Ein Fehler Mozarts? Klarinettenkonzert falsch gedruckt?

  • Salut,


    just fragte mich jemand, was eine halbe Note mit zwei Punkten oberhalb bedeutet. Konkrekt nahm "jemand" Bezug auf Takt 92 des Particells des G-Dur-Fragmentes von Mozart's Bassetthornkonzert. Staunend blickte ich die Note an und stellte fest, solches noch niemals gesehen zu haben. Das Autograph ist in der NMA (S. 170, Takt 3 solo) als Faksimile wiedergegeben. "Jemand" meinte, es könne sich um eine spezielle Spielweise der Bassettklarinette handeln, was ich ausschloss, weil wenige Takte später dasselbe in der ersten Violine vorkommt.


    Ich vermute, dass es sich um eine Abbreviatur handelt, also zwei Viertelnoten gemeint sind, obwohl es wenig Sinn macht, zwei Viertelnoten in Form einer "doppelt Punktierten halben Note" abzukürzen. Nach dem Schema Ganze Note mit vier Punkten = vier Viertelnoten müsste es aber stimmen.


    Wenn dem so sein sollte, dann ist Mozarts Klarinettenkonzert, welches auf Basis dieses G-Dur-Fragmentes aufgebaut ist und von dem es kein Autograph (mehr) gibt, falsch gedruckt, denn die jeweilige Stelle wurde jeweils allein als halbe Note abgedruckt.


    Zur Klarstellung: die beiden Punkte sind oberhalb der jeweiligen Note (quasi ein "Doppelstaccato) und nicht hinter der Note als doppelte Punktierung (was metrisch auch keinen Sinn ergäbe...).


    Weiß jemand mehr?


    Danke und viele Grüße

  • Hallo Ulli,


    wir sind uns nicht sicher, ob wir Deine Frage so ganz verstehen, und da wir selbst keine Noten lesen können (WIR ARBEITEN DARAN :]) ist es freilich kein leichtes Thema. Wir haben gerade das Buch „Das Zauberflötenwunder - Odyssee einer Handschrift“ von Karl-Heinz Köhler zu Ende gelesen und sind dabei auf folgenden Text gestoßen:


    „Die Kopisten, deren Namen uns nur in wenigen Ausnahmefällen bekannt sind, folgten gewöhnlich dem Notentext der Urschrift sehr gewissenhaft, Wir finden die gleiche Anordnung der Zeilen, vielfach auch die gleiche Anordnung der Seiten vor, und kaum enthalten solche Kopien Textfehler bei der Darstellung der Tonhöhen und Rhythmen. Dies ist einleuchtend, denn Fehler solcher Art wären jedem kundigen Kapellmeister sofort aufgefallen. Wo indes die Nachprüfbarkeit versagen musste, wurde oft recht flüchtig, ja stellenweise sogar schluderig vorgegangen. So wurden die Phrasierungsbögen häufig sehr großzügig gesetzt, auf Feinheiten in den Artikulationsbezeichnungen kaum Rücksicht genommen. PUNKTE UND STRICHE werden gewöhnlich überhaupt nicht unterschieden. Die geschäftstüchtigen Abschreiber haben sich wohl von der Devise leiten lassen, die Sorgfalt dann zu Gunsten der schnellen Belieferung aufzugeben, wenn es nicht mehr auffallen konnte...


    Kann es sich also um einen Kopistenfehler handeln der dann ebenso falsch in Druck ging?


    Liebe Grüße aus dem immer noch weißen Bayern


    Bettina und Wilfried

  • Zitat

    Original von Bettina und Wilfried


    Kann es sich also um einen Kopistenfehler handeln der dann ebenso falsch in Druck ging?


    Salut,


    DAS ist genau meine Vermutung, aber mangels der Originalhandschrift lässt sich dies nicht (mehr) beweisen.


    Die Frage ist aber auch, ob eine "oberhalb doppelt punktierte halbe Note" als zwei viertel Noten zu interpretieren ist...


    Viele Grüße aus der Arbeitswelt,


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli


    Die Frage ist aber auch, ob eine "oberhalb doppelt punktierte halbe Note" als zwei viertel Noten zu interpretieren ist...


    Hallo Ulli,


    wir fangen mit dem Buch "Mozarts Musiksprache" an. Vielleicht finden wir dort etwas darüber (ist für uns nur s...schwer zu lesen...)


    Liebe Grüße
    B&W

  • Hallo Ulli und andere,


    auch mich würde interessieren, ob mittlerweile bezüglich der Doppelpunktierung etwas herausgefunden wurde.


    Danke und Gruß,


    Uwe

  • Hallo Ihr Experten,


    habt Ihr denn überhaupt noch Freude am spontanen Musikhören,
    ganz unvorbelastet von "oberhalb doppelt punktierte halben Noten"?


    Für mich ist Mozarts letztes Klarinettenkonzert mit das Schönste, was er geschaffen hat. Vor allem der zweite Satz.


    Ich habe diesen in meinem Film "Ich hatte eine Farm in Afrika" sozusagen als Leitmelodie verwendet. Es geht darin um das Leben der KAREN BLIXEN, vor allem um ihre Zeit in Afrika. Natürlich in Anlehnung an den Kino-Klassiker "Out of Africa".


    Es ist schon merkwürdig, wie diese Musik zur emotionalen Identifikationskulisse einer Szenerie werden kann, die in einem gänzlich anderen Erdteil spielt. Bezeichnend ja auch die Szene, in der neugierige Affen den Mozartklängen aus Denys Grammophon lauschen. Spricht das für die überirdische Universalität Mozartscher Musik?


    Herzlichst, Euer Amadé Rosenkrantz

  • Zitat

    Original von Amadé Rosenkranz


    habt Ihr denn überhaupt noch Freude am spontanen Musikhören,
    ganz unvorbelastet von "oberhalb doppelt punktierte halben Noten"?


    Salut Rosenkrantz,


    ja selbstverständlich! =) Es geht ja dabei teilweise schon auch um die Errettung des eigenen Herzens oder der Seele eines Werkes. Es gibt für mich, als gebohrener [Hommage :D ] penetranter Nachbohrer eine äußere und innere Werkwahrheit: Es würde nämlich im Charakter an dieser Stelle ganz anders sein - im Entwurf für Bassetthorn sieht das so aus:



    :hello:


    Ulli

  • Hallo,


    da die Bilddatei verschwunden ist, klebe ich sie hier nochmals ein, in der Hoffnung, jemand bietet eine Erklärung dafür:



    Nochmals: Es kann sich m. E. nicht um einen Schreibfehler o.ä. handeln, da wenige Takte später genau gleich in der ersten Violine so notiert wurde.


    :hello:


    Ulli

  • Ja, im allgemeinen scheint mir auch eine bestimmte Artikulation am wahrscheinlichsten. Aber ich werde sobald wie möglich noch mal meinen Onkel befragen, der ist Lektor im Henle Verlag und vielleicht sind ihm ja schon solche Bezeichnungen untergekommen.

  • Hallo,


    ich kann auch keine Lösung anbieten. Habe aber u. U. eine kleine Idee:


    Ich habe die CD vom Label k617 mit KV 439b alle 5 Divertimentis für Bassethörner. Leider ist diese CD offensichtlich nicht mehr im Handel.


    Es gibt aber

    und das für einen Spottpreis von 6,99€


    Wer sich nun dass Notenmaterial für die auf dieser CD eingespielten Mozart-Werke besorgt - und Bassethorn hat Mozart vermutlich genauso notiert wie Klarinette - könnte u. U. auf den gleichen "Fehler" stoßen wie bei KV 622?


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler