Was mich an Antonio Vivaldi fasziniert ............

  • Hallo!


    Ich mach dann auch mal mit bei diesen "Was fasziniert mich an..."-threads.


    Vivaldi schätze ich wegen der eingängigen Melodik und dem freundlichen Charme seiner Musik. Ich halte ihn nicht für ein Genie erster Loge-Ordnung, aber seine Musik strahlt durchweg etwas angenehm Positives aus (IMO mehr als z.B. bei Albinoni, Corelli etc.). Dafür lohnt sich bereits das Hören, wenn ich in der entsprechenden Stimmung bin.
    Neben den vielen Konzerten, Opern (da kenne ich allerdings noch keine) und geistlicher Musik hat er übrigens auch Kammermusik komponiert:
    Die Oboensonaten seien exemplarisch genannt - sehr schön! :yes:



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Ich finde immer wieder interessant, daß, wenn jemand "eingängige Themen" komponiert hat ihm a priori die "Genialität" abgesprochen wird.
    Aus meiner Sicht ist es sicher nicht genialer Musik zu schreiben, welche erst nach einem 26 stündigen Einführungsseminar nebst einigen Flaschen ausgesuchten Weines einigermaßen genießbar wird - und auch das nur mir Einschränkungen, als jene fröhlichen Werke zu schaffen die Vivaldi nun mal ausmachen.


    Aber ich habe keinen Grund zur Klage - Vivaldi ist seit nunmehr einem Vierteljahrhundert permanent auf dem Vormarsch - und das sowohl im konzertanten, kirchenmusikalischen und Opernbereich.


    Meine Lieblingswerke - neben den vier Jahreszeiten - sind übrigens die Mandolinenkonzerte.........


    mfg aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Nunja, ich würde sagen, ein Genie sollte sowohl eingängige Themen komponieren als auch in anderen Dingen, die gute Musik ausmacht, seine musikalische Genialität zeigen können.


    Wenn jemand melodisch einfallslos war (z. B. später Strauss bis auf wenige Ausnahmen), spricht man ihm ja auch oftmals die Genialität ab!

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Nunja, ich würde sagen, ein Genie sollte sowohl eingängige Themen komponieren als auch in anderen Dingen, die gute Musik ausmacht, seine musikalische Genialität zeigen können.


    Stimmte das, wären Palestrina, Schütz, aber auch Varese keine Genies, denn diese interessierten sich nicht oder bzw. kaum für "eingängige Melodien"!


    Will sagen, sämtliche Musik des "modalen Zeitalters" (bis ca. 1600) aber auch wesentliches, das NACH 1945 komponiert wurde, fiele gemäß dieser etwas platten Theorie gnadenlos durch den Rost.


    Und was bitte sind die "anderen Dinge", die gute Musik ausmachen ? Das Talent, sich an den jeweils herrschenden Zeitgeist nahtlos anzupassen ? Wär es wirklich an dem, wären LLoyd Webber und Co. die grössten Komponisten aller Zeiten.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Ja, natürlich muss man wie beim allem dann auch wieder differenzieren.


    Wenn ein Komponist in einem bestimmten "Stil" schreibt, sollte er die Dinge, der der Stil erfordert, im besten falle meisterhaft beherrschen. Und in (spät-)barocker (Vivaldi) und spätromantischer (Strauss) Musik gehört zu diesen Dingen eben auch das thematische Material, überlicherweise in Form von "Melodien".
    Andere Dinge neben melodischem Einfallsreichtum, du weißt selbst was ich meine, natürlich immer in Bezug auf eine bestimmte Epoche. Also z. B. Kontrapunktik, Orchestrierung und tausende weitere Sachen (es ging mir ja jetzt nur prinzipiell darum, dass jemand genauso wenig zum Genie wird, wenn ihm "nur" Melodien einfallen, wie wenn ihm nichts einfällt (in Bezug auf einen Stil, der von Melodik oder sagen wir horizontaler Stimmführung geprägt ist. Deswegen wollte ich auch nicht weiter ins Detail gehen.)

