Moderne Inszenierungen-Totengräber der Oper?

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    das kann ich nicht nachvollziehen. Bei einem TV-Stück wird ja erst ein Plot entworfen und wenn sich dann jemand auf den Schuh getreten fühlt, dann sollte erst mal überprüft werden, ob der Betreffende nicht übersensitiv urteilt. Kann sein, muss aber nicht, negative Propaganda kann sehr subtil zur Meinungsbildung eingesetzt werden. [...] So weit würde ich natürlich nicht bei Deinem Jägerbeispiel gehen :D, aber möglich ist alles.


    Hallo Knuspi,


    ich sehe da nicht so große Unterschiede. Zugegebenermaßen ist das Publikum im TV größer. Aber die Geschichte der "Idomeneo"-Inszenierung von Neuenfels - von der ich auch nur das kenne, was man im TV sehen konnte - zeigt, dass sich das Problem ähnlich im Theater stellt. Natürlich ist Theater auch meinungsbildend, auch wenn nicht mehr in diesem Maße, wie es Mozart und Schiller sehen konnten.


    Man kann aus der "Entführung" auch eine Aufklärungs-Propaganda sehen. Das Stück geht übrigens auf ein Singspiel von Bretzner zurück Und die Kenner der Bretznerischen Vorlage waren durchaus nicht einverstanden mit der Bearbeitung bei Mozart (die die dramaturgische Idee des Renegaten bei Bretzner nicht aufnahm). Schinck schreibt zu der Neufassung von Stephanie: "Uiberhaupt sind diese ewigen Großmuthen ein ekles Ding, und fast auf keiner Büne mehr Mode, als auf der hiesigen. Und man kann beinahe sicher darauf rechnen, daß so ein Stük, in dem brav gegrosmutet, versönt und vergeben wird, schreiendes Glük macht, wenn es auch auf die unnatürlichste Art zu diesen Dingen kömmt." Im weiteren argumentiert Schinck noch, dass diese Großmut zu unnatürlich sei, um sie nachzuahmen (Schinck, 1782). Bretzner selbst protestierte auch vergeblich gegen die Verstümmelung seines Stückes: bei Bretzner vergibt der Bassa, weil er in Belmonte seinen Sohn erkennt.


    Da der Edle im Stück ein abgefallener Spanier ist, die einzige agierende türkische Person aber jemand, der sich als sehr unsympathisch herausstellt, ist die Entführung nicht gerade das Stück zur Völkerverständigung mit der Türkei :)


    Zitat

    Hmm, und beim theater: Ja, da sehe ich es genauso. [...]


    Grundsätzlich ist es für mich etwas anderes, ein Stück zu interpretieren, als es so zu vergewaltigen.


    Dem wird man im Grundsätzlichen zustimmen können, aber diskutiert werden muss das immer noch im Einzelfall. Und jeder wird da sicher die Grenzen anders setzen. Es ist doch auch ganz gut, dass es unterschiedliche Geschmäcker gibt.


    Es grüßt Peter

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Das weißt du aber selber sicher besser, Giselher! Wagner hat sich gerade bei den Vorstudien zu den Meistersingern sehr intensiv mit dem Stoff und seinen historischen Wurzeln befasst und dies auch in seiner Dichtung untergebracht. Denke nur einmal an Davids Erzählung über die Anforderungen bei der Meisterprüfung. Auch die gesellschaftlichen Bindungen und Barrieren in diesem Stück reflektieren die damaligen Verhältnisse und würden heute auf völliges Unverständnis stoßen. Versetze ich also die Handlung in eine andere Zeit, wo es keine Meistersinger gibt, habe ich automatisch absurdes Theater. Die Substanz des Stückes wird völlig ruiniert, und keine noch so interessanten neuen Aspekte können daran etwas retten.


    Hallo Theophilus,


    ich bezog mich ja bei meinen Bemerkungen primär auf die mittelalterlichen Sagen und Heldenepen, die Wagner verwendete ("Tannhäuser", "Lohengrin", "Parsifal", "Tristan" etc.), die "Meistersinger" spielen ja schon am Beginn der Neuzeit nach der Reformation. Sicherlich sind die "Meistersinger" geschichtlich stärker historisch verortbar als etwa der "Tristan" oder der "Parsifal". Dennoch glaube, dass auch die "Meistersinger" historisch transportiert werden können, etwa ins späte 19. Jhd. Den Stolzing etwa könnte ich mir als reichlich arroganten, aber verarmten Gardeleutnant (Spielschulden!) vorstellen, der die ohnehin mißtrauischen, etwas spießigen Mitglieder einer Nürnberger Liedertafel mit seinem Verhalten vor den Kopf stößt. Pogner ist ein reicher, liberaler Patrizier, Sachs könnte vom Habitus her ein verkappter Sozialdemokrat werden, Beckmesser als städtischer Beamter ein pedantischer Nationalkonservativer usw. Nur ein paar Gedanken, gewiss, aber das könnte funktionieren (den Nachtwächter kann ich mir auch schön mit Pickelhaube und Schnurrbart vorstellen... :D ).


