Was höre und sehe ich zur Zeit

  • Hallo zusammen,


    Ich möchte auf eine kleine Rarität aufmerksam machen, die ich kürzlich auf DVD anhören durfte. Es handelt sich um die Oper ,,Merlin" von Isaac Albeniz. Ich als jemand, der mit den Klavierwerken von Albeniz quasi aufgewachsen ist und nicht wusste, dass es tatsächlich Opern von ihm gibt, war vom dem Gedanken begeistert und kaufte im Überschwang der Begeisterung die einzige DVD, die es von dem Werk gibt:


    Isaac Albeniz (1860-1909): Merlin, DVD


    Vorab für die, die die Oper nicht kennen: Albeniz schrieb das Werk nach dem Libretto seines Gönners und Freundes Francis Burdett Money-Coutts, eines reichen englischen Adeligen, der Albeniz finanziell unterstützte und sich im Gegenzug seine Textbücher von ihm vertonen ließ. ,,Merlin" war der erste Teil einer geplanten, aber nicht vollendeten ,,König-Artur"-Trilogie. Musikalisch zweifellos tragisch, dass es bei einem Teil blieb. ,,Merlin" hat viele musikalische Höhepunkte und hat mich in der Hinsicht kein bisschen enttäuscht, eher sogar positiv überrascht. Eine Tanzeinlage im 3. Akt hat sogar verstecktes spanisches Kolorit und klingt wirklich nach dem, was man sich unter Albeniz vorstellt. Teilweise mitreißende Chorszenen, unter anderem eine am Ende des 1. Aktes, welches ein gregorianisches (oder gregorianisch-artiges) Thema zugrunde legt. Die Musik also ist ein Schmaus für alle Liebhaber der Spätromantik.


    Dagegen strotzt jedoch das Libretto nur so von herumarchaisierender Sprache, wie ein schlechter englischer Wagner-Abklatsch. Es gibt Brüche in der Dramaturgie (1. Akt: Artus zieht Schwert aus dem Stein und wird dafür zum König gekrönt, unter dem argwöhnischen Blick der Hexe Morgan le Fay und ihrem Sohn Mordred; 2. Akt: Mittlerweile wurde schon ein ganzer Krieg zwischen Artus und Morgan/Mordred geführt, den Artus gewonnen hat, wo man sich fragt: Hätte man da nicht eine Zwischenszene machen können, die zu diesem Krieg irgendeinen Bezug aufbaut? Vom 3. Akt will ich gar nicht erst anfangen), die Figuren bleiben schablonenhaft und im allgemeinen fragt man sich: Braucht es dafür wirklich eine Oper?


    Die andere Seite der Kritik ist die Einspielung. Wir sehen hier eine der ersten vollständigen Aufführungen der Oper, gefilmt im Teatro Real Madrid. Am Dirigierpult steht Jose de Eusebio (der die Originalpartitur teilweise rekonstruiert hat, nachdem sie für einige Zeit verschollen war), Regie führt John Dew. Die Inszenierung war annehmbar, kein großer Wurf. Die Massenszenen wurden ordentlich ausgekostet, aber letztlich hat es Dew nicht geschafft, den Schwächen des Librettos entgegenzuwirken. Jose de Eusebio als Dirigent ist die Mühe um das Werk sicherlich nicht abzusprechen, und im allgemeinen bewältigt das Orchester die Aufgabe recht souverän. Jetzt komme ich jedoch erst zur eigentlichen Schwachstelle. Wie ein Rezensent auf Amazon bereits festgestellt hat, schrieb der Kritiker Edward Greenfield über die Einspielung: ,,Großartig gesungen von einer Starbesetzung". Es tut mir in der Seele weh, sagen zu müssen, dass man davon leider nicht viel merkt. Stuart Skelton in der Rolle des König Artus ist noch relativ angenehm zu hören, eine Meisterleistung ist jedoch was anderes. David Wilson-Johnson in der Titelrolle des Merlin möchte ich auch nicht absprechen, dass er grundsätzlich singen kann. Er leidet ein wenig unter der (nicht ganz optimalen) Klangqualität. Trotzdem war er immer noch besser als Carol Vaness, die die Rolle der sarazenischen Sklavin Nivian übernimmt und dabei wirklich nur die tieferen Töne treffen kann. Doch den Vogel abgeschossen hat wirklich Eva Marton (!) als die böse Hexe Morgan le Fay. Eva Marton, bekanntlich in den 1980er Jahren eine Sängerin mit beeindruckendem Klangvolumen, scheint in der Zwischenzeit eine Nebenausbildung als lebende Fabriksirene gemacht zu haben, denn durch ihr Vibrato wird quasi jeder Ton (bis auf ein paar tiefere im 2. Akt) zu einem oszillierenden Geräusch entstellt. Ein Vergnügen ist wahrlich etwas anderes!


    Leider ist die DVD derzeit alternativlos, wenn man die Oper auf Video sehen möchte. Vielleicht kommt in den nächsten Jahren ja wieder jemand auf die Idee, die Oper aufzuführen mit Sängern, die der grandiosen Musik von Albeniz gerecht werden.


    LG aus Passau,

    Felix Graf Lambsdorff

    ,,Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet." - Nikolaus Harnoncourt

  • Jean Sibelius

    Sinfonie Nr.2 D-Dur Op.43

    Paavo Berglund

    Chamber Orchestra of Europe

    Live: Finlanida Hall,23.08.1998

    Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie. Wem meine Musik sich verständlich macht, der muß frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen.

    Ludwig van Beethoven


    Bruckner+Wand So und nicht anders :)

  • Hallo zusammen,


    Nach längerer Inaktivität möchte ich mal wieder zu einem Opernmitschnitt meinen Eindruck mitteilen, nämlich über einen, den ich vor einiger Zeit über die Arte-Mediathek anschauen durfte (man findet ihn noch kostenpflichtig über medici.tv, siehe Dukas's Ariane et Barbe-Bleue (medici.tv), im Folgenden sollte aber klar werden, dass es sich bei einer solchen Darbietung nicht lohnt, Geld zu bezahlen). Es handelt sich dabei um die Oper ,,Ariane et Barbe-Bleue" von Paul Dukas. Ich als jemand, der ein großer Liebhaber der symphonischen Werke Dukas' bin (und diese reduzieren sich nicht auf den ,,Zauberlehrling"), ging mit hohen Erwartungen hinein. Die Handlung der Oper ist relativ schnell erzählt: Ariane soll Herzog Blaubarts sechste Ehefrau werden. Sie bekommt von ihm sieben Schlüssel für die Schatzkammern, den siebten, goldenen darf sie jedoch nicht benutzen. Sie erliegt ihrer Neugierde und benutzt den goldenen Schlüssel. Sie öffnet die Tür und findet dort Blaubarts fünf andere Ehefrauen, die er dort im Verlies festgesetzt hat. Ariane kann einen Ausgang aus dem Verlies finden und die fünf Frauen befreien und schließlich den festgesetzten Blaubart einem wütenden Mob von Bauern übergeben, doch die Frauen sind bereits zu sehr an Blaubart gebunden durch ihre Gefangenschaft und lehnen daher die Freiheit, die Ariane ihnen anbietet, ab. Also eine Emanzipationsgeschichte mit durchaus resignativem Ende.


    Zuerst einmal die positiven Dinge: Die Musik hat meinen Erwartungen durchaus entsprochen, äußerst klangvolle farbenreiche Musik, teilweise in wagnerischer Opulenz, jedoch stets die impressionistisch-virtuose Klangsprache Dukas' verratend, wie man sie aus dem Zauberlehrling kennt. An dem Dirigat von Lothar Koenigs ist nichts auszusetzen, er beherrscht Dukas' Orchesterklänge sehr souverän. Es hätte ein so schönes Hörerlebnis sein können, doch verschiedene Dinge haben das verhindert, die ich im Folgenden ein wenig aufarbeiten möchte. Von meinem leicht satirischen Unterton her sollte man schnell merken, dass ich mich ordentlich geärgert habe.


    Über die gesanglichen Leistungen möchte ich gar nicht allzu viele Worte verlieren. Tomislav Lavoie als Blaubart singt ganz ordentlich, aber nicht allzu viel in dieser Oper. Über die meiste Zeit hat man es mit den Sängerinen von Ariane und ihren Leidensgenossinen zutun, und ,,Leiden" ist hier ein gutes Stichwort. Katarina Karnéus in der Rolle der Ariane singt zwar zumindest auf mittelmäßigem Niveau, die Töne werden halbwegs getroffen, doch halte ich sie für eine Fehlbesetzung. Sie strahlt nicht die Stärke und Entschlossenheit aus, die eine Rebellin für Emanzipation gegen die gesellschaftlichen Normen der Zeit benötigt, sondern verrät in jedem Ton, den sie singt, eine recht divenhafte Selbstgenügsamkeit. Der Gesang der fünf anderen ähnelt mit wenigen Ausnahmen Geschrei mehr als eigentlicher Musik.


    Nun zum eigentlichen Kritikpunkt an der ganzen Sache. Wenn ich anfangs schon gewusst hätte, dass hinter der Produktion das Künstlerkollektiv ,,La Fura dels Baus" steckt, wäre mir diese Aufführung von vornherein spanisch vorgekommen - bzw. in diesem Fall katalanisch. Diese Ansammlung von Kulturphilistern, die aus jeder noch so oberflächlichen und geistlosen Modernisierung dramatischer Stoffe ihre künstlerische Selbstbefriedigung ziehen, hat sich nach der Ring-Inszenierung in Valencia, bei der ich den unbeweglich herumstehenden Darstellern nicht nur Ausdauer, sondern auch gute Thrombosestrümpfe gewünscht hätte, nun zur - gar nicht mal so unlösbaren - Aufgabe gemacht, Dukas' Oper einen frischeren Anstrich zu geben. Vor dem Hintergrund aktueller Themen und Debatten um den Feminismus hätte es da sicherlich genug Ansatzpunkte gegeben. Doch anstatt die Handlung der Oper etwa in eine Waschküche zu verlegen - das hätte ja wenigstens Sinn gemacht -, kam dem ,,Regisseur" Alex Ollé einer dieser für ,,La Fura dels Baus" so typischen Einfälle, die ihresgleichen suchen, hoffentlich aber nie finden. Aus der ganzen Burg Blaubarts wird mehr eine Feiergesellschaft, die Schatzkammer im 1. Akt ist mehr imaginär, die Edelsteine werden durch etwas oberflächliche Lichteffekte ersetzt, die ,,Flucht" aus dem Verlies wird dadurch dargestellt, dass die sechs Frauen einen Berg aus Tischen und Stühlen errichten, um diesen dann zu besteigen und uninspiriert auf ihm stehen zu bleiben, um am Ende wieder runterzugehen. Alles in allem habe ich schon einige moderne Inszenierungen gesehen, die am Ende nicht überzeugt haben und bei denen ich dennoch den Eindruck hatte, dass sie für manche Leute Sinn ergeben könnte. Bei vorliegender fehlte mir die Fantasie dafür.


    So gilt wie so oft: Bleibt abzuwarten auf eine bessere Fassung, oder man greift auf eine der CD-Einspielungen zurück.


    Mit besten Grüßen aus Passau,

    Felix Graf Lambsdorff

    ,,Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet." - Nikolaus Harnoncourt

  • Nach längerer Inaktivität möchte ich mal wieder zu einem Opernmitschnitt meinen Eindruck mitteilen, nämlich über einen, den ich vor einiger Zeit über die Arte-Mediathek anschauen durfte (man findet ihn noch kostenpflichtig über medici.tv, siehe Dukas's Ariane et Barbe-Bleue (medici.tv), im Folgenden sollte aber klar werden, dass es sich bei einer solchen Darbietung nicht lohnt, Geld zu bezahlen).

    Genau diese Inszenierung aus Lyon kann man auch vollkommen kostenlos hier anschauen. Einstieg in die Oper ab Minute 00:19:00 (vorher werden Instrumente gestimmt).


    https://www.bilibili.com/video…337.search-card.all.click

    CAST
    Alex Ollé | Stage director
    Alfons Flores | Set designer
    Urs Schönebaum | Lighting
    Josep Abril Janer | Costume designer
    Katarina Karnéus | Ariane
    Anaïk Morel | Nurse
    Adèle Charvet | Sélysette
    Hélène Carpentier | Mélisande
    Tomislav Lavoie | Barbe-Bleue
    Margot Genet | Ygraine
    Amandine Ammirati | Bellangère
    Caroline Michel | Alladine
    Orchestre et Chœurs de l'Opéra de Lyon
    Lothar Koenigs | Conductor

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • https://www.bilibili.com/video/BV1Ri4y1t7Fv/?spm_id_from=333.337.search-card.all.clickDa ich gerade dabei bin, auch die folgende Oper gibt es ohne Geld ausgeben zu müssen.

    Ich möchte auf eine kleine Rarität aufmerksam machen, die ich kürzlich auf DVD anhören durfte. Es handelt sich um die Oper ,,Merlin" von Isaac Albeniz.

    Isaac Albeniz (1860-1909): Merlin, DVD

    https://www.bilibili.com/video…t7Fv/?spm_id_from=333.337

    Alles Gute und einen Gruß von Orfeo

  • Danke, lieber Orfeo, für die Hinweise! So kann man besser nachprüfen, ob ich mit meinen Einschätzungen richtig liege. Allerdings fehlen beim Merlin die Untertitel - was dem Verständnis des etwas kryptischen Librettos sicherlich nicht gut tut. Aber das beste dieser Merlin-Einspielung sind meines Erachtens - auch dank der wunderschönen Musik von Albeniz - ohnehin die Tanzeinlagen im 3. Akt. Und die kann man sicherlich auch ohne Untertitel genießen.


    LG aus Passau

    ,,Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet." - Nikolaus Harnoncourt