Die Bachkantate (081): BWV44: Sie werden euch in den Bann tun

  • BWV 44: Sie werden euch in den Bann tun
    Kantate zum Sonntag Exaudi (Leipzig, 21. Mai 1724)




    Lesungen:
    Epistel: 1. Petr. 4,8-11 (Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat)
    Evangelium: Joh. 15,26-16,4 (Abschiedsreden Jesu: Der Geist der Wahrheit wird kommen; die Jünger werden verfolgt werden)



    Sieben Sätze, Aufführungsdauer: ca. 22 Minuten


    Textdichter: unbekannt
    Choräle: Nr. 4 Martin Moller (1587); Nr. 7 Paul Fleming (1642)



    Besetzung:
    Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Oboe I + II, Violino I/II, Viola, Continuo





    1. Duetto Tenor, Bass, Oboe I + II, Continuo
    Sie werden euch in den Bann tun.


    2. Chor SATB, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Es kömmt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran.


    3. Aria Alt, Oboe I, Continuo
    Christen müssen auf der Erden
    Christi wahre Jünger sein.
    Auf sie warten alle Stunden,
    Bis sie selig überwunden,
    Marter, Bann und schwere Pein.


    4. Choral Tenor, Continuo
    Ach Gott, wie manches Herzeleid
    Begegnet mir zu dieser Zeit,
    Der schmale Weg ist trübsalvoll,
    Den ich zum Himmel wandern soll.


    5. Recitativo Bass, Continuo
    Es sucht der Antichrist,
    Das große Ungeheuer,
    Mit Schwert und Feuer
    Die Glieder Christi zu verfolgen,
    Weil ihre Lehre ihm zuwider ist.
    Er bildet sich dabei wohl ein,
    Es müsse sein Tun Gott gefällig sein.
    Allein, es gleichen Christen denen Palmenzweigen,
    Die durch die Last nur desto höher steigen.


    6. Aria Sopran, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    Es ist und bleibt der Christen Trost,
    Dass Gott vor seine Kirche wacht.
    Denn wenn sich gleich die Wetter türmen,
    So hat doch nach den Trübsalstürmen
    Die Freudensonne bald gelacht.


    7. Choral SATB, Oboe I + II, Streicher, Continuo
    So sei nun, Seele, deine
    Und traue dem alleine,
    Der dich erschaffen hat.
    Es gehe, wie es gehe,
    Dein Vater in der Höhe,
    Der weiß zu allen Sachen Rat.




    Der Sonntag nach Christi Himmelfahrt hat den lateinischen Namen Exaudi, der sich aus dem Beginn von Psalm 27, Vers 7 herleitet: "Herr, höre meine Stimme!" - dieser Vers erklang auf Lateinisch zur Einleitung des Gottesdienstes und gab diesem Sonntag seinen Namen.


    Wie schon in den Vorwochen spielt auch im zum Sonntag Exaudi zugehörigen Sonntagsevangelium eine Passage aus den sogenannten "Abschiedsreden Jesu" aus dem Johannesevangelium eine Rolle.


    Bach lässt seine Kantate direkt mit zwei aufeinanderfolgenden Bibelwort-Sätzen beginnen, die wörtlich aus dem Sonntagsevangelium zitieren: Kapitel 16, Vers 2.
    Interessant in der hier besprochenen Kantate ist die Aufteilung dieses Verses in ein Duett (Satz 1) und einen Chor (Satz 2), denn in den vorangegangenen Wochen hatten die Kantaten zwar ebenfalls ausnahmslos Bibelzitate als Eingangssätze (die - wie der Name schon sagt - als Teil der Abschiedsreden Jesu allesamt Christusworte darstellen und daher vom Solo-Bass als traditioneller "Vox Christi" vorgetragen werden), die musikalisch sicherlich interessanteste - und streng genommen unübliche - Umsetzung erfolgt aber eindeutig in dieser Kantate. Nichts gegen diese Bass-Ariosi, aber ein bisschen Abwechslung ist ja auch mal was schönes :]


    Im Choral Nr. 4 begegnet dem Bach-Kantaten-Freund ein Choral wieder, den Bach in den Folgejahren in zwei weiteren Kantaten (BWV 3 und BWV 58) sogar zum titelgebenden Motto der jeweiligen Kantate machen sollte. In dieser Kantate hier überlässt Bach jedoch nicht dem ganzen Chor, sondern dem Tenor (Solo oder Chorstimme dürfte, wie bei Bach üblich, meist der freien Entscheidung der Ausführenden überlassen bleiben) diesen Choralsatz alleine.


    Ein Jahr nach dieser Kantate hier schuf Bach übrigens eine weitere für den Sonntag Exaudi (BWV 183), die mit demselben Text beginnt - musikalisch sind beide Kantaten allerdings weitaus weniger verwechslungsgefährdet ;)

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)