    Am Beispiel der Gestalt des Siegfried zeigt Wagner in "Eine Mitteilung an seine Freunde" (1851) seine Methode, den Kern des Mythos, um den es ihm eigentlich geht, aus dem historischen Kleid herauszuschälen (ich habe den Text schon anderswo im Forum gepostet, aber so ist es einfacher):


    "Nochmals, und zum letzen Male, stellten sich mir Mythos und Geschichte gegenüber, und drängten mich diesmal sogar zu der Entscheidung, ob ich ein musikalisches Drama, oder ein rezitiertes Schauspiel zu schreiben hätte...


    In dem Streben, den Wünschen meines Herzens künstlerische Gestalt zu geben, und im Eifer, zu erforschen, was mich denn so unwiderstehlich zu dem urheimatlichen Sagenquelle hinzog, gelangte ich Schritt für Schritt in das tiefere Altertum hinein, wo ich denn endlich zu meinem Entzücken, und zwar eben dort im h ö c h s t e n Altertume, den jugendlich schönen M e n s c h e n in der üppigsten Frische seiner Kraft antreffen sollte. Meine Studien trugen mich so durch die Dichtungen des Mittelalters hindurch bis auf den Grund des alten urdeutschen Mythos; ein Gewand nach dem anderen, das ihm die spätere Dichtung entstellend umgeworfen hatte, vermochte ich von ihm abzulösen, um ihn so endlich in seiner keuschesten Schönheit zu erblicken. Was ich hier ersah, war nicht mehr die historisch konventionelle Figur, an der uns das Gewand mehr als die wirkliche Gestalt interessieren muß, sondern der wirkliche, nackte Mensch, an dem ich jede Wallung des Blutes, jedes Zucken der kräftigen Muskeln, in uneingeengter, freiester Bewegung erkennen durfte: der w a h r e M e n s c h überhaupt. (...)


    Hatte mich nun schon längst die herrliche Gestalt des S i e g f r i e d angezogen, so entzückte sie mich doch vollends erst, als es mir gelungen war, sie, von aller späteren Umkleidung befreit, in ihrer reinsten menschlichen Erscheinung vor mir zu sehen. Erst jetzt auch erkannte ich die Möglichkeit, ihn zum Helden eines Dramas zu machen, was mir nie eingefallen war, solange ich ihn nur aus dem mittelalterlichen Nibelungenliede kannte... Um meinen Helden, und die Verhältnisse, die er mit ungeheurer Kraft zu bewältigen strebt, um endlich selbst von ihnen bewältigt zu werden, zu einem deutlichen Verständnisse zu bringen, mußte ich mich, gerade dem geschichtlichen Stoffe gegenüber, zum Verfahren des Mythos hingedrängt fühlen: die ungeheure Masse geschichtlicher Vorfälle und Beziehungen, aus der doch kein Glied ausgelassen werden durfte, wenn ihr Zusammenhang verständlich zu überblicken sein sollte, eignete sich weder für die Form, noch für das Wesen des Dramas. Hätte ich dieser notwendigen Forderung der Geschichte entsprechen wollen, so wäre mein Drama ein unübersehbares Konglomerat von dargestellten Vorfällen geworden, die das einzige, was ich eigentlich darstellen wollte, in Wahrheit gar nicht zum Vorschein hätte kommen lassen."


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Theophilus,

    Zitat

    Edwin postulierte sogar, dass er in einer Opernvorstellung denken wolle.


    Kann ich davon ausgehen, daß Du also in die Oper gehst, um nicht denken zu müssen? :hahahaha:


    Zitat

    und dann einige auch mir bekannte Inszenierungen wegen ihrer "neuen Einsichten" lobt und mit keinem Wort die haarsträubenden Ungereimtheiten darin kommentiert....


    Zum Beispiel...?


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Opern die in vergangenen Jahrhunderten spielen, wurden mit gutem Grund dort angesiedelt, meistens um das Thema interessant zu machen und "exotisches " Flair" auf die Bühne zu bringen.


    Dem stimme ich vollkommen zu, da es treffend ausdrückt, warum eine starre Bindung an die Handlungszeit und die damit verbundene Visualisierung auf der Bühne nicht notwendig ist. Es zeigt dagegen gerade, warum es durchaus sinnvoll ist, die Stücke heute entsprechend anders zu inszenieren, weil halt nicht mehr unbedingt das als interessant und exotisch empfunden wird, was man vor 200 Jahren auf die Bühne stellte. Das man trotzdem noch an den Werken interessiert ist, liegt daran, das der eigentliche künstlerische Wert eines Theaterstücks in einer anderen Dimension liegt.


    Glaubt wirklich jemand, Goethes "Faust" ist bis heute begehrt wegen der Handlungszeit und den Regieanweisungen ? Shakespeares "King Lear" ein Dauerbrenner wegen der ungemein spannenden Einblicke in eine historische Königsfamilie ? Und, dass uns diverse griechische Tragödien bis heute fesseln, dürfte auch nicht an der damaligen Kleiderordnung liegen.


    Vielmehr ist es doch den Künstlern gelungen, zeitlose, das menschliche Wesen in seinem Kern erfassende Dramen auf die Bühne zu stellen, die für uns noch heute interessant sind. Das sie dafür eine bestimmtes Umfeld wählten, dass Ihnen oder dem damaligen Publikum besonders nahe stand, ist nur zu verständlich.


    Zitat

    Theophilus schrieb
    Wagner hat sich gerade bei den Vorstudien zu den Meistersingern sehr intensiv mit dem Stoff und seinen historischen Wurzeln befasst und dies auch in seiner Dichtung untergebracht. Denke nur einmal an Davids Erzählung über die Anforderungen bei der Meisterprüfung.


    Das ein Künstler sich mit den Details der Handlungszeit seines Dramas akribisch auseinandersetzt und diese auch sinnvoll einarbeitet, ist ja bei einem Kaliber Wagners zu erwarten. Nur stellt sich die Frage, warum die Meistersinger inhaltlich auch heute noch interessieren ? Wegen einer kongenialen Schilderung des Meistersingerwesens und einer mittelalterlichen Gesellschaftsordnung ? Oder ist es nicht doch die schonungslose Aufdeckung menschlichen Verhaltens mittels eines Humors, dem nicht recht zu trauen ist ?


    Das Wesen einer Bühnenhandlung bleibt der Mensch, deshalb steht im Theater auch primär der Schauspieler und sein darstellerisches Vermögen im Vordergrund und keine museale Tempelkulisse oder chloroformierte Gänse, die über die Bühne watscheln. Warum das bei einer Oper anders sein soll, erschließt sich mir nicht wirklich.


    Zitat

    Bernd Schulz schrieb


    Und das ist grundsätzlich nicht der Fall, sobald eine Oper, die eigentlich kurz vor Christi Geburt in Judäa spielt, plötzlich in ein Hamburger Bordell des Jahres 2000ippich verlegt wird. Der Komponist hat doch nicht nur ganz bewusst einen bestimmten Text vertont, sondern während seiner Arbeit auch gewisse Szenen, Landschaften, Städte, Bilder vor Augen gehabt, und das alles hat Einfluß auf den Charakter seiner Musik gehabt - ohne den speziellen lokalen und zeitlichen Rahmen wäre die Komposition grundlegend anders ausgefallen!


    Wie ich schon mehrmals schrieb, habe ich da auch gewisse Grenzen, z.B. beim Holländer und dem fehlenden Meer. Dennoch ist auch die Opernmusik primär eine Musik, die den Menschen schildert, sein Verhalten und sein Empfinden kommentiert - was nur logisch ist, wenn es im Stück zentral um den Menschen geht, und nicht um grüne Wiesen und tobendes Wasser. Wenn dann also der Feuerzauber kein Feuer zur Seite hat und der Holländer kein Meer, ist das durchaus ein Verlust. Dennoch kann dieser tragbar sein, wenn die menschlichen Konflikte optimal visualisiert wurden. Und weiterhin ist es ja auch nicht so, dass jedem modernen Regisseur bei Wasser nur noch ein Klo einfällt. :D


    Insofern muss ich zwangsläufig zu der Einschätzung kommen: Gutes Regietheater, dass den zentralen menschlichen Konflikt und somit den zentralen Punkt des Werkes visualisiert, kann nicht werkuntreu sein. Es ist vielmehr ein Dienst am Werk, da es dieses am Leben erhält.


    Gruß
    Sascha

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Die Kostüme, die ich von den historischen Bildern kenne, zeigen keinen Mozart-Barock, sondern siedeln die G'schicht zur Blütezeit der span. Seefahrt an. Irgendwie gibt's doch da noch eine Schauspielvorlage - muss ich aber noch mal recherchieren. Belmonte ist span. Adliger und auch im Selbstverständnis Konstanzes spielt so viel an alten Werten mit rein, das mir die Figur im Hosenanzug irgendwie nicht treffend rüberkommt. Und Osmin: Also, den kannst Du wirklich im Orient-Look sehr treffend rüberbringen. Allein der Unterschied zwischen dunkler, züchtigem spanischen Look im Gegensatz zur Körperlichkeit eines Osmin. Der Typ stellt für mich die absolute Bedrohung dar. fanatismus, Grobschlächtigkeit, Brutalität - und trotzdem muss man manchmal sogar über ihn lachen, weil er sich so absurd verhält. Deswegen ist er aber kein Clown.


    Hallo Knuspi,


    ich kenne die Kostüme von 1782. Man findet sie in dem rororo Opernbuch (hin und wieder taucht mal eines bei ebay auf, da konnte ich mir die Reihe auf jeden Fall ergänzen). Da trägt Belmonte als einziger ein spanisches Kostüm. Blonde und Konstanze sind als Haremsdamen eingekleidet, Osmin trägt Rock. Das kann man natürlich auch heute so machen, aber eine Offenbarung ist das auch nicht gerade :)


    Die Schauspielvorlage habe ich schon genannt: Christian Friedrich Bretzner (auf dem Theaterzettel als Brezner): Belmonte und Constanze (1781). Die Musik dazu schrieb Johann André.


    LG Peter

  • Zitat

    Original von Bernd Schulz
    Ich glaube ja auch, daß man irgendwann über das Regietheater so denken wird, wie wir es heute über die Barockisierung gotischer Kirchen (den alten, unzeitgemäßen, verstaubten Plunder :D wollte man damals auch nicht einfach stehenlassen) tun. Aber ob ich das noch erleben werde?


    Warten wir es ab, wohin sich das Musiktheater entwickelt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich übrigens nicht erkennen, dass es flächendeckend extrem avantgardistisch wäre. Die Behauptung, es gäbe nur noch ganz grausliche, inszenatorische Untaten ist für mich nicht nachvollziehbar.


    Überzeugt bin ich allerdings, dass das Theater keinen Rückschritt in die Richtung machen wird, die hier hin-und-wieder als wünschenswert benannt wird. Wenn ich an meinen ersten "Ring" oder meinen ersten "Holländer" denke, so sah das damals in etwa so aus, wie man diese Stücke auch in Bayreuth sehen konnte. Das war der damalige Zeitgeschmack, das war modern und das wollte man auch ausserhalb der Metropolen oder der Festspiele haben.


    Die Zeiten haben sich geändert - und das Theater mit ihnen. Erfreulicherweise sind nicht wenige Zuschauer bereit, den Weg "ihres" Theaters aufmerksam, kritisch, begeistert, engagiert, bewegt und berührt mitzugehen, selbst dann, wenn nicht alles gefällt oder sogar manches die eigenen Grenzen überschreitet.

  • Hallo Antracis,

    Zitat

    Wie ich schon mehrmals schrieb, habe ich da auch gewisse Grenzen, z.B. beim Holländer und dem fehlenden Meer.


    Das ist genau der Punkt, der auch mir wichtig ist. Allerdings überlasse ich es dem Regisseur, in welcher Weise er das Meer auf die Bühne bringt. Soll heißen: Ich schreibe dem Bühnenbildner nicht vor, daß etwa das erste Bild in einer klar erkennbaren Bucht und das dritte eindeutig in einem Hafen des 19. Jahrhunderts zu spielen hat.


    Eine für mich höcchst originelle Lösung fand etwa Joachim Schlömer im Stuttgarter "Rheingold": Das ganze Stück spielt in einem Nobelsanatorium, in der Mitte ein plätscherndes Wässerchen in einem Brunnen, wo man sich belebende Tränke holt.
    Ich finde diese Lösung optisch eindrucksvoll und durchaus originell - zumal es nicht bei der ironischen Distanz bleibt. Obwohl es sich eindeutig um Regietheater handelt, hört Schlömer extrem genau auf die Musik. Und er setzt auch die einzelnen Elemente des Librettos um. Ergebnis: Eine fabelhafte Personenregie - und ein derart spannendes Musiktheatererlebnis, wie ich es in konservativen Inszenierungen niemals finden könnte.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Alviano
    Warten wir es ab, wohin sich das Musiktheater entwickelt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich übrigens nicht erkennen, dass es flächendeckend extrem avantgardistisch wäre. Die Behauptung, es gäbe nur noch ganz grausliche, inszenatorische Untaten ist für mich nicht nachvollziehbar.


    Überzeugt bin ich allerdings, dass das Theater keinen Rückschritt in die Richtung machen wird, die hier hin-und-wieder als wünschenswert benannt wird.


    Die Zeiten haben sich geändert - und das Theater mit ihnen. Erfreulicherweise sind nicht wenige Zuschauer bereit, den Weg "ihres" Theaters aufmerksam, kritisch, begeistert, engagiert, bewegt und berührt mitzugehen, selbst dann, wenn nicht alles gefällt doer sogar manches die eigenen Grenzen überschreitet.


    D'ACCORD!! Daß die gesamte Kultur den Bach runter gehe, wird in bestimmten Kreisen schon seit der Antike ventiliert und Herr Spengler hat das Anfang der 1920er Jahre ja in einem schönen, dicken und vielgelesenen Buch festgeschrieben (und er lag für eine bestimmte, wenngleich zum Glück kurze Zeit ja sogar richtig - allerdings in einem ganz anderem Sinne als er es meinte). Dennoch gibt es die sogenannte »Hochkultur« immer noch - und zwar, obgleich man nicht wieder dazu übergegangen ist, so Theater zu machen wie Sophokles seine Stücke noch selbst gesehen hat; und mittelaterliche Mysterienspiele sind auch nicht wieder richtig populär geworden. Mal sehen wo's so hingeht - aber Kulturpessimismus führt zu nichts, warnt vor nichts und trifft auch selten den Kern der Sache.


    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von Alviano


    Nur eine kleine Anmerkung: wie stand denn Verdi so zur Kirche?


    Distanziert und kritisch. Er war kein Atheist, sondern eher Agnostiker - und ein erklärter Antiklerikaler.


    Es grüßt Peter

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Eine für mich höcchst originelle Lösung fand etwa Joachim Schlömer im Stuttgarter "Rheingold": Das ganze Stück spielt in einem Nobelsanatorium, in der Mitte ein plätscherndes Wässerchen in einem Brunnen, wo man sich belebende Tränke holt.
    Ich finde diese Lösung optisch eindrucksvoll und durchaus originell - zumal es nicht bei der ironischen Distanz bleibt. Obwohl es sich eindeutig um Regietheater handelt, hört Schlömer extrem genau auf die Musik. Und er setzt auch die einzelnen Elemente des Librettos um. Ergebnis: Eine fabelhafte Personenregie - und ein derart spannendes Musiktheatererlebnis, wie ich es in konservativen Inszenierungen niemals finden könnte.


