Carlos Kleiber - sein Vermächtnis

  • Ohne mich groß in diese Diskussion einmischen zu wollen: Es ist schon bezeichnend (und schade), daß die meisten Beethoven-Aufnahmen (1., 2., 3., 6.) von Reiner seit Jahren vergriffen sind und nicht mehr aufgelegt werden. Ausnahme: Die 5., 7. und 9.


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • "Ich fürchte, daß ich in meinem Leben nicht noch einmal einen solchen Tristan hören werde.


    Das war der wahre "Tristan".


    Carlos Kleiber hat die Musik zum Sieden gebracht, den ganzen Abend lang (was einen endlosen Beifall auslöste).


    Er ist ohne Zweifel der größte Dirigent unserer Zeit ... Alle Sänger waren ebenfalls auf Wagnerscher Höhe und haben uns begeistert.


    Eine "Sternstunde" im vollen Sinne des Wortes.


    Inszenierung und Bühnenbild waren für meinen Geschmack ein bisschen klischeehaft und mittelmäßig, aber das störte mich überhaupt nicht.


    Nach der Vorstellung überredete mich Kosta Metaxas, meine Eindrücke dem Dirigenten mitzuteilen. Der sah ziemlich deprimiert und mit sich unzufrieden aus.


    Ich sagte meine Meinung und plötzlich sprang er wie ein Kind vor Freude fast in die Luft: "Also wirklich gut?" Ein solcher Titan und so unsicher!"


    Svjatoslav Richter, Tagebucheintrag vom 11.8.1976



    "Endlich eine "Traviata" wie sie sein muß (wenn auch mit einigen skandalösen Strichen).


    Carlos Kleiber hat entdeckt, wie sie wirklich ist. Zum ersten Mal macht es mir ein echtes Vergnügen, diese Oper zu hören, für die ich bisher eher zwiespältige Gefühle hegte (...).


    Svjatoslav Richter, Tagebucheintrag 27.2.1976


    Beste Grüße
    Holger

  • Wenn du schreibst, dass zu Reiners Zeiten der Einfluss eines Interpreten nicht in erster Linie über Schallplatten wirkte, so muss ich widersprechen - allerdings mit der kleinen Einschränkung, dass damals die Rundfunktübertragungen wegen des teuren Artikels LP noch einen höheren Stellenwert hatten als heute. Aber Interpreten wirken immer nur über ihre Wiedergabe und daher direkt oder über Medien.


    Generell habe ich keine Vorbehalte gegenüber Reiners Beethoven-Interpretationen, ich bin einfach nur der Meinung, dass die "entscheidende Prägung" dieser Einspielungen auf die Musikwelt ein Märchen ist. Das mag bis zu einem gewissen Grad in Amerika der Fall gewesen sein, wo die Konkurrenz nicht so zahlreich war und auch etwas später einspielte, aber für Europa gilt das meines Erachtens überhaupt nicht.


    o.k., das mag alles so sein. Ich meinte ohnehin etwas anderes mit "prägend". Nämlich nicht in erster Linie, dass viele Funk- oder Plattenhörer diese als "Standardinterpretationen" kennen gelernt haben. Sondern: "andere Dirigenten oder Interpretationshaltungen prägend". Denn das geschah ziemlich sicher bis über die Mitte des 20. Jhds. hauptsächlich durch persönlichen Kontakt, Ausbildung, Assistenzen, Erleben im Konzert usw. So etwas wie Schlagtechnik und auch viele andere Subtilitäten der Interpretation wird man kaum von Schellackplatten gelernt haben.


    Und auch der Publikumsruhm dürfte bis in die 1930er (also etwa bis zur Halbzeit der professionellen Karriere Reiners) hauptsächlich durch live-Erlebnisse bestimmt gewesen sein.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Man könnte zu Sj. Richters Tagebucheinträgen anmerken, daß Claudio Arrau 30 Jahre vorher z.B. ganz ähnlich über Furtwänglers (damals sehr ungewöhnlichen) Studio-Tristan geurteilt hat.


    Es steht also zu fürchten, daß jede Generation aufs neue ihre one tristan to end all tristan-Epiphanie durchläuft - wobei die ungerechte Verabsolutierung der einen zur einzig gültigen Aufnahme mehr mit der momentanen Verfassung des Hörers als der Einspielung selbst zu tun hat.


    Noch deutlich wird das bei Richters Traviata-Eloge. Denn es wäre ja barer Unsinn, würde man an Kleibers Dirigat zu beweisen versuchen, daß hier die Überwindung eines grundsätzlichen Zwiespalts gelänge, der dem Werk gegenüber im Hörer besteht. - In der Tat ist Kleibers Traviata mustergültig unoriginell, bis in die Haarspitzen werkgerecht, sozusagen das akustische Gegenbild einer risikolos konventionellen Inszenierung (übrigens teilt sich die Traviata mit dem Tristan eine gewisse Glätte der Politur, was aber dem emphatischen Hörgenuß offenbar keinen Abbruch tut).


    :hello:

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Ich habe die Kleibersche Traviata zwar, kenne mich jedoch zu schlecht bei Verdi-Opern aus, um das beurteilen zu können.
    Allerdings gibt es auch Stimmen, die sie keineswegs für konventionell für sehr unidiomatisch (u.a. zu schnell, unflexibel und forciert) halten. In der englischsprachigen Gruppe rec.music.classical.recordings etwa lässt David Gable (der bei Rosen in Chicago über Verdi promoviert wurde und sich in der Diskographie ganz gut auszukennen scheint) seit Jahren kein gutes Haar an dieser Einspielung (über eine Google-Suche leicht rauszufinden). Das mag natürlich letztlich ebenso ein persönlich geprägtes Urteil sein wie Richters. (Letzterer ist übrigens nur gut 10 Jahre jünger als Arrau, insofern nicht unbedingt eine andere Generation.)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber Theophilus,


    bei Reiner gehören vor allem seine Beethoven 5 und 7 zur absoluten Top-Kategorie. Als Reiners Aufnahmen erschienen sind, da wuselte man mit Karajan und Klemperer noch im bescheidenen Mono herum, während Reiner sie schon (aber nicht nur) klangtechnisch überragte.

    Das stimmt ja gar nicht! Für den Konsumenten gab es keine hörbaren Unterschiede, denn es gab ja nur Mono-Schallplatten zu kaufen! Während die RCA im März 1954 begann, Studio-Aufnahmen auch in Stereo zu machen, blieb das der Musikwelt weitgehend verborgen, da es ja noch keine Möglichkeit gab, diese Aufnahmen außerhalb des Tonstudios in Stereo zu hören.


    Bei den Schallplatten sollte es noch Jahre dauern! 1958 brachte die Western Electric Company den legendären und bahnbrechenden Westrex Stereo Disc Cutter auf den Markt. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte die Produktion von Stereoplatten in Angriff genommen werden. Die ersten kamen Ende 1958 auf den Markt, so richtig ging es dann 1959 los - aber da hatten natürlich schon alle Majors ausreichend Erfahrung mit Stereoaufnahmen. Der Konsument bekam damals den technologischen Vorsprung von RCA praktisch überhaupt nicht mit. Die Ausnahme davon bildete eine kleine Gruppe potenter Musikhörer in den USA. Denn dort kamen 1955 die ersten Stereo-Tonbandgeräte auf den Markt. Um den Verkauf dieser teuren Geräte etwas anzukurbeln, veröffentlichte die RCA einige ihrer Stereo-Schätze als bespielte Tonbänder. Das war allerdings insgesamt ein ziemlich teurer Spass, der einem entsprechend kleinen Publikum vorbehalten blieb.


    Unabhängig von deiner (und anderer) heutigen Meinung hatte Fritz Reiner mit seinem Beethoven in den 60ern und 70ern in Mitteleuropa keinerlei Bedeutung. In dem von JR gerne zitierten Werk von Ulrich Schreiber, das eine recht gute Bestandsaufnahme der 70er darstellt, wird er nicht einmal erwähnt!


    Es ist nicht ohne Ironie, dass Fritz Reiner mit seinen Aufnahmen über eine Hintertür wieder ins Bewusstsein der Musikliebhaber schlüpfte. Als nämlich im Laufe der 70er der HiFi-Boom seinem Höhepunkt entgegenstrebte und sich die Kategorie der Audiophilen etablierte, begann die explizite Suche nach klanglich hochwertigen Tonaufzeichnungen. Und beim Plündern der Flohmärkte stellte man verblüfft fest, dass es uralte Platten der ersten Stereo-Stunde gab, die erstaunlich besser klangen als das Gros der aktuellen Multimikrophonie-Produkte. Reihen wie RCA Living Stereo, Mercury Living Presence und vieles von Decca hatten um 1960 eine Klangqualität, die zwanzig Jahre später bei der Massenproduktion in den Studios irgendwie verloren gegangen war. Und da tauchte plötzlich sehr häufig der Name Fritz Reiner auf. Platten wie Schehezerade, Also sprach Zarathustra, The Reiner Sound und andere wurden geradezu zu Kultobjekten, die am Gebrauchtmarkt phantastische Preise erzielten. Das führte sogar dazu, dass im Zeitalter der CD viele dieser Platten in möglichst originaler Ausstattung mit höchstem Aufwand wieder in Vinyl produziert wurden und sich sehr teuer recht gut verkauften.


    Um noch einmal auf Reiners Beethoven zurück zu kommen. Könntest du mir erläutern, was deiner Meinung nach bei Reiner besser ist als es zum Beispiel etwas vorher bereits von Erich Kleiber vorgezeigt wurde?



    Zitat

    zu Mahler:


    Dann frag mal die Wiener Philharmoniker, wie sie Mahler vor Bernstein komplett aufführen konnten!

    Diese Frage stellte sich überhaupt nicht! Die Wiener haben sich vor Bernstein grundsätzlich nicht um eine komplette Mahler-Aufführung gekümmert. Mahler war für sie spezielles Programm mit ausgesuchten Dirigenten (Walter, Mitropoulos, später Mehta). Sie haben ihn generell sehr wenig gespielt. Als dann Mahler so richtig in Mode kam und mehrere Plattenfirmen die Zeit für eine Gesamtaufnahme gekommen sahen (und Bernstein war lediglich der erste im Quartett mit Haitink, Kubelik und Solti, der seinen Zyklus finalisieren konnte), gab es vorerst für die Wiener überhaupt keine Möglichkeit für einen Mahler-Zyklus. Denn sie waren Exklusiv-Partner der Decca, und dort bastelte Solti bereits an seinem Mahler-Zyklus mit anderen Orchestern...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Carlos Kleiber, zu dessen heutigem Geburtstag ich diese Box ausgesucht habe, wurde am 3. Juli 1930 geboren und starb am 13. Juli 2004:



    Er wäre heute 85 Jahre alt geworden.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Den Tag abgeschlossen habe ich mit einer meiner Lieblingsaufnahmen von Carlos Kleiber:



    Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 36 C-dur KV 425, "Linzer"
    Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 2 D-dur op. 73
    Wiener Philharmoniker
    Dirigent: Carlos Kleiber
    AD: Oktober 1991, live


    In diesem herrlichen Konzert wurde nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar, wie Carlos Kleiber dirigierte, wie er mit seinen Armen, teilweise auch mit seinen Fingern, den Verlauf, den Rhythmus und auch die Dynamik des musikalischen Ablaufs in die Luft zeichneete, für jedermann sichtbar und von den Musikern begierig aufgesogen. Auch wenn er viel weniger aufgenommen hat als Andere, zu ihm pilgerten sie wie zu Celibidache in München und ungefähr zur gleichen Zeit zu Günter Wand in Hamburg, Lübeck, Berlin und ebenfalls München. Jedes seiner Konzerte war ein singuläres Ereignis. Er war ein Pultmagier im besten Sinne.
    Um bei diesem Konzert zu bleiben. Er dirigierte das groß besetzte Wiener Orchester in der Linzer Sinfonie leicht und präzise wie ein Kammerorchester und zeigte doch gleichzeitig, wie groß Mozarts sinfonische Musik schon war. Wie armselig klingen dagegen doch heute manche Aufnahmen von Kammerorchestern, in tradtionerller oder in Originalklangphilosophier.
    Die Zwiete Brahms war ein wahrer Genuss, und ich wüsste nicht, wer das toppen sollte, auch nicht aus meiner eigenen reichhaltigen Sammlung.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Vor zehn Tagen war sein Geburtstag. Heute ist sein Todestag. Dazu habe ich diese Aufnahme ausgesucht, die ich gleich hören und sehen werde:



    Heute ist sein 11. Todestag.



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Die o. a. DVD habe ich soeben gehört und gesehen:



    Ludwig van Beethoven: Ouvertüre "Coriolan" op. 62
    Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 33 B-dur KV 319
    Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-moll op. 98

    Bayerisches Staatsorchester
    Dirigent: Carlos Kleiber
    AD: Oktober 1996, Herkulessaal München, live

    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Heute habe ich zu Tagesbeginn aus einer Neuerwerbung den ersten Akt gehören und gesehen:



    Richard Strauss: Der Rosenkavalier


    Die Feldmarschallin: Felicity Lott
    Ochs auf Lerchenau: Kurt Moll
    Octavian: Anne Sofie von Otter


    Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
    Dirigent: Carlos Kleiber
    Regie: Otto Schenk
    AD: März 1994


    Es ist mir aufgegangen,, wie lange ich den Rosenkavalier nicht mehr gehört habe, und vor vielen Jahren habe ich ihn einmal im Fernsehen gehört und gesehen. Dabei habe ich seit Jahren Böhm und Bernstein mit dem Rosenkavalier in meiner Sammlung, doch nun habe ich die erste Aufnahme auf DVD und dann mit Kleiber, und die zweite DVD ist unterwegs, von der Bayerischen Staatsoper, ebenfalls mit Kleiber. Herz, was willst du mehr?


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).