Eugen Onegin Salzburg 2007

  • Liebe Tamiano-Mitglieder!
    Kleine Inhaltsangabe:
    Lyrische Szenen in drei Aufzügen
    Im Mittelpunkt stehen zwei Außenseiter: Tatjana, die vor der Enge ihrer provinziellen Welt in die Phantasiewelt der Romane flüchtet, und Onegin, der Petersburger Intellektuelle und vom Leben enttäuschte Zyniker.

    Eugen Onegin wird durch eine Erbschaft aufs Land verschlagen und trifft dort auf die Schwestern Tatjana und Olga. Tatjana verliebt sich in ihn, wird jedoch kühl zurückgewiesen. Als auf einem Ball Olga ihren Verlobten, den Dichter Lenski, mehrere male zugunsten Onegins abweist, kommt es zum Eklat, der in einem Duell gipfelt - Lenski fällt.
    Jahre später trifft Onegin Tatjana, die inzwischen geheiratet hat, wieder und muss erkennen, dass er das Glück seines Lebens versäumt hat. Die nach all den Jahren noch immer verletzte Tatjana weist ihn ab. Sie ist nicht bereit ihre jetzige Stellung der Liebe Onegins zu opfern.

    Besetzung:
    In den Hauptrollen Peter Mattei (Eugen Onegin), Anna Samuil (Tatjana), Joseph Kaiser (Lenski) und Ekaterina Gubanova (Olga). Am Dirigentenpult: Daniel Barenboim, Wiener Philharmoniker


    Also, ich war hin und weg!


    Es war nach der für mich recht mittelmässigen Besetzung der "Toscca", in Bregenz der absolute Hörgenuss!
    Gestern hätte die Oper nur eher Tatjana und nicht Eugen Onegin heissen müssen!
    Jetzt sollte sich auch eine Frau Netrebko warm anziehen! Eine sollche stimmliche Höchstleistung, wie von Anna Samuil, als Tatjana, habe ich schon lange nichtmehr gehört. Eine Stimme die mit der russischen Seele lebt und liebt! Alle 3 Akte, ohne wenn und aber!
    Ebenso eine Ohrenfreude, der mit 29.Jahren, sehr, sehr junge Joseph Kaiser, Preisträger des Domingo-Wettbewerbes.
    Es war ganz und gar eine wunderschöne Opernarbeit, die hir gezeigz wurde.
    Daniel Barenboim hat den Wiener Philharmonikern, besoders den Streichinstrumenten, die wienerische Süße genommen und ihnen den Klang der Sehnsucht und des bitteren Schmerzes verliehen.
    Für mich ein Hörgenuss!
    Euer Maximilian Schöner

  • Hallo zusamen,


    aus Respekt vor allen Mitwirkenden hier nochmals die Darsteller und ihre Rollen:


    Larina: Renée Morloc
    Tatjana: Anna Samuil
    Olga: Ekaterina Gubanova
    Filipjewna: Emma Sarkissián
    Eugen Onegin: Peter Mattei
    Lenski: Joseph Kaiser
    Fürst Gremin: Ferruccio Furlanetto
    Hauptmann: Sergej Kownir
    Saretzki: Georg Nigl
    Triquet, ein Franzose: Ryland Davies


    Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
    Wiener Philharmoniker
    Leitung: Daniel Barenboim


    Regie: Andrea Breth
    Bühnenbild: Martin Zehetgruber


    Ich schließe mich Maximilians Beitrag weitgehend an und möchte noch Ferruccio Furlanetto als Gremin erwähnen, der für seine kleine aber feine Rolle auch gebührend gefeiert wurde.
    Junge, frische Gesichter in den Hauptrollen, eine stämmige wohltimbrierte Gutsherrin (Renée Morloc) und eine verschmitzt-liebenswürdig-neugierige Amme (Emma Sarkissián), eine Inszenierung vom Feinsten und ein Bühnenbild, was heute oft schmerzlich vermißt wird, das hat zu einem Höchstgenuß für Aug und Ohr geführt.
    Große Begeisterung für Anna Samuils Tatjana - besser kann man diese Rolle nicht singen und gestalten - die junge Sopranistin hat sich in die Herzen der Zuschauer gesungen und war der Star des Abends.
    Doch die Oper heißt zu Recht Eugen Onegin. Der schwedische Bariton Peter Mattei hat gestern Abend ebenfalls das Tor zu einer Weltkarriere weit aufgestoßen.
    Insgesamt ein sehr erfreulicher Opernabend, wenngleich auch "nur" vor dem Fernseher genossen. :jubel::jubel: :jubel:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Dann stimme ich mal in den allgemeinen Jubel ein. Mir hat die Sängerleistung außerordentlich gut gefallen. Bei Anna Samuil war ich etwas skeptisch, da ich sie hier vor zwei Jahren als Musette und als Adina gehört hatte. Und da klang sie in der Höhe ziemlich scharf. Umso schöner fand ich jetzt ihre hörbar gerundete Höhe bzw. Stimme insgesamt. Und das ganze "garniert" mit viel Seele - wunderbar!
    Auf Furlanetto hatte ich mich gefreut, ich hab ihn als Fiesco schon live gehört und war damals auch Anhieb begeistert. Sympathisch fand ich sein Statement, dass der Gremin zwar keine große Rolle sei, aber eine, mit der man punkten kann. So san's die Sänger ;) !
    Bin wirklich mal gespannt, ob die Prognose der Moderatorin, dass die Aufführung gestern "Türen zur Weltkarriere" geöffnet hat, zutrifft. Zu wünschen wäre es den Sängerinnen und Sängern.


    Mit dem "uns" Berlinern durchaus bekannten Ritual, das Orchester mit auf die Bühne zu holen, hat Barenboim fast mehr Applaus bekommen, als die Sänger.


    Zitat

    Der schwedische Bariton Peter Mattei hat gestern Abend ebenfalls das Tor zu einer Weltkarriere weit aufgestoßen. Und das mit 29 Jahren.


    Lieber Siegfried,
    hier irrst Du, Mattei ist Jahrgang 65. Wenn mich nicht alles täuscht, war der Tenor "erst" 29.


    Gruß
    Rosenkavalier

  • Hier in aller Kürze meine Eindrücke vom gestrigen (TV-)Opernabend:


    Anna Samuil verfügt über einen sehr ausdrucksvollen, runden und samtig-satten Sopran. Ihr Timbre ist damit dem von Anna Netrebko nicht unähnlich, dabei aber kräftiger. Insgesamt (mit geschlossenen Augen, d.h. nicht durch Äußerlichkeiten korrumpiert) hat sie für mich die noch schönere Stimme. Unschöne Spitzen in der Höhe konnte ich keine hören. Peter Matteis Leistung lag vor allem im Schauspielerischen, denn gesanglich gibt die von Tschaikowski stiefmütterlich behandelte Partie (er muss die Figur des Eugen Onegin, soweit er ihn überhaupt verstand, wirklich verabscheut haben) wenig her. Sehr schön zwischen jungendlich-überschwenglicher Lyrik und selbstmitleidiger Verzeiflung sang Joseph Kaiser. Sehr eindrucksvoll das Spiel der Filipjewna. Furlanetto blieb blaß.


