ADAM, Adolphe: LE POSTILLON DE LONJUMEAU

  • Adolphe ADAM
    LE POSTILLON DE LONJUMEAU


    Komische Oper


    Libretto von Adolphe de Leuven (eig. Ribbing) und Léon Brunswick. Uraufführung 1836 in Paris unter dem Titel „Une voix ou le postillon“. Das sofort erfolgreiche Stück verdankt seinen Ruhm neben der amüsanten, immer wieder ironisch durchtränkten Handlung und der schwungvollen Komposition nicht zuletzt den außergewöhnlichen Ansprüchen an die Tenorpartie, die bis zum hohen d reicht. Die lange gebräuchliche deutsche Übersetzung besorgte M.G.Friedrich.


    Zeit: 1756-66


    Inhaltsangabe


    1.Akt


    Im Dorf Lonjumeau haben die Wirtin Madeleine Birotteau und der gerne wie häufig herzenbrechende Postillon Chapelou soeben geheiratet. Madeleine hat deswegen auch ein Angebot ihrer reichen Tante ausgeschlagen, zu ihr zu kommen. Das Paar erzählt einander, daß es sich noch, jeder für sich, am Morgen über ihre Ehe von einer Wahrsagerin und einem alten Schäfer weissagen ließ. Madeleine ist wenig erbaut darüber, daß dabei Chapelou töricht genannt wurde, weil er, statt sie zu ehelichen, in Paris sein Glück hätte machen können. Ihr frischgebackener Mann ist seinerseits empört, daß ihm Eitelkeit und baldige Untreue zugesprochen wurden. Doch bald schlagen sie alle böse Prophezeihungen in den Wind und schwören einander ewige Liebe.


    Der hinzukommende frühere Postillon und jetzige Schmied Bijou, den Chapelou bei Madeleine und auch als Sänger im Kirchenchor ausgestochen hat, hofft in etwas gespieltem Zorn, daß heute noch ein Reisender kommt, damit Chapelou in Ausübung seines Dienstes um die Hochzeitsnacht gebracht wird. Tatsächlich erscheint plötzlich der königliche Kammerherr Marquis de Corcy, der durch einen Wagenunfall zum Aufenthalt im Dorf gezwungen ist. Bijou macht sich –vom Marquis zur Eile, von der besorgten Madeleine heimlich zum Hinhalten aufgefordert - an die Reparatur. Der Marquis ist nicht grundlos verstimmt, denn erst gestern hat ihn König Ludwig XV. sehr schroff getadelt, weil Corcy als Intendant der kleineren Belustigungen nach dem Ausfall zweier Sänger keinen Ersatz zur Verfügung hatte. Deshalb ist Corcy nun auf der Suche nach schönen Stimmen, ziemlich ratlos und wegen der eingetretenen Verzögerung schrecklich ungeduldig.


    Inzwischen wird Madeleine in ihre Wohnung geführt, während die Bauern nach altem Brauch Chapelou zurückhalten und ihn erst gehen lassen wollen, wenn er ihnen die Romanze vom jungen Postillon singt, mit dem er selbst gemeint ist. Nach einigem Widerstreben fügt sich Chapelou und stimmt das Lied an („Freunde, vernehmet die Geschichte“). Die sängerische Bravour, die er dabei beweist, fasziniert den im Nebenraum mithörenden Marquis, der den forteilen wollenden jungen Ehemann zurückhält und ihn mit Geld und Versprechungen für eine Künstlerlaufbahn bei Hof ködern will. Chapelou zögert zwar anfangs und will Madeleine nicht verlassen, aber die Aussicht, auch in Paris zum Liebling der Frauen zu werden, stimmt ihn schließlich um.


    Bijou meldet, daß der Wagen des Marquis fertig für die Weiterreise ist. Chapelou trägt dem Freund auf, Madeleine zu beschwichtigen, zu der er bald zurückkehren werde. Seine liebevoll wartende Ehegattin wird demgemäß bald aus ihren süßen Erwartungen gerissen. Außer sich und tief getroffen beschließt sie, alles zu fliehen, was sie an den Ungetreuen erinnert. Fortan wird sie bei ihrer Tante leben. Bijou beschließt, durch Chapelous Vorbild ermuntert, ebenfalls sein Glück anderswo zu versuchen.



    2.Akt


    Zehn Jahre später ist Madeleine, die inzwischen ihre Tante beerbt hat, als Frau von Latour zu einer vornehmen Dame der Gesellschaft geworden und nach längerer Abwesenheit nach Frankreich zurückgekehrt. In ihrem Schloß bei Fontainebleau erwartet sie den in sie verliebten, von iher Vergangenheit nichts ahnenden Marquis de Corcy mit seinen Sängern zur Aufführung eines Intermezzos, das der nunmehrige königliche Oberintendant für die – freilich vergebens – Umworbene komponiert hat. Madeleine weiß, daß dabei auch Herr von Saint-Phar, der umjubelte und von allen Frauen umschwärmte Star der königlichen Oper, auftreten wird, der niemand anderer ist als ihr ungetreuer Ehemann Chapelou. Alle Briefe, die sie als Madeleine an ihn schrieb, wurden nie beantwortet, die Billets der Frau von Latour hingegen haben bei ihrem leichtsinnigen Ehemann große Faszination ausgelöst. Saint-.Phar weiß natürlich nicht, daß die nunmehr Angebetete mit seiner verlassenen Ehefrau identisch ist. Madeleine liebt ihn zwar noch immer, will ihm aber eine tüchtige Lehre erteilen („Ich soll ihn wiederseh’n, nach zehn unsel’gen Jahren“). Der Marquis betont ihr gegenüber, daß Saint-Phar alles nur ihm, seinem Gönner und Förderer verdanke, der einen Bauern in einen Kavalier verwandelt habe. Übrigens sei Saint-Phars Frau, eine plumpe Bäuerin, angeblich gestorben, sodaß er nun Witwer sei.


    Die Sänger erscheinen, Saint-Phar an der Spitze, begleitet von seinem Baß-Kollegen Alcindor, dem früheren Bijou, der unter neuem Namen gleichfalls ein wenig Karriere als Chorführer gemacht hat. Nicht nur wegen der Strapazen, denen sie sich in ihrer Laufbahn täglich unterziehen müssen, sind die Künstler unwillig zur befohlenen Aufführungsprobe. Saint-Phar möchte viel lieber zu seiner neuen Flamme, Frau von Latour, eilen. Die dem Marquis gegenüber vorgetäuschte Heiserkeit ist aber sogleich kuriert, als ihn dieser informiert, daß man sich ja im Schloß eben dieser Dame befinde. Saint-Phar hatte davon keine Ahnung und war nur der Aufforderung seines Vorgesetzten gefolgt. Begeistert singt er nun seine Arie („Von früh’ster Morgenröte“), worauf sich alle außer ihm und Alcindor zur Tafel begeben.


    Der ob der bevorstehenden Begegnung mit der Geliebten nervöse Saint-Phar möchte seinen Freund und Quasi-Diener gerne loswerden, der besteht aber darauf, seine eigenen Stimmqualitäten zu demonstrieren („Fürwahr, des Chores feinste Blüte“ [in neuerer Übersetzung: „Fürwahr, des Chores bester Sänger“]). Saint-Phar vertraut ihm an, daß er Frau von Latour in der Oper gesehen und sich unsterblich in sie verliebt hat. Sie gleiche Madeleine, sei aber viel schöner.


    Als Frau von Latour eintritt, entfernt sich Alcindor diskret. In einem Duett („O allerholdeste der Frauen“) beschwört Saint-Phar die Geliebte, ihn zu erhören.. Diese zeigt sich ein wenig kokett und das „wandelbare Feuer“ ihres Galans vorgeblich scheuend. Alcindor unterbricht das Getändel und überbringt einen dringenden Brief für Saint-Phar. Verwirrt erkennt der stürmische Liebhaber die Unterschrift Madeleines. Seine Ausflüchte ignorierend nimmt Frau von Latour, die natürlich das Ganze arrangiert hat, das Schreiben an sich und liest es vor. Darin besteht in gespielt primitiver Diktion und unter Hinweis auf ihre täglich vorgebrachten schriftlichen Ansprüche Madeleine auf ihrer Liebe und ihren Rechten als Ehefrau. Konsterniert streitet Saint-Phar ab, verheiratet zu sein und behauptet, die Absenderin gar nicht zu kennen. Als Frau von Latour ihm erklärt, daß ihr durch die Umstände erklärbares Mißtrauen nur beschwichtigt werden könne, wenn Saint-Phar in eine unverzügliche Heirat mit ihr einwillige, ist er in die Enge getrieben. So weit wollte der Sängercasanova eigentlich nicht gehen, aber natürlich bleibt ihm nichts anderes übrig, als scheinbar leidenschaftlich dieser Forderung zuzustimmen. Heimlich beauftragt er aber Alcindor, einen Kollegen zu holen, der als Priester verkleidet eine Schein-Trauung vollziehen soll. Doch der eifersüchtige Marquis hat die beiden belauscht und teilt das Vorhaben natürlich sofort Frau von Latour mit. Diese befiehlt, Alcindor und den falschen Priester aufzuhalten, bis ihr eigener Kaplan in der nur schwach beleuchteten Schloßkapelle die Trauung rechtmäßig vollzogen hat.


    Den von der unerwarteten Entwicklung des Abends überraschten Sängern („Staunend haben wir es vernommen“) verspricht Saint-Phar, Geld und Güter mit ihnen zu teilen. Dann schreitet er mit Frau von Latour zur Kapelle. Der verblüffte Marquis, der geglaubt hatte, nach seinen Enthüllungen würde er selbst der Erwählte der Dame sein, entfernt sich rachebrütend.



    3.Akt


    Alcindor und der als falscher Priester vorgesehene Bourdon irren im Schloß umher. Als Glockenklang die vollendete Trauung verkündet, wird ihnen unheimlich, denn als Helfershelfer des offensichtlichen Bigamisten würde es ihnen übel ergehen. Der Marquis verhilft ihnen scheinbar zu einer Fluchtgelegenheit, sperrt sie aber in Wirklichkeit ein und entfernt sich, um die Polizei zu holen.


    Saint-Phar schwelgt in Zukunftshoffnungen. Die Verbindung mit dem Adel und die Liebe zu seiner neuen Gemahlin beflügeln seine Gefühle; er will die Aufklärung über den wahren Stand der Dinge möglichst lange hinauszögern. Aus dem Nebenraum ertönt Klopfen. Als Saint-Phar den Riegel zurückschiebt, dringen Alcindor und Bourdon schlotternd vor Angst heraus und verkünden ihm, daß die Trauung von einem echten Priester durchgeführt wurde. Ihnen allen drohe jetzt der Galgen. Während die beiden fliehen, bleibt Saint-Phar, gelähmt vor Entsetzen, zurück. Da öffnet sich die Tür. Einen Leuchter in der Hand steht Madeleine, wieder als Bäuerin gekleidet, vor ihm. Sie läßt den Leuchter fallen, sodaß es im Zimmer vollständig dunkel wird. Nun beginnt sie , ihrem Chapelou die heftigsten Vorwürfe zu machen. Der wiederum zittert vor der Entdeckung, fleht um Stille, bekennt seine Schuld und verspricht Madelein, zu ihr zurückzukehren. Diese nützt das Dunkel aus und nähert sich ihm abwechselnd als Frau von Latour von der einen Seite und als Madeleine von der anderen, den Schrecken ihres Ehemanns weidlich auskostend und schürend. Als Madeleine behauptet sie, ihren Heiratskontrakt in der Tasche zu haben, was den verwirrten Chapelou-Saint-Phar vollends verzweifeln läßt..


    Inzwischen hat der Marquis Alcindor und Bourdon arretieren lassen und naht nun mit Soldaten, um Saint-Phar dem Halsgericht zuzuführen. Frau von Latour hat sich scheinbar entfernt, nur Madeleine ist im Zimmer geblieben. Nach ihrer Aussage gräme sich die Getäuschte im anschließenden Zimmer. Der trostbereite Marquis findet aber nur einen Brief für Saint-Phar, aus dessen Formulierung „Frau von Latour wird nicht mehr sein“ der betroffene Sünder und der Marquis bereits das Ärgste schließen. Als Saint-Phar zur Hinrichtung geführt werden soll, fordert Madeleine in rustikaler Sprechweise, als seine Frau dabei sein zu dürfen. Der Marquis stimmt zu, da sie dazu berechtigt sei und außerdem als Zeuge dienen könne. Da nimmt Madeleine wieder die Sprechweise der vornehmen Dame an und bemerkt süffisant, daß sie so gut wie zwei Zeugen sei, und es für ihren Mann die größte Pein wäre, sich an zwei Frauen zugleich gebunden zu haben. Überrascht erkennen alle Anwesenden, daß Madeleine und Frau von Latour ein und dieselbe Person sind. Beseligt wirft sich Saint-Phar zu ihren Füßen. Als der Marquis droht, daß dem Verbrecher der Tod dennoch sicher sei, verweist Frau von Latour auf die Tatsache, daß es nicht strafbar sei, sich zweimal mit derselben Frau zu verbinden. Dagegen läßt sich nichts einwenden. Wütend zieht sich der Marquis mit den Soldaten und Dienern zurück. Zurück bleibt das jubelnde Paar mit seinen Freunden. Saint-Phar wird die Bühne verlassen und nur mehr seiner Gattin angehören. Mit dem Lied vom Postillon klingt das bewegte Geschehen aus.




    © 2007 Tamino-Klassikforum / Walter Krause

  • Szenenfolge


    Personen:
    Chapelou, Postillon/als Sänger: St.Phar-Tenor
    Madeleine, Wirtin/Madame de Latour-Sopran
    Bijou, Schmied/Alcindor-Bass
    Marquis de Corcy-Tenor
    Bourdon, Chorsänger-Bass
    Rose, Kammerzofe-Sopran
    1Gefreiter
    Dorfbewohner, Sänger, Chorsänger, Diener, Nachbarn und Gäste von Madame de Latour


    1.Akt, 1.-4.Szene: Im Dorf Lonjumeau
    1.Szene: Chapelou, Madeleine, Dorfbewohner
    2.Szene: Madeleine, Chapelou
    3.Szene: Chapelou, Brautjungfern, Dorfbewohner
    4.Szene: Marquis, Chapelou, Bijou, Madeleine, Dorfbewohner


    2.Akt, 1.-7.Szene: Im Landhaus von Fontainebleau
    1.Szene: St. Phar,
    2.Szene: Alcindor
    3.Szene: Madame de Latour
    4.Szene: Alcindor, St.Phar, Marquis, Chor
    5.Szene: Madame, St.Phar
    6.Szene: St.Phar, Madame, Marquis, Chorsänger
    7.Szene: St.Phar, Madame, Hochzeitsgäste


    3.Akt, 1.-2.Szene: Im Landhaus von Fontainebleau
    1.Szene: Alcindor, Bourdon, St.Phar
    2.Szene. Madame. St.Phar, Alcindor, Bourdon, Mrquis, Wachen, Gäste

  • Guten Abend!


    Leider komme ich jetzt erst in diesen Thread hinein! Nur, der "Postillon" gehört zu meinen Lieblingsopern. Ich habe das Rondo von vielen verschiedenen Tenören gesungen. Auch besitze ich Gesamtaufnahmen und Ausschnitte in französisch und deutsch gesungen. Dort können Tenöre und Koloratursoprane zeigen was sie können. Die Musik ist einfach köstlich von Anfang bis Ende. Eine meiner letzten und besten Einspielungen des "Freunde, vernehmet die Geschichte" wird von Adolf dalla Pozza gesungen. Ich suche noch eine verschwundene Aufnahme mit Anton de Ridder und eine historische Aufnahme mit Luis Graveure.


    Gruß Wolfgang

  • Zum "Postillon" findet man, wenn man das Wort oben in die Suchfunktion eingibt, 125 Beiträge.
    Am häufigsten natürlich in den Tenor-Threads, wie z.B. bei Nicolai Gedda. Es gibt natürlich auch einen Thread über den Komponisten.
    Ausführlich besprochen wird die Oper auch im Thread über Adolf Dallapozza:


    Adolf Dallapozza



    Dabei auch über die legendäre Aufführung in der Wiener Volksoper, wo Dallapozza als "da capo" das Rondo wiederholen mußte.



    LG


    :hello:

  • Hallo Harald,


    Ein glücklicher Mensch, der diese Aufnahme mit Dallapozza
    sein eigen nennen darf. Ich zähle auch zu den Glücklichen!
    Harald weiß, warum.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Lieber Wolfgang,


    den Postillon wirst Du nicht finden, da er nicht im Handel erhältlich ist. Es handelt sich um einen privaten Mitschnitt, den Du morgen in Deinem Briefkasten finden wirst. Wegen der Bühnengeräusche und der bescheidenen Tonqualität eignet sich ein solcher Mitschnitt kaum für eine Plattenproduktion.


    LG


    :hello:

  • Hi


    Der Postillon war ja auch die Rolle, mit der Adolf Dallapozza groß an der Wiener Volksoper herausgekommen ist. Das soll damals eine echte Sensation gewesen sein und die Leute schwärmen heute noch davon.


    :hello:

  • Lieber Harald!


    Da bin ich überrascht und bedanke mich schon im Voraus! Das Rondo mit dem Postillon habe ich auf einer Doppel-LP mit noch anderen Sängern einzeln von ihm gesungen. In toller Qualität! Solltest Du Interesse haben, schicke ich Dir die Platte zu.


    Gruß Wolfgang