Karfreitag- welche Matthäus-Passion hört ihr ?

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    Ich bin gerade aus der Passion wieder aufgetaucht.

    Meditativ, sensibel, ausbalanciert.

    Man sollte ja auch das Cover beachten.

    The choir of Kings College. Er ist quasi das Herz der Aufnahme und jegliches Überbetonen von kräftigen Stimmen, egal ob weiblich oder männlich, würde die Balance zerstören.

    So passt auch der wunderbare Countertenor David Alsopp.

  • Ich habe keine Aufnahme aufgelegt, sondern höre im WDR 3 Hörfunk gerade diese:



    Es ist die zweite Aufnahme von Herreweghe mit seinem Collegium Vocale Gent und den Solisten Bostridge, Scholl, Güra, Rubens, Volle.



    Liebe Grüße


    Portator

  • Ich habe die letzte halbe Stunde hier hereingehört (Beitrag 92) und muss sagen, dass diese Aufnahme bei weitem nicht heranreicht an die Live-Aufnahme 2010 (Essen, Köln). Es liegt vor allem an den Solisten. Ian Bostridge ist mir, wenn man das sagen darf, zu "süßlich", Sibylla Rubens trifft den richtigen Ton, Güra ist mir zu blass, besonders Volle ist zu baritonal. Ich merke das immer an einem meiner Lieblingsrezitative und -arien, nämlich an "Am Abend, da es kühle ward" und "Mache dich mein Herze rein". Stephen McLeod hat das 2010 ideal gesungen. Was mich dabei noch zusätzlich stört, ist das viel zu rasche Tempo. Vor allem das Rezitativ muss relativ langsam gesungen werden, weil der Text so theologisch bedeutend ist, jedenfalls wichtiger als die Arie. Insgesamt ist es sicher eine gute Aufnahme, aber das Bessere ist des Guten Feind.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Der renommierte Düsseldorfer Musikkritiker Wolfram Goertz (Rheinische Post) hat am 1.4. eine ausführliche Übersicht über 4 Neuaufnahmen von Matthäuspassion und Johannespassion gegeben. In diese Übersicht ist ein großes Foto und eine Würdigung der Sopranistin Dorothee Mields (aus Dinslaken, bei uns um die Ecke) eingebaut. Ich mache hier eine Kurzfassung, danach kann jeder selber nachsehen.

    1. Johannespassion: Collegium vocale Gent, Herreweghe (Schmitt, Guillon, Mields, Kooj). Hier bemängelt Goertz zu großen Manierismus in den Chorälen und die schwache Leistung des Evangelisten Maximilian Schmitt.

    2. Johannespassion: Gächinger Kantorei, Rademann. Hier meint er, dass alles zu unverbindlich ist und bemängelt den Altus von Benno Schachtner "in seiner wummernden Diktion".

    3. Matthäuspassion: Bach-Collegium Japan, Suzuki: eine gute Aufnahme, aber völlig überzogen interpretierte Choräle. Diesen Fehler machen viele Dirigenten. Die Choräle imitieren den Gemeindegesang, sodass die Hörer diese Stücke - mindestens stumm - mitsingen können. Es ist verfehlt, sie zu stark textnah zu interpretieren. Die meisten Choräle kenne ich noch. Man hört sofort, ob ein Dirigent im Kreis der evangelischen Kirche aufgewachsen ist.

    4. Matthäuspassion: Gli Angeli Genève unter Stephan MacLeod (einer meiner Lieblingsbässe, hier als Dirigent). Eine etwas konventionelle, trotzdem ansprechende Darbietung mit Dorothee Mields und einem aufregenden neuen Evangelisten, Benjamin Bruns.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Zitat von Dr. Pingel

    Stephen McLeod hat das 2010 ideal gesungen

    Zitat von Dr. Pingel

    Gli Angeli Genève unter Stephen McLeod (einer meiner Lieblingsbässe, hier als Dirigent).

    Werter dr.pingel, der gute Mann heisst Stephan MacLeod.

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • In der Tat!8-) Danke, ich habe es korrigiert.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Eine der für meine Ohren besten Kompositionen einer Passionsmusik nach dem Evangelisten Matthäus. Und als ein begeisterter Telemann-Hörer muss ich bekennen, dass ich nur diese eine von mehreren Matthäus-Vertonungen des Magdeburger Meisters habe. Insofern vermag ich nicht zu sagen, ob Telemanns andere Kompositionen dieses Bibel-Textes, wie man oftmals lesen kann, den Standard, denn diese 1730er Passion vorgibt, auch hält. Jedenfalls hat eine Telemann-Passion, gleich nach welchem der Evangelisten, einen Vorzug gegenüber Bach: Sie ist kurzweiliger und in harten Kirchenbänken sicherlich nicht so anstregend für das "Hinterteil" - was im häuslichen Bereich natprlich keine Rolle spielt, die Kürze schon. Was hier nach künstlerischer Abwertung sich liest, ist jedoch keinesfalls so gemeint, denn der Gipfel Bach bleibt ja trotzdem bestehen.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Gerade klingt die Bach'sche Matthäus-Passion aus. Ein Rundfunk-Mitschnitt aus Boston von 1959 unter dem legendären Charles Munch in astreinem Stereo (u. a. hier erhältlich). Meine Höreindrücke sind doch deutlich nachdrücklicher als vor etlichen Jahren. Ich weiß nicht, ob das an der Aufnahme lag (Klemperer gilt doch als Klassiker). Wohl eher am damals fehlendem Zugang. Für manche Werke braucht man eine gewisse Reife. Noch immer liegt mir der dramatischere Ansatz der Johannes-Passion eher, doch hat die Matthäus-Passion ja durchaus auch stellenweise Dramatik zu bieten. Frappierend die Stelle, wo das Volk schreit: "Barabbam!" Das geht ja fast schon in eine atonale Richtung, sehr schrill, da zuckt man auf. Es kann natürlich sein, dass Munch das besonders betont bringt. Von diesem Dirigenten kenne ich keine mittelmäßigen oder gar schlechten Interpretationen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Die JoPa hat halt auch deutlich weniger Stoff (beginnt mit der Gefangennahme, da hat die MPa schon 23 Nummern vorbei!), die turbae sind teilweise "naturalistischer". Letzteres finde ich aber nicht unbedingt überzeugender; zB gefällt mir das wuchtige "Lass ihn kreuzigen" in der MPa besser als das mehrfache hektische "Kreuzige, kreuzige..." usw.

