Mozarts Messen eine Vielfalt

  • Offenbar har man sich bei Naxos entschlossen, die Zusammenarbeit mit dem Kölner Kammerorchester, die seit dem Tod von Helmuit Müller Brühl zum erliegen gekommen war, wieder fortzusetzen. Eine kluge Entscheidung , denn Christoph Poppen leitet das Orchester nun schon seit 2013 erfolgreich.

    Mit der Gesamtaufnahme von Mozarts Messen komplettiert Naxos sein durchaus respektables Repertoire an geistlicher Musik.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU




  • Ich habe mich jetzt mal wieder etwas mit den Messen auseinandergesetzt. Es ist nicht einfach auf diese Liste einzugehen weil wie so oft im Leben ist nicht immer alles schwarz/weiß sondern die Wahrheit liegt manchmal dazwischen und es kommt immer auf den jeweiligen Teil des Ordinariums an. So allgemein kann man sie nicht pauschal als rein böswillige Unterstellungen abtun, aber sie sind zumindest undifferenzierte Urteile dessen Vorwürfe man nicht auf alle geistlichen Werke der Salzburger Zeit anwenden kann. Man darf ja nicht vergessen, Mozart war kein freischaffender Künstler in Salzburg der Experimente wie Beethoven mit seiner Missa Solemnis eingehen konnte, zudem gab es schon auch in musikalischer Hinsicht für jeden Teil des Ordinariums eine bestimmte der damaligen Zeitgepflogenheit entsprechende Erwartungshaltung (nicht nur vom Dienstherrn sondern auch den Messbesuchern). Die zunächst offensichtlichste ist die Zeitbeschränkung (praktikabel für eine Messe) und natürlich auch hinsichtlich der musikalischen Anlage. Ein Beispiel etwa: Bis ins späte 18. Jahrhundert war es überwiegend Standard das Kyrie feierlich, kraftvoll, mit dezenter Rhythmik zu gestalten während das Kyrie bei Schubert und Beethoven (auch schon in der großen c-moll Messe Mozarts) ein viel sinnlicheren, getragenen Ausdruck besitzt. Generell lässt sich feststellen, dass es bei den Messen des 18. Jahrhunderts kaum Spielraum gab sich künstlerisch zu verwirklichen (sehr wahrscheinlich die Gattung mit den größten Einschränkungen und striktesten Vorgaben, vor allem weil man im sehr religiös geprägten Erzbistum Salzburg keinen Spaß verstand wenn es um Musik für die Kirche ging) und auch mit ein Grund warum sich die KV 427 so sehr von den früheren Messen unterscheidet, denn hier gab es weder Auftrag noch Auftraggeber, Mozart konnte sich hier frei entfalten.


    Ganz grob gesehen sind sie natürlich alles andere als heterogen, zumindest wenn man unter Heterogenität so etwas wie Beethoven, Schubert und die letzten Mozart-Sinfonien versteht. Es gibt dennoch mitunter Teile die etwas aus der musikalischen Konformität herausstechen. Für mich persönlich ist seine mit Abstand beste geistliche mehrteilige Arbeit in der Salzburger Zeit die Vesperae Solennes de Confessore KV 339. Er arbeitete hier schon vermehrt mit Kontrasten, eine facettenreichere, detailliert ausgearbeitete Orchesterbegleitung und weitläufigeren thematischen Sequenzen (vor allem bei den meisten seiner „Missae Breves“ lässt sich da schon eine eher unverbindliche musikalische Schablonenhaftigkeit feststellen), das „Laudate Pueri“ zeigt schon eine sehr fortgeschrittene Kunst in der Polyphonie und das „Laudate Dominum“ ist für mich Mozarts bestes Stück innerhalb der Kombi Sologesang/Chor (hinsichtlich des thematischen Verlaufs und im Gegensatz zu vielem in der gleichen Gattung ein persönlicher, inniger Ausdruck). Das ist von der Kunstfertigkeit und Inspiration alles nicht mehr so weit weg von der großen c-moll.



    Natürlich soll in diesem Zusammenhang auch nicht das etwas früher entstande „Schwesterwerk“ Vesperae Solennes de Dominica KV 321 unerwähnt bleiben, aber ich finde diese durchgehend nicht ganz sto stark wie KV 339.


    Was die Messen betrifft so würde ich hier nicht wie üblich die Krönungsmesse KV 317 an die Spitze stellen. Sicher hat sie teils sehr prägnant, eingängige Themen mit Wiedererkennungswert (so etwas zieht immer wie man auch anhand der kleinen Nachtmusik und für Elise merkt), aber das ist zumindest für mich nicht das ultimative Kriterium das ich an eine Messe stelle. Obwol hier natürlich vor allem das „Qui tollis“ im Gloria und das „Agnus Dei“ schon einen guten Effekt erzielen, aber mir fehlen hier generell die polyphon gestalteten Teile die ich als die Königsdisziplin von solchen Messkompositionen betrachte (und anhand derer man auch besonders merkt wie gut ein Komponist sein Handwerk beherrscht) Meiner Ansicht nach ist KV 337 mit dem Beinamen „Missa Solemnis“ (etwa ein Jahr vor seiner Übersiedling nach Wien komponiert) insgesamt die beste Messkomposition Mozarts, also im Grunde genommen seine beste vervollständigte Messe, da ja KV 427 nur ein Fragment ist. Hier tut sich generell schon von der Kontrapunktik und Kontrasten einiges mehr als bei KV 317. Abseits von KV 427 das für mich beste „Credo“, „Benedictus“ (die einzige Fuge seiner Salzburger Messen) und „Agnus Dei“.



    Also das wäre somit ein gutes Beispiel, dass einiges aber nicht alles aus dieser Salzburger Zeit nur einfach gestrickter „Dienst nach Vorschrift“-Einheitsbrei war.


    Dann folgt sicher etwas Abstand. Drei Messen heben sich da meines Empfindens noch ein wenig vom Rest ab. Allen voran die „Missa Longa“ KV 262 (246 a). Aber hier merkt man schon weitaus mehr dass hier des Öfteren nach musikalischen Schablonen gegriffen wurde, die recht knapp und vorhersehbar strukturiert sind. Highlights sind hier das polyphone „Cum sancto spiritu“ des Gloria oder das Wechselspiel zwischen Sopran und Chor im „Agnus Dei“. Die knapp gehaltenen (etwa viertel Stunde Aufführungsdaer) „Spaur“ bzw. „Piccolomini“ KV 258 und „Orgelsolo“-Messe KV 259 sind sich ihn der Gestaltung und Formanlage ingesamt recht ähnlich, haben punktuell auch ein paar leichte positive Auffälligkeiten (etwa das cantabile Kyrie von KV 259 oder der recht einprägsame und abwechslungsreiche melodische Bogen des Agnus Dei von KV 258)


    Vielleicht wäre es ungerecht die restlichen Messen im Bausch und Bogen als musikalische Produkte von der Stange zu deklarieren, aber der Trend geht, so objektiv muss man sein, schon in diese Richtung. Die jüngere c-moll KV 139 sticht für mich im Allgemeinen auch nur durch ihre deklarierte Tonart, sowie Länge unter all den Dur-Messen aus seiner Kindheit hervor, aber der Kontrast zu seinen geistlichen Werken ab ca. 1780 ist kaum besser als der zwischen der „Alte Lambacher“-Sinfonie und der „Prager“-Sinfonie. Und auch Messen wie die „Spatzenmesse“ oder ganz zu schweigen von KV 194, 192, 140,… da bin ich mir ziemlich sicher, dass es teils interessanteres bei den weniger bekannten Komponisten gibt, etwa Albrechtsberger, Anton Teyber, Peter von Winter, sowieso Eybler.


    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Jordi Savall hat die Grosse c-Moll Messe KV 427 aufgenommen. Das Werk ist in seiner Urgestalt unvollständig.

    Das Fehlende wurde ergänzt:


    Neue Fassung erstellt und rekonstruiert von Luca Guglielmi nach Werken von Mozart.

    Ergänzungen zum Credo: Crucifixus – Et resurrexit; Et in spiritum sanctum. Ergänzungen zum Sanctus: Hosanna in excelsis; Hosanna in excelsis (da capo).

    Agnus Dei (komplett))


    Giulia Bolcato, Elionor Martinez, Marianne Beate Kielland, David Fischer, Matthias Winckhler, La Capella Nacional de Catalunya, Le Concert des Nations, Jordi Savall


    ich bin gespannt, wie ich das Werk in dieser neuen Gestalt erleben werde.


    Infos zur Messe auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Große_Messe_in_c-Moll


    Das Tamino Klassikforum hat für KV 427 einen eigenen Thread: Mozarts Große Messe in c-moll - ein gewaltiger Torso