    Baremboim ließ die Wiener ambitioniert aufspielen. Auch an Stellen forcierter bläserlastiger Dynamik kippte ihr Spiel aber nie ins bombastisch-verzerrte. Gleichwohl entstand eine Klangsprache, das mich manchmal sehr an Verdi erinnerte. Der Grund, warum der Eugen Onegin erstmals in Salzburg zur Aufführung kam, mag wohl auch daran liegen, dass sich die Oper als Ansammlung lyrischer Szenen, die letztlich introvertiert und "leicht" komponiert sind, nicht für die ganz große Bühne eignet. Tschaikowski selbst wollte sie auf kleiner Bühne aufgeführt sehen. Schließlich will die Musik dieser Oper (anders als bei Verdi) nie die äußerenen Geschehnisse vorantreiben, sondern nur die seelischen Zustände der Handelnden beschreiben. So gesehen haben Baremboim und die Wiener das Wesen des Eugen Onegin vielleicht verfehlt oder jedenfalls arg in Richtung "große Oper" strapaziert. Durch diese Art des Spiels (im Sinne eines dramatischen Handlungsablaufs) wurden die Brüche zwischen den Szenen unweigerlich unterstrichen. Dies gerade hatte Tschaikowski durch seinen lyrischen Szenenansatz von vornherein vermeiden wollen. Ich meine daher, dass sich der Eugen Onegin so in eine falsche, nicht werkgerechte Richtung bewegt (ähnlich wie auch manches Werk des Belcanto in der Vergangenheit zu sehr in Richtung der "Großen Oper" interpretiert wurde, um es "massentauglicher" zu machen). Ich konnte auch nicht nachvollziehen, warum die Kommentatorin nach der Oper von einem "kammermusikalischen Ansatz" von Dirigent und Orchester sprach. Das war es gerade nicht. Aber: Innerhalb des von Baremboim gewählten "äußerlichen", sehr effektvollen und unterhaltsamen Ansatzes empfand ich sein Dirigat und das Spiel der Wiener als sehr gekonnt.


    Die Inszenierung war meines Erachtens insgesamt ebenfalls gelungen. Sehr schön insbesondere die Überlagerung von "Innen" und "Außen" in der 1. Szene und der Duellszene, weil es an das eigentliche inwändige Seelendrama dieser Oper und ihrer Protagonisten erinnert, sowie die Tristesse auf dem Landgut. Die Verarbeitung des Kommunismus finde ich wenig geglückt, weil ich es mit dem allzumenschlichen Thema der Oper nicht in Verbindung bringen kann. Es störte aber auch nicht besonders, weil es sich auf wenige Symbole beschränkte.


    Alles in allem eine erstklassige Adaption dieses lyrischen Seelendramas in ein unterhaltsames, großes Opernevent.


    Loge

  • Auch ich stimme der allgemeinen Begeisterung zu, will aber nicht verhehlen, dass ich gerade von Furlanetto etwas enttäuscht war. Schuld liegt aber wahrscheinlich bei mir - ich hätte mir als Einstimmung vielleicht nicht die STOP-Aufführung mit Nicolai Ghiaurov, der doch in einer ganz anderen Liga spielte, anhören sollen.


    Ansonsten eine wirklich hervorragende Produktion - ich fand besonders den Sänger des Lenski sehr vielversprechend (und besser als Ramon Vargas in der Met-Inszenierung, die heuer auch schon im Fernsehen zu sehen war).


    Mattei war auch schauspielerisch sehr überzeugend - besonders erschütternd der auch sichtbare Verfall zwischen dem Duell mit Lenski und seinem Wiederauftauchen beim Fest des Fürsten Gremin.


    Eine zu Recht gefeierte Produktion!

    Hear Me Roar!

  • Hallo zusammen!


    Das Einzige, das mich bei der gestrigen Onegin-Aufführung störte, war die Transponierung der Geschichte in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das passte nicht wirklich zu Text und Musik. Was mir an Andrea Breths Regie allerdings ausserordentlich gut gefiel, war ihre subtile Personenführung. Das Bühnenbild fand ich passend zu Regie. Die musikalische Seite machte mich sehr glücklich, besonders gut gefiel mir Lenski (Joseph Kaiser), wieder ein ausgezeichneter kanadischer Tenor, der hoffentlich mit seinem Talent klüger umgeht, als so mancher heutige Star. Jedenfall wäre es ihm und uns zu wünschen. Furlanetto enttäuschte mich stimmlich, aber auch ich hatte Ghiaurovs Leistung in dieser Rolle im Gedächtnis. Anna Samuil gefiel mir ebenfalls. Peter Mattai spielte gut, aber die stimmliche Seite seiner Interpretation stelle mich nicht ganz zufrieden. Die Sängerin der Olga gefiel mir stimmlich ebenfalls, ebenso auch darstellerisch die Amme. Und dankbar war ich für einen Triquet-Sänger, der nicht seine letzten stimmlichen Reste zur Bewältigung dieser Arie aufbringen musste, wie es in Repertoirevorstellungen leider so oft vorkommt. Orchester und Dirigent waren ebenfalls hervorragend. Gut fand ich die Idee am Ende, einmal das gesamte Orchester auf der Bühne am Applaus teilhaben zu lassen.

