Brahms versus Bruckner - Für welchen entscheidet Ihr euch ?

  • Natürlich ist das heute gar keine Frage mehr:
    Beide sind anerkannt, man kann ohne weiteres beide mögen, aber zu deren Lebzeiten war das nicht so, die Musikwelt war quasi in 2 Lager geteilt, welche sich bekämpften.


    Ich habe nie ganz verstanden warum - aber das sind ja nun tempi passati.


    Sind sie das wirklich ?


    Was war die Ursache, daß Brucknerianer und Brahms-Verehrer einander bekriegten ? - und wie sieht das bei Euch heute aus ?


    Mögt ihr die beiden in friedlicher Koexistenz - oder habt ihr einen Favoriten ?
    Lehnt ihr die _Musik des einen - oder des andern völlig ab - und wenn ja warum ?


    Eventuell könnte man noch darlegen welches Werk seines bevorzugten Komponisten einem den Komponisten besonders nahe gebracht hat.


    Eine ganze Menge Fragen für nur einen Thread.


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ich schätze das "klassische Handwerk" von Brahms sehr... er hat meiner Meinung nach nahezu jede etablierte Form und Gattung auf einen Höhepunkt gebracht. Beispiel 4. Sinfonie, 2. Klavierkonzert: man hat einfach den Eindruck, alles stimmt, alles ist stimmig und schlüssig, keine Note zu viel - im weitesten Sinne vergleichbar mit einer naturwissenschaftlichen Theorie, die alles, was sie sagen will, auf den Punkt bringt, keine Fragen offenlässt und dabei so wenig Unnötiges wie möglich mit einbezieht.


    Bruckner dagegen ist mir oft zu langatmig.. ich lehne ich nicht ab, aber schätze ihn nicht so sehr wie andere Komponisten.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da es sich bei Bruckner und Brahms vor allem stilistisch um zwei Gegensätze wie Tag und Nacht handelt (leichter wäre die Frage Schumann gegen Mendelssohn oder Mozart gegen Haydn).


    Grundsätzlich schätze ich beide Komponisten, wobei meine Liebe zu Brahms älter ist als jene zu Bruckner. Somit stimme ich für die friedliche Koexistenz, wenn ich mich jedoch (rein theoretisch!!!) für einen Komponisten entscheiden müsste, dann würde ich mich aus ähnlichen Gründen wie rappy für Brahms entscheiden.


    Gott sei dank muss ich das aber nicht!


    Bei Brahms haben mich übrigens von Anfang an die Symphonien 2 und 4 in Bann gezogen, bei Bruckner war es die 5. die den letzten Durchbruch brachte.



    LG
    Georg

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat

    Brahms versus Bruckner - Für welchen entscheidet Ihr euch ?


    ...warum entscheiden, wenn man beide haben und hören kann?...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Brahms' Sinfonien haben bei mir überhaupt noch gar nicht "gezündet". Was ich auch versuchte, ich wandte mich stets alsbald anderen Sachen zu. Bruckners Sinfonien faszinierten mich von Anfang an. Keine Ahnung, ob das jetzt für oder gegen ihn spricht. Ich habe aber noch nicht aufgegeben, einen Zugang zu Brahms zu finden. Das Deutsche Requiem liebe ich hingegen sehr.


    Wenn man die beiden miteinander vergleicht, tut man dies ja in erster Linie auf dem Gebiet der Sinfonie.

    29.08.1958 - 25.06.2009
    gone too soon

  • Um mal ein wenig polemisches Öl ins Feuer zu gießen: Vor einigen Monaten habe ich mich einige Zeit lang mit Bruckners Sinfonien beschäftigt, in der Hoffnung, irgendeinen "Zugang" zu diesem pathetischen Blech-Gedröhne zu finden. Das einzig Gute an dieser Erfahrung war, dass ich seitdem Brahms um so mehr schätze.


    Mit Gruß von Carola

  • Also ich habe mir auf Grund von Georgs Beitrag gerade mal die 5. reingezogen und ich muss sagen: einfach krank! Aber geil... das Hauptthema (mit der Quarte aufwärts am Schluss) geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Aber man muss schon sehr offen sein... es ist sehr gewöhnungsbedürftig, Bruckner ist einfach "anders", ich zumindest erkenne kaum Parallelen zu anderen. Bei Brahms war das einfacher mit dem Zugang, der Umgang mit Form, Harmonik, Motivverarbeitung, Struktur etc. war mir schon bestens vertraut aus der Wiener Klassik.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Mmh...ein interessanter Thread, der bei mir eigentlich gleich erst einmal die Frage aufwirft:


    Zitat

    Was war die Ursache, daß Brucknerianer und Brahms-Verehrer einander bekriegten ?


    Ja, warum eigentlich???
    Wie von eigentlich allen anderen erwähnt, gehen die Kompositionstile doch recht weit auseinander - gerade für mich als Laien.


    Deshalb verstehe ich das ganze nicht so richtig - doch wenn dies gar noch einen historischen Hintergrund hat, würde es mich sehr feuen wenn kundige Leute etwas dazu sagen könnten.



    Ansonsten ist es bei mir auch eine sehr friedliche Koexistenz - da ich in unterschiedlichen Momenten zu ihnen neige.


    Wenn ich in herrlichen Klangmassen baden möchte, die mich begeistern und fesseln, dann greife ich zu Bruckner - mir fiel auch der Einstieg nicht wirklich schwer. Nachdem ich ein paar Mal die 5.Symphonie hörte entdeckte ich die Lust und das Interesse nach mehr davon...


    Brahms dagegen ist mit herrlichen Melodien immer wieder gern gehört - ob nun Symphonien oder andere Werke wie das Doppelkonzert als Beispiel.
    Dank seiner herrlichen Melodien (und seiner engen Freundschaft zu Dvorák ;)) viel mir ein 'Gernhaben' nicht schwer...



    Eigentlich ist bei diesen beiden für mich nur das 'Br' zum Namensanfang identisch - was aber auch zu keinerlei kriegerischen Auseinandersetzungen bei mir führt...



    Gruß, Maik

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Die Ursache dürfte seinerzeit gewesen sein, dass Bruckner nolens volens von der "Wagner-Fraktion" zu ihrem repräsentativen Sinfoniker erkoren wurde. Jemand wie Hugo Wolf lobte Bruckners Sinfonien über die Maßen, hielt Brahms für impotente Versuche ohne Ideen.
    Und Bruckner war einer der wenigen Zeitgenossen, über die sich Brahms (der trotz der Lagerbildung Wagner Respekt zollte, und wie neulich jemand anderswo erwähnt, auch Verdi) äußerst despektierlich geäußert hat.
    Ob das Retourkutsche, echtes Mißfallen oder Mißverständnis war, weiß ich nicht. Angst vor der Konkurrenz kann es kaum gewesen sein, weil Brahms viel fester und breiter etabliert war als Bruckner, der ja Probleme hatte, seine Werke überhaupt irgendwie zur Aufführung zu bringen.


    Ich muß mich zwar glücklicherweise nicht entscheiden, aber wenn, dann Brahms, allein wegen der Kammermusik. Bruckner ist mir einfach nicht abwechslungsreich genug (Brahms 4 Sinfonien scheinen mir ein breiteres Spektrum abzudecken als Bruckners 10einhalb), auch wenn es natürlich einige außerordentliche Stücke gibt.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Nun, heute sollten wir aber einen etwas "gesetzteren Blick" auf diesen Konflikt haben. Bruckner war wohl wirklich anders. Brahms aber auch, da er mir noch nicht ins Ohr will. Ein Konflikt machte nur Sinn, als beide Komponisten um die Gunst des Publikums warben. Heutzutage kann dieser Konflikt unter den Anhängern des jeweiligen Komponisten höchstens noch mit einem Augenzwinkern füreinander geführt werden. Bekannt und verehrt werden beide. Dem dürfte Genüge getan sein.

    29.08.1958 - 25.06.2009
    gone too soon

  • Zitat

    Original von Masetto
    Heutzutage kann dieser Konflikt unter den Anhängern des jeweiligen Komponisten höchstens noch mit einem Augenzwinkern füreinander geführt werden.


    Da bin mich mir ehrlich geschrieben nicht so ganz sicher... es gibt heute noch ebenso Verfechter der italienischen oder der französischen Oper... :rolleyes:


    Davon abgesehen - ich kenne weder Brahms noch Bruckner intensiv - fände ich Bruckner jetzt weitaus interessanter. Warum weiß ich allerdings auch [noch] nicht.


    :hello:


    Ulli

  • Wie gut dass wir uns (zumindest was dieses Thema betrifft) nicht entscheiden müssen und uns neben dem Schwarz-Weiß-Denken noch zahlreicher Grautöne erfreuen dürfen.

    Zitat

    irgendeinen "Zugang" zu diesem pathetischen Blech-Gedröhne zu finden.


    liebe Carola, dieses "Blechgedröne" find ich einfach nur genial :yes: :yes:
    aber wenn ich mich für die Insel entscheiden müsste so träfe die Wahl eindeutig auf Brahms.
    Das Thema, keinen Zugang zu Brahms zu finden hatten wir an anderer Stelle schon mal, ich kann als Einstieg nur die Klavierkonzerte, das Violinkonzert und das Doppelkonzert empfehlen.Bei Bruckner war es die 7. mit Karajan, die mich ergriffen hat. Aber ich mag auch nicht alle Sinfonien, manches ist mir auch zu langwierig.

    Günter

  • Hallo Carola,


    ich schließe mich Dir an, könnte es nicht besser formulieren.


    Ist in unserem Konzertabo Bruckner (auch bei Mahler mit seinen banalen Themen und Parodien) - oftmals als einziger Programmpunkt - schwänze ich mal gern oder lasse bei dem Klangbrei einfach meine Gedanken spazieren gehen, gehe sozusagen in Trance.
    Das ist dann wenigstrens auch ein Effekt, aber zuhören? Entweder bin ich zu ignorant, aber mir erschließt sich nicht die kleinste Idee.


    Brahms ist für mich - ich weiß, daß das so nicht stimmt - immer noch ein Klassiker, wenn auch in seiner Zeit schon ein bißchen anachronistisch.


    Lieben Gruß aus Bonn :untertauch:

    Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu

  • Brahms versus Bruckner - Für welchen entscheidet ihr euch?


    Hallo zusammen,


    Zitat


    original Masetto


    Brahms' Sinfonien haben bei mir überhaupt noch gar nicht "gezündet". Was ich auch versuchte, ich wandte mich stets alsbald anderen Sachen zu. Bruckners Sinfonien faszinierten mich von Anfang an.



    Das ist schon interessant zu lesen, denn bei mir ist es genau umgekehrt. Ich kann mit Bruckner absolut nicht warm werden, dafür haben mich aber die Brahms Sinfonien insbesondere die 2. sofort fasziniert.
    Somit stellt sich für mich die Qual der Entscheidungswahl nicht.


    Natürlich möchte ich nicht ausschließen, dass ich eventuell irgendwann auch mal einen Zugang zu den Werken von Bruckner finden werde, aber zur Zeit ist das nicht der Fall. Ich habe Einspielungen der 4,5, und 9 Sinfonie und ich fand sie langweilig.:untertauch:



    LG


    Maggie

  • Soll ich mal zitieren, was genau Brahms über Bruckners Musik geschrieben hat? Ich habe hier so ein nettes kleines Büchlein mit dem schönen Titel: Taktlosigkeiten - Komponisten als Kritiker liegen.


    Aber womöglich wäre das zu viel Öl ins Feuer?


    Mit Gruß von Carola

  • Liebe Carola,


    ich denke Alfred hat uns mit seinen vielen verschiedenen Fragen großen Spielraum hier gelassen.
    Deshalb sehe ich das Zitieren solcher Aussagen als kein Problem - im Gegenteil bin ich sehr daran interessiert, um mehr über diese Hintergründe zu erfahren :yes:


    Und wenn es eben die Diskussion anheizt...man muss den Brand nur im vernünftigen Rahmen halten ;)


    LG Maik

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Bitte sehr:


    "Da erfindet der Mensch, wie wenn er Schubert wäre. Und dann fällt ihm ein, daß er ein Wagnerianer ist - und alles ist dann beim Teufel.
    Bruckner ist ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben.
    Er ruiniert die Schüler des Wiener Konservatoriums.
    Bei Bruckner handelt es sich gar nicht um Werke, sondern um einen Schwindel, der in ein bis zwei Jahren tot und vergessen sein wird. Bruckners Werke unsterblich, oder vielleicht sogar Sinfonien? Es ist zum Lachen."


    Johannes Brahms, zitiert nach Claus Obalski: Taktlosigkeiten - Komponisten als Kritiker (ein sehr nettes, kleines Büchlein übrigens, voller Gemeinheiten plus entsprechenden Illustrationen)


    Mit Gruß von Carola

  • Hi , Alfred!


    Zitat


    Original von Alfred_Schmidt


    Brahms versus Bruckner - Für welchen entscheidet Ihr euch ?


    Für beide!


    Für mich persönlich sind beide Meilensteine der Musikgeschichte!


    :jubel:


    LG Florian


    :hello:

    Gustav Mahler: "Das Wichtigste in der Musik steht nicht in den Noten."

  • Zitat

    Original von Carola
    Um mal ein wenig polemisches Öl ins Feuer zu gießen: Vor einigen Monaten habe ich mich einige Zeit lang mit Bruckners Sinfonien beschäftigt, in der Hoffnung, irgendeinen "Zugang" zu diesem pathetischen Blech-Gedröhne zu finden. Das einzig Gute an dieser Erfahrung war, dass ich seitdem Brahms um so mehr schätze.


    Mit Gruß von Carola


    Ob ich ins Alcazar ein paar Bruckner CD's mitbringe?


    Ich finde diese Gegenüberstellung insofern merkwürdig, als hier verglichen wird, was nicht miteinander vergleichbar ist. Das gilt übrigens auch für den Vergleich Mahler-Brahms (wer schrieb da noch im Zusammenhang mit Mahler von banalen Themen?). Genausowenig, wie Mahlers Themen banal sind (durch die Komplexität einer Mahler-Sinfonie durchzusteigen ist freilichh anstrengend, wiewohl gewinnbringend) genausowenig lassen sich Bruckners Sinfonien auf Blechgedröhne reduzieren. Mit vergleichbarer Boshaftigkeit könnte ich Brahms als hedonistischen Ausbruch aus biedermeierlicher Behaglichkeit bezeichnen (woraus sich ablesen lässt, daß Brahms schätze).


    Mir ist unbehaglich, die beiden gegeneinader zu positionieren, persönliche Vorlieben kann ich sehr wohl formulieren: am Ende meiner Tage möchte ich von der Musik Bruckners abgeholt werden. Ich empfinde sie als ewig, als das Seiende. Genau dieses mystisch-metaphysische Element finde ich nur bei Bruckner. Respekt übrigens, wenn sich jemand über die in meine Ohren sperrige 5. an das Werk Bruckners herantastet. Wer es heiter mag. nehme die Nr. 3 oder 6, ansonsten empfehle ich die Nr. 4.


    Es gibt eine gewisse Verwandschaft zwischen Bruckner und Mahler: einzelne ihrer Sinfonien sind in einem Maße absolut, daß sie kein davor und danach ertragen und zulassen können. Bei Bruckner z.B. die Nr. 5 und 8, bei Mahler das meiste ohne die Kurzsinfonien 1 und 4. Den guten Papa Brahms kann man noch ganz gut in traditionelle Konzertprogramme einpassen.


    Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ich liebe sowohl die Musik von Brahms als auch die von Bruckner. Und weil das so ist, weigere ich mich, die beiden gegeneinander zu positionieren. Mein absoluter musiklischer Gott ist Anton Bruckner.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von Carola
    "Da erfindet der Mensch, wie wenn er Schubert wäre. Und dann fällt ihm ein, daß er ein Wagnerianer ist - und alles ist dann beim Teufel.
    Bruckner ist ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben.
    Er ruiniert die Schüler des Wiener Konservatoriums.
    Bei Bruckner handelt es sich gar nicht um Werke, sondern um einen Schwindel, der in ein bis zwei Jahren tot und vergessen sein wird. Bruckners Werke unsterblich, oder vielleicht sogar Sinfonien? Es ist zum Lachen."


    Mal abgesehen vom fehlenden Nachweis [Obalskis], ob dies tatsächlich aus Brahms Mund oder Feder stammt, hat sich Brahms da wohl ein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt?


    Aber solche Fehleinschätzungen aus dem Zeitgeschehen sind immer wieder interessant.


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Santoliquido
    Mir ist unbehaglich, die beiden gegeneinader zu positionieren, persönliche Vorlieben kann ich sehr wohl formulieren: am Ende meiner Tage möchte ich von der Musik Bruckners abgeholt werden. Ich empfinde sie als ewig, als das Seiende. Genau dieses mystisch-metaphysische Element finde ich nur bei Bruckner.

    :jubel:


    Wenn ich wunderschöne Musik hören will, dann Brahms.
    Wenn ich bei beklemmend schöner Musik eine Gänsehaut bekommen will, dann Bruckner.
    Wer das nicht fühlen kann verdient unser aller Mitleid.:baeh01:
    Einfach mal öfters hören könnte helfen, denn ernsthafte Versuche sind meist von Erfolg gekrönt.
    Das "Ich habs probiert, bekomme aber Kopfschmerzen, Haarwurzelkrämpfe, nervöse Hautausschläge, etc..." verwende ich auch immer als Ausrede, um mich mit einer Sache nicht mehr beschäftigen zu müssen. :stumm:


    Für mich ist Bruckner der Nachfolger Schuberts (und Schubert umgekehrt "Bruckner light" :stumm: ).
    Deshalb, auch wenn ich Brahms heiß liebe, geht meine Stimme an
    Bruckner.

  • Der Vergleich ist in der Tat nicht passend - hat aber historische Wurzeln. Es gab zu Lebzeiten der beiden Komponisten eine dokumentierte Rivalität.


    Freundliche Grüße aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Es gibt da auch noch diesen recht bekannten Scherenschnitt von damals, der vielleicht ganz gut zeigt, wie die Zeitgenossen von Bruckner und Brahms das Verhältnis der beiden sahen:




    Mit Gruß von Carola

  • Vor allem betont dieser Scherenschnitt die von den Zeitgenossen wahrgenommene Tapsigkeit des Meisters. Dazu passt dann auch die folgende Anekdote, die sich in Wien im Gasthaus "Roter Igel" zugetragen haben soll:


    Der Abend drohte recht peinlich zu werden. Brahms und Bruckner lasen jetzt beide die Speisekarte mit seltener Gründlichkeit durch, offensichtlich nur, um mit irgend etwas beschäftigt zu sein und nichts sagen zu brauchen. Als der Ober sich zu Brahms wandte, bestellte der: "Knödel und Gselchtes!" Das war das erlösende Wort, denn Bruckner sprang freudig bewegt auf und rief zu Brahms hinüber:"Sehn S´, Herr Doktor, dös is der Punkt, wo wir uns verstehn. Knödl und Gselchtes ess i a!"
    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    "Da erfindet der Mensch, wie wenn er Schubert wäre. Und dann fällt ihm ein, daß er ein Wagnerianer ist - und alles ist dann beim Teufel."


    Erschreckend, wie ahnungslos dieser Brahms war. Als ob Bruckners Wagner-Vorliebe seine Musik geprägt hätte.


    Nach Carolas Polemik fühle ich mich aber richtig gut - da kann ich nämlich auch einmal polemisch werden, was mir sonst, wie alle wissen, eher nicht liegt... :D


    Brahms größtes Verdienst ist, sich um Schumanns Witwe angenommen zu haben. Sein zweitgrößtes verdienst, dass er mit seiner Motiventwicklung Schönberg auf die Idee brachte, aus einer Zelle ein ganzes Werk generieren zu können. Wenn ich also daran denke, dass in letzter Konsequenz Brahms den "Moses und Aron" ermöglicht hat, war sein Komponieren doch nicht ganz für Hugo und Katz'.


    Übrigens hat Ben - wie so immer - recht: Äpfel und Birnen sollte man nicht vergleichen.


    Ich kann Birnen nicht ausstehen. Und dass Bruckner der Apfel ist, ist wohl klar. Bester oberösterreichischer Most-Apfel, selbstverständlich... :D


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von flotan
    Für mich ist Bruckner der Nachfolger Schuberts (und Schubert umgekehrt "Bruckner light" :stumm: )


    Was hat Schubert musikalisch jetzt genau mit Bruckner zu tun? X(


    Ich tue mir mit Bruckner sowie mit Brahms sehr schwer.
    Während ich bei Brahms schon einige Fortschritte mache (seine Werke gefallen mir aber nie wirklich zur Gänze), geht beim Anton überhaupt nichts weiter.


    Dieses Buch "Taktlosigkeiten" muss ich haben! :D


  • Lieber Edwin


    ich kann Deiner Polemik fachlich leider nichts entgegensetzen. Unabhängig davon entbehrt sie natürlich jeder sachlichen Grundlage. :D


    Zwei Dinge fallen mir noch ein zum Vergleich Brahms-Bruckner:


    Im von Renate Ulm herausgegebenen, bei Bärenreiter erschienenen Handbuch zu Bruckners Symphonien findet sich zu diesem Thema die Bemerkung, Brahms ein diskreter Komponist, Bruckner ein indiskreter (S. 146). Die darauf folgende kurze Begründung verstehe ich leider nicht. Aber vielleicht kann ja jemand hier etwas damit anfangen.


    Dann geht mir noch durch den Kopf (möglicherweise habe ich es auch irgendwo aufgeschnappt), ob die Vorliebe für Brahms oder Bruckner möglicherweise mit "norddeutsch/evangelisch= Brahms" und süddeutsch (oder gar österreichisch)/katholisch= Bruckner zu tun hat. Dies als ganz grobe Unterscheidung von Mentalität und Milieu.


    Was die Äpfel und Birnen angeht, die man nicht miteinander vergleichen kann: Als schlichte, aber passionierte Hörerin mache ich das ständig. Und zwar immer dann, wenn ich an meinen CDs entlang schaue und überlege, ob ich nun dies oder das auflege.


    Abgesehen davon ist Bruckner natürlich die Birne! :baeh01:


    Mit Gruß von Carola

  • Zitat

    Original von Hayate


    Was hat Schubert musikalisch jetzt genau mit Bruckner zu tun? X(


    Na hör Dir mal die Anfänge von Schuberts 9. und Bruckners 4. an. Oder den 2. Satz von Bruckners 4. und den von Schuberts Es-Dur-Trio. Mit Beethoven und Wagner ist Schubert gewiß der wichtigste Einfluß auf Bruckner.


    Zitat


    Ich tue mir mit Bruckner sowie mit Brahms sehr schwer.
    Während ich bei Brahms schon einige Fortschritte mache (seine Werke gefallen mir aber nie wirklich zur Gänze), geht beim Anton überhaupt nichts weiter.


    Ich selbst kann das wenigstens ansatzweise nachvollziehen, ebenso diejenigen, die Brahms etwas leichter zugänglich finden. Aber interessanterweise gibt es außer Masetto (und Holger Grintz) tatsächlich noch mehr Leute, denen es umgekehrt geht. Das finde ich äußerst erstaunlich.


    Noch erstaunlicher ist allerdings die Behauptung, man könne Äpfel nicht mit Birnen vergleichen (das geht doch völlig problemlos, beides sind sogar verwandte Obstsorten) oder zwei Komponisten, die Zeitgenossen aus demselben Kulturkreis waren. Bruckner mit Monteverdi zu vergleichen, ließe mich auch stutzen, aber warum nicht mit Brahms?


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Carola
    Dann geht mir noch durch den Kopf (möglicherweise habe ich es auch irgendwo aufgeschnappt), ob die Vorliebe für Brahms oder Bruckner möglicherweise mit "norddeutsch/evangelisch= Brahms" und süddeutsch (oder gar österreichisch)/katholisch= Bruckner zu tun hat. Dies als ganz grobe Unterscheidung von Mentalität und Milieu.


    Das überzeugt! Gut, daß ich westdeutsch/katholisch bin mit wallonischem Einschlag - so könnte ich (mit einer natürlichen leichten Tendenz zu Bruckner) eigentlich beide mögen können. Das gelingt mir bisher aber nur mit Einschränkungen. Während ich Brahms Musik wirklich liebe, stehe ich vor Bruckners Klangbauten zumeist immer noch in verständnisloser Bewunderung (Ausnahmen bilden - wohl symptomatischerweise - die ungezählten Symphonien, die erste und [das ist dann schon weniger symptomatisch] inzwischen auch die 3.) . Ich sahe allerdings überhaupt keinen Antagonismus zwischen den beiden - bzw. keinen kausalen Zusammenhang zwischen meinem Zugang zu Brahms und meinem (weitgehenden) Unverständnis gegenüber Bruckner. Das hat sicherlich ganz einfach erheblich mit Hörsozialisation zu tun. Zu Bruckner bin ich erst relativ spät vorgedrungen (lange nach Mahler oder Schostakowitsch oder der »Moderne«) - und insgesamt hat mich seine Musik weitestgehend kalt gelassen, oftmals empfinde ich sie als langatmig und zudem auch als langweilig. Das heißt - wie schon gesagt - nicht, daß mich die Symphonien oder das »Te Deum« nicht etwa beindrucken würden - sie sind mir einfach fremd geblieben.


    Nun, das ist sicherlich keine besonders sachliche Einschätzung - ich wüßte allerdings schlicht auch keine sachlichen Argumente, die einen solchen Eindruck überhaupt untermauern könnten.


    Ganz herzlich,
    Medard