Moderne Inszenierungen-Totengräber der Oper?

  • Zitat

    Original von Santoliquido
    War das -außer in Wagners Vorstellungswelt- je gewünscht? Von Teilen des bürgerlichen Publikums, das kann ich mir wohl vorstellen. Von Halevy zumindest ist überliefert, daß er den ganzen veristischen Inszenierungs Chichi abgelehnt hatte.


    Hallo Thomas,


    Edwin war schneller - bezgl. Wagner hätte ich auf einen Beitrag von Giselher hingewiesen, der genau das schon mal ausgeführt hat. Ob es überhaupt diese 1:1-Umsetzungen in signifikanter Zahl gegeben hat, weiss ich nicht. Aber ich kenne wirklich keinen Theaterpraktiker, der dass in der Form, wie es hier diskutiert wird, gemacht hätte.


    So, wie es Edwin weiter oben beschrieben hat, kenne ich es auch: die Regie-Anweisungen erstmal aussen vor lassen. Sie sind nur eine Hilfestellung, aber keinefalls sakrosankt. Wir reden über ein Theaterstück, über etwas lebendiges - über etwas, das immer neu geschaffen wird, sogar jeden Abend, keine Aufführung ist wie die andere...


    Ein kleiner Exkurs ins Schauspiel. Vor Jahren hatte Rolf Hochhuts Stück "Wessis in Weimar" in Berlin Premiere. Ein grottenschlechtes Stück, das heute wohl nirgendwo mehr gespielt wird. Der Uraufführungsregisseur war Einar Schleef - und er hat diesem miserablen Stück zu einem grandiosen Uraufführungserfolg verholfen. Wer war absolut nicht einverstanden? Der Autor... Der distanzierte sich von der Regie und liess auf eigene Rechnung an die Zuschauer den Stücktext verteilen. Leider konnte man so buchstabengenau nachlesen, wie schlecht die Vorlage tatsächlich war.


    Glücklicher agiert da Elfried Jelinek. Die fabriziert wahre Textwüsten, hochassoziative Gebilde, die nach einem erstklassigen Regisseur schreien. Aber die Autorin ist klug genug, sich diesem dann auch anzuvertrauen, selbst wenn die mit ihrer eigenen Person ziemlich respektlos auf der Szene umgehen. Frank Castorf genauso wie Einar Schleef (der "Sportstück" genial an der "Burg" in Szene setzte).


    Dies nur zur Ergänzung der Anmerkung, dass die Autoren nicht immer auch wissen, wie die "Szene" funktioniert.

  • Hallo zusammen,
    da stimme ich Dir ganz zu Joschi:


    Zitat

    Original von DonBasilio
    Aufgrund der Emotionalität der Teilnehmer (mich eingeschlossen) wird es wohl immer nur ein Hick-Hack in diesem Thread geben!


    LG joschi


    Und nicht mal nur »Hick-Hack«... Wenn man sich die nun beinahe 800 Postings zu diesem Thread anschaut, erhält man doch einen eher beklemmenden Eindruck: die ewige Wiederkehr der immer gleichen »Argumente«, keine Veränderung der Positionen (damit meine ich nicht einen Konsens oder eine Annäherung, sondern schlicht eine Dynamik im Diskurs), sondern eine bleierne Stagnation. Das alles wirkt nicht einmal wie eine Sprirale, bei der man zwar auch immer wieder an den gleichen Punkt gelagt - aber immerhin auf einer anderen Ebene. Eher wie ein Brummkreisel, der sich unentwegt um sich selbst dreht, dabei aber nicht von der Stelle kommt... ;)
    Herzlichst,
    Medard

  • Hallo Alviano und Edwin,


    interessant der Verweis auf das Schauspiel. Da war es tatsächlich nur eine recht schmale Epoche, in der extrem aufwendige Regieanweisungen in die Textbücher geschrieben wurden; eigentlich nur im naturalistischen Drama. Zu einer Blütezeit der Bühnentechnik also. Doch auch hier: diejenigen Regisseure, die auch im Einsatz von Bühnentechnik maßstabssetzend waren wie etwa Erwin Piscator oder Max Reinhard waren nicht eben Verfechter einer 1:1 Umsetzung der Libretti.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Hallo Thomas,

    Zitat

    Doch auch hier: denjenigen Regisseuren, die auch im Einsatz von Bühnentechnik maßstabssetzend waren wie etwa Erwin Piscator oder Max Reinhard waren nicht eben Verfechter einer 1:1 Umsetzung der Libretti.


