Der Bel Canto ist wohl einer der schwammigsten, unklarsten Begriffe im modernen Diskurs über Oper und Gesang. Das liegt zunächst daran, daß gänzlich unklar zu sein scheint, auf welche Kategorie sich der Begriff überhaupt bezieht: Meint er eine Ausführungsmethode (also eine Gesangstechnik), meint er ein Klangideal (also ein ästhetisches Kriterium) oder meint er einen bestimmten Kompositionsstil (also etwas, was mit dem Sänger an sich gar nichts zu tun hat)? Der Eintrag im Brockhaus-Musikband (2001:77) ist ein gutes Beispiel für diese Art von Kategorienverwirrung:
"Belcanto - Bezeichnung für den v.a. in Italien gepflegten virtuosen Gesangsstil des 17.-19. Jahrhunderts, bei dem Wert auf vollkommene Tongebung, Klangschönheit und Ausgeglichenheit der Stimme gelegt wurde. [...] Im 19. Jh. verband sich der Belcantostil in den Partien der italienischen Oper zusehends mit dramatischen Akzenten (Donizetti, Bellini und besonders Verdi). Wagner stellte dem Belcanto mit dem dramatischen Sprechgesang ein neues Gesangsideal entgegen."
Dieser Eintrag vermittelt nicht nur ein sehr unklares Bild des Begriffes sondern enthält darüber hinaus typische Fehler, die bei der Begriffsdefinierung des Belcanto immer wieder auftauchen. Man vergleiche Schmierers (et al.) Operngeschichte (1999:54):
"Belcanto: lyrischer, dabei virtuoser und besonders die Tonschönheit kultivierender Gesangsstil, der auch den improvisierten Zusatz von Ornamenten verlangt; dominiert in der italienischen Oper des 17. und 18. Jahrhunderts."
Bei Wikipedia wird es noch unübersichtlicher:
"Jürgen Kesting definiert Belcanto als '...(Gesangs)stil, der einer bestimmten Technik bedarf oder als Technik für einen Stil'. Der Begriff Belcanto wird oft fälschlicherweise auf Sänger angewendet, die bloß über eine schöne Stimme und eine klassische Gesangstechnik verfügen, ohne dass sie Werke der Belcanto-Epoche oder im Belcanto-Stil singen."
Diesen Beiträgen wäre folgendes entgegenzusetzen:
1. Bel Canto ist ein Begriff, der (wie oben behauptet) im 18. oder gar im 17. Jahrhundert noch überhaupt gar nicht existierte.
2. Bel Canto ist ein Begriff, der um 1850 zum ersten Male auftauchte (Pleasants 1966:19) - um das cantabile der italienischen Oper gegenüber dem Wagnerschen Sprechgesang abzugrenzen.
3. Bel Canto ist also ein Begriff, der tatsächlich zwei Kategorien zu bedienen scheint: nämlich die Tradition der als schön empfundenen italienischen Opernkomposition bis 1850 und die Art, diese zu singen - nämlich "schön" im Gegensatz zum "häßlichen" Sprechgesang.
4. Der Begriff bezieht sich somit auf das cantabile der italienischen Oper (kompositionstechnisch und ästhetisch) und den Gesangsstil (ästhetisch) um 1850 - er bezieht sich nicht (wie oben gesagt) auf ästhetische Merkmale des Gesangs im 17. Jahrhunderts.
5. Belcanto ist daher ein kompositionstechnisch weiter Begriff, gesangsästhetisch ein sehr eng umrissener. Belcanto ist im ursprünglichsten Sinne das cantabile der italienischen Oper und der Klang der Sänger von 1850.
6. Darüber, wie um 1850 gesungen wurde, kann man nur Vermutungen anstellen. Es gibt keine Tondokumente des Belcanto. Als um 1900 die ersten Schallaufzeichnungen von Opernsängern gemacht wurden, waren die "echten" Belcantosänger längst über ihren Zenit hinaus, und die Tonqualität der Aufnahmen lassen nur ein Ahnen des eigentlichen Klanges zu. Äußerungen über den Klang von 1600 und 1700 zu machen (s.o.) ist absurd. Jeder, der sich mit Gesangsgeschichte befaßt, weiß, wie sehr sich der Gesang allein in den letzten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts verändert hat.
7. Die oben in den Artikeln genannten Merkmale des Bel Canto treffen auf Sänger, die als "letzte Vertreter des Bel Canto" gelten, oft nicht zu. Fernando de Lucia verfügte über eine durchaus biegsame und virtuose Stimme, aber nicht über ausgeglichene Register. Brust- und Kopfstimme klafften eklatant auseinander, was für den Bel Canto durchaus charakteristisch war (s.u.). Sein Vibrato würde man heute als "Ziegenstimme" verunglimpfen.
8. Die obern genannten Merkmale für Belcanto treffen auf Sänger der Caruso-Schule zu, die aber kein Bel Canto mehr ist. Erst mit Caruso setzte sich die Schule der voll klingenden, ausgeglichenen zwei Oktaven mit starker Einbindung der Bruststimme durch.
9. Die voll klingenden zwei Oktaven schien der Bel Canto nicht gekannt zu haben. Erst mit den als Ausnahmeerscheinungen gehandelten Duprez, Tamberlik und Nourrit hatte diese Technik Einzug gehalten,was Rossini beklagte, denn es geschah auf Kosten der Geläufigkeit und Biegsamkeit der Stimme. Durch das Medium Schallplatte setzte Caruso diesen Stil als neuen Standard. Rossini mochte keine Tenöre, die (wie es Caruso machte) hohe Töne mit der Bruststimme sangen.
Noch 1820 erregte der Tenor Donzelli großes Aufsehen, weil er ein hohes A (sic) "mit voller Bruststimme" sang! (Pleasants 1966:160).
10. Von Garcìa sind Registerdefinitionen überliefert. Laut Garcìa sollte ein Tenor überhalb des E über Mitte C mit der Kopfstimme singen. Laut Duprez sollte ein Tenor erst ab dem hohen C die Kopfstimme bemühen. (beide cf. Maragliano Mori 1993:86).
Fazit:
1. Bel Canto kann die Tradition und Ästhetik der italienischen Oper von dem Einfluß Wagners bedeuten.
2. Bel Canto kann gesangsästhetisch den Stil um 1850 bedeuten.
3. Bel Canto wird häufig als Etikette für Sänger benutzt, die mit Bel Canto nichts zu tun haben (Caruso und post-Caruso) - auch wenn sie Bel Canto-Repertoire singen.
4. Heute scheint deshalb Bel Canto ganz einfach "als schön empfundener Gesang" zu bedeuten, ganz ohne historischen Bezug.
![]()
M.
