Zukunftsvision oder Horrorszenario — Der Computer ersetzt den menschlichen Musiker

  • Soeben bei Spiegel-Online entdeckt: Eine Vision von der ich nicht so recht weiß, ob sie mich faszinieren oder mir kalte Schauer über den Rücken jagen soll.




    Ein Konzertbesuch ohne menschliche Musiker? Die CD-Einspielung eines sinfonischen Werkes allein von einer Maschine dargeboten und interpretiert? Könnt (wollt) Ihr Euch das vorstellen?


    Ist die ganze Geschichte nur eine technische Spielerei ohne Relevanz für das Leben in den Konzertsälen oder wird nun auch der Orchestermusiker langsam von der Technik verdrängt?


    Würdet Ihr in solch ein Konzert gehen oder Euch eine so entstandene CD kaufen?
    Was meint Ihr dazu?!



    Mit sehr nachdenklichen Grüßen


    Laurenz

    `
    (...) Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit der Musik betrifft einen Abend, an dem das Rothschild-Quartett bei uns ein hochmodernes Werk von Egon Wellesz spielen sollte. Die Stühle waren den Musikern zu niedrig, so nahmen sie unsere Bände mit Schubertscher Kammermusik, um damit ihre Sitze zu erhöhen. Ich dachte, wieviel schöner es wäre, wenn sie auf Wellesz sitzend Schubert spielen würden (...)


    — aus „5000 Abende in der Oper“ von Sir Rudolf Bing —
    .

  • Hi!


    Zitat


    Original von Sonnensucher


    Würdet Ihr in solch ein Konzert gehen oder Euch eine so entstandene CD kaufen?


    NEIN


    LG florian


    :hello:

    Gustav Mahler: "Das Wichtigste in der Musik steht nicht in den Noten."

  • Ich muss zugeben, dass ich manche Musikstücke, vor allem polyphonielastige Sachen, gern als schlichte MIDI-Version anhöre, da ich meine, mir so über manche Strukturen besser klarwerden zu können. Das ist aber so verschieden von einer realen Aufführung, dass beides gut nebeneinander existieren kann.
    Aber das, was du oben beschrieben hast, finde ich völlig indiskutabel. Ich weiß auch nicht genau, wie man sich dieses "Computerorchester" nun vorstellen soll. Letztlich doch eine sehr ausgereifte Form eben der MIDI-Technologie. Die Frage nach dem "in so ein Konzert gehen" stellt sich doch kaum, da es ja nichts zu sehen gäbe (für mich isst bzw. hört das Auge im Konzert immer mit) und da kein Unterschied zwischen dem besteht, was du im Konzert bzw. zuhause hören würdest.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von Sonnensucher
    Ein Konzertbesuch ohne menschliche Musiker? Die CD-Einspielung eines sinfonischen Werkes allein von einer Maschine dargeboten und interpretiert? Könnt (wollt) Ihr Euch das vorstellen?


    Klar... Klingt sehr interessant...



    Zitat

    Ist die ganze Geschichte nur eine technische Spielerei ohne Relevanz für das Leben in den Konzertsälen oder wird nun auch der Orchestermusiker langsam von der Technik verdrängt?


    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man dafür in ein Konzert geht. Eher spielt der heimische Computer die Sachen ab. Und ein Vergleich Brendel/Beethoven vs. Pentium-Triple-Core/Beethoven ist bestimmt auch ganz reizvoll. Am besten mit einstellbarem "Human Touch"-Effekt. Möglicherweise "Konzertmeister für Windows", einstellbar "Blaskapelle", "Blaskapelle 2 Promille", "Halbprofi", "Profi" etc... Dazu noch eine veränderbare Streichergruppe, Holzbläser mit kleinen Aussetzern, Instrumentenwahl frei programmierbar... Das sind doch nette Spielchen....



    Zitat

    Würdet Ihr in solch ein Konzert gehen oder Euch eine so entstandene CD kaufen?
    Was meint Ihr dazu?!


    CD kaufen um zu sehen, wie es klingt? Gerne... In so ein Konzert gehen? Nein.

  • Zitat

    Original von Sonnensucher
    ...
    Ist die ganze Geschichte nur eine technische Spielerei ohne Relevanz für das Leben in den Konzertsälen oder wird nun auch der Orchestermusiker langsam von der Technik verdrängt?
    ...