    Kein Wunder: Der erfahrene Regisseur hat ja eine völlig andere visuelle Vorstellungskraft als ein Autor oder ein Komponist.
    Ich gehe sogar weiter: Das Nachstellen der Regieanweisungen kann im schlimmsten Fall vom Kern eines Werkes ablenken. Wenn man etwa den "Sommernachtstraum" in einem wunderbar funkelnden nächtlichen Wald ansiedelt (was stilistisch ohnedies falsch ist), dann suggeriert das Bühnenbild Romantik, die Regie wird wohl auch noch zuckersüße Liebeständelei beisteuern, während Shakespeare von sexuellen Triebkräften und den daraus resultierenden Verstrickungen redet.


    :hello:

    ...

  • ...und wieso kann das dann nicht in eime Wald stattfinden? Ach, ich vergaß: Du hast ja keinen Sinn für Romantik.


    Echt Edwin, das ist doch unlogisch. Der Wald steht diesen Triebkräften doch nicht entgegen. Im Gegenteil! Was Du vorschlägst ist in meinen Augen eine Reduktion.


    Ihr habt doch im Wiener Theatermuseum gerade zum Sommernachtstraum ganz wunderbare Modell, u.a. von der Reinhardt-Inszenierung. Vergegenwärtige die Dir doch bitte noch mal.


    :hello:

  • Hallo Knusperhexe,

    Zitat

    ...und wieso kann das dann nicht in eime Wald stattfinden? Ach, ich vergaß: Du hast ja keinen Sinn für Romantik.


    Nein, Shakespeare hatte keinen Sinn für Romantik. Das ist kein Humperdinck'scher Zauberwald, und die Elfen sind bösartige Biester, die kneifen und zwicken. Im "Sommernachtstraum" ist die Romantik völlig fehl am Platz. Es geht um Shakespeare, nicht um die Schlegel/Tieck-Verballhornung.
    :hello:

    ...

  • Amen Edwin. Shakespeare als Argument FÜR konvervative bzw. naturalistische Inszenierungen aufzuführen ist verfehlt. Zu dessen Zeiten war man froh wenn man zwei Äste hatte um einen Wald anzudeuten. Shakespeare in Pumphosen und Styropor-Landschaften ist ein Verbrechen am Autor.


    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass seine Stücke in abstrakten, völlig reduzierten Bühnenbildern/Kostümen am besten wirken.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Hallo Edwin,


    sehe ich echt ganz anders. Stimme Dir nur dahingehend zu, dass die Elfenwelt sehr komplex und vielschichtig ist - aber das ist sie nicht nur bei Shakespeare. In Kön hatten wir den Britten-Sommernachtstraum inmitten riesiger Schieferplatten gestellt. Das wirkte ganz zauberhaft, weil das die Elfen winzig erscheinen lies. Aber das Beste waren die Kostüme und die Choreographie: Die Elfen zelebrierten ganz merkwürdige Riten. Einer kehrte immer hinter den andern. der andere schüttelte das Gekehrte wieder aus. Eine tänzelte immer auf der Stelle. Wenn die Kostüme nicht so märchenhaft gewesen wären (Schavernoch) hätte es was von einer abgeschiedenen Gesellschaft in der Heilanstalt gehabt. Also, die Inszenierung würde ich supergerne noch mal sehen. Ist leider auch bereits verschrottet!


    Aber: AHA, beim Humperdinck findest Du einen romantischen Wald gut? Oder überinterpretiere ich da was in Dein Statement? :pfeif:


    :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Thomas,


    Kein Wunder: Der erfahrene Regisseur hat ja eine völlig andere visuelle Vorstellungskraft als ein Autor oder ein Komponist.
    Ich gehe sogar weiter: Das Nachstellen der Regieanweisungen kann im schlimmsten Fall vom Kern eines Werkes ablenken. Wenn man etwa den "Sommernachtstraum" in einem wunderbar funkelnden nächtlichen Wald ansiedelt (was stilistisch ohnedies falsch ist), dann suggeriert das Bühnenbild Romantik, die Regie wird wohl auch noch zuckersüße Liebeständelei beisteuern, während Shakespeare von sexuellen Triebkräften und den daraus resultierenden Verstrickungen redet.