    :hello:


    Hallo Edwin,


    danke für den Hinweis!! Ich hab ja bis jetzt gar nicht gewagt zu bekennen, daß ich den Stuttgarter Ring - insbesondere das »Rheingold« und die »Walküre« - für höchst gelungen(es Regietheater) halte - geradezu für exeptionell! Die Idee das Rheingold in ein Sanatorium (den Zauberberg?? Davos??) zu verlegen, ist brilliant - und das Schlußbild, in dem die Figuren versuchen, dieses Sanatorium zu verlassen, doch alle Fluchtwege sie wieder zurückführen, trifft Wagners Grundgedanken einer unentrinnbaren Schicksalhaftigkeit von Begehren, Habgier und Machtsucht auf den Punkt.
    Der erste Walküren-Akt ist so ungeheuerlich intensiv (trotz entrümpelter Bühne und Kammerspielatmosphäre), wie ich ihn selten erlebte (Gegenbeispiel ist die Mielitz Inzenierung in Dortmund - auch Regietheater, aber eben schlechtes). Und der Walkürenritt in Stuttgart...


    Naja, wollts nur gesagt haben: Das könnte ein »Ring« für die Gegenwart sein. Nicht abgeschmackt, mit einem klaren, einsichtigen Regiekonzept, starken und zugleich verführbaren und zerbrechlichen Figuren - mit zugleich zeitlosen und hochmodernen Charakteren. So soll es sein!! Hut ab!!


    :hello:


    Klawirr

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  • Zitat

    Original von Alviano


    Nur eine kleine Anmerkung: wie stand denn Verdi so zur Kirche?


    Hallo Alviano, leider bin ich jetzt keine Expertin zum Thema Verdi-Biografie, aber nach allem was ich zu wissen glaube, stand er er Kirche kritisch gegenüber. Ob die bewusste "Trovatore"-Szene nun passend oder völlig absurd ist, kann ich aber trotzdem nicht beurteilen, weil ich eben die Inszenierung nicht kenne. Da es sich um Luna handelt, der offensichtlich blasphemische Handlungen setzt, kann ich es mir unter Umständen - aber die konkreten Umstände kenne ich eben nicht - ganz gut vorstellen.
    lg Severina :hello:

  • Hallo Theophilus,
    noch ein paar Worte zu Deiner Behauptung

    Zitat

    weil der Regisseur ein paar "geniale" neue Einfälle hatte (und sich auch noch etwas darauf zu gute hält, in einem Stück neue Aspekte zu entdecken, die seine inkompetenten Vorgänger 150 Jahre lang völlig übersehen haben!)?


    Unter seinen Vorgängern waren sicherlich viele inkompetent, aber keineswegs alle. Sowohl für die fähigen wie für die unfähigen gilt aber eines: Sie haben aus der Ästhetik ihrer Zeit heraus inszeniert.
    Daher ist es völlig legitim, wenn heutige Regisseure aus der Ästhetik unserer Zeit inszenieren.
    Wenn Du Dir außerdem anschaust, was Edwar Gordon Craig und Adolphe Appia für die Wagner-Szene entwickelten, dann kann man das nicht einfach negieren und sagen: Alles Idioten, der kluge Regisseur macht Blödel- oder Herumstehtheater in opulenten Kostümen und Kulissen.
    Ein Appia-Entwurf für das "Rheingold" (2. Szene) sieht etwa so aus - übrigens um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert:


    Und nach 1945, also knapp ein halbes Jahrhundert später (!), wird dann die "entrümpelte Bühne" zum Skandalon, an dem sich manche bis heute noch reiben?
    Konservativismus in Ehren, aber Theater ist wirklich kein Museum.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Eine für mich höchst originelle Lösung fand etwa Joachim Schlömer im Stuttgarter "Rheingold": Das ganze Stück spielt in einem Nobelsanatorium, in der Mitte ein plätscherndes Wässerchen in einem Brunnen, wo man sich belebende Tränke holt.
    Ich finde diese Lösung optisch eindrucksvoll und durchaus originell - zumal es nicht bei der ironischen Distanz bleibt. Obwohl es sich eindeutig um Regietheater handelt, hört Schlömer extrem genau auf die Musik. Und er setzt auch die einzelnen Elemente des Librettos um. Ergebnis: Eine fabelhafte Personenregie - und ein derart spannendes Musiktheatererlebnis, wie ich es in konservativen Inszenierungen niemals finden könnte.


    Das ging mir ganz ähnlich - selten habe ich das "Rheingold" als so aufregend und kurzweilig empfunden, wie in Stuttgart. Ich fand das richtig schade, dass nach diesem Auftakt die anderen Abende der Tetralogie von ganz anderen Regisseuren gemacht wurden. Der grosse Vorteil ist natürlich, dass sich auch Schlömer keinerlei Gedanken darüber machen muss, wie er seine Ideen dann im Laufe des "Rings" fortführen wird.


    Aber, lieber Edwin, "Obwohl" es sich um "Regietheater" handelt, hört der Regisseur auf die Musik...? Nanana... 8)


    (ich habe gerade einen Blick auf dieses "Voting" geworfen - der Zwischenstand hat mich mehr als überrascht)

  • Zitat

    Original von pbrixius


    Distanziert und kritisch. Er war kein Atheist, sondern eher Agnostiker - und ein erklärter Antiklerikaler.


    Es grüßt Peter


    Eben. Verdi war antiklerikal eingestellt und er war (das hatte ich nicht gefragt, füge ich aber gerne an) ein Kriegsgegner. Wie wird man denn vor diesem Hintergrund Werke wie den "Trovatore" oder die "Forza" verstehen dürfen? Wenn ein Regisseur also solche Momente aufgreift, wird man nicht automatisch sagen können, das würde den Intentionen des Komponisten zuwider laufen.

  • Zitat

    Original von Klawirr


    Der erste Walküren-Akt ist so ungeheuerlich intensiv (trotz entrümpelter Bühne und Kammerspielatmosphäre), wie ich ihn selten erlebte (gegenbeispiel ist die Mielitz Inzenierung in Dortmund - auch Regietheater, aber eben schlechtes). Und der Walkürenritt in Stuttgart...


    Hi Klawirr,


    ich kenne leider aus dem Stuttgarter Ring bisher nur die Walküre, da hatte ich aber im "Ring-Thread" kürzlich auch eine Kritik gepostet. Den ersten Akt finde ich in seiner Intensität und Pägnanz ebenfalls grandios gemacht, lebt natürlich auch von den darstellenden Sängern. Jetzt werde ich glaube mal diese Woche das Rheingold kaufen müssen. ;)


    Gruß
    Sascha

  • Zitat

    Original von Knusperhexe


    Im "Troubadour" jedenfalls ist die Kirche eindeutig positiv besetzt, als Bollwerk gegen böse Mächte . Übrigens, genau wie in "Die Macht des Schicksals".


    :hello:


    Hallo Knuspi,


    woher nimmst du das? Nur weil Leonore sich in den Mauern des Klosters (ein anderer Kerker) sicher glaubt? Die Kirche begegnet einem im Troubadour ja auch als Trägerin des Aberglaubens und sie widersetzt sich ja auch nicht gerade einem tyrannischen Regime.


    LG Peter

  • [Ein Appia-Entwurf für das "Rheingold" (2. Szene) sieht etwa so aus - übrigens um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert:


    Und nach 1945, also knapp ein halbes Jahrhundert später (!), wird dann die "entrümpelte Bühne" zum Skandalon, an dem sich manche bis heute noch reiben?
    Konservativismus in Ehren, aber Theater ist wirklich kein Museum.


    :hello:[/quote]


    Hallo Edwin, dieses Bühnenbild finde ich ungemein suggestiv und vor allem ästhetisch!
    Aber im Ernst: Bist du wirklich der Meinung, dass unser Playmobil-"Lohengrin" das ästhetische Empfinden unserer Gesellschaft widerspiegelt?? Wenn dem so ist, bin ich beinahe geneigt, in die Der-Untergang-des-Abendland-Rufe einzustimmen....
    lg Severina :hello:


  • Stimmt!! Aber gutes Theater lebt ja stest von der Qualität aller Beteiligten, der Vorlage, der Darsteller, des regisseurs, Bühnenbildenr usw. Und Oper IST JA EBEN AUCH THEATER!!!
    Das »Rheingold« lohnt, »Siegfried« auch, die »Götterdämmerung« fällt dagegen ab...


    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von severina
    Wenn dem so ist, bin ich beinahe geneigt, in die Der-Untergang-des-Abendland-Rufe einzustimmen....
    lg Severina :hello:


    Oh bitte nicht!!! Ich finde Spengler ist keine gute Referenz...


    Gruß,
    Klawirr

  • Ich durfte in Stuttgart mal die Konwitschny-Götterdämmerung sehen, die ich gelungener fand als das Rheingold von Schlömer, das ich allerdings nur aus dem Fernsehen kenne. Vielleicht bin ich auch nachträglich belastet, weil ich vor zwei Jahren am Karfreitag Schlömers Tristan in Hannover gesehen habe. Das war für mich ein Beispiel nicht gelungenen Regietheaters. Ich sage nur: der Steinroller.


    Trotzdem ziehe ich Regietheater vor.


    Christian

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  • Zitat

    Original von Klawirr
    Das »Rheingold« lohnt, »Siegfried« auch, die »Götterdämmerung« fällt dagegen ab...


    Also, fasznierend finde ich an der Konwitschny "Götterdämmerung" in Stuttgart diese Reduktion des gewaltigen Werkes auf eine Art "Bauerntheatergrösse" - und geradezu anachronistisch, wie er jede streng-politische Deutung des Werkes vermeidet. Was mir nicht gefallen hat: der Schluss. Da finde ich, dass sich der Regisseur um eine befriedigende Lösung herummogelt.

  • Hm, so wie Du's beschreibst - vielleicht muß ich die Stuttgarter »Götterdämmerung« noch mal anschauen. Werd ich mal tun (allerdings nur DVD). Mein Urteil kann auch daraus resultieren, daß ich die GD ohnehin am wenigsten aus der Tetralogie mag...
    Aber das nur beiseite, ist ein anderes Thema...


    Herzlichst,
    Medard

  • Zitat

    Original von Alviano
    Was mir nicht gefallen hat: der Schluss. Da finde ich, dass sich der Regisseur um eine befriedigende Lösung herummogelt.


    Exakt. Die Oper mit den Regianweisungen Wagners als Abspann enden zu lassen raubt ihr die Schlusswirkung und war wie eine Kapitulation.


    Christian

  • Hallo Sascha,


    Zitat

    Glaubt wirklich jemand, Goethes "Faust" ist bis heute begehrt wegen der Handlungszeit und den Regieanweisungen ?


    Nein, der Faust ist nicht gerade deswegen "begehrt". Aber die Handlungszeit gehört trotzdem zum Stück, und auch beim Faust sehe ich keinen tieferen Sinn darin, die zeitliche Ebene, auf der die Tragödie spielt, zu manipulieren.


    Zitat

    Vielmehr ist es doch den Künstlern gelungen, zeitlose, das menschliche Wesen in seinem Kern erfassende Dramen auf die Bühne zu stellen, die für uns noch heute interessant sind.


    Genau meine Argumentation einige Seiten vorher. Wenn es sich um "zeitlose, das menschliche Wesen erfassende Dramen" handelt, braucht man aber keine künstliche Aktualisierung von Einzelaspekten, damit das Stück auch heute noch interessant ist, oder?


    Zitat

    Das sie dafür eine bestimmtes Umfeld wählten, dass Ihnen oder dem damaligen Publikum besonders nahe stand, ist nur zu verständlich.


    Und warum muß ich dieses nur zu verständliche Umfeld heute mit verkrampfter Gewalt ändern?


    Zitat

    Das Wesen einer Bühnenhandlung bleibt der Mensch, deshalb steht im Theater auch primär der Schauspieler und sein darstellerisches Vermögen im Vordergrund


    Das hingegen würde ich etwas relativieren wollen. In vielen Opern spielt die Natur schon eine sehr große Rollen. Den Holländer nennst du ja selber, der Freischütz, Rusalka oder Hänsel + Gretel wären weitere Beispiele.
    In anderen musikalischen Bühnenwerken ist die historische Atmosphäre ausgesprochen wichtig. Ich denke da zum Beispiel (Edwin wird jetzt aufjaulen) an den Boris oder an den Palestrina. Wenn man solche Opern aus den Moskau bzw. Italien des 16.Jahrhunderts ins heutige Buenos Aires verlegt, macht die Musik über weite Strecken plötzlich nicht mehr viel Sinn :D. Insofern kann gerade bei einer Oper die zeitliche und räumliche Ungebung ein ausgesprochen springender Punkt sein.

    Zitat

    Dennoch ist auch die Opernmusik primär eine Musik, die den Menschen schildert, sein Verhalten und sein Empfinden kommentiert - was nur logisch ist, wenn es im Stück zentral um den Menschen geht, und nicht um grüne Wiesen und tobendes Wasser



    Oft geht es aber um Menschen, die in bestimmten historischen und räumlichen Bedingungen stehen. Und der Komponist orientiert sich in der Wahl seiner musikalischen Mittel in aller Regel sehr stark an diesen Bedingungen und nicht nur am "rein Menschlichen". Puccini arbeitet in seiner Turandot oder Butterfly mit deutlich "östlicheren" Farben als in seiner Tosca, und Straussens Tonsprache in der Elektra klingt aus gutem Grund völlig anders als im Rosenkavalier. Daraus folgt, daß eine Inszenierung, die das Stück aus seinem zeitlichen und räumlichen Kontext reißt, immer eine Inszenierung GEGEN die Musik ist.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Bernd Schulz
    (...) und Straussens Tonsprache in der Elektra klingt aus gutem Grund völlig anders als im Rosenkavalier. Daraus folgt, daß eine Inszenierung, die das Stück aus seinem zeitlichen und räumlichen Kontext reißt, immer eine Inszenierung GEGEN die Musik ist.


    Ja, die Musik zu "Elektra" klingt in der Tat anders, als die zum "Rosenkavalier". Das dürfte allerdings daran liegen, dass Richard Strauss sich einen grösseren Erfolg beim Publikum mit Werken wie dem "Rosenkavlier", als von Stücken wie "Elektra" versprach. Etwas der "Elektra" vergleichbares hat er nie wieder komponiert.


    Die Schlussfolgerung kann ich so nicht teilen: die Musik "erzählt" unendlich viel mehr, als ein oberflächliches Kolorit vielleicht glauben macht. Daraus gleich zu schliessen, dass jede Inszenierung, die eine Gewichtung jenseits der Oberfläche vornimmt, gegen die Musik sei, ist mir zu undifferenziert.

  • Zitat

    die Musik "erzählt" unendlich viel mehr, als ein oberflächliches Kolorit vielleicht glauben macht.


    Ja, das ist jetzt mal ein Argument, über das ich ordentlich nachdenken muß. Es stimmt, gute Opernmusik geht weit über das rein Koloristische hinaus.
    Aber die Farben spielen eben auch eine Rolle, die man nicht einfach vernachlässigen kann. Nicht unbedingt im Hinblick auf Edwins "Denken", aber dafür umso mehr, wenn es um die (mir immer sehr wichtige) emotionale Ebene geht. Eine Oper ist nach meinen Begriffen keine rational zu lösende Gleichung....


    Zitat

    Daraus gleich zu schliessen, dass jede Inszenierung, die eine Gewichtung jenseits der Oberfläche vornimmt, gegen die Musik sei, ist mir zu undifferenziert.


    Hältst du die Grundstimmung eines Bühnenwerks für etwas, was die "Oberfläche" repräsentiert? Ich nicht - für mich sind einzelne, durch das Regietheater gerne übermäßig aufgebauschte Handlungsdetails wie z.b. die Folterdrohung in der Entführung etwas viel Oberflächlicheres.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Bernd Schulz
    Hältst du die Grundstimmung eines Bühnenwerks für etwas, was die "Oberfläche" repräsentiert? Ich nicht - für mich sind einzelne, durch das Regietheater gerne übermäßig aufgebauschte Handlungsdetails wie z.b. die Folterdrohung in der Entführung etwas viel Oberflächlicheres.


    Im Falle der angesprochenen "Turandot" oder "Butterfly", ja. Nur mal so ins unreine: an der Turandot würde mich interessieren, was das für eine Frau ist, wie ihr Verhältnis zu Männern ist, zu Gewalt, zu Gewaltphantasien. Die "Butterfly" funktioniert auch im Japan des 2. Weltkrieges (Giancarlo del Monaco), in einem eher unbestimmten Vietnam (Christof Nel) oder im südostasiatischen Sex-Paradies (Calixto Bieito).


    Aber auch Wagner funktioniert immer noch gut, wenn er in einen asiatischen Rahmen gestellt und als eine Art Kabuki-Theater gezeigt wird (Nicholas Joel mit dem "Ring" in Wiesbaden, die Aufführung krankte nicht an den Bildern und Kostümen - Pet Halmen -, sondern an einer mangelhaften Personenführung).


    Solche Beispiele belegen für mich schon, dass das, was wir jetzt hier so als "Oberfläche" bezeichnet haben, nur einen Teil des Werkes ausmachen und eben nicht gleich - und schon gar nicht automatisch - "gegen die Musik" arbeiten.

  • Zitat

    Heute komponierte Opern sind davon natürlich ausgeschlossen -
    man sollte sie jedoch nicht in den edlen Opernhäusern die in den letztn 250 Jahren errichtet wurden aufführen - sondern in den von den Anhängern der Moderne so geliebten Beton-Glasklötze - dort gehören sie hin.


    Das finde ich auch! Allerdings meine ich es nicht dermaßen giftig, wie der Katzen... äh Alf[red], sondern ganz unbeeindruckt logisch.


    Das Ambiente muß so oder so passen...


    :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Hallo Alviano,

    Zitat

    Aber, lieber Edwin, "Obwohl" es sich um "Regietheater" handelt, hört der Regisseur auf die Musik...? Nanana...


    :O Ich korrigiere mich: Weil... :D


    ----------


    Hallo Severina,

    Zitat

    Aber im Ernst: Bist du wirklich der Meinung, dass unser Playmobil-"Lohengrin" das ästhetische Empfinden unserer Gesellschaft widerspiegelt?


    Nein, der Wiener "Lohengrin" ist ein Paradebeispiel schlechten Regietheaters. Schlecht, weil der Regisseur seine Assoziationen ohne wie auch immer geartete Begründung auf die Bühne stellt, wodurch sie willkürlich erscheinen; schlecht auch, weil seine Personenführung weit hinter dem heute zu erwartenden Niveau zurückbleibt.
    Kein Befürworter des Regietheaters verfällt in den Fehler, automatisch alles zu begrüßen, was sich da abspielt.
    Ich sagte schon, was für mich einige Tiefpunkte sind: etwa der besagte "Lohengrin", die "Villi" von Karoline Gruber (ebenfalls Wiener Staatsoper), der Wiener "Moses und Aron" (weil er für mich einen gravierenden gedanklichen Fehler enthält, der mir die Kehle zuschnürt: Die Juden kommen aus dem nationalsozialistischen Staat heraus - und machen eine tolle Orgie; damit komme ich angesichts der Verbrechen der Nationalsozialisten am jüdischen Volk nicht klar).


    Ich bleibe also dabei: Es gibt im Regietheater auch etwas Mist - wie es ja auch beim konservativen Inszenierungsstil hin und wieder etwas Geglücktes gibt.


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Ich bleibe also dabei: Es gibt im Regietheater auch etwas Mist - wie es ja auch beim konservativen Inszenierungsstil hin und wieder etwas Geglücktes gibt.


    Drehs um, dann passts!! :D :D :D


    LG joschi

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