Darf ich mir Einspruch erlauben? Der "Wittiko", dieses "krachtlederne Werk", wie Heinrich Heine es nannte, hebt sich deutlich von den übrigen Werken Stifters ab. Stifter, der auch als Maler die Witikonenburg bei Oberplan gemalt hatte (Burg Wittinghausen, im Roman "Witikohaus"), verfolgte die Geschichte eben jener Wittikonen. Das zentrale, historisch nach damaligem Kenntnisstand gründlich recherchierte Werk war der "Wittiko". Das Buch ist allerdings für Stifters Verhältnisse sprachlich eher karg. Bezugstextes finden sich in den Novellen "Hochwald" (spielt etwa dreihundert Jahre nach dem Wittiko und schildert den Untergang der Wittikonen) und "Bergkristall (reicht in der erzählten Zeit an die Stifterzeit heran).
Stifter hat sich bei Wittiko als Berichterstatter der Geschichte versucht. Vergleicht man allerdings seine Sprache hier mit der Sprache etwa der Novellen, so tritt ein ganz anderer Stifter zutage, einer, der eben nicht - wie etwa bei "Hochwald" oder "Bergkristall" (meine liebste Stifter-Dichtung) bürgerlich wertet und kommentiert, sonderen eher die geschichtlichen Zeitläufte kommentiert, bezogen auf die Figur "Wittiko".
Nun also zu Stifter und Bruckner. Die Anmerkung des Gegensatzes der beiden erscheint mir nicht nachvollziehbar. Absolut nicht! Stifter ist sprachmächtig. Seine Sprache ist nicht analytisch. Viel eher schafft sie Bilder (den "Wittiko" nun wirklich außen vor gelassen). Und das verbindet Stifter mit Bruckner. Bei aller Analyse seiner Musik: sie schafft ebenfalls Bilder. Am Rande bemerkt: bei meiner Stifter-Lektüre bin ich nicht auf die Idee gekommen, daß sich dieser große Dichter ohne Umschweife seinem Ziel nähert. Dies festzustellen hieße doch seine Sprache zu verkennen.
Unser Reproduktionszeitalter ermöglicht ja folgendes Kulturerlebensvergnügen: Als Lektüre Stifters Text: "Aus dem bairischen Walde". Zu Gehör führe man sich dabei Bruckners 5. Sinfonie. Ich bin der festen Überzeugung, daß diese beiden Meister sich in ihrer Weltablehnung recht ähnlich waren. Wenngleich sich für Anton Bruckner der Suizid verboten hätte.
Liebe Grüße vom Thomas ![]()