    Bzgl. der Choräle hat man in früheren Aufnahmen (habe unlängst Scherchens Aufn. der JoPa von 1961-62 gehört) oft sehr langsame, "meditative" Tempi gewählt. Die ersten HIP-Aufnahmen haben dann meinem Eindruck nach eher auf zügig-geradlinige Choräle (nach Art eines schlichten Gemeindegesangs) gesetzt. Noch später gibt es dann wieder eine Tendenz zu mehr Differenzierung zwischen den verschiedenen Chorälen je nach Text/Kontext. Wie fast immer kommt es hier auf Nuancen. Zu geradeheraus verschenkt evtl. schon einiges an Ausdruckwirkung, aber ich meine auch, dass es eine Gefahr des Manierierten gibt, die gerade zu den Chorälen nicht passt.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat von Dr. Pingel

    und bemängelt den Altus von Benno Schachtner "in seiner wummernden Diktion".

    Ich hätte zu gerne gewusst was eine wummernde Diktion ist!?

    Ebenso, warum unverbindlich, ich finde der Evangeliist macht das sehr schön und mit bedacht, nicht aufdringlich (vielleicht meint er das)* sonder wohlüberlegt.

    Der Chor ist sehr gut und die Solistenriege singt mit Ausdruck und eher mit dienenden dem Werk gerechten unaufdringlichen Zugriff.*

    Zitat von Dr. Pingel

    Ich mache hier eine Kurzfassung, danach kann jeder selber nachsehen.

    Für einmal lesen gebe ich kein Geld aus!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Für einmal lesen gebe ich kein Geld aus!


    LG Fiesco

    Diesen Satz habe ich nicht verstanden.

    Ansonsten habe ich doch sehr klar gesagt, dass es eine Vorstellung neuer Aufnahmen der Passionen ist, für die der Kritiker bezahlt wird, dass er sie hört und vorstellt. Nur diese Vorstellung war beabsichtigt, selber habe ich die neuen CDs nicht gehört.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Diesen Satz habe ich nicht verstanden.

    Ansonsten habe ich doch sehr klar gesagt, dass es eine Vorstellung neuer Aufnahmen der Passionen ist, für die der Kritiker bezahlt wird, dass er sie hört und vorstellt. Nur diese Vorstellung war beabsichtigt, selber habe ich die neuen CDs nicht gehört.

    Man kann es nicht lesen ohne zu bezahlen!


    OK, der Rest ist dann erledigt, auch ohne Antwort!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)


  • Mir ist dieser Tage wieder diese Aufnahme untergekommen. Ich hatte sie sehr lange nicht gehört und staune nun, wie erfüllt und gelungen sie ist für mein Dafürhalten. Theo Altmeyer hat als Evangelist wirklich etwas zu berichten - und er hat auch einen eigenen Thread. Unaufgeregt, doch voller Ehrfurcht und eigener Ergriffenheit. Es ist, als höre man die Geschichte zum ersten Mal. Was für eine wunderbar geführte Stimme! So gut hatte ich ihn nicht in Erinnerung. Man sollte eben des öfteren Aufnahmen hervorholen, die man fast schon vergessen hatte. Mitunter ist mir das Tempo zu behäbig. Das hat aber den großen Vorteil, dass man alles versteht. Das ist mir sehr, sehr wichtig, obwohl ich den Text gut memoriert habe.


    In diesem Sinne schöne Ostern!

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ich habe diese Aufnahme auch und schätze sie sehr. Sie war für mich die beste "normale" Aufnahme vor der HIP-Periode. Sehr gut kann ich mich auch an die beiden Sängerinnen erinnern, Teresa Zylis-Gara und Julia Hamari, die regelmäßig in Düsseldorf in der Oper sangen. Besonders das berühmte Duett "So ist mein Jesus nun gefangen" mit dem nachfolgenden Chor "Sind Blitze, sind Donner..." kann man sich heute noch gut anhören. Die Wertschätzung von Theo Altmeyer teile ich ebenfalls. Das behäbige Tempo war damals Standard, denn für die Leichtigkeit, mit der man heute Bach singt, war damals die Schulung und die Zahl der Choristen und die Zahl der Orchestermitglieder zu groß.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)