    Eine technische Spielerei ist es ganz gewiss, die Relevanz wird wahrscheinlich bescheiden bleiben.


    Man soll nicht vergessen, dass es dies auf einem Gebiet bereits seit Jahren in Perfektion gibt: man kann eine x-beliebige Solo-Klavier-Partitur einscannen und technisch perfekt von einem Bösendorfer Computer-Flügel spielen lassen. Interessiert dies jemandem? Nein! Grundsätzlich nicht.


    Aber - es eröffnen sich gewisse neue Möglichkeiten. So kann ein Pianist mit sich selbst im Duett spielen. Er spielt einen Part auf dem Bösendorfer, wobei sein Spiel aufgezeichnet wird. Auf einem zweiten Flügel spielt er danach den anderen Part, wobei er von sich selbst am Bösendorfer begleitet wird. Auf das Orchester übertragen könnte man sich vorstellen, dass Komponisten ungewöhnliche Instrumente einsetzen, die von Computern "gespielt" werden, oder dass aufgezeichnete Konserven - vom Computer verfremdet - online dem aktuellen Spiel eines Orchesters hinzugefügt werden. Dem reinen Retorten-Spiel gebe ich keine Chance.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Ich höre diesbezüglich nur von Fachleuten, dass man so bearbeitete Musik, live hören muss und möglichst ohne Mikro bei den Sängern, um sich ein Bild zu bilden, und ferner finde ich schon, dass Einspielungen so, wie im Film (Klappe 1 bis unendlich), nach dem Motto: „Ab di MAZ“, zwar irre schön klingen können, was ja nicht zu verachten ist, man sich aber immer bewusst sein sollte, dass es sich im „Geschnittenes und Bearbeitetes“ handelt, und nicht um Reales mit all den menschlichen Vorzügen und Fehlern.


    Fazit: sicher eine tolle Erfindung.



    lg micha :hello:

  • Der Auschschnitt auf Spiegelonline klingt alles andere als real. Zudem meine ich, dass diese ganze Software höchstens für Komponisten von Filmmusik u.a. interessant ist. So können sie schnell etwas ändern und die Produzenten hören das Produkt bereits vor der Aufnahme (sofern es dann noch eine gibt).


    Geld ausgeben würde ich dafür nicht.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat

    Original von georgius1988
    Der Auschschnitt auf Spiegelonline klingt alles andere als real.


    In der Tat. Das klingt viel zu steril, um authentisch zu wirken. Die kleinen "Unreinheiten" geben doch einem Orchesterklang erst die Plastizität.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Es ist immer wieder schön, wenn Dinge erfunden werden, die niemand braucht - und niemand will - ausser den Produzenten batürlich.


    Hier ist ganz klar zu sehen daß hier "Rationalisierer" am Werke sind, die alles machbar machen wollen, Menschen einsparen, und dabei die große Kohle machen.


    Glücklicherweise sind diese Leute derart unsensibel, daß sie nicht wissen worauf es eigentlich ankommt -und deshalb am Publikum (Vertraucher, wie auch immer) vorbeieintwickeln.


    Es mag ja einst - als man die Notenschrift erfand - Ziel gewesen sein - die Intentionen ders Komponisten ein für alle Mal festzuhalten.
    Indes war die Notenschrift , darüber herrscht im allgemeinen Einigkeit, nicht in der Lage diesen Anspruch zu erfüllen - es blieben in Sachen Interpretation immer noch offene Fragen.


    Diese offenen Fragen wurden von Interpreten mit verschiedenen Standpunkten und Geschmäckern verschieden beantwortet, in verschiedenen Konzertsälen oder Studios, mit Instrumenten verschiedener Bauart und Klangfarbe akustisch lebendig gemacht. Von den verschiedenen Tontechnikerauffassungen rede ich nur neben her.


    All das hat der klassischen Musik, aber auch der Tonträgerindustrie zahllose Varianten und Lesarten eines einzigen Werkes geschenkt - über die Jahrzehnte hinweg. Davon leben die Schallplattenkonzeren ebenso wie die Konzertveranstalter.
    Natürlich wäre es für etliche Konzerne verlockens auf die genannte weise unter Ausschaltung des Risiko- und Kostenfaktors Mensch "Synthetische Aufnahmen " zu generieren - indes der natürliche Widerwille wäre (nach dem die anfängliche Neugier befriedig wurde) IMO zu groß.
    Daher müsste man den Menschen verschweigen, daß hier eine "Maschine" spielt. Aber -- nichts ist so fein gesponnen ....................


    Derjenige der diese Technik einsetzt, wird - das wage ich zu prophezeien - der erste sein, der zusperrt......


    mfg aus Wien


    Alfred

    Wer Beethoven-Sinfonien fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird mit dem Anhören eines Endlosbandes aller Werke von Schönberg bestraft; von der Dauer 1 Woche bis zu 4 Wochen

  • wem sollte man am Ende eines solchen Konzerts Applaus klatschen? Dem Computer ? Könnte man auch einer Bandmaschine applaudieren.


    Schließe mich da dem allgemeinen Tenor an: reichlich irrelevant. Da ist selbst Computerschach interessanter, dabei wird zumindest die Partitur gerade "neu erfunden".

  • Salut,


    Zitat

    Original von Theophilus
    Eine technische Spielerei ist es ganz gewiss, die Relevanz wird wahrscheinlich bescheiden bleiben.


    So bescheiden vielleicht, wie jene der Animationsfilme...!? ?(


    Zitat


    Es mag ja einst - als man die Notenschrift erfand - Ziel gewesen sein - die Intentionen ders Komponisten ein für alle Mal festzuhalten.
    Indes war die Notenschrift , darüber herrscht im allgemeinen Einigkeit, nicht in der Lage diesen Anspruch zu erfüllen - es blieben in Sachen Interpretation immer noch offene Fragen.


    Wenn man nun heute ein klassisches Stück komponierte und im Beisein des Komponisten [sofern der überhaupt noch erforderlich ist für die Komposition] mit einem solchen Computerorchester einspielen - hindert das andere Computer, es anders "einzuspielen"?


    Was anderes: Würde es jemand merken, wenn die Wiener Philharmoniker während der "Einspielung" alle irgendwo in Urlaub waren und das Cover "lügt"?


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Wenn man nun heute ein klassisches Stück komponierte und im Beisein des Komponisten [sofern der überhaupt noch erforderlich ist für die Komposition] mit einem solchen Computerorchester einspielen - hindert das andere Computer, es anders "einzuspielen"?


    Computer sind nicht Creativ. Sie gehorchen Rechenvorschriften, die Ihnen der Programmierer eingegeben hat. Auch eine "Zufallsschaltung" (RND) ist eine Rechenvorschrift - wenngleich eine relativ komplexe.


    Auch wenn es heute Programme gibt, die "reagieren" - die Reaktion wurde immer vom Programmdesigner vorgegeben - und auch alle ihre Spielarten und 2zufälligen" Spielarten. Ein Computer kann nicht "empfinden" - und ist und bleibt somit eine Maschine


    Vielleicht ist es in meinem Beitrag nicht genau beschrieben worden:


    Die Unzulänglichkeit der Notenschrift hat sich als wahre FUNDGRUBE erwiesen - Es gab Dirigenten, die Kompositionen im Beisein des Komponisten so überzeugend gestalteten, daß selbst jener verwundert war - die Interpretation hatte das Werk übertroffen - oder zumindest neu gestaltet.


    Zitat

    Was anderes: Würde es jemand merken, wenn die Wiener Philharmoniker während der "Einspielung" alle irgendwo in Urlaub waren und das Cover "lügt"?


    Eine gute Frage. Und ich werde sie beantworten.


    In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, setzten Tontechniker Leute vor einen Samtvorhang und ließen sie raten was denn nun spiele: Ein Salonorchester oder ein Trichtergrammophon


    Zeitzeugen zufolge konnnten nur wenige die Wahrheit erraten - der Samtvorhang erstickte Rauschen im einen - und Obertonbereich im andern Fall.


    HEUTE würde dieses Experiment nicht mehr funktionieren....


    mfg
    aus wien
    Alfred

    Wer Beethoven-Sinfonien fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird mit dem Anhören eines Endlosbandes aller Werke von Schönberg bestraft; von der Dauer 1 Woche bis zu 4 Wochen

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    HEUTE würde dieses Experiment nicht mehr funktionieren....


    ...hat es aber in ähnlicher Weise. Soweit ich mich erinnere, berichtete Maik über eine gewisse Musikunterrichtsstunde, in der verschiedene Orchester/Interpreten ein und desselben Stückes herauszuhören waren. Die sind meiner Erinnerung zufolge mächtig auf den Leim gegangen.


    Zitat

    Computer sind nicht Creativ. Sie gehorchen Rechenvorschriften, die Ihnen der Programmierer eingegeben hat. Auch eine "Zufallsschaltung" (RND) ist eine Rechenvorschrift - wenngleich eine relativ komplexe.


    Auch wenn es heute Programme gibt, die "reagieren" - die Reaktion wurde immer vom Programmdesigner vorgegeben - und auch alle ihre Spielarten und 2zufälligen" Spielarten. Ein Computer kann nicht "empfinden" - und ist und bleibt somit eine Maschine.


    Ich gehe davon aus, dass die Zufälle nicht dem PC überlassen werden und auch nicht einem Programmierer, der zuvor eine gewisse feste Anzahl an Zufällen programmiert hat: Vielmehr wäre es ja möglich, eine "Grundeinspielung" einmal [manuell] als Concerto-Köln-Version und einmal als Wiener-Philharmoniker-Version zu bearbeiten - wesentlich anders wird es ja heute mit "echten" Einspielungen auch nicht gehandhabt [was keine Kritik ist; die CD-Einspielungen sind mir lieb: sie haben ihre Vorteile].


    Ich plädiere daher für: ZUKUNFTSVISION.


    :hello:


    Ulli

  • Wie gesagt kann der Computer nicht kreativ sein. Es ist ihm unmöglich, von der syntaktischen auf die semantische Ebene umzusteigen. Das hat Searle sehr anschaulich in seinem Chinesischen Zimmer dargestellt.
    Und was ist dann der Sinn von so einem Hokuspokus? Das ist ungefähr so, wie wenn ich ins El Bulli gehe, um Astronautenfutter zu essen.
    Man sollte das Geld lieber nach Kuba oder sonst wohin schicken, damit sich echte Musiker echte Instrumente leisten können.

  • Zitat

    Original von Mengelberg
    Wie gesagt kann der Computer nicht kreativ sein. Es ist ihm unmöglich, von der syntaktischen auf die semantische Ebene umzusteigen. Das hat Searle sehr anschaulich in seinem Chinesischen Zimmer dargestellt.
    Und was ist dann der Sinn von so einem Hokuspokus? Das ist ungefähr so, wie wenn ich ins El Bulli gehe, um Astronautenfutter zu essen.
    Man sollte das Geld lieber nach Kuba oder sonst wohin schicken, damit sich echte Musiker echte Instrumente leisten können.


    Salut,


    das ist insgesamt betrachtet genauso unsinnig. Ohne Wertung versteht sich - Cuba ist [gleich nach Kenya] eines meiner Lieblingsländer. Aber die Frage nach dem Sinn der Kunst soll ja hier nicht diskutiert werden.


    Abgesehen davon glaube ich schon, dass ein Computer - nach vielleicht 100 oder 1.000 Jahren entsprechender Fütterung - auch "kreativ" sein kann und auch "fühlt". Was das menschliche [oder tierische] Gehirn in Jahrmillionen sich erarbeitet hat, kann natürlich nicht in ein paar Jahren von der Technik aufgeholt werden.


    :hello:


    Ulli

  • Gerade vor ein paar Tagen habe ich versucht, mit Hilfe meines Keyboards den Klang einer einfachen Midi-Datei zu verbessern.
    Ich stand vor der Entscheidung, welches Instrument ich wählen sollte (Mein Keyboard stellt bei gängigen Instrumenten oft mehrere Instrumente des gleichen Typs zur Verfügung, die sich zum Teil nur in der Art und Weise unterscheiden, wie der Tonansatz klingt, Vibratogeschwindigkeit und Tiefe können individuell bestimmt werden, auch die Verzögerung, ab der das Vibrato eingesetzt werden soll). Danach musste ich die relative Lautstärke der Instrumente zueinander optimieren, über Effekte wie Nachhall zur Simulation eines großen Raumes entscheiden, die Instrumente im Stereoraum anordnen, den Equalizer einstellen etc...
    Ich habe mich einige Stunden damit beschäftigt, und habe dabei lediglich an der Oberfläche dessen gekratzt, was an Parametern zur Verfügung steht.


    Wie viel Zeit, Geduld und Fachkenntnis es braucht, eine Symphonie von einem Computer wiedergeben zu lassen, wenn man jeden dieser Parameter nach seinem eigenen Geschmack optimal einstellen will, wage ich mir gar nicht vorzustellen.
    Das Resultat wäre jedoch ein Werk, das bis ins Detail den Klangvorstellungen des Knöpfchendrehers entspricht. Nicht nur in Bezug auf Tempo und Dynamik, sogar die Klangfarbe jedes einzelnen Instrumentes, jedes Vibrato, jede Form der Artikulation entspräche dem Willen des Programmierers, der hier die die Rolle des Dirigenten übernähme.


    Dass dieser eine zu würdigende kreative Leistung dabei vollbringt, steht für mich außer Frage. Wenn sich seine Vorstellungen des perfekten Klangs mit meinen decken, warum sollte ich mir eine entsprechende CD nicht kaufen?


    Auf ein Konzert, bei dem ein Laptop aufgeklappt und eine zuvor gespeicherte Datei abgespielt wird, könnte ich allerdings gut verzichten...


    Natürlich kann man argumentieren, dass keine Notwendigkeit einer solchen Entwicklung besteht, da im Ideal-Fall ein Orchester in der Lage sein sollte, die Klangvorstellungen des Dirigenten 1:1 umzusetzen. Allerdings ist der Schritt von der momentan üblichen Praxis, bei CD-Aufnahmen einige hundert Schnitte pro Satz zu machen, von der Idee von vorne herein gesampelte Instrumente zu benutzen nicht all zu groß :wacky:


    Liebe Grüße :hello:
    Violoncellchen

  • Im ersten Moment war ich drauf und dran, das ganze als kapitalen Blödsinn abzutun, an den man keinen Gedanken verschwenden sollte.


    Aber wenn ich dann von Ulli lese:


    Zitat

    So bescheiden vielleicht, wie jene der Animationsfilme...!?


    oder von Cellchen:


    Zitat

    Das Resultat wäre jedoch ein Werk, das bis ins Detail den Klangvorstellungen des Knöpfchendrehers entspricht. Nicht nur in Bezug auf Tempo und Dynamik, sogar die Klangfarbe jedes einzelnen Instrumentes, jedes Vibrato, jede Form der Artikulation entspräche dem Willen des Programmierers, der hier die die Rolle des Dirigenten übernähme.


    dann werde ich doch wieder nachdenklich...


    Sicher, es scheint sehr befremdlich. Und ein

    Zitat

    Konzert, bei dem ein Laptop aufgeklappt und eine zuvor gespeicherte Datei abgespielt wird..

    kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber ein interessanter Aspekt ist das schon, als "Dirigent" nicht an technische Möglichkeiten oder Tagesform von Musikern gebunden zu sein.


    Aber ganz deutlich: Technisch mag das interessant sein, liebenswert fände ich das überhaupt nicht, das wäre im Wortsinne unmenschliche Musik.


    :hello:
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat

    Original von Reinhard
    liebenswert fände ich das überhaupt nicht, das wäre im Wortsinne unmenschliche Musik.


    Nicht, dass ich jetzt 'nen Stapel dafür brechen wollte... aber ist der Programmierer kein Mensch? Das einzige, was ich bei Cellchen noch ergänzen oder ändern würde ist, dass "jener" nicht nur Dirigent, sondern auch multipler Instrumentalist ist - nicht wahr?


    Einen kleinen Vorteil gäbe es bei der Sache schon: Eine Violine könnte auch durchaus ein mal e spielen [das Thema hatten wir unter mir nicht mehr geläufigem Namen schoneinmal mit wenig Resonanz]. Welchen Sinn das macht? Es wäre eine Spielerei - oder Klangbastelei... jedenfalls hatte ich mir im Zusammenhang mit Mozarts Concertante [Es-Dur, die Bratsche in D-Dur notiert] Gedanken gemacht, ob man nicht einmal ein Orchester so stimmen könnte, dass die Violine in einer anderen Stimmung beim Greifen des g in Relation auch ein fis oder f spielt. Solche Dinge sind immer wieder interessant - am PC natürlich denkbar einfach umzusetzen [dieser Reiz ginge dann natürlich absolut verloren].


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    ... aber ist der Programmierer kein Mensch?


    das nennt man bei uns in Sachsen " 'n Gimml aus'm Gäse gnaubln"


    Ich denke, Du hast schon verstanden, was ich damit meine..

