ARTUR SCHNABEL (Der Komponist)

  • Liebe Musikfreunde,


    bisher kannte ich Artur Schnabel lediglich als Interpret der Beethovensonaten. Vor einigen Wochen kaufte ich jedoch auf „Gutglück“ eine CD, die u.a. das Dritte Streichquartett Schnabels beinhaltet. Welch eine Freude, einmal wieder ein Werk entdeckt zu haben, von dem ich derart begeistert bin.


    Beim ersten Hören war mir die Musiksprache sehr angenehm, den Überblick hatte ich jedoch nicht. Mittlerweile habe ich das Quartett etwa 7 oder 8 Mal gehört, und allmählich bekomme ich etwas Ordnung hinein; ach was, ich bin dabei, das Werk kennenzulernen und merke immer mehr, dass diese Musik, diese Sprache, mir nahe steht.


    Wie ich gesehen habe, existiert bereits ein Thread über Artur Schnabel, allerdings ist da lediglich der Pianist gemeint. Da ich vom erwähnten Quartett derart begeistert bin, aber auch aus dem Grund, dass Schnabel selbst seine Komponistentätigkeit über das Konzentieren stellte, eröffne ich aus Interesse an weiterem diesen Thread.


    Aus dem entsprechenden Klavierthread kopiere ich die Beiträge, die sich mit Schnabel als Komponisten befassen und setze sie an diese Stelle. Es sind, wie gesagt, teilweise Auszüge aus den Beiträgen.



    Caesar73 schreibt:
    ...1882 in Polen geboren, studierte er in Wien bei Theodor Leschetizky. Von seinem Lehrer ist das Zitat überliefert: "Sie werden nie ein Pianist sein. Sie sind ein Musiker" ...
    ...Neben seiner Konzerttätigkeit (inbesondere nach seiner Emmigration aus Deutschland 1933) war Schnabel vor allem auch als Lehrer und Komponist tätig...


    01.10.2005 11:55

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    tom schreibt:
    Möglicherweise war Schnabel nicht nur ein komponierender Pianist, von denen es viele gab, sondern vielleicht sogar in erster Linie Komponist, was man an solch äußerlichen Dingen wie der Tatsache zeigen könnte, daß Schnabel nur wenig für sein eigenes Instrument geschrieben hat.


    Erstaunlich und nachdenkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, daß der Zwölftöner Artur Schnabel, wenn er denn auch für Klavier komponiert hat, nach meiner Kenntnis niemals sich selbst gespielt hat. Offenkundig hat Schnabel strikt zwischen seiner Tätigkeit als Interpret und derjenigen als Komponist, in der er einem Schönberg an Atonalität nicht nachstand, unterschieden. Im Grunde genommen ist Schnabel doch als Interpret von Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms in die Musikgeschichte eingegangen, nicht jedoch als Interpret des zu seiner Zeit fortschrittlich-radikalen Repertoires.


    Kann jemand diesen Widerspruch zwischen dem Darsteller Schnabel und dem Komponisten Schnabel aufklären?

    03.03.2006 17:35


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    Edwin Baumgartner schreibt:


    Ich kann den Widerspruch nicht aufklären, ich kann nur berichten, was ich mit der Zeit in Erfahrung gebracht habe.
    Schnabel nahm seine kompositorische Tätigkeit sehr ernst, war aber zu stolz, sich selbst aufzuführen. Umgekehrt favorisierte er in seinen Konzerten auch nicht die Musik des Schönberg-Kreises, weshalb vice versa auch Schnabels Musik nicht von diesem Kreis gefördert wurde.
    Ich kenne lediglich einen anderen Interpreten, der ähnlich konsequent das Propagieren seiner eigenen Musik vermieden hat, das war Igor Markewitsch.


    Ich kenne von Schnabel lediglich seine 3 Symphonien, tüchtig gespielt vom Isländischen Symphonieorchester unter Paul Zukofsky, einem Musiker, der sich für die Außenseiter der Avantgarde einsetzt.


    Wie klingt Schnabels Musik? - Ich kann nur sagen: Starker Toback...! In jeder Hinsicht. Sie gehört zum absolut Unbequemsten, was ich aus dieser Zeit kenne. Der Klang ist scharf dissonant, die Musik ist kontrapunktisch gearbeitet, die Thematik eigentümlich gewunden, eingängige Floskeln werden entweder mit Absicht vermieden oder bleiben einzelnen Momenten vorbehalten. Erste und zweite Symphonie sind dabei mäßig lang, je etwa eine halbe Stunde. Die zweite allerdings dauert ungefähr eine Stunde: Eine Stunde mahlende, tobende, dann diffuse, dann wild zuckende Musik; hier läuft trockener Kontrapunkt in einen Wust von verschlungenen Stimmen, dort treibt die Musik zähflüssig wie richtungslos dahin, ehe wieder plötzlich scharfe Konturen in eine völlig andere Richtung weisen.
    Ich kenne sehr wenig Vergleichbares, sicher nicht bei den Zwölftönern oder im Umfeld der Wiener Schule. Ich war jedenfalls, als ich die Werke gehört hatte, wie erschlagen, verwirrt, wußte nicht, was ich damit anfangen soll, fühle die Verpflichtung, die Stücke genauer kennen zu lernen, verspüre aber wenig Lust, mich diesen Werken nochmals zu unterziehen.
    Aber vielleicht ist dieser Thread jetzt doch sozusagen das Stichwort..


    03.03.2006 19:48

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    romeo&julia schreiben:
    Wir besitzen nur eine CD mit Musik von Schnabel.


    Streichquartett Nr. 5 + Klaviertrio (1945);Sieben Klavierstücke (1946 / 47)
    Pellegrini Quartett;Ravinia Trio;Benedikt Koehlen, Klavier


    Schnabel verfolgte mit grossem Intersesse , was an neuer Musik entstand, und war mit Schönbergs Werk vertraut, lange bevor Schönberg Anerkennung fand. 1911 setzte er sich für Schönbergs Übersiedlung nach Berlin ein. Das fand auch Niederschlag in seiner eigenen Musik, die immer zur Avantgarde ihrer Entstehungszeit gehörte. Er selbst betrachtete sein Komponieren als ein Feld völliger Unabhängigkeit. Einerseits kümmerte er sich nicht um Aufführungen seiner Werke, um wohlmeinenden Ermahnungen zu entgehen, publikumswirksamer zu schreiben. Andererseits weigerte er sich, als Pianist durch Gefälligkeitsaufführungen für Komponisten seiner Zeit sich einzusetzen. Schönberg verzieh Schnabel niemals, dass dieser - ausgenommen die glanzvolle Pierrot lunaire Aufführung 1924 in Berlin - keines seiner Werke spielte.
    Schnabel hoffte, sich in seinem 50. Lebensjahr vom KOnzertpodium zurückziehen zu können, um sich ganz der Komposition zu widmen. Die Emigration und die damit verbundenen finanziellen Unwägbarkeiten machten einen solchen Rückzug jedoch unmöglich.
    Die auf dieser CD enthaltenen Werke stammen alle aus der amerikanischen Zeit Schnabels und gehören zu seinen wichtigsten Werke kammermusikalischen Äusserungen.
    Das Pellegrini Quartett spielt sehr farbenreich, akribisch klar und beschwingt.


    04.03.2006 15:59

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    Johannes Roehl schreibt:
    Wie gesagt, habe ich noch nie eine Komposition von Schnabel gehört (IIRC sind einige Kammermusikwerke mal bei Arte Nova unter Mitwirkung von Christian Tetzlaff erschienen).
    Allerdings ist er nicht der einzige Musiker seiner Generation (sowie der etwas jüngeren), deren Namen sowohl mit der "2. Wiener Schule" (oder anderen damals avantgardistischen Richtungen) und der "Wiener Klassik" verbunden sind: Hermann Scherchen, Rudolf Kolisch, Klemperer, E. Kleiber, um nur die bekanntesten zu nennen (bei einigen kommen gewisse gemeinsame politische Positionen noch dazu, aber das ist ja ein unpolitisches Forum ) und etwas später Hans Rosbaud (dieser allerdings leider wohl eher ein Mitläufer während der tausend Jahre) . Selbst Furtwängler hat in den 20er Ur- und Erstaufführungen dirigiert, die stilistisch dem Repertoire, das man mit ihm verbindet (und erst recht seinen eigenen Kompositionen) eher fern standen und sich bekanntlich Hindemiths wegen mit den Nazis angelegt.
    Ich weiß daher nicht, ob man überhaupt von einem Widerspruch reden kann.


    04.03.2006 16:05

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    tom schreibt:
    Der Vergleich mit Furtwängler hinkt. Denn Furtwängler hat ja nicht im Stil der Neuen Musik komponiert, wie eben Schnabel. Es geht ja um die Unterscheidung zwischen Darstellung und Schaffen und nicht um eine Unterscheidung mehrerer Facetten des darstellenden Künstlers. Insoweit war Schnabel als darstellender Künstler/Interpret/Pianist eben einer derjenigen, die fest im klassischen Repertoire verwurzelt waren. Als Interpret fühlte Schnabel, so vermute ich, daß insoweit bestimmte Maßstäbe für das Verhältnis zum Publikum bestimmend waren, denen der Komponist Schnabel offenbar nicht entsprach. Anders läßt es sich jedenfalls aus meiner Sicht nicht erklären, daß der Interpret Schnabel eigene Werke und im Übrigen auch Werke anderer Vertreter der Stilrichtung Neue Musik eben nicht aufgeführt hat, damit bewußt auf einen Austausch mit dem Publikum verzichtet hat.


    Wenn man dann unterstellt, daß Schnabel kein Einzelfall gewesen ist, kann man sich insoweit, so meine ich, auch die Frage stellen, woraus diese Bedürfnislosigkeit nach Publikum der Komponisten Neuer Musik zur Zeit Schnabels aber auch heutzutage herrührt.

    05.03.2006 13:03


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    Albus schreibt:
    in dem Erinnerungsbuch von Artur Schnabel (Titel: Du wirst nie ein Pianist, Wolke Verlag) ist zu lesen, dass er als Künstlerpersönlichkeiten diese beiden verehrte: Busoni und d'Albert. Die Vereinigung beider sei der perfekte Künstler; von d'Albert die Rohheit, von Busoni die Kultiviertheit. Der doppelte Zug, von Leidenschaft und Formwillen, findet sich eigentlich auch in seinen Interpretationen. Findet sich auch in seinen Komponistenfreunden; er nennt zuerst Schönberg, verweist dann - hervorhebend - auf Ernst Krenek, nennt auch Hindemith. Mit Hindemith war er fast nie einer Meinung, "in Kleinigkeiten" (a.a.O.). Er berichtet, auch schon mal eigene Kompositionen aufgeführt zu haben, mit seiner Gattin als Liedsängerin. Brahms hatte Schnabel mit in die Sonntagswirtschaft genommen, so ward sein Ruf als Brahms-Spezialist begründet (Schmunzeln erlaubt).


    07.03.2006 10:05

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    Kurzstueckmeister schreibt:
    Sehr lohnend ist die Sonate für Violine solo von 1919, bei der Tonales und Atonales sich auf interessante Weise ergänzt. Der Stil ist ganz eigen und von der Wiener Schule recht weit entfernt (was wahrscheinlich auch die von Tom behaupteten Widersprüche auflöst). Was Edwin über die Sinfonien sagt, macht mich sehr neugierig, die gibt es aber offenbar nicht auf CD?


    Also nochmals die Empfehlung, Tetzlaff spielt einwandfrei:


    07.03.2006 12:04


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    romeo&julia schreiben:
    Hallo Kurzstueckmeister


    Deine Empfehlung mit Tetzlaff werden wir gelegentlich kaufen gehen, da uns die von uns vorgestellte Aufnahme der cpo mit dem Streichquartett Nr. 5 ausgesprochen gut gefällt und uns der Geiger Tetzlaff immer wieder überzeugt, hoffen wir auf eine kleine Entdeckung.

    07.03.2006 12:37


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    Edwin Baumgartner schreibt:
    Hallo Kurzstueckmeister!
    Die CDs mit den Symphonien sind bei einem kleinen US-Label namens Orion erschienen, das schon längere Zeit nicht mehr existiert. Habe eben eine kurze Überprüfung bei den diversen Versandhäusern gemacht, konnte die beiden CDs aber nirgends entdecken - leider.


    08.03.2006 20:41


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    Ich bin gespannt, ob noch andere Werke / Einspielungen des Komponisten bei anderen Musikfreunden bekannt sind, sei es geachtet oder abgelehnt. Edwins Auffassungen kann ich weitgehend zustimmen, allerdings (was das 3. Streichquartett, wahrlich kein einfaches, angeht) ist es für mich ein Genuss. Auf jeden Fall werde ich mich in Zukunft näher mit dem Kompomisten Artur Schnabel befassen.


    Schöne Grüße,


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Möchte mich diesem interessanten thread gleich mit einer Frage anschließen:
    Wer kennt die Cello-Solosonate von Schnabel bzw. kann mir sagen wo man Noten oder Aufnahme dieses Werkes herbekommen kann?
    :hello:

  • Nach langer Zeit wurde ich auf folgende CD, die auch die Cellosonate beinhaltet, aufmerksam. Sie ist wohl aber momentan nicht zu erwerben, sonst würde auch ich sie sofort erwerben.



    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Hallo,


    bei CPO gibt es drei CDs mit seiner Kammermusik. Vol. I + II sind allerdings mittlerweile gestrichen und nunmehr nur noch via Amazon erhältlich:


    Vielleicht gibt es ja mal einen Reinkarnation als Box.


    Viele Grüße
    Frank


  • Das 3. Quartett ist unschwer zu bekommen. Das ist vermutlich auch die CD, die Uwe die Ohren geöffnet hat. Mich hat sie seinerzeit auch so begeistert, dass ich die cpo CDs mit 1 und 5 gekauft habe. Muß ich alles mal wieder hören.

  • Nach langer Zeit wurde ich auf folgende CD, die auch die Cellosonate beinhaltet, aufmerksam. Sie ist wohl aber momentan nicht zu erwerben, sonst würde auch ich sie sofort erwerben.


    Auf der amerikanischen website des Werbepartners kann man sie für einen akzeptablen Preis erwerben.