ZitatOriginal von Rosenkavalier
[quote]Original von Thomas Pape
Und das Te Deum erscheint zumindest mir genau das zu treffen, was F.Q. mit "Ausufern" und "Ladehemmung" meint. Die ständigen Wechsel zwischen extrem leisen und extrem lauten Passagen sind mir entschieden zu anstrengend.
LG
Rosenkavalier
Nähern wir uns hier vielleicht dem alten Disput an? Um es vorwegzuschicken: Ich liebe Brahms und Bruckner. Bruckner freilich schwebt mir über den Dingen, ist mir gleichsam das Jahwe der Musik. Das ist nun sehr subjektiv und ich will niemanden in dieser Hinsicht missionieren. Ein Erlebnis möchte ich aber dennoch erwähnen: Im Herbst 1991 war ich beruflich in Lugano, genauer: Caslano. An einem freien Abend -es war Herbst- hatte ich mir in den Kopf gesetzt, in einem kleine Lokal auf dem Monte Bre zu essen, eine Schnapsidee.
Im Auto hatte ich eine Cassette, die mit einer Beethovensonate begann, auf die dann das "Te Deum" folgte. Danach die letze große Schubert-Sonate D 960, meine damalige musikalische Notration, die immer zur Hand war.
Ich fuhr in Caslano ab -zu den Klängen von Beethoven- es war Herbst, es dunkelte früh zur Nacht und ich fuhr mit meinem Auto auf den Monte Bre. Und es nebelte in einem Maße, daß es lediglich meinem damalig jugendlichen Dickschädel geschuldet war, das einmal Vorgenommene duchzuführen. In dichtestem Nebel einen unbekannten Berg auf schmalem verwundenem Wege hinauf und da hineintönend "Te Deum laudamus...." , während zur Linken wie zur Rechten nichts zu sehen war als weißer Nebel, das war schlichweg erhbend.
Im Te Deum sind Fülle und Stille komponiert, das ist das Faszinierende daran. "Salvum fac populum tuum..." dieses Tenor-Solo, untermalt von diffusem Streicherraunen und aufgehellt durch eine Violine, die an Regers Vertonung von Böcklins geigendem Eremiten gemahnt, das ist Stille, das ist Andacht, die neben der Wucht des Chores, der zuvor "Te Deum laudamus" sang um so deutlicher auffällt.
Es war wirklich ein Zufall, daß ich an dem avisierten Lokal ankam, als das Te Deum meiner Cassette gerade endete. Man kommt normalerweise schneller auf den Berg. Das Te Deum war bis hierher allerdings nicht nur gehört, es war erlebt. Das ist nun ein sehr persönliches Erleben dieses Werkes. Man bedenke: Bruckner schrieb es zur Aufführung in einer Kirche und gehört wurde es von einer Musiccassette in einem Auto während einer riskanten Nebelfahrt.
Wir könnten hier nun einen neuen Thread eröffnen: Musikrezeption im Zeichen permanenter Verfügbarkeit eines jeden Werkes durch moderne Reproduktionsmedien (haben wir auch Soziologen unter uns Taminos?).
Nur als Anregung: an einem verregneten Herbsttag auf dem Sofa zu liegen, nach einem Buch von Stifter zu greifen -"Bergkristall" würde schon mal ganz gut passen- und dazu Bruckners 5.-......oder die Nr.4.
Freilich, der gute Brahms. Er ist nicht so sperrig, nicht so jenseitig. Er ist näher bei uns Menschen als Bruckner, können wir uns darauf einigen?
In meiner Kindheit -lange, sehr lange bevor es Handys gab- war es üblich, daß man nach erledigten Schulaufgaben aus dem Hause ging, um mit anderen Kindern zu spielen. Man schellte einfach bei den Familien, wo Altersgenossen wohnten und die Kameraden kamen. So war das! Aus heutiger Sicht: den Brahms hätten wir zum Spiel geholt, den Bruckner wohl eher nicht.
Und doch: kann man diese beiden miteinder vergleichen oder gar gegeneinader ausspielen? Ich denke nein. Im Gegenteil: Ich erachte es als ein Wunder oder als Offenbarung, daß diese beiden zur selben Zeit so grundsätzlich Unterschiedliches geschaffen haben.
Ich bekenne mich gerne dazu, Jünger Bruckners zu sein, liebe gleichzeitig vieles von dem, was Brahms geschaffen hat. Die beiden sind mir keine Gegensätze. Wenngleich....also, mein persönlicher Liebling, müsste ich mich denn entscheiden, schon der Tonerl aus Ansfelden, also der mit der vollendet unvollendeten 9., also ja, das ist schon der Bruckner. Aber das ließ sich auch zuvor schon nachlesen, oder?
Liebe Grüße vom Thomas ![]()

