Ist Mozart überschätzt?

  • Lieber Alfred, auch wenn es nicht zum Thema gehört: Ich kann das nicht stehen lassen.

    Zum einen: Goethe hat wie jeder Mensch im Laufe seines Lebens viel geirrt. Wenn es danach ginge, wären wir bei der Frage nach Referenzen schnell am Ende. Aber Goethe war in puncto Verstechnik und vor allem auch Verssemantik so virtuos wie kaum ein anderer. Und: Er hat mit die schönsten, vollendetsten Verse geschaffen, die ich kenne, z.B. in "Wandrers Nachtlied". Der wusste, was er tat und wie man es macht. Schon als Kind und Jugendlicher fiel er dadurch auf, dass er mit unglaublicher Leichtigkeit und stilistischer Sicherheit Verse zu allen möglichen Gelegenheiten und Themen schmieden konnte. Im "Faust" jonglierte er mit den unterschiedlichsten Vers- und Strophenformen - und zwar immer mit Blick auf den Inhalt des Geschehens. Das ist schlicht atemberaubend.


    Zu dieser Stelle, die du zitiert hast: Ich muss dich leider belehren. Der "unsaubere" Reim zu Beginn ist seiner Frankfurter Herkunft geschuldet. Derartiges kommt bei Goethe öfter vor. Ob du es magst oder nicht: Aber es ist natürlich nicht so dilettantisch, wie du es darstellst, und fiel bezeichnenderweise auch der Überarbeitung des "Urfaust" nicht zum Opfer. Lies es als "Ach 'neische', / Du 'Schmerzensreische' (...)", dann passt es.

    "Herzen (...) / Schmerzen" tut natürlich irgendwie schon weh, klar. Aber: Goethe verwurstet hier eine mittelalterliche Sequenz, nämlich aus dem "Stabat mater", es ist kein genuin erfundener Text! Und wenn du hier mal nachguckst bzw. nach unten zu den Übersetzungen Wielands und Bones scrollst, die sogar jünger als Goethes Textstelle sind, dann siehst du, dass dem Übersetzer fast keine andere Wahl bleibt, als es so zu reimen. Wie gesagt: Das Problem entsteht aus dem Rückgriff auf einen Fremdtext.


    Um wenigstens den Bogen zur Musik noch zu schlagen: Goethe hat diesen Text aus der Szene "Zwinger" als Da Capo-Arie eines Singspiels angelegt. Und da wären wir wieder ganz nah an dem, was ihn auch an der "Zauberflöte" faszinierte bzw. ihn auch bezüglich eines weiteren Teils inspirierte...

  • Die Feierlichkeit der Zauberflöte ist zweifellos eine Erscheinungsform, gleichsam die Außenseite jenes Bewusstseins, das aus dem Innersten der Töne hervorgeht und alles mit seinem Licht überstrahlt

    ..und nun verrate bitte den staunenden Lesern, wie man so etwas "aus der Partitur herauslesen kann".

  • Lieber Leiermann.

    Das mit dem Dialekt war mir schon bekannt, fand ich aber dennoch erwähnenswert, weil es (mir) zumindest zwiespältig erscheint.

    Das aber nur, wenn hier jemand als "Referenz" genannt wird - Ichpersönlich leide auch an gelegentlichen Geschmachsverwirrungen, wobei letzteres immer auch am Zeitgeist gemessen werden muß.l


    mfg aus Wien

    Alfred

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  • ..und nun verrate bitte den staunenden Lesern, wie man so etwas "aus der Partitur herauslesen kann".

    Indem man zum Beispiel mal die Ouvertüre analysiert, wo ja beide Ebenen schon drin sind und sich zeigt, dass die zweite "oberflächliche Ebene (die "Papapapa"-Ebene) aus der feierlichen der Einleitung erwächst und in der Tonfolge aus dieser abgeleitet ist.

    Ich gebe ja zu, dass das Kapitel zur "Zauberflöte" im Kunze-Buch nicht ganz auf der Höhe der anderen (etwa zu den Mozart-da Ponte-Opern) ist, was bei einem so unerschöpflichen Werk wie der "Zauberflöte" aber auch gar kein Wunder ist. Die Ouvertüre hat Kunze allerdings sehr gut analysiert.


    Ich hatte mal das unbeschreiblich große Vergnügen, einem zweistündigen Vortrag zur "Zauberflöte" am Klavier beizuwohnen, wo der Referent im Prinzip jeden Takt des Werkes erhellte und die verschlüsselte Botschaft dahinter entschlüsselte. Jeder Tonschritt schon in der Ouvertüre, jedes Tonlängenverhältnis, jede Tonhöhe, erzählt etwas, wenn man es zu entschlüsseln versteht. Keine Tonart, keine Tohöhe, keine Tonfolge ist zufällig gewählt. Leider ist das Erlebnis dieses faszinierenden Vortrags auch schon wieder 5 Jahre her, sodass ich mich beim besten Willen nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern kann, aber es war dennoch eine Offenbarung.

    Es gibt im Musiktheater kaum ein faszinierenderes Werk mit so vielen unterschiedlichen Ebenen wie eben "Die Zauberflöte". Wer das ergründen möchte, möge sich damit einfach mal beschäftigen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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    Von allem anderen, insbesondere Formulierungen des Forenbetreiberts wie "hätte man die Leute kalt gestellt" (4.12.2019 um 18.04 Uhr), distanziere ich mich ausdrücklich!

  • Jeder Tonschritt schon in der Ouvertüre, jedes Tonlängenverhältnis, jede Tonhöhe, erzählt etwas, wenn man es zu entschlüsseln versteht. Keine Tonart, keine Tohöhe, keine Tonfolge ist zufällig gewählt.

    Das erinnert mich stark an die Zahlenmystik um Bach. Um diese sind auch schon dicke Wälzer geschrieben worden. All das gilt nur für diejenigen, die das so interpretieren, glauben und verbreiten. Für andere sind das Hirngespinste (um es freundlich auszudrücken).

    https://www.welt.de/kultur/bue…ischist-der-Vierzehn.html

  • Das erinnert mich stark an die Zahlenmystik um Bach. Um diese sind auch schon dicke Wälzer geschrieben worden.

    ich finde den Anspruch dieses Vortrags auch ganz schön hochgegriffen, würde den gern lesen.


    Aber Zahlenmystik ist was anderes, Skepsis der gegenüber sagt zum Vortrag nicht das geringste.

  • Lieber Leiermann,


    genau das trifft es doch und genau das ist das Faszinierende an Mozarts-Meisteropern im allgemeinen und der "Zauberflöte" im ganz besonderen: die Gleichzeitigkeit ganz verschiedener Ebenen. Einer gefälligen an der Oberfläche, die das Stück scheinbar seicht und platt erscheinen lässt, den Werken aber ihre Breitenpopularität sicherte, und den viel tieferen Ebenen, die darunter liegen und zu denen halt nicht jeder vorstößt, sondern nur die "Eingeweihten".

    Sag mal, gibt es da nicht so eine berühmte Stelle irgendwo in Mozarts Briefen (?), in welcher er ganz ausdrücklich diesen Anspruch äußert, Kenner und Nichtkenner gleichermaßen mit seiner Musik erreichen bzw. beiden Gruppen etwas "bieten" zu wollen? Ich meine doch, dass genau das auch seinem künstlerischen Selbstverständnis grundsätzlich entsprach, oder?

  • All das gilt nur für diejenigen, die das so interpretieren, glauben und verbreiten. Für andere sind das Hirngespinste (um es freundlich auszudrücken).

    Ja, für all diejenigen, die das nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Zahlensymbolik und andere Codes in Musik sind nun wirklich weit älter als Bach und Mozart. Wenn man das negiert, negiert man weite Teile der abendländischen Musikgeschichte.

    Sag mal, gibt es da nicht so eine berühmte Stelle irgendwo in Mozarts Briefen (?), in welcher er ganz ausdrücklich diesen Anspruch äußert, Kenner und Nichtkenner gleichermaßen mit seiner Musik erreichen bzw. beiden Gruppen etwas "bieten" zu wollen? Ich meine doch, dass genau das auch seinem künstlerischen Selbstverständnis grundsätzlich entsprach, oder?

    Mozart war nicht Wagner, der sich programmatisch über seine Absichten ausgebreitet hätte. Aber natürlich gibt es etliche Briefe, die Belegen, dass Mozart die Gedanken der Freimaurerei und der Aufklärung nicht fremd waren. Man muss halt lesen, was es dazu gibt, und wenn man dann auf dieser Grundlage daran Kritik übt, dann kann ich diese Kritik ernst nehmen, vorher nicht. (Der letzte Satz ging natürlich nicht an dich, lieber "Leiermann"!) :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Stell Dir mal vor, das Kunzebuch steht seit 1985 in meinem Bücherschrank und ich habe es sogar gelesen. Man kann viele Erkenntnisse daraus gewinnen, bis auf das Kapitel "Zauberflöte". Dort findet man leider eine Anhäufung von nicht beweisbaren Hypothesen bis hin zu Floskulaturen wie "Manifest einer erneuerten Menschlichkeit" oder "Die Feierlichkeit der Zauberflöte ist zweifellos eine Erscheinungsform, gleichsam die Außenseite jenes Bewusstseins, das aus dem Innersten der Töne hervorgeht und alles mit seinem Licht überstrahlt". Uvam! Ich bin nun kein Geisteswissenschaftler, der sich an derartige Formulierungen aufgeilt (und betet, dass Gegenmeinungen nicht so schnell publik werden), sondern Dr.Ing. und damit andere Beweisführungen gewohnt. Ende der Durchsage.

    Und ich bin Geisteswissenschaftler und finde deshalb technisches Ingenieursdenken, wenn es um das Sinnverstehen von Kunst und Musik geht, schlechterdings fehl am Platze. Ende der Durchsage! Ich verstehe das Zitat so auch nicht ohne weiteres, würde mir aber als geschulter Hermeneutiker erst einmal den Kontext anschauen, aus dem das Zitat herausgerissen ist. :D

    Nein! Weder Beethoven, noch op.110 sind banal. Mein Einwand bezog sich auf die "bewunderungswerte" Satztechnik bei Mozart. So leid es mir tut, Albertibässe sind und bleiben eine banale Satztechnik selbst wenn große Meister sie eingesetzt haben.

    Diese Sichtweise ist leider deshalb beschränkt - und verfehlt, weil hier die Frage zu stellen wäre: Warum denn solche Vereinfachungen der Satztechnik? Da wäre hinzuweisen auf einen gewissen Jean-Jacques Rousseau, die Empfindsamkeit und das Ideal der einfachen, singbaren Melodie und die damit verbundene Kritik des satztechnisch hochartifiziellen Barockstils als unnatürlich-manieriert, zopfig und verstaubt - das Ausspielen des Naturschönen gegen das Kunstschöne etc. Wenn man diese geistesgeschichtlichen Hintergründe nicht berücksichtigt, kommt man eben zu solchen Fehlurteilen - wie bei Glenn Gould, der ein Mozart-Klavierkonzert völlig absurd nach der Elle von J.S. Bach misst und deshalb natürlich als leeres musikalisches Stroh empfindet.


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    Schöne Grüße

    Holger

  • Da wäre hinzuweisen auf einen gewissen Jean-Jacques Rousseau, die Empfindsamkeit und das Ideal der einfachen, singbaren Melodie und die damit verbundene Kritik des satztechnisch hochartifiziellen Barockstils als unnatürlich-manieriert, zopfig und verstaubt - das Ausspielen des Naturschönen gegen das Kunstschöne etc.

    Ironie on: wenn das Ideal des "Naturschönen" die einfache, singbare Melodie sein soll, alles weitere unnatürlich-maniriert, zopfig und verstaubt ist, so ist wohl "Hänschen klein mit Albertibass" ein Höhepunkt des Naturschönen! Darauf kann ich lebhaft verzichten.

    Abgesehen davon, was ist denn "Naturschönheit"? Wie wird die denn definiert? Könnten da viele sehr subjektive Ansichten auftreten, die sich alle widersprechen?

    Das Kunzetitat ist zwar aus dem Kontext gerissen. Da müsste man sich ca 100 Seiten Zauberflöte antun. Danach werde ich den Hermeneutiker fragen, was er denn so darunter versteht.

  • Ironie on: wenn das Ideal des "Naturschönen" die einfache, singbare Melodie sein soll, alles weitere unnatürlich-maniriert, zopfig und verstaubt ist, so ist wohl "Hänschen klein mit Albertibass" ein Höhepunkt des Naturschönen! Darauf kann ich lebhaft verzichten.

    Abgesehen davon, was ist denn "Naturschönheit"? Wie wird die denn definiert? Könnten da viele sehr subjektive Ansichten auftreten, die sich alle widersprechen?

    Ironie aus: Von der Volksliedbegeisterung der Romantik hast Du noch nie etwas gehört? Und wenn man nicht mehr weiter weiß und keine Ahnung in der Sache hat, behauptet man einfach, alles sei beliebig. Ist es aber nicht. Die Ende des 18. Jhd. gegründete Berliner Singakadamie z.B. hat sehr klare und eindeutige Regeln aufgestellt, was der empfindsam-einfache Liedstil ist und zu sein hat.

    Das Kunzetitat ist zwar aus dem Kontext gerissen. Da müsste man sich ca 100 Seiten Zauberflöte antun. Danach werde ich den Hermeneutiker fragen, was er denn so darunter versteht.

    Immerhin ein Ludwig van Beethoven hat von der "Zauberflöte" gesagt, dass ihre Besonderheit sei, dass sie alle musikalischen Formen vom einfachen Lied bis zur komplexen Fuge verbinde. Im 18. Jhd. dachte man sehr gattungsorientiert und anwendungsorientiert, was die Wahl der musikalischen Mittel angeht. Ein W.A. Mozart wusste demnach sehr genau, wann er bestimmte satztechnische Mittel anwendet und wann nicht. Wenn er Alberti-Bässe verwendet, heißt das deshalb eben nicht, dass er ein Stümper war, der satztechnisch nicht über "Hänschen klein" hinausgekommen wäre. Die Wahl dieser Mittel war ganz bewusst und zielorientiert. Wenn man das natürlich nicht versteht, dann wird es absurd. Die "Zauberflöte" mischt in höchst kunstvoller Weise die verschiedenen Gattungen und Stile. Sich deshalb darüber zu mokieren, dass das Einfache eben einfach ist und dann dem Gesamtkunstwerk "Zauberflöte", dass neben Einfachem gerade auch hoch Komplexes enthält, pauschal zu unterstellen, es sei wegen der volkstümlichen Liedelemente eine ästhetische Banalität, zeigt einfach nur eine tendentiöse Rezeption und mangelnde Urteilsfähigkeit was dieses überragende Kunstwerk angeht - aus welchen Gründe auch immer.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Die Ende des 18. Jhd. gegründete Berliner Singakadamie z.B. hat sehr klare und eindeutige Regeln aufgestellt, was der empfindsam-einfache Liedstil ist und zu sein hat.

    Aha, der Ahnungslose wird endlich aufgeklärt. Danke dafür. Nun weiß er, dass das sog. Volkslied eine "Naturschönheit" ist, eine schlichte Meinung von Ahnungshabenden, und das der empfindsame Liedstil, eine regionale Stilrichtung der 2. Hälfte des 18. Jhdts. dank Berliner Singakademie dazu gehört. Was sind denn die heutigen Volkslieder? Rap?

    Die Singakademie, gegründet von Fasch, später von Zelter geleitet (ein tiefer Verehrer der "unnatürlich-manirierten , zopfigen, verstaubten" Musik vornehmlich eines JS Bach) hatte die Hauptaufgabe, diese verstaubten Machwerke wieder auszugraben und öffentlich zu machen. Deswegen die Sing- und Ripienschule. Fasch schrieb für die Einweihung der Singakademie ein Motette mit 48 obligaten Stimmen, sicherlich sehr Volkslied-nah (Ironie off).

    Besehe ich mir den den Katalog der Singakademie (769 Seiten, er liegt mir vor, da ich da kräftig mitgeholfen habe), so finde ich dort kein Volkslied, sondern neben einigen Liedern durch Komponisten gekennzeichnet, haufenweise verzopfte Musik (geistlich, weltlich) bekannter/unbekannter Komponisten.

    Im 18. Jhd. dachte man sehr gattungsorientiert und anwendungsorientiert, was die Wahl der musikalischen Mittel angeht. Ein W.A. Mozart wusste demnach sehr genau, wann er bestimmte satztechnische Mittel anwendet und wann nicht. Wenn er Alberti-Bässe verwendet, heißt das deshalb eben nicht, dass er ein Stümper war, der satztechnisch nicht über "Hänschen klein" hinausgekommen wäre.

    Wo habe ich denn behauptet, dass Mozart ein Stümper war? Für den Geisteswissenschaftler: das Threadthema lautet "Ist Mozart überschätzt?" Das wird generell verneint, jedoch angemerkt, dass auch er, wie alle Komponisten, auch schwächeres Zeug geschrieben hat, darunter wurde auch die Zauberflöte genannt.

    Richtig! Das 18. Jhdt. dachte sehr gattungs/anwendungsorientiert, wie vermutlich in allen Jahrhunderten. Klartext: der Einsatz von Albertbässen ist anwendungsorientiert. Hier: Musik für relativ anspruchslose Liebhaber, die Noten/Musik brauchten und kauften. War diese Musik technisch/inhaltlich zu schwierig, blieb sie beim Notenhändler liegen. Anwendungsorientierung: die Kasse. Selbiges gilt aus meiner Sicht für die Zauberflöte, die sicherlich vielschichtiger ist. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Albertibässe satztechnisch gesehen banal und minderwertig sind. Wenn Mozart diese vermehrt eingesetzt hat, so hatte das "anwendungsorientierte" Gründe: die Kasse!

  • dass Albertibässe satztechnisch gesehen banal und minderwertig sind.

    nein. Albertibässe KÖNNEN banal und minderwertig sein. Sie können aber auch - vom meisterlichen Komponisten - im Verein mit der Melodik Bestandteil subtilster intervallischer, harmonischer und klanglicher Feinstarbeit sein. Und zugleich "schlicht" anmuten.


    edit

    übrigens ist "Hänschen klein" ein echt gutes Lied, über das man lange nachdenken kann.

  • nein. Albertibässe KÖNNEN banal und minderwertig sein. Sie können aber auch - vom meisterlichen Komponisten - im Verein mit der Melodik Bestandteil subtilster intervallischer, harmonischer und klanglicher Feinstarbeit sein. Und zugleich "schlicht" anmuten.


    edit

    übrigens ist "Hänschen klein" ein echt gutes Lied, über das man lange nachdenken kann.

    Wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regel. Nur, besieht man sich z.B. Mozarts Gesamt-Soloclavierwerk, so stellt man (betrübt) fest, dass Albertibässe sehr häufig eingesetzt werden. In den meisten Fällen dudelt er die zur Melodie gehörenden jeweiligen Grundharmonien runter, also Tonika, Dominante, Subdominante. Die Ausnahmen kann man abzählen.

    Dieses Kompositionsverfahren wurde (unter Anderem) schon in der Zeit scharf angegriffen, vornehmlich von Musikern, Komponisten, Kritikern Nord- und Mitteldeutschlands, die allesamt noch die "verzopfte" Musik eines JS Bach im Ohr und in den Fingern hatten, jedoch auch empfindsam komponierten. "Klassische" Kritik: das "Harfenbassgeklimper"! Sie hat gewirkt, denn die Albertibässe verschwanden spätestens mit der Romantik von den Notenblättern. Zu Recht!

  • Klartext: der Einsatz von Albertbässen ist anwendungsorientiert. Hier: Musik für relativ anspruchslose Liebhaber, die Noten/Musik brauchten und kauften. War diese Musik technisch/inhaltlich zu schwierig, blieb sie beim Notenhändler liegen. Anwendungsorientierung: die Kasse.

    Das ist mir zu banal. Freilich kann man einen Alberti-Bass aus ästhetischen Gründen wählen: Keine Ablenkung von der Melodie z.B., oder Wechsel von komplexer und einfacher Faktur -> komplexerer Gesamtaufbau, als wenn es immer gleich komplex ist.
    Ist das technisch genug ausgedrückt?

    8)

  • Lieber Leiermann.

    Das mit dem Dialekt war mir schon bekannt, fand ich aber dennoch erwähnenswert, weil es (mir) zumindest zwiespältig erscheint.

    Das aber nur, wenn hier jemand als "Referenz" genannt wird - Ichpersönlich leide auch an gelegentlichen Geschmachsverwirrungen, wobei letzteres immer auch am Zeitgeist gemessen werden muß.l


    mfg aus Wien

    Alfred


    EDIT

    Scheint aus dem Zusammenhang gerissen - ist aber nur deshalb so, weil der Beitrag schon älter ist und versehentlich nicht abgeschickt wurde....

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

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  • Das ist mir zu banal. Freilich kann man einen Alberti-Bass aus ästhetischen Gründen wählen: Keine Ablenkung von der Melodie z.B., oder Wechsel von komplexer und einfacher Faktur -> komplexerer Gesamtaufbau, als wenn es immer gleich komplex ist.
    Ist das technisch genug ausgedrückt?

    8)

    Will man keine Ablenkung von der Melodie, geht das auch einfacher. Man setze unter die Melodie die jeweils zutreffende Bassnote als harmonische Stütze. Da braucht man keine "Beschäftigungstherapie" für die linke Hand, die ja nichts anderes bezweckt, harmonische Stütze. Musterbeispiel: die Choräle. Die werden auch nicht mit Albertibässen harmonisiert. Will man das komplexer, kommen die Choralvorspiele zur Geltung.

  • Will man keine Ablenkung von der Melodie, geht das auch einfacher. Man setze unter die Melodie die jeweils zutreffende Bassnote als harmonische Stütze. Da braucht man keine "Beschäftigungstherapie" für die linke Hand, die ja nichts anderes bezweckt, harmonische Stütze. Musterbeispiel: die Choräle. Die werden auch nicht mit Albertibässen harmonisiert. Will man das komplexer, kommen die Choralvorspiele zur Geltung.

    Das sähe dann wie ein missverstandener Basso Continuo aus, schließlich gibt es dort normalerweise 1. ein Instrument, dass den Basston lange halten kann und 2. auch noch die Akkorde dazu.

    Nicht alles ist Kontrapunkt in der Musikgeschichte.

  • @ Alfred: Doch, wurde von dir abgeschickt, siehe Beitrag 183. Du kommst wohl mit der neuen Software noch nicht so klar, hm? ;)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Nun weiß er, dass das sog. Volkslied eine "Naturschönheit" ist, eine schlichte Meinung von Ahnungshabenden, und das der empfindsame Liedstil, eine regionale Stilrichtung der 2. Hälfte des 18. Jhdts. dank Berliner Singakademie dazu gehört.

    Die Behauptung ist erst einmal - literatur- und musikgeschichtlich - definitiv falsch. Die "Empfindsamkeit" (in der Literatur und Musik vornehmlich) ist eine universelle und keine nur "regionale" Stilrichtung - mit großer Wirkungsgeschichte hinein in die Romantik.


    Ich habe mich auch in meinem Zitat vertan - sorry. Es ging um die Zweite Berliner Liederschule, insbesondere J.A.P. Schulz Lieder im Volkston bey Clavier zu singen von 1782. Dort wird ein Kriterienkatalog für den Volksliedton aufgestellt. Volksliedhafte Melodien müssen den „Schein des Bekannten“ erwecken, „höchste Simplizität und Faßlichkeit“ aufweisen, metrisch sein, periodisch, immer sanglich und dürfen nur „allerleichteste Modulationen“ enthalten. Es ist nun interessant, dass etwa die Schumann-Kritik des 19. Jhd. all das bei Schumann vermisste und dabei die „Mozartsche Weltanschauung“ ins Feld führte – empfindsame Melodik im Volksliedton also mit Mozart identifizierte. Der Begriff „Weltanschauung“ deutet darauf hin, dass es hier um einen ästhetischen Begriff geht. Volkslieder werden gerade nicht als Musik für die Dummen und Ungebildeten bzw. musizierende Laien angesehen, die nicht fähig wären, artifizielle Kunstmusik zu verstehen oder praktisch auszuüben. Es geht um ein ästhetisches Ideal, das letztlich von Jean-Jacques Rousseau herkommt. Musik soll in der Sprache der Empfindsamkeit gesprochen "das Herz rühren". Das, was das 18. Jhd. "Rührung" nennt, diese rührende Wirkung geht primär vom einfachen, schlicht gesungenen Lied aus, die als authentischer Ausdruck gewertet wird gegenüber artifizieller barocker Rhetorik, die als gefühlskalt und unnatürlich empfunden wird. Das muss man verstanden haben, sonst versteht man die musikgeschichtliche Bedeutung der Empfindsamkeit und auch von Mozart und speziell Mozarts Zauberflöte nicht. Es geht nicht um das Volkslied als U-Musik, sondern um den Volksliedton als ästhetisches Ideal. Und das war damals revolutionär-modern, was heute offenbar schwer nachvollziehbar ist, weil wir uns an diese Empfindsamkeit längst als Normalität gewöhnt haben.

    Wo habe ich denn behauptet, dass Mozart ein Stümper war? Für den Geisteswissenschaftler: das Threadthema lautet "Ist Mozart überschätzt?" Das wird generell verneint, jedoch angemerkt, dass auch er, wie alle Komponisten, auch schwächeres Zeug geschrieben hat, darunter wurde auch die Zauberflöte genannt.

    Es gibt keinen Komponisten, der nicht "schwächeres Zeug" komponiert hätte. Das ist eine Banalität. Nur misst man die Bedeutung eines Komponisten letztlich nicht an schwächeren und Gelegenheitskompositionen, sondern an dem, was er an wirklich Bedeutendem ("Meisterwerken") hinterlassen hat. Wenn man so argumentiert, ist das also tendentiös, d.h. man behauptet, dass die "schwächeren" und nicht die "starken" Werke für Mozarts Einschätzung die relevanteren seien. Und ausgerechnet die "Zauberflöte" - eines der bedeutendsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte - als "schwächeres Zeug" zu bezeichnen, ist einfach nur eine skurrile, nicht Ernst zu nehmende Aussenseitermeinung. Wer sie vertritt, muss das durch handfeste musikalische Analysen beweisen können. Und das dürfte schwerlich gelingen.

    Richtig! Das 18. Jhdt. dachte sehr gattungs/anwendungsorientiert, wie vermutlich in allen Jahrhunderten.

    Falsch. Die musikgeschichtliche Entwicklung geht hin zum individuellen Musikstück, wo die Gattungsnormen mehr und mehr entwertet werden.

    Klartext: der Einsatz von Albertbässen ist anwendungsorientiert. Hier: Musik für relativ anspruchslose Liebhaber, die Noten/Musik brauchten und kauften. War diese Musik technisch/inhaltlich zu schwierig, blieb sie beim Notenhändler liegen. Anwendungsorientierung: die Kasse.

    Das ist einfach nur Blödsinn. Erst einmal ist die Behauptung sehr, sehr fragwürdig, dass Musikliebhaber zur Zeit Mozarts anspruchslos gewesen seien. Sie waren wohl eher weit anspruchsvoller als Musikliebhaber heute. Und zum anderen ist es eine willkürliche Behauptung, zu unterstellen, nur Alberti-Bässe würden diese Funktion erfüllen. Das geht auch mit anderen Mitteln.

    Selbiges gilt aus meiner Sicht für die Zauberflöte, die sicherlich vielschichtiger ist. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Albertibässe satztechnisch gesehen banal und minderwertig sind. Wenn Mozart diese vermehrt eingesetzt hat, so hatte das "anwendungsorientierte" Gründe: die Kasse!

    Händel und Shakespeare haben mit ihren "ernsten" Werken auch Kasse gemacht. Kasse macht also jeder. Womit sich das Argument erledigt. Für die Alberti-Bässe sind letztlich ästhetische Gründe verantwortlich: Es geht um die Unabhängigkeit der Melodie von der Begleitung, die typisch ist für den empfindsamen und nicht polyphonen Stil. Wiederum wäre erst einmal zu zeigen, dass ein Mozart-Klavierstück wegen seiner Alberti-Bässe banal ist. Wenn das nicht vorgeführt wird, betrachte ich das wiederum als eine nicht Ernst zu nehmende pure Behauptung.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ich habe mich auch in meinem Zitat vertan - sorry. Es ging um die Zweite Berliner Liederschule, insbesondere J.A.P. Schulz Lieder im Volkston bey Clavier zu singen von 1782. Dort wird ein Kriterienkatalog für den Volksliedton aufgestellt. Volksliedhafte Melodien müssen den „Schein des Bekannten“ erwecken, „höchste Simplizität und Faßlichkeit“ aufweisen, metrisch sein, periodisch, immer sanglich und dürfen nur „allerleichteste Modulationen“ enthalten.

    Wir werden uns nicht einigen. Aber immerhin gut, dass Sie sich mit der Singakademie vertan haben. Das wäre nämlich absoluter Blödsinn gewesen...Ihr Vertun wird akzeptiert.

    Kennen Sie die Clavierwerke von JAP Schulz? "Six diverses Pieces pour le Clavecin ou le Piano Forte"; "Sonata pour le Clavicembalo solo" in Es-Dur (mehr Werke sind nicht überliefert)? Falls nicht, empfehle ich Ihnen sich damit zu befassen (die gibt es nicht im Neudruck, ich könnte Ihnen jedoch eine Kopie überlassen). Da werden Sie die Ohren lange und müßig aufhalten müssen, um dort irgendetwas im Volksliedton, den "Schein des Bekannten", höchste Simplizität und Faßlichkeit, allerleichteste Modulationen zu hören. Er hat sich nicht eine Sekunde an jenen ominösen Kriterienkatalog gehalten. Der galt nur für die Lieder im Volkston. Die Clavierwerke sind höchst empfindsam, teilweise auch konzertant geschrieben, harmonisch mit schwierigen Modulationen (siehe das Adagio der Sonate oder die Piece VI). Für etwas Clavieristisches "im Volkston" wäre er in Norddeutschland laut ausgelacht worden. Er war immerhin Schüler Kirnbergers und damit Enkelschüler JS Bachs. Und genau aus diesem Sektor kommt die herbe Kritik am "südlichen" Geklimper.

    Musik soll in der Sprache der Empfindsamkeit gesprochen "das Herz rühren"

    Das hat CPEB auch geschrieben und im gleichen Schriftzug die Musik seines Bruders Johan Christian als ein "Nichts" bezeichnet. Haben Sie dafür eine Erklärung?

    Erst einmal ist die Behauptung sehr, sehr fragwürdig, dass Musikliebhaber zur Zeit Mozarts anspruchslos gewesen seien

    Das habe ich nicht behauptet. Ich schrieb "Musik für relativ anspruchslose Liebhaber" und nicht, dass der Musikliebhaber zu Mozarts Zeit anspruchslos gewesen sei. Anspruchslose Musikliebhaber wird es zu allen Zeiten (Mozartzeit/heute) gegeben haben/geben. Aber auch die waren/sind ein Marktpotential.

    Nochmals: dieser Thread lautet "Ist Mozart überschätzt"? Ich schrieb dazu:

    "Auch Mozart hat schwache Werke abgeliefert (aus meiner Sicht), wie die Zauberflöte, die Flötenkonzerte/quartette, etliche Claviersoli, von seinen Frühwerken schweigt des Sängers Höflichkeit. Das ist völlig normal, ändert jedoch nichts an seiner Größe und Bedeutung." Was mich stört ist, dass diese schwächeren Werke von etlichen Mozartfans als "göttlich, einmalig, uvam" bezeichnet werden und damit überschätzt werden. Ob nun die Zauberflöte dazu oder nicht gerechnet wird ist letztlich eineGeschmacks/Auffassungsfrage. De gustibus non disputandum.


  • Kennen Sie die Clavierwerke von JAP Schulz? "Six diverses Pieces pour le Clavecin ou le Piano Forte"; "Sonata pour le Clavicembalo solo" in Es-Dur (mehr Werke sind nicht überliefert)? Falls nicht, empfehle ich Ihnen sich damit zu befassen (die gibt es nicht im Neudruck, ich könnte Ihnen jedoch eine Kopie überlassen). Da werden Sie die Ohren lange und müßig aufhalten müssen, um dort irgendetwas im Volksliedton, den "Schein des Bekannten", höchste Simplizität und Faßlichkeit, allerleichteste Modulationen zu hören. Er hat sich nicht eine Sekunde an jenen ominösen Kriterienkatalog gehalten. Der galt nur für die Lieder im Volkston. Die Clavierwerke sind höchst empfindsam, teilweise auch konzertant geschrieben, harmonisch mit schwierigen Modulationen (siehe das Adagio der Sonate oder die Piece VI). Für etwas Clavieristisches "im Volkston" wäre er in Norddeutschland laut ausgelacht worden. Er war immerhin Schüler Kirnbergers und damit Enkelschüler JS Bachs. Und genau aus diesem Sektor kommt die herbe Kritik am "südlichen" Geklimper.

    Nein, die Klavierwerke von J.A.P. Schulz kenne ich nicht. Die Antwort ist aber einfach, dass die Gattung einer Klaviersonate zum erhabenen und nicht zum empfindsam-einfachen Stil gehört wie das Volkslied. Man hielt sich im 18. Jhd. halt an die Gattungsnormen. Die Empfindsamkeit ist ein höchst ambivalentes Phänomen und schon im 18. Jhd. sehr zwiespältig beurteilt worden - auch bei den Romantikern. Man hat sie einerseits gefeiert andererseits als "platt" (Friedrich Schlegel) empfunden. Den Philosophen (I. Kant, J. F. Herbart) war sie gar suspekt. Man sollte deshalb Friedrich Schillers Schrift Über naive und sentimentalische Dichtung im Kopf haben. Die Empfindsamkeit ist beherrscht von einem sentimentalischen Interesse, die verlorene Natur zurückzugewinnen. Sie ist deshalb immer ein kritischer Reflex - man sucht das Ungekünstelte, Einfache, was man in hochartifizieller barocker Rhetorik und "gelehrter" polyphoner Satztechnik vermisst. Sentimentalisch ist das Bemühen um "Natürlichkeit", man imitiert also nicht einfach Volkslieder, sondern sucht den Volksliedton zu treffen. Das ist so paradox es klingt wiederum eine hochartifizielle Angelegenheit - genau das macht das Sentimentalische im Unterschied zum Naiven aus. Zu meinen, eine Arie aus der Zauberflöte oder ein Brahms-Lied, was im Volksliedton gehalten ist, wäre die platte Imitation von Volksmusik, ist daher ein groteskes Missverständnis.

    Das hat CPEB auch geschrieben und im gleichen Schriftzug die Musik seines Bruders Johan Christian als ein "Nichts" bezeichnet. Haben Sie dafür eine Erklärung?

    C.Ph.E. Bach steht für einen expressiven, "erhabenen" Stil (das war das Neuartige, was auch die Zeitgenossen an seinem Vortragsstil hervorhoben) und damit gerade nicht für Empfindsamkeit, welche das Natürlich-Einfache betont. Die kann er dann an seinem Bruder auch kritisieren.

    Nochmals: dieser Thread lautet "Ist Mozart überschätzt"? Ich schrieb dazu:

    Ja eben. Wenn man das wirklich ernsthaft zeigen will, dann muss man das an Mozarts großen und bedeutenden Werken tun. Man bewertet J.S. Bach ja auch nicht an seinem Klavierbüchlein für Anna Maghdalena oder Beethoven an "Für Elise". Bei der Zauberflöte geht das völlig in die Hose. Die zwiespältige Rezeption zeigt das. Man hat versucht im 19. Jh., die Größe dieses Werks noch größer zu machen, und hat damit das Entscheidende verkannt: den Geist der Aufklärung. Die Gattungstradition ist hierarchisch, wertet die Komödie und das Volksstück als niedere Gattung. Bezeichnend wird Papageno bei Mozart gerade nicht als lächerliche Figur hingestellt, sondern in seiner Oberflächlichkeit Ernst genommen. Das Komödiantische, es wird mit dem Erhabenen versöhnt und damit subversiv die Hierarchisierung der Gattungstradition unterlaufen. Der Aufklärungs-Humanismus ist nicht moralisierend und rigoristisch, sondern versöhnlich-tolerant. Deshalb ist es auch albern, sich über die vermeintlichen Albernheiten von Schikaneders Libretto aufzuregen. Dann hat man die Botschaft des Aufklärungs-Humanismus und damit die Größe gerade dieses Werks schlicht verkannt.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Die Empfindsamkeit ist beherrscht von einem sentimentalischen Interesse, die verlorene Natur zurückzugewinnen. Sie ist deshalb immer ein kritischer Reflex - man sucht das Ungekünstelte, Einfache, was man in hochartifizieller barocker Rhetorik und "gelehrter" polyphoner Satztechnik vermisst. Sentimentalisch ist das Bemühen um "Natürlichkeit", man imitiert also nicht einfach Volkslieder, sondern sucht den Volksliedton zu treffen.

    Tja, nun stellt sich sofort die Frage, was man sich unter der "verlorenen Natur, das "Ungekünstelte, Einfache" vorstellen soll. Befürchtungsweise ist all das reines Wunschdenken mit unendlich vielen subjektiven Antworten. Selbiges gilt ebenso für die Suche nach dem "Volkston". Komisch, lese ich "sentimentalisch", fällt mir sofort des Wort "kitschig" ein, womit wir wieder bei einer möglichen Beschreibung der Zauberflöte angelangt wären. Kitsch wird von vielen Menschen als "schööön" und erstrebenswert empfunden, wen wundert´s.


    C.Ph.E. Bach steht für einen expressiven, "erhabenen" Stil (das war das Neuartige, was auch die Zeitgenossen an seinem Vortragsstil hervorhoben) und damit gerade nicht für Empfindsamkeit, welche das Natürlich-Einfache betont

    Kann ein expressiver Stil nicht empfindsam sein?

    Wenn man das wirklich ernsthaft zeigen will, dann muss man das an Mozarts großen und bedeutenden Werken tun. Man bewertet J.S. Bach ja auch nicht an seinem Klavierbüchlein für Anna Maghdalena oder Beethoven an "Für Elise".

    So ist das. Mozarts Größe und Bedeutung wird an seinen Clavierkonzerten, Quartetten/Quintetten, da Ponte-Opern, uvam. festgemacht. Im Gegensatz dazu steht die Zauberflöte seit ihrer Existenz auch unter herber Kritik. Das lassen etliche Mozartianer nicht zu, und versuchen, dort Dinge hineinzuinterpretieren, wie "Aufklärungs-Humanismus", "Unterlaufen der Hierarchisierung der Gattungstradition". Glauben Sie ernsthaft daran, dass diese Überlegungen einen durchschnittlichen Opernbesucher damals wie heute interessieren? Der hofft doch schöne Musik zu hören.

  • Tja, nun stellt sich sofort die Frage, was man sich unter der "verlorenen Natur, das "Ungekünstelte, Einfache" vorstellen soll. Befürchtungsweise ist all das reines Wunschdenken mit unendlich vielen subjektiven Antworten. Selbiges gilt ebenso für die Suche nach dem "Volkston". Komisch, lese ich "sentimentalisch", fällt mir sofort des Wort "kitschig" ein, womit wir wieder bei einer möglichen Beschreibung der Zauberflöte angelangt wären. Kitsch wird von vielen Menschen als "schööön" und erstrebenswert empfunden, wen wundert´s.

    Einfälle kann der Mensch viele haben. Die "Empfindsamkeit" ist aber nun mal eine literatur- und musikgeschichtlich überreichlich erforschte Epoche. Da gibt es klare, objektiv verbindliche Kriterien, die man nur zu Kenntnis muss. "Sentimentalisch" hat auch rein gar nichts mit "sentimental" oder "sentimental-kitschig" zu tun. Wenn es eine Musik gibt, die garantiert kitschfrei ist, dann ist es Mozart.

    Kann ein expressiver Stil nicht empfindsam sein?

    Natürlich. C. Ph. E. Bach ist empfindsam.

    So ist das. Mozarts Größe und Bedeutung wird an seinen Clavierkonzerten, Quartetten/Quintetten, da Ponte-Opern, uvam. festgemacht. Im Gegensatz dazu steht die Zauberflöte seit ihrer Existenz auch unter herber Kritik. Das lassen etliche Mozartianer nicht zu, und versuchen, dort Dinge hineinzuinterpretieren, wie "Aufklärungs-Humanismus", "Unterlaufen der Hierarchisierung der Gattungstradition". Glauben Sie ernsthaft daran, dass diese Überlegungen einen durchschnittlichen Opernbesucher damals wie heute interessieren? Der hofft doch schöne Musik zu hören.

    Der "durchschnittliche Opernbesucher" kann mit beckmesserischer Kritik an der Zauberflöte schlicht gar nichts anfangen. Es wird sich kaum eine andere Oper finden lassen, die durchweg so unumstritten positiv aufgenommen, ja geradezu verehrt wird. Wenn man eine Umfrage machen würde: Welche ist Deine Lieblingsoper? - landete die "Zauberflöte" ganz weit oben, ich würde mal tippen auf den Plätzen 1 bis 3. Und ich wüsste nicht, dass es gegenüber Mozarts Musik "herbe Kritik" gegeben hätte. Herumgemäkelt wurde immer wieder an Schikaneders Libretto, aber nicht an Mozart. Und der Humanismus der "Zauberflöte" ist nicht hineininterpretiert, sondern hermeneutisch eindeutig - werkimmanent - ausweisbar. Wer sich ernsthaft mit der Materie beschäftigt hat, kann und wird das auch nicht bestreiten. Denn das wäre unsachlich und unsinnig.


    Schöne Grüße

    Holger

  • Die "Empfindsamkeit" ist aber nun mal eine literatur- und musikgeschichtlich überreichlich erforschte Epoche. Da gibt es klare, objektiv verbindliche Kriterien, die man nur zu Kenntnis muss.

    Da wäre ich aber sehr viel vorsichtiger. Die Epoche zwischen ca 1730 bis ca 1800 ist zwar gut erforscht, nur über die Namensgebung hat man sich nicht einigen können, da stilistisch/kompositorisch doch sehr unterschiedliche Materien vorliegen. Was darf es denn sein? Empfindsamkeit? Sturm und Drang? Geniezeit? Galanterie? Die Musikwissenschaft hat dann fantasielose Worte geschaffen: "Nachbarock", "Vorklassik", mit denen niemand etwas präzisieren musste. Waren die "Mannheimer" empfindsam oder galant?

    Die Ursachen für diesen Stilwandel in der Musik sind vielfältig. "Ideologisch" spielt die Aufklärung eine sehr wichtige Rolle. Man sollte jedoch die "weltlichen" Gründe nicht außer Acht lassen (was die Musikwissenschaft manchmal übersieht).

    - Öffentliche Konzerte, gleich ob Kaffeehäuser oder Säle, der Notendruck öffneten gewaltig den Musikmarkt,

    - dadurch verlor das Geschmacksdiktat der Höfe, das theologische Diktat der Kirchen sehr schnell an Einfluss,

    - die Bedeutung des festbestallten Hof/Kirchenmusikers sank rapide. Der Musiker konnte nun versuchen als freischaffender Künstler zu überleben (Konzerte; Unterricht; Notendruck). Folge:

    - um einigermaßen zu überleben, musste der Musiker sich den geschmacklichen Präferenzen der Liebhabermengen beugen. (Die Zauberflöte ist aus meiner Sicht ein typisches Produkt hierfür).

    Wenn man eine Umfrage machen würde: Welche ist Deine Lieblingsoper? - landete die "Zauberflöte" ganz weit oben, ich würde mal tippen auf den Plätzen 1 bis 3. Und ich wüsste nicht, dass es gegenüber Mozarts Musik "herbe Kritik" gegeben hätte. Herumgemäkelt wurde immer wieder an Schikaneders Libretto, aber nicht an Mozart.

    Ach ja, die "Umfragen"! Kein Wunder: stellte man die "Zauberflöte" der "Fledermaus" gegenüber, würde letztere gewaltig siegen. Endsieger wäre schließlich der Radetzkimarsch!!

  • Eine Liste der nach Anzahl der Aufführungen populärsten Opern findet sich hier:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…_der_popul%C3%A4ren_Opern


    Nach Umfragen unter Opernfreunden wurde diese Reihenfolge der beliebtesten Opern ermittelt:


    https://www.focus.de/kultur/me…es-stimme_aid_196188.html


    das alles ist mit Vorsicht zu genießen. Aber es ist mehr als ein Trend, und die Ergebnisse weichen sicherlich stark ab von der Meinung der "Opernfetischisten".



    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Quelle Werkstatistik 2016/17, Deutscher Bühnenverein , Zitat


    "In der Oper führt Humperdincks "Hänsel und Gretel" mit 33 Inszenierungen die Werkstatistik 2016/17 des Bühnenvereins an, gefolgt von Bizets "Carmen" mit 24 Inszenierungen und der sonst häufig erstplatzierten "Zauberflöte" von Mozart mit 23 Inszenierungen."

    .

    Die Beschäftigung mit Musik, selber spielend, hörend, im Nachdenken über sie und in der Diskussion im Forum soll Freude bereiten.

    Den Bratschenklang liebe ich wie der anderer tief klingender Instrumente: Bariton-Saxophon, Bassklarinette, Fagott, Kontrabass spiele ich neben anderen selber. Schubert ist mein Lieblingskomponist. Musik geniesse ich.

    .

  • Kein Wunder: stellte man die "Zauberflöte" der "Fledermaus" gegenüber, würde letztere gewaltig siegen

    Das glaube ich nicht. :)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Keine neuen Beiträge mehr von mir außerhalb meiner Besetzungsrubriken! (seit 5.11.2019)

    Von allem anderen, insbesondere Formulierungen des Forenbetreiberts wie "hätte man die Leute kalt gestellt" (4.12.2019 um 18.04 Uhr), distanziere ich mich ausdrücklich!

  • Da wäre ich aber sehr viel vorsichtiger. Die Epoche zwischen ca 1730 bis ca 1800 ist zwar gut erforscht, nur über die Namensgebung hat man sich nicht einigen können, da stilistisch/kompositorisch doch sehr unterschiedliche Materien vorliegen.

    Das gilt doch inzwischen für alle Epochen, weshalb in den 80er-Jahren das Neue Handbuch der Musikwissenschaft nicht nach Epochen sondern nach Jahrhunderten gegliedert wurde. Eine "empfindsame Epoche" dürfte tatsächlich nicht terminologischer Mainstream sein - aber was liegt daran?


    Das einzige, was ich hier lerne, ist, dass Du Alberti-Bässe nicht magst.

    ;)

  • Da wäre ich aber sehr viel vorsichtiger. Die Epoche zwischen ca 1730 bis ca 1800 ist zwar gut erforscht, nur über die Namensgebung hat man sich nicht einigen können, da stilistisch/kompositorisch doch sehr unterschiedliche Materien vorliegen. Was darf es denn sein? Empfindsamkeit? Sturm und Drang? Geniezeit? Galanterie? Die Musikwissenschaft hat dann fantasielose Worte geschaffen: "Nachbarock", "Vorklassik", mit denen niemand etwas präzisieren musste. Waren die "Mannheimer" empfindsam oder galant?


    Da kommt bei Dir wieder mal das Ingenieursdenken durch. ^^ In den Geisteswissenschaften gibt es jedoch keine simplen Eindeutigkeiten - die Empfindsamkeit ist ein hoch ambivalentes Phänomen. Und genau diese Ambivalenz begründet auch die reichhaltige Rezeptionsgeschichte bis hinein in die Romantik, wo sich dann ihre Bedeutung wandelt. Das heißt aber nicht, dass man keine verlässlichen Kriterien finden könnte, um die Empfindsamkeit zu definieren. Die Definition besteht in einem Bedeutungsfeld, wo es natürlich auch Überschneidungen gibt, aber das gehört zu. Man kann hier auch Wittgensteins Begriff der "Familienähnlichkeiten" bemühen. Der Begriff "Empfindsamkeit" stammt aus der Literatur - Lessing übersetzte damit das englische "sentimental". Auf die Musik ist er dann übertragen worden. Da ich mich mit der Materie beschäftigt habe - und auch mal zu einer ästhetisch-musikwissenschaftliche Konferenz zu dem Thema eingeladen wurde - kann ich einiges dazu sagen. Epocheneinteilungen sind immer problematisch und nur als grobe Orientierungen zu nehmen - wobei dann noch zu sagen wäre, dass Empfindsamkeit nicht unbedingt als Epochenbegriff verstanden werden muss. Die Romantiker selber wie E.T.A. Hoffmann haben "Romantik" ja auch nicht als Epochenbegriff verstanden - Beethoven war für Hoffmann ein originär romantischer Komponist! Im musikalischen Schrifttum kann man eine "expressivistische Wende" seit 1750 etwa ausmachen (nach H. H. Eggebrecht) - demnach liegt die Empfindsamkeit in der Musik vielleicht etwas später als in der Literatur. Es gibt aber jede Menge Verschränkungen von Musik und Literatur.

    Ach ja, die "Umfragen"! Kein Wunder: stellte man die "Zauberflöte" der "Fledermaus" gegenüber, würde letztere gewaltig siegen. Endsieger wäre schließlich der Radetzkimarsch!!

    Dazu später mehr - etwas zur Rezeption der Zauberflöte im 19. Jhd.

    Die Ursachen für diesen Stilwandel in der Musik sind vielfältig. "Ideologisch" spielt die Aufklärung eine sehr wichtige Rolle. Man sollte jedoch die "weltlichen" Gründe nicht außer Acht lassen (was die Musikwissenschaft manchmal übersieht).

    - Öffentliche Konzerte, gleich ob Kaffeehäuser oder Säle, der Notendruck öffneten gewaltig den Musikmarkt,

    - dadurch verlor das Geschmacksdiktat der Höfe, das theologische Diktat der Kirchen sehr schnell an Einfluss,

    - die Bedeutung des festbestallten Hof/Kirchenmusikers sank rapide. Der Musiker konnte nun versuchen als freischaffender Künstler zu überleben (Konzerte; Unterricht; Notendruck). Folge:

    - um einigermaßen zu überleben, musste der Musiker sich den geschmacklichen Präferenzen der Liebhabermengen beugen. (Die Zauberflöte ist aus meiner Sicht ein typisches Produkt hierfür).

    Das ist der Versuch einer musiksoziologischen Betrachtung, der leider völlig schief ist, gerade was die Empfindsamkeit angeht. Die Behauptung, dass Empfindsamkeit eine billige Konzession an den dummen Massengeschmack gewesen wäre, ist einfach falsch. Bezeichnend hat die Empfindsamkeit stark auf die Romantik gewirkt. Die Romantiker sind aber mehrheitlich Adlige und haben eine stark antibürgerliche Einstellung. Die Empfindsamkeit ist folglich die des einsamen Individuums, die sich vom bürgerlichen Massengeschmack abhebt und abheben will. Das Motiv geht schon auf Rousseau zurück (sein bezeichnender Buchtitel Träumereien eines einsamen Spaziergängers) und wird dann etwa von Senancour weitergetragen, der die Empfindsamkeit des vereinzelten Individuums gegen den Massengeschmack der verdorbenen Gesellschaft ausspielt - genau da liegt das "Sentimentalische" mit Schiller, das "Zurück zur (verlorenen) Natur". Die Empfindsamkeit ist also eher esoterisch und nicht populistisch. Zudem ist eine ihrer wesentlichen Quellen der Pietismus, der sehr institutionskritisch war und Religion als Sache des Gefühls empfand (bedeutendster Vertreter: Friedrich Schleiermacher).


    Schöne Grüße

    Holger