher-„harter“ Bitterkeit) die Paradebeispiele einer „weichen“, deswegen nicht weniger eindrücklichen bitter-sweet-Herbstlichkeit. Brahms‘ Zeitgenosse und Biograph Richard Specht beschrieb übrigens Brahms‘ eigenes Klavierspiel als „köstlich, melodiös und reich an Licht und Schatten“(sic!). Natürlich sind diese Stücke auch Produkt des eigenen Brahms’schen Lebensherbstes, was ihren resignativen, melancholischen abgeschatteten Duktus erklärt – aber auf welchem künstlerischen Niveau! Die „Wiegenlieder meiner Schmerzen“ (= Brahms‘ eigene Bezeichnung für seine Intermezzi op. 117) sind für mich eines der schönsten und ergreifendsten Ergebnisse eines reifen herbstlichen Sublimationsprozesses.
    Der analoge Test mit meinen 5 „Opfern“ (welche allerdings i.G. zum Pärt-Stück ausnahmslos „ihren“ Brahms kannten) ergab in allen 5 Fällen eindeutig „Herbst“ (wovon 3 Früh-, 2 Spät-Herbst).


    Was ich mit all dem sagen will (Achtung: Jetzt oute ich mich als hoffnungslos veralteter Platoniker!): Möglicherweise schlummert in uns bzw. unserem genetischen Code eine Idee von „Herbst“, welche durch eine einschlägige Musik – wortwörtlich – zum Re-sonnieren, d.h. zum Wieder-klingen gebracht wird – eine Idee notabene, welche durch sog. empirische Erfahrungen nur sehr begrenzt modifizierbar ist . Wenn diese Idee (welche für mich eher individuell als Teilhabe an einem kollektiven Unbewussten ist) und ihr Entsprechung, d.h. die ästhetische-musikalische Gestalt in uns übereinkommen, multipliziert bzw. potenziert sich dadurch der Impact, aus a + b wird d: Die „Hochzeitsnacht“ beider ist denn auch entsprechend gewaltig – die Musik durchdringt uns bis in die Wurzelspitzen unseres Seins; vgl. hierzu auch den Thread “wenn es Bing macht“.


    Das klingt alles sehr spekulativ – und ist es wahrscheinlich auch; immerhin habe ich einen Euch hoffentlich unverdächtigen Zeugen für den „Ideen“-Ansatz, nämlich Glenn Gould: Mich hat immer gewundert, dass angesichts seiner (auch von mir hochgeschätzten, wenn allerdings auch differenziert zu beurteilenden) Klavier-Aufnahmen seine sonstigen Produktionen z.B. vor seinem Rückzug von der Konzertbühne, total ins Hintertreffen geraten sind, insb. seine Broadcast-Features für den kanadischen Rundfunk: Hier gibt es (bei CBC Records) seine bei Kennern hochgeschätzte „Solitude Trilogy“, wovon ich auf Teil 1 hinweisen möchte, nämlich „The Idea of North“: Hier wird der kanadische Norden metaphorisch und (natürlich!) kontrapunktisch in einer absolut innovativen Weise aufgearbeitet, die m.E. noch einer wirklich Glenn-würdigen Einordnung bedarf. Kurz: Die Idee des Nordens wird sozusagen kompartimenatlisiert und findet sich als Puzzle in kleinsten „Chunks“, welche zudem noch überlagert werden (Einzelheiten erspare ich mir aus Zeitgründen). Das Ergebnis ist keine – wie auch immer geartete – „Definition“ der Idee des Nordens, sondern sozusagen eher deren emotionales Acting-out – und damit letztlich gar nicht so weit weg von den beiden oben erwähnten Herbst-Beispielen. Der Kreis schliesst sich.
    Noch ein tröstliches Wort zum Schluss: Wenn es stimmt, dass ich (wie vermutlich die meisten von Euch Forianern ebenfalls ) Musik-süchtig sind, dann haben wir armen Addicts mindestens dem kommunen Süchtigen etwas voraus: Kürzlich las ich eine charmante Definition von pathologisch werdender Sucht , nämlich steigende Frequenz bei zunehmend sinkender Befriedigung: Wenn dem so ist, so scheint mir unsere Sucht eine der antizyklischsten und gesündesten zu sein, nämlich steigende Frequenz bei ebenfalls steigender Befriedigung: Willkommen im Club!

  • Lieber Berceuse,zunächst herzlich willkommen bei Tamino!!!!! :hello:



    Ich präsentiere mich gleich mal als Gegenbeispiel zu der genannten Sucht -These:


    sinkende Frequenz bei steigender Intensität und daher auch steigender Befriedigung.


    Je weniger Musikstücke ich an einem Tag höre, desto intensiver erlebe ich die Musik und desto mehr befriedigt mich das Gehörte.


    Das ständige Berieseltwerden stumpft mich dagegen ab.


    Lieber 3mal dasselbe Klaviertrio oder dieselbe Lied-Cd und dann bis zum Abend gar ncihts mehr ,als jede Stunde ein anderes Werk.
    Was manche Taminos an einem Tag alles verarbeitet bekommen, reicht bei mir für einen Monat.
    Dazu kommt natürlich noch die Musik, die ich selbst "produziere", evtl sind aktive Musiker im passiven Hören etwas zurückhaltender?


    Ich bin aber grundsätzlich nciht weniger süchtig nach Musik als Andere, und ein Entzug würde mich, wenn nciht umbringen, dann zumindest reif für die....



    Was die Jahreszeiten angeht, finde ich das Thema überhaupt nciht banal, im Gegenteil!


    Im Qi Gong habe ich gelernt, dass in der asiatischen Medizin 5 Jahreszeiten existieren (der Spätsommer ist die Fünfte) und dass jeder Saison ein Organ, eine Farbe und verschiedene Körperübungen zugeordnet sind.
    Warum nciht auch verschiedene Musiken?


    Für mich hat auch der Jahreskreis des Kirchenjahres etwas damit zu tun.
    Ganz besonders in den Monaten November und Dezember, wenn derTod und dann das Weihnachtsfest im Mittelpunkt stehen.


    Da richte ich die Dinge , die ich höre auf diesen Rhytmus aus und es gibt sehr viel sacrale Musik, von Allegri bis zu Bach-Kantaten und diversen Trauermusiken, aber auch die passenden Kunstleider wie etwa "Allersselen" von Strauss und viel Schubert.


    Meine liebste Jahreszeit war schon immer der Übergang vom Sommer zum Herbst, also die, in der wir akut gerade drinstecken.
    Das schon zu spürende Vergehende aber noch von Wärme und Reife überlagerte, fasziniert mich ganz besonders. Von Dichtern viel besungen, von Komponisten viel vertont, gibt es ja Unmengen Herbstlieder.
    Auch mein geliebter Bellini ist nach meinem Empfinden ein Spätsommer-Komponist- es ist nicht das pralle Leben, aber eine ganz besonders anrührende Schönheit, von der man weiss, wie fragil sie ist.
    So wie die Melodie lunghe lunghe.


    Dem Sommer würde ich eher pralle und sinnenfrohe Musik zuordnen, z.B. all die prachtvollen Barockwerke- ob Händel, Vivaldi oder Rameau, ob Lully oder Purcell.
    Und vieLe Strauss-Lieder, Rossini-Serenaden, Mozart-Opern usw


    Und im Frühling höre ich z.B. vermehrt Wiener Walzer , frz Impressionismus und Salonmusik incl. Operette und Frühlingslieder jeder Couleur.


    Kammermusikwerke lassen sich evtl auch an Jahreszeiten knüpfen, damit habe ich mich aber bisher noch nie beschäftigt.
    Im Moment höre ich Schuberts Streichquintett- ob das zum Spätsommer passt?


    Fairy Queen

  • Musica autunnale zum Zweiten


    Liebe Fairy Queen, danke für Deinen Willkommensgruss sowie Deine empathische Reaktion – und nicht zuletzt auch für die Schnelligkeit der Antwort: Die alten Römer hätten gesagt „bis dat qui cito dat“ - doppelt gibt, wer schnell gibt! Das muss man Euch Taminos/as lassen: Am Abend einen Beitrag ins Forum gestellt - und justament am nächsten Morgen zum Frühstück durch einen response geweckt - Respekt! „Pourvu que ça dure“, wie Laetitia, Napoleons Mutter so schön sagte.


    Die raison d’être, weswegen ich Tamino aus Neugierde beigetreten bin, liegt vermutlich genau in der Heinrich v. Kleist’schen Erwartung „über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (was ist der Tamino-Austausch anderes als dialogisches Reden?). Eine dank Mitglieder-Kritiken/Anregungen in Bewegung gehaltene aufsteigende Erkenntnis-Spirale – was kann es Schöneres geben?

    Danke auch für Deinen wertvollen, mir neuen Hinweis auf die asiatische Konzeption einer fünften (Spätsommer-)Jahreszeit; für mich war diese 5. Saison bis jetzt nur für krachlederne Anlässe à la Kölner Karneval bekannt. Der Früh- (oder je nach Geschmack Spät-)Herbst als Ernte des Sommers, als Stifter’scher Nachsommer ist - da stimme ich Dir vollkommen zu - eine Epoche des Übergangs: Bivalent, zeitlich doppeldeutig (sowohl nach hinten wie nach vorne gerichtet), schmerzhaft und süss zugleich, ein Weg auf eine Krete, wie wir dies hier in der Schweiz nennen (leitet sich vom franz. „crête“ ab), kurz: Ein Amalgam von Zwischenwelten/Zwischentönen/“altered states“, die nochmals den Reichtum des Sommers heraufbeschwören und zugleich die Insignien des Abschieds in sich tragen. Der Geruch einer kurz vor dem Verblühen stehenden Schafgarben-Blüte sagt darüber mehr aus als tausend Worte.


    Auf die Musik übertragen: Über die von mir im letzten Beitrag genannte Beispiele hinaus repräsentieren für mich solche Übergangs-Stimmungen u.a. die – wortwörtlich! – un-erhörten Mittelteile der Schumann-Klavierfantasie C-Dur op. 17 mit Pollini bzw. des Largos der Chopin h-moll-Sonate op. 58 mit Lang Lang (ja, eben genau der, der mit pseudo-chinesischen Sirup die Olympia-Eröffnungsfeier mit-verunstaltet hat; hingegen spielt er beim Chopin-Largo überirdisch empathisch uns stellt zudem mit 14.10 Min. Satzdauer vermutlich den Langsamkeits-Weltrekord auf ). Unter den Vokalwerken scheint mir „A Chloris“ und „L’automne“ des m.E. völlig unterschätzten Reynaldo Hahn paradigmatisch für diese Stimmungslage zu sein. Wobei ich immer etwas Schwierigkeiten damit habe, dass der Text die Musik bereits à tout prix „herbstlich“ einfärben will; das Ergebnis ist oft über-redundant, d.h. dem Hörer wird der Inhalt eingetrichtert, statt ihn diesen selbst entdecken zu lassen.


    Der Punkt, auf den ich hinziele, ist dabei folgender: Gibt es bezüglich der „grossen“ Themen (wie z.B. „Herbst“, „Norden“, „Werden/Vergehen“ etc. etc.) korrespondierende Codes, welche wir in der entsprechenden Musik wiedererkennen – und zwar instinktiv, nicht kortikal? Ich glaube ja – sonst wäre die „instinktive“ Übereinstimmung der Sensiblen hinsichtlich der Expressivität und des Gehalts von solcherlei Musik nachgerade obsolet. Dies ist nicht in erster Linie ein Sujet der analytischen Wissenschaft (Hermeneutik, Semantik, Kognitions-Neurologie etc.), sondern des consensus der Gnostiker, die eine ähnliche Wahrnehmung aufweisen. Die gute alte Homöopathie hat uns vielleicht mit ihrem „similia similibus curantur“ den Weg vorgespurt: Ähnliches aktiviert Ähnliches – sei dies innerhalb einer Person (= Übereinstimmung zwischen Idee und künstlerischem musikalischen Ausdruck) wie auch zwischen Personen, deren Austausch aufgrund ähnlicher Codes viel flüssiger vonstatten geht…


    Du als lebendiges Gegenbeispiel meiner „Sucht“-Hypothese überzeugst durchaus – wobei Deine disziplinierte Taktik der Wertanreicherung (sinkende Frequenz bei steigender Intensität) ja schon fast an „weise“ Desintoxikation grenzt… ich meinerseits bin da geradezu masslos, indem ich mir z.B. im Moment alle 555 Scarlatti-Sonaten süchtig-gierig (manchmal verschlucke ich mich fast dran…) auf CD’s reinziehe, um die für mich als Hobby-Pianist noch spielbaren Stücke auszusondern. Bis jetzt hat mich dieser Drogen-Trip (ebenso wenig wie Dich als auf Deine Weis Co-Süchtige…) reif für die Klapsmühle gemacht (nebenbei: Was für eine wunderbare Vorstellung, eine Verwahranstalt für Musikopathen - sollte man sich da nicht fast freiwillig einliefern? Das neueste, anregende Buch von Oliver Sacks „Der einarmige Pianist – über Musik und das Gehirn“ macht da schon richtig Appetit drauf!). Aber was nicht ist, kann ja noch werden...


    Deine Bemerkungen i.b. auf den Jahreskreis des Kirchenjahrs lassen mich davon träumen, einmal ein Jahr konsequent mit den entsprechenden Bach-Kantaten durchzuleben; in einem ist Bach uns Zeitgenossen allerdings voraus, indem für ihn die Jahreszeiten vom einschlägigen Kanon der kirchlichen Ereignis-Abfolge (Christi Geburt-Kreuzigung-Ostern-Epiphanie etc.) geprägt waren und sich dementsprechend fugenlos in die Polarität „Werden-Vergehen“ mit den entsprechenden Heilserwartungen einfügten: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“, vgl. BWV 106. Diese Codes sind für viele von uns heute brüchig geworden („ach wie flüchtig, ach wie nichtig“…) .Die ehemals festgefügte Tektonik der Jahreszeiten wird laufend unterspült: Dies fängt bei den aus Israel importierten Erdbeeren im Januar an und hört bei den uns angekündigten zukünftigen klimatischen Verwerfungen auf: Wir laufen in eine Zeit-Anästhesie hinein, deren Dramatik m.E. derjenigen der Erderwärmung in nichts nachsteht. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch des schon fast eschatologischen Schreckens, der uns 1999 angesichts der epochalen Sonnenfinsternis erfasste – ein durchaus therapeutischer Schock! Umso mehr rekurrieren wir wieder auf die Idee der Jahreszeiten (vgl. meinen ersten Beitrag), welche mit der „inneren“ Meteorologie unserer eigenen 4 (oder wie viel auch immer) „stagioni“ korreliert.


    Interessanterweise vermag ich, obwohl kenntnismässig einigermassen fit, bei Bachs Instrumental-, insb. Klavierwerken (nur diese zählen hier, weil die Sakralwerke ihre eigene Jahreszeitlichkeit haben, siehe oben) diese kaum jahreszeitlich zu positionieren – möglicherweise (aber dies wäre schon ein eigener Thread) weil sie sich aufgrund ihrer überragenden Qualität jenseits aller zeitgeistigen Codes befinden und somit über-zeitlich sind: Ein anderes Wort für ewig! Für Freud war das Unbewusste a-spatial und a-temporal, also un-räumlich und un-zeitlich: Vielleicht sind sich die beiden Herren ähnlicher als man’s gemeinhin glaubt: Aber das ist (um mit dem alten Fontane zu reden) wiederum ein weites Feld!

  • Lieber Berceuse (wie bist Du auf diesen wiegenden Namen gekommen?)
    leider habe ich im Moment keine Zeit für eine deinen so vielseitig belesenen/"behörten" Erläuterungen würdige Antwort.
    Daher nur einen ganz spontanen Begesiterungsausbruch für den "total unterschätzten Reynaldo Hahn" und insbesondere "A Chloris"


    Ich singe dieses Lied bei jeder nur sich bietenden Gelegenheit und habe es gerade wieder in ein Liedprogramm zu Fin de siècle Bildern eingebaut, um den in Deutschland fast unbekannten Reynaldo Hahn weiter "unters Volk zu bringen".
    Wenn Du wüsstest, wie sehr ich diese Musik liebe und jeder Liebes- oder überhaupt erstmal "Kennens"Genosse ist mir da mehr als willkommen! Weiteres folgt bei entsprechender Muse.
    Ich freue mich, dass du hierher gefunden hast! :yes:


    Fairy Queen, derzeit wie ein Fisch im musikalsichen Wasser ihrer 5. Jahreszeit

  • Liebe Saisonalhörer! ;)


    Ein bisschen hat die Jahreszeit schon mit der Musik zu tun, die ich gerade höre. Mir persönlich ist etwa aufgefallen, dass ich besonders im Frühling, wenn so die ersten warmen Tage kommen, besonders oft und viel de Falla höre. Auch bei mir ist Winter eher Sakralmusikzeit (obwohl ich die natürlich auch unterm Jahr anhöre). Aber ich für mich kann da nur Tendenzen ausmachen, nicht definitive Musikentscheidungen, wie sie Wulf im Eröffnungsbeitrag andeutet.


    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Meine liebste Jahreszeit war schon immer der Übergang vom Sommer zum Herbst, also die, in der wir akut gerade drinstecken.
    Das schon zu spürende Vergehende aber noch von Wärme und Reife überlagerte, fasziniert mich ganz besonders. Von Dichtern viel besungen, von Komponisten viel vertont, gibt es ja Unmengen Herbstlieder.
    [...] nicht das pralle Leben, aber eine ganz besonders anrührende Schönheit, von der man weiss, wie fragil sie ist.


    :jubel::yes:
    Auch meine Lieblingsjahreszeit ist diese "5. Jahreszeit", der "Nachsommer"! Ich erfreue mich an den vielfältigen Farben, die die Natur zu dieser Zeit hervorbringt - in ganz anderen Schattierungen als etwa im ebenfalls bunten Frühling, nämlich den Farben reifer Früchte und sich allmählich gelb und rot färbender Blätter. Als Gernesser freue ich mich auch am reifen Obst und Gemüse selbst und liebe es, mit allem zu kochen, was Balkon und Markt hergeben (frisch hergeben, regional hergeben und nur zu dieser Jahreszeit hergeben! Da bin ich ganz bei Berceuses Kritik der "Zeit-Anästhesie!). Dazu passt die hügelig-bukolische Landschaft der Süd- und Oststeiermark mit ihren Weingärten, die vom milden Septemberabendlicht umarmt werden, und dazu passt m. E. die Kammermusik von Schubert und die Kammermusik und vor allem die Lieder der Franzosen und Katalanen: vom wirklich "total unterschätzten" Hahn, von Duparc, Canteloube, Ravel, Fauré, Mompou, Debussy... Aber ich höre diese Musik eigentlich immer gerne - vielleicht gerade weil ich sie mit meiner Lieblingsjahreszeit in Verbindung bringe.


    Ich freu mich schon wieder auf September!
    Liebe Grüße,
    Martin

  • Lieber Martin, bei aller von mir geteilten Vorfreude auf den Nachsommer, seine Farben und seine Musik: lass uns jetzt doch erstmal Erdbeeren und Spargel im wunderschönen Monat Mai geniessen!


    Damit kann man auch als Gerne-Esser und Gerne-Hörer eine ganze Menge anfangen.


    Wie wäre es z.B. mit dem unglaublich schönen Lied "Varen" (Letzter Frühling") von Edvard Grieg?


    Das klingt aber zugebenermassen fast eher nach September als nach Mai.....



    tanti saluti primaverali :hello:


    F.Q.

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