    Grade bei Shakespeare ist es aber mE so, dass er viel unterschwellig "verpackt" hat - wenn sich der Regisseur für so kreativ hält, dass er alles "aufdeckt", geht viel von der Genialität verloren. Allerdings sollte er natürlich auch nicht in die andere Richtung übertreiben und das als hach so romantisches Stück inszenieren.


    Das ist mE eines der Probleme von (einigen, nicht allen) Regietheater-Regisseuren: Dass sie sich für so genial halten, so viel aufzudecken, dass sie gar nicht merken, dass mitdenkende Zuschauer das ohnedies begriffen haben (und es eher stört, wenn man für so blöd gehalten wird, das nicht auch ohne rotes Schild "ACHTUNG, ich muss das jetzt deuten" zu begreifen) - eine Frau in Reizwäsche, wo man nicht alles sieht, ist oft auch reizvoller als eine ganz nackte ;-)


    Lg


    Roland

    Die Basis jeder Grundlage ist das Fundament

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Nein, Shakespeare hatte keinen Sinn für Romantik. Das ist kein Humperdinck'scher Zauberwald, und die Elfen sind bösartige Biester, die kneifen und zwicken. Im "Sommernachtstraum" ist die Romantik völlig fehl am Platz. Es geht um Shakespeare, nicht um die Schlegel/Tieck-Verballhornung.
    :hello:


    Na, na , na, Edwin - Schlegel/Tieck haben Shakespeare zwar tatsächlich mit den Augen des frühen 19. Jahrhunderts gelesen und übersetzt (mit welchen auch sonst - sie hatten ja keine anderen im Kopf) - aber eine Verballhornung?? :no: Übrigens hatte die Frühromantik - das wird oftmals ja leider auch gern vergessen - genauso wenig Sinn für »Romantik« wie Shakespeare - zumindest für eine »Romantik«, so wie diese heute landläufig verstanden wird, nämlich in ihrer putzigen, biedermeierlichen Verballhornung (um das schöne Wort nochmals zu verwenden).
    Herzlichst,
    Medard

  • Hallo Knusperhexe,
    na, so ganz abscheulich erscheint mir diese Kölner Inszenierung, die ich leider nicht kenne, tatsächlich nicht. Wer machte sie?


    Ad Humperdinck: Du betätigst Dich als Regietheater-Regisseur und überinterpretierst tatsächlich. :hahahaha:
    Für mich ist "HuG" primär eine Geschichte über eine beschwerliche Kindheit, eine Geschichte über Feindbilder, eine Geschichte über Kinder, die einer Bedrohung ausgesetzt sind.
    Aus dieser Sicht kann für mich "HuG" auch in der nächtlichen Großstadt spielen (ein Wald aus Häusern) etc. Also: Mich würde ein Wald bei "HuG" nicht stören, aber ich finde, diese Oper berührt bwesentlich tiefere Schichten als eine Waldromantik und ist gerade heute, angesichts der familiären Verhältnisse, brennend aktuell.


    :hello:

    ...

  • Hallo Medard,
    das ist jetzt OT, ich weiß, pardon. Also Parenthese auf: Schlegel/Tieck ist zweifellos eine starke Übersetzungsleistung, aber auch eine Verniedlichung. Vergleiche allein einmal die Hexenszenen bei Wieland und bei S/T - aber nicht nur da ist der gute alte Wieland überlegen. S/T mildern den Ton, dämpfen die Sprache - und vor allem: Sie nivellieren die Sprache, die bei Shakespeare mehrere Lagen hat von der Dichtung bis zur Zote.
    Parenthese meinerseits zu.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Knusperhexe,
    na, so ganz abscheulich erscheint mir diese Kölner Inszenierung, die ich leider nicht kenne, tatsächlich nicht. Wer machte sie?


    Ja, die hätte Dir bestimmt auch gefallen. War alles genauestens abgezirkelt. Ich muss noch mal sehen, wer der Regisseur war.


    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ad Humperdinck: Du betätigst Dich als Regietheater-Regisseur und überinterpretierst tatsächlich. :hahahaha:


    :hahahaha:

    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Für mich ist "HuG" primär eine Geschichte über eine beschwerliche Kindheit, eine Geschichte über Feindbilder, eine Geschichte über Kinder, die einer Bedrohung ausgesetzt sind.
    Aus dieser Sicht kann für mich "HuG" auch in der nächtlichen Großstadt spielen (ein Wald aus Häusern) etc. Also: Mich würde ein Wald bei "HuG" nicht stören, aber ich finde, diese Oper berührt bwesentlich tiefere Schichten als eine Waldromantik und ist gerade heute, angesichts der familiären Verhältnisse, brennend aktuell.


    Ja, so hat's ja der del Monaco in Erfurt gemacht. Sehr, sehr böse. Sandmännchen als Drogendealer u.ä. Niederträchtigkeiten. Ich fand's furchtbar verlogen und gerade durch die herbeizitierte Doppelbödigkeit entlarvend. Vor allem aber fehlte mir die Waldromantik.Auch hier - wie oben bereits bei anderen Werken erwähnt - gibt es genaue Anweisungen von Komponist und Librettistin, die diese auch einzuhalten wünschten.


    Na ja,
    :hello:

  • Hallo Knusperhexe,

    Zitat

    Ja, so hat's ja der del Monaco in Erfurt gemacht.


    Siehst Du, das wußte ich gar nicht. Da kommen zwei völlig unabhängig voneinander auf den gleichen Gedanken. Der deshalb noch nicht zwangsläufig richtig sein muß - aber offenbar naheliegend.
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Medard,
    das ist jetzt OT, ich weiß, pardon. Also Parenthese auf: Schlegel/Tieck ist zweifellos eine starke Übersetzungsleistung, aber auch eine Verniedlichung. Vergleiche allein einmal die Hexenszenen bei Wieland und bei S/T - aber nicht nur da ist der gute alte Wieland überlegen. S/T mildern den Ton, dämpfen die Sprache - und vor allem: Sie nivellieren die Sprache, die bei Shakespeare mehrere Lagen hat von der Dichtung bis zur Zote.
    Parenthese meinerseits zu.
    :hello:


    Hallo Edwin.
    Du hast natürlich recht und Du hast natürlich unrecht. Sicherlich ist Wieland in vielerlei Hinsicht »näher« an der Vorlage - zumindest (wieder) aus unserer heutigen Perspektive. Aber er wollte ja auch ganz etwas anderes und hat auch etwas anderes gemacht als Schlegel und Tieck. Wieland hat übersetzt, Schlegel/Tieck haben nachgedichtet. Das sind zwei grundverschiedene Dinge. So hat Wieland (da gebe ich Dir natürlich recht) die semantischen Dimension der Shakespearschen Texte wesentlich unverfälschter ins Deutsche transportiert als Schlegel/Tieck (das hat Erich Fried übrigens auch geschafft) - und doch hat er einen zentralen Aspekt der Shakespearschen Werke (vielleicht aus guten Gründen) schlicht unübertragen gelassen: die gebundene Rede. Denn der böse Christoph Martin hat aus Williams schönen Versen schnöde deutsche Prosa gemacht. Hm - damit ist naklar ebenfalls ganz schön was verloren gegangen.
    Im übrigen ist es grundsätzlich unmöglich, die Vielschichtigkeit literarischer Texte überhaupt adäquat in eine andere Sprache zu übersetzen. Jede Übersetzung ist, wie gesagt, Interpreatation und jede Interpreatation ist Reduktion, ist Abweichung von der Vorlage und damit zwangsweise Fehllektüre. Der einzige Umgang mit einem Text, der die Gefahren des Fehllesens umgeht (allerdings nur scheinbar), ist die wörtliche Abschrift. Jede aussage über einen Text, geht - streng gesehen - an ihm vorbei, jede Aufführung eines Musikwerkes ist - wiederum strang gesehen - eine Fehlleistung im Hinblick auf den Notentext. Jeden Inszenierung eines Stücks ist unzureichend, weil sie Aspekte betont und andere vernachlässigt. Aus der Menge aller möglichen Lesarten wird eine präsentiert. Das ist zwangsläufig so, das ist vielleicht schade so - aber genau das macht Kunst interessant.
    Und jetzt noch etwas - und damit wären wir wieder beim Thema des Threads, nämlich der Frage der »textgetreuen Interpreatation«. Ein Übersetzer und ein Regisseur stehen ja vor ähnlichen Problemen: Wie präsentiere ich einen Text einem Publikum, wie übersetze ich ein Kunstwerk für heute. Wieland genauso wie Schlegel/Tieck und auch Fried haben jeweils hochaktuelle und zeitgemäße Übersetzungen der Werke Shakespeares vorgelegt. Ihre jeweilige Übersetzungsarbeit ist allein aus den kultur- und sozialgeschichtlichen wie auch ästhetisch-programmatischen Kontexten, in denen sie standen und arbeiteten zu erklären - so wie jedes künstlerische Schaffen eben nur in den Kontexten in denen es geschieht erklärbar ist und der Übersetzung bedarf. Und das ist eben die Aufgabe des inszenierenden Regisseurs, der ein Theaterstück oder eine Oper auf die Bühne bringen will/soll/muss oder was auch immer.
    Herzlichst,
    Medard

  • Na ja, del Monaco hat wortwörtlich gesagt, er wolle mit dieser Inszenierung "die letzte heilige Kuh des Theaters schlachten". Der gewünschte Skandal blieb aber aus. Es verplätscherte im Feuilleton.


    Pikanterweise feierte am selben Haus zeitgleich eine traditionelle Inszenierung in ganz neu erstellten Bühnenbildern ihre Premiere. Wenn Du's siehst, kriegst Du einen Graus - mich hat's gefreut: ein extrem naturalistisch gemalter Wald mit Hängern, Soffiten und Versatzstücken.
    :hello:

  • Zitat

    Original von nufan
    Das ist mE eines der Probleme von (einigen, nicht allen) Regietheater-Regisseuren: Dass sie sich für so genial halten, so viel aufzudecken, dass sie gar nicht merken, dass mitdenkende Zuschauer das ohnedies begriffen haben (und es eher stört, wenn man für so blöd gehalten wird, das nicht auch ohne rotes Schild "ACHTUNG, ich muss das jetzt deuten" zu begreifen)


    Hallo nufan,


    Du sagst es!


    :hello:

  • Zitat

    Original von nufan
    Das ist mE eines der Probleme von (einigen, nicht allen) Regietheater-Regisseuren: Dass sie sich für so genial halten, so viel aufzudecken, dass sie gar nicht merken, dass mitdenkende Zuschauer das ohnedies begriffen haben (und es eher stört, wenn man für so blöd gehalten wird, das nicht auch ohne rotes Schild "ACHTUNG, ich muss das jetzt deuten" zu begreifen) - eine Frau in Reizwäsche, wo man nicht alles sieht, ist oft auch reizvoller als eine ganz nackte ;-)


    Hallo Roland,


    auf welche Inszenierung beziehst Du Dich da? Wie sah das szenisch aus?

  • Hallo Medard,
    mit der Wieland-Kritik hast Du recht - fieserweise zitierte ich aber die Hexenszenen des "Macbeth", die Wieland sehr wohl in Reimen übertrug, und dennoch ist er näher an der Shakespeareschen Diktion als S/T.
    Aber es stimmt natürlich, daß die gebundene Rede eine Erschwernis darstellt. Man muß etwas opfern. Und hier haben S/T meiner Meinung nach (zeitbedingt) mitunter die falschen Inhalte geopfert.
    Auch die gepriesene Flatter-Übersetzung ist IMO immer noch etwas zu elegant-schön. Fried wollte ich nicht ins Treffen führen, denn er hat ja schon eine völlig neue Perspektive (und hat den "Macbeth" nicht übersetzt, der Kerl!).


    ---------------


    Hallo Roland,

    Zitat

    dass mitdenkende Zuschauer das ohnedies begriffen haben


    Mitdenkende Zuschauer haben freilich auch, dank Shakespeares gesprochener Kulisse, längst begriffen, daß beispielsweise die entsprechenden "Sommernachtstraum"-Szenen in einem Wald spielen. Deshalb braucht man den Wald auch nicht mehr auf die Bühne stellen.
    So einfach ist das. :D


    ------------------


    Hallo Knusperhexe,

    Zitat

    Na ja, del Monaco hat wortwörtlich gesagt, er wolle mit dieser Inszenierung "die letzte heilige Kuh des Theaters schlachten". Der gewünschte Skandal blieb aber aus. Es verplätscherte im Feuilleton.


    Kannst Du belegen, daß der Skandal erwünscht war, oder ist das nur eine Unterstellung?
    Ich gehe davon aus, daß diese Inszenierung so logisch und einleuchtend war, daß es eben nichts zu skandalisieren gab.


    :hello:

    ...

  • Mit seiner "Schlachtung der lezten heiligen Kuh" wurde del Monaco in div. Zeitungen zitiert. Das mit dem "erwünschten Skandal" könnte natürlich eine Verleumdung sein. Ich habe diese Formulierung ebenfalls einer Rezension entnommen.
    Schlüsssig war's leider ganz und gar nicht, genauso wenig wie sein "Onegin" in Düsseldorf.
    :hello:

  • Hallo Knusperhexe,

    Zitat

    Schlüsssig war's leider ganz und gar nicht,


    Aber offenbar nur für Dich nicht - sonst hätte es wohl den Skandal gesetzt. :D
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,
    hm, daß Wieland die Hexenszenen in Reimereien übetragen hat, war mir augenblicklich gar nicht mehr präsent. Spielt auch nicht so sehr eine Rolle, weil es mir halt um grundsätzliche Fagen des Übersetzens und der Reduktion von Textkomplexität ging. Aber wir sind da IMO gar nicht so weit voneinander entfernt. Wollte nur Schlegel/Tieck nicht gar so wohlfeil verdammt wissen...
    Jetzt kurz was zum Wald auf der Bühne: einen Wald auf der Bühne braucht man nur dann, wenn man fest ans Illusionstheater glauben will - und wenn man dann, wenn man im Theater oder in der Oper ist, gerne vergessen möchte, daß man im Theater bzw. in der Oper ist. Mir persönlich ist das sehr fremd und es würde mir arg schwer fallen zu vergessen, daß es beispielsweise nicht Lucrezia Borgia oder Siegfried sind, die da auf der Bühne stehen und singen (wieso sollte Lucrezia Borgia auch singen?? Konnte sie überhaupt singen?? War Siegfried wirklich ein kultiviert singender Tenor und nicht viel mehr ein grunzender Germane ?? - so er denn überhaupt einmal auf Gottes Erden wandelte...), sondern Sängerin x oder Sänger y, die bzw. der einen künstlichen Charakter interpretiert - ich könnte das wohl nicht vergessen, selbst wenn ich es wollte. Ich finde es daher z. B. auch relativ unnötig einen Schauspieler über ein Stück Zaun klettern zu lassen, nur weil es im Textbuch steht. Von mir aus könnte er gern am angedeuteten Zaunstück vorbeigehen - denn ich weiß ja, daß ich im Theater bin... Das alles ist im Detail doch gar nicht so wichtig. Wichtig ist doch das Gesamtkonzept einer Inszenierung, die Kohärenz des Regiekonzepts und schließlich die Frage, wie schlüssig dann einzelne Details in diese Gesamtanlage eingebunden sind.
    Herzlichst,
    Medard

  • Nein, es machte sich allgemeine Langeweile breit. Einige Rezensenten hatten sich schon auf einen Skandal gefreut, aber das Ganze plätscherte halt arg klischeehaft vor sich hin, so dass es keinen vom Hocker riss - weder im positiven noch im negativen. Man breitete gnädigst des Mantel wohlwollenden Schweigens drüber. Ab dafür.
    :hello:

  • Hallo Medard,
    ach ja, die Ritter vom antillusionistischen Theater... Erst eine kleine, aber tapfer streitende Gruppe, dann werden's ihrer immer mehr - und jetzt tragen's auch noch den Wald aus dem "Sommernachtstraum" hinaus. Welche Spitzbuben. Aber ich hab leicht reden, ich bin ja selbst einer...! :D
    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Medard,
    ach ja, die Ritter vom antillusionistischen Theater... Erst eine kleine, aber tapfer streitende Gruppe, dann werden's ihrer immer mehr - und jetzt tragen's auch noch den Wald aus dem "Sommernachtstraum" hinaus. Welche Spitzbuben. Aber ich hab leicht reden, ich bin ja selbst einer...! :D
    :hello:


    Ja, hast schon recht, Edwin. Eine arge Seuche, die alles kleinhaut.

  • Zitat

    Original von Knusperhexe


    Ja, hast schon recht, Edwin. Eine arge Seuche, die alles kleinhaut.


    Hallo Edwin, Hallo Knuspi,
    eine Antwort auf euch beide zugleich (kommt nicht so oft vor, was?). Ich fühl mich gar nicht als Ritter irgendeines Theaterstils. Ich hab nur was über meine persönlichen Vorlieben sagen wollen und die geht tatsächlich eher in Richtung anti-illusonistisches Theater. Ich aber hab auch nicht unbedingt etwas gegen einen Wald auf der Bühne, wenn dieses kleine Detail in Gesamtkonzept der Inszenierung passt - es muß aber nicht unbedingt ein Wald auf die Bühne, weil einer im Textbuch gefordert wird...
    Herzlichst,
    Medard

  • Hallo Medard,

    Zitat

    Ich aber hab auch nicht unbedingt etwas gegen einen Wald auf der Bühne, wenn dieses kleine Detail in Gesamtkonzept der Inszenierung passt - es muß aber nicht unbedingt ein Wald auf die Bühne, weil einer im Textbuch gefordert wird...


    So sehe ich das auch - nur gegen einen völlig naturalistischen Wald hätte ich schon etwas. Meiner Meinung nach hat die Kunst andere Aufgaben, als Natur abzubilden.


    Wenn wir einen kurzen Halt machen bei Bühnenbildern: Mein Problem mit den naturalistischen Bühnenbildern ist, daß sie in der Regel nicht naturalistisch sind, sondern Nachahmungen der Natur, denen man ihre Künstlichkeit deutlich ansieht.
    Wenn ich aber ohnedies die Natur nicht adäquat abbilden kann, ist mir eine künstlerische Interpretation lieber als eine zwangsläufig mißglückende Nachbildung.


    :hello:

    ...

  • Beim Thema Wald und Shakespeare möchte ich kurz die beste Imagination erwähnen, die ich bisher überhaupt gesehen habe: Jürgen Gosch lässt in seiner Düsseldorfer "Macbeth"-Inszenierung seine Schauspieler, knapp zehn splitterfasernackte Herren, grosse Birkenäste halten. Die Schauspieler stehen verteilt auf der Spielfläche und imitieren die Geräusche des Waldes: Vogelrufe, Wind, einen Specht (grossartig)... Da entsteht ein wunderschönes, sehr stimmungsvolles Bild, dass gar nicht erst den Versuch unternimmt, einen realistischen Wald zu vorzuführen. Der Wald wird quasi "dargestellt" - sehr gut und sehr "shakespearisch".

  • Zitat

    Original von Alviano
    Beim Thema Wald und Shakespeare möchte ich kurz die beste Imagination erwähnen, die ich bisher überhaupt gesehen habe: Jürgen Gosch lässt in seiner Düsseldorfer "Macbeth"-Inszenierung seine Schauspieler, knapp zehn splitterfasernackte Herren, grosse Birkenäste halten. Die Schauspieler stehen verteilt auf der Spielfläche und imitieren die Geräusche des Waldes: Vogelrufe, Wind, einen Specht (grossartig)... Da entsteht ein wunderschönes, sehr stimmungsvolles Bild, dass gar nicht erst den Versuch unternimmt, einen realistischen Wald zu vorzuführen. Der Wald wird quasi "dargestellt" - sehr gut und sehr "shakespearisch".


    Hallo Alviano,
    was Du da schilderst macht tatsächlich Sinn - und ist ja auch verdammt nah am Shakespearschen Skript. Denn im 5 Akt bewegt sich ja der Wald von Birnam auf Macbeths Schloß zu, wie es die Hexen prophezeit hatten, und er tut dies nur, weil sich die Recken Malcolms mit Zweigen tarnen um ihre »Mannschaftsstärke« zu verbergen. So gesehen wird ducrh den Männerwald vermutlich schlicht diese Schlußpointe antizipiert (oder taucht der Wald der nackten Männer erst im fünften Akt auf - dann wäre der Regieeinfall allerdings eigentlich eher einfältig).
    Die Frage ist jedoch: Warum sind die Männer, die die Bäume mimen, nackt?
    Herzlichst,
    Medard

  • es wird ja hier sehr oft als argument "was der komponist wollte"
    vorgebracht. ich lese eben über die wiener aufführungs-geschichte
    von wagners ring:


    Zitat

    Das Rheingold wurde damals noch mit Pause gespielt, in den
    anderen Teilen wiederum hat man etliche Szenen gestrichen, in der
    Götterdämmerung etwa die gesamte Nornenszene, bei späteren
    Reprisen auch den Auftritt Waltrautes sowie die Szene zwischen
    Siegfried und den Rheintöchtern. Diese Striche stammen allerdings
    von Wagner selbst,...


    quelle: der neue ring


    also so starr hat sich der komponist wagner gar nicht an sein eigenes
    libretto gehalten. wagner hat die aufführungsrechte selbst gegen
    10% tantiemen an wien abgetreten.


    faun

    die kritik ist das psychogramm des kritikers (will quadflieg)