  • Im Grunde genommen kann man den Vorrednern nur zustimmen, was die szenische und gesangliche Qualität der Aufführung betrifft.


    Was die instrumentale Leistung der Wiener Philharmoniker betrifft, so war ich damit jedoch nicht zufrieden.
    Der Österreichische Rundfunk hat die Sendung in seinem Satelliten-Rundfunk-Programm Ö1DD in Digital.Dolby 5.1 übertragen. Wenn man das auf großer Anlage mit entsprechender Lautstärke (und nicht nur über den Fernsehton) gehört hat, konnte man etliche Patzer, Unsauberkeiten und auch Fehler hören. Das tat manchmal richtig weh - obwohl ich kein absolutes Gehör habe - aber eben viele Plattenaufnahmen kenne - schallplattenreif war dies auf keinen Fall!!!


    Ich erinnere mich an eine Aussage von Edwin Baumgartner im Festspiel-Thread, dass man hier die "wahren" Philharmoniker hören kann, und nicht, wie im Wiener Opernalltag, viele Schüler, Substituten oder Praktikanten!


    Da müssen sich die Herren Professoren an den Pulten aber bitteschön mehr anstrengen! Dem Maestro Barenboim war anzusehen, dass auch er mit den Leistungen seiner Mannen nicht so ganz zufrieden war.


    Die Sänger gaben ihr Bestes - in der Inszenierung von Frau Brehth vom Wiener Burgtheater auf dieser riesigen Bühne nicht ganz einfach. Tatjana mußte die große Briefszene teilweise liegend singen, und Joseph Kaiser die große Lenski-Arie in der Ecke sitzend wie ein Häufchen Elend! Die Gremin-Arie hat man meist von Ghiaurov oder einem der großen russischen Bässe im Ohr, da hatte es Ferrucio Furlanetto auch nicht ganz einfach, dagegen zu bestehen.


    Trotzdem - alles in allem ein gelungener Opernabend!

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Summa summarum scheint das ja ein überzeugender Opernabend gewesen zu sein, auch musikalisch, Abstriche inklusive.
    Gibt es denn Pläne für eine kommerzielle Aufnmahme ? Bisher gab es in den letzten Jahren ja regelmäßig Tonträger von den Salzburger Festspielen.

  • Zitat

    Original von ulfk179
    Gibt es denn Pläne für eine kommerzielle Aufnmahme ? Bisher gab es in den letzten Jahren ja regelmäßig Tonträger von den Salzburger Festspielen.



    Es würde mich sehr wundern, wenn dem nicht so wäre. Heutzutage wird doch keine Oper im Fernsehen übertragen, um danach die Aufnahme im Archiv verstauben zu lassen. Die DVD kommt so sicher wie das Amen in der Kirche.


    Ich bin erst zum Beginn des zweiten Akts nach Hause gekommen und wurde gleich nach der Gremin-Arie im dritten Akt durch einen Telefonanruf wieder aus der Übertragung herausgerissen. Außerdem ist der Sound meines Fernsehers nicht gerade berauschend. Deshalb kann ich mir nur ein sehr eingeschränktes Urteil erlauben.


    Was ich GEHÖRT habe, war durchaus überzeugend, wenn auch nicht überragend. Bei der Beurteilung von Dirigat und Orchester schließe ich mich weitgehend Loges Urteil an: eine schön klingende, in Bezug auf die Tempi meist stimmige, vielleicht ein wenig zu sehr in Richtung "große Oper" tendierende Interpretation. Die von Harald angesprochenen Mängel im Orchesterspiel konnte ich nicht hören, wofür der klägliche Klang meines Fernsehers verantwortlich sein mag.


    Bezüglich der Sänger habe ich bei den von mir gesehenen Teilen der Übertragung nur Kaiser (Lenski) und Furlanetto (Gremin) in exponierteren Passagen ihrer Partien gehört: ersterer wirkte auf mich mehr als solide, wenn auch stimmlich etwas glanzlos; letzterer bot allenfalls gepflegten Schönklang (wobei die Gremin-Arie wieder einmal schwer verschleppt dargeboten wurde).


    Was ich GESEHEN habe: dass Andrea Breth eine wunderbare Regisseurin ist, von der man sich öfter Operninszenierungen wünschte (die düstere "Verkaufte Braut" in Stuttgart hat mich auch sehr überzeugt). Die derangierte Festgesellschaft im zweiten Akt war faszinierend durchchoreographiert, der Wechsel zwischen "öffentlichen" und "privaten" Szenen atemberaubend, wobei sich beide Sphären von Anfang an unheilvoll überlagerten. Lenski wurde als nur scheinbar selbstbewusster Burschenschaftler mit Schmiss im Gesicht gezeichnet, dessen Fassade mehr und mehr in sich zusammenfiel - bis er in seiner Arie vor dem Duell tatsächlich "wie ein Häufchen Elend" in der Ecke sitzend verzweifelte. Sehr eindrucksvoll! Dagegen hat Breth die Kälte Onegins besonders stark pointiert - über das normale Maß hinaus, wenn er nach dem Duell scheinbar unberührt und formvollendet den Schauplatz des Geschehens verlässt, während sein unstandesgemäßer Sekundant sich entsetzt nicht von der Leiche Lenskis lösen konnte. Auch der dritte Akt ließ sich sehr vielversprechend an, bis mein Telefon klingelte. Sehr schade, dass ich den ersten Akt (den ich besonders liebe) verpasst habe. Der kurze Ausschnitt, der in der Pause gezeigt wurde, zeigte Tatjana in der Briefszene an einer mechanischen Schreibmaschine - die sie sich vermutlich bei Hans Sachs aus Katharina Wagners Bayreuther "Meistersingern" ausgeliehen hatte...


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    dass Andrea Breth eine wunderbare Regisseurin ist, von der man sich öfter Operninszenierungen wünschte


    Das sah ich genauso. Schade dass Du den 1. Akt nicht erlebt hast. Gerade der Beginn war außerordentlich kräftig inszentiert. Vieles spielte inmitten von hoch stehenden Getreidefeldern, aus denen man die Ähren einzeln pflücken konnte! Auch das fließbandmäßige Scheren der Haare der Feldarbeiter war eindrucksvoll anzusehen. Schön auch der Kamerazoom in den Fernseher, dessen monotones Bild von der Rückseite eines in einer weitläufigen Ebene fahrenden Zuges einen spontan in die Weite Rußlands versetzte und zugleich ein treffendes Bild (der seelischen Wüste und Ziellosigkeit) Eugen Onegins zeichnete. Der etwas überspannte Großstadt-Tänzer zu Beginn des 3. Aktes hat mich sehr amüsiert.


    Loge

  • Warum beim Ball im 2. Akt überall Pfützen auf dem Boden waren, konnte ich nicht deuten.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Da kann ich nur sagen:


    " Ich war und bin beigeistert."


    Die vorherigen Postings haben bereits alles Wesentliche widergegeben.


    Für mich stimmte bei dieser Aufführung alles. Ich höre zwar auch den Fernsehton über LP, habe aber nicht das musikalische Gehör, Fehler beim Orchester heraus zu hören. Ich glaube, dass einem musikalischen Laien diese Feinheiten nicht auffallen.


    Die Einschränkung bei Furlanetto kann ich nicht teilen. Ich habe im Gegenteil die Gremin-Arie selten so feinsinnig gesungen erlebt. Das Verschleppen war vielleicht Absicht. Im übrigen ist er ja kein Bass.


    Die Leistung von Frau Breth war für mich Regietheater im besten Sinne. Ich hoffe, dass sie sich künftig mehr der Oper zuwendet.


    Grüße


    Emotione


    PS.: Schleichwerbung ist doch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern verboten. Hat die Festspieldirektion einen Sponsorvertrag mit Veuve/Clicquot? :D

  • Ich finde auch, dass dieser Onegin eine rundherum gelungene Produktion ist. Besonders begeisterten mich Regie und Bühnenbild, dabei war ich gerade da ein wenig skeptisch gewesen, denn Andrea Breths letzten Theaterinszenierungen (Kirschgarten an der Burg z.B.) hatten mir gar nicht gefallen. Diesmal stimmte für mich einfach alles, und die schauspielerischen Leistungen aller sorgten sogar vor dem kleinen Bildschirm für so manche Gänsehautstelle. Besonders eindringlich fand ich die Gestaltung der Duellszene.
    Stimmlich gefiel mir Peter Mattei, den mir völlig unbekannt war, am besten. Ein satter, warmer und wunderbar timbrierter Bariton, von dem ich in Zukunft mehr hören will! Joseph Kaiser hingegen löste keine ähnlichen Schwingungen in mir aus. Nicht, dass ich das geringste an seiner Leistung zu meckern hätte, aber hier stehen wir halt wieder einmal vor dem unerklärlichen Phänomen, dass einen die eine Stimme berührt und die andere nicht.
    Anna Samuil fand ich hingegen ohne Einschränkungen wunderbar.
    lg Severina :hello:

  • Auch mir fiel ein kleiner Fehler Furlanettos auf (ist aber irrelevant):


    Auf dem Ball im 3. Akt fragt Tatjana die Umstehenden, mit wem sich denn ihr Gatte Fürst Gremin (Furlanetto) unterhalte. In diesem Moment hatte Furlanetto aber noch einige Meter bis zu Eugen Onegin (Peter Mattei) zurückzulegen und die Unterhaltung mit Onegin also noch gar nicht begonnen. Wahrscheinlich hatte sich Furlanetto noch nicht richtig warmgespielt ;).


    Loge

  • Die barfüssige Sängerin der Tatjana, ANNA SAMUIL, hat mich positiv überrascht. Ich kannte sie bisher nur dem Namen nach. Meine Berliner Freunde, die sie schon öfter auf der Bühne gesehen haben, haben sie mehrfach als "Plantschkuh" oder "Bauerntrampel" bezeichnet.


    Hier ein paar Zitate aus Berliner Kritiken:


    Anna Samuil


    Als Traviata in Berlin (Oktober 2004) Lindenoper:


    „Doch Anna Samuil war in zweierlei Hinsicht fehlbesetzt. Stimmlich legt sie die Rolle als (zu) leichtes Mädchen an, gluckst, kiekst und trällert sich durch die Partie, als ob Adele aus der Fledermaus vorbeischaut und gerät auch bei den Höhen arg ins Schlingern. Zweites Hindernis ist eine stampfende, undamenhafte Bewegung auf der Bühne. Das zart-gebrechliche Frauenzimmer, die leidende Edelkurtisane nimmt man Samuil keine Sekunde ab.“


    Don Giovanni in Berlin (Lindenoper) März 2006:


    „Anna Samuils Stimme war in der Führung unflexibel und unsicher; in der Farbgebung eintönig. Ein permanentes Vibrato fiel in gleichem Maße negativ auf wie das temperamentlose Spiel.“


    Sooo... schlecht war sie gestern nicht.....

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Scheinen aber keine netten Menschen zu sein, deine Berliner Freunde. Und du selbst findest auch keine freundlicheren Worte als alte Negativ-Kritiken hereinzukopieren und zu sagen, dass die Sängerin gestern nicht "soooo" schlecht gewesen wäre?

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Zitat

    Original von Siegfried
    Warum beim Ball im 2. Akt überall Pfützen auf dem Boden waren, konnte ich nicht deuten.


    hallo zusammen


    Das war nicht das Einzige, was mich an der Oper störte.
    Irgendwie sehe ich das ganz, ganz anders als Ihr es anscheinend wahrgenommen habt.
    Die ganze Inszenierung hat mir sämtliche Nackenhaare aufgestellt. Der Anfang des 3. Aktes war etwas zu schnell, - und als ich den komischen Typen am kalten Buffet mit seinem Verrenkungen sah, habe ich endgültig ausgeschaltet.
    Diese Oper gestern hat mich enttäuscht, eigentlich alles, ausser vielleicht stellenweise Lenski.


    Grüsse aus der Schweiz
    Lenski :motz: :motz:

  • Und was hat dich konkret gestört? (Als einzigen Anhaltspunkt erwähnt du den "Typen am kalten Buffet")
    Ich habe mir gerade noch einmal die ganze Aufführung angeschaut und muss sagen, diese Oper noch nie in einer psychologisch so überzeugenden und dichten Interpretation gesehen zu haben. Diskutieren kann man - wie bei jeder Oper - ob es die bestmögliche Besetzung war, da gehen die Meinungen sicher auseinander. (Habe eben eine Kritik in einer online-Opernzeitschrift gelesen, für die Furlanetto mit Abstand der Beste war!)
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Original von severina
    Und was hat dich konkret gestört? (Als einzigen Anhaltspunkt erwähnt du den "Typen am kalten Buffet")
    :hello:


    lasse es mich mal so sagen! ich kam mir wie in einem Fellini-Film vor, und wenn sich 2 auf der Bühne live geliebt hätten, wäre ich auch nicht mehr erschüttert gewesen. Alles war für mich irgendwie krank.


    Lenski

  • Zitat

    Original von Emotione


    PS.: Schleichwerbung ist doch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern verboten. Hat die Festspieldirektion einen Sponsorvertrag mit Veuve/Clicquot? :D


    Hallo,


    ich find die Veuve Clicquot-Flaschen mit den gelben Etiketten einfach so dekorativ - und offenbar die Salzburger Requisiteure auch. Also Schleichwerbung, nein, das glaub ich nicht, das würden die doch nie... :P


    Ich hab den Abend sehr genossen, fand besonders Joseph Kaiser und Anna Samuil sehr gut, kannte beide vorher nicht. Einzig störend an der ORF-Übertragung fand ich die dümmlichen Fragen Franz Zoglauers bei den Interviews ("Frau Samuil, können Sie einen Satz auf russisch sagen..." - Antwort: "Ich hab die ganze Zeit russisch gesungen" - :no: wäre schade gewesen, wenn die Welt diesen Dialog nie gehört hätte).


    Noch mehr beeindruckt als der Opernabend hat mich allerdings die Dokumentation danach, "Knowledge is the beginning", über das Projekt des "West-östlichen Diwan"-Orchesters. Darf in zwei Wochen dieses Orchester bei der "Schule des Hörens" in der Universitätsaula in Salzburg erleben, bin schon sehr gespannt darauf.



    Liebe Grüße,


    leporellina

    leporellina


    Musik machen ist ein erotischer Akt, weil es mit Wollen, mit Leidenschaft zu tun hat. Daniel Barenboim

  • Zitat

    Original von leporellina


    Ich hab den Abend sehr genossen, fand besonders Joseph Kaiser und Anna Samuil sehr gut, kannte beide vorher nicht. Einzig störend an der ORF-Übertragung fand ich die dümmlichen Fragen Franz Zoglauers bei den Interviews ("Frau Samuil, können Sie einen Satz auf russisch sagen..." - Antwort: "Ich hab die ganze Zeit russisch gesungen" - :no: wäre schade gewesen, wenn die Welt diesen Dialog nie gehört hätte).


    Hallo leporellina,


    ich schließe mich dir an, muss allerdings schon sagen, dass ich von diesem Mini-Interview Zoglauer-Samuil abgesehen diesmal sonst auch mal mit der Moderation zufrieden war (da hat mir die Sängerin echt leid getan; das hat sie wirklich nicht verdient, dass sie so dumme Fragen von Herrn Zoglauer gestellt bekommt, wenn er sie schon in der Situation mit einem "Interview" belästigt). Rett und Zoglauer waren sonst diesmal eher zurückhaltend - dadurch ist die Qualität dieser Fernsehübertragung gleich viel höher gewesen als sonst (Tiefpunkt: die Moderation der Übertragung des Harnoncourt-Figaro). Zuletzt hat mich nur gestört, dass Frau Rett sagte, das West-Eastern Divan Orchestra würde "aus Palästinensern und Arabern" bestehen. Es wäre doch wichtig zu betonen, dass ebenso Israelis mitspielen, also dass das gemeinsame Musizieren von Christen, Muslimen und Juden im Mittelpunkt des Projektes steht.


    Eugen Onegin ist eine Oper, die ich zu Hause nicht einfach so anhören würde. Bei der Übertragung blieb ich dann von Anfang bis Schluss dabei, da ich von Anfang an vom Orchesterklang und von den Darstellern fasziniert und von Bühne und Regie beeindruckt war. Es hat alles eine perfekte Einheit ergeben. Ich finde, die Produktion ist hervorragend vorbereitet und die Präsentation im Fernsehen (inklusive der Dokumentationen in den Pausen) sehr gut aufbereitet worden. Ausnahmslos allen Beteiligten gebührt großes Lob.

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Ich kann mich der allgemeinen positiven Stimmung nur anschließen und will keine Déjà-vus verbreiten, deshalb hebe ich lediglich noch ein Detail heraus: Emma Sarkissjan als Filipjewna war absolut großartig! Schauspielerisch sowieso, aber auch gesanglich. Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber irgendeine Sängerin hat einmal bemängelt, dass es so wenig Rollen für alte Sängerinnen gäbe. Die Rollen gibt es, nur werden sie immer zu jung besetzt! Emma Sarkissjan hat gezeigt, wie perfekt eine alte, aber dennoch gepflegte und wohltimbrierte Stimme zur Filipjewna passt. [Außerdem war in dieser Aufführung somit Renée Morlocs Larina passenderweise die kräftigste Damenstimme, sonst werden ja oft die dramatischen Altröhren als Filipjewna (fehl)besetzt. Alte Frauen haben keine hypervoluminösen Stimmen!]
    Wäre ich Intendant, risse ich mich sofort um Emma Sarkissjan, um mindestens noch Jenufa (alte Buryja) und Dialogues des Carmélites (Madame de Croissy) mit ihr aufzuführen!

  • Ich hole diesen alten Thread aus der Versenkung, weil ich gestern die besagte Aufzeichnung des Onegin zu zwei Dritteln angesehen habe. Dies war meine erste Begegnung in Ton UND Bild mit dieser Oper und obschon ich mir etwas Anderes vorgestellt hatte(nämlich 19.Jh) bin ich durch diese Inszenierung und musikalische Interpretation sehr gut in das Werk eingestiegen und fasziniert.


    Der Regisseurin, den Sängern und den Musikern gelingt es m.E. sehr gut, das einzufangen, was allgemein"russische Seele" genannt wird.


    Ich war abwechselnd an Doktor Schiwago und Anna Karenina erinnert, die Weizenfelder als Bühnenbild fand ich eine wirklich gute Idee!


    Obschon die Kostüme hervorragend zur anvisierten Zeit und dem Bühnenbild passten und daher sicher richtig waren, tut es mir doch immer in der weiblichen und ästhetischen Seele weh, wenn Sänger in unvorteilhafte und hässliche Kleider gesteckt werden - das ist mein einziger grösserer Kritikpunkt (wobei ich die Sache mit der Pfütze auch nciht verstanden habe....)


    Was die Sänger angeht: Spitzenklasse-Besetzung ohne Fehl und Tadel! :jubel: :jubel: :jubel:
    Anna Samuil, die ich als Musetta in Berlin überhaupt nicht gut besetzt fand (und wo ich im Musetta-Fall das Urteil von Haralds Freunden zumindest annähernd nach vollziehen kann) ist eine umwerfende Tatjana. Irgendwie wird man das Gefühl nciht los, dass diese russischen Annas in ihrem eigenen Idiom und der eigenen Seelen-Musik am Besten aufgehoben sind. Bei der Netrebko und ihrer russischen Cd geht es zumindest mir da ganz genauso.


    Lenski und Onegin finde ich genauso top, wie Olga, Mutter und Amme. Bis zum Gremin bin ich noch nciht vorgedrungen. Dii Stimme von Mattei ist wirklich mehr als bemerkenswert - er muss doch auch als Verdi-Barton eine Wucht sein!
    Was den jungen Tenor angeht, bin ich mal wieder siamesisch mit Severina - er singt sehr gut, aber lässt mich leider ziemlich indifferent.



    Ein tolles Opernerlebnis, für das ich von Herzen danke! :angel:


    F.Q.