Adalbert Stifter - Sänger des sanften Gesetzes

Barockbassflo · 36 Beiträge · letzte Antwort von oper337

36 Beiträge
  • Darf ich mir Einspruch erlauben? Der "Wittiko", dieses "krachtlederne Werk", wie Heinrich Heine es nannte, hebt sich deutlich von den übrigen Werken Stifters ab. Stifter, der auch als Maler die Witikonenburg bei Oberplan gemalt hatte (Burg Wittinghausen, im Roman "Witikohaus"), verfolgte die Geschichte eben jener Wittikonen. Das zentrale, historisch nach damaligem Kenntnisstand gründlich recherchierte Werk war der "Wittiko". Das Buch ist allerdings für Stifters Verhältnisse sprachlich eher karg. Bezugstextes finden sich in den Novellen "Hochwald" (spielt etwa dreihundert Jahre nach dem Wittiko und schildert den Untergang der Wittikonen) und "Bergkristall (reicht in der erzählten Zeit an die Stifterzeit heran).


    Stifter hat sich bei Wittiko als Berichterstatter der Geschichte versucht. Vergleicht man allerdings seine Sprache hier mit der Sprache etwa der Novellen, so tritt ein ganz anderer Stifter zutage, einer, der eben nicht - wie etwa bei "Hochwald" oder "Bergkristall" (meine liebste Stifter-Dichtung) bürgerlich wertet und kommentiert, sonderen eher die geschichtlichen Zeitläufte kommentiert, bezogen auf die Figur "Wittiko".


    Nun also zu Stifter und Bruckner. Die Anmerkung des Gegensatzes der beiden erscheint mir nicht nachvollziehbar. Absolut nicht! Stifter ist sprachmächtig. Seine Sprache ist nicht analytisch. Viel eher schafft sie Bilder (den "Wittiko" nun wirklich außen vor gelassen). Und das verbindet Stifter mit Bruckner. Bei aller Analyse seiner Musik: sie schafft ebenfalls Bilder. Am Rande bemerkt: bei meiner Stifter-Lektüre bin ich nicht auf die Idee gekommen, daß sich dieser große Dichter ohne Umschweife seinem Ziel nähert. Dies festzustellen hieße doch seine Sprache zu verkennen.


    Unser Reproduktionszeitalter ermöglicht ja folgendes Kulturerlebensvergnügen: Als Lektüre Stifters Text: "Aus dem bairischen Walde". Zu Gehör führe man sich dabei Bruckners 5. Sinfonie. Ich bin der festen Überzeugung, daß diese beiden Meister sich in ihrer Weltablehnung recht ähnlich waren. Wenngleich sich für Anton Bruckner der Suizid verboten hätte.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Da muss ich aber wieder behaupten, dass wenn bei Stifter Tränen fließen diese echt sind, bei Heine handelt es sich um Glycerin.


    Die österr.Kaiserin Elisabeth liebte Heinrich Heine derart, dass sie selbst solche Gedichte "verbrach".
    Manche sind nicht auszuhalten.


    Ich finde nur, dass Adalbert Stifter und Anton Bruckner nicht zusammen passen, natürlich hätte Bruckner keinen Suizid gemacht,


    Aber beim Begräbnis Stifter ausgerechente Bruckner zu spielen finde ich etwas unrichtig, denn beide stammten aus einer ganz anderen Welt.


    St. Florian, hat den Dichter Adlbert Stifter, nie von seiner Heimat Oberplan wegrücken können.

    2 Mal editiert, zuletzt von oper337 ()

  • Guten Abend Flo!


    Gerade Katzensilber, Bergkristall und Turmalgin sind für mich schöne Erzählungen -
    die Geschmäcker sind eben verschieden, Gott sei Dank.


    Brigitta ist eine sehr hübsche Erzählung, die etwas an den Nachsommer herangeht.


    Wittiko, da muss ich gestehen, das habe ich nicht zusammengebracht zu lesen. Dieser Roman ist selbst mir zu weitschweifig.


    Es kommt mir da in den Sinn, dass es jetzt modern ist den Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" zu lesen,
    ich bin nur bis etwa zur Seite 200 gekommen,


    dann habe ich bei Freytag &. Berndt angerufen, ob ich eine Straßenkarte von Wien haben kann, denndie ersten 200 Seiten, da wird ja jedes Kopfsteinpflaster aufgezählt.


    Aber das ist eine andere Geschichte.

  • Lieber oper337,


    zu Bruckner - mir einst unsäglich nahe - äußere ich mich nicht mehr; aber Brigitta habe ich gelesen, Oberplan hin, St. Florian her. Und das Suizid-Thema bei Stifter sollte man auch mit größter Vorsicht anfassen, denke ich. Deswegen halte ich mich auch zurück, tendiere aber eher zu Hochachtung gegenüber diesem Schritt.


    Zu Brigitta: ich muss einerseits gestehen, so angetan gewesen zu sein, dass ich mich nicht bremsen konnte und gleich noch den "Waldsteig" gelesen habe. Andererseits fand ich die gute Brigitta bei allem guten Willen, bei aller Kompatibilität mit meinem Aktenmenschen-Kunsthedonismus, bei allen sprachlichen Perlen: am Ende bin ich mindestens so stark peinlich berührt wie entzückt. Was es mir reizvoll erscheinen lässt, die Wirkung dieser Erzählung auf meinen weltflüchtigen Geist näher zu untersuchen. Weit komme ich dabei allerdings nicht, denn ich verwickle mich bei der Abgrenzung gegen andere Stifter-Werke in Widersprüche mit mir selbst. Sage ich, dass Brigitta an einem extrem unglaubwürdigen, in seinem Räuberpistolen-Charakter mit dem Libretto zu Il Trovatore auf einer Höhe stehenden Plot krankt (dieses lächerliche, über Jahrzehnte ausgedehnte Sichnichterkennen von Brigitta und dem Major!) und mir deswegen einen schalen Nachgeschmack bereitet, dann tue ich mich schwer, die Nachkommenschaften oder den Nachsommer oder Kalkstein oder die Mappe noch zu rechtfertigen. Denn plausibler sind die zentralen Handlungselemente dort auch nicht. Nur, dass ich im Nachsommer die Transfer- und Projektionsleistung erbringen kann, die aus der Räuberpistole ein über sich hinausweisendes, mich in die gewünschte Richtung aus der Prosa des Alltags entführendes Zeichen macht. Sogar im Waldsteig funktioniert das, da ist mir die so liebenswürdig vertrottelte Hauptperson einfach enorm sympathisch...


    Ich werde Brigitta ein wenig Zeit gönnen und dann eine erneute Lektüre vornehmen. Danke jedenfalls für die Anregung zu erneuter Stifter-Lektüre!


    :hello:
    Flo

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • "Der Waldsteig" heißt eine der "Studien" aus dem Jahr 1844, deren Erzähler einleitend bemerkt, sie "zum Nutzen und zum Frommen aller derer zu erzählen, die große Narren sind". Die Handlung dieser "eigentlich recht einfältige[n]" Geschichte ist schnell erzählt: Gegenstand der Erzählung ist ein Freund des Erzählers, ein gewisser Herr Theodor Kneight, seines Zeichens zunächst ein so reicher wie schrulliger und hypochondrischer, menschenscheuer Sonderling, kurz: "ein sehr großer Narr".


    Schon der Vater sei "ein großer Narr gewesen", die Mutter habe den Knaben hemmungslos verzärtelt und verwöhnt, wozu noch ein verschrobener Hauslehrer und der unvermeidliche reiche Erbonkel gekommen seien. Letzterer verschafft unserem Brokatpantoffelhelden auch seinen Spitznamen, den er am Ende der G'schicht glücklich überwunden haben wird: "Der Name klingt so wirblicht und steht in keinem Kalender. Die Sache kam aber so: weil der Knabe öfter so sinnend und grübelnd war, so geschah es, daß er in der Zerstreuung Dinge that, die lächerlich waren. Wenn er nun, um etwas von dem hohen Kleiderkasten herab zu holen, seine Kindertrommel als Schemel hinstellte - wenn er sich zum Spazierengehen seine Kappe ausbürstete, und dann die Kappe niederlegte und mit der Bürste fort ging - wenn er bei gräulichem Wetter sich beim Fortgehen noch vorher die Schuhe auf der vor der Thür liegenden Matte sauber abwischte - oder wenn er mitten im Salatbeete saß und zu Kazen und Käfern sprach: pflegte gerne der Oheim zu rufen: »Oho! Herr Theodor, Herr Turbulor, Herr Tiburius, Tiburius, Tiburius!«"


    Die Verwandlung vom hoffnungslosen Eigenbrötler zum allseits beliebten, stets selig lächelnden treusorgenden Familienvater geschieht - wie nicht anders zu erwarten, wenn ein Erbonkel in der Geschichte auftaucht - natürlich durch die Heirat mit einem so strahlend schönen wie unverdorbenen jungen Mädchen aus einfachsten bäuerlichen Verhältnissen, das selbstredend zwar über keinerlei formale Bildung oder Weltläufigkeit verfügt, dafür aber kraft ihres guten Herzens des Tiburius gutes Herz erkennt. Die erste Begnung findet während einer Kur auf einem Waldsteig statt, daher der Titel.


    Kurz: eigentlich ein ziemlich unerträglicher Fleckenteppich übelster Klischees.


    Aber: Stifters Sprache und die Liebe, mit der er seine Witzfiguren malt, verleihen der Erzählung doch einen ganz eigenen Reiz, dem ich mich bei allem Grausen das mich packt dann doch nicht entziehen kann.


    Flo

    "Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

  • Finde ich eine der bezauberndsten Geschichten von Adalbert Stifter.


    Aber nichts kommst über den Nachsommer!


    Man braucht zwar einige Zeit, denn es ist ja nicht gerade eine Kurzgeschichte, über die Rettung des Kefermarkter Altars,


    aber ich liebe diesen Roman besonders.


    Adalbert Stifter der Erzähler, aber bei "Wittiko" ja da bin selbst ich, als Adlabert Stifter Leser, nicht weit gekommen,


    diesen Roman hebe ich mir, nach meinem Studium, auf.


    Liebe Grüße sendet Euch Peter. :hello: :hello:

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