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

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  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich finde immer wieder interessant, daß, wenn jemand "eingängige Themen" komponiert hat ihm a priori die "Genialität" abgesprochen wird.


    Auch ich möchte Alfreds Aufruf zum OT Folge leisten.
    Mir ist nämlich schon lange nicht mehr klar, was eine eingängige Melodie sein soll.
    Insbesondere bei Vivaldi. Lassen wir mal die Jahreszeiten weg, deren Motive man auswendig kann, weil man sie in der Kindheit 100000x gehört hat:
    Was von ihm kann ich pfeifen?
    Wie oft müßte ich es hören, OHNE es bewußt auswendig zu lernen, um es auswendig zu können?


    Ob Loge a priori Vivaldi Genialität abspricht, können wir freilich heute nur noch mutmaßen.

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ja hier gibt es schon die erste Frage: Gibt es überhaupt jemanden, den Vivaldi "fasziniert" ? (Ich fpr mein Teil würde die Frage eindeutig mit JA benatworten)


    Liebe Leser von Tamino,


    ja, ich finde Vivaldi faszinierend. Ums gleich vorneweg zu sagen: Faszination übt nur die Sache aus, mit der ich mich auseinander setze. Denn reden kann man ja nur über das, was man kennt. Aber ich verstehe auch diejenigen die außer den Jahrezeiten kaum was finden was man "auswendig Pfeifen" kann (mir geht es bei anderen Komponisten genauso). Meine Empfehlung, schlicht und einfach: Beschäftigung mit Vivaldi!
    Was mich an Vivaldi fasziniert ist die Vielfalt seiner Werke. Man bedenke die Tatsache, dass er für fast jedes Instrument komponiert hat. Ein Verdienst, den absolut nicht jeder Konponist für sich verbuchen kann.
    Dass Vivaldi Vielschreiber war und sich oftmals selbst zitierte, darf einen nicht verwundern. Sein Vertrag mit dem Ospedale della Pieta verpflichtete ihn zur Ablieferung eines neuen Werkes pro Woche. 30 Jahre Ospeadale (wenn auch Unterbrechungen da waren) liefern da eine Menge Stoff.


    Zur Übersicht stelle ich (ungekürzt) einen älteren Text von mir ein (entstanden für ein Musikseminar):


    Wichtige Werke: Vivaldis Werk, das erst 1926 durch einen bedeutenden Handschriftenfund erschlossen wurde, umfasst ca. 450 Solokonzerte mit ein , zwei oder mehr Soloinstrumenten, ca. 90 Sonaten und Trios, 90 Opern (nicht alle erhalten), ca. 60 Sinfonien und Orchesterkonzerte (ohne Soloinstrument) sowie zahlreiche geistliche und weltliche Vokalwerke, darunter das Oratorium Juditha triumphans (1716), Messesätze und Motetten. Zu seinen bekanntesten Werken zählen u. a. die Opern Orlando furioso (1727), Griselda (1735) und Catone in Utica (1737) sowie die zwölf Triosonaten op. 1 (1705), die zwölf Violinsonaten op. 2 (1709), die zwölf Konzerte L’Estro armonico op. 3 (1711), die zwölf Violinkonzerte La stravaganza op. 4 (um 1714), die zwölf Violinkonzerte Il cimento dell’armonia e dell’inventione op. 8 (1725; darunter die berühmten Vier Jahreszeiten) und die zwölf Violinkonzerte La cetra op. 9 (1727). Charakteristisch für alle Kompositionen ist die Dreisätzigkeit, ferner eine farbenreiche Instrumentation mit effektgeladener Melodik und Rhythmik. Die Mittelsätze sind hingegen oft in langsamen Tempi gehalten. Vivaldis Instrumentalwerke hatten nicht nur großen Einfluss auf seine italienischen Zeitgenossen, sondern auch auf das Musikschaffen in Deutschland: Sein, etwas jüngerer, Zeitgenosse Johann Sebastian Bach studierte intensiv viele der Werke Vivaldis. Einige der Violinkonzerte und Sonaten Vivaldis existieren als Transkriptionen von Bach, meist für Cembalo. So hat Bach manches Solokonzert. von Vivaldi bearbeitet, uminstrumentiert.
    ----
    Eine genaue Übersicht über die Werke von Vivaldi bietet das handliche Buch von Michael Stegemann über A. V. (erschienen als rororo-Monografie). Der Titel ist noch lieferbar, Preis ca. 7,50 €.


    Herzliche Grüße aus Norwegen


    Stefan.M

    Stefan

  • Meine erste musikalische Bekannstschaft mit Vivaldi waren seine "Die vier Jahreszeiten"!
    Beim ersten Hören war ich total fasziniert, wie der Wandel der Jahreszeiten musikalisch so unverkennbar - frühlingshaft, sommerlich, herbstlich und winterlich - einzigartig erklangen. :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: Auch heute höre ich immer wieder gern dieses Werk.
    Allerdings habe ich mich mit weiteren Kompositionen von ihm bisher noch nicht beschäftigt, doch das werde ich demnächst unbedingt nachholen.


    Mit lieben Grüßen,


    diotima. :hello: :hello: :hello:

  • Hallo zusammen,


    Vivaldi ist einer meiner Lieblingskomponisten, wobei ich die Jahreszeiten sehr selten höre: Sie sind mir schon zu abgenudelt. Von der Ausdruckskraft her mag ich, dass er fröhliche und energische Musik genauso wie verhaltene und melancholische komponieren konnte. Ansonsten ist er, wie schon Stefan M. schrieb, unglaublich vielseitig gewesen. Ob Orchester- oder Vokalwerke: Er bietet die ganze Palette. Mir leigen besonders seine Violin und Bläserkonzerte, aber auch vieles andere ist zum Entzücken.
    Mein Lieblingsstück ist RV 552: "Per eco in lontano" für zwei Violinen und Orchester. Die zweite Geige spielt aus dem "Off", also hinter der Bühne und das gibt einen solch ergreifenden Echo-Effekt, dass es einem fast die Tränen in die Augen treiben kann. Wunderbar ist die Aufnahme mit Europa Galante und Fabio Biondi!



    Grüße


    tukan

  • Hallo tukan,
    vielen lieben Dank für den Hinweis auf Dein Lieblingsstück von Vivaldi; ich habe zwar nur reingeschnipselt, aber allein das ist schon so faszinierend schön, ich bin begeistert! :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:



    Mit lieben Grüßen,


    diotima.

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  • Hallo diotima,


    da freue ich mich! Ich fiebere dem Augenblick entgegen, an dem ich dieses Stück mal live erleben kann.


    Grüße


    tukan

  • Hallo an alle die mit Vivaldi können oder eben (noch) nicht.


    Wie man weiß, hat Vivaldi ziemlich viele Werke unterschiedlichster Gattung geschrieben und es ist wohl ziemlich schwer einen gewissen Überblick zu haben, aber - ICH habe bisher kaum langweilige Musik dieses Komponisten gehört, aber ziemlich oft schlecht interpretierte.


    Wer z. B. die Jahreszeiten nicht mehr hören kann, sollte es vielleicht einmal mit der Einspielung von Il Giardino Armonico unter Direktion von Giovanni Antonini aus dem Jahre 1994 probieren - das könnte für einige zu einem Erweckungserlebnis werden und sie möglicherweise zu Vivaldi-Freunden (und Armonico-Fans) werden lassen. Unfassbar wie ausdrucksvoll diese "alte" Musik klingt, wenn man sie lässt.


    Außerdem empfehle ich die, hier anscheinend noch nicht genannten, Cello-Konzerte (leider liegt meine Aufnahme in der Steiermark und ich kann deshalb derzeit keine Angabe zu den Interpreten machen), da die zu einem nicht unwesentlichen Teil ziemlich verschieden sind von den allzu bekannten Werken für Violine. Ebenso kann ich nur schwärmen für Vivaldi geistlich - gerade eben hörte ich "Lauda Jerusalem", in einer bestimmt nicht herausragenden, aber durchaus akzeptablen Interpretation vom Ensemble Vocal et Instrumental de Lausanne unter Michel Corboz (Erato), und da es so begeisternde Musik ist, mußte ich es gleich nocheinmal hören und da gibt es einige dieser Perlen.


    Stefan.M gebe ich vollkommen recht - man soll sich mit Vivaldi beschäftigen und nicht allzuschnell aufgeben, da es wahrscheinlich durchaus mehr unzufriedenstellende Aufnahmen/Interpretationen von seiner Musik gibt, die sie schnell gleichförmig/langweilig erscheinen lassen, als gelungene oder gar hervorragende wie die oben genannte.
    Nur Mut - man darf sich bereichern . . . .


    Liebe Grüße,


    BFB

  • Hallo,
    gestern habe ich mir diese CD mit meinen Vivaldi-Lieblingsinterpreten gegönnt:






    Selten gespielte Konzerte für zwei Violinen, keine Doppelungen mit L'estro armonico.


    Da sind wieder einige schöne Perlen dabei, auch in den langsamen Sätzen, die viele an Vivaldi ja nicht so schätzen. Mullova und Carmignola umgarnen sich mit ihren Violinen auf ganz wunderbare Weise. Sehr empfehlenswert!


    Grüße


    tukan

  • Nun ist es wieder rund zwei Jahre her, daß der letzte Eintrag zu diesem Thread geschrieben wurde.
    Und dennoch ist hier Continuität möglich. Genau dort wo tukan nämlich geendet hat möchte ich weiterfahren - Bei Giulio Carmignola als Solisten und dem Dirigenten Andrea Marcon und seinem Venice Baroque Orchestra.
    Ich hab diese Interpretenkombination schon weiter oben - vor einigen Jahren also - positiv erwähnt.
    Heute möchte ich - aus der Distanz der Zeit - diese positive Beurteilung meinerseits - nachdrücklich unterstreichen.
    Man möchte gar nicht vrmuten wie interpretationsabhängig Vivaldis Konzerte eigentlich sind.
    Wurden sie in meiner Jugend - und vermutlich auch davor - relativ "neutral" aufgeführt - vermutlich weil man mit ihnen interpretatorisch nicht viel anfangen konnte, bzw sie für seichte Allerweltskost hielt (manche tun das heute noch), so gab es mit dem Einzug der HIPs und artverwandten Interpretationen - aud
    f Tonträger bestens dokumentiert - einen Trend zum "wilden" oder "temperamentvollen", "feurigen" oder "aggressiven" (Il Giardino Armonico) Vivaldi, welcher sich von den etwas akademisch blutleer (?) anmutenden Aufnahmen der Vergangenheit merklich ahob. An allen Ecken brodelte die spritzige Musik - die Welt war begeistert .
    Und ich auch. Vivaldi war gewissermaßen aus seinem Dornröschenschlaf erweckt worden - und die alten Aufnahmen sahen plötzlich wirklich "alt " aus



    Mit den Aufnahmen von Carmignola und dem Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon trat erneut eine neue Vivaldi-Epoch in Kraft. Bei aller Fröhlichkeit und Lebensfreude ist hier ein zwischendurch stets dominierender Melancholischer Unterton unüberhörbar, der den Werken gelegentlich eine tiefe verleihen, die sie angeblich gar nicht haben.


    Ich gestehe, daß ich diesen Aspekt beim Ersthören dieser Aufnahmen zwar nicht völlig überhört habe - aber in ihrem vollen Umfang wurden sie mir erst viel später bewusst....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU