Die Bachkantate (062): BWV134: Ein Herz, dass seinen Jesum lebend weiß

  • BWV 134: Ein Herz, dass seinen Jesum lebend weiß
    Kantate zum Osterdienstag (Leipzig, 11. April 1724)




    Lesungen:
    Epistel: Apg. 13,26-33 (Paulus predigt in Antiochia)
    Evangelium: Luk. 24,36-47 (Jesus erscheint den Jüngern in Jerusalem)



    Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten


    Textdichter: unbekannt



    Besetzung:
    Soli: Alt, Tenor; Coro: SATB; Oboe I + II, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Recitativo Alt, Tenor, Continuo
    Tenor
    Ein Herz, dass seinen Jesum lebend weiß,
    Empfindet Jesu’ neue Güte
    Und dichtet nur auf seines Heilands Preis.
    Alt
    Wie freuet sich ein gläubiges Gemüte?


    2. Aria Tenor, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Auf! Gläubige, singet die lieblichen Lieder,
    Euch scheinet ein herrlich verneuetes Licht.
    Der lebende Heiland gibt selige Zeiten,
    Auf! Seelen, ihr müsset ein Opfer bereiten,
    Bezahlet dem Höchsten mit Danken die Pflicht.


    3. Recitativo Alt, Tenor, Continuo
    Tenor
    Wohl dir! Gott hat an dich gedacht,
    O Gott geweihtes Eigentum!
    Der Heiland lebt und siegt mit Macht.
    Zu deinem Heil, zu seinem Ruhm
    Muss hier der Satan furchtsam zittern
    Und sich die Hölle selbst erschüttern.
    Es stirbt der Heiland dir zugut
    Und fähret vor dich zu der Höllen,
    Sogar vergießet er sein kostbar Blut,
    Dass du in seinem Blute siegst,
    Denn dieses kann die Feinde fällen,
    Und wenn der Streit dir an die Seele dringt,
    Dass du alsdann nicht überwunden liegst.
    Alt
    Der Liebe Kraft ist vor mich ein Panier
    Zum Heldenmut, zur Stärke in den Streiten:
    Mir Siegeskronen zu bereiten,
    Nahmst du die Dornenkrone dir,
    Mein Herr, mein Gott, mein auferstand’nes Heil,
    So hat kein Feind an mir zum Schaden teil.
    Tenor
    Die Feinde zwar sind nicht zu zählen.
    Alt
    Gott schützt die ihm getreuen Seelen.
    Tenor
    Der letzte Feind ist Grab und Tod.
    Alt
    Gott macht auch den zum Ende uns’rer Not.


    4. Aria Alt, Tenor, Streicher, Continuo
    Wir danken und preisen dein brünstiges Lieben
    Und bringen ein Opfer der Lippen vor dich.
    Der Sieger erwecket die freudigen Lieder,
    Der Heiland erscheinet und tröstet uns wieder
    Und stärket die streitende Kirche durch sich.


    5. Recitativo Alt, Tenor, Continuo
    Tenor
    Doch würke selbst den Dank in unser’m Munde,
    Indem er allzu irdisch ist;
    Ja schaffe, dass zu keiner Stunde
    Dich und dein Werk kein menschlich Herz vergisst;
    Ja, lass in dir das Labsal uns’rer Brust
    Und aller Herzen Trost und Lust,
    Die unter deiner Gnade trauen,
    Vollkommen und unendlich sein.
    Es schließe deine Hand uns ein,
    Dass wir die Würkung kräftig schauen,
    Was uns dein Tod und Sieg erwirbt,
    Und dass man nun nach deinem Auferstehen
    Nicht stirbt, wenn man gleich zeitlich stirbt,
    Und wir dadurch zu deiner Herrlichkeit eingehen.
    Alt
    Was in uns ist, erhebt dich, großer Gott,
    Und preiset deine Huld und Treu’.
    Dein Auferstehen macht sie wieder neu,
    Dein großer Sieg macht uns von Feinden los
    Und bringet uns zum Leben;
    Drum sei dir Preis und Dank gegeben.


    6. Chorus SATB, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Erschallet, ihr Himmel, erfreue dich, Erde,
    Lobsinge dem Höchsten, du glaubende Schar!
    Es schauet und schmecket ein jedes Gemüte
    Des lebenden Heilands unendliche Güte,
    Er tröstet und stellet als Sieger sich dar.






    Wie auch zu Weihnachten gab es zu Bachs Zeit auch an Ostern 3 Feiertage! Daher haben wir für den heutigen 3. Osterfeiertag, den Osterdienstag, selbstverständlich auch ein paar interessante Bach-Kantaten im Gepäck. :]

    Wie die Ostermontags-Kantate BWV 66 ist auch diese Kantate in ihrer weltlichen „Ur-Form“ zu Bachs Köthener Zeit entstanden und zwar als Neujahrskantate zum 01. Januar 1719 („Die Zeit, die Tag und Jahre macht“ BWV 134 a) – eine Huldigung für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen.


    Die nicht näher bezeichneten „Rollen“ von Alt und Tenor, die der hier besprochenen Kantate auftreten, waren in der Neujahrs-Glückwunsch-Kantate noch die allegorischen Figuren „Göttliche Vorsehung“ und „Zeit“, die hier dem Fürsten huldigten.


    Für die Leipziger Aufführung des Jahres 1724 war zunächst nur eine bloße Umtextierung und Anpassung an örtliche Gegebenheiten vorgenommen worden (die Sätze 5 und 6 des Originals fielen dabei weg), für spätere Wiederaufführungen dieser Kantate (z. B. im Jahre 1731) wurden jedoch zusätzlich die Rezitative neu geschrieben und dann auch noch die Arien und der Schlusschor überarbeitet.


    Durch diese „weltliche“ Herkunft dieser Kantate ist zu erklären, warum sie ungewöhnlicherweise keinen Choral enthält und auch „nur“ mit einem „bloßen“ Rezitativ beginnt. Auch der Bezug der Kantatendichtung zu den Lesungen für den heutigen Feiertag fehlt völlig – es geht ganz allgemein um die Auferstehung Christi und ihre Bedeutung für jeden einzelnen Christen.

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)