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat

    Original von Violoncellchen
    Natürlich kann man argumentieren, dass keine Notwendigkeit einer solchen Entwicklung besteht, da im Ideal-Fall ein Orchester in der Lage sein sollte, die Klangvorstellungen des Dirigenten 1:1 umzusetzen. Allerdings ist der Schritt von der momentan üblichen Praxis, bei CD-Aufnahmen einige hundert Schnitte pro Satz zu machen, von der Idee von vorne herein gesampelte Instrumente zu benutzen nicht all zu groß :wacky:


    genau das isses. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat der Schnitt-Ingenieur bereits einen so großen Einfluß auf das musikalische Ergebnis, daß Musiker entsetzt ausrufen "Das bin nicht ich, der spielt" (dieser Satz wird Pollini zugesprochen). Die endgültige Technisierung - natürlich mit verschiedenen einsetzbaren Humanizern - ist nur konsequent.
    Ich verspreche mir davon zumindest einige neue Erkenntnisse über das Wesen der Musik respektive der Interpretation.


    Allerdings, warum

    Zitat

    Original von Violoncellchen
    Auf ein Konzert, bei dem ein Laptop aufgeklappt und eine zuvor gespeicherte Datei abgespielt wird, könnte ich allerdings gut verzichten...


    ??
    Das wär doch gerade das interessante daran. Zumindest wenn diese Datei einen interaktiven Zugriff gestattet. Sprich, wenn überwiegend als MIDI verkauft.


    Man könnte zum Beispiel sein eigenes Klangbild zaubern (und damit Wettbewerbe veranstalten; und ich könnte endlich alle 2. Violinen rechts sitzen lassen).
    Als weiterer Schritt bietet sich an, berühmte Interpretationen als Preset anzubieten, die zur weiteren individuellen Bearbeitung zur Verfügung stehen: Klemperer und Giulini im Tempo beschleunigen, alten Interpretationen ein modernes Klangbild verpassen, die Aussichten finde ich durchaus nicht übel. Ich meine, einfach mal um zu sehen was dabei rauskommt.


    Natürlich wird sich dann auch - wieder einmal - bewahrheiten, daß nichts über das Live-Erlebnis geht. Wir wüßten dann noch besser, warum.


    Gruß,
    Khampan

  • Zitat

    Original von Ulli
    Das einzige, was ich bei Cellchen noch ergänzen oder ändern würde ist, dass "jener" nicht nur Dirigent, sondern auch multipler Instrumentalist ist - nicht wahr?


    Ich bin mir bei den technischen Details nicht so sicher, aber ich glaube, dass es nicht möglich ist, einfach eine Partitur abzutippen, und in MIDI zu konvertieren und dann ein paar Knöpfe zu drücken.
    Zumindest bei Keyboards ist es so, dass sich über die Anschlagdynamik der Tasten solche Dinge wie die Anblasgeräusche bei Blasinstrumenten steuern lassen. Man müsste also, um den richtigen Klang zu erzeugen, jedes Instrument tatsächlich selbst über die Tastatur einspielen, sich dabei zuvor mit den Eigenheiten und Klangnouancen eines jeden Instrumentes genau vertraut machen und üben, diese Nouancen über den Anschlag perfekt zu imitieren...


    ..sicher eine anspruchsvolle Aufgabe...


    :hello:
    (Violon- :D) Cellchen

  • Ja,


    das hab ich natürlich schon - aber das ist ebenso relativ...


    ...schließlich ist eine Geige ja auch tot - unmenschlich. Eine Trompete noch viel eher. Ob es aber dem Klang etwas nutzt, wenn man anstelle von Licium-Rams [oder was auch immer man verwendet!?] DNS-Zellen benutzt?


    Wie Vc. bereits mehr als andeutete, wäre ja jede einzelne Note von einem Menschen korrigierbar oder so gestaltbar, wie er es gespielt hätte, wenn er gewollt hätte können... Die CD-Einspielung ansich [ich wollte das eigentlcih nicht näher hier ausführen] hat für mich seit noch nicht allzulanger Zeit eine völlig neue Bedeutung erhalten: Zuvor habe ich Schnitte und dergleichen verabscheut, da ich das Liveerlebnis in mein Wohnzimmer transponieren wollte. Heute ziehe ich dem ein Livekonzert vor und ergötze mich zugleich an mehr als perfekten Aufnahmen, die man live so niemals erleben würde. Es sind also zwei paar Schuhe, die sich sehr gut tragen: die einen handgefertigt aus Naturmaterialien, die anderen orthopädisch korrekt [damit gesund] und aus Plastik.


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Violoncellchen
    Ich bin mir bei den technischen Details nicht so sicher, aber ich glaube, dass es nicht möglich ist, einfach eine Partitur abzutippen, und in MIDI zu konvertieren und dann ein paar Knöpfe zu drücken.
    Zumindest bei Keyboards ist es so, dass sich über die Anschlagdynamik der Tasten solche Dinge wie die Anblasgeräusche bei Blasinstrumenten steuern lassen. Man müsste also, um den richtigen Klang zu erzeugen, jedes Instrument tatsächlich selbst über die Tastatur einspielen, sich dabei zuvor mit den Eigenheiten und Klangnouancen eines jeden Instrumentes genau vertraut machen und üben, diese Nouancen über den Anschlag perfekt zu imitieren...


    ..sicher eine anspruchsvolle Aufgabe...


    Genau das macht ein Kollege von mir, der derzeit an diversen Filmprojekten musikalisch engagiert ist. Er komponiert Filmmusik für große bis sehr große Orchester und spielt diese dann selbst ein [Stimme für Stimme] - und hockt dann nächtelang da, um sie nachzubearbeiten. Ihm persönlich ist das lieber als Diskussionen mit Orchestern - teuren und aufwändigen Proben.


    Ich gehe eh davon aus, dass das System für Filmmusiken bereits vielfach verwendet wird.


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Khampan
    und ich könnte endlich alle 2. Violinen rechts sitzen lassen).


    Keine allzu schlechte Idee... :lips:


    Naja, in 15 Tagen erleb ichs wieder... :D


    :hello:


    Gute Nacht für heute
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    ...
    So bescheiden vielleicht, wie jene der Animationsfilme...!? ?(
    ...


    Salut


    Den Vergleich verstehe ich nicht. Animationsfilme sind eine Form von künstlicher Visualisierung, die gerade aufgrund ihrer kunstfertigen Künstlichkeit (und was damit erzielt werden kann) geschätzt werden.


    Ich habe aber das "Computerorchester" so verstanden, dass es mehr oder weniger erfolgreich versuchen soll, ein reales Orchester zu imitieren. Das halte ich für wenig interessant, wie auch der Animationsfilm kaum jemals erfolgreich die Wirklichkeit kopieren wollte.


    Etwas anders ist es mit Computer-Simulationen im Film. Diese sind so gut und so hilfreich, dass sie aus der modernen Filmproduktion kaum mehr wegzudenken sind. Aber sie sind in erster Linie willkommene Hilfsmittel. Der vollkommen simulierte Film existiert zwar auch schon, scheint aber vorerst keine Bedeutung zu erlangen. Sogar der Kinogeher will ein Mindestmaß an menschlicher Schauspielkunst sehen.


    Hier sehe ich aber eine gewisse Analogie mit meinem Beispiel. Ich halte es durchaus für möglich, dass Computer von Komponisten als zusätzliche "Instrumente" Verwendung finden können, kann mir aber nicht vorstellen, dass irgendjemand auf Dauer Interesse für ein simuliertes Orchester aufbringen wird.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Mir eine Computersimulation "live" anzuhören, fände ich einigermassen lächerlich. :hahahaha: Ich glaube auch nicht dass es darum geht. Mit herkömmlichem Midi hat das übrigens überhaupt nichts zu tun - davon wird mir fast körperlich übel. Das sollten wir für Ingrid Höfer reserviert lassen :D.


    Diese Leute sind schliesslich seit Jahren dabei, die Tonschnipsel Bibliothek aufzubauen.


    Es gibt eine Unmenge grossorchestraler neuerer Musik von der keine Aufnahmen existieren weil ein Orchester einfach zu teuer ist. Und wenn eine Plattenfirma sich keinen Gewinn davon verspricht, wird's eben nicht gemacht.


    Hier könnte ein Komponist sowas in Eigenregie bewerkstelligen, dann könnte man es sich wenigstens mal anhören.


    Ich kenne genug Aufnahmen die an verschiedenen Abenden aufgenommen wurden, wo dermassen d'ran rumgefummelt wurde, dass sie alles andere als natürlich klingen. Oder massive "Noise Gate" Einsätze und heftige Kompression lassen die Musik mausetot erscheinen :faint: - das ist heute fast normal.


    Ich bin in dieser Beziehung weissgott kein Technikfreund, aber man sollte auch die positiven Möglichkeiten sehen obwohl ich's mit gemischten Gefühlen betrachte.


    Das beste Beispiel für groben Unfug ist die Barshai Mahler 10te bei Brillant. Die Aufnahme klingt fürchterlich und kaum jemand hat's gemerkt.


    Ich glaube, ich hab's schonmal hier reingestellt:


    _________________________________________________________


    Ich stimme mit diesem Urteil von Franz voll überein. Allerdings habe nicht ich dieses Debakel verursacht. Bei der auf CD erschienen Aufnahme handelt es sich um einen Zusammenschnitt von rund 10 Konzertaufnahmen, die im Rahmen einer Tournee der jungen deutschen Philharmonie an 10 verschiedenen Orten von 8 verschiedenen Tonmeistern gemacht worden sind. Von mir stammen zwei dieser Aufnahmen, von denen aber nicht sehr viel in den endgültigen Zusammenschnitt eingeflossen ist. Barshai hat während der Tournee ständig die Instrumentierung verändert, wobei er auf der endgültigen Fassung auch die endgültige Instrumentierung haben wollte. Ich hätte diesen Zusammenschnitt machen sollen (unter anderem auch mit Material auf einer Musikassette), habe mich aber im Hinblick auf das zu erwartende Ergebnis (siehe Kritik) geweigert dies zu tun. Die Folge war ein Streit, der das vorher bestehende persönliche Verhältnis zwischen R. Barshai und mir beendet hat. Ich habe seither keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Der Zusammenschnitt wurde dann irgendwo in den USA nach den Wünschen von R. Barshai gemacht. Vermutlich steht mein Name auf der CD, weil ich der bekannteste der beteiligten Tonmeister war.


    Die Zusammenarbeit zwischen dem Tonmeister und den Musikern ist Vertrauenssache. Deshalb darf ein Tonmeister keine Details der Zusammenarbeit an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Ich breche also zum ersten Mal in meinem Berufsleben ein Tabu. Da sich die ganze Geschichte für mich aber rufschädigend auswirkt, breche ich zum ersten Mal (und hoffentlich auch zum letzten Mal) dieses Tabu.


    Ich hoffe, dass man mir diese unglaubliche Geschichte, die aber wirklich so geschehen ist, glaubt. Andernfalls kann sie das Sekretariat der Jungen Deutschen Philharmonie bestätigen.


    Jürg Jecklin


    ________________________________________________________________


    Liebe Grüsse
    Walter

  • In Köln lief vor Jahren das Musical "Gaudi" .
    Das Orchester wurde aus Kostengründen vorab aufgenommen.
    OK, es war ein richtiges Orchester, aber bei jeder Vorstellung wurde dann diese Aufnahme abgespielt, während ein ehemaliger Kommilitone von mir im Frack dazu die Sänger dirigierte.
    Jeden Abend, jahrelang.


    Dies finde ich auch schon horrormäßig, allerdings hat es ja wohl niemanden gestört :no:
    Und ein Orchester mußte man auch nicht bezahlen- nur für die Aufnahme.....
    Furchtbar eigentlich......
    Aber Geld regiert die Welt.
    Gute Nacht,


    Michael

  • Hallo,


    Für mich völlig indiskutabel!
    Mich interessiert beim Konzert nicht nur die Musik, sndern auch die Ausführenden! Über ein Player-Piano (Welches es ja schon ewig gibt) kann ich auch nicht staunen, auch wenn es einen Profipianisten in sachen Technik sicher schlägt. Über einen virtuosen Profi an den Tasten kann ich hingegen sehr staunen - genau so ist es beim Orchester oder sonst wo...
    Ausserdem finde ich das Gefühl grandios, dass sich manchmal übert 100 Menschen zusammentun und gemeinsam Musik "für einen" machen! - Allein schon die "Funktionsweise" des Orchesters fasziniert und begeistert immer wieder aufs neue!


    LG
    RL

  • Ich persönlich habe keine besondere Vorliebe für Konserven- oder Blechdosenmusik. Na ja wenn auf „Teufel komm raus“ gespart werden muss, dann kann ich es nicht ändern, aber ansonsten: „Nein, Danke!“........


